SietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, -en 3. Oktober Nummer 77 Christine von ÄNotti Roman von Rolf Brandt Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin 4. Fortsetzung. Christine begann zu zeichnen. Sie zeichnete die Augen und den Haaransatz, und dann versuchte sie, diesen merkwürdigen ausgelöschten Ausdruck des Gesichtes auf das Papier zu bringen. Der Professor ging von Tisch zu Tisch. Er zog eine Linie nach, er zeigte falsche Proportionen, er zeichnete auf den Block der Erika Helmann mit ein paar Strichen die ganze Figur. Er sprach wenig. Zu dem Schweizer, der vvA allen besonders freundlich behandelt wurde, weil er die prachtvollsten Lebensmittelpakete bekam mit echter Schokolade, mit echtem Kaffee, echtem Tee und mit vielem Zucker, war er auch ganz kurz. „Wenn Ihre Hand so zittert, werden Sie nie einen guten Strich bekommen. Denken Sie daran, wie Ihre Eltern in Zürich arbeiten müssen, damit Sie hier etwas lernenI Zeichnen und Malen, das sind ernste Sachen. Wenn Sie es so weitertreiben, muß ich an Ihre Eltern schreiben." Der Schweizer, ein hübscher junger Mensch von einundzwanzig Jahren, sah zornig auf: „Wir sind hier nicht mehr auf der Schule, Herr Professor", sagte er. „Gerade deswegen", sagte der Professor. „Wir sind im Leben, und da gibt es eben Künstler und Bummler." „Es gibt auch Künstler, die Bummler sind." „Vorläufig gehören Sie zu denen noch nicht!" Zuletzt kam Professor Rottenbach zu Christine. Er hatte ihr bei der Begrüßung einen freundlichen Blick zugeworfen, aber kein Wort weiter e. Jetzt stellte er sich neben di« Staffelei und sah schweigend eine zu, wie Christine arbeitete. „Das ist zu schwer, Fräulein von Rucktasch, was Sie da wollen! Sie sollen auch ganz etwas anderes hier lernen", sagte er nach einer Weile. „Sie wollen die Traurigkeit bannen. Sie sollen ober da die Linien zeichnen. Sie sollen lernen, den menschlichen Körper zu begreifen, den Uebcr- gang von der Schulter in den Arm, die Schatten unter den Brüsten, diese merkwürdige Schärfe, in der dort der Beckenknochen herauskommt." Christine legte die Kohle neben ihren Platz. „Muß das fein?" fragte sie. „Das muß sein", sagte der Professor. „Sonst malen Sie nachher, wie es die Weiber meistens tun, Menschen, die überhaupt nicht gehen können, und Bäume, die niemals wachsen. Wenn Sie schon das Auge zeichnen, würde das so sein." Er setzte sich neben sie auf den nicht sehr breiten Schemel und nahm die Kohle. Er begann zu zeichnen, wischte, zeichnete, das Gesicht des jungen Modells entstand, und um den Mund war dieser wehe Zug, und um die Augen waren diese Schatten der Traurigkeit. „Das wäre so ein bißchen das Gesicht", sagte er dann. „Aber das sollen Sie nicht zeichnen." Er begann wieder den Stift über den unteren Teil des Blattes zu ziehen: „Sehen Sie, das ist der Rücken! Sehen Sie, so liegen die Beine, so setzt sich der Kopf an. Dabei müssen Sie versuchen, die Linien ungebrochen zu lassen. Ich weiß, man kann es auch so mit lauter kleinen Strichen erreichen, aber eigentlich muß man es in der Pfote haben. Frisch versucht! Fangen Sie an, Sie können es ja!" Er riß das Blatt ab und wollte es zerknüllen. Christine sah ihn an. 3n ihren grauen Augen stand plötzlich eine Flamme der Bewunderung und die Zärtlichkeit einer Bitte: „Bitte nicht! Lassen Sie mir das Blatt!" Sie nahm sich zusammen: „Als Erinnerung an meine erste Stunde!" Der Professor war erstaunt über die Lebendigkeit des Blickes und die Dringlichkeit der Stimme: „Schau, schau", sagte er und stand auf. „Das Kind brennt ja!" Er scheitelte den Kopf und fuhr ihr dann mit seiner mächtigen Hand „über die Haare: „Also los, Fräulein von Rucktasch! Große, feste Linien wie der Großvater, nicht wahv?" Christine wurde rot. Sie nahm den Kohlestift und maß sorgfältig die Entfernung. Sie visierte, und bann fuhr der Stift über das Papier. Der Professor aber drehte sich nicht noch einmal um. Er stand jetzt neben dem blassen jungen Menschen, der immer noch ein paar Gramm •°(ei in der linken Hüfte trug. „Ganz gut, Kamerad", sagte er. „Es wird schon werden! Uebermorgen fahren wir ganz früh alle nach Groß- glienicke, und dann könnt ihr wieder schmieren mit den verdammt schlechten Farben! Wir gehen zur Ziegelei und dann über die Wiese zum See. Außerdem gibt’s Fische dort zu futtern, was euch ja auch nicht unangenehm sein wird." Um ein Uhr packen die Kollegen die Zeichenstifte und das Papier zu- sammn und binden die schmutzigen weißen Kittel ab. Der Professor tritt neben eine von ihm selbst gezeichnete riesige Karte des Kriegsschauplatzes, sie nimmt fast die ganze Rückwand des Ateliers ein. Mit einem langen Stock zeigt Rottenbach auf die einzelnen Orte. „Dort ist Amiens! Amiens haben wir nicht bekommen! Da liegt domptegne. Gegen Compiegne sind wir seit zwei Tagen zum Angriff S?cien'n'’n diesen Wäldern" — er zeigt auf ein schraffiertes Gebiet südlich der Loire — „kämpfen augenblicklich unsere Kameraden! Der letzte Heeresbericht sagt, daß starke französische Tankangriffe bei Mery und Courcelles begonnen haben. Wir sind im