Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Hreitag, den 3. Juni Nummer <3 pfingstliches Tal. Von Georg Britting. Wie die Wipfel sich im Winde wiegen — Tälerwind, Wälderwind, kühl und stark! Wie die Vögel unterm Himmel fliegen — Taubenschwärme prächtig, Rabenpaare karg! Wie die Hügel auseinandgefaltet liegen — Grüne Hügel, gelbe Hügel, sanft und kühn! Wie die Kirchentürme, bauerndorfentstiegen, Sich am Himmel anzustoßen mühn! Wie die Aecker in der Sonne rauchen, Und die Büsche stehn an ihrem Rand wie Brand, Flammenfingrig! Und vom Talgrund hauchen Kühle Dünste ins erwärmte Land. Wie die Wege durcheinander schießen — Weiße Straßen, krumme Pfade, Wiesenwege schmal! Taubenschwärme, wie von einem Riesen Bon dem Vogelbaum gezupft, flattern, eine Handvoll Blätter, weitgeworfen übers grüne Tal. Dichter feiern Pfingsten. Eine Erinnerung von Börries Freiherrn o. Münchhausen Nein, das Schönste waren die Vorbereitungen! Es war in den glücklichen Zeiten vor dem Kriege, also vor etwa tausend Jahren — wenn die verworrene Zeitrechnung der sehnsüchtigen Erinnerung retfjk hat. Jedes Jahr nach Ostern sing es an, daß etwa auf einem Spaziergang meine geliebte Hausfrau nach einer inhaltsschweren Pause zu mir sprach: „Weißt du, ich gebe die Schneehühner doch lieber am zweiten Tage, denn: erst Schweinebraten und dann Gedichte — das widerstrebt meinem Feingefühl!" Oder ich sagte plötzlich beim Essen zu ihr: „Schücking wollen wir in den Spiritus legen!" Wozu sie gleichmütiger nickte, als ein unbefangener Dritter für menschenfreundlich halten würde. Aus irgendeinem Grunde hatten nämlich die Kinder eines der Fremdenzimmer mit dem wunderlichen Namen „Der Spiritus" begabt, und so hatten meine Worte nichts an sich, was an Rumtopf oder gar an Anatomie erinnerte, sondern waren nichts als eine Regiebemer- ’ung für das bevorstehende Fest. Denn dieses mußte doch bis in die Einzelheiten der täglichen Speisenfolgen, der Zimmerverteilung, der Nachbarschaftseinladungen, der Autofahrten, ded Abholens und Fortbringens oon Menschen und Gepäck vorbereitet werden, wenn es dann als selbst- oerständlich freundlich von der Spule der Tage rollen sollte. Ja, diese Vorbereitungen, die alle ganz vollgesogen waren von Vorfreude auf bie lieben Freunde, das war das Schönste an unserem alljährlichen Dichterpfingsten! Aber nein, das Schönste war doch das Ankommen der Gäste! Wir hatten damals so ein Riesentier von Limousine, wie die Mode !>es Komforts — die merkwürdigste aller Moden, da die menschlichen Glieder doch allezeit gleich sind! — es als Gipfelpunkt für die Berliner lluto-Ausftellung von 1907 vorgeschrieben hatte. Das Möbel war wie «in Wohnwagen mit betroddelten Sesseln und Tischen und Heizung und Veleuchtung ausgestattet, hatte aber — für spottlustige Jungens sei das «esagt — vor dem derzeitigen Mode-Ideal des Komforts den unleugbaren Lorzug, daß man auf etwas Stuhlähnlichem saß, wogegen wir heute bekanntlich als Sklaven der Karosssriefabrikanten auf dem Fußboden mseres Autos liegen, nicht anders als in Sitzbadewannen. Also aus Uesem Gebäude kam ein Bein heraus, das wie eine Zweimeterschmiege in zwölf Scharniere zusammengefaltet darin verborgen war, dem Bein nlgte ein Regenschirm in einer langen knochigen Hand, dann kam in ruckweiser Entfaltung «in zweites episch unendliches Bein, und dann fiel ün riesiger Schlapphut von einem strahlend-fröhlichen Gesicht, und unser eber Ludwig Schücking stand vor uns und dienerte vor der Hausfrau 9 köstlich wie nur ein ungewöhnlich langer und ungewöhnlich dürrer Privatdozent für englische Sprache und Literatur dienern kann. Inzwischen dröhnte Im Wagen unentwegt «Ine klirrende Baßstimme weiter, wie eine Ankerkette durch die Klüse rasselt. Der glückliche Inhaber dieser Stimme unterbrach seinen Vortrag nicht, in'dem er der ■einen Sulu von Strauß und Torney die Vorzüge der asiati- «hen Kulturen vor den europäischen auseinandersetzte — völlig versponnen in ihr Streitgespräch entkletterten beide dem Wagen, wobei Graf Kuno Hardenberg mit der hofmarschallhaften Sicherheit, die ihn schon damals auszeichnete,^ gleichzeitig uns begrüßte, der Lulu aus dem Wagen half, dem dicken Chauffeur Emil in Parenthese eine Notiz über sein Handgepäck gab und dazwischen unbeirrt über den Unterschied des Schu-King vom Schi-King weitersprach. Ja, und dann kamen die andern alle, die ich kaum aufzählen mag, um nicht im Trubel der Gestalten einen Zu vergessen. Ich glaube, wir hatten damals wie heute ein gastfreies Haus, und neben- und nacheinander wirbelte das ganze Jahr über ein fröhlicher Sturm von Menschen durchs Schloß. Ein Teil gehörte dem „Pfingst-Kreis" an, der sich alljährlich bei uns versammelte, und wenn wir in die sonnige Vorkriegszeit zurückblicken, so scheinen uns die Pfingsten unserer Vergangenheit in einem doppelten Sonnenschein zu erstrahlen. Ach nein, nicht das unruhige Ankommen — die ruhigen Tage, die der Freundschast und dem künstlerischen Genuß gewidmet waren, die waren dc>s Beste an Pfingsten! Da schlenderten wir durch den Park, versunken in bisweilen so tiefsinnige Gespräche, daß Kuno Hardenberg einmal in plötzlicher Aufwallung auf eine Linde zustürzte und sie umarmte — „Ich muß wieder was Wirkliches in Armen halten nach diesem Philosophieren!" — Wie genossen wir doppelt die Frühlingsblütenpracht Rhododendren und Azaleen, die