GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (958 Freitag, den 2. Dezember Nummer 9< Er Grasaff?" . . , ... „ Die Hells Stimme des Buben antwortet« stramm: „Ich nicht, Ihro Exzellenz!" _ von Rabenau stieg die Röte ins Gesicht. Er warf wütende Blicke auf den Kornett und bemühte sich vergebens, die Seitenzahl zu entziffern, während sich die Exzellenz schon neugierig über das Dienstbuch beugte. - , , r , Da stutzte Hadik, sah auf und starrte verblüfft den neben feinem Stuhle wartenden Kornett an. Dann schlug er sich auf die Schenkel. Er wurde puterrot vor Lachen. Nach Atem ringend, polterte er los: „Het- ratskonsens für die kaiserlichen Offiziere?! ... Ja will Er denn heiraten, Offizieren und Kornetts. , , ' ,, ... Der Kornett ging um den Tisch herum und legte die Dienstvorschrift aufgeschlagen vor den gefürchteten General hin. „ _____« Dem Leutnant —--------- Ar Kerzelniacher von Sankt Stephan Sln heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka Eopgright bu 3. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart 4. Fortsetzung. Der Häuptling schluckte. Er wußte, mit dem Hadik war schlecht Kirschen essen. Sollte er jetzt lügen und melden, der Rabenau wäre auf Ronde? Der Hadik war imstande und wartete die geschlagene Stunde, die der Rundgang durch die Burg und die Höfe erforderte. Hauptmann Falkenstein würgte. Bier Wochen Profofenarrest waren dem Rabenau sicher. Wenn nichts Aergeres. Auch für Wien galt das Kriegsrecht. Falkenstein sagte gepreßt: „Ihrs Exzellenz, der Leutnant von Rabenau—" ,Hat sich dispensiert", ergänzte der General. Da flog die Türe auf. Eine junge Stimme rief fröhlich: „Nit fluchen, Falkenfteinl Warst ja auch einmal jung —" Dann verstummte er jäh. Feldmarschalleutnant von Hadik wandte sich langsam um. Unbeweglich stand die weiße Gestalt des Leutnants von Rabenau an er Tür. Seine Linke an der Scheide des Pallasch hielt eine rote Rose. Das starre Gesicht des Leutnants war bleich. Er kannte die Donnerwetter und Strafen des Hadik. Gerade seinen besten Offizieren gegenüber. Langsam, drohend ging der General aus ihn zu. Mit gesenktem Kops, wie ein Stier vor dem Angriff. Die stillstehenden Offiziere am Tisch iahen einander bedeutungsvoll an. Hauptmann Fwlkenstein hob bedauernd die Schulter. Da riß Hadik, der um zwei Spannen kleiner war als der Leutnant, mit einem Ruck den Kopf hoch, bohrte seinen Blick in die Augen des jungen Offiziers. Der Leutnant hielt ihm stand, wenn ihm auch der Schweiß auf die Stirne trat. Plötzlich senkte der General den Blick, sah die rote Rose In der Hand des Offiziers, hob wieder den Kopf, strich sich schmunzelnd den Schnurrbart und sagte: „Sein Glück, Rabenau, daß mir der Serbelloni den Dienst abnahm für heute nacht!" Er fuhr herum, sah die befreit lachenden Gesichter der andern. „Setzen!" Er nahm einen Stuhl, ließ sich nieder. Dann sah er auf und fragte belustigt: „Wo bleibt der Soldatenblick, Messieurs? Habt ihr schon einmal gesehen, daß ein General der allergnädigsten Kaiserin ohne Degen und Feldbinde auf Ronde geht?" Die Wachtstube klirrte und dröhnte vor Lagen. Schadenstoh, daß ihm der Spaß so gelungen, sah der Hadik von einem zum andern. Dann sprach er weiter: „Wollt nur den Rabenau holen. Die Majestät scheint der Opinion zu fein, daß die Erzherzoginnen und Komtessen heute zu wenig Tänzer haben. Zu wenig junge zumindest. Die Kaiserin fragte nach Ihm, Rabenau ... Da ging ich Ihn holen. Der Leutnant von Rabenau sprang auf. Ueber fein Gesicht zuckte es spitzbübisch. Er war lang genug mit dem Hadik geritten. Er wußte, wann der General einen Spaß vertrug. Er meldete laut! „Ihro Exzellenz, ich melde gehorsamst, daß ich laut Befehl des Herrn Stadtkommandanten Dienst bei der Wachtkompanie habe heute nacht und daher den Wunsch Ihrer Majestät nicht erfüllen kann .... denn wenn die Ronde kommt, Ihro Exzellenz ..." Feldmarschalleutnant Hadik lachte