GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zrhrzang M8 Zreitag, den q.März Nummer 18 Herz Im HW ^oman von -Hans-Äaspar von Zobeltib Sopyrlght by deutsche Berlags-Anstalt, Ofiiftnnrt 4. Fortsetzung. II. Hilde Stürmer bringt Bernd Wallnitz zur Bahn. Er hat vierzehn Tage Urlaub und will sie natürlich bei den Eltern in Dapper verleoeu. Die Herbstmanöver sino vorüber, die Alten Leute wurden entlassen? da ist Ruhe beim Regiment, bis die Rekruten eintresfen. Wallnitz ist seit einem Jahr Adjutant des ersten Bataillons, trägt im Dienst mit Stolz die breite Adjutantenschärpe von der rechten Schulter zur linken Hüfte quer über Brust und Rücken und läßt, wenn er die Hacken zusammenschlägt, die Sporen klingen. So etwas macht Freude, wenn man sechsundzwanzig zählt. Er haust nicht mehr in der engen Kasernenbude, sondern hat mit seinem Freunde Heidenberg zusammen eine Bierzimmer- wohnung in der Wöhtertstraße gemietet. Auch Heidenberg kann mit den Sporen klingeln, er ist zu der neu aufgestellten Maschinengewehr-Kompanie versetzt worden und daher beritten. Hilde Störmer ist ein zweiundzwanzigjähriges Mädel und von Beruf Schneiderin. Sie ist sehr geschickt, hat viel Geschmack und weih in jeder Beziehung genau, was sie will. Sie hat sich schon mit zwanzig selbständig gemacht, besitzt in der Goltzstraße am Rande des Berliner Westens ein kleines eigenes Heim, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, das gleichzeitig ihre Werkstatt ist, und Küche und Bad. Alle Räume blitzen vor Sauberkeit wie das ganze blonde, frische Mädel. Hildes Kundin'.en setzen sich aus den Frauen kleiner Beamter und kleiner Kaufleute der Gegend zusammen, Frauen, die sich gern geschmackvoll und billig anziehen wollen, aber entweder kein Geschick oder keine Zeit haben, selbst zu schneidern. Der Kundinnenkreis wächst ständig durch Empfehlung von Mund zu Mund. Hilde und Bernd haben sich am Morgen des letzten Pfingstsonntags im Zoologischen Garten kennengelernt. Das Frühkonzert beginnt dort !chon um sechs Uhr und ist ein Volksfest. Bernd fragte, da all» Tische bei dem herrlichen Wetter besetzt waren, ob er neben Hilde Platz nehmen bürfe. Sie sah ihn einen Augenblick prüfend an, dann nickte sie. So sind sie den Pfingstsonntag zusammengeblieben, sind nach Potsdam gefahren, haben in der Meierei am Havelufer zu Mittag gegessen, haben sich von einem Dampfer über den Wannsee setzen lassen und zum Abendbrot ein Glas Erdbeerbowle im Kaiserpavillon getrunken. Dann hat Bernd Hilde bis in die Goltzstraße gebracht und ist mit in ihren kleinen Schmuckkasten hinaufgegangen. Sie hat sich nicht geziert: es war etwas ganz Selbst- oerständliches und Einfaches: Bernd hatte ihr gefallen. Seit diesem Pfingsttag gehören sie zueinander: sie treffen sich in der Woche ein- oder zweimal, um schlicht in irgendeinem Bräu zu essen, oder sie fahren nach Halensee oder Südende, um zu tanzen; manchmal bummeln sie auch einen »anzen Sonntag zusammen, sie segeln auf der Oberspree oder wandern in der Märkischen Schweiz. Wenn Bernd Potsdam verschlägt, winkt Hilde geschickt ab, sie weiß, daß er dort Bekannte treffen könnte, und das will sie seinetwegen vermelden. Sie hat Bernd aufrichtig liebgewonnen, aber sie macht sich keine 'ätschen Hoffnungen, daß alles in ein oder zwei Jahren, wenn er eines Tages ans Heiraten denken wird, aus fein wird: sie weiß auch, daß er sie nicht so liebt wie sie ihn und daß seine Gedanken oft ganz andere Wege gehen. Sie läßt sich gern von ihm von den großen Bällen und Gesellschaften erzählen, die er mitmachte oder die er im kommenden Winter mitmachen wird, er muß ihr dann auch von den Kleidern der tarnen berichten, und sie zieht ihre Vorteile für ihren Kundenkreis dar- «us. Von ihrem Beruf spricht sie selten zu ihm, aber sie bringt sich eine Näharbeit mit, wenn sie zu ihm kommt; dann kann sie stundenlang still neben seinem Schreibtisch sitzen und sticheln, während er arbeitet und büffelt, den er bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung zur Kriegsakademie vor. Sie fragt ihn auch Geschichtszahlen und französische Vokabeln ab vnd sieht ihm sogar über die Schultern, wenn er mit roter und blauer vbwaschbarer Tusche taktische Ausgaben aus der Karte löst. Es ist eine saubere, klare Angelegenheit zwischen diesen beiden Men- shen, bei der keiner zu kurz kommt und unter der keiner leidet. Er nennt sie „Hille", und sie hört das gern Hilde hat Bernd heute morgen geholfen, den Rest seiner Urlaubs- sschen in den kleinen Koffer zu legen; das heißt: sie hat alles noch einmal ausgepackt und von neuem fraulich und sorgfältig eingeordnet. Als sir auf dem Bahnsteig stehen, sagt sie: „Bleib mir treu, Bernd, verlieb dich nicht in eine andere, und Weidmanns Heil!" Sie weiß, er will in Dapper Rebhühner schießen. Der Zug rollt, vom Bahnhof Zoo kommend, ein; sie hebt sich auf die Zehenspitzen, legt ihre Arme um Bernds Hals und gibt ihm einen Abschiedskuß. Sie ist bisher tapfer gewesen, nun ist doch eine Träne da, denn es fällt ihr schwer, daß sie ihren „Jungen", wie sie gern sagt, vierzehn Tage nicht sehen soll. In dem Augenblick dröhnt eine Stimme aus einem Abteil zweiter Klasse: „Wallnitz — Wallnitz!" Es ist der dicke Schmersow aus Mergen- thin, Nachbar vom väterlichen Dapper. Bernd tut, als ob er den Anruf überhöre, und zieht Hilde mit sich nach dem hinteren Ende des Zuges, aber schon ist Schmersow aus dem Wagen geklettert und neben ihm. Er legt ihm die Rechte auf die Schulder. „Nee, nee, Wallnitz, drücken gibt'? nicht. Wir fahren zusammen." — „Ich fahre Dritter, Herr von Schmer- sow!" — „Das lassen Sie man meine Sorge sein. Den Taler zahl' ich dem Schaffner nach, das Recht, den Filius mal mitzunehmen, müssen Sie einem alten Freund vorn Dapperscheu schon zubilligen. Ich bin ,roh, wenn ich Reisegesellschaft habe." Er wendet sich Hilde zu. „’n