Nummer 10 Zreitag, den ^8ebruar Jahrgang 1958 SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Kolibri mofaiziert. Gegenüber sah ein flötespielender Herr mit über- geschlagenen Beinen, in einem Bocke von azurblauem Atlas und mit einer kunstreichen Halskrause, der den Papagei im Gesänge zu unter« richten schien da dieser den Kopf lauschend nach ihm umdrehte. Die Knöpfe auf dem Kleide bestanden aus rötlichen Pailletten »der ^Auch° paradiert* eine Reihe stattlicher Militärpersonen zu Fuh, deren Uniformen, Tressen,'Metallknöpfe, Degengefäße, Lederzeug und Feder« büsche alle von gleichem, unverdrossenem Fleihe Zeugnis gaben; aber hier hatte Barbara Thumeysen die Grenzen ihrer Kunst angetroffen: denn als sie nun zu den berittenen Kriegsbefehlshabern übergehen wollte verstand sie wohl Schabracken, Sättel und Zaumzeug aus allen geeigneten Stoffen mit ihrem englischen Scherchen zuzuschneiden und herzustellen; die Pferde aber zu zeichnen ging über ihre Kräfte weil sie bisher nur in menschlichen Köpfen und Händen sich geu£t hatte: letzteres auch nur so so, la la. Es handelte sich also darum, einen Lehrer oder Gehilfen hierfür zu finden; als solcher wurde »auf ge« haltene Nachfrage Salomon Landolt genannt, welcher in Zürich derweilen der erste Pserdezeichner sei. . Der Herr Proselytenschreiber stattete daher unverhofft irnies Tages dem Herrn Stadtrichter und Jägerhauptmann einen höflichen Besuch ab und trug ihm mit wohlgesetzten Worten das Ansuchen vor se ner Tochter in Ansehung eines richtig gestellten Reitpferdes geneigtest Unterricht und Beirat erteilen zu wollen, so daß das Tier in natürlicher Gestalt und Farbe, in schulgerechtem Schritt, aufgezaumt und ge- sattelt auch der Reiter in guter Haltung darauf gesetzt werden könne. Landolt ließ sich gern zu dem Dienste bereit finden; einmal aus reiner Gefälligkeit und dann auch aus Neugierde, die Grasmücke zu sehen, die jeden Morgen so lieblich sang. Mit Verwunderung erblickte er erst die bunte Vogelwelt des Exulanten- und Proselytenschreibers, den Wiedehopf und all’ die Stieglitze, Blutfinken, Häher Spechte und Regenpfeifer; sodann vollends den Aniistes und all' tue Zunftmeister. Zwolstr- herren Obervögtinnen, Leutnants und Kapitäns der Jungfer Barbara, und diese selbst, die von- zarter, ebenmäßiger Gestalt war, wie aus Elfenbein gedrechselt. Sie.dünkte ihm das schönste Werklein unter all den Vögeln und Menschenkindern des bescheidenen Museums und er begann daher sogleich den Unterricht. Er erklärte ihr mit Hilfe geeigneter Vorlagen zuerst den Knochenbau eines Pferdes und lehrte fle, mit einigen geraden Strichen die Grundlinien und Hauptverhältnisse anzugeoen, ehe es an.die schwierigen Formgeheimnisse eines Pferdekopfes ging. So verbreitete sich der Unterricht allmählich über den ganzen Körper, bis endlich zur Farbe gegriffen und zur Darstellung der Schnnme, Fuchse und Rappen geschritten werden konnte. Die Mähnen und Schweife behielt Barbara sich vor, wiederum aus allerlei natürlichen Haaren zu machen. Das angenehme Verhältnis dauerte mehrere Wochen, und immer zeigten sich noch kleine Unvollkommenheiten und Mangel, welche man zu Überwinden trachtete. Landolt gewöhnte sich daran .eben Vormittag e.n ober zwei Stunden hinzugehen; es wurde lhm ein Glas Malaga mit drei spanischen Brötlein aufgestellt, und bald ließ man ihn auch mit der Schülerin allein als einen der sanftesten und ruhigsten Lehrer, die es je gegeben. Die Grasmücke war so zutrau ich rote em gezähmtes Vögelchen und aß ihm bald die Hälfte