Glycinen am Haus und die Narzissen auf den Teppichbeeten, den Zauber der feierlich geschnittenen Hecken um die Salons de verdure, die Tee- stunde am Springbrunnen, wenn unserer Kinder Lachen um die sand- steinernen Götter klingelte, und dann auf Autofahrten den Reiz des Muldentals, die Schönheiten der umliegenden Güter mit ihrer breiten Gastfreundschaft! Unb abends erglühten die Lichter im Saal, zu festlicherem Leben erhöht fand sich alles beim Diner zusammen. Meist waren für die Abende (Säfte aus der Nachbarschaft geladen, und die köstlichen, dreimal gepriesenen Formen der echten Geselligkeit gaben dem Durcheinander von Schrifttum und Kunst, von fröhlichen Fürstlichkeiten und lebhaften Demokraten, von Alten und Jungen, eine überaus reizvolle Schale, in der alles wie die schönen Frück)te von der Satura zusammengehalten wurde. Hans Gabe len tz phantasierte am Flügel und Kothe sang seine weichen Lieder zu der dunkelen Laute, während dazwischen zu den weit- offenen Türen des Altans herein vorn Parke die Drossel-Lieder klangen. Alfred Biese hielt uns einen schönen Vortrag über Theodor Storm, und Richard R i e m e r s ch in i d sprach über feine Strebungen für das Kunstgewerbe der Neuzeit. Und Abend für Abend klangen die Verse der Dichter durch den schönen Raum. Schückings „Vertauschte Schäfer" umspielten in köstlicher Harmonie die Meißener Rokokogruppe rings auf Kaminen und Konsolen, Lulu von Strauß' Balladen, Gerd von Basse- w i tz' Dramen und meine eigenen Arbeiten— alles, was uns ein freundliches Schicksal im letzten Jahre geschenkt hatte, legten wir zu Pfingsten den Freunden in den Schoß. Und in den Gläsern perlte der Wein, und der Mond hing im blauen Nachthimmel, und die Hecken träumten zwischen den Lichtbalken aus den hohen Fenstern. Ach, liebe Freunde, wißt ihr noch, wie schön unsere Pfingsten vor dem Kriege waren?! Freilich die Gehobenheit des Mahles und das Festliche der Abende verwehte, und am Vormittage ging es oft recht derb im Meinungsaustausch und recht nüchtern im literarischen Fachgespräch zu. Wir waren schonungslose Richter und hielten es für Spießbürgerlichkeit, uns unnötige Liebenswürdigkeiten zu sagen. Auch Dilettanten waren oft unter unseren Gästen, und da Dilettantismus an sich nichts Verächtliches, ja, vielleicht sogar die Vorbedingung besonders feinen Kunstverständnisses ist, so hat ganz gewiß niemand von uns anderen als ästhetischen Anstoß an ihren Darbietungen genommen. Nur wenn ausdrücklich ein Urteil verlangt wurde, nur im kleinen Kreise, am anderen Tage wurde dies Urteil gegeben, und ich kann erzählen, daß fast durchweg die Verurteilten so gesellschaftlich wohlerzogen und so kluge Menschen waren, daß nie eine Mißstimmung um sich griff. Und wie doppelt wohltuend war dann die gemeinsame Schwärmerei für die Köstlichkeiten anderer Dichtungen —, denn wir lasen ja nicht nur eigene, sondern auch fremd« Verse vor. Die elendste aller Todsünden, der Neid, statte keine Stätte in irgendeinem der Herzen, die damals klopften, das weiß ich heute, wie ich es damals wußte! Verklungen die Klänge der Lie«der, verweht die Worte, verwelkt die Rosen, und verschäumt der Wein jener Zeiten. In den Gästebüchern viele glänzende Zeichnungen, viele klingende Gedichte, viele genial hingeworfene Notenzeilen. Ja, soll denn das alles sein? Gewiß nicht! Wir alle haben uns ja damals wie heute gewehrt gegen die Auffassung der Kunst als eines Dinges für sich, wohl gar außerhalb des Lebens, wir alle haben dies liebe leuchtende Leben für das Wesentliche gehalten und seine Farben auch da, wo sie Blutrot und Todes- schwarz stießen, in ernster Frestde bejaht und heilig gesprochen. Kunst schien uns nichts anderes als die Blüte an einem vollen gesunden reichen Menschentum. Nicht etwa „Schmuck des Lebens", wie die Ewig-Nieü- lichen glauben, aber auch nicht Wesensgehalt des Lebens, wie die Braten- rock-Feteriichen künden, nein: die lichteste, lieblichste Blute der schönsten Lebensstunden eines echten, tüchtigen und gütigen Menschen. Und so ist uns allen von damals, wenn wir uns heute Wiedersehen, der Geist jener Pfingsten nicht nur Kunsterinnerung, sondern ein Stück Jugend, ein Stück Geben, von dem wir in glückseliger Erinnerung träumen. Freilich beißt es heute auch hier: Die einen, sie meinen Die andern, sie wandern, Die dritten noch mitten, Im Drange der Zeit, Auch viele am Ziele, Zu den Toten entboten, Gestorben, verdorben, In Freude und Leid. Aber der Lebende hat recht, und wir Lebenden gedenken in tiefer Freude beim Klange der Pfingstglocken von heute der Pfingstglocken von damals! macht die neu ergrünende Stadt auch die dunkelsten Gemäuer wieder menschlich und zu Dingen der Gottseligkeit. Darüber an einem dunklen romanischen Torbogen führt der Weg nun auch ohnehin zu Dingen zarteren Gewichts. Das gotische Regensburg steht aus und das barocke! Der gotische Dom Sankt Peters steht da, und gar in diesem lichtgrünen Monat ist dem Schauenden zumute, als wurde das Steinwerk anfangen zu knospen und, Besten, Blättern gleich, sich zu regen Der Engel der Verkündigung im Dom hat ein menschliches Lächeln, ein verwegenes fast, beinahe ein spielend-mutwilliges. Gotisches Gewände vor Sankt Emmeran hegt einen besonnten Vorgarten ein, einen reizenden Zwingergarten, und die Magdalena aus Stein am Kreuz trägt ihre verzweifelte Trauer mit