Tag, Fräuleinchen. Na, geben Sie mir ruhig 'ne Patschhand, Sie brauchen sich nicht zu genieren, der olle Schmersow beißt nicht." Er hält ihr seine mächtige Pranke hin, in der ihre kleine Hand ganz verschwindet. Sie wird über und über rot. Der Zugführer ruft: „Einsteigen!" Sie müssen sich beeilen, um an Schmersows Abteil zu kommen. Hilde läuft hinter den beiden Männern her. „Gebt euch noch schnell 'nen Kuß, Kinder", sagt der Mergenthiner, „ich wuchte den Soffer schon rein." Die beiden Jungen stehen einen Augenblick unschlüssig, dann liegen sie sich doch in den Armen. Bernd steigt hastig ein, und der Beamte schlägt die Tür zu. „Fenster runter und winken!" befiehlt Schmersow und lacht. Bernd gehorcht, er sieht noch Hildes Taschentuch flattern, dann rollt der Zug um die Ecke. Schmersow sitzt, als Bernd sich umwendet, schon in seinem Eckplatz, neben sich auf dem Polster die Kreuzzeitung, das neueste Heft der Konservativen Monatsschrift und den Simplizisfimus. „Das ist ja ein süßes Mädel", sagt er, „gratuliere! Ja, wer so jung ist." Damit ist die Sache abgetan, und er fängt an, aus der Gegend zu berichten: in Morgenitz bei Brandts find Zwillinge angekommen, ein rechter Unsinn, wo schon sechs Kinder da sind und es hinten und vorn nicht langt; beim Krödner Müfsling ist Bullenauktion gewesen, es sind kolossale Preise bezahlt worden; der Amtmann Fischer in Neuenhagen hat einen Versuch mit Rüben gemacht, der völlig mißlungen ist, mindestens sechstausend Mark kostete ihn der Scherz, aber er kann's ja aushalten; der alte Berihold in Rogsen hat trotz seiner Siebzig den kapitalsten Bock im ganzen Kreis geschossen. So geht es eine ganze Weile weiter, über den Schlesischen Bahnhof hinaus bis fast nach Fürstenwalde hin. Bernd braucht überhaupt nicht zu sprechen, aber es macht ihm Freude, den Klatsch der Neumark so aus erster Hand zu hören. In Fürstenwalde winkt sich Schmersow den Bahnsteigkellner heran und läßt sich zwei Gläser Bier reichen, er stößt mit Bernd an: „Auf euer olles Dapper, euer Boden taugt zwar nifcht, aber Ihr Vater ist ein famoser Kerl." Dann fragt er nach Gene und Liese, Bernds Schwestern, die beide Gutsbesitzer in Pommern geheiratet haben, nach Lotte, der jüngsten, sechzehnjährigen, die noch bei den Eltern auf Dapper lebt, und schließlich auch nach Conrad, Bernds älterem Bruder, der anfangs auch bei den Garde-Füsilieren stand, aber sehr bald nach dem Elsaß versetzt wurde, weil er leichtsinnig gewesen war; eine törichte Spielaffäre, die mit einer Wechfelfchuld endete, hatte es damals gegeben. Conrad ist das Schmerzenskind der Eltern. Bernd weiß wenig von ihm, denn die Brüder schreiben sich nie. „Na, aber Ihr Loblied singt man, Wallnitz. Ich traf gestern bei Siechen in der .Badewanne' den Laffow — er ist ja Kommandeur der Garde-Kavallerie-Division geworden — der erzählte mir von einer Winterarbeit, die Sie über ein ganz verrücktes Thema geschmiedet hätten und die bis zum Generalkommando zur Beurteilung gewandert sei. Alle Achtung. Meine Winterarbeiten sind immer schon vom Regimentskommandeur verrissen worden." Frankfurt an der Oder kommt. Da muß Bernd mit Schmersow heiße Würstchen auf dem Bahnsteig essen, das ist Gesetz für alle, die in die südliche Neumark weiterfahren. Selbstverständlich wird wieder ein Glas Bier getrunken. In Frankfurt bat man immer reichlichen Aufenthalt. „Sie werden sich wundern, Bernd, wenn Sie nach Bleßdorf kommen. Die Schillings — ich will sagen: die von Schillings — sind mit ihrem Bau fertig. Was aus dem alten Kasten vom verflossenen Conzheim geworden ist, einfach fabelhaft. Ein Schloß, sage ich Ihnen, mit allen Schikanen der Neuzeit, Zentraiheizung und Warmwasserversorgung wie Im „Bristol" in Berlin. Und ein paar Ställe hat der Herr von Schillings sich hinstellen lassen, die Kühe fressen aus Marmortrögen. Aber als der neue Inspektor sie hat elektrisch melken wollen, da haben die armen Viecher gestreikt." „Du wirst dich wundern, wenn du nach Bleßdorf kommst", sagt auch Mutter Wallnitz zu Bernd, als sie zu viert an diesem Abend um den Familientisch sitzen. " Aber Bernd sind Meßdorf und seine neuen Besitzer fürs erste gleich- aülttg Er kennt öw Schillings aus Berlin: Herr von Schillings baut Maickinen leine Fabriken bitt)en im Osten Berlins eine kleine Stobt für lim lein Vater hat die Werke aus einer Großschlosserei heraus entwickelt und er hat sie dann ins ganz Große weitergesuhrt. Der Kaiser hat ihn vor zwei Jahren anläßlich der Feier des fünfzigiahngen Bestehens der Schillings-Werk« geadelt — „nobilitiert sagt man hier im Sternberger Kreise noch. Damit sind die Schillings m den Jndustrieadel ausgerückt wie die Krupps, die Siemens und die Bochgs. Au gleicher Zei erwarb Andreas von Schillings die Herrschaft von Bl-ßorf °on Wücheim von Conzheim und machte ein Fideikommih aus ihr. Meßdorf war: alter Conzheimscher Besitz, zehntausend Morgen, davon über siebentausend Forst meistens Kiefern. Die Conzheirns hatten seit Generationen über ihre Verhältnisse gelebt und mehr Wald geschlagen, als wieder au - forsten tonnten; Wilhelm von Conzheim war froh, als er Meßdorf gut an den Mann bringen und sich neu und kleiner im Arnswalder Kreis wieder ankaufen konnte. . _ , . „__ Es sind zwei Kinder im Hause Schillings, ein Sohn mit Namen Paul, der etwa gleichaltrig mit Bernd ist, und ßore tue Tochter, ,etzt zweiundzwanzig; sie ist ein auffallend hübsches Mädchen und führt in Berlin den Spitznamen „Der Große Preis von der Oberspree weil die väterlichen Fabriken bis an das Spreeuser vorstoßen und viele Lastkahne auf den Berliner Gewässern zu sehen sind mit der Aufschrift „Schillings- Meßdorf stößt, wo die Messe durch einen breiten Wiesenstreifen fließt, an Dapper. Bernd hat pflichtgemäß, als die Nachbarschaft der beiden Familien Tatsache wurde, in der Berliner Villa der Schillings, die in Der