der Spanifchbrotchen aus der Hand, tunkte fogar den Schnabel in den Malagakelch. Eines Tages überraschte fle ihn mit der geheim ausgearbeiteten Darstellung seiner selbst, wie er in der Jcigerunflorm auf feinem Utraner Apfelschimmel saß; es war natürlich nur seine linke Seite mit dem Degen, mit nur einem Bein und einem Arm; dagegen war die Mähne des Grauschimmels und der Schwanz aus ihren eigenen Haaren, die in der tiefsten Schwarze glanzten, geschnitten ' und" angeklebt, und es konnte aus dieser Opferung sowie aus dem ganzen Bildwerke erkannt werden, wie viel er bet ihr galt. 9 E der Tat hielt sie die beidseitigen Neigungen und Lebensarten für so gleichmäßig und harmonisch, daß ein glückliches Zusammensein im Falle einer Verbindung fast unverlierbar schien, wenn H Me errötend, dergleichen Dinge gar ernstlich bei sich erwog; ynd Salomon Landolt alaubte seinerseits nichts Besseres wünschen zu können, als nach all den Stürmen in diesen kleinen, stillen Hafen der Ruhe elnzulaufen und sein Leben in dem grasmückifchen Museum zu verbringen. Auch in den beiden Häusern sah man die wachsende Vertrautheit der zwei Kunstbeflissenen nicht ungern, da eine Vereinigung beiden Tellen nur ersprießlich und wünschenswert schien; und so gedieh die Sache so weit, daß ein Besuch der Thumeysenschen bet den Landow chen eingeleitet wurde unter dem diplomatischen Vorwande, der humeyst chen Jungfrau den Anblick der ihr noch gänzlich unbekannten Malereien Obgleich'^er "ine^entschiedene und energische Künstlerader besaß hatte er den Stempel des abgeschlossenen, fertigen Sun Her» nie "reicht well ihm bas Leben dazu nicht Zett ließ und er in bescheidener Sorglosigkeit überdies den Anspruch nicht erhob. Allein al» Dilettant staub er auf Oer Landvogt von Greifensee Novelle von Gottfried Keller 5. Fortsetzung. Martin Leu lebte mit seiner Frau noch zwei Jahre kn Paris und nahm dann seinen Abschied. Sie war bei der Rückkehr eine ganz orbent- lich geschulte und gewitzigte Dame und machte keine Schulden mehr. Sie kanMed"eEre"gnissev°n Baden und hatte den Hugenotten wieder er- Büfejd? W sL Kürze halber den Kapitän. Grasmücke undAmsel. Die einseitige Anbetung der Schönheit wirkte aber unmittelbar nach ihrem Mißerfolge noch so nachteilig auf Landolten em, daß er den Halt voll en d s periior $ u nb allen Eindrücken preisgegeben war, Wie wenn die Schwalben im Herbst abziehen wollen, flatterten und kannten alle Liebesgötter, und er bestand noch im selben Jahre, da er der Wendelgard verlustig ging zwei Abenteuer, welche, wie es oei Zwillingen zuweilen geht, nur ^geringfügig waren und in die gleiche Windel gewickelt wer- ^"sebon feit ein paar Jahren hörte Salomon in (einem Ammer, dos auf der Rückseite des Hauses lag, wenn das Wetter schon und die Lust mild war jeden Morgen aus der entfernteren Nachbarschaft, über die Gärten hinweg, von einer zarten Mädchenftimme Psalm singen. Diele Stimme welche erst die eines Kindes gewesen, war allmählich etwas kräftiger geworden, ohne jemals eine grofte Starte zu erreictjen. Doch hörte er den regelmäßigen Gesang, der täglich vor dem Frichstuck stattzufinden schien, gern und nefnnte die unsichtbare Sängerin die Grasmücke Es war aber die Tochter des Herrn Proselytenschreibers und ehemaligen Pfarrherrn Elias Thumeysen, der sich der Last des eigentlichen fiirtpnamtes mit dem Anfall eines artigen Erbes entledigt hatte, jedoch sichimmerno™Ämadjte durch Besorgung einiger Attuariate wie derjenigen der Exulanten- und Proselytenkommissionen Von letzterer führte