Angriff, und der Angriff schreitet fort. Wir denken an unsere Kameraden an der Front!" Er grüßt mit der rechten Hand und geht dann durch die Seitentür in sein kleines Wohnzimmer neben dem Atelier. Sie fuhren mit dem kleinen Dampfer von Wannsee nach Kladow und wanderten dann über die Felder und Wiesen entlang einem lichten Kiefernwald zu der Ziegelei am Großglienicker See. Eine mächtige Kastanie stand vor dem alten, kleinen Gebäude. Eine junge, hübsche Wirtin kam heraus und brachte eine Riesenportion gekochter Börse mit einer grünen Petersiliensoße. Es gab reichlich Kartoffeln, denn nebenan begannen ja die Felder ... . Hier war man ganz entfernt von Berlin, man merkte sein Atmen nicht mehr und nicht mehr die unsinnige Spannung, die durch alle Straßen der Stadt ging. Der Professor war sehr schweigsam. Er nahm sich sichtlich zusammen, um überhaupt zu sprechen. Die Mädchen lachen und sind glücklich über die reiche Mahlzeit, die drei jungen Leute machen steche Bemerkungen über das Modell von gestern und freuen sich, wenn es gelingt, die Bemerkung so kräftig zu gestalten, daß eine der vier Kolleginnen rot wird. Der Professor hört sich das ein Weilchen an. Eben will er mit einer humorvollen Bemerkung die saftigen Sätze der Malschüler abdämpfen, da sagt Christine: „Ihr seid heute unausstehlich albern! Wie ein Mädchen aussieht, wissen wir alle. Es ist lächerlich, über so ein armes, mageres Geschöpf auch noch dumme Bemerkungen zu machen. Wenn wir uns vertragen wollen, müßt ihr das lassen!" „Hoho", sagt Heinrich Schüttewald, der weiß, daß er nicht allzulange zu leben hat, „warum sind Sie eigentlich nicht Oberlehrerin geworden, Rucktasch?" „Weil ich Talent zum Malen habe!" „Ich wohl nicht?" sagt Schüilewald. „Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube, Sie hätten einen anderen Beruf'ergreifen sollen!" „Welchen denn?" fragt der schmale, schwindfüchtige Mensch, indem er Christine frech ansieht. „Mädchenhändler vielleicht", sagt Christine. Schallendes Gelächter der ganzen Runde beendet den Wortwechsel. Christine winkt mit der Hand über den Tisch und reicht sie dann hinüber: „Wir wollen uns schon vertragen, Schüttewald! Cs ist wirklich unsinnig in dieser Zeit, wenn man sich auch noch zankt!" „Bravo!" sagt der Professor. Der Schweizer verteilt nach dem Essen seine guten Zigaretten und sieht Christine dabei aufmerksam an. Er hat bisher noch keine zehn Worte mit ihr gesprochen. Er findet sie häßlich. Jetzt sagt er nachlässig: „Sie sind frech, aber amüsant!" „Ach", sagt Christine, „Sie haben es gut, denn Sie sind dumm!" Der Schweizer bekommt ein rotes Gesicht: „Sie nehmen sich sehr viel heraus, finde ich! Sie glauben, Sie könnten das, weil Sie die Enkelin eines berühmten Malers sind? Wissen Sie, was das'ist? Das ist eine Chaiberei!" Christine lacht: „Lieber Gottstied Demfi, es ist eine Chaiberei, aber recht habe ich doch!" Sie rannte schon mit dem letzten Satz den schmalen Weg zwischen den Wiesen hinab zum See. Oemll stürzt ihr nach. Er rannte, als ob es darum ginge, einen neuen Rekord für die hundert Meter aufzustellen. Aber Christine konnte sich auf ihre langen Beine gut verlassen. Sie gewann schnell an Boden. Da war der kleine Graben, der zwischen ^dem Groß- glienicker und dem Sakrower See fließt. Mit einem Satz schwang sich ihr leichter Körper von Böschung zu Böschung. Der Schweizer machte halt. Um eine Handbreite wäre er mit den schönen neuen Schuhen in das gelbe fließende Wasser getreten. Die ganze Gesellschaft kam jetzt herausgesaust. Der Professor ging ein paar Schritte nach links hinauf, wo ein kleiner Akazienwald begann. Er Sie hatte die Knie hoch- zu House!" (Fortsetzung folgt.) „Sie sind eine tolle Perron Christine, die Knie mit den ruhigen grauen meine Frage!" „Ach, Oemli, Ähre Frage kann man ja auch nicht beantworten! Aber ist die Wolke nicht schön?" Sie nahm ihren kleinen Aquarellblock und begann mit weicher Farbe 3U ,Maz' malen Sie, Fräulein von Rucktasch?" fragte der Professor. „Sie malt eine Wolke", sagte Oemli, „die von Potsdam nach Berlin segelt!" „Und in Berlin", sagte der Professor, „wird sie von dem grauen Rauch ausgesogen!" I Sie packten alle ihre Malutensilien aus und begannen die Stafseleien auszurichten. t , Gottfried Oemli mußte noch einmal den Weg zurückgehen, denn bei seinem Wettlauf hatte er nicht an die schwere Staffelei gedacht. „Soll ich Ihr Zeugs auch mitbringen?" fragte er Christine. „Das ist nett von Ihnen", sage Christin«, „aber ich glaube, ich möchte nur aquarellieren." Aber die Wolke war schon längst über den hohen Kiefernrand gezogen, die Sonne hing strahlend über der blauen Seefläche, von der an- I deren Seite her, wo das Dorf lag, wehte der Duft von Lindenblüten heran. Der Professor sah ihren Blick. „Ja, sehen Sie, mein Fräulein: Wolken verwehen, und Traurigkeit verwandelt sich in Lächeln. Sie müssen erst das Handfeste lernen, Sie waren doch da auf dem besten Wege auf Ihrer Klitsche an der Elbe! Nur keine Sentimentalitäten! Malen Sie doch das Stückchen Schilf da. Es ist schwer genug, viel zu schwer für Sie, aber versuchen