Motzstraß«, dicht am Nollendorfplatz, liegt, seine Karte abgegeben; er ist dann zweimal im vergangenen Winter 1908 zu 1909 eingeladen worden hat aber nur eine Einladung angenommen; es war ein ^großer Ball zu fast hundert Personen, ein buntes Durcheinander von Adel und Bürgertum, unter den Gästen niete Menschen, denen Bernd zmn ersten- "'"Herr von Schillings wandert« auf diesem Ball etwas fremd durch seine eigenen Räume, er schien kaum einen seiner Gäste zu kennen. Aber gerade mit chm, als einzigem der Familie Schillings, kam Bernd an jenem Abend in ein längeres Gespräch, und zwar merkwürdigerweise in ein rein militärisches. Herr von Schillings war nie Soldat gewesen und erwies sich trotzdem als äußerst beschlagen in der Kriegsgeschichte, hatte Moltkes und Schliessens Werke gelesen, aber natürlich von einem ganz andern Standpunkt aus als Bernd; ihn fesselte nicht die Taktik, sondern die Technik in der Kriegführung. Er zog Bernd in fein Arbeitszimmer, d°fsen Wände völlig mit hohen Bücherregalen bedeckt waren, nur eine breite Stelle war au--gespart, und hier hing ein Bildnis des alten Paul Schillings, des Gründers der Werke, von Lenbachs Hand: ein eckiger, fast bäurischer Schädel, ganz beherrscht von stahlblauen Augen, das Kinn umrahmt von einem grauen, etwas zerfaserten Vollbart in der Art einer Schisserfräse. Aus einem deckenlosen Eichentisch in der Mitte des Zimmers standen zwischen Haufen meist wissenschaftlicher Zeitschriften Zigarren, keine Importen sondern leichte Hamburger und Bremer Sorten. Herr von Schillings nötigte Bernd aus einen der Ledersessel, die den Tisch umrundeten. „Rauchen Sie?" fragte er und schob Bernd eine Kiste zu. „Nehmen Sie diese, sie kostet zwar nur fünfzehn Pfennige, aber sie ist gut." Dann griff er das begonnene Gespräch wieder auf. „Das da vorne, das Totschlägen und Siegen, das müßt ihr Militärs natürlich machen, aber für alles hinter der Front, für den Nachschub und so weiter, solltet ihr ruhig uns Techniker mehr heranziehen. Wie denkt ihr euch eigentlich die Versorgung eurer Millionenheere?" Das war seine Art zu sprechen: er stellte stets an das Ende einer Betrachtung eine sehr offene, fast brüske Frage. Bernd war überrascht von den Gedankengängen dieses Industriellen, der sein Maschinenwesen in die Kriegführung einordnete, v->m mechanischen Zug, vom Einsatz der Automobile und des Fernsprechers in das Wesen der rückwärtigen Verbindungen sprach, erforderliche Nachschubm.-ngen sofort im Kopf in Tonnenzahlen umsetzte und den Bedarf an Pferden für die Beförderung errechnete. Bernd saß vor ihm wie ein Schuljunge im Examen, er fühlte gar nicht, wie die Zeit verrann. Ab und zu kam ein Diener und brachte für beide Herren Gläser hellen Biers. Endlich sagte Herr von Schillings: „Nun wollen Sie aber wohl wieder tanzen, junger Herr", und stand auf. Als auch Bernd sich erhob, fragte er: „Sie sind doch der Sohn aus Dapper, nicht wahr? Da sind wir ja jetzt Nachbarn. Mir macht die Sache da draußen viel Freude. Mein Urgroßvater war einst Bauer in der Böhrde. Da ist wohl noch ein Erinnern im Blut. Schließlich stammen wir letzten Endes alle vom Lande. Ueberdies hat mir die Lore auch schon von Ihnen erzählt, sie hat Sie ja aus ein paar Gesellschaften gesehen." Er reichte ihm die Hand. „Hat mich sehr gefreut, Herr von Wallnitz. Vielleicht unterhalten wir uns in Meßdorf mal wieder über diese Fragen. Man lernt nie aus." Als Bernd zu den Tanzenden zurückkam, waren die ersten Gäste schon im Aufbrechen, er sah nach der Uhr: er hatte fast zwei Stunden mit dem Industriellen zuiammengesessen Der Ball und das Gespräch mit Herrn von Schillings liegen nun gut dreiviertel Jahr zurück. An das Gespräch hat Bernd noch des öfteren gedacht, wenn er über feinen Arbeiten saß; an den Ball kaum. Jetzt sind ihm beide fern; er genießt nur die Heimat. Er hat seinen alten Lodenanzug aus dem Schrank genommen und ihn, obgleich er an Knien und Ellbogen fast durchgewetzt ist, liebevoll gestreichelt, ehe er ihn anzog: jede Falte schien chm nach märkischer Erde zu düsten. Er läuft vor- und nachmittags Über die Felder und durch den Wald, er kennt jeden Schlag, jeden Wiesenrain, jeden Vulch und jeden Baum. Vater scheint recht einsilbig in die'em Jahr, obgleich er mit der Körnerernte $ufrieben ist, und Bernd selbst sieht, daß auch die Kartoffeln .— die Leute sind gerade am Ausmachen — gut geraten sind. Bernd spricht mit dem Inspektor, mit den Mägden und Knechten, er geht auch zum Bauer Marzanke und zum Schulzen Wunderlich heran, trinkt mit ihnen eine Tasse Kaffee, raucht eine ihrer Knasterzigarren, redet über das Wetter und von dem, was im nächsten Jahr auf di« Felder fall. Wunderlich wendet das Gespräch gern mr Politik und denkt, der Herr Junker müßt« das Allerneueste aus Der- ff mitbringen; er fleht überall Gefpenfter, meint, daß England, Frank L«k L TS toä^emSaufe und Atzte. Asem ^abr nach Berlin gefahren; woher das Gew für die Steifen tarne, könne man sich denken, selbst bezahle er sie sicher nicht. Bernd lacht über England Rußland und Frankreich und auch über die Sozmldemokra11e. Missen Sie Wunderlich, ich bin Soldat, da verstehe ich nichts von Wissen S'^Wuno^ch.