er auf den Wunsch seiner Frau den Brauchtttel Außerdem war er noch Reformationsschreiber und Vorsteher der Exspektanten des zurche- riicben Ministeriums; im übrigen malte er zu seinem Vergnügen vor jenen Landkarten, in welchen uns jetzt die Weit' aus dem Kopf steht, da Ost und West oben und unten, Nord und Sud aber links und rechts ist. Sein Töchterlein, die Grasmücke, eigentlich Barbara geheißen, trieb aber noch qartv andere Künste, mit denen sie vorn Morgen bis zum Abend beschäftigt war. Der Herr Proselytenschreiber, ihr Vater, machte nämlich auch Da r st« ll unaen aller möglichen Vögel, er klebte die natürlichen Federn derselben oder auch nur kleine Bruchstücke von solchen au Papier zusammen und malte den Schnabel und Fuhs dran him Ein Haupttableau der Art war ein schöner Wiedehopf in natürlicher Große, im Barbara^ hatte^nun diese Kunst weiter entwickelt und veredelst indem sie das Verfahren auf die Menschheit übertrug und eine Menge Biwmffe in ganzer Figur anfertigte, an denen nur das Gesicht und Die Hande qcmalt ‘ waren alles übrige aber aus künstlich zugeschnittenen und zu- iam 'naesestte'n Zeugslickchen von Seihe ober Wolle ober artberen natürlichen Swffen bestaub; und gewiß konnten die Vögel des Anstophanes nicht tiefsinniger fein, als diejenigen des Herrn Prosechtenschrechers, da aus diesen ein so artiges Geschlecht menschlicher Geschöpfe hervorgmg welches das Arbeitsstübchen der kleinen Sängerin anfuUte.^ Da prangte vor allem ihr Herr Oheim mütterlicher Seite, der regieretz.de Herr An- tiftes im geistlichen Habit von schwarzem Satin, schwarzseidenen Strümp en und einem Halskragen von zartester Musseline Die Perücke w° aus den Haaren eines weißen Kätzleins unendlich zierlich und mühevoll zustande gebracht; dazu harmonierten die wasserblauen Augen dem b aß- rosiqen Gesichte vortrefflich; die Schuhe waren aus glanzenden Saffian fchnipselchsn geschnitten und die silbernen Schnallen aus Stanniol, d e Schnittflächen^ des Liturgiebuches aber, bas er tt^ ber Hanb hielt, aus Drelen^Pontifex, ber hinter Glas und Rahmen an erster Stelle hing, umgaben die Abbilder vieler Herren und Damen verschiedenen Ranges und Standes; das Schönste war eine lange Frau in weißem Spltzen- geroanbe, bas ganz aus feinstem Papier aioargearbeitetseumhulte auf der Hanb faß ihr ein Papagei, aus den kleinsten Feberchen einer einer außerordentlichen Höhe der Selbständigkeit, des ursprünglichen Gedankenreichtums und des unmittelbaren eigenen Verständnisses der Natur. Und mit dieser Art und Weise verband sich ein keckes, frisches Hervorbringen, kkas vom Feuer eines immerwährenden con amore im eigentlichsten Sinne beseelt war. Seine Malkapelle, wie er sie nannte, bot daher einen ungewöhnlich reichhaltigen Anblick an den Wänden und auf den Staffeleien, und so mannigfaltig die Schildereien waren, die sich dem Auge darboten, so leuchtete doch aus allen derselbe kühne und zugleich still harmonische Gkift. Der unablässige Wandel, das Aufglimmen und Verlöschen, Wider- hollen und Berklingen der innerlich ruhigen Natur schienen nur die wechselnden Akkorde desselben Tonstückes zu sein. Das Morgengrauen der Landschaft, der verglühende Abend, das Dunkel der Wälder mit den mondbestreiften, tanschweren Spinnweben im Gesträuche der Vorgründe, der ruhig im Blau schwemmende Vollmond über der Seebucht, die mit den Nebeln kämpfende Herbstisonne über einem Schilfröhricht, die rote Glut einer Feuersbrunst hinter den Stämmen eines Borholzes, ein rauchendes Dörslein aus graugrüner Heide, ein