Sie es! Es ist übrigens merkwürdig, warum Sie durchaus den See nicht malen wollen!" „Das tun ja schon die sechs anderen", sagte Christine. „Das wäre kein Grund, das wäre gar kein Grund! Als Maler muß man zunächst sein Handwerk kennen, dann darf man vielleicht, vielleicht einmal träumen ... wenn man träumen kann!" Professor Rottenbach kümmerte sich wenig um seine Schüler heute. Erst als die Sonne hinter den Kiefern sank, dem schmalen Waldstück, das dem Bauern Günther gehörte, der hier am See seine Fohlen hatte weiden lassen, sprang der Professor auf. Er sah flüchtig auf die Staffeleien, nahm hier und da den Pinsel und setzte ein wenig Farbe auf, aber er war nicht recht bei der Sache. Er blieb neben dem verwundeten jungen Offizier stehen: „Ach, Kamerad, wir malen hier, Sie mit der kaputten Hüfte und ich mit der einen Hand — und sie haben Compiegne nicht bekommen! Sie haben Amiens nicht bekommen, und die Amerikaner sind da! Ach, Kamerad, beten wir, vielleicht Hilst Beten!" Der Krieg war zu Ende. Im Dezember zogen die Truppen durch das Brandenburger Tor. Die Linden waren wieder schwarz von Menschen. Sie marschierten ein mit elenden Gesichtern, in alten Uniformen, Infanterie, Kavallerie. Schwarzweißrote Fahnen waren über den Wagen und über den Geschützen. Mädchen und Kinder saßen auf den Protzen. Um die Säulen des Branden-, burger Tores waren Girlanden geschwungen, der Himmel war dunkel- grau. Ein paar Tropfen fielen, früh kam eine neblige, trübe Dämmerung. Die Militärkapellen dröhnten: „Holtet aus! Haltet aus ..." Immer tiefer sanken die Bahrtücher der Wolken. Christine stand an der Tribüne. Sie sah mit brennenden Augen auf die marschierenden Truppen, auf die Offiziere zu Pferde, auf die ratternden Geschütze. Man hatte es dem Oberregierungsrat nohegelegt, daß feine Tochter neben anderen jungen Mädchen Blumen überreichen sollte. Christtne hatte das obgelehnt. Es war zu einem neuen Zusammenstoß gekommen. „Ich muß meinen guten Willen zeigen", sagte der Bater. „Wir Beamten müssen uns opfern!" „Ich will nicht", hatte Christtne gesagt, „ich bin keine Beamtin! Ich will Blumen schenken, obwohl sie sich nicht viel daraus machen werden, denn ich bin häßlich! Ich will alles tun, was man von mir verlangt, aber nicht da Unter den Linden! Der Professor hat gesagt, er möchte sich einschließen in einen'Kerker und nichts mehr'sehen. Er hat recht!" „Dein Professor hat ja immer recht!", hatte der Bater gesagt. „Aber ein Volk muß leben!" ,Hch habe nicht gemerkt, daß wir leben!" hatte Christine kalt geantwortet. Immer wieder rauschte die Musik auf. Endlich verfchwanden die Umrisse der Truppen im Dunkel der Nacht. Nach diesem Tog« wurde in der Billa noch weniger gesprochen. Die Zeit rann^leichmäßig. Christine war fast den ganzen Tag auf der Straße. Sie sah die Umzüge und die Demonstrationen, sie wurde von Gewehrschüssen beinahe gestreift. Sie rannte zum Marstall, sie zeichnete die Pattouillen in dem zerlumpten grauen Tuch und der roten Binde am Arm... Der Professor Rottenbach hatte sein großes Kriegsbild an die Hamburger Galerie verkauft. Er sah seine Schüler freundschaftlich an. „Heute fon!" sagte er. Er sah jetzt den jungen, schmalen Körper unter dem dünnen weihen Kleide, das Gesicht — , „ _ . Augen. „Komisch sind Sie", sagte er dann und warf sich neben sie ins Gras. „Was habe ich Ihnen eigentlich getan?" Christine sah in den ganz hellblauen Himmel, über den langsam em paar Wolken tarnen. „Die Wolken", sagte sie, „kommen aus Potsdam und gehen nach Berlin. Das ist unser Weg, der Weg aller Preußen!" Gottfried Oemli schüttelt den Kopf: „Das ist doch keine Antwort auf wußte dort lag eine alte Bohle über dem Fließ. Sorgsam stutzte er den Kriegsverletzten, damit der junge Mensch ohne Schaden hinuberkame. , Christine lag schon auf der Wiese am See. r='~ gezogen und die Hände darurngeschlungen. Gottfried Oemli tarn schwer atmend heran: abend seid ihr eingeladen. Wir machen Musik. Ihr könnt ia nun nicht ein ganzes Leben lang trauern, das sehe ich ein! Äh5 habt den Krieg ja nicht verloren!" Es stellte sich heraus, daß weder die MAxhen noch die jungen Leute richtig tanzen konnten. Nur der Schweizer machte eine Ausnahme. Nach ein paar Gläsern Punsch wurde die Stimmung ausgelassener. Die Mädchen lachten, der Schweizer steppte durch das Atelier, sie begannen un- vermittelt zu fingen. Aus einmal sah Erika Heimann auf dem Schoß von Heinrich Schüttewald, der sie an sich zog und wie ein Rasender küßte. Der Leutnant nahm seine Ziehharmonika und spielte. Er spielte eine russische Melodie, die er im Felde gelernt hatte. Christine begann zu tanzen. Die Glieder waren ihr merkwürdig leicht. Sie tanzte einen Kosakentanz, wie ihn die beiden Sibiriaken da auf dem Gut vor Jahren vor vielen Jahren schien es ihr — getanzt hatten. Sie ging in die Kniebeuge, sie raste durch den langgestreckten Atelierraum. Die anderen klatschten im Takt. Der Schweizer fing sie auf. Er drückte sie mit frechem Griff an sich. Sie lieh es geschehen. „Ihr seid langweilig", sagte sie. „Langweilig seid ihr!" „Kommen Sie, wir