polternd: „Gut gegeben, der Kon- trestoß! Bloß hilft er Ihm nichts. Der Stadtkommandant hat die Dispens schon erteilt ... Komm Er nur mit, Rabenau!" Der General wollte sich erheben. Da fiel sein Blick auf den Kornett, der grinsend in einem Buche las. Hadik fragte: „Was hat Er da?" Der Kornett fuhr hoch, antwortete mit Unschuldsmiene: „Das Dienst- rsglement, Ihro Exzellenz!" _ „ „Wirst es ja auch nötig haben ... Was liest du grade? .. . Soll .ch dich examinieren? — Her damit!" Er winkte den Buben zu sich heran. Wenn Hadik bei Laune war, hatte er gern feinen Spaß mit den jungen „Na, wer denn dann?" Der Rauboogelbltck des Generals ging langsam von einem zum andern. .Lch!" antwortete der Leutnant von Rabenau und senkte verlegen den Kopf „Ach so!" Hadik wurde nachdenklich. Er wußte nicht warum, aber die Audienz vor acht Tagen fiel ihm ein, als das Mädel die Kerzen für die Kaiserin gebracht. Vielleicht irrte er sich. Aber warum Interessierte den Rabenau der Heiratskonsens? Wenn es eine vom Stand war war ihm die Erlaubnis doch sicher. Eine Weile blickte er schweigend auf den ihm gegenübersitzendenden Offizier. Dann meint er verstehend: „Darum also will Er nicht tanzen ..." Der General lachte: „Dennoch, Rabenau, ich kann's nicht ändern... Komm Er! Die Kaiserin wartet." Er erhob sich. Die Offiziere sprangen auf. Der Hauptmann Falkenstein trat vor, um den hohen Herrn zur Türe zu geleiten. Doch Andreas von Hadik blieb noch einmal stehen. Er sah dem Rabenau in die Augen und schüttelte den Kopf. Dann lächelte er still, nahm die rote Rose, die jetzt In einem Glase auf dem Tische stand, tat sie als Lesezeichen in das Dienstbuch, klapote es zu und legte das Buch auf ein Wandbrett: „Damit Er die Stelle wlederfindet, Rabenau ..? Er nahm den Leutnant unferm Arm und ging. Gleich darauf verließ auch der Kompanieälteste die Wachtstube. Vielleicht, um nach den Posten zu sehen, vielleicht auch, um die Musik des Ritters Gluck zu hören, die jetzt fernher durch die geöffnete Türe fang. Später erzählte er, er habe von der Marschallsstiege her noch einmal die Stimme des Hadik gehört: „Kann mir's denken, Rabenau, wer das Mädel ist und Er kann auf mich zählen. Ader der Ritt nach Berlin war ein Kinderspiel gegen das, was Er jetzt wagt, Rabenau? Soviel hatte die Katharina Vielgraiierin auch schon erraten, daß ein Mannsbild schuld an dem närrischen Getue, an dem Geflenn und Ge° seufz ihrer Nichte Elisabeth Brand war. Wenn sie nur gewußt hätte, welches! Jammernd und klatschend lief sie zu den Nachbarinnen, wo sie berichtete, was sie bereits dem Weinhändler Johann Kirndorfer geklagt, daß die Lisl am Sonntag nicht einmal das Gans! angerührt habe, und als besonders belastend hinzufügte, daß sie am letzten Freitag gar den gebackenen Karpfen verschmähte. „Ihre LIeblingsspeis denkens Ihnen nur! Verliebt muß die [ein! Aber glaubens, ich könnt herauskriegen, in wen?" Manchmal meinte sie es freilich zu willen. Ob es nicht dock) dieser Graf Colloredo war, der der List damals das Lebzeltenherz hatte Umgängen wollen. Fing die List, wenn sie überhaupt noch etwas redete, nicht immer wieder von der Burg an? Grad als ob's dort wie im Himmel wär. Und hatte sie nicht erzählt, daß ihr der Colloredo selbst die Türe aufgemacht hatte zur Kaiserin? Ein so nobler Kavalierl Und dann heulte die List doch immer, wenn sie von der Hofburg erzählte. Das war doch verdächtig. Den Kopf abgeriffen hatte ihr a die Kaiserin nicht. Sogar den Vater hatte sie grüßen lassen. Und daß die Lisi den Grafen einen Modeaffen genannt hatte! Was war schon dabei? Hatte sich freilich nicht gehört. Aber waren doch schon manche ein Paar geworden, die einander nach der ersten Begegnung ihren Freunden als dumme Gans ober aufgeblasenes Mannsstück geschildert. Die Melgratterin glaubte nicht an die Liebe auf den ersten Blick. Wäre einem eine solche Liebe auch schwer gefallen bei der Vielgratterin! Phantasie