der Feinheit, fast sagt man: Eleganz einer gotischen Dame. Die Große der Königin Hemma drinnen in der Kirche des heiligen Emmeran ist mit der Anmut gepaart; das Feierlich-Bedeutende der Gestalt eint sich mit der Grazie... Das schwere, steinschwere, alters- chwere Regensburg hat angefangen, sich zu lösen und leichter zu machen. Sankt Ulrich und die Dominikanerkirche aus bef frühen Gotik steht nut begnadeter Heiterkeit unter dem freundlichen Himmel und im Grün der Anlagen. Das Barock endlich verkündet sich von Sankt Emmeran bis zur Alten Kapelle mit allem erdenklichen Ueberschwang: in der Alten Kapelle wird das Barock sein eigenes Nonplusultra: der Altar in Silber und Gold wölbt seine Kurven angreifend gegen uns vor; an der Decke sind Mohr und Indianer und Türke wie Trophäen einer kolonisierenden Gegenreformation plastisch angeheftet; Logen mit Scheiben machen die Situation zu einem kostbaren und freien Schauspiel. Im Rokoko von Sankt Kassian spielen Gold und Silber und das barocke Nilgrün miteinander, und goldene Blätter schlagen aus wie Flammen. Aus den Augenblicken solcher Leichtigkeit kehrt man wieder in die dunkle, ganz alte Stadt zurück: in das Regensburg der großartigen Düsternis, in das Regensburg, das die Gefahren der Seele und des Leibes gekannt hat; in Kapellen und in das Regensburg gewaltiger Wachttürme, die da nicht viel anders über Häusern und Kirchen stehen als die Wachttürme von San Gimignano... Aber es ist wunderbar, zu fühlen, daß man in diesem Monat in dieser Zeit der Erhöhung und Befreiung des Gemüts auch das Dunkle dieser Stadtseele mit Zuversicht ans Herz nimmt... . Und noch, wären Bild und Gefühl nicht so vollständig, wie sie in Regensburg zu sein vermögen, gewahrte man nicht schließlich noch den Beitrag einer menschlich gestimmten Klassizistik, den die Zeitwende um 1800 zum Antlitz der Stadt hinzufügte. Da ist der milde Bau des Theaters; auch fonft begegnet hin und wieder eine freundliche Spur jener im Politischen so tief beunruhigten, im Künstlerischen so ruhigen und klaren Zeit — bis hinein in den stillen Domwinkel, in dem der sanfte Fürstprimas Karl von Balberg, durch Napoleon Landesherr von Regensburg, hinter einem Grabstein im Stil Canovas bestattet ist. * Dies ist der Weg vom antiken Regensburg, dem römischen, bis zum antikisierenden, bis zum klassizistischen. Die größte Station am Wege ist das romanische Regensburg: dies frühmittelalterlich-geistliche Regensburg, das in der Tat noch mehr Gewicht besitzt als das bürgerlich-gotische, in dem schlichten Rathaus bekundete: dies frühmittelalterlich-klerikale Regensburg, das, im ganzen feiner inneren und äußeren Ausdehnung gesehen, auch mächtiger dasteht als das Regensburg der bürgerlichen Großhändler des hohen Mittelalters, obwohl diese Bürger bis Venedig und Kiew und in die Zonen der Kreuzzüge drangen und in einer Stadt von fast hunderttausend Menschen eine großartige Rolle spielten; dies frühmjttelalterlich-geistliche Regensburg, das am Ende mehr bedeutet Hai als das Regensburg, das höchst internationale, hochdiplomatische Regensburg nach 1663, wo der alte deutsche Reichstag versammelt blieb, so daß dies uralte Regensburg als politischer Vorort des heiligen römischen Reiches deutscher Nation gelten durste... Trotz allem außerordentlichen anderen ist das romanische Regensburg das eigentlichste: dies Regensburg, das als ein heimliches, deutsches Ravenna, auf unseren Tag gekommen ist. Das Klassizistische, das sich in dem geistlichen Louis-Seize-Palais am Dom bescheiden ankündet und im Theater bescheiden ausbildet, vollendet sich in wahrhaft großem Stil draußen vor der Stadt; in der Walhalla und in dem ferneren Freiheitstempel dort bei Kelheim, über dem Zusammenstoß von Donau und Altmühl, nahe der Stelle, wo vordem Der römische Limes an die breite Grenze der Donau traf. Der Weg zur Walhalla geht zuerst über die schweren Steinbogen der alten Brücke, die zu den schönsten Brücken des alten Deutschland gehört. Nun erst formt sich das Profil der herrlichen Stadt mit ganzer Gewalt; dem Fortfahrenden stellt es sich deutlicher und voller dar als dem Ankommenden drüben auf der Südseite. Nur daß die Türme des Domes — wenn alte Bilder die Wahrheit reden — wahrscheinlich schöner waren, ehe das neunzehnte Jahrhundert sie ein wenig mechanisch vollendete. Wie ist es möglich, daß neuere Generationen den Tempel Walhalla, den Ludwig I. mit dem großen Klenze erdachte, lieblos, ja fast ironisch betrachteten — so, als hätte dies Nachgeahmt-Gviechische keinen rechten Sinn? Mir sagt der Tempel immer wieder diese eine Wahrheit: hier, am Scheitel der Donau, beginnt der Süden! Das Mittelmeer hat seinen äußersten Gedanken hier aufgestellt. Der Tempel ist mehr als „Phil' Hellenentum", wiewohl das Philhellenenlum, die Liebe zu den Griechen, auch an sich selbst etwas sehr Schönes gewesen ist — eine Begeisterung, deren Reinheit unseren Tagen überlegen bleibt. Der Tempel ist wahrhaftig das äußerste Wort der humanioren Mittelmeerwelt: der vorderste, nördlichste Posten dieser Welt in Raum und Zeit: aber sie steht nicht m so unmittelbarer Verbindung mit der Natur. Unter dem Himmel des Maimonats begreift man die Walhalla, wenn man willig ist, ohne Vorbehalt; da sagt der Tempel aus Marmor und Kalkstein, der Tempel mit der einfachen, elementaren Größe feiner dorischen Säulen ein