4-° Eichener KimilienbläM Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 */ Montag, -en 3. Januar Nummer { Die Insel Ser fünf Millionen Pinguine Von Lherrg Kearton * Deutsche Rechte durch I. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten 8. Fortsetzung. Wenn man dieses höchst sonderbare Schauspiel beiruryici, bei dem sich dauernd kleinere Züge dem Hauptkörper angliedern, wird man unwiderstehlich an politische Umzüge bei uns zulande erinnert. Wie unsinnig und unglaubhaft, baß diese Vögel zu sechst oder acht in der Reihe marschieren und nicht vom Wege abweichen! Aber genau so ist es. Und haben wir uns einmal von unserem Erstaunen über ihr Verhalten erholt, dann sind wir auf alles gefaßt. Es würde uns kaum mehr überraschen, wenn sie Fahnen, schwenkten — oder rote Halsbinden trügen — oder ihre Parteilieder sängen. Bis uns wieder einfällt, daß das ja kein»politischer Umzug ist, sondern nur die Badepolonaise, die regelmäßig jeden Morgen stattfindet. Das macht die ganze Sache aber nur noch erstamilicher. -Die Pinguine, deren Zahl ständig zugenommen hat, sind nun bei den großen Felsen angelangt, die wir nach der einen Abteilung im Londoner Zoologischen Garten „die MappimTerrassen" nannten. Hier stoßen zwei andere Züge zu ihnen, und eine Menge anderer Vögel verlassen ihre Felsnester und schließen sich als Nachtrupp an. Sicherlich äst die Kolonne jetzt zwei-' bis dreitausend Kopf stark — sie scheint sich auf beinahe einen Kilometer zu erstrecken. Natürlich geht es nicht, ohne daß man einander gehörig schubst und auf die Zehen tritt — denn die See ist endlich in Sicht und jeder hat es nun sehr eilig. Schließlich ist der große Augenblick da: die Vorhut hat den Sandstrand erreicht. Sämtliche jüngeren Mitglieder der Pinguingesellschaft werden, sobald sie den Sand unter den Füßen spüren, zu aufgeregt, um ruhig weiterzugehen. Sie versuchen vorwärtszustürmen. Aber wenn man Beine hat, die nur etwa ein Neuntel der ganzen Körperlänge ausmachen, ist das taum möglich, und es bleibt einem nichts übrig, als alle Viere zu Hilfe zu nehmen und sich auf diese Weise fortzubewegen, wobei durch Füße und Flossen eine große Staubwolke ausgewirbelt wird. Die gesetzteren und älteren FamiliemNitglieder folgen in würdigem Schritt. Was hätte es auch für einen Sinn, sich zu überstürzen, wenn man noch den lieben langen Tag vor sich hat? Im Meer ist sowieso qenutz Platz für alle miteinander. So watscheln sie gemächlich voran, schauen nach ihren Nachbarn und versuchen trotz der Fülle ihre Kinder im Augen zu behalten. Die Familie, mit der wir zusammen aufbrachen, ist auch schon angelangt. Wir müssen uns ordentlich anstrengen, damit sie uns in dem riesigen, nun mehrere Tausende starken Haufen nicht entschwindet. Sie hat keine Zeit verloren und ebensowenig den Vorteil als Anführer des »ganzen Zuges. Die Sprößlinge paddeln schon,in den Brandungswellchen, Vater steht bei seinen Freunden am Strande und Mutter setzt ziemlich ängstlich den Kindern nach. Denn sie muß dafür sorgen, daß sie ihre Stunde bekommen, ehe sie zu spielen anfangen — gestern haben sie sich beim Tauchen durchaus nicht mit Ruhm bedeckt. So schwimmt sie ein paar Meter weit hinaus, senkt bann plötzlich den Kopf und verschwindet, das geht jo blitzschnell, wie man es sich nur denken kann. Kurz darauf stößt'sie zwanzig Mete/ weiter wieder an die Oberfläche und blickt zurück, um sich zu Überzeugen, ob die Kleinen es ihr auch nachmachen. Vater hat inzwischen seinen Schwatz beendet und besieht sich das Wasser. Es müßte ganz angenehm (ein, ein bißchen in aller Ruhe am Ufer hinzupaddeln, ehe man tiefer hineingeht, denkt er bei sich. Genau wie ein älterer Strandbadbesucher sieht er aus, während er so voller Ernsthaftigkeit durch das seichte Wasser watschelt, das ihm hier gerade nur sanft über die Füße rieselt. Dann und wann hält er inne, steht den kühneren Schwimmern zu und stellt allem Anschein nach Betrachtungen über die Annehmlichkeiten des Pinguindaseins an. Auch er wird später Mut und Kühnheit beweisen, allein er geht gern schrittweise vor: zuerst wird ein wenig gepaddelt, dann wird richtig geschwommen, und schließlich geht es an ein prachtvolles Tauchen. Die Kücken haben mittlerweile Tauchstunde bekommen und ihre Sache heute entschieden besser gemacht: endlich haben sie den Dreh heraus, wie man mit dem Kopf im selben Augenblick unter Wasser geht, wo die Flosfen sich wie Ruder ausbreiten und die Füße sich steif nach hinten ausftrecten. Es geht noch ziemlich langsam, aber das gibt sich mit der Zeit. So schenkt ihnen die Mutter weitere Uebungen und läßt sie glückselig auf dem Wasserspiegel treiben, während sie nach Unterhaltung für sich selbst Umschau hält. Zeitvertreib gibt es genug. Es tummeln sich jetzt sicherlich über tausend Pinguine im Wasser, nicht zu reden von den mindestens Zehntausend am Strand. Alle möglichen Spiele sind im Gang, denn wenn die Pinguine an Land auch schwerfällige Geschöpfe find: sobald sie ins Wasser kommen, sind sie geradezu ausgelassen. Einige führen allerlei Solokunststücke aus, schwimmen und rollen derart, daß die Wellen ihnen über den Rücken laufen, schlagen bann plötzlich einen Purzelbaum, tauchen unter und wieder auf wie Tümmler und kreiseln behende im Wasser wie Feuerräder od»r richtiger gesagt wie dicke Brummfliegen, die in ein Wasserglas gefallen sind und auf dem Rücken zappeln. Andere, die