besaß sie auch und hatte sie beim Kartenlegen zeit ihres Lebens sattsam geübt. Warum sollte also die Lisl eigentlich nicht eine Gräfliche werden? War doch schon vorgekommen so etwas! Wenn das Maria Theresia auch nicht liebte. Aber was konnte selbst eine Monarchin gegen die Liebe tun? Vielleicht hatte die Kaiserin dem Colloredo gar selber befohlen, daß er die List Brand heiraten müsse; zur Strafe, weil er gor so unverschämt war. Und lagen beim Kartenauffchlagen nicht immer wieder Herzbube und Coeurdame beisammen? Und ein Kavalier war er doch, der Colloredo in feinem himmelblauen, weißverbrämten Montell Ein feiner dazu. Fast so schön wie die bunten Bilder auf den Lebzelten- Herzen. Und sagten nicht auch die Karten in den letzten Tagen, daß es Schwierigkeiten geben werde? Natürlich würde es Schwierigkeiten geben. Die Tochter vom Kerzelmacher von Sankt Stephan und ein lebendiger Graf! Das war nicht so einfach Aber die Vielgratterin hoffte doch. Und dann zauberte ihr ihre Phantasie so etwas wie einen gräflichen Hofstaat vor, in dem sie selbst in freilich vorerst noch verschwommener Gestalt als Kindsfrau, Amme ober dergleichen auftrat. Wiewohl ein künftiger Säugling dem bloßen Anblick der einstweilen noch von grauer Wolle gnädig bedeckten Vorderseite der Katharina Vielgratterin mutmaßlich den Hungertod vorgezogen hätte. In diesen Tagen entging dem Wachsziehermeister Aloisius Brand manches schöne Stück Geld. Wenn er in feiner Werkstatt bei seinen kam der Soldat sie freundlich. , ., n Es war zwar nur ein Dragoner, der im groben, mit weißem Lammfell gefütterten Pelz, die blaue Lagerkappe schief überm Ohr und einem Korb am linken Arm, über die drei Stufen herab in den Laden volterte. Aber die Kerzelmacherei von Sankt Stephan hatte schon feit scmunenprall so heftig erschrak und den zu schon voichedachter Ausrede hi die Dachstube mitgenommenen Ziegelstein mit einem leisen Aufschrei aus die Stufen sollen lieh. Wo er erst landete, nachdem er den linken Fuß der Vielgratterin gröblich gestreift. Diese Pein mag die Ueberlegungskraft der Alten so empfindlich gelähmt haben, dah es, als sie sich nach einem Schmerzensschrei wieder gefaßt hatte, zu nichts anderem reichte als zu dem giftigen Gefauch. „Kannst nit aufpassen, dumme Gans? Wo kommst denn du überhaupt 1)11 soll ich denn Herkommen? Das steht doch dieFrauTant. Aus der Dachstuben. Hab mir nur einen Ziegelstein g holt. Will ihn heisi- machen im Backofen, weil ich kalte Füh hab." Ihr Erröten konnte die Alte im Dunkeln nicht sehen. , , „ . .. „Kalte Füh? In bei’m Alter!" erwiderte, immer noch grollend, Die Vielgratterin. „Du bist schon gang durcheinand!" Doch das hörte die List schon nicht Mehr. Sie fegte bereits weiter die Treppen hinunter und in ihr Zimmer hinein weil von unten her anqelockt durch den über die Stiege rumpelnden Ziegel, Meister Aloisius Brand wutentbrannt.fragte, ob fein Haus eigentlich ein Narrenturm fei. Glauben könnte man es feit zwei Wochen. . Die Alte nickte dazu, denn das hatte sie sich eigentlich auch schon 9eb$he Brand wieder in feiner Werkstatt verschwand, rief er noch erbost herauf: „Wo steckst denn überhaupt, Vielgratterin? Was bist denn wieder nit im Laden? Seit einer Viertelstund pumpert einer an der Tür. Grad, dah die Scheiben noch ganz blieben is!" , Die Vielgratterin dachte zwar, dah der Brand sich auch einmal selber in den Laden bemühen könnte. Aber so war er. In den Laden stellte er fick nicht. Nicht aus Hochmut. Aber er haßte das Geschwätz 6er Leute, die zwei Kerzen und einen Lebkuchen kauften und dafür noch eine Stunde unterhalten sein wollten. Hinkend und vor sich hinschimpfend humpelte die Alte die Treppe hinunter, ging gehorsam in den Laden und sperrte aus. Dann knickste 'fein A'Ctt fei „Der Herr Feldmarschall Daun selber, Frau Lebzelterin!" hatte der Kerl grinsend geantwortet. _ „ . . c Ein Blinder hätte sehen können, dah