blitzzerrissener Wetterhimmel, regengepeitschte Wellenschäume, alles dies erschien wie ein einziges, aber vom Hauche des Lebens zitterndes und bewegtes Wesen, und vor allem als das Ergebnis eines eigenen Sehens und Erfahrens, eine Frucht nächtlicher Wanderungen, rastloser Ritte zu jeder Tageszeit und durch Sturm und Regen. Nun war aber alles das aufs innigste verwachsen und belebt mit einem Geschlecht heftig bewegter und streitbarer, äffpü einsam streifender, oder flüchtig wie die Wolken über ihnen dahinjaKtHer oder still an der Erde verblutender Menschen. Die ReiterpatrouilM .des Siebenjährigen Krieges, fliehende Kirgisen und Kroaten, fechtend^ Franzosen, dann wieder ruhige Jäger, Lawdleute, das heimkehrende Pflugge-spann, Hirten auf der Herbstweide, dazu die von Krieg oder Jagd ausgescheuchten Waldoder Waffervögel, das grasende Reh und der schleichende Fuchs, sie alle besändcm sich immer an dem rechten und einzigen Fleck Erde, der für ihre Lage'paßte. Ost auch erkannte man in dem grauen Schattenmännchen, mühselig gegen einen Strichregen ankämpfte, unvermutet einen WohlbKgnnten, der offenbar zur Strafe für irgend eine Unart hier bildlich durchnäßt wurde; oder man sah eine weibliche Lästerzunge etwa als Nachthexe die Füße in einem Moortümpel abwaschen, der einen Rabenstein bespülte, oder endlich den Maler selbst über eine Anhöhe weg dem Abendrot entgegenreiten, ruhig ein Pfeiflein rauchend. Der Besuch wurde in höflichster Weise bewerkstelligt und empfangen; als der Kaffee eingenommen war, führte Salomon das sorgfältig und halb feiertäglich gekleidete Fräulein in sein Künstlergemach, während die übrige Gesellschaft wohlbedacht zurückblieb, um sich im Garten zu ergehen und die innere und äußere Beschaffenheit des Hauses in Augenschein zu nehmen. Salomon zeigte und erklärte nun dem Fräulein die Bilder und dazwischen eine Menge anderer Gegenstände, wie Jagdgeräte, Waffen, selbstzubereitete Dierskelette und dergleichen. Die Gliederpuppe, welche in der Tracht eines roten Husaren in einem Lehnstuhl saß und ein Staffeleibild zu betrachten schien, hatte sie schon beim Eintritt erschreckt und ihr einen schwachen Schrei entlockt; nachher aber blieb sie still und gab durchaus kein Zeichen der Freude oder des Beifalles, oder auch nur der Neugierde von sich, da ihr diese ganze WAt fremd und unverständlich war. Salomon beachtete das nicht; er bemettte es nicht einmal, weil er nicht auf Lob und Verwunderung ausging;^ eilte in feinem Eifer, ans Ziel zu kommen, nur weiter von Bild zu Bald, während Barbaras von Hellem Stoffe umspannte Brust immer höher zu atmen begann, wie von einer großen Angst. Vor einem Flußbilde, auf welchem der Kampf des ersten Frübcotes mit dem Scheine des untergehenden Mondes vor sich ging, erzählte Landolt, wie früh er eines Tages habe aufftchen müssen, um diesen Effekt zu belauschen, wie er denselben aber doch ohne Hilfe der Maultrommel nicht herausgebracht hätte. Lachend erklärt er die Wirkung solcher Musik, wenn es sich um die Mischung delikater Farbentöne handle, und er ergriff das kleine Jnstrumentchen, das auf einem mit tausend Sachen beladenen Tische lag, setzte es an den Mund und entlockte ihm einige zitternde, kaum gehauchte Tongebllde, die bald zu verklingen drohten, baß) zart anschwellend ineinander verflossen. „Sehen Sie", rief er, „dies ist jenes Hechtgrau, bas in das matte Kupferrot übergeht auf dem Wasser, während der Morgenstern noch ungewöhnlich groß funkelt! Es wird heute in dieser Landschaft regnen, denk' ich!" Als er