^ch Leutnant aber ich meine man muß doch drüber nachdenken. Immer so in den Tag hinein, das M7r!L?wä7de7?LL "di° Schwester, mit Bernd über bie Felder. Bernd hat das ganz gern. Lotte hat sich im letzten Jahr markig her u gemacht. Das Kükenfett ging vom Körper herunter, sie ist richtig schlank qeroortien; hübsch ist sie eigentlich nicht, aber gut ßeht sie aus. Sie wird einmal eine Prachtfrau, denkt Bernd, nicht ganz solch schwerer Schlag wie Lene und Liese oben in Pommern, die beide vier Kinder haben, Lene vier Jungen und Liese, sehr zu ihrem Kummer, vier Madels. Lotte, der Spätling, wird zarter bleiben. „Na, Lotte, Winter übers Jahr kommst du nach Berlin und tanzt bei Hose." Sie lehnt das sehr bestimmt ab Was soll ich da, Bernd, mit meinen ewigen Sommersprossen? Berlin kostet den Eltern nur Geld; Vater geht bannjeben Tag zu Habel und Mutter schilt hinterher mit .ihm, und wenn dann abends ein Ball ist, sthe ich verheult aus. Ich brauch' euer Berlin Nicht. Ich krieg meinen "sßerrtb artet,~bafj der Vater ihn aufforderl, mit ihm auf Hühner zu gehen Daß er von sich aus bitten würde, allem gehen zu dürfen, wäre oeczen jede Art. Am fünften Urlaubstag - es hat nachts geregnet und das Kartoffelkraut ist naß, da sitzen tue Hühner fest — madjtJBater den Hund los und fragt: „Kommst du mit, Bernd? — „Darf ich die Winchester nehmen, Baier?" — „Nee, nimm man bae alte Sauersche Hahnenflinte, die schießt sauber und spart Patronen Mit der leidigen Selbftrepetiererei knallst du mir nur sinnlos in die Volker rem. Der Hund stöbert vor ihnen, fegt in langen Sätzen di« KartoM- furchen auf und nieder, bleibt plötzlich mit einem Ruck stehen und macht sich ganz lang; mit tiefem Kopf windet er. Die beiden Schutzen gehen vorsichtig an ihn heran, nehmen die Flinten schußbereit in die Hande, der Hund dreht den behaarten Schädel, sicht sie an, windet von neuem und wartet gehorsam, bis Vater Wallnitz sagt: „Faß!" Dann erst springt er zu, und brrr ... geht ein Volk Hühner auf. Fast im gleichen Augenblick fallen zwei Schüsse, manchmal gleich darauf wieder einer oder sogar zwei Oben in der Luft stieben ein paar Federn, die Hühner taumeln und stürzen zu Boden; der Rest des Volkes fliegt weiter und fällt nach ein- ober zweihundert Metern in einen andern Kartoffelschlag oder eine Brache ein. „Apport!" ruft Vater Wallnitz, und der Hund sucht mit langen Sprüngen und tiefer Olafe; er greift die getroffenen Hühner, nimmt sie behutsam mit der Schnauze auf und bringt sie seinem Herrn. „Setz dich!" Er hockt sich nieder, hebt den Kopf feinem Herrn zu, feine Äugen glänzen treu und freudig, er ist stolz auf die Beute. „Aus!" Er öffnet die Lefzen und gibt ohne Zögern das Huhn her. Wieder heißt es „Apport!" Und die Suche nach dem zweiten getroffenen Stück beginnt und so fort, bis alles, was niederkam, am Gürtel der Jäger hängt. Der Hund wird ungeduldig und ist erstaunt, wenn er weniger Hühner zu suchen bekommt, als Schüsse gefallen find; es ist Bernd, als ob ihn das Tier wie vorwurfsvoll ansähe, wenn er einmal fehlt. Bernd ist ein guter Schätze, aber Vater Wallnitz schießt noch besser, er kennt eigentlich keinen Frhlsch'tß. Als Bernd einmal aus einem Volk überhaupt kein Huhn herausholt, obgleich er aus beiden Läufen Feuer gibt, mahnt er: „Ruhig bleiben. Junge. Kaltes Mut. Kein Jagdfieber!" Da nimmt Bernd sich zusammen. Drei Stunden geht es feldaus, felbab. Es ist anstrengend, denn die Sohlen kleben am nassen Boden, die Feuchtigkeit bringt selbst durch die geölten Stiefel. Bernd wird heiß. Als sie beim Streifen an die Blesse kommen, darf der Hund saufen und baden. Er springt erst ins Wasser, als der Vater ihm die Erlaubnis erteilt: „Geh!" Di« beiden sehen ihm zu, es ist eine Freude, wie er paddelt und schwimmt, man spürt, wie er die Kühle genießt. Dann ist er wieder am User, schüttelt sich und wälzt sich im Gras. Vater Wallnitz zeigt nach Meßdorf hinüber. „Du mußt in den nächsten Tagen zu den Schillings gehen. Mutter und Tochter sind da. Sie haben uns auch ihren Besuch gemacht." Auf dem Heimweg — der Hund trollt „bei Fuß" neben seinem Herrn, und sie haben jeder fünfzehn Hühner am Ring, eine gute Ausbeute, aber auch ein ganz anständiges Gewicht nach den drei Stunden Furchen- fteigen — fragt der Alte ganz überraschend für Bernd: „Was ist eigentlich aus der Gräfin Czeh geworden, bei der du früher fo viel verkehrt hast?" Bernd stutzt einen Augenblick und denkt: Irene. Das ist etwas sehr Schönes und Großes für ihn. Da sind viele Stunden, die ganz fern allem Soldatentum waren, erfüllt von Gesprächen über Bücher und Musik, über Kunst und fremde Länder. Da ist viel Wärme, viel Leisesein und auch viel Schweigen. Seine Antwort kommt ein wenig gedehnt: „Gräfin Czeh — sie ist lange nicht mehr in Berlin gewesen. Sie lebt, seit die alte Gräfin starb, ganz in Waldhausen." Und dann nach einer Weile: „Das ist jetzt zwei Jahre her." Sie gehen stumm nebeneinander weiter. Es wird dämmrig, und als das Dapperlche Haus mit seinem fritzilchen Doppeldach vor ihnen aus- taucht, blinkt das Fenster von Mutters Zimmer rosarot; Mutters Hängelampe mit dem bunten Schirm brennt also schon. Da 'agt Vater Wallnitz in den fallenden Abend hinein: „Es ist vielleicht für dich ganz gut so." Und Bernd weiß zuerst gar nicht, was er meint. (Fortsetzung folgt.) Vorfrühling. Bon Theodor Storm. Im Winde wehn die Lindenzweige, Bon roten Knospen übersäumt; Die Wiegen finb’s, worin der Frühling Die schlimme Winterzeit verträumt. Oer Theaterdichter. Bon Paul E r n st. Bei der Truppe ist natürlich auch ein Theaterdichter; die Schauspieler nennen ihn unter sich den Stückeschreiber und haben die Ansicht von ihm, S bafj er nichts vom Theater versteht; und er selber findet, daß die Schauspieler mühsam von ihm abgerichtet werden und von dem, was sie am Abend sagen, keine Ahnung haben. Der Dichter ist bekanntlich der berühmteste Mann von Italien. Der Sultan hat schon seit Jahren den Wunsch, ihn an seinen Hof zu ziehen, iber er ist Römer und bleibt Römer, er wird nie von Rom fortgehen, trotzdem man ihn in der Heimat natürlich nicht anerkennt, wie man eben nie einen großen Mann in Rom anerkannt hat. Einem — nun, wir wollen t»en Namen nicht nennen — wird das Geld ja nur so in den Schoß geworfen, weil er mit seinen Stücken den niedrigen Begierden der Masse chmeichelt; nun, er weiß sich zu trösten in feiner ehrenvollen Armut, ir würde mit keinem tauschen, mit keinem-- Man hat ein neues Stück von ihm gegeben, mit ungeheurem Beifall 8 natürlich. Die junge Eminenz war in