bewegendes und Überzeugendes Gleichnis des Griechischen her; blickt man hinaus ' auf den unverkennbar deutschen Strom, auf die Fruchtbarkeit des beim1’ fchen Geländes, auf die deutsche Stadt drüben, so wandelt der südwärts Donauwcirls um Pfingsten. Von Wilhelm Hausen st ein. Donauland wird fühlbar; der Boden wird heller, der fruchtbare Boden; fchon sieht man Anhöhen, die dem jenseitigen Donau-Ufer angehören. Die Turmpyramiden des Domes fahren auf in einen zarten Himmelsdunst; und schon ist man in der Stadt des Albertus Magnus, des Kepler — fast ehe man sich von außen her ihres Profils bewußt werden konnte. Da steht man nun wieder in dem uralten Regensburg, feit fünfundzwanzig Jahren zum soundsovielten Male: in einer Stadt, die man studiert hat bis auf den erreichbaren Grund ihrer Vergangenheit — und die man doch nie ganz kennen wird; denn sie ist eine einzige undurchdringliche Dichtigkeit... Ist es auszudenken, daß Kelten in dieser Gegend einmal eine starke Gegenwart besessen haben? Ist nicht das Sichtbare, das Erhaltene schon fast mehr, als auch ein weitaufgespannter Sinn zu fassen vermag? Da ist noch mitten in der Altstadt, der schwere Turm der Römer und ihre Porta Praetoria. Nach ihnen bildet sich die romanische Welt aus, wie sie es auf deutschem Boden sonst wohl nur in Köln getan hat. Romanische Stumpftürme heben sich zu jener massiven und mäßigen Höhe, die zu uns Heutigen oft inniger spricht als das ins Grenzenlose strebende Steinfiligran gotischer Kakhedvaltürme: die beiden kurzen dunklen Türine von Niedermünster, der Campanile von der Alten Kapelle, der von Dbermünfter, der von Sankt Emmeran, dem auch der barocke Helm das romanische Grundwesen nicht nehmen kann, und noch dazu das Türmepaar der Schottenkirche, das schwer und schwärzlich in das lichte Maigrün des Theaterplatzes hersteht. Dbermünfter und die Jakobskirche der Schottenmönche sind romanische Basiliken mit flachen Decken, schlichtem Gewände, stillen und festen Rundbogenfenstern; über die Alpen hin sind diese Kirchen denen des heiligen Apollinaris und des heiligen Franz in Ravenna zugeoickmet, wenn es auch in Regensburg keine Mosaiken gibt. Sankt Emmeran wird durch eine romantische Vorhalle hin erreicht; sie steht in gewaltigen Massen und gewaltiger Einfachheit. Den alten Boden der "erstaunlichen Stadt unterwölben Krypten aus einer Zeit, die noch in die Erde drang, um sich zu Gott zu sammeln. Hinterm Dom bezeichnet der Eselsturm das Innerste des romanischen Regensburg — jener abseitige Turm, der feinen Namen von den biblisch- geduldigen Grauen trägt, weil sie den Baustoff geschleppt haben. Im doppelten Kreuzgang verbirgt sich die Allerheiligenkapelle und nahe ihr die Stesanskapelle: romanisches Kirchentum des frühen Mittelalters, gestaltet aus einem Baugeist, der die Einfachheit des Notwendigen verehrte. Der Haustein der Allerheiligenkapelle steht geschwärzt überm Gartenhöfchen, in dem zwei Kinder spielen mit der Unschuld und Weichheit junger Tiere. Drinnen in der Kapelle sind Fresken an den Wänden; ihre fast byzantifche Formel ist für Regensburg nichts anderes als das Mofaiken- wefen für Ravenna. Und wahrhaftig steht dem Schauenden, dem Ergriffenen immer wieder dies eine Wort im Hintergründe: Ravenna! Regensburg ist eine Stadl mit ravennatischem Wesen. Wenn Bamberg das deutsche Rom geheißen werden darf, dann mag man Regensburg füglich das deutsche Ravenna heißen. Darüber hinaus, zu diesem großen Titel hinzu, besitzt Regensburg Kiich noch die Urgewalt stiner nordisch-romanischen Skulptur mit den chtenden und Beichtigern außen am Portal der Alten Kapelle, und die aufregenden Steinbitonereien am Portal der Schottenkirche — chimärische Stickereien, in schwärzlichem Stein. Da fällt uns das Romanische mit der ganzen Gewalt einer barbaresken Ursprünglichkeit an. Regensburg ist eine Schwester des romanischen Ravenna; aber in diesen Stein- biümereien ist es für sich allein; da ist es der reine Norden mit den geheimnisvollen Hintergründen, der Norden mit dem Seelendunkel des Nordens, mit der Angst vor den Dämonen und dem Trotz zu ihnen hin, zu den Dämonen. Da ist die schauerlichste Wand, die der romanische Geist hervorgebracht hat — und die am gewaltigsten mit magnetischen Kräften begabte. Der Weg führt durch Gassen, die dicht ummauert sind, ohne geklemmt zu fein. Jene romanische Wand mit den dunklen Steinchimären macht Furcht — aber es gibt in Regensburg auch das Bild einer schönen geistlichen und bürgerlichen Freiheit; es ist eine Stadt im schweren, aber auch im großen, gedehnten Stil. Vielleicht muß man im Mai hinkommen, am ehesten im Mai, wenn es zwischen den schwarzen alten Steinmauern an den Bäumen auf eine tief erquickende Weise wieder grün wird; im November oder im Dezember wird der ganze Spielraum dieser Stadt kaum offenbar; dann merkt man nur das Schwere, das Beängstigend-Mysteriöse, die lastende Geschichtlichkeit, die mit Zentnergewichten auf den Menschen von heute niedergeht. Aber im Mai, auf Pfingsten verl Und das geschah, als der Mann eben wieder fröhlich war und heimkehrte, weil er dachte, es fei nun genug der Prüfung für die stolze Jungfrau Tausendschön. Und da fand er sie so, welk und tot unter den Bäumen. Nein, niemals blühen die beiden mitsammen, Gundermann und Tausendschön. Aber nun sitzt Sabine traurig da und sagt nichts mehr. Ich