mehr Gemeinschaftssinn besitzen,' spielen in Gruppen, tauchen untereinander weg oder raufen sich erbost mit einem widerspenstigen Tang herum. Mit einemmal geht bann irgenbeiner, der ein bißchen weiter draußen als die andern schwimmt, plötzlich unter Wasser und hält in größter Geschwindigkeit auf das Land zu. Im Nu ist das ganze Strandwasser frei und kein einziger Pinguin mehr zu sehen... Es ist genau als ob der Wachtposten „Haifisch!" geschrien hätte, obwohl ich sicher bin, daß in der ganzen Bucht weder ein Haifisch ist noch sonst etwas, wovor die Pinguine Angst zu haben brauchen. Ich glaube einfach, baß bas alles zu einem bevorzugten Lieblingsspiek gehört — ganz ähnlich wie unsere eigenen Kinber sich selbst weismachen, am Gartentor stehe ber schwarze Mann, unb Hals über Kopf vor ihm Reißaus nehmen, obwohl kein einziges wirklich an den schwarzen Mann glaubt. Auf alle Fälle greifen die Pinguine den Alarm auf, schwim>nen eilends nach ber Küste zurück, watscheln auf den Strand und betrachten sich von da aus bas Meer. So bleiben sie eine gute Welle roartenb stehen unb bie Aufgeregteren aus ihrer Schar steigern sich in regelrechte Nervenzustänbe hinein — bis einer, bem es langwellig wirb, finbet, bas Spiel lohne nicht mefjr; unb seinen Gefährten voran roieber in See geht. Die Mutter, auf bie wir unser befonberes Augenmerk richteten, ist, so matronenhaft würdig sie sich bei der Behandlung ihrer Kücken gezeigt haben mag, tn Wirklichkeit ein fröhliches junges Ding — das genaue Gegenstück zu einer ganz jungen Menschenmutter — unb immer bereit (solange sie bie Kleinen in Sicherheit weiß) sich an jeber Lustbarkeit zu beteiligen, bie vor sich geht. So pabbelt sie halbwegs burch bie Bucht unb gesellt sich zu einer Gruppe anderer fportfreubiger Pinguine auf einem Felsbrocken, den die einströmende Flut gerade bedeckt — ein prächtiger Platz um „Ich bin der König in meinem Schloß" zu spielen. Zwei Pinguine stellen sich oben auf, bäs Wasser reicht ihnen gerade bis zu den weißen Bauchfebern — und sobald jemand anders dort zu landen versucht, treiben die zwei ihn zurück, indem sie ihn' teils fortstoßen, teils zum Spaß mit den Flossen um sich klatschen. Danach schwimmt die junge Mutter zu einem höheren Felsstück hin, das ziemlich hoch aus dem Meere aufragt, läßt sich darauf nieder und belustigt sich damit, die kleinen Austernfischer abzuwimmeln, sobald sie ankommen. Dann fängt sie an, die Felsspalten zu- untersuchen. Bald findet sie auch etwas, das sie interessiert, eine Krabbe vielleicht: im Handumdrehen wird die Neuigkeit bekannt, und ein Halbdutzend ihrer Spielgenossen kommt herübergepaddelt und guckt einander mit anscheinend größtem Interesse über die Schulter, abgleich ^mßer den ganz vorn Stehenden natürlich keiner etwas sehen kann. Und dann, just im Augenblick, wo ein wagemutiger Geist den Schnabel kühn in die Spalte senken will, erhebt sich neuer „Haifischalarm", und alles miteinander, Krabbe unb Spiel unb was sonst noch, ist über ber Hetzjagd auf bie Küste vergessen. Der Patersamilias, ber inzwischen seinen Pabbelausslug beenbet hat, i[t nun fast zum Bade bereit. Doch noch nicht ganz. Erst muß er noch ben Strand entlangbummeln und — genau wie ein etwas blasierter alter Herr im Strandbad — hier und da stehen bleiben, um ein Wort mit seinen Bekannten zu wechseln. Auch ist er nicht ganz erhaben über ein leichtes unauffälliges Interesse an den jüngeren Angehörigen des anderen Geschlechtes. Ich wünschte, ich könnte zeigen, wie genau die Pinguine den Menschen gleichen. Immer wieder wurde ich, während ich so auf meinem Felsen saß und dieses Babetreiben beobachtete, an altbekannte Szenen zuhause erinnert. Alle finb sie da, bje wohlvertrauten Typen aus bem Seebab: bie nervösen Mütter, bie ihre Kinder nicht aus bem Auge lassen wollen, bie anbere Art Mutter, bie bafür schwärmt, ihre Kinder sich selbst zu überlassen unb unterbeffen selber bie wohlverdienten Ferien zu genießen, der Rüpel, der nicht zwanzig Schritt weit gehen kann, ohne alle Welt anzurempesn, ber Dickwanst, dessen Ferienideal ein gemütliches Nickerchen im Sand ist, die Schönheit, für die die einzige Anziehung des Seebads in ber Möglichkeit besteht, allen Bewunderern ihre Reize zu enthüllen, ber Schwimmsportler, der sich unverzüglich in bie Wogen stürzt, neuem ein. - . Noch mehrmals erwachte sie hierauf und schien sich etwas darüber zu wundern, daß ihre Mutter ihr nicht nachgekommen war. Jedenfalls aber war sie weder da noch in Sicht; soweit war also alles in Ordnung. Sie beendete chr Schläfchen und begann dann, da sie sich sehr erfrischt fühlte, zu überlegen, was sie nun beginnen sollte. Das Nächstliegende war natürlich, sich ins Wasser zurückzubegeben. Das Becken zu ihren Füßen sah auch wirklick recht verlockend aus. Hinunter also! Sobald sie sich näherte, schwärmten die Pinguine auseinander, und das machte ihr Spaß. „Komisch^, so schien sie zu denken, während sie sie sich betrachtete, „rote diese Geschöpfe sich davonmachen — es müßte ganz spaßig sein, ein bißchen auf sie loszugehen." . m. . , Sie rutschte ins Wasser, wo wieder eine Menge Pinguine herum- schwammen. Sie schlug erst ein paar Purzelbäume, tauchte, wirbelte um den eigenen Schwanz und amüsierte sich herrlich. Als sie endlich genug davon hatte, kam ihr der Bedanke, sich die Zeit ein bißchen mit den Pinguinen zu vertreiben. . ,, ,, Daß sie ihnen etwas tun