er log. Trotz seinem Schafsgesicht, das er vorsorglich schnitt, merkte sie schon längst, dah er sie nur zum Narren hielt und ein ganz Schlauer war. Darum versuchte sie es anders herum, mit allerlei Fallstricken und harmlos klingenden Fragen. Aber der Kerl ging ihr nicht auf den Leim. Jetzt nach zehn Tagen wußte sie immer noch nicht, ob er für einen General oder Obristen, für einen Rittmeister oder Leutnant kaufte oder doch das Zeug am End selber stoß. In Kriegszeiten hatten die Soldaten ja Geld. Wenigstens glaubte sie es. Weif nämlich der Vater des Brand einiges Geld aus seinen Feldzügen heimgebracht hatte, das er dann freilich an den Spieltischen und beim Weine wieder verloren, mochte sie sich übertriebene Vorstellungen von der Beute der Soldaten. Immer wieder umstellte sie ihn mit fragen. Dabei merkte sie im Eifer des Ausfragens nicht, wie sie selber ausgefragt wurde. Etwa, ob die Demoifelle Brand verlobt oder verliebt sei oder sonst einen Schatz besitze. Wann die Frau Vielgratterin ihren Mittagsschlaf halte und ob die Demoifelle sie indessen im Laden verttete. Als sie seufzend erklärte, dah sie, Gott sei's geklagt, den ganzen lieben langen Tag aus den Beinen sein müsse, riet er dringend, der Mittagsruhe zu pflegen. Das erhalte Gesundheit und Leben. „Gleich um zehn Jahre jünger tötens aussehen, Frau Lebzelterin!" Weih Gott, die Jugend hätte sie brauchen können. Manchmal auch die Gesundheit. Wenn auch die List, so die Frau Tank sie wieder einmal geärgert hatte und eine Freundin sie mit dem Hinweis auf das voraussickstlich baldige Hinscheiden der Alten zu tröften versuchte, mit ihrem kecken Mundwerk zur Antwort gab: „Die und sterben! Hundert Jahr wird der Drachen!" Gebraucht hätte die Vielgratterin die Ruhe manchmal. Aber der Brand lieh ja die List nicht In den Laden. Er fürchtete, dah die schlanke, feine Gestalt der List und ihr hübsches Gesicht das Mannsvolk anziehen könnten wie der Zucker die Wespen. War schon mancher gute Apfel seiner Süßigkeit wegen durch die Wespen verdorben. (Fortsetzung folgt.) Lebzelten, Backblechs,i und Kerzen saß, wo er ein Klopfen an der Ladentüre nicht zu hören vermochte, baumelte immer häufiger eine Tafel , komme gleich" windschief an her Klinke der Türe. Doch war dieses .komme gleich" keineswegs wörtlich gemeint, denn es dauerte zumeist eine gute Stunde, bis die Vielgratterin wiederkam, und manchmal auch zwei. Solange wollten die Käufer nicht rparten. Wenn dann einer der Kunden Aloisius Brand auf der Straße traf und ihm vorwurfsvoll berichtete, daß er am Vormittag, gestern oder vorgestern Lebzelten oder einen Wachsstock habe kaufen wollen, der Laden aber geschlossen gewesen wäre, gab's in der Wachszieherwohnung einen gewaltigen Tanz Zu einem tobenden Gewitter wurde er, wenn der be- schwerdeführende Kunde noch boshaft und anzüglich hinzugefügt: „Da hab ich die Lebzelten halt hinter den Tuchlauben im .Süßen Löchl' g holt, und find auch nit schlechter g'wesen als bei Ihnen, Herr Brand —" In solchen Augenblicken rasch entflammten Zornes konnte der sonst so sanfte Brand grob und kantig werden wie sein soldatischer Vater. Dann kratzte sich seine Base und Haushälterin mit der Stricknadel un- schuldsvoll den strähnigen Schädel, schüttelte verwundert das Haupt und krächzte entrüstet: „Das muh akkurat in den fünf Minuten g wesen sein, wie ich für den Herrn Vetter den Salat bei der Fratfchlerm g holt hab am Graben. Akkurat! Muh denn der aber auch gleich ins ,Suhe Locht laufen? Freilich, weil dort a paar saubere Larven bedienen. »ojeibs ja, ihr Mannsbilder. Hätt doch auch warten können! Is doch eh die Tafel an der Tür g'hängt, komme gleichst" Wenn der Aloisius Brand darauf unwillig meinte, daß den Salat schließlich auch die Lisl hätte holen können, fügte sie bissig hinzu: „Mit der is doch nix anzufangen seit zwei Wochen. Die hat doch grab so einen Grant wie der Herr Vetter selber!" Und