einer Loge, dieser fürstliche Beschützer ton Kunst und Wissenschaft, und hat seine höchste Begeisterung ausgedrückt; 5er Dichter bekommt für den nächsten Tag eine Einladung zum Mittag- . iffen. Er geht zu Leander, zu Lelilo, zu Flavio, zu Pantalon und borgt ich bei allen das Passende an Garderobe zusammen; die Schauspieler sind i etber geschmeichelt durch die Einladung, denn sie sind es ja, die das Stück lerausgerissen haben, und so helfen sie ihm, wie sie können. So geht denn der Dichter zu dem Kardinal, in Lelios grünseidenem Wams, Flavios Spitzenjabot, Leanders blausamtner Hose, und mit dem gehstock Pantalons, er geht angezogen und geschmückt, wie noch nie ein Lichter zu einer Einladung gegangen ist. Der junge Kardinal ist ein wirklich seiner, wirklich gebildeter Mann. Der Dichter ist allein zu Tische bei ihm, niemand ist sonst geladen, und ter Kardinal unterhält sich mit ihm über Literatur. Er kennt die Alten Ienau, die Neueren mag er nicht lesen; man kann das von einem Mann icht verlangen, der die Alten kennt. Nur des Dichters Stücke würde er I lesen; aber sie sind nicht gedruckt, die Stücke des Dichters werden nur zespielt. Des Dichters Augen schimmern feucht. Ja, die Stücke des — nun, wir wollen feinen Namen nicht nennen — find gedruckt, und was gedruckt lorlie.gt, das kauft das Publikum. Der Dichter schweigt und denkt: Wenn tr Geld hätte, dann würde er eine Auswahl feiner Dramen herausgeben, tr würde sie auf eigene Kosten drucken lassen; vielleicht nur fünf wären notig. Das wäre der Nachruhm, wofür lebt man denn? Für diesen süchtigen Beifall des Abends, der morgen schon wieder vergessen ist, für sie Anerkennung der Schuster und Schneider, welche im Parterre sitzen? Sud) Homer war ein armer Mann, auch er ernährte sich kümmerlich von Elmofen, die man ihm zuwarf, wenn er seine unsterblichen Lieder vorge- t-agen hatte, und heute sind alle Könige und Fürsten vergessen, alle «öligen Leute und reichen Herren, die damals lebten, Homers Name aber ft in aller Munde; und noch mehr! Von feiner Unsterblichkeit hat er den beiben und Fürsten abgegeben, die er besungen; nur durch ihn leben rod) Achill und Hektor, Odysseus und Agamemnon. Aber gedruckt muß rinn werden! Wenn ein Stück abgespielt ist, so wird es vergessen. Der dichter hebt sich seine Handschrift auf; aber wenn er tot ist, bann kommen Hauswirt, Krämerin, Wäscherin, Milchfrau, Bäcker; alle Menschen kommen, denen er schulbig ist, seine Habe wird auseinanbergeroorfen, bie Handschriften werden verkauft, und mit den Dichtungen, welche bestimmt waren, Jahrtausende hindurch die Menschen zu erfreuen, wird Wurst und Käse kingewickelt. Garne Stellen aus dem Stück von gestern abend kann der Kardinal auswendig; er trägt sie vor mit feinem edlen Anstand, feinem feurigen Üemveram-nt; bewundernd macht er auf ihre Schönheiten aufmerksam; t>o fein Gedächtnis versagt, hilft der Dichter selber ein; es kommt ein neuer Fiasco, und Kardinal und Dichter tragen sich nun gegenfeitia das panze Stück vor. sind bis zu Trän-n gerührt durch die Schönheit der Berfe, h dien bis zu Tränen über den Witz des Dialogs, meinen über die Herrlichkeit der ganzen Komposition, und sinken sich endlich gerührt in die Ernt» Hinter dem Stuhl des Kardinals steht immer der ernste, feierliche, Dirnebme Kammerdiener; keine Miene feines Gesichts verrät, daß er dem l? efpräch zuhört, mit ausaefuchter Höflichkeit bedient er den Dichter, schneidet er ihm Käse ab, reicht er ihm die Desiertschüssel, wechselt er ihm die Teller. I Man wird sich vielleicht über den merkwürdigen Kardinal wundern. Tie Italiener haben einen netten Ausdruck in ihrer Sprache: „3ugenbtinb . k»in Vater war auch einmal jung gewesen; damals hatte er eine Sckau- fjielerin geliebt, und der Kardinal war ein Iimendkinb von ihm Nun v'rsteht man gewiß, woher beim Kardinal die Theaterbegeisterung kam Sie hatte aber noch einen anderen Urforuna. der freilich wohl auf dieselbe Oielle zurückging: der Kardinal hatte nämfid) selber ein Drama geschrieben. 3?an wird zugeben, daß er für einen Kardinal recht unerfahren in der Titelt war, wenn er annahm, daß er dieses Stück durch die 53eymi,tfung bis Dichters auf die Bretter bringen konnte; aber er war nun einmal so; et mar ja noch sehr jung. Man wird verstehen.'daß der Kardinal dem Dichter etwas sehr Liebes \ attun wollte und sich doch schämte, ihm das Liebste aniufun, nämlich mm eine volle Geldbörse zu schenken? Hätte der Dichter eine volle Geldbörse b kommen, so wäre er gleich zu einem Drucker gegangen und hätte mit ihm akkordiert; aber der Kardinal schämte sich, und so zog er einen kostbaren Diamantring vom Finger, den er sich vorher zu dem Zwecke angesteckt; und wie der Dichter einmal mit einer lebhaften Bewegung gestikulierte, ergriff er feine Hand und steckte ihm den Ring an den Finger, schloß die Hand, gab ihr einen leichten Klaps und lachte. Einen Diamantring, man denke! Der Dichter wußte nicht, ob er sah, das Zimmer bewegte sich um ihn; der schweigsame Kammerdiener hinter dem Stuhl machte große runde Augen. Dann aber holte der Kardinal sein Stück vor, gab es dem Dichter und sagte einsilbig: „Lesen." Der Ring und das Stück hatten den Gefühlen einen fotchen Schwung gegeben, daß die bisherige Stimmung nicht aufrechtzuerhalten war. Der Dichter erhob sich, stammelte feinen Dank, der Kardinal umarmte ihn, dann ging er. Der Kammerdiener folgte ihm, reichte ihm draußen feinen Hut — es war Lelios Hut — und sah ihn an. Der Dichter fah ihn wieder an; er wußte nicht, was der Diener meinte.' Dann öffnete der Diener die Hand. Dem Dichter fuhr es heiß durch den ganzen Körper. Er hatte an Jabot und Uhr, an Tabakdofe und Spitzenmanfchetten gedacht, aber er hatte nicht daran gedacht, sich einen Paolo zu borgen als Trinkgeld für den Diener. Er hatte nichts in der Tasche, nicht einen einzigen elenden