wollte, glaube ich nicht. Zwar fressen besonders hungrige Robben gelegentlich auch Pinguine, doch bezweifle ich, daß diese junge Robbe das wußte. Jnsttnktiv mag sie gesuhlt haben, daß ein Pinguin dazu da ist, um gejagt zu werden, genau wie ein junger Hund ein Kätzchen jagt, nicht weil er ihm wirklich etwas tun will, sondern weil — nun, weil das Kätzchen doch offenbar zu nichts anderem auf der Welt ist. Wie dem auch fei, unsere Robbe schwamm geradeswegs auf die Pinguine zu, die sich dort tummelten, und als sie in ihre Nähe kam, tauchte sie. . Die Pinguine schossen nach allen Richtungen auseinander: sie wußten nicht recht, was sie von der Sache halten sollten, beschlossen aber auf alle Fälle, sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Als die Robbe an die Oberfläche kam. war kein Pinguin mehr da, doch gewahrte sie nicht weit davon eine Gruppe von Vögeln, die offenbar dieselbe war. So näherte sie sich ihnen wieder und tauchte im kritischen Moment von neuem. Selbstverständlich passierte genau dasselbe und die junge Robbe sagte sich, daß das ja ein ganz famoses Spiel sei. Gelang es chr, mitten in einer Gruppe von Pinguinen emporzutauchen, banjt hatte sie einen Punkt gewonnen, hatten sich die Pinguine in Sicherheit gebracht, dann bekamen sie einen Punkt. Stundenlang konnte man so weiterspielen. Da die Pinguine ihr, soweit ich es seststellen konnte, eine Menge Punkte abgewannen, hatte sie allen Anlaß, sich weiter tüchtig anzustrengen, um zu gewinnen, lieber diesem Zeitvertteib vergaß sie alles andere: Mutter und Vater, die sie sicherlich angsterfüllt jenseits der Felsschranke suchten, die beim Zufückebben des Wassers jetzt als unüberschroimmbare Mauer aufragte; die Art und Weife, wie sie in das Becken hereingelangt war; und was am wichtigsten war, wie sie wieder hinausgelangen sollte. (Fortsetzung folgt.) eine weit entfernte ynsel zurück und fetzt sieht man sie nur noch selten bei der Pinguininsel. Dennoch stellen sie sich bann und wann em. An einem Morgen während meines dortigen Aufenthaltes kam eine ganze Robbenfamilie Über das Überflutete Riff in die Bucht geschwommen, in der ich vor mehreren Monaten selbst gelandet war. Dort war das Wasser ruhig, und die Robben-Eltern sanden anscheinend, daß dies ein einladender Ruheort sei. Träge schwammen sie umher und erfreuten ich des Sonnenlichts und des friedlichen Wassers. Aber man weiß ja, wie es ist, wenn sich auf einem Ferienausflug Vater und Mutter in einem hübsch ruhigen Winkel gemütlich niedergelassen haben: die Spröhlinge machen sich unweigerlich davon und ttften Unheil an. , In diesem' Falle war nur ein Sprößlmg da» doch Lasur ein um |0 abenteuerlustigerer, der seinen Eltern, nach diesem einem Mal zu urteilen, icher oft genug Sorgen machte. Kaum waren die alten Herrschaften omeit eingenickt, daß sie nicht mehz gehörig aus Um aufpasjen konnten, o begab er sich auf Entdeckungsreifen und schwamm durch die Bucht an dem Sandstrand vorbei, der den natürlichen Landungsplatz »Orient, bis zu den Felsen hinüber. An dieser Stelle zieht sich eine Felswand entlang, die einen Tümpel umschließt — „die Lagune" nannten wir ihn; — dort war das Wasser jederzeit ruhig und die Pinguine badeten dort besonders gerne. Bei Ebbe ragt der Felskamm hoch aus dem Wasser auf und wehrt so allen nichtgeflügelten Tieren den Zugang oder Ausgang; bei Flut aber wird die Schranke überspielt und dre Wogen tragen alles Schwimmende leicht darüber hinweg. Die junge Robbe kam bei Flut über den Felskamm. Wie das genau ,uging, kann ich nicht jagen. Sicherlich erzählte sie ihren Eltern hinter- >er, daß die Wellen sie einfach hinübergeworfen hätten und sie nichts dafür konnte; ich glaube aber, dah sie unnötig nahe heraugefchwommen kam, um auszuprobieren, ob das geschehen würde oder nicht. Kurz und gut da war sie nun in dem Becken, und eine solche Gelegenheit zu weiteren Entdeckungen kann sich natürlich kein junges Lebewesen ent- gehen lassen. So ging unsere Robbe an Land und schob sich mit ihren langsamen rollendert und klatschenden Robbenbewegungen die Felsen hm- aus, bis sie mehrere Meter landwärts gekommen war. Eine derartige Fortbewegung aber ist (zumal wenn es sich, wie hier anzunehmen war, um den ersten Landausflug handelt) recht anstrengend, und bald legte sich die junge Robbe auf einen glatten Felsen zum Ausruhen nieder. In der Ferne gewahrte sie eine Reihe Heiner Geschöpfe — Vögel wie es schien — zum Teil im Wasser, zum Teil auf dem Lande; aber um Vögel kann eine Robbe sich natürlich nicht scheren, zum mindestens nicht, wenn sie müde ist. Die gähnte also zweimal und gab sich dem Schlafe hin. Als sie auswachte, sah alles noch ziemlich rote vorher aus, nur war sie nicht mehr allein. Ringsherum standen Pinguine, die sie voller Inter- esse unverwandt anstarrten. Das waren gewiß die Vögel, die sie früher am Tage von weitem gesehen hatte. Da sie draußen aus hoher See oft.Pinguinen begegnet war, wußte sie einigermaßen Bescheid über sie: es waren alberne Geschöpfe, mit denen sich nichts anfangen ließ. So kratzte sie sich nur mit einer Flosse an eine Stelle, wo es sie gerade juckte, gähnte ein paarmal, streckte sich lang aus und schlies von die Bucht zurück. , , , Nur wenige Pinguine baden jetzt noch, der Strand aber ist mit ihnen überjät. Außer denen, die ins Meer hinausgejchwommen sind, sind fast alle wieder an Land gegangen und verleihen dem