einen Grant hatte er wirklich, der Herr Vetter. Sogar die Lisi fuhr er jetzt an, die ihm doch sonst auf der Nase herumtanzen durfte. Wenn sie das für gewöhnlich auch nur sozusagen im zartesten Menuett- schritt tat Der Handschlag, mit dem er dem Kirndorfer versprochen hatte, seinem Franzi die List zu geben, verdarb ihm die Laune. Das konnte die Vielgratterin nicht wissen und so dachte sie, ob es am Ende nicht doch etwas mit der Kaiserin gegeben habe, wegen des Modeaffen. Sie hatte ja der Lisl gleich gejagt, daß ihr die Scherben vorn Lebzeltenherzen kein Glück bringen würden. Oder ging der Brand am Ende auf Freiersfüßen, weil er gar so sonderbar war? Alt war er schließlich noch nicht. Das hätte der Vielgratterin gerade noch gefehlt: eine junge Frau im Haufe, und sie könnte dann ins Ältweiberstift gehen! Es war schon ein rechtes Kreuz mit den Kerzelmacherischen. Entrüstet über das Unruhevolle und den Undank der Welt rannte sie wieder zur Nachbarschaft. An den Abenden aber schlich sie immer eifriger und spähender aus wollenen Strümpfen über die Treppen, durch die kleinen Gange und Zimmer, horchte an den Schlüssellöchern, durchwühlte Schranke und Truhen und untersuchte Kleider, Handbeutel und den Muff ihrer Nichte. Sogar unter bas Kopfkissen der Schlafenden griff sie manchmal, ob sich darunter nicht ein Liebesbrief finde. Das war nicht fchwer. Trog ihrem Liebeskummer hatte Elisabeth Brand einen gottgesegneten Schlaf. Doch alles Wühlen und Spionieren, alles Lauern an den abendlichen Fenstern der Wachszieherei brachte ihr nicht die Lösung des Rätsels, warum die List bald pfeifend und singend durchs Haus tanzte, bald mit verheulten Augen zum.Frühstück kam ober gar bas Gans! unb ben Karpfen verschmähte. ..... Daß seit einigen Tagen ein junger Offizier tm weilen, weißen Mantel der deutschen Reiter der Kaiserin allabendlich aus dem Stephansplag schräq gegenüber dem Wachszieherladen stand, zu einem Fenster des Nachbarhauses hinaufzustarren schien und unter ben wirbelnden Flocken allmählich zum Schneemann würbe, war ihr nicht weiter verdächtig Um so weniger, als sie nicht bedachte, bah bie Ker^lmacherei von Sankt Stevban sich mit ihrer linken Dachstube so bicht an das äußerste, von zierlichen Steingirlanden umrahmte Fenster des zweiten Stockes des Nachbarhauses lehnte, daß selbst ein schärferes Auge nicht zu unterscheiden vermocht hätte, welches der beiden Fenster der Offizier mit feinem Geäugel nun meinte. Es schien ihr ausgemacht, daß dieser Leutnant der Kaiserin einer der Verehrer der Komtessen sei, die nebenan wohnten. Auf diese Komtessen war sie ohnehin nicht gut zu sprechen, weil sie, wie sie sagte, dem Herrgott den Tag stahlen. Die Erhaltung ihrer Tugend war der Katharina Vielgratterin schon darum nicht schwergefallen, weil diese Tugend ihr Leben lang niemand ernstlich bedroht hatte. Deshalb hielt sie mit dem Hochmut des Gerechten eine jede für ein abgefeimtes Frauenzimmer, der die Mannsbilder nach- schauten. Vor allem diese Komtesseln, die, wie sie wußte, in der Hofburg mit nackigen Schultern tanzten und denen man In ihren seidenen Toiletten den himmelblauen und rosaroten, blaßgrünen und goldgelben, bis zum Magen sah. Was die Vielgratterin wurmte, weil sich das bei ihr selbst in ihrer Jugend keiner gewünscht. , Daß sie mit ihrer Meinung über die Komtessen wieder einmal recht hatte, wie überhaupt sonst, erwies sich an einem dieser blauen, schnee- burchflimmernden Abenbe, an bem in weiten Bogen an bem aus dem Wohnzimmer gereckten Haupte der Vielgratterin vorbei eine rote Rose vor die Füße des lebendigen Schneemannes schwebte. Daß es in diesen Tagen schon die zweite war, die der Leutnant aus dem cchnee hob und zärtlich an die Lippen führte, wußte sie nicht. Aber schon biete eine Senbbotin her Sünde genügte ihr. Entrüstet unb wütenb zischte sie: „So ein Luder!" und schloß zur Bekräftigung zornig bas Fenster. Das