Vajaeco. Es schien ihm, als bemerkte er ein leichtes Grinsen im Gesicht des Dieners. Da zog er den kostbaren Ring vom Finger, den Ring, den er hatte verkaufen wollen, um den Drucker zu bezahlen, reichte ihn mit entschlossener Bewegung dem Diener und sagte kalt: „Behalten Sie diesen Ring zum Andenken!" Silber nun machte der Diener erst Augen! Der Dichter pflegte zu sagen: „Ich habe keine Uederzeugungen. Wenn es mir vorteilhaft ist, so werde ich Mohammedaner. Nur eins kann ich nicht: Ich kann nicht von einem schlechten Stück sagen, daß es gut ist." Und das Stück des Kardinals war schlecht, wenigstens hielt es der Dichter für schlecht; manche Menschen behaupten, daß Dichter immer die Stücke der andern für schlecht halten. Natürlich konnte er es mit seinen Ueberzeugungen nicht vereinbaren, es dem Direktor zu empfehlen, ja, es ihm nur zu Überreichen, trotzdem der es, weil es doch von einem Kardinal war, auch ohne die Empfehlung des Dichters gespielt hätte. Und so tarnt mari sich denn nicht wundern, wenn er von dem Kardinal keinen zweiten Diamantring bekam; und bas ist der Grund, weshalb die Dramen des Dichters nicht gedruckt wurden; und weil sie nicht gedruckt wurden, so sind sie vergessen, und selbst der Name des Dichters ist vergessen, deshalb hat er noch nicht einmal in dieser Geschichte einen. Weg und Ziel der deutschen Oper. Von Dr. H. R. Sprengel. Im Verlauf ihrer 3lX>jährigen Geschichte, die etwa von der Uraufführung des Schütz schen Gesangsdramas „Daphne" im Hofe von Torgau bis zu der von Werner E g k s Märchenoper „Die Zaudergeige" führt, zeigt sich die deutsche Oper im ständigen Ringen um eine ihr innerlich wesensgemäße Form: Immer wieder drängte sich ihren Meistern die entscheidende Frage auf: romanische Spieloper oder germanisches Musikdrama. Hatte sich auch keiner unter ihnen in Theorie und Werkschafsen um die Lösung dieser Frage so eindringlich und erfolgreich bemüht wie ein Richard Wagner: Sie alle rangen doch, bewußt ober unbewußt, um jene künstlerische Einheit von dramatischer unb musikalischer Gestaltung, wie uns sie bas Werk bes Meisters von Bayreuth in letzter Vollenbung offenbart Vergleichen wir z. B. Richarb Wagners „Rienzi", ber ganz unb gar unter bem Einfluß bes Opernstiles italienischer Herkunft entstand, mit einem späteren Werk, etwa den „Meistersingern", so bietet sich uns im kleineren Rahmen des Einzelschaffens bas Bild des Entwicklungsganges ber beutfchen Oper von ihren Anfängen bis zur Gegenwart: Auf ber einen Seite herrscht bie in glanzvollem Rausch unb sinnlichem Klangreiz beftedjenöer Orchesterbegleitung sich äußernbe Pathetik bes süblänbischen Menschen, ber gegenüber steht bie schlichtere unb innigere, von echter Gefühlswärme burchpulste Musikalität germanischen Wesens. Wie packt uns bie sittliche Kraft bes um innere Klarheit ringenben Hans Sachs. Sein seelisches Reifen vorn verzweiflungsvollen „Wahnmonolog" bis zum sieghaften Lobgesang der deutschen Kunst wird uns zum dramatischen u n d"musikalischen Erle'dnis des Menschen und Künstlers Sachs, der erst in freier Entsagung bie ewige Wahrheit seiner künstlerischen Bestimmung erkennt. Zwar liegt es uns fern, Wagners Musikbrama hier allein als typisches Beispiel bes Dualismus zwischen germanisch-norbifcher unb romanisch-süblicher Musikalität zu kennzeichnen. Doch beweist uns bie Tatfache, baß selbst biefer große Neuschöpfer unb Vollenber bes beutfchen Musikbramas einmal ber Verlockung bes italienischen Opernstils vorüber« aehenb unterlegen war, welche bebeutfame Rolle dieser Dualismus im Werdegang unserer gesamten Operngeschichte immer wieder spielte. Aus bem Lehensgesühl ber italienischen Gpätrenaiffance geboren, trug bie musikalische Kunstsorm ber Over bei ihrem ersten Erscheinen in Deutschland noch bie unverkennbaren Züge ihres Ursprunges. Ist uns auch bie Musik von Heinrich Schützens „Daphne" leiber verlorengegangen, erkennen wir boch an ähnlichen Opernwerken tntnber bebeutenber Tonbichter aus der gleichen Zeit, daß die deutsche Oper sich anfangs kaum von ihrer italienischen Schwester unterschieden haben konnte. Nicht nur in der Wahl ihrer Tertbücher, die meift Stoffe aus der griechifch-römifchen Anttke behandelten, sondern vor allem in ihrer gestenreichen Theatralik und der ganz auf äußere Wirkung hinzielenden großen Arien zeigte sich diese Abhängigkeit vom südlichen Vorbild. Fast ein halbes Jahrhundert sollte es dauern, ehe sich bie beutsche Oper von biefer Anlehnung 3U befreien suchte. Erst mit Händel läßt sich eine Wandlung feststellen. Zwar behält auch Händel die äußere Form der italienifchen Musikover bei, doch erfüllt er sie mit dem Gehalt eines erhabenen Musikwillens. Gleichen sich feine Arien auch in ihrem äußeren Aufbau noch den Stilgesetzen der Italiener an. so leigen sie doch einen sittlichen Ernst, der wenig mit der oberflächlichen Kuyftmechanik der neapolita- nifchen Opernhelden jener Zeit gemein hat Doch bie feierliche Stilisierung der Händelschen Ovemmusik. welche feinen herrlichen Oratorien ihre großartige Getragenheit gibt, scheint feine Oper uns heute etwas entfremdet m haben. Denn alle Lebendigkeit des Ausdruckes, die aus der Musik der 1 italienischen Oper sprach, war mit Händels völligem Ausgeben des allein Bühnenwirksamen aus der Handlung seiner Opern verbannt. Was Händels „Cäsar" heute nicht mehr zu erreichen vermag, gelingt den Helden der Gluckschen Oper auch jetzt noch voll und ganz. Gluck gestaltete seine Opern trotz ihrer antik-heroischen Themen und ihrer mit Arie und Rezitativ am italienischen Bühnenstil festhaltenden Technik mehr, als Musikdramen im Sinne deutscher Musikauffassung. Höhepunkte dieser musikalischen Dramatik bieten die beiden Werke um das Schicksal der Agamcmnontochter Iphigenie Glucks Bestrebungen Im Sinne einer Einbürgerung der fremden Opernform im Reiche der deutschen Musik wurde