sich fröhlich nach ihr umsah, entdeckte er wirklich, daß Barbaras Augen schon voll Wasser standen. Sie war ganz blaß und rief wie verzweifelt: „Nein, nein! Wir passen nicht zusammen, nie und nimmermehr!" Ganz erschrocken und erstaunt faßte er ihre Hand und fragte, was ihr fei, wie sie sich befinde? Sie entzog ihm aber heftig die Hände und begann mit verwirrten Worten anzudeuten, daß sie nicht bas minbefte von allebem verstehe, gar keinen Sinn dafür habe, noch je haben werde, daß alles das ihr fast feindlich vorkomme und sie beängstige; unter solchen Verhältnissen könne von einem harmonischen Leben keine Rede fein, weil jeder Teil nach einer anderen Seite hin"ziehe; und Landolt könne ihre friedlichen und unschuldigen Hebungen, die sie bis jetzt glücklich gemacht hätten, ebensowenig achten und schätzen, als sie feiner Tätigkeit auch nur mit dem geringsten Verständnisse $u folgen vermöge. Landolt fing an zu begreifen, wie sie es meine und was sie beunruhige, und er sagte, mild ihr zusprechend, seine Hebungen seien ja nur ein Spiel, gerade wie die ihrigen, und eine Nebensache, auf die es gar nicht ankomme. Allein seine Worte machten die Sache nur schlimmer unb Barbara eilte in größter Aufregung aus dem Zimmer, suchte ihre Eltern auf unb begehrte roeinenb nach Hause gebracht zu werben. Bestürzt und ratlos wurde sie von den Anwesenden umringt; auch Landolt war herbeigekommen, unb wieder begann sie ihre seltsamen Erklärungen. Es stellte sich deutlicher heraus, daß sie dem, was sie quälte, eine viel größere Wichtigkeit beilegte, als der unschuldigen Anspruchslosigkeit eines so garten jungen Geschöpfes eigentlich zugetraut werden konnte; daß aber die Hnfähigkeik, über sich selbst Hinwegzukommen und ein ihr Fremdes zu dulden, wohl großenteils einer gewissen Beschränktheit zuzu- schreiben sei, in welcher sie erzogen worden. Alles Zureden Landolts und feiner Eltern half nichts; diejenigen des verzweifelten Fräuleins aber schienen eher ihre Bangigkeiten zu teilen und beschleunigten sorglich den Rückzug. Es wurde eine Sänfte bestellt, die Tochter hineingepackt, wo sie sofort das Vorhänglein zog, und fo begab sich die kleine Karawane, so schnell die Sänftenträger laufen mochten, hinweg, unter Verdruß und Beschämung der Landoltfamilie. Am nächsten Vormittag ging Salomon, sobald er cs für schicklich hielt, in das Haus des Proselytenschreibers, um nach dem Befinden seines Kindes zu fragen und zu sehen, was zu tun und gut zu machen fei. Die Eltern empfingen ihn mit höflicher Entschuldigung unb fetzten ihm erklärend auseinander, wie nicht nur der tiefgehende Naturkultus und die wilde Skizzenluft feiner Schildereien, sondern auch der Manequin, die Tiergerippe unb all' die anderen Seltsamkeiten das bescheidene Gemüt ihrer Tochter erschreckt hätten, und wie sie selbst auch finden müßten, baß solche ausgesprochene Künstlerlaune ben Frieben eines bescheidenen Bürgerhauses zu stören drohte. Heber diesen Reden, die den guten Talo- mon immer mehr in Verwunderung setzten, kam die Tochter herbei, mit verweinten Augen, aber gefaßt: sie reichte ihm freundlich die Hand und sagte mit sanften, aber entschlossenen Worten, sie könne nur unter der Bedingung die Seine werden, daß beide Teile dem Bilderwesen für immer entsagen und so alles Fremdartige, was zwischen sie getreten, verbannen würden, ein jedes liebevoll fein Opfer bringend. Salomon Landolt schwankte einen Augenblick; doch feine Geistesgegenwart ließ ihn bald erkennen, daß hier im Gewände unschuldiger Beschränktheit