war für bie Lisl em Glück. So erbost war die Alte über bie vermeintliche Unmoral bes abeiigen Fräuleins, baß sich ihr auch jetzt bie Gedankenkette zwischen bem Offizier, der Rose unb her List nicht schloß, als sie hinaus auf die dunkle, nur von einem Nachtlicht biimmrig erhellte Treppe trat unb im gleichen Augenblick ihre Nichte, vam klirrenden Schlagen des Fensters "ufge° Ichesicht, über bie Stiege herunterhuschte. Das Versagen so naheliegenden unb folgerichtigen Denkens hatte feine Ursache freilich auch bann, daß auch bie Lisl "über diesen im Halbdunkel so plötzlich erfolgenden Zu- polterte. Aber die Kerzelmacherei von Sankt Stephan Jahren keinen solchen Kunden gehabt. Seit zehn Tagen jeden Tag. Bald mittags, bald abends. Und immer packte er bann, wenn bas die Nachbarinnen der Vielgratterin auch nicht glauben wall en, den halben Wachszieherladen in feinen Einkaufskorb: ganze Schachteln voll Honigkuchen und Lebzelten, ein Dutzend Tüten mit Pstffernusien und Zuckerwerk und bie schönsten Kerzeln. Soviel kaufte nicht einmal bet Lakai bes Kaunitz, bes durchlauchtigsten Staatskanzlers der Kaiserin. Seit einer Woche zerbrach sich bie Vielgratterin den Kops darüber, was der Soldat mit ben vielen Sachen nur wollte. Daß er gerne aß, sah man feinem rötlichen, wohlgenährten Gesicht wohl an. Manchmal chob er auch einen Honigkuchen, zweimal so groß wie seine Reitertatze, ins Maul. Aber vermutlich fraß er hoch weit lieber Knödel und Speck zu einer Kanne Bier oder einem ordentlichen Schnaps, als das fein« Backwerk. Was wollte er bloß damit? Jedesmal nach vollbrachtem Einkauf zog er einen Taler oder gar zwei aus feiner blauen Reiterhose und klatschte bas Geld so großspurig auf bie Labenpudel, als hätte er gerade einen reichen Juden erschlagen. Für sich jelber kauft« er bas Zeug dock sicher nicht. Die Vielgratterin konnte es sich schon denken für wen: wahrscheinlich für so einen Grasteufel von Leutnant, der bann in ben Nächten sein schamloses Weibsstück damit fütterte! Schon am zweiten Tage hatte sie den Dragoner gefragt, wer denn lag ®ür »en der ®ra< gemi Rat dachl 5 •unb Adei ,utoi iir li(r °>iie liefe Verz i-h i' n berg (lehr Iljeo men 6tf)a als ein i Stur mögl 0 nm walt wähl diese („St teil unb pha 6et an i 1926 N den „$| die! « i ordn kein ®ir| leim jühri R? »Pal den. bad füll s* »leib Oft Geld) »bet Mvenisruf. Von Johannes Linke. Komm, Winternachtigall, Mit klaren Sternen, Schneekristall, Setz dich auf eingeharschte Tannenäste Und sing den alten Schall Durch tiefe Stille, Flockenfall: Komm, mach uns fröhlich und die Nacht zum Feste! Den atemlosen Wald Erfüll mit deiner Trostgewalt, Dir lauschen Busch und Baum als frohe Gäste. Doch wird dir sremd und kalt, Dann, liebster Vogel, kehre bald Zu unserm Herzen heim, zu deinem Neste! Deutsche Musiker der Gegenwart. Von Dr. Erwin Krol l*. Paul Gracner. Paul Gracner hat am 11. Januar dieses Jahres seinen 66. Geburtstag in seiner Vaterstadt Berlin gefeiert. Er ist heute ein musikalischer Würdenträger: Vizepräsident der Reichsmusikkammer, Vorsitzender des Berufsstandes der deutschen Komponisten, Leiter einer Meisterklasie an der Akademie der Künste, Dr. h. c. und Professor. Aber „Papa" Graener hat durchaus nichts Steifleinenes an sich. Das läßt schon die gemütliche Tabakpfeife ahnen, das zeigt die Art, wie er jedermann mit Rat und Tat beisteht und auf das Wohl seiner Standesgenossen bedacht ist. Der Handwerkersohn, dem die Eltern früh starben, lies aus Schule und Konservatorium davon, um als „Kapellmeister" sein Glück zu machen. Aber zunächst mußte er froh sein, in Varietes als Klavierspieler unterzukommen. Er hat geschildert, wie er, zweiundzwanzig Jahre zählend, für ein Züricher Kaiserhaus eine Damenkapelle engagieren sollte, dieser- halb nach Wien fuhr und nun zunächst ohne weitere Förmlichkeiten (Reister Brahms ins Haus fiel. «Dieser schien nicht sonderlich erfreut, lieh