von einem der Größten ausgenommen und weitergeführt: von Wolfgang Amadeus Mozart. Aus dem Gebiet des Opernschaffens mag Mozarts Werk ungefähr als das unmittelbare Gegenteil zu dem Wagnerschen Musikdrama gelten. Wo jener sich bewußt einen neuen Weg zur dramatisch- musiknliichen Gestaltung germanischen Geisteserbes suchte und errang, übernahm Mozart die gesamte Tradition romanischer Musikformen und wandelte sie durch das Genie seiner Schöpferpersönlichkeit zu einem ebenso neuen wie deutschen Opernstil um. Damit steht er gleich einmalig und unwiederholbar in unserer Musikgeschichte da wie sein großer Gegenpol Wagner. Mozarts Ouvertüren und Orchesterstücke atmen ebenso wie seine prachtvoll lebensechten Gestalten eines Figaro, Don Juan oder Papageno die Naturnähe ihres durch und durch deutschen Schöpfers. Kein Hörer wird je auf den Gedanken kommen, daß diese deutsche Kunst sich eigentlich erst an der Formensprache romanischer Musikgesetzlichkeit geschult und gebildet hatte. Als Brücke zwischen Mozarts weltanschaulich im Rokoko wurzelnden Kunst und der romantischen Oper Webers und Lortzings steht ein Werk, das auf dem Gebiet der Bühnenmusik die einzige klassische Schöpfung darstellt: Beethovens „Fidelio". In ihm besitzen wir eine Art von musikalischem Ideendrama, dessen mühsam gebändigtes Gleichmaß jedoch immer wieder von den großartigen Ausbrüchen einer elementaren Gemütskraft durchbrochen wird. Auch im „Fidelio" findet sich noch der Einfluß des romanischen Opernstils. Doch siegt schon im ersten Akt die Seelentiefe deutscher Musikinnigkeit über das spielerische Getändel der kleinen und großen Arien nach dem Geschmack der Opera buffa. In den Bllhnenwerken Webers und L o r tz i n g s feierte die deutsche Romantik wiederum einen entscheidenden Sieg über die Regelkunst der Romanen. Der in tragischem Ernst und lächelndem Humor urdeutsche Charakter des „Freischütz" mit seinen volkstümlichen Szenen und Begebenheiten bietet ein ebenso getreues Spiegelbild unserer Volksseele wie der darstellerische und musikalische Gehalt von „Zar und Zimmermann". Bon diesen beiden Opern führt auch eine innere Verbindungslinie zu den .Meistersingern". Sehen wir einmal von der Wagnerschen Typen- schöpsung des Leitmottvdramas ab, dann können wir sogar eine entfernte Beziehung zwischen Glucks „Orpheus" und der Ringtrilogie nicht ganz ableugnen. In ihr zeigt sich eben jene Verwandtschaft von Persönlichkeiten aus ursprünglich gleichem Blut, durch welche auch eine Mozarische Oper trotz aller äußerlichen Äehnlichkeit mit zeitgenössischen romanischen Erzeugnissen doch himmelweit von jenen getrennt ist. Mit Wagners Musikdrama ist der germanisch-romanilche Dualismus in der deutschen Bühnenmusik zugunsten des germanischen Geistes endgültig überwunden. Doch die unnachahmliche Eigenheit von Wagners musikalischem Stil bedeutete eine andere Gefahr für das deutsche Opernschaffen: Jene Tondichter, welche sich nach Wagner das Gebiet der Oper zum künstlerüchen Betätigungsfeld wählten, verfielen fast sämtlich, wissentlich oder unwissentlich, der Nachahmung. Nur wenige unter ihnen, wie Marschner, Pfitzner und Richard Strauß, vermochten ihr persönliches musikalisches Wollen durchzusetzen. Auch die jungen deutschen Opernkomponisten, wie der anfangs schon einmal erwähnte Werner E g k, suchen auf den Spuren der alten Meister musikalisches Neuland. Heute, da der Geisterspuk einer jüdisch-amerikanischen Jazzwelt, der auch das deutsche Opernschaffen in seinen besten Impulsen scbwer gehemmt hatte, längst vergessen ist, zeigen sich schon hier und da, wie bei Egk und dem Siebenbürger Wagner-Regenn, Ansätze, die die geistige Erneuerung der Nation auch auf musikalischem Gebiet einleiten und sartführen werden. Spaziergang durch Upsala. Von Andre Foelckerfam. Heute ist großer Pferdemarkt in Upsala, Schwedens ältester Universitätsstadt. Es ist acht Uhr morgens. Der Autobus, der über die von Nabeln bedeckte Uplandebene Upsala zurattert, ist erfüllt von Sachen und Schwatzen: er ist bis auf den letzten Platz besetzt. Meist sind es Bauem- fnmilien. die zum Markt fahren, sonntäglich herausgeputzt, mit Kind und Kegel. Denn es ist nicht nur Pferdemarkt, sondern auch Jahrmarkt, mit Buden, Karussell, Lustschaukeln und allen erdenklichen Herrlichkeiten. Mir gegenüber sitzt, wie aus einem Märchenbuch herausgeschnitten, ein Rotkäppchen mit seiner Großmutter. Das Rotkäppchen ist ein echt schwedisches Rotkäppchen, sehr blond und sehr blauäugig. Es hält ein rotes Samttäschchen in den Händen, das es andauernd öffnet und schließt, um ein kleines Spitzentaschentuch hervorzuholen und es wieder im Täschchen verschwinden zu lassen, und dazwischen nur, um rasch einen Blick hineinzuwersen, — ob alle Schatze, die es birgt, noch da sind. Dabei baumelt es mit den Beinen und flüstert aufgeregt alle Augenblicke der Großmutter etwas zu. Die Großmutter trägt auch wie im Märchen eine große blaue Brille, und dazu einen Kapotthut mit einem ganzen Sliefmütterchenbeet. — „Nu skal vi be|e ftora världen!" sagt die Großmutter und putzt umständlich ihre Brille. („Jetzt werden wir uns Ne große Welt ansehen!") Sie ist mindestens ebenso aufgeregt wie das Rotkäppchen. Durch die beschlagene Fensterscheibe bringt schwaches, gelbliches Licht: eine blasse Sonne steht hinter der Nebelwand Hier und da taucht, insel- Ö, aus dem eintönigen Grau ein Granitblock auf, streckt ein enter Baum seine Aeste In den Himmel und versinkt wieder im Nebel. Es ist noch eine Meile bis Upsala. Der Bus rollt an einem kleinen un- scheinbaren Steinkasten vorüber. Hier liegen die „Mora-Steine" auf. bewahrt, — ein steinernes Zeugnis über die Wahl der schwedischen Könige im Mittelalter. Auf einem der Steine steht in verwitterter Schrift, daß 1396 Erich von Pommern zum König erwählt wurde, auf dem nächsten Karl Knutsson und die Jahreszahl 