Sandstrand ein ganz eigenartiges Aussehen. Alle die Tausende von Pinguinen, die diese kleine Bucht füllen, liegen langausgeftrerft da, entweder schon schlafend ober kurz davor. Und genau ebenso sieht es um diese Stunde an den verschiedenen andern laubigen Stranbpartien aus. Die Nistkolonien liegen verhältnismäßig verlassen ba, bie Buchten aber sind gedrängt voll schlafender Pinguine. , . _ ,, Die ganze heiße Tageszeit verschlafen sie so tm Sand, und erst wenn bie Abendkllhle anhebtf steht einer um ben andern auf. Gern wird noch ein zweites Erfrifchungsbad genommen, bann beginnt ber Rückmarsch. Von neuem formiert sich die endlose Prozession und wächst an Zahl, je mehr Schläser erwachen, und bald ist der Weg über Fels und Sand wieder von der vorrückenden Kolonne bedeckt. Wie sie dahinwapdern, den Rücken ber See zugewandt, fällt das Licht der Sonne auf die Helle Brust dieser Tausende von sonderbaren kleinen Gesellen und verwandelt ihr weißes Gefieder in Silber. Mit einem Male ist es, von vorn betrachtet, ein Zug von schneeweißen Vögeln. Schritte man freilich hinter ihnen her, so sähe man ein völlig anderes Bild: schwarze Rücken und Kopse, die in scharfem Schattenriß vor der untergehenden Sonne auf und niedertanzen. Zwölftes Kapitel. Eine Robbensamilie. — Der hoffnungsvolle Spröhling. — Die „Lagune". Zeitvertreib. — Gefangen. — Die hilfreiche Flut. In früheren Zeiten und vielleicht sogar noch vor vierzig Jahren war die Insel der Pinguine die Heimat von Robben. Doch bas Geschick ber Robben war hart: sie trugen ein Fell, bas ber Mensch hoch bewertete, und bie Fischer glaubten allgemein, wenn auch ganz fälschlicherweise, daß sie große Mengen von Fischen verttlgen. Aus biesen beiben Gründen würbe ihnen ber Krieg erklärt, und ba bie Insel verhältnismäßig leicht zugänglich war, beschlossen bie Robben alsbald vernünftigerweise, sich eine entlegene« und sichere Heimat auszusuchen. Sie zogen sich daher auf 6er Detrlebmacher, der zu rufen scheint: „Kommt einmal alle miteinander her, wir machen eine Gaudi!" Alle sind sie ba, alle... * Der Vater, ben wir während dieser Abschweifung seinem Schwatz mit Freunden überlassen haben, stellt jetzt fest, daß es Zeit zum Baden für ihn wird, und geht zum Wasser hinunter. Ein paar Schritte seewärts, bann läßt er sich auf bie Brust nieber, treibt davon ... und plötzlich ist er unversehens tauchend verschwunden. Erst ein paar Minuten spater erscheint er wieder, fast zweihundert Meter weit draußen wie ein dunkler ^Nun“fteuert «“'quer^urd) bie Bucht und lanbet am Rande des Strandsands. Selbst hier ist ein Vorposten von Pinguinen, und er muß sich zwischen ihneck hindurchdrängen, vorbei an welchen, bie eben oom Baden kommen und ihre Febern schütteln, vorbei an andern, die sich den Schnabel auf der Brust putzen, gleich sonderbaren lebendigen Fragezeichen, vorbei an Faulenzern im Sonnenbad, an schwatzenden und zärtlichen und streitsüchtigen Paaren bis hin zu den hohen Felsen, die die eine Seite der Bucht umrahmen. . , Hier ist bas Wasser bewegter und Gischt spritzt auf — eine herrliche Stelle zum Springen und Tauchen. Den Pfad entlang, ben Generationen leibenschaftlicher Hochspringer unter ben Pinguinen ausgetreten haben, spaziert unser Familienvater über die großen glatten Uferfteme, und es ist fast zu fürchten, daß er dabei seine Familie im Augenblick völlig vergißt ober sich zum mindesten voll Gottvertrauen darauf verläßt, daß seine Frau schon auf die Kücken aufpaßt. Unterwegs bemerkt er ein paar Familien, die in felsigen Höhlen nisten, und andere, die ebenso so nahe am Wasser wie diese unter vorspringenden gelsleiften auf ihren Eiern sitzen. Doch er schenkt ihnen keine Beachtung, so sehr erfüllt ihn der Gedanke an fein Vorhaben und die Frage, ob er diesmal vielleicht von ganz oben abjpringen kann — aus fast sechs Meter Hohe. Jetzt steht er am Rand des Felsenriffs. Unter ihm liegt von umbrandeten Felsen eingefäumt das Springbecken, wo er vollkommen sicher durch auffpritzenden Gischt in tiefes Wasser gelangen kann. Emen Augenblick dauert es, bis er fein Gleichgewicht hergestellt hat, dann springt er ab, mit ausgebreiteten Flossen und die Füße voraus — gerade ins Wasser hinab. Gleich beim Eintauchen legen sich die Flossen zum ersten Schwimmstoß nach hinten, während er unter dem Wasserspiegel ver- ^^Auch andere Pinguine springen von hier. Wohl über ein Dutzend steht am Felsrand beisammen, und gut bie Hälfte springt im selben Augenblick wie beim Start zu einem Wettschwimmen. Elegante unb graziöse Springer nach unseren Begriffen sind sie fteilich nicht. Mit heftigem Aufplumpsen lassen sie sich ins Wasser fallen. Aber sie ahnen ja auch nicht, daß ein Photograph danebensteht, und genießen ben Augenblick mit kritiklosem Vergnügen. , , _. Selbst die Freuden des Springens aber vermögen nun unfern Familienvater nicht mehr viel länger im Wasser zurückzuhalten. Die Stunden verfliegen und er hat jetzt die Wahl zwischen zwei Dingen. Erstens könnte man sich auf ben Fischfang begeben. Mehrere seiner Freunde sind bereits dahin unterwegs unb aus ber Bucht hinaus ins offene Meer geschwommen. Falls ihnen bas Glück günstig ist und sie rasch einen Fischschwarm sichten, können sie in ein bis zwei Stunden zurück sein. Andernfalls müssen sie einen halben Tag ober noch mehr opfern. Er fühlt sich oerfucht, ihnen zu folgen, anberfeits aber ist es noch nicht gar so lange