wollen noch ein Glas Sekt trinken!" sagte der Schweizer. In der Bar spielte' eine Negerkapelle. Aus den hohen Stühlen sahen Engländer, Franzosen und Amerikaner. Der kleine Tanzraum war überfüllt. Eine Anzahl der Gäste schien betrunken zu sein. Gottfried Oemli bekam sofort einen Tisch in einer Nische. Er war hier bekannt. Der Kellner prüfte mit frechem Blick das Gesicht von Christtne und das einfache Kleid, das sie trug. Er fragte nicht viel, sondern stellte eine Flasche französischen Sekt auf den Tifch. Christine hob das Sektglas: „Ach, Gottstieb Oemli, Sie sind ein brolliger Kerl! Warum suchen Sie mich gerade aus?" Oemli sah sie an. „Sie haben den Satan im Leib!" „Vielleicht", sagte Christine. „Wir wollen tanzen!" Man schob sich, eng aneinandergepreht, nach den scharfen Rhythmen vorwärts. . . Der Geruch von Parfüm übertäubte die Ausdunstung der eng anein- andergeprehten Menschensörper. Das Saxophon quäkte, und eine kleine Handtrommel rasselte wie bei einem Negerfest. Christine sah in einem hohen Spiegel plötzlich die tanzenden Paare und sich dazwischen. Sie sah rote Wangen, unnatürlich große Augen, stechrote Lippen, rotblonde Haare. Dazwischen ein blasses Mädchengesicht, unnatürlich blaß zwischen all diesen geschminkten, gepuderten und gefärbten Larven. Sie erschrak. Das ist ein Traum, dachte sie. Ich bin gar nicht so blaß, und sie sind gar nicht so grell, man träumt das nur. Man wird aus- wachen ... Ja, wozu wird man aufwachen? Sie gingen zum Tisch zurück, der Schweizer setzte sich neben sie und legte die Hand um ihre Schulter. Es war alles gleich. Sie trank das nächste Glas Sekt auf einen Zug, dann ließ sie den Schweizer stehen, ging in die Garderobe und lieh sich von der Aufwärterin einen Lippenstift geben. Sie färbte sich den Mund grellrot. Nun sah dieses Gesicht noch blasser aus, aber es wirkte wie beabsichtigt. Auch das einfache Kleid wirkte nun wie eine Herausforderung. Als sie wieder mit Oemli tanzte, merkte sie, wie die Blicke ihr folgten. Es kommt nicht darauf an, daß man häßlich ist, dachte sie, ach, es kommt auch nicht darauf an, hier zu gefallen! Aber wenn man schon hier ist, dann sollen sie verrückt sein, diese Bande! Sie tanzte mit anderen. Da war ein Engländer, der kam aus Köln und gehörte zum Stabe der Besatzungsarmee. Seine hochmütigen hellen Augen gingen über die Tanzenden fort. Er tanzte ausgezeichnet. „Was suchen Sie eigentlich hier?" fragte Christine. „Sie amüsieren sich doch gar nicht!" „Ich?" sagte der Engländer. „Ich suche gar nichts, ich komme aus dem Feld, wissen Sie. Nun, da man den Sieg hat, ist man leer!" Er sah üe an. „Etwas suche ich doch! Ein hübsches Mädchen zum Mit- nehmen." „Nach England?" fragte Christine. „Nein, ins Hotel", sagte der Engländer. „Ach, Sie werden schon etwas finden", erklärte Christine sachlich. „Ich wünsche nicht mehr zu suchen", sagte der Engländer. Christine ging an ihren Tisch und wollte Oemli bitten, daß er sie nach Hause brächte. Sie hätte noch gern weitergetanzt, es trieb sie ewas, das scharfe Parfüm einzuatmen, im Takt zu gleiten ... Oemli tanzte mit einem schwarzhaarigen Mädchen, das wie eine Spanierin zurechtgemacht war, mit' großen Ohrringen an den kleinen Ohren. Sie fühlte die Hand des Engländers um ihre Hüfte. Sie zitterte. Ach, es war immer dasselbe! Ob man da in den Gassen von Alt-Berttn lief oder... Sie lächelte. Sie sagte: „Ich komme gleich wieder, mein Herr! Dann raste sie in die Garderobe. Draußen war winterlicher Sternenhimmel. Die Straßen lagen da wie dunkle Schächte, über denen fern das Licht gespannt war. Ein paar Masken huschten durch die Februarnacht, ein paar Autos rumpelten vorbei. Sie öffnete ihre Börse. Mit fünfzig Pfennig konnte man nicht herausfahren. Die Uhr war nicht viel wert, vielleicht tat es ein Chauffeur dafür! Sie fühlte sich merkwürdig leicht und frei. Man hätte auf dem glatten Asphalt tanzen können. .. Der alte Mann am Steuer sah sich die Uhr an. „Außerdem habe ich noch fünfzig Pfennig", sagte sie. , „Na ja, die Uhr, bet sind ja Sachwerte , sagte er. „Da looft nu so n Kind mang bet Gesindel! Also steigen Se man in! Hoffentlich gibt 5 was Das Kind am Brunnen. Bon Friedrich Hebbel. Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht! Doch die liegt ruhig im Schlafe. Die Böglein zwitschern, die Sonne lacht, Am Hügel weiden die Schafe. Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf. Es wagt sich weiter und weiter! Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, Da stehen Blumen und Kräuter. Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief! Sie schläft, als läge sie drinnen! Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief. Die Blumen locken's von hinnen. Nun steht es am Brunnen, nun ist es am Ziel, Nun pflückt es die Blumen sich munter; Doch bald ermüdet das reizende Spiel, Da fchaut's in die Tiefe hinunter. Und unten erblickt es ein holdes Gesicht, Mit Augen so hell und so süße. Es ist sein eignes, das weiß es noch nicht, Viel stumme freundliche Grüße! Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind Winkt aus der Tiefe ihm wieder. Herauf! Herauf! so meint's das Kind, Der Schatten: Hernieder! Hernieder! Schon beugt es sich über den Brunnenrgnd. Frau Amme, du schläfst noch immer! Da fallen die Blumen ihm aus der Hand Und trüben den lockenden Schimmer. Verschwunden ist sie, die süße Gestalt, Verschluckt von der hüpfenden Welle. Das Kind durchschauert s fremd und kalt. Und schnell enteilt es der Stelle. Heimkehr. Erzählung von AndrS Baron Foelckersam. Renate liegt im hohen, weißlackierten Krankenhausbett. Das Zimmer ist voll von Stille. Es ist erst sieben Uhr früh und noch dunkel draußen. Renate liegt ganz still und sieht zu, wie das Morgenlicht langsam und tastend ins Zimmer dringt. Heute ist ihr letzter Tag im Krankenhaus, heute vormittag soll sie entlassen werden. Es ist ihr schwer, sich vor- zuftellen, daß sie in wenigen Stunden wieder zu Hause ist, bei Hubert und Ali. Als sie ins Krankenhaus gebracht worden war, hatte sie geglaubt, daß sie sterben würde. Es ist hart zu sterben, wenn man jung ist und keine Zeit gehabt hat, sich mit dem Tode anzufreunden. Sie hatte Hubert nichts davon gesagt, als sie auf der schmalen Bahre den Fiur entlang ins Operationszimmer gefahren worden war. Sie hatte ihn nur zum Abschied zugewinkt und gelächelt. Dieses Lächeln sollte tapfer sein, aber ihre Lippen hatten gezuckt. Die ersten Tage nach der Operation war alles wie in einem Nebel getaucht. Renate schlief und erwachte für Augenblicke. Wenn sie die Augen öffnete, sah sie Huberts geliebtes, besorgtes Gesicht. Er saß an ihrem Bett und strich über ihre Hand. Renate fragte nach Ali. „Du sollst nicht sprechen. Liebes!" bat Hubert. Er hielt ihre Hand, und Renate lag mit geschlossenen Augen da und erwiderte den Druck seiner Haüd. Das Leben war so schön und neu und beglückend, ein großes, un- saßbares Wunder . Huberts Mutter holt Renate ab, Hubert ist int Büro. Renate geht, auf den Arm der Schwiegermutter gestützt, durch die langen Krankenhausgänge zum Ausgang. „Zu Hause wirst du dich gleich nach dem Essen hinlegen, mein Gutes", sagt Huberts Mutter, als sie in der Autodroschke sitzen. Renate nickt. Aber sie will sich nicht wieder hinlegen sie will nicht länger als Kranke behandelt werden und wie durch eine unsichtbare Mauer von jenem Leben ausgeschlossen sein, in das sie jetzt, nach so vielen Wochen, zurückkehrt. Sie lehnt sich in den Sitz zurück und schließt die Augen. jeder Sekunde, mit jeder Drehung der Räder, trägt das Taxi sie in ihr altes Leben zurück. Als sie endlich vor der Wohnungstür stehen, hört Renate Alis helle ■Stimme Sie bekommt Herzklopfen. Aii ist vom Spaziergang heimgekehrt. Er sitz in seinem weißen Pelz- mäntelchen im Vorzimmer auf dem Stuhl. Fräulein ist gerade dabei, iihm die hohen weißen Gummistiefel abzustreifen. Als Ali Renate sieht, geginnt er zu lachen und mit den winzigen rosa Händen zu winken. Renate kniet vor ihm und küßt die rosigen Finger, die sich ihr entgegen« strecken, und das runde, von der frischen Luft rosigblühende Gesicht. Ali Sreift nach ihrem Haar, jauchzt und spricht eilig und unverständlich in seiner Eigenen geheimnisvollen Sprache — ein helles, unaufhörliches Gezwitscher. Aber Renate versteht ihn. Sie streift ihm das Mäntelchen ab, streicht über das silbrigblonde, flaumige Haar. Sie möchte am liebsten ganz allein mit ihm sein, ihn ganz allein für sich haben, ihren Sohn — Alexander! Fräulein erklärt, daß Ali sein Mittagessen haben muß und nimmt -hn bei der Hand. Ali verschwindet mit Fräulein im Kinderzimmer. „Komm, mein Liebes", Huberts Mutter führt Renate ins Wohnzimmer, ^nn geht sie in die Küche, sie muß mit Anna etwas besprechen, und nenote bleibt allein. Wie hübsch hier alles aussieht, wie sauber, blitzblank, voller Blumen. Sie tritt vor Huberts Schreibtisch, neben dem ed>rei6jeufl stehen ihre und Alis Photos. Hubert! denkt Renate. Sie lehnt sich danach, feine Stimme zu hören, hier, neben ihm zu sitzen Das Leben ist wunderbar, oh, es ist wunderbar zu leben. Renate ißt mit Huberts Mutter zu Mittag. Hubert hat versprochen, sich heute früher frei zu machen, er kommt schon um drei aus dem Büro. Die Schwiegermutter erzählt, daß Fräulein sie gefragt hätte ob sie beute nachmittag aus zwei Stunden ausgehen könne. Ihre Freundin hatte Geburtstag. „Natürlich soll Fräulein ausgehen." Renate möchte, daß alle heute ebenso froh und glücklich sind, wie sie es selbst ist. Nach dem Mittagessen muß sie sich hinlegen. Sie hat gar keine Lust dazu, aber sie weiß, daß ihr kein Sträuben helfen wird. Huberts Mutter deckt sie ZU, läßt die Vorhänge nieder, und geht hinaus. Sie muß noch ein paar Besorgungen machen. Draußen fällt die Wohnungstür zu. Renate steht leise auf und öffnet die Tür zum Kinderzimmer. Die Vorhänge an den Fenstern sind zugezogen, aber das starke Nachmittagslicht dringt durch sie hindurch und erfüllt das Zimmer mit einem warmen, ■gelben Schein. Renate tritt ans Gitterbettchen. Ali liegt in seinem win- zigen blauen, weißeingekanteten Schlafanzug aus dem Rücken und hält sein geliebtes einäugiges Eichhorn mit beiden Händen an sich gedrückt. Renate beugt sich