eine Form der Unbescheidenheit auftrete, die ben Haus- frieben keineswegs verbürge unb bas geforderte Opfer allzu teuer mache, unb er beurlaubte sich, ohne ein Wort zur Verteidigung feiner Malkapelle vorzubringen, von der Herrschaft, sowie von dem Wiedehopf und dem Herrn Antistes samt ihrem ganzen Gefolge. ♦ Kaum war die übliche Trauerzeit über das Hinscheiden einer Hoffnung vorbei und der Zorn der Großmutter über die ,,saubere Anzettelung", hinter die sie schließlich gekommen, verraucht, so flog die Amsel daher als die unmittelbare Nachfolgerin obiger Grasmücke. Halb Stadtwohnung und halb Landgut, lag in einer der Vorstädte mitten in schönen Gärten ein Haus, in welches Landolt nicht selten zu kommen pflegte, da er in demselben befreundet und auch wohl angesehen war. Als ein Wahrzeichen dieser Besitzung konnte gelten, daß auf einer hohen Weymouthsfichte, die in einer Gartenecke stand, das heißt auf der obersten Spitze dieses Baumes, jedes Frühjahr allabendlich eine Amsel saß und mit ihrem wohltönenden Gesänge die ganze Gegend erfreute. Bon dieser Amsel her benannte Landolt, nach seiner Weise, das nächstliegende Merkmal zu ergreifen, das schöne Mädchen Aglaja, was übrigens auch fein Christenname, sondern eine weitere von ihm ersonnene Benennung ist, da er diesen Namen einer der drei Grazien mit dem Namen der Pflanze Agley, Aquilegia vulgaris, irrtümlich für dasselbe Wort hielt. Zu diesem Irrtum hatte chn der zier- und anmutsvolle Anblick der Agleypflanze verleitet, deren bald blaue, bald violette Blumenglocken ihm ebenso reizend um die schwanken, hohen Stengel zu schweben und zu nicken schienen, wie die aschblonden Locken der Amsel ober Aglaja um deren Nacken. Als er im vergangenen Frühling eines Abends an jenem Hause vorübergegangen, war er einen Augenblick still gestanden, um dem Gesänge der Amsel zuzuhören, und hatte das schöne Wesen zum erstenmal unter dem Baume stehend gesehen. Es war eine Tochter des Hauses, die von mehrjährigem Aufenthalte im Auslande zurückgeholt worden. Seine Augen hatten sie sehr wohl aufgefaßt; da er aber damals just in ben Wenortgardifchen Handel verwickelt war, fo ging er feines Weges weiter, nachdem er den Hut gezogen hatte. Jetzt war es Herbst geworden, und wie Salomon im milden Sonnenschein am Saum eines Gehölzes hinstrich und eine verspätet blühende Agleye fand, dieselbe brach und betrachtete, fiel ihm plötzlich bas Mädchen unter dem Amselbaum ein, dessen er seither nie mehr gedacht hatte. Diese geheimnisvolle, unmittelbare Einwirkung der Blume erschien feinem vielgeprüften und noch suchenden Herzen wie ein spät, aber um fo klarer ausgehender Stern, eine untrügliche Eingebung höherer Art. Er sah die schlanke Gestalt mit dem gelockten Haupt deutlich gegenwärtig, wie sie eben mit gesenktem Blicke dem Gesänge des Vogels gelauscht unb nun die ernsten Augen auf den Grüßenden richtete. Am Abend desselben Tages noch machte er in dem Hause zum ersten- mal feit geraumer Zeit wieder feinen Besuch unb blieb gegen drei Stun- den bei der Familie in guter Hnterhaltung. Aglaja faß still am Tische, mit Stricken beschäftigt, unb betrachtete Salomon ganz offen und aufmerksam, wenn er sprach; oder wenn ein anderer etwas Bemerkenswertes sagte, sah sie wieder zu ihm hin, wie wenn sie seine Meinung hierüber ^erforschen wollte. Es war chm sehr wohl zu Mut, und als er fortging, ggb sie ihm mit einem festen Schlage die Hand und schüttelte die seimgf wiederholt, wie einem alten Freunde. Als er sie bald nachher auf der «Haße traf, erwiderte