verstehe nicht, wie mir die Blume Männertreu in meine Geschichte geraten konnte, mußte es denn diese fein? Als ich spät abends nach Hause komme, finde ich einen Strauß Blumen in meiner Stube auf dem Tisch, und ich weiß sofort, was dieser Strauß bedeutet — Abschied, Ende. Es sind alle Blüten meiner Wiese in dem Glas versammelt, alle, auch kleine blaue darunter, auch Männertreu. Aber wenn Sabine wiederkommt, dann werde ich nicht über den Berg gegangen fein und anderswo leben, vielleicht kommt sie wieder. Die ganze Nacht streife ich auf dem Felde umher und suche nach den Plätzen, die uns vertraut geworden sind. Ja, hier saß Sabine und wunderte sich sehr über eine neue Art von Taubnesseln, weil ich aus jedem Blatt ein Herz herausgeschnitten hatte. Im grauenden Tag hole ich die Sense aus dem Haus. Ich prüfe die Schneide mit dem Daumsnnagel und schärfe sie noch einmal, das gibt einen hellen, kriegerischen Klang in der Morgenkühle. Dann hole ich weit aus, und die grüne Mauer fällt vor mir zusammen ... verging, pflückte sie Wiegenkraut auf bcm. Anger und legte es in feiner laffenen Hütte auf den Tisch, aber das half nicht. Im nächsten Jahr steckte sie andere Blumen an fein Fenster, Wehblumen waren das. Und über den Tränen dieser Zeit brach ihr das Herz. Einmal trug sie noch einen Sttauß Kräuter in den Wald, Männertreu, ehe sie starb. Schließlich bin ich ja wohl selbst ein Wurm, ein winziges Wesen, dos um sein Leben rennt; die Welt ist nicht kleiner für mich, der Himmel nicht niedriger, so wie ich daliege. Ich kann mir gut denken, daß ich irgendwo zwischen den Halmen stünde im endlosen Gestrüpp, grüne Kräuter über mir, die wehenden Blattfahnen der Gräser, und hoch oben, schon in einer andern Welt, ihre schweren, glänzenden Häupter. Blüten gibt es, Margueriten und Flockenblumen, Sabine meint, sie trügen breite Federhüte über ihren bärtigen Gesichtern. Und blaue Glocken — die Haut ifjrer Kelche ist so dünn, daß die Sonne durchscheint, und dabei stürzen sich' die Hummeln einfach kopfüber hinein, ohne alle Vorsicht, mit ihrem Bärenungestüm. Sie kommen auch zu mir, ich habe mein eines Ohr wie eine Blüte entfaltet, und dabei halte ich listig den Atem an und bemühe mich sehr, ganz still zu fein, ganz zur Wiese gehörig. Aber ich dufte nicht verlockend genug, plötzlich entschwindet das brummende Ding mit einem mächtigen Schwung im Blauen. Darüber vergeht eine lange Zeit. Ich sollte vielleicht nicht hier liegen und mein Dasein leichtsinnig vergeuden. Jetzt müßte ich etwas Großes anfangen, ein schwieriges Werk, das meinen Tod überdauert. Aber was ist nun eigentlich wichtig in der Welt? Was könnte man tun, um einen, Platz unter den Gestirnen zu erobern? Ein Mensch baut Pyramiden, ein andrer Mensch sitzt sein Leben lang in der Einöde für das Heil feiner Seele, und der Himmel lächelt über beiden. Ja, der Himmel kann lächeln, er trägt das Geheimnis in feinem Schoß. Einmal wende ich den Kopf "und betrachte heimlich das Mädchen neben mir, den hellen Flaum auf feiner Wange, die zuckenden Lider. Braune Haut, durchsichtig und feucht von der Hitze, eine blaue Ader in der Kniekehle, Tal und Hügel im verschwiegenen Gras. Ach ja, ich mache meine Augen wieder zu. Aber nach einer Weile sagt Sabine etwas. Wie war es mit den zweien, fragt sie, warum nahm es kein gutes Ende mit ihnen? Nein, Gundermann und Tausendschön, die beiden blühen nie mit. fammen. Es war so, daß ihn eine große Liebe zu dem Mädchen erfaßte. Täglich ging der Jäger an ihrer Kammer vorüber, nachts legte er Blumen auf die Schwelle der Tür, solche, die hoch in den Felsen wachsen, die holte er für sie. Aber Tausendschön dankte ihm nicht dafür, sie saß nur und spann und hatte ein kaltes Herz. Zuletzt nahm er sich den Mut und klopfte an ihr Fenster. „Du bist mir die liebste von allen", sagte er, „willst du kommen und mit mir im Garten gehen?" „Nein", sagte Tausendschön, „das will ich nicht. Es ist kalt, ich Habs keinen Mantel für die Kühle." Das nahm sich Gundermann zu Herzen, er ging mit [einer Büchse lange Zeit _unb sammelte Pelzwerk, gelbes vom Iltis, rotes vom Fuchs und schneeweißes vom Hermelin. Da hatte Tausendschön nun ihr Kleid, gelb, rot und weiß. Allein es war ein Jahr verstrichen, lange Zeit. Und darum hieß das Mädchen eigentlich nur noch Hundertschön, nicht mehr wie früher. „Aber du bist mir noch immer di« liebste", sagte Gundermann, „willst du jetzt kommen und mit mir zum Tanz gehen?" „Nein", sagte Tausendschön, ,chas will ich nicht. Ich bin barfuß, ich habe keine Schuhe für den Tanz." Da ließ der Mann seine Felle gerben, weiches Leder vom Hirsch und Reh; und es wurden zierliche Schuhe daraus gemacht, spitz und grün, mit hellen Säumen, damit Tausendschön nicht nackt im Grase stehen muß. Allein über dem verging ein andres Jahr, Tausendschön war nicht mehr Hutck>ertschön, sie war eine Jungfrau Dutzendschön geworden. „Wenn du meine Liebste sein willst", sagte Gundermann, „bann komm und mach mir den Riegel auf!" „Nein", sagte Tausenüschön, „das will ich nicht. Mein Bett ist schmal, ich will noch eine Weile allein darin schlafen. Komm im andern Frühling wieder , sagt« sie. Aber im andern Frühling wartete sie vergeblich. Gundermann war im Zorn über den Berg gegangen, dort lebte er jetzt und vergaß bas -Mädchen. Tausend schön saß in der Kammer und merkte wohl, daß ihre Jugend