feit feiner Mahlzeit, und fo beschließt er, vorläufig vom Fischfang abzusehen. Denn was seiner statt dessen wartet, lockt ihn wirklich bedeutend mehr. , Dieses Etwas ist nicht mehr oder weniger als ein wohltuendes Schläfchen, eine Siesta während der heißen Tageszeit. Nichts Gesünderes nach einem langen Bad! So schwimmt er in der Richtung auf bie Küste durch 3um neuen Jahre. Von Eduard Mörike. Wie heimlicherweise ein Engelein leise mit rosigen Füßen ' die Erde betritt, so nahte der Morgen. Jauchzt ihm, ihr Frommen, ein heilig Willkommen! Ein heilig Willkommen, Herz, jauchze du mit! In ihm sei's begonnen, der Monde und Sonnen an blauen Gezeiten des Himmels bewegt! x Du Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt! Besuch bei Hetbel. Von Wolfgang Goetz. In der Bahn, die mit rühmenswerter Ausdauer sich durch die flache Marschlandschaft bemüht, versteht man wenig vom Gespräch der Nachbarn. Sie sprechen unzweifelhaft Deutsch, das steht fest, sonst aber istJber Mitteldeutsche außerstande, das Gelächter oder den wilden Zorn der Mitreisenden verständnisvoll zu teilen. Nur ein Wort füllt ihm aus: „Da), blot twedusend Johr", sagt jemand leicht enttäuscht. Man rechnet hier offenbar mit gefunden Zeitspannen. Als der Mitteldeutsche aussteigt, ist er betrübt, nicht mehr verstanden zu haben. Es mögen wohl noch andre erstaunliche Dinge gesprochen worden sein. Das erste, was auf dem schmucken Bahnhof von Wesselburen besichtigt wird, ist ein alter Bummler, der auf den Knien in der Gasse hockt und sich an einem schwanken Stäbchen emporrappelt, um in phantastischen Kurven den Zug zu gewinnen. Das besoffene, abgerissene Wesen inmitten dieses lautern und reinlichen Menschenschlages stört die Wallfahrtssttm- mung ein wenig. Aber dann winken hübsche, muntere Häuser, saubere Straßen tun sich auf, und dort steht auch schon das überernste Standbild Hebbels. ~ , .. ' Of , Ein allerliebstes Häuschen gleich hinter dem Denkmal tragt die Aufschrift: „Hebbel-Museum". Nein, es ist nicht das Geburtshaus, sondern ein ganz richtiges Museum, so blitzsauber, wie ich noch selten eins gesehen- habe. Auch vom Alkohol ist es sauber: „Alkoholfreies Gesellschaftshaus kündet eine andere Schrift.) Was nun hier freudige Spender zufammen- ttugen an Hebbeliana, das ist höchsten Lobes würdig, Zeugnis prächtigen Gemeinsinns, dankbare Dpferspende für den großen Sohn des winzigen Städtchens. _. _ ... Es ist keine einzige Niete unter den vielen Nummern. Die Erstdrucke, die wichtigsten Gesamtausgaben, unzählige amtliche Schriften des jungen Schreiberlings — darunter rührend eine Quittung, die Mutter Anlhje Hebbel unterkritzelte. Die Fülle der Porträts — die Frauen, Dichter, Mimen, Mäcene — führt den ganzen Geist der Hebbelzeit herauf, und was man mit der Platte noch fassen konnte von den alten Freunden des jungen Adlers, das hat man sorglich hier geborgen. Es muh viel Muhe gekostet haben zu sammeln, was nun so klar und anspruchslos zum Wanderer spricht. Erschreckend die Totenmaske: das linke Auge steht offen, als ob es im Tode noch schauen wollte. Nach solcher wahrhaft herzlichen Freude an reiner Ehrfurcht winkt ein wilder Strauß, den man mit der Kirche zu bestehen hat. Man mutz sich gegen diesen Turm, diesen' prachtvoll gefügten, wütend aufgetrotzten Bau wehren. Ein-m pyramidenförmigen Mittelbau sind Seitengebäude — Schiffe, wenn man will — angedrängt, daß er nicht stürze. Und diese Vor- und Umbauten sind wiederum gestützt von wüsten Strebepfeilern. Die solch Gebäu auf die „Wurte" — uralte Aufschüttung von Seenot — setzten wußten, was sie taten. Das sollte stehen, das mußte stehen! Trotz Sturm! Trotz Meer! Trotz Zeit! Vielleicht: ttotz Gott! Und es wird stehen. In diesem verbissenen Haufen Stein'sang Hebbels Knabenstimme dem Höchsten zu Ehren. Es wird einem manches deutlich. Und nun zum Geburtshaus. Es ist nicht mehr. Ein lächerliches Tafelchen kündet, daß dieses Haus hier stand. Die alte Ulme des Kindhelts- qartens fiel. Einzig ein alter Brunnen steht noch da. Und: Brunnen — Geburtshaus — wer dächte nicht an jenen festlich heiteren Strahl, der aus der Mnfcheltafche emsig und mühelos springt im Hofe jenes Hauses zu Frankfurt am Main! Hier: ein jämmerlicher Ziehbrunnen, verrostete Winden schleppen schwer das Wasser aus der Tiefe. Keiner kann stigen: ,An diesem Brunnen hast auch du gespielt." Ein einsames Kind hat dort in die. Tiefe geblickt. Und immer wieder ist dieser Brunnen in des einstigen Kindes Phantasie lebendig geworden. Sie nennen-ihn den „Maria- Magdakena-Brunnen" heute. Am vernehmlichsten rauschen wohl seine gurgelnden Wasser in Hebbels Ballade vom „Kind am Brunnen . Der junge Mann, der heute aus dem Haus blickt, weiß nicht eben recht Bescheid. Doch eine Nachbarin gibt gut Auskunft. Er „fei jetzt hin , sagte sie von dem alten Brunnen. Ehe ich sie befragen kann, quäle ich Mich durch verschrobene Häuserchen, und es duftet nach Abwassern. Aber es ist wohl schon sehr viel besser als damals. Wie jämmerlich es gewesen sein muß, das wage ich nicht auszudenken. . So gehen wir zum Stadtpark, einem Wäldchen von knapp eines Morgens Größe, das ehedem der Kirchhof war. Er ist dicht beim ölten Hebbelhaus, und alle Leichen Wesselburens mußten vorbei an den Fenstern des jungen Friedrich. Nun ist von Gräbern dort nichts mehr zu jehen. Nur die Grabsteine edler Geschlechter stehen Dolmen gleich aus- gerlchiet. Der