sie seinen Gruß mit einem leisen Lächeln berJJreubei über bie unverhoffte Begegnung, und nicht lange darauf sandte sie sogar eine schriftliche Botschaft an ben neuen Freund und fragte ihn,-ob er nicht der kleinen Weinlese beiwohnen möge, die soeben o u,nb Leiste abend mit einer bescheidenen häuslichen Lustbarkeit ihren Abschluß finden würde. Gern sagte er zu und begab sich 3ur geeigneten Zeit, mit Feuerwerk versehen, nach dem halb ländlichen Wohnsitze, wo eine Menge junger Leute und Kinder fröhlich ver- isiwwelt waren. Er machte sich mit feinen Raketen und kleinen Sonnen nützlich unb beliebt bei der aufgeregten Jugend; wiederholt tarn Aglaja, bte überall ordnete und sorgte, um ihre Freude über fein Kommen unb teine vortrefflichen Leistungen zu bezeugen; unb als es zum Üblichen Winzermahle ging, welches die Hausfrau, ihre Mutter, wegen Hnwohl- feins im Stiche lassen mußte, fetzte sie ihn unten an ben langen Tisch, aber neben ihren eigenen Platz. (Fortsetzung folgt.) Krähen und (knien. Von Georg Britting. Weil der Schnee seit Stunden fällt lieber diese weiße Welt, lieber Dächer schräggestellt, Will die Krähe, Schwarzgemäld, Der das Wirbeln nicht gefällt, Auf dem Zaun norm Garten Das End vom Schnee erwarten. Ach, der weihe Flockentanz Hört wohl nimmer auf! Auf dem schwarzen Krähenschwanz Türmt sich der Schnee zu Haus. Krähe sitzt mit krummem Mund, Bös, ein stummer Hasser. Doch die Enten schnattern bunt, Fliegen durch den Flockenfall Langgehalst und brustkorbprall — Auch der Schnee ist Wasser! Willy und der iKing. Don Georg von der Bring. fhi&r werde ich den Willy vorfuhren. Willy war ein hübscher, e' cine® Morgens auf der Fensterbank meiner Kam- kknn $ * ba^n' b?& er sich mit lautem Eifer an meinem Mikro- ih£ £Lf7^-en Tlte: ?ls aus dem Bett« sprang, entlief er mir über das schräge Dach unserer Remise in den Garten hinunter. fein3ffrfK^'fn5enfter “nb»Äte zärtlich nach. Ich erklärte mir fein Erscheinen so. wenn ein Aeffchen in unserer Gegend auftaucht so ist S" ^rmuten, daß es Herrn Blachfeld gehört. Blachfeld war der Mann, -in fflLb’»Cm-(^°r9cn ben Laden im Nachbarhause bezog, um darin ein Geschäft mit Sämereien zu eröffnen. „ ®5 'ch wich über die Fensterbank oorlehnte, erblickte ich im Hof des Nachbarhauses allerlei Möbelstücke. Willy sah ich nicht er idiien nirfit in den Hof zurückgekehrt zu sein. Wo war er geblieben? J . 3,?xen- uns an und damit haben wir wohl das größte und schönste Lob su diesen Dichter ausgesprochen, auch wenn man sich hüten soll, erlaucht' Namen ins Feld zu führen. u n s^sch e in? '"le i ch/z u' b'e h a tt e n ^Joh an ne CHi ke. Er verdient es sehr, . dient und damit dem Mit uno jemem «anue, ,u iuu;c "" viel Sn' /werden. Aber, im Lärm desTages erschsieh sich di^er Sprache, dem ewigen D^nb^ub nnen un^bm^em Schicksal^a^nk nung, die ihm unlängst durch Verleihung des Berliner Llteraturpreyes zuteil wurde. Pintes Voriahren waren Handwerker in Mitteldeutschland, sein Vater BSiffi S.ML.A.WM » NM lahr'stan/er an "her Wes/will^ He/a/siudierteer wieder wurde Fabrikarbeiter, Schreiber, wanderte in den Bohmerwald orbeitete taasüber auf dem Feld bei Bauern und bei der Nacht an leinen Gedichten, heiratete als blutjunger Kerl 1922, Schlug sich als Ueber- ieher Nachtwächter und Tagelöhner schlecht und recht durch, bis ihm ein Häuschen und ein Stück Grund zusiel. Er lernte die Schreinerei und hungerte von neuem. Mit 28 Jahren bezog er noch einmal die Un - uerjität und lebt jetzt mit seiner Frau und vier Kindern als Dorsschullehrer in