vorbei war. „Nimmerschön!" sagte der Spiegel. Sie dachte an Gundermann Tag und Nacht, meinte und rang die Hände. Jetzt mochte sie gern im Garten gehen, und ihre Füße waren flink zum Tanz, und bas Bett war durchaus nicht zu schmal, käme er nur! Als der Schnee Oie Jungfer Tausendschön. Von Karl Heinrich Waggerl. Ja, Wiegenkraut und Wehblume, bas ist die alte Geschichte vom tnbermann, der ein Jäger war, und von der Jungfrau Tausendschön, > in der Stube saß und spann, damals war es noch so. Damals konnte . .n Herz noch vor Stolz absterben oder vor Liebe vergehen. Dieses Mädchen in der Kammer hieß nicht anders, als es beschaffen war, Tausendschön; und was den Jäger betrifft, der war blutjung und nicht der schlechteste unter den Burschen, mit feiner kecken Feder auf dem Hut. Aber sie hatte keinen guten Stern über sich, wie das eben kommt in alten Geschichten; zuletzt nahm es ein trauriges Ende mit den beiden. Sabine sitzt auf dem Zaun, sie blinzelt in der Sonne und lacht mir zu, nein, ich wilj jetzt nichts weiter sagen. Es ist noch früh am Tage, viel zu früh für eine traurige Geschichte. Uebrigens lacht Sabine immer, es mag Morgen ober Abend fein. Die Sonne hat ihren Spaß mit dem Kind und kitzelt es in der Nase, bann niest Sabine ein dutzendmal und erstickt beinahe an diesem Vergnügen. Es gibt Dinge, die mich verdrießlich machen, Regen zum Beispiel, plötzliche Wassergüsse aus hgrmlo|en Wolken ober eine gewisse Gattung von Fliegen, Urgeister ber Bosheit, die^nicht ruhen, bis man in Verzweiflung gerät und sich selbst gewaltig hinter die Ohren schlägt. Sabine aber ist auf geheime Weife mit allen Dingen und Geschöpfen verbündet. Katzen streichen auf dem Zaun neben ihr her, schnurren und reiben bas knisternde Fell in ihre Hand, und ein andermal kommt ein Hund von weither Hals über Kops durch den Weizen gerannt. Ich kenne ihn, es ist der Hund des Wegmachers, wir sind manchen Tag mitsammen unterwegs gewesen. Peter! sage ich .... langsam, da sitzt Fräulein Sabine! Aber Peter rollt ohne Umstände in ihren Schoß und läßt sich am Pelz ziehen und in die Ohren blasen. Ein Schurke also, ein meineidiger Köter! Sabine bringt auch gelegentlich etwas Gelbgestteistes auf ber flachen Hand, vielleicht weiß sie gar nicht, daß es eine Wespe ist und daß es bitter weh tut, wenn sie sticht; diese hier ist jedenfalls ganz friedlich uirb zahm. Um die Mittagszeit ruhen wir beide im hohen ©ras, Sabine und ich. Es liegt eine wunderbare Stille über dem Feld, die Stille des reifen Tages, aber dennoch hundertfältig tönend. Der Himmel ist eine klingende Schale, mein Blut rauscht und mein Arm bewegt die Halme vor mir, dünne Stiele mit nickenden Blüten. Ich betrachte genau diesen handbreiten Fleck Boden vor meinen Augen, und zuletzt ist auch er eine große Welt, weitläufig und mühselig und schwer zu begreifen. Ich sehe eine Fliege aus dem Moos kriechen, es ist ein ganz winziges Tier, langsam klettert es an einem Blatt hinaus, bis es den Sonnenschein erreicht. Und nun sitzt es da im warmen Licht, es breitet zitternde Fühler aus und Flügel, die in allen Farben schillern wie öliges ©las. Diese Stunde ist der Gipfel seines Daseins, gestern kam es zur Welt, morgen lebt es vielleicht nicht mehr, so kurz währt fein Leben. Aber es ist trotzdem eine vollkommene Fliege, mit Herz und Nieren sozusagen. Ameisen schleppen ungeheure Lasten kreuz und quer durch das Dickicht, sie rennen und verständigen sich in atemloser Eile, und bann nehmen sie ihre Beute unverdrossen wieder auf, eine Spinnenhaut, ein Käferbein ober ein bestimmte Nadel unter hundert andern. Im gleichen Augenblick geschieht ein Mord, ein haariger Wurm wird ermordet, und anderswo hängen zwei langbeinige Drücken, regungslos im glücklichen Schlaf ber Liebe. gerichtet« Tempel dies Deutsche dennoch und mit gutem Recht in ein besonderes: in das Süd-Deutsche, das uns teuer ist, teuer als unsere besondere Form des Deutschen. Indem man über bas heroische Stufen* fystem zu Füßen bes Tempels nieberfteigt, fühlt man die Einheitlichkeit dieser Verhältnisse, das Recht dieser südlichen Beziehung bis auf den Grund der Landschaft, und des eigenen Lebens. Man fühlt es auch im Kreise der marmorweißen ©öttinnen, die das Jnnenrund bes Kelheimer Tempels zieren wie ein Kranz. Land im Limes... Der Tag neigt sich; aber noch bewahrt er mir eine- phantastische Ueberraschung auf. Von ber Befreiungshalle, die das Deutsche im Antiken für immer binden möchte, endlich weitertrachtend, heimwärts ftrebenb, von dieser kühnen Höhe, die zu den schönsten in Deutschland gehört, um so mehr, als dort bas Romantische ber Landschaft in der Ruhe und Klarheit bes Antikischen einen auf große Weise gedachten unb befestigten Ausgleich findet — heimwärts fahrend erreiche ich durch Wälder das Kloster W e 11 e n b u r g. Die Donau strömt zwischen grandiosen, grauen Felsbastionen; zwischen Berg unb Wasser, am kiesigen Ufer, verbirgt sich bi« Einsamkeit ber geistlichen Sieblung. Welcher Siedlung? Cosmas Damian A s a m, der Münchner Barockmeifter, hat in ber Kirche eines der unbegreiflichsten Wunder getan, über die sein souveräner unb inbrünstiger Seift gebot. Das National-Bayerische in ber Einheit mit bem römitoen Genius des siebzehnten Jahrhunderts, mit dem Genie der Wett des' Bernini steht hier unter dem Zenith-Zeichen der Vollendung. Gold auf Ocker und