vor und stopft die Decke vorsichtig zurecht. Nebenan läutet das Telephon. Renate läuft hinüber. Vielleicht ist es Hubert. Sicher ist es Hubert! Sie nimmt den Hörer ab. Ihr Herz klopft n ^ujch^u- freudigen Schlägen. Eine empörte Frauenstimme fragt, ob es die Großwäscherei Neumann fei? Sie müsse sich beklagen, ein Hemd (ei mit der letzten Wäsche ... Renate legt den Hörer enttäuscht auf. Sie setzt sich ans Telephonbuch, sie möchte Anne Dorothee anrufen. Sie ist so erfüllt von Glück, daß sie mit jemandem sprechen muß. Ob unter den Tausenden von Menschen, mit deren Namen diese Seiten bedeckt sind, es einen gibt, der in diesem Augenblick so glücklich ist wie sie? Nein, es gibt heule niemanden, der so glücklich ist. Etwas fällt aus dem Telephonbuch und flattert auf den Fußboden, ein kleiner, blauer Zettel. Renate will ihn wieder bir»’inlegen, ihr Blick fällt dabei auf ein paar eilige Schriftzüge, ein paar Worte in einer fremden Handschrift. Sie lieft diese Worte einmal, zweimal. Sie lieft sie immer wieder: „Siebes! Ich erwarte dich bestimmt Freitag nachmittag. Versuch doch, dich frei zu machen. Du kannst ja sagen ... Renate sitzt reglos, den Zettel in der Hand. In ihren Ohren ist ein helles, singendes Brausen. Nein, cs ist nicht wahr, sagt sie sich, es kann nicht wahr fein. Aber sie hält den Zettel in der Hand. Es ist wahr, Hubert! denkt Renate. Kann das wirklich wahr fein, bin ich dazu heimgekehrt, um bas zu erfahren. Sie hört die Wohnungstür gehen, Huberts Stimme. Sie steckt den Zettel rasch ins Telephonbuch zurück, steht auf. Nur fort, fort, sie möchte fliehen, sich verkriechen, als könne das ihre Entdeckung ungeschehen machen. „Renate!" Sie sieht Hubert auf sich zukommen, sieht fein geliebtes, frohes Gesicht. Nein, dieses Gesicht kann sich nicht verstellen, es kann sie nicht belügen. Hubert legt ihr einen Strauß weißer Narzissen in die Hände. Gleich wird er sie küssen. Sie hört seine Stimme. Diese geliebte Stimme fragt besorgt: „Weshalb bist du aufgestanden? Geht es dir gut, mein Siebes?" Renate nickt. In ihrem Innern ist alles tot und leer. Sie lächelt zurifck, mechanisch. Hubert ist ganz wie sonst. Er führt Renate zum großen Sessel und setzt sich zu ihr auf die Seitenlehne. ,Zch bin zu froh, Renate!" — „Ja, Hubert." Sechs Wochen bin ich fortgegangen, denkt Renate, und sechs Wochen haben genügt, um alles zu zerstören. Sechs armselige Wochen. Nein, ich kann nicht großzügig sein, ich kann nicht verzeihen. — „Ich will rasch die Post durchsetzen", sagt Hubert. „Dann hab ich's hinter mir." Er küßt Renate auf die Stirn und geht zum Schreibtisch hinüber. Renate möchte fort, aber sie bleibt sitzen. Wohin soll sie auch? Dieser Zettel, diese paar Worte, sie sind überall, sind mit nichts auszumerzen ...ich erwarte dich am Freitag ...du kannst ja sagen ... Hubert öffnet einen Brief, überfliegt ihn, legt ihn beiseite, nimmt einen anderen. Sieber Gott, denkt Renate, mach, daß es nicht wahr ist. Mach ein Wunder! Sie bittet den lieben Gott, wie sie ihn als Kind gebeten hat, wenn die Schulaufgaben nicht gemacht waren, damit sie in der Schule nicht aufgerufen wird. Aber sie weiß — heute kann kein Wunder geschehen. Ein blauer Zettel liegt da, nur ein paar Schritte von ihr, sie braucht nur das Telephonbuch aufzufchlagen. Die Sonne ist plötzlich fort, im Zimmer ist es jetzt grau und unfreundlich. Im Hof werden Teppiche geklopft. Der Hof ist erfüllt von diesem lauten, wütenden Klopfen. Renate fällt ein, daß heute ein Freitag ist. Hubert hebt den Kops. Er blickt mit einem Sächeln zu ihr hinüber, „Du mußt mir verzeihen", sagt Hubert, und Renates Herz macht bei diesen Worten einen Sprung und steht still — sie weiß, was jetzt kommen wird. „Ich muß heute nachmittag", hört sie Hubert sagen, „auf eine oder zwei Stunden fort. Eine Besprechung. Ich kann es nicht aus- schieben, Siebes." — „Selbstverständlich mußt du gehen." Renate wundert sich über die Ruhe in ihrer Stimme. Sie möchte aufstehen, möchte fort, aber sie kann sich nicht rühren. Schritte auf dem Flur. Es klopft. In der Tür steht Fräulein, schon zum Ausgang angezogen. Hubert sieht fragend auf. „Verzeihung", sagt Fräulein, „ich hab vorhin etwas vergessen." Renate sieht, wie Fräulein aufs Telephontischchen zugeht, wie sie im Telephonbuch blättert, einen blauen Zettel hervorholt. Ihn zu sich steckt, zur Tür geht. „Sie können gut bis zum Abendessen fortbleiben", sagt Hubert. „Wir werden schon mit dem jungen Mann fertig werden." — „Danke." Fräuleins lächelndes Gesicht verschwindet in der Tür. Hubert sieht Renate an und lacht. „Wir werden doch mit Alexander fertig werden." Renate nickt. Ihre Sippen zittern. Cs ist doch ein Wunder gefchehn! Oh. wie dumm ich war, wie entsetzlich dumm! Plötzlich ühlt sie, wie ihr die Tränen übers Gesicht laufen. Wie albern ich bin, denkt Renate verzweifelt, wie entsetzlich albern, setzt weine ich noch! Aber sie kann die Tränen nicht aufhalten. „Renate!" Sie wendet sich nicht um, sie fühlt Huberts Hände auf ihren Schultern. „Aber Siebes!" sagt er erschrocken. „Siebes! Warum bcnn? Was ist gefchehn? Bitte