Oberfranken. Aber lassen wir Linke selber erzählen: „Mein erstes Wort so hat mir die Mutter oft gesagt, sei ,Baum gewesen, und dieses erste Wort ist | in mir fortgeklungen und erfüllt mich noch heute verheißungsvoll wie das brausende Geläut einer Domglocke. Allzu viel Baume gab es freilich nicht in der Dresdner Vorstadt, doch genügten sie mir vollauf, die Straße, an der wir wohnten, war mit Linden bestanden, in un(erm Gärtchen hinter dem Hause entfaltete sich ein Holunderbusch zum Baume und der Sauertirschbaum daneben war auch schon groß genug, daß ich nurm feinen Aesten eine Bank bauen und als Schulbub meine Lernaufgaben zwischen Blüten, Blättern und Früchten machen konnte. Baumstamme aber lagen zu Hunderten unter unfern Fenstern, in dem Hose einer Klavierfabrik und als ich größer war, trieb ich täglich sUmdenlang zwischen den Holzstapeln, in der Brettersäge und bei den Tischlern mich herum, denen ich die Anfaiigsgründe meiner Schreinerkenntnisse verdanke. Die meiste Zeit aber verbrachte ich in der Wüste und Steppe des Stadt- randes, die'wir die „Prärie" nannten, und wo täglich Hunderte von Müllwagen ihre Schätze abluden. Als Einzelgänger und in Wandervogelgruppen lernte ich später aus immer größeren Fahrten die Heimat kennen und vertiefte mich zwischendurch in die vielen Bucher der Dichtimg. Daneben besuchte ich auch die Schule, wo ich bet den Lehrern Sprachen und Rechenkünste, bei Öen Mitschülern aber neue Streiche, lernte, z B. das Katapultschiehen, das ich so trefflich beherrschte, daß uh. zur Veloh- nung mit einemmal eine Stunde Karzer erhielt, weil ich meinen Lehrer, der gerade eine Formel an die Wandtafel schrieb, genau an die kahle Stelle feines Hinterkopses getroffen hatte. Mit achtzehn> Jahren hatte ich das Zeugnis der Notreife, trat ins Heer em, wurde Beobachter, Fern- sprecher Meldegänger und Gefreiter und marschierte mit meiner Truppe, nach de'n.Rückzugskämpsen von Frankreich bis nach Sachsen, wo wir kurz vor der lichtlosen Weihnacht des Jahres 1918 eintrafen. Früh erkannte ich baß alles, was einer tut, in einem sinnvollen Zusammen- | bang stehen muß. Danach hanble ich auch in.meiner Dichtung. Von den Bäumen und Wäldern habe ich gesungen, und von den Menschen der Wälder erzählt, und wenn mich heute auch andere Dinge bewegen Io sind doch auch sie letzten Endes in den Wäldern daheim, wo das Vaterhaus meiner vier Kinder am Berghange steht." fallen konnte und schleuderte ihn mit heftigem Schwung gegen die Blechplatten, die an der Hinterwand des Ladens lehnten und als Unter fetzer für das Schaufenster dienten. Klirr! Klirr! Klirr! Der toame ftmihto nnb fvrikte» Und daß wir jetzt gekommen waren und ihm Kau/ i/e/ibm in feinem Tun' noch zu beflügeln, als wäre es Man hätte ihn doch nicht einfpetren dürfen. ZWSMWiWW MMMsW-MZ war in dieser Geschichte, seine vierte und beste Nummer. fürr Blachfeld schloß sofort die Tür. Darauf listete er Willy den Ä S’SS ÄS wieder, wie sie mindestens sein sollte. Ä88ÄÄ ÄS L $)err Blachfeld verkaufte sie als Vogelfutter. Der Dichter Johannes Linke. Von Hastns Arens. Derantwortlich: Dr. HanS Thhrivt. - Druck und Verlag: Vrühlsche Unibersitätsdruckerei A. Lange. Gießen. i !4 e 1 A. JlW5 ieisai Un j schm trand) mich sch 5i «in ( ich»!! Bit { kgl°! oi, u « w fit, laben (eine terfe ei itoas iitte sch! e „I mb । Ihigce »ich Si inb Ctber unbet fottbe: ßrtbe «hr t?chei «,s il joppt A ®U)( ke Hit t «uäi Hnjf trübe bebur ft lei öir t Ä ulet frei1 fr« Olt i h Unter mit j J Mer , lli «m 3 Sülle Mm is 9e tz •h S.i *”»01