Grün; alle Formen wie Wellen, bewegt, ftrömenb gleich bem großen Fluß, ber draußen rauscht; die gewölbte Decke ins Unendliche gehoben; lichtbraune Säulen zwischen grauen Wandstreifen; eine Kanzel in Ocker ober Hellbraun, triumphal sich anschwingend, als wollte sie den Himmel erreichen; weiße Stuckwolken in üppiger Ballung, dazwischen überall die rosige Buntheit ber Engelbübchen; farbiger Marmor, der aus bem Reichtum dieser Gegend gehoben ist; das Ganze ins Oval gezogen; die Hand des Cosmas Damian Asam zu einheitlicher Gebärde gekreuzt mit der Hand des welschen Giorgioli; über dem Hochaltar, in einer goldgelb leuchtenden Durchsicht, der heilige Georg zu Pferde, den Drachen erlegend, ein fast erschreckend schönes Schauspiel auf dem Proszenium der Andacht: dies ist Weltenburg. Aus ber Weiterfahrt in die Nacht hinein spielen um das müde Hirn die schönen Gassennamen aus Regensburg: „Roter Herzfleck" unb „Zur schönen Gelegenheit" unb wie sie alle heißen. Jrgenbwo auf der Höhe schimmert, in Säulen gegliedert, bas Tempelweitz ber Walhalla, und der Reiter Georg stürmt galoppierend die großen Stufen hinauf zu dieser bayerischen Akropolis. Laby Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von poturzyn Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 4. Fortsetzung. Vier Wochen verzögerte sich der Auslaus der Flottille — am 20. August 1804 starb Admiral Latombe... Die Herbststürme setzten ein und bewachten in ihrer Gewalt den Kanal. Der Gott des Meeres hielt zu England: am Steuer saß Pitt. Nun erst griffen feine Arme nach dem Kontinenl. Alle Völker Europas sollten sich vereinen, Barrieren aufrichten gegen die maßlose Eroberungssucht des Korsen; eine heilige Koalition sollte es fein, begründet auf Menschenrecht. England stellte Schiffe, England gpb Geld. Schwer war der Weg. Denn immer noch verlangte Rußland die Insel Malta — hatte nicht der letzte Großmeister der Johanniter, Graf Hompesch, die Ordensinsignien dem Zaren gebracht? Aber Pitt erklärte: „Das Mittelmeer wird ein französischer See, wenn Malta nicht mehr England gehört." — Oesterreich zögerte, Preußen schwankte ... und Spanien wurde dazu getrieben, England den Krieg zu erklären. — „Fouche, ich werde den Schlag führen können, ehe diese alte Koalitionsmaschine fertig ist!" höhnte Bonaparte. Er bestellte Karikaturen in Menge: John Bull in Gestalt Pitts ... den Geldbeutel in der Hand, die Mächte beschwörend, gegen Frankreich zu kämpfen. Er selbst aber ließ sich inzwischen von dem gefangenen Papst salben — ganz wie einer von Gottes Gnaden! — und erklärte im neuen Jahr 1805 Italien zu seinem Königreich. „Dieser Mann ist unersättlich!" entrüstete sich Zar Alexander; „er ist eine Geißel der Welt, er will den Krieg!" „Er bricht den Luneviller Vertrag", entsetzte sich Oesterreich — und rüstete. — Es war das Schicksal des Korsen, daß die Folgen feiner Rastlosigkeit als reise Früchte in Pitts Hände sielen. Im Juli 1805 trugen sich Alexander von Rußland und Franz II. von Oesterreich in die Liste derer ein, die unter Pitts Führerschaft gegen Napoleon kämpfen wollten. Bond Street blieb Promenade der großen Welt, trotz Kriegszeiten und nationaler Gefahr. Eines schönen Vormittags begegneten sich dort George Brummet, der „neben Bonaparte in Mode" wär, und Lady Hefter Stanhope, in scharlachrotem Dreß und Federhut, beide zu Pferd. Brumme! hielt die Zügel wie eine Prise Tabak zwischen Daumen und Zeigefinger, fein hübsches, studiert-hochmütiges Gesicht mit den spöttischen Augen klärte sich auf: „Ah, Lady Hefter! ... Sie sitzt zu Pferd wie eine Amazone! Sagen Sie, liebe Kreatur, wer war eigentlich der Mann, mit dem Sie gerade sprachen?" „Das ist doch Oberst Whitby." „Whitby? Hat dieses Etwas einen Vater? Und wer zum Teufel kennt diesen Vater?" Hefter verzog den Muich und tippte mit ihrem Reitstock gegen Brum- mels pflaumenfarbigen Anzug: „Wollen Sie mir sagen, welche Art von Vater George Brummel hat und wer diesen Vater kennt?" Brummel hob die Augenbrauen und nickte beglückt, als fei soeben das Ei des Kolumbus erfunden: „Lady Hefter — das ist es ja! Niemand kennt den Vater von George Brummel, und niemand würde George Brummel kennen, wenn er nicht die Rolle spielte, die er angenommen hat." „Eine herrliche Rolle, Brummel — sich anzuziehen und impertinent zu sein — während die Welt nach Männern ruft —" „Verzeihen Sie, nach George Brummel würde niemand rufen, wenn er nicht verächtlich nach Herzoginnen nickte und Hoheiten auf die Schulter klopfte... Solange London dumm genug ist, vor meinen Dummheiten in die Knie zu fallen — gestattet Lady Hefter, die es besser weiß, daß ich sie begleite!" Er kehrte sein Pferd und ritt mit ihr, Ja, man wollte sogar bemerkt hoben, daß er wie einen Blumenstrauß jenen berühmten Parfümstab eigener Erfindung ihr überreichte — nach dem der Prinz von Wales feit Monaten verlangt ... Dies allein hätte genügt, eine Dame berühmt zu machen, aber Lady Stanhope hatte noch andere Talente. Es war zuweilen, als feien William Pitts glänzende Gesellfchaftsgaben, von eiserner Konzentration um den Staat Überdeckt, auf sie übergegangen: der gleiche unerhörte Spürsinn, den Charakter eines Menschen in seiner Geste zu erfassen — und mimisch darzustellen. Spielte sie in den Salons die Komödie des unterwürfigen Gatten in Ekstase vor seiner Frau — im zweiten Akt denselben Mann