1448, auf einem anderen sind statt eines Namens die drei Kronen, das schwedische Reichswappen, einge- meißelt, auf einem vierten ein Wappenschild mit einem Kreuz. Hier, nicht weit von der Landstraße, liegt „Mora äng", die Mora-Wiese, auf der von Urzeiten bis ans Ende des Mittelalters, Köniaswahl und Königs- Huldigung stattgefunden haben. Auf diesen Feldern, Aeckern und Wiesen der meilenweiten Uplandebene, die jetzt verschneit und einsam daliegen, hat sich ein großer Teil der schwedischen Geschichte abgespielt. Die Sonne hat den Nebel durchbrochen. Nördlich, dort, wo das alte Upsala liegt, erheben sich am Horizont drei große Hügel. Es sind die Gräber dreier Svear-Könige um 500 n. Ehr.: des Königs Aun, seines Sohnes E"il, und dessen Großsohns Adils. In der Nähe der Königs- gröber (ag~ber Richter- oder Thingberg. Auf dem Thingberg wurde alla svears ting, „Aller Svear Thing", abgehalten. Hier hat, um die Jahr- tausendwende, als Olof Skötkonung gegen den Willen der Bauern die Fehde mit Norwegen forksetzen wollte, „Torgny, der Gesetzkundige" dem König kurz und bündig erklärt: „Wenn du nicht tust, was wir sagen, werden wir gegen dich gehn und dich totschlagen. Denn wir werden deinetwegen nicht Unfrieden noch Gesetzverdrehung dulden. So hätten auch unsere Väter gehandelt." In der Nähe des Thingberg liegen ein paar Bauernhöfe: sie heißen seit Alters her „Die Königshöfe". Hinter ihnen siegt eine erhöhte Fläche. Nachforschungen haben ergeben, daß diese Erhöhung künstlich angelegt ist. Hier muß einst ein Königshof gelegen haben, eine „Königshalle". Heute ist von Alt-Upsala nicht viel mehr übrig geblieben, als der Name. In einem Wirtshaus kann man sich vom Spaziergang zu den Königsgrübern erholen und seinen Durst mit — süßem, blonden Met löschen, blr nach echtem Wikingerbrauch in Ochsenhörnern serviert wird. Die Grabhügel am Horizont sind verschwunden, lieber - Upsala, das jetzt in blauer Ferne austaucht, erhebt sich die Vasaburg mit ihren beiden mächtigen, runden Türmen. Der Bus rattert durch unbebautes Gelände der Stadt zu. Wir kommen am Pferdemarkt vorbei: er ist schwarz von Menschen. Dahinter, auf einer Wiese, leuchten die Jahrmarktzelte, drehen sich Karussells, schwingen Lustschaukeln in den Himmel. Rotkäppchen und Großmutter steigen aus. Ein steiler Weg führt auf den felsigen Schloßberg hinauf. Vor mir erhebt sich der gewaltige Backsteinbau mit seinen langen Fensterreihen und den dicken Türmen zu beiden Seiten; ohne jedes schmückende Beiwerk, ohne jede Verzierung, wirkt er in seiner strengen Geschlossenheit zeitlos. Die hohen Fenster haben zum Teil noch die alten Butzenscheiben: hier und da leuchten sie jetzt in der Sonne auf wie eingesetzte Smaragde in hellem Rot des Gemäuers. Das Schloß, dessen Bau 1547 von Gustav Wasa begonnen wurde, und zu dem die Ueberreste der in den Befreiungskriegen zerstörten Bischossburg als Baumaterial gedient haben, an dem Erik XIV., Johann III., Karl XI. und Gustav Adolf weiterbauten, ist erst unter Christina außen wie innen fertiggeworden, die hier, im Reichssaal des Schlaffes, abdankte. Der Brand, der 1702 ganz Upsala in Asche legte, zerstörte das Schloß dermaßen, daß man sich überlegte, es ganz niederzureißen: was nach dem Brande nachblieb, waren nur einstllrzende Mauern und Türme. Adolf Friedrich rettete es, indem er es mit viel Aufwand wiederaufbauen ließ. Unter mir breitet sich die Stadt aus, dahinter dehnt sich bis an den Himmelsrand die Uplandebene mit ihren allen, i?u3 Feldsteinen gebauten Landkirchen; wellengleich steigen aus dem Flach'and die drei Königsgräber empor. In alten Zeiten wurden auf dem Schloßberg die Doktorpromotionen mit donnernden Salutschüssen gefeiert. Heute versammeln sich hier am 30. April, am Valborgsmäßafton, dem Walpurgisabend, die Studenten, um den Frühling mit Gesang und dem Aufsetzen ihrer weißen Studentenmützen zu begrüßen. An der Rückseite des Schlosses liegt das „Sturevalvet", das „Sture- gewölbe", einstiges Gefängnisverließ, heute niederbröckelndes Gemäuer, mit einem Eisengitter abgegrenzt. Aus struppigem Gebüsch wächst in der Mitte ein Baum. Hier sind die „Sture Brüder", Reichshalter aus dem mächtigen Geschlecht der Sture, von Gustav Wasas ältestem Sohn, dem blassen, rothaarigen Erik XIV. ermordet worden, der später von seinem Bruder, Johann III., im erdbeerroten Schloß Gripsholm, das sich im Mälarsee spiegelt, gefangengehalten wurde. Dieser Erik XIV., der sich bei verschiedenen Fürstcnhöfen nach einer passenden Braut um- sah, indem er, wie es damals üblich war, mit den in Frave kommenden hohen Damen Bildnisse wechselte (Antwort möglichst mit Bild erbeten!) erhielt auch von Elisabeth von England ein prunkvolles Bild überreicht (es hängt jetzt in der einzigartigen Porträtsommlung Gripsholms); Elisabeth war keine schlechte Partie, als aber Erik XlV. eines Tages Karin Nansdottcr, die Tochter eines Soldaten, auf dem Stockholmer Martt Nüsse verfaulen sah, entschied er sich augenblicklich für Karin. Er heiratete sie sozusagen direkt vom Nußstand, und ließ die stolze Elisabeth sitzen. Heute befinden sich im Schloß Vrorinzialregierung, Landtag und Landesarchiv. In jenem Teil, wo sich früher ein Magazin befand, ist siirzlich ein neuer Neichssaal entstanden. Dieser riesige, fast giiadrattsche Raum, der zu Festlichkeiten benutzt wird, wirkt mit seinen weißoetünch- ten Wänden, den schweren Barockkronleuchiern und den Bogennischen m ben meterdicken Mauern, monumental und festlich in seiner Einfachheit. Hinter dem Schloß steht auf einem Felsvoriprung ein kleiner, alters- dunkler, hölzerner Glock-nturm. Die Glocke, die aus dem Mittelaller, und zwar von der Königin Gunilla stammt, wird ieden Morgen um 6 Uhr und abends um 9 Uhr zu ihrer Erinnerung geläutet. Deranlwortkich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsbruckerei A.Lange, Gießen.