sich aber doch herab, die Kompositionen des mit dem Mute der Verzweiflung ausharrenden Jünglings durchzusehen, und verabschiedete sich mit den Worten: „Wenn Sie nicht arbeiten, was das Zeug hält, jo wär's eine Schänd' und eine Sünü." Heber Bremerhaven, Königsberg und Berlin kam der unruhige Musikant nach London, wo er zwölf Jahre blieb. Zunächst betätigte er sich als Kapellmeister am Haymarket- Theater und gründete alsbald einen eigenen Hausstand. Lieder, Kammermusiken, erste Bühnenwerke entstehen, und diesem sich vertiefenden Schaffen gegenüber wurde das Dirigieren zur Last. Graener war froh, als ein Zwist mit einem Logenbesucher des Theaters feiner Tätigkeit ein jähes Ende bereitete. Nun mußte er an der Londoner Musikakademie Stunden geben, fand aber schließlich eine Wohltäterin, die es ihm ermöglichte, sich auswärts eine feiner würdige Stellung zu suchen Er glaubte sie zuerst in Wien zu sinden, aber bald bewarb er sich um die Stelle des Direktors des Mozarteums in Salzburg und verwaltete sie bis 1913. Dann kehrte er nach Berlin zurück, landete aber während des Krieges über Dresden und Leipzig in München. Während dieser Zeit entstanden Werke wie die Sinfonie in D-moll („Schmied Schmerz"), die Galgenlieder, das Streichquartett op. 54, die Rhapsodie für Klavier, Streichquartett und Altstimme und die Opern „Don Juans letztes Abenteue r", „Theo- phano" (später als „Byzanz" umgearbeitet) und „Schirin und Gertraude". Jnzwijchen wurde Graener als Nachfolger Regers an das Leioziger Konservatorium berufen. Hier wirkte er von 1920 bis 1926 und wandte sich dann wieder nach München. In diesen Jahren schuf er u. a. die Opern „Hanneles Himmelfahrt" und „Friedemann Bach", ferner ein Klavier- und ein Cellokonzert, die Suite „Die Flöte von Sanssouc i", zahlreiche Kammermusikwerke und die Löns-Lieder. _ , Seit 1930 lebt der Meister wieder in Berlin. Mehrere Jahre leitete er das Klindworth-Scharwenka-Konservatorium, bis er bei der Neuordnung Deutschlands in die Führerlinie unseres Musiklebens ruckte. Seine Rednergabe, sein kerniger Humor, seine Erfahrungen geben diesem Wirken eine ganz persönliche Note. Dabei ist der Born seines Schaffens keineswegs versiegt. Seine an der Berliner Staatsoper 1935 uraufge- filhrte Oper „Der Prinz von Homburg" trägt die Werkzahl 100. Man hat ihn den „deutschen Jmprefsionisten" genannt. Aber er, der Spätromantiker, steht dem Deutschen P s i tz n e r mindestens so nahe, als dem Franzosen Debussy. Gewiß spielt die „Farbe in seinen^ Werken eine Rolle, nicht minder wichtig ist ihm aber die .^Zeichnung - Dazu kommen weitere ausgesprochen deutsche Züge seiner Musik: ihr emgen Und Sinnen im Garten der deutschen Romantik, ihre köstliche Heiterkeit, hier ist nichts Erklügeltes, Zurechtgebasteltes. Ueberall steht das Melodische voran. Die Harmonie, so wechselreich und kühn sie fein mag, Meibt immer auf tonalem Grunde. Der Formverlauf ist von uderzeu gen - der Natürlichkeit. Graener hat eine „Gotische Suite für Orchester {efdjrieben (op. 74) und sich auch sonst vorklassischer Formen bedient, eher nie in jenem modernen Sinne einer „Flucht ins Varock . Jhm Herzens- und Etimmungssache. In meisterlicher Prägung durchlauft sie alle Stim- mungsregifter vom spielerisch Zierlichen bis zum leidenschaftlich Patye- *'$(£"’ ist kein Zufall, daß dieser deutsche Meister sich immer wieder in den Dienst von Dichtern wie Raabe, Storm, Liliencron, Lons und Morgenstern stellt, nicht nur mit Liedern sondern auch mit reiner Jn- flrumentalmusik. Schon unter seinen wenigen Klavierwerken befindet sich eine „W i l h e m - R a a b e - M u f i k". Die stattliche Reihe ferner Kam- * Vgl. die Aussätze in Nr.'86 und 88. nicrmufifroerfe weist ein „Hun g erv astor-Trlo" auf. In Öen Streichquartetten stoßen wir immer wieder auf Sätze, die mit ihren in» timen Stimmungen gleichsam „gedichtet" erscheinen. Wie dies« Kammermusikwerke so