mit seiner Mätresse — die Frau im Kreis ihrer Freunde: so vibrierte der Boden von Applaus — und dem geheimen Genuß an der peinlichen Vorführung des eigenen Romans... Auch heuchelte jeder Entrüstung, wenn sie die Geschichte der weichherzigen Dame mimte ... die weint, wenn sie in einen Pfirsich beißt und einen Wurm zerschneidet — denn oh, sie kann kein Insekt leiden sehen! Der Ehemann ergänzt: Meine Frau ist bekannt für ihr weiches Herz! Nur deshalb habe ich sie geheiratet! — Dieselbe Frau, die am nächsten Tag an einer Bettlerin und ihrem hungrigen Kind vorbeifährt — das Fenster hochzieht und befiehlt, nicht mehr solch schreckliche Leute heranzulassen... n ' Lady Stanhope machte Regen und Sonnenschein in London, hieß es — und wenn, für eine kurze Minute, der Lordkanzler irgendwo erschien, galt ihr durch eine Flucht von Sälen hinweg sein erster Blick. Man notierte, daß er, mitten in einem Gespräch, innehalten und als erster sich nach ihrem Taschentuch bücken konnte. Sehr langsam drang die Meinung durch, daß Pitt, der nie nach einer Frau gefragt, feiner Nichte bisweilen Dinge diktierte, die keiner noch wußte; .. „Meine liebe Lady Hefter — Sie kennen unsere alte Freundschaft... Erzählen Sie mir doch: wer wird unser russischer Gesandter?" wagte ein Lord zu fragen. Hefter zog die Stirn nachdenklich hoch: „Wenn ich zu wählen hätte ... da kommen wohl nur zwei Männer in Frage: Mr. Grenville und Lord Malmesbury —" Drei Männer um sie herum horchten, sie dämpfte geheimnisvoll den Ton: „Aber da Lord Malmesbury kein kaltes Klima verträgt..." Am nächsten Morgen stand im „Oracle" zu lesen, daß zwei Persönlichkeiten für den Posten in Petersburg auserwählt feien, doch in Anbetracht von Lord Malmesburys Gesundheit werde die Wahl voraussichtlich auf Mr. Grenville fallen ... Pitt pflegte den „Oracle" nicht zu lesen, aber Grenville, der bereits Glückwünsche empfangen, kam sich beschweren, als die Wahl auf einen andern fiel. „Hefter, wer ernennt die Gesandten — du oder ich?" „Du natürlich. Und ich habe deutlich gesagt': wenn ich zu wählen hätte!" Sie kopierte gerade ein Schriftstück, das er entworfen — und — vor feinen Augen, eben jetzt — entstand darunter feine Unterschrift — ununterscheidbar von feiner eigenen. Er griff nach ihrer Hand — aber er kam zu spät. Das Kunstwerk war vollenvet. „W. Pitt" stand darunter. „Was machst du denn da?" „Du sagtest, ich solle unterschreiben —" „Aber du kannst doch nicht —" „Du siehst, daß ich kann! Ist übrigens ganz einfach: wenn ich an dich denke und die Feder schnell ansetze — so — ..." „Du bist ein gefährliches Subjekt", meinte der Lordkanzler von England. „Wünschest du, daß ich anders wäre?" Pitt sah die Schriftstücke durch und schien zerstreut: „Uebrigens — mein arabisches Halb lut geht jetzt ausgezeichnet. Man darf es nur an einem Haar leiten, dann ist fein Schritt ein Vergnügen. Wer drängt oder widerspricht, kommt nicht zurecht mit ihm." „Ich verstehe nicht, was das mit meiner Unterschrift zu tun hat?" „Ich auch nicht. Es fiel mir nur eben so ein..." Ihre Augen kreuzten sich. Wohl gewahrte der Mann die heiß auf- steigende Bewunderung in ihren Augen, aber niemand konnte ritterlicher einen Sieg verbergen als William Pitt. — Da gab es allerdings auch Gelegenheiten, bei denen der Lordkanzler nicht umhin konnte, anderer Meinung als feine Nichte zu fein. So hielt er es nicht für nötig, daß sie Herzöge öffentlich nachahmte, vor Ministersfrauen gähnte und einen General Känguruh nannte, weil er Freund Moore zu tadeln gewagt. Kürzlich, im Garten eines Lords, hatte man ihr einen Herrn vorgestellt, der in tiefem Bückling vor- und wieder zurücktrat, mit feinem Hut beinahe den Boden kehrend. „Man würde denken, er schaut unter dem Bett nach irgendeinem verlorenen Geschäft aus", lachte Hefter weitergehend. . x Pitt legte nachdrücklich die Hand auf ihren Arm: „Du darfst nicht persönlich fein!" „Was meinst du denn?" „Das ist doch der Arzt, der kürzlich das Pech gehabt hat mit irgendeiner Patientin..." „So? Ich wußte nicht mal, daß er Arzt ist —" Pitts Stirn zuckte: „Und vorhin wußtest du wohl auch nicht, daß der Ehrenmann, von dem du sagtest, fein öliges Gesicht mißfalle dir, fein Geld im Oelhandel verdient hat? Ja oder nein!" „Nein, Pitt, ich kannst ihn nicht!" Sie sprach bis über alle Klugheit hinaus die Wahrheit, das wußte er... So hatte sie wohl dieselbe Eigenschaft, die er selbst besaß: im ersten Blick von den Menschen mehr zu erfassen als andere. Nur — daß sie ein Weid war und plaudern mußte! „Hoffnungslos", murmelte er kopfschüttelnd. „Deine Politik?" „Nein, du." Sein Haus war hell und ftoh, feit sie mit ihm lebte, und er freute sich, daß sie die Brüder, Freunde und Gäste zu sich lud, auch wenn Geschäfte ihn ferne hielten. Sie sollte lachen und ihre Jugend genießen. „Sind deine anbetenden Sklaven wieder bei dir?" fragte er voll Stolz, wenn er nach Hause kam. Und konnte sich dann mit den Jungen balgen, selber ein Junge, sein Gesicht mit Kork zur Maske zeichnen lassen, mit Kissen nach Hefters Brüdein werfen. Bis der Diener kam, Besuch meldete und William Pitt, der eben noch dröhnend gelacht, sich in den kühlen Kanzler verwandelte, der aufrecht, mit unbewegtem Blick, bis ins letzte beherrscht und gesammelt, hörte, was man ihm vortrug. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei «.Lange, Gießen.