Vater, den sie jetzt zum Hahnrei machen wollen und wo» gegen sich ein junger Forscher (Hermann Nadel in seinem Buche „Hebbels Ahnen") mit Redlichkeit, wenn auch nicht überzeugend einsetzte, ist auch den Weg gezogen dorthinaus. Aber wo « ruht, das weiß keiner. Ein Monolith liegt dort. Vielleicht modert er hier. Vor dem Stein sind Schaufeln tätig gewesen. Vielleicht gruben sie nach ihm. Vergeblich. Seine letzte Stätte ist ungewiß. Und so ist er verschwunden für uns, wie ja von feinem Leben kaum eine Spur geblieben ist, außer in wenig deutlichen, aber ungewöhnlich zarten Erinnerungen des Mannes, um Seffent» willen wir mehr von Klaus Hebbel zu roiffen uns wohl wünschten. An der alten Kirchfpielschreiberei vorbei, wo Hebbel „reichlich sechs Jahre" — fo kündet eine Schrift im Museum — unter einer Treppe schlafen wußte, hinaus zu einem andern Grab: „Hebbels Mutter" steht drauf, weiter nichts. Als ein kleines Gärtchen find Gebüsch und Blumen darum gepflanzt. Man zieht den Hut. Und auf einmal überfällt uns der Gedanke an das Vater- und Mutterproblem, an Kindheit und Jugend, an Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit und bas Grauen eben dieser Wesselburener frühen Tage. Da nützt es nichts, daß wir in der „Stadt Hamburg", in deren abgerissenen Stall der K8jährige Hebbel Schiller spielte, ein königliches Mahl an der Wirtstafel einnehmen, wie in Urgroßvaters Zeiten. Fort) Wir wollen — zum Meere. Kilometerweit, erschreckend zielbewuhte Straßen, Straßen mit peinlich guter Pflasterung, die den Füßen wenig Freude macht. Straßen, die bei aller Zielbewußtheit plötzlich seltsame Haken schlagen. Rechts und links die wechselnde Fülle reicher Landschaft. Aber die Straßen, die Straßen! Selbst die malmenden Kühe werden einem gleichgültig. Hebbels unseliger Heideknabe fällt einem ein und Schumanns kongeniale, Melodramen» musst mit dem tönenden Fragezeichen bis zum gräßlich stampfenden Ende und seinem trostlosen Schluß. Der Sturm pfeift eintönig und bläst einem dumme Gedanken aus dem Kops. Es ist kalt, und jeden Augenblick droht kalter Regen nieder- zugehen. Endlich hinter dem Deich rauscht es die uralte, die heilige Weise. Wir stehen droben, den Anprall der Wogen zu schauen; fern schäumt und kämmt es noch. Zu unfern Füßen versickert es schon, und die freche, weiße Möwe fetzt ihre Füßchen zierlich patschend ins Rinnsal erstorbener Brandung — Wattenmeer. Oie verstärkte Ladung. Afrikanisches Erlebnis von F. G. Schmidt-Dlden. Der dicke Mac Millan meinte fast, als er mir die Verheerungen zeigte, die die Elefanten auf feiner Farm angerichtet hatten. Kaffee- und Teesträucher waren ihrer Zweige beraubt; oder in den Boden getrampelt Fruchtbäume und Obstkulturen verwüstet... „Wenn ich so ein Hering wäre, wie Sie —" schloß er giftig, „bann mürbe ich den Dickhäutern bis in ihre Bambuswälder und Urwalddickichte folgen und mich den Teufel um Schongesetze kümmern ... aber so!" Er sah wehmütig auf feinen massigen Leib. „Grade haben wir Vollmond < ermunterte ich. „Sie könnten wunderbar ansitzen ..." Mac Millan sah mich entgeistert an. „Ausgeschlossen", meinte er dann betrübt, „ich bin fein Jäger, und in der Nacht muß ich schlafen! Und das weiß auch der Wildinspektor, und deswegen hat er mir auch die Schuß- erlaubnis so bereitwillig gegeben. Der reine Hohn..." Der Dicke wurde erst wieder munter, als ich den Vorschlag machte, in feiner Vertretung den Elefanten aufzulauern. Ich mutzte mich aber bereit erklären, feine Elefantenbüchse zu benutzen und keine Ansprüche an das erbeutete Elfenbein zu stellen... Als mir bann ber biete Mac seine Haubitze zeigte, wurde mir unsere ■ Abmachung fast wieder leib. Zwanzig Pfund wog die Doppelbüchse und verfeuerte Bleigeschosse Kaliber 8, d. h. also, bah 8 Runbkugeln bes ent- sprechenben Durchmessers ein englisches Pfund wogen. Und als Treib« mittel dienten jedem Geschoß 18 Grainm Sckwarzpulver. aber die Wirkung ist auch großartig" beruhigte mich Mac, und was das zu bedeuten hatte, merkte ich nocki am selben Tage. Kurz vor Sonnenuntergang zog ich los. Ein Boy schleppte einen Klappstuhl, eine Flasche Whisky als Zielwasser und die Kanone. Ich selbst hatte genug an den beiden überlebensgroßen Patronen. Mac Millan hatte mir beim Abschied recht herzlich „Viel Glück ge« i wünscht, und mißtrauisch äugte ich umher, ob mir nicht ein altes Neger- roeib über den Weg laufen würde. Aber alles war wie ausgestorben —। und fo kehrte ich leider nicht um ... Unter gigantischen Urwaldbäumen am Rande der Pflanzung baute ich bann ben Stuhl verdeckt auf und schickte den Bay nach Haus. Die mit ben riesigen Patronen gelabene Büchse über ben Knien wartete ich dann geduldig der Dinge, die da kommen sollten. Kurz nach Sonnenuntergang bricht fast ohne Dämmerung die Nacht an Im Urwald herrscht tiefe Dunkelheit und nur gegen die Lichtung hin sind die Umrisse ber Bäume und Aeste erkennbar. Allmählich steigt ber Monb höher unb überflutet die zauberisch schöne Landschaft mit silbernem Licht Nachtaffen kichern und schnalzen über mir und lautlos umstreichen * mich Eulen und Nachtschwalben. Kleines Getier knistert im dürren Laub. Hyänen schleichen scheu durch das Unterholz nach den menschlichen Be» hausanäen, um dort nach Aas und Abfällen zu suchen. Tausende von Leuchtkäfern tanzen durch die dunklen Blätter — her Urwald ist zu seinem nächtlichen Leben erwacht. Regungslos hocke ich Stunde