zeigen auch die Orchesterschöpsungen Graeners eine bewundernswerte satztechnisch« Meisterschaft. Die Variationen über dos Wolgalied, op 55, zählen nach Form und Gehalt zu den erfindungsreichsten Werken des Komponisten. Stimmungsbilder voll intimer Zartheit zaubert er uns in op. 88 („Die Flöte von Sanssouci") vor. Hicr wird die Kunstwelt des großen Königs lebendig. Eine süße, echt romantische Schwermut liegt über den nach alten Tänzen betitelten Sätzen. Auch bie „Sinf onia b r e v e" enthält Musik „im alten Stil", die romantisch durchtränkt ist. Wie hier überall, so erweist sich Graener auch in seinen jüngst veröffentlichten Orchestervariationen „Turm- wächtcrli c d" als ein Meister der „Farbe". Sie sind durch jene herrlichen Verse des Lynkeus aus Goethes „Faust" angeregt und führen den beglückten Hörer mit ihrer leuchtenden, weihevoll singenden Musik ins Zauberland urdeutscher Romantik, von Goethe zu Eichendorff. Graener had weit über hundert Lieder geschrieben, und es spricht für die Breite seines Musikertums, daß chm die volkstümlich-melodischen (wie die Löns-Lieder) ebenso gut geraten sind wie die witzig grotesken nach Versen Morgensterns. Die „® a l g e n li e b e r" zumal sind Musterstücke eines geistreichen musikalifchen Humors, der seinesgleichen in ber Lieb-Literatur nicht hat. Der Liebschöpfer Graener schafft aus ber Ge- famtftimmung ber Gedichte heraus, der Stimme dabei stets ben Vorrang fassend. Den Siebern reihen sich zahlreiche Chorwerke mit und ohne Begleitung an, stimmungsreiche Tongebilde von hoher melodischer Schönheit und satztechnischer Meisterschaft. So stark sich der Komponist im rein Instrumentalen und Vokalen entfaltet, so ist doch die Oper die Provinz seines Schassens, In ber er am liebsten weilt. Er hat mit seinen Texten leider nicht das Glück gehabt, das er verdient. Aber überall gelang es ihm, die jeweilige Handlung durch seine Musik stimmungsmäßig zu vertiefen und zu veredeln. Ein besonderer Vorzug dieser Musik ist dabei, daß sie die Stimmen nie zu- dcckt. In seiner neu bearbeiteten Oper „Don Juans letztes Aben - teuer" fang gewiffermatzen „der Lenz" für ihn. Hier hat er eine de- fonüers bühnennahe und warm durchblutete Musik geschaffen. Auch „Schirin und Gertraude" erlebte eine Neugestattung durch den Komponisten. Sie zählt zu den wenigen heiteren deutschen Opern unserer Zeit, die von Belang sind. „Hanneles Himmelsahrt" (nach Gerhart Hauptmann) und „Friedemann Bach" sind mit kostbarer Musik ausgestattet, und mit dem „Prinzen von Homburg" hat uns ber von Kleists Dichtung entzündete Komponist etwas Besonderes geschossen. Einige wenige Leitmotive und Melodien meist soldatischer Prägung durchziehen die Musik. 2lus ber rezitativischen Rede entwickeln sich immer wieder kleine geschlossene Formen. Von herrlicher Wirkung ist es, wenn sich das alte Landsknechtslied und der Marsch des Obersten Kottwitz breiter entfalten. Von der harmonischen Vielgestalt seiner früheren Werke ist Graener nunmehr zu kerniger Einfachheit gelangt, ohne seine Eigenart aufzugeben. Hier hat er uns die Volksoper geschenkt, auf die wir lange warten. Sie ist das Werk eines Meisters, ber als Hüter deutscher Romantik seinen Platz in bet Musikgeschichte erhalten wirb. INax Trapp. Unter den lebenden Komponisten der mittleren Generation gebührt Max Trapp besondere Beachtung. Gelangte er doch über Atonalttät und „neue Sachlichkeit" hinweg zu Prägungen, die seine Musik als eine Wcitersührung der „großen" deutschen Ueberlieferung erscheinen läßt. Trapp wurde 1887 in Berlin geboren und Ist Berlin bis heute treu geblieben. Lernte er Im Hause (eines Vaters, eines Großkaufmanns, durch Zuhören die wichtigste Kammermusik kennen, so regte sich in dem von Mozart Begeisterten alsbald der Komponist. Er war kein Musterknabe, als ihn Paul I u o n und Ernst v. Dohnany, jener Kompositions-, dieser Klaoierprosessor an der Hochschule, in