sag es mir doch!" Renate versucht, ihr Gesicht ,tu verbergen. „Es ist nichts, Hubert. Wirklich nichts. Es ist zu dumm, ich weiß selbst nicht, weshalb ..." Hubert nimmt ihr Gesicht in beide Hände. „Liebes, Dummes, es war eben zu viel für dich, Komm. Er holt (ein Taschentuch hervor und trocknet ihr Gesicht, ganz so wie Fräulein es mit Ali tut. Und dann sagt er, genau wie Fraulein, wenn sie mit Ali spricht: „Aber jetzt wollen wir ganz vernünftig sein, nicht wahr? Du legst dich hin und ich fetz mich zu dir, und du bleibst artig bis zum Kaffee liegen. Versprichst du mir das?" „Ja", sagt Renate und sie lehnt ihre Stirn an seine Schulter. „Ich bin ja so furchtbar, furchtbar glücklich, Hubert!" Prinz Eugen, der edle bitter. Von Ferdinand Freiligrath. Zelte, Posten, Werda-Ruser! ßuft'ge Nacht am Donauufer! Pferde stehn im Kreis umher Angebunden "Cm den Pflöcken! An den engen Sattelböcken Hangen Karabiner schwer. Um das Feuer auf der Erde, Vor den Hufen seiner Pferde Liegt das österreichische Pikett. Auf dem Mantel liegt ein jeder, Von den Tschakos weht die Feder, Leutnant würfelt und Kornett. Neben seinem müden Schecken Ruht auf einer wollnen Decken Der Trompeter ganz allein: „Laßt die Knöchel, laßt die Karten! Kaiserliche Feldstandarten Wird ein Reiterlied erfreun! Vor acht Tagen die Affäre Hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, In gehörigen Reim gebracht: Selber auch gesetzt die Noten: Drum, ihr Weißen und ihr Roten! Merket auf und gebet acht!" Und er singt die neue Weise Einmal, zweimal, dreimal leise Denen Reitersleuten vor; Und wie er zum letzten Male Endet, bricht mit einem Mals Los der volle, kräft'ge Chor! „Prinz Eugen, der edle Ritter!" Hei, das klang wie Ungewitter Weit ins Türkenlager hin. Der Trompeter tät den Schnurrbart streichen Und sich auf die Seite schleichen Zu der Marketenderin. Der Leutnant. Von Alfred Gehner. Bei Tage glühte die Sonne, und hinter dem mannigfaltigen Tode her, der wie ein unerschöpfliche^ Gewitter durch den letzten Kriegssommer ging, hinter ihm her zogen die Milliardenschwärme der Insekten über Frankreichs Felder dahin und plagten die Lebendigen wie die Toten. Wir hatten nur. noch einen einzigen Offizier in unserer Batterie, er hieß Horn und war fünfundzwanzig Jahre alt. Er war von Beruf Architekt, doch hatte er in seinem kurzen Leben vor dem Kriege wohl kaum mehr erreicht als das berufliche Zeugnis. Er verfügte über eine helle Kommandostimme, mit der er auf dem Umweg über uns und unsere Kanonen gegen die stürmenden Menschen und Maschinen feuerte. Obwohl er uns mit ebensoviel Glück wie Geschick durch den Aufruhr des Kriegsschauplatzes führte, wurden unsere Geschütze, unsere Pferde und auch unsere Mannschaft von Tag zu Tag weniger, bis eines Spätnachmittags auch er selbst uns verlassen mußte. Er hatte uns unmittelbar hinter einer Landstraße aufsahren lassen, so daß ein jeder Schuß, der die staubige Straßendecke tief überstrich, eine Helle, puffende Wolke auf- bties und so unsere Stellung eindeutig verriet. Die Folge war, daß alsbald an die zwanzig oder dreißig sehr schwere Granaten aus den Rohren der französischen Artillerie bei uns ankamen; sie brausten und krachten auf uns nieder, bis es mit einemmal wieder still wurde und anschließend kaum mehr als ein gleichmäßig stöhnender Atem zu hören war: der Leutnant! Er hatte während bes~ Feuers neben mir auf den Knien gelegen, und jetzt lag er auf der Seite. Mich erfaßte eine Regung des Jähzorns gegen das Geschehene, ich sprang auf und stampfte mit dem Stiefel auf den Erdboden und riß mir die beiden Verbandpäckchen aus dem Rockfutter, und als ich dem Leutnant damit helfen wollte, als ich seine Verletzung suchte und ihn dabei am Arm erfaßte, fah ich eine Wunde, in der wohl zehn Verbandpäckchen Platz gehabt hätten: unterhalb der Achselhöhle war fein Brustkasten fast bis zur Mitte durchschnitten, aber er lebte noch, Schweiß stand ihm auf der bleichen Stirn und mit seinem Stöhnen tarn immer wieder Blut aus seinem Mund. Das Feuer begann aufs neue, der Sanitäter konnte den Leutnant bei dieser Unruhe unmöglich verbinden, deshalb legten wir ihn auf meinen Mantel und trugen ihn im Laufschritt über das freie Feld hinter eine Friedhofsmauer, wo wir trotz viel pfeifender Sprengstucke unbeschadet anlangten und unsere Last niederlegten. Während nun der Sanitäter zu arbeiten begann, morste ich mit meinem roten Taschentuch zu unseren Protzen hinüber, daß eine Tragbahre gebracht werden solle, doch als sie tarn, konnten wir nur einen toten Leutnant barauflegen. Ich werde niemals vergessen, wie ich mich dann aufmachte, um nach Wasser zu suchen, nicht zuletzt, um mir fein Blut von den Händen zu waschen. In einer lieblich bewaldeten Mulde fand ich ein winziges Dorf, ein Brunnen war dort, und eine lange Reihe von Soldaten stand Mann hinter Mann, deren erster immer den angeketteten Eimer in die Brunnentiefe hinab und wieder heraus kurbelte. Das ging nur langsam von- tatten, und jedem zweiten ober dritten passierte es dabei, daß sich das löherne Schöpfgesaß auf dem Wasserspiegel nicht umgelegt und überhaupt nicht gefüllt hatte, fo bah es wohl triefend, aber leer wieder zum Vorschein kam. Doch obwohl von dieser sich immer wiederholenden Verzögerung und Enttäuschung alle Wartenden betroffen wurden, obwohl es sicherlich einem jeden eilte, für sich selbst oder seine Kameraden ein Kochgeschirr voll Wasser aufzubringen, um den Brand der Kehlen ober der Wunden zu löschen — niemand murrte, wenn der Eimer leer geblieben mar, wenn der schwarze Wasserspiegel in der Tiefe uns alle genarrt hatte, — dermaßen geschlagen waren alle am Abend dieses Tages. Die Nacht wurde kalt. Eingehüllt in unsere Mäntel saßen wir auf dem Rest unserer Geschütze und Munitionswagen, aus deren einem wir die Leiche des Leutnants festgebunden hatten. Wir waren abgelost, hinter uns donnerte und flackerte die Front, mühsam knarrten unsere Fahrzeuge im Schlepp der wenigen Pferde über nachtschwarze Aecker und durch die Mufgeweichten, zerfahrenen Gassen der Laubwälder, in die zuweilen, sich ablösend aus dem Nachtgesang einsamer Flugzeuge, verirrte Bomben krachten. Dann schraken wir allemal auf aus unserm Halbschlaf, die.Pferde sprangen im Geschirr, aber sobald sie wieder ruhig gingen, nickten wir wieder ein. Des Morgens wärmten wir uns an einem gewaltigen Feuer, an dem Niederbrand und der Weißglut eines haushohen Stapels aus Eisenbahnschwellen, den unsere Pioniere angezündet hatten, um ihn nicht zur Beute des vorgehenden Feindes werden zu lassen. Stur und benommen wandelten wir in unserm Biwak umher, und was zu tun war, geschah mit blRerner Langsamkeit und Schwere. Endlos mühte sich unser Zimmermann mit den paar Brettern ab^ aus denen der Sarg werden sollte; zu jedem Sägenschnitt und jedem Nagel brauchte er eine lange Pause der Ueberlegung. Ebenso gehörten sich die beiden Kanoniere, die einen Kranz und eine Girlande flochten, und auch mir, der ich das Grab zu machen hatte, ging es so; den ganzen Tag stand ich dort in Falvy an der Somme an der nur noch mannshohen, vollends zusammengeschossenen Kirche, um das dürftige Loch in den Kalkboden zu hacken, und ich war eigentlich noch gar nicht ganz fertig damit, als sie schon tarnen. Ich hörte Trommeln, wahrhaftig, sie tarnen mit Musik, mit der Regimentskapelle, die dem kleinen Zuge vorausmarschierte und dann draußen am Zaun des Friedhofs Aufstellung nahm, immer noch trommelnd, während unsere Mannschaft der Größe nach vor dem Grabe in Linie antrat und nun die Kommandos kamen: „Still- gestanden! Augen — rechts!" Wenn ich mich recht erinnere, begann in diesem Augenblick die Kapelle ihr Spiel. Wir hatten sehr lange keine Musik mehr gehört, viele Monate schon nicht mehr. Die letzt vernommene war bas „Muß i benn zum Stabile hinaus" in ber Heimatgarnison auf dem Wege von der Kaserne zum Bahnhof gewesen. Seit all der Zeit hatten wir nur mit rauhen Tönen des Krieges zu tun gehabt, und fo kam jetzt mit einem- mal wieder bare Musik, tarnen die gemessen sich fortsetzenden Takte und Akkorde des Trauermarsches von Chopin in unser entwöhntes Gehör. Diese Musik traf uns, unverhofft in eine Blöße des Gemütes, um die wir nicht wußten, die unverkrustet und nackt geblieben war. Die ganze Macht des schmerzlichen Wohllautes drang in uns ein, so unerbittlich und zwingend, daß alles in uns sich zusammenziehen wollte, und doch nicht durfte, ja daß wir uns hätten die Ohren verstopfen mögen, dieweil wir aber doch dazuftehen hatten und auch tadellos dastanden, ausgerichtet in der Reihe, Augen rechts und nicht gewackelt, — während uns das Wasser aus den Augen über die Kindergesichter und auf den Wasfenrock rann, als tropfe der Regen von unfern Helmen. Indessen zwängten sich unsere Fahrer mit dem Sorge durch die schiefe Friedhofspforte. Sie schritten mit ber leichten Holzkiste so feierlich heran wie mit dem Sarge tines Kaisers. Dahinterher ging ein niegesehener Mann mit einem famtnen Barett aus bem Kopf unb einem Buch in der Hand. „Ich habe einen guten Kampf gekämpft", las er bann daraus vor, „ich habe den Lauf vollendet, ich habe Treue gt£ halten." Wir konnten nicht alles verstehen, was er sagte, denn er sprach verhältnismäßig leise, unb außerdem war unser Gehör schon seit lagen so betäubt von bem vielen Schießen, daß keiner mehr von uns zum Telephonieren zu gebrauchen war. Nachdem der Musikzug unb alle anderen abmarschiert waren, blieben wir Kanoniere noch da unb warfen bas Grab zu unb versahen es reichlich mit Grün unb frischen Blumen. Davon gab es nämlich genug an dieser Stätte. Ueberallhin, nicht nur in das einstmalige Kirchengebäude, sondern ebenso in die Beete und in fast alle umliegenden Gräber hatten die Granaten getroffen, vor Zeiten schon, wohl schon während unseres letzten Vormarsches im Frühjahr, und die Natur hatte alsdann während des Sommers mit ihrer ganzen Macht diese Heimsuchung überboten und auf allen Wurfhügeln, in allen Sprengtrichtern und Steinfugen eine Ueberfülle von Pflanzen unb eine hundertfältige Pracht von Blumen aufgestellt. Derantwvrtlich: vr. Hans Thyrivt. — Druck und Derlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.