um Stunde. Kalter Wind streicht von den Gletschern des Kenia und fröstelnd angle ich nach dem Zielwaffer unter meinem Sitz... . , ... . .. o Plötzlich find die Elefanten da! Lautlos wiegen sich die riesigen Lewer gespenstisch im Mondlicht, schieben sich durcheinander unb kommen äsend Der Ansitz liegt an einem mit fast reifen Slnanasftauben bewachsenen Teil ber Pflanzung. Eine alte Elefantenkuh, erschreckend hoch und mager, marschiert an ber Spitze. In dem Ananasfeld angelangt, verteilen sich bie in ber spärlichen Beleuchtung unheimlich wirkenden Dickhäuter, um gemächlich die (affigen Früchte zu verschlingen. Ein Bulle, beffen Elfen- bein silberweiß leuchtet, scheint ein besonderer Feinschmecker zu fein. Er schiebt die Frucht nicht so ohne weiteres in das weit geöffnete Maul, wie feine Brüder und Schntestern, sondern entfernt erst durch Schwenken mit dem Rüssel sorgfältig alle anhaftenden Erdteile. Als er etwa zehn Meter seitlich der Herde steht, hebe ich langsam die schwere Büchse an die Wange. Erfahrungsgemäß schießt man bei schlechter Beleuchtung stets zu hoch. Außerdem liegt das Herz des Elefanten sehr tief, es hängt förmlich zwischen den Vorderbeinen. Als ich „gut drauf bin", ziehe ich den rechten Abzug ab. Ein gewaltiger Feuerstrahl schießt aus dem Rohr und beleuchtet sekundenlang tue grauen Riesenleiber. Ihr selben Augenblick werde ich zurückgefchleudert, höre noch das Krachen des zusammenbrechenden Stuhls unter mir — und dann stürmen die Dickhäuter rechts und links von mir durch das knatternde Unterholz — wirbeln Staub, Aefte und Laub durcheinander wie rasende Lastautos. Als ich nach der Büchse greifen will, die zwischen den Trümmern des Stuhls und den Splittern der Whiskyslaiche liegt, merke ich mit Schrecken, daß mein Arm leblos herabhängt. Fckde und süßlich läuft aus einer Stirn- wunde Blut in den Mund... Weit hinten im Urwald höre ich dann dumpfes Stöhnen und einen polternden Fall. Dann wird alles still. Die Elefanten sind verschwunden. Selbst die Hyänen haben ihr klagendes Lachen eingestellt. — Vergeblich versuche ich in meinem dröhnenden Schädel nach einer Erklärung. Wenn mich ein Elesant überrannt hätte, so wäre ich wohl kaum so glimpflich davongekommen.. Mit Freuden stelle ich dann fest, daß der Arm nicht gebrochen ist. Ich kann ihn, wenn auch mit Schmerzen, wieder bewegen. Die Taschenlampe wage ich noch nicht anzuknipsen, da gereizte Dickhäuter — im Gegensatz zu Raubtieren — das Licht angreifen. Aber als ich beim Mondenlicht den linken Hahn in Ruhe setzen will, wird mir vieles klar. Durch die Erschütterung des Schusses war auch der linke Hahn abgeschnappt, und beide Schüsse waren säst gleichzeitig losgegangen. Und den furchtbaren Rückstoß von 36 Gramm Pulver hatten weder ich noch mein Stuhl ausgehalten. Den eigentlichen Grund dieser Tragikomödie erfuhr ich aber doch erst nach meiner Rückkehr. Mae Millans Wut auf die Elefanten war größer als feine ballistischen Kenntnisse. Um also die Wirkung der Patronen zu erhöhen, hatte er in jede Hülse das rauchlose Pulver einer Sorbite« Patrone dazugeschüttet. Ein Wunder war es, daß mir bei dieser Ladung die alte Elefantenbüchse nicht in Stücken um die Ohren geflogen war... UM mich zu versöhnen, bot mir Mae Millan den einen Stohzahn des erlegten Elefanten an. Ich wählte den linken, der mir bei Abgabe des Schußes zugekehrt war, und einträchtig begaben wir uns am nächsten Morgen an den Schauplatz des nächllichen Abenteuers. Etwa zweihundert Meter vom Anschuß entfernt schimmerte der Schädel des, zusammengebrochenen Riesen grau durch das Gewirr der Dornen. Und als wir uns aus ungefähr zwanzig Schritt genähert hatten, blieb der dicke Mac schnaufend stehen. Seine Augen quollen förmlich aus den Fettpolstern und die gespitzten Lippen schnappten hörbar nach Luft. Er sah aus wie ein gut geratener Weihnachtskarpfen. Verständnisvoll und etwas schadenfroh drückte ich feine Faust. Der Elefant trug nur einen Stoßzahn, den linken ... Das Regiment. Von Bruno Brehm. „Schade, sehr schade, daß du Puschkin nicht russisch lesen kannst", sagte der russische Rittmeister, „in der Uebersetzung geht säst alles verloren. Seine Sprache ist wie ein Schmetterlingsslügel. Man kann sie nicht nachmalen. Er ist der größte Dichter, das hat Dostojewski gewußt, der klein vor Puschkin ist." Die Frau des Rittmeisters erschien und fragte, ob er nicht die Platte hinaushängen wolle, es sei schon Donnerstag, und Samstag wäre Vorstellung, jetzt kämen die Leute nur spärlich ins Kino, man müsse ein wenig aulocken, das Plakat sei gut und wirkungsvoll. „Nicht jetzt, nicht jetzt! Oh, bitte, störe nicht!" Die Frau zuckte die Achseln, zog die Brauen hoch, kehrte sich langsam um und ging. „tio, du willst also Clausewitz und Schliessen wieder mitnehmen? Du brauchst die Bücher? Schade! Für Schlieffen hätte ich gern noch einige Karten gehabt. Man muß ein Schlachtfeld ganz deutlich vor sich sehen. Aber besser noch als Schliessen gefiel mir Clausewitz. Er ist der klügste Manu gewesen, der je über Soldaten geschrieben hat. Er hat an alles gedacht und nichts vergessen. Er hat das geschrieben, was Napoleon getan hat. Man kann den Krieg nicht ernst genug nehmen. Man muß ihn bis ins Kleinste durchdenken. Im Krieg selbst ist zum Denken nicht mehr viel Zeit. Und die Unterführer sollen überhaupt nicht viel denken, das sieht man bei diesem verdammten Grouchy." Der Rittmeister konnte es dem General Grouchy nicht verzeihen, daß dieser in der Schlacht bei Waterloo zu spät gekommen war. Wie oft' £atte ich diese Äerwünschung anhären müssen: „O dieser verdammte Grouchy! Dieser dumme Grouchy, dieser nichtsnutzige Grouchy! An solch einen, Dummkopf mußte Napoleon zugrunde gehen! Einmal war Gelegenheit da, die Engländer zu schlagen, dann verpatzt ein Idiot alles!" Mein Freund stand auf und gab mir den Schlieffen und den Clausewitz. Er nahm aus einem der Bücher einen Bries: „Aus Belgrad. Dort sammeln sich russische Offiziere. Sie sollen nach Mandschukuo gehen und dort gegen die Sowjets kämpfen." „Host du Lust?" . Lust? Ich kann nicht. Es geht nicht. Ich hasse die Bolschewiken. Ader in fremden Diensten gegen Rußland kämpfen kann ich nicht. Weder 1921 auf Seite der Polen, noch heute auf Seite der Japaner. Es geht nicht. „Hast du von deinen Angehörigen etwas erfahren?" „Nichts. Wer kann nach Rußland schreiben, ohne die Angehörigen in Gefahr zu bringen? Von ihnen weiß ich nichts. Der Adjutant hat mir vom Regiment geschrieben. Vieles, was ich nicht gewußt habe, ist mir jetzt klar geworden. Vor allem, wie es bei meiner Gefangenschaft zugegangen ist. Das weiß ich jetzt endlich. Ich habe jahrelang vergeblich nachgedacht." Ich hatte mir die Geschichte von Wladimirs Gefangennahme oft genug erzählen lassen: Er war in der Nacht von seiner Maschinengewehrabteilung abgedrängt worden und hatte sich in einem galizischen Bauernhause verborgen. Uebermübet war er eingeschlafen und am nächsten Tage von österreichischer Infanterie gesangeiigenommen worden. „Ich habe einen einzigen Fehler gemacht", begann der Rittmeister nach einer Weile, „ich hätte bei meiner Maschinengewehrabteilung bleiben müssen. Ein Offizier gehört zu seinen Leuten. Ich aber ritt bei meinem Freund von der dritten Schwadron. Wir waren sehr müde. Man hatte unsere Kavalleviedivision seit Tagen gehetzt. Wir wußten kaum, wo wir waren. Immer nur Wald und Sand, Wald und Sand. Die Pferde abgetrieben, die Reiter unausgeschlafen. Ein Teil versprengt, der andere ohne Hoffnung. Der Divisionär verschwunden, der Brigadier und sein Stab nur auf die eigene Rettung bedacht. Bisher hatte ich das nur vermutet. Der Adjutant hat es mir bestätigt." „Vielleicht ist der Adjutant verbittert und sieht schwarz", warf ich ein. „Man soll nicht so schnell über seine Generäle urteilen. Im Kriege kann man murren, aber jetzt wäre es bald Zeit, gerecht zu werden." „Das waren zwei Salonsoldaten", widersprach mein Freund. „Nun, wir beide werden weder eine Schwadron noch eine Brigade mehr führen, aber wir hätten es besser gemacht. Das war also damals nach bar großen Sonnenfinsternis, in der Nacht. Wir bekamen auf dem Marsch durch den Wald Flankenfeuer. Ich wollte zu meiner Abteilung vor. Ich mußte von der Chaussee herunter. Hinter dem Wald lag gleich das Dorf. Ich wollte einen Weg durch das Dorf suchen, um nach vorne zu kommen. Ich kam in einen Obstgarten. Einige russische Soldaten standen dort am Zaun. Ihnen gab ich meinen Gaul zum Halten. Ich fand einen Weg. Ich ging wieder zu meinem Pferd zurück. Mein Pferd und jiie Soldaten waren verschwunden, Ich kletterte wieder den Straßendamm hinauf. Auf der Straße war alles wie weggeblasen. Nicht ein Mann mehr da noch Pferd. Der Schlaf fiel mir wie Staub in die Augen. Hätte ich nur mein Pferd noch, der Schlaf verginge mir! Welch eine Stute war das! Nicht umzubringen! Immer noch frisch!'Aber ein Ulan ohne Pferd, mein Lieber, ist eine traurige Sache. Ich rief, ich suchte, nichts. Dann legte ich mich irgendwo schlafen." „Und das Regiment?" fragte ich. „Das Regiment ist weitermarschiert. Das hat mir der Adjutant genau beschrieben, alle Straßen, alle Ortsnamen. Aber ich bekomme hier keine Spezialkarte. Was damals beifammengeblieben war, blieb beisammen bis zur Revolution. Einige sind noch gesallen bis dahin, aber nicht viele. Dann gingen alle zu Wrangel und später nach^ Konstantinopel. Dann hierhin und dorthin. Der Rittmeister der dritten Schwadron, mit dem ich in jener Unglücksnacht geritten bin, lebt in Paris. Er hat ein kleines Geschäft. Es geht ihm nicht schlecht." „Und die anderen?" Wladimir zog einen Zettel aus dem Briefumschlag: „Die anderen? In Bukarest, in Prag, in Belgrad, in Sofia, in Paris, in Berlin, in Buenos Aires, in der ganzen, großen weiten Welt. Glaub' mir, es war ein schönes, ein altes Regiment." » „Hast du einigen geschrieben?" „Allen. Einige haben geantwortet. Vielen geht es sehr schlecht. Man geht übel mit ihnen um. In den Balkanstaaten besonders. Man läßt sie Kaution erlegen, verspricht ihnen eine Stellung, nimmt ihnen das Geld ab und wirft sie wieder hinaus. Einer von ihnen hat, bevor er sich erschoß, an einen dieser Könige geschrieben: „Ich erschieße mich heute. Zahlen Sie meiner Witwe eine kleine Pension. Ich habe auch für Ihr Land gekämpft. Dafür, daß Ihr Staat bestehen kann, ist Rußland gestorben." ' * „Und der König?" „Weiß Gott, wo der Brief hängen geblieben ist. Ich habe vor einem Jahr der Witwe Geld geschickt. Der Adjutant hat gefragt, ob ich nach Mandschukuo will. Du verstehst doch, daß das nicht geht. Es ist gegen Rußland." - Die Frau des Rittmeisters kam mit den aufgerollten Kinoplakaten in das Zimmer und fragte, welches sie aufhängen solle. Der Rittmeister fuhr sich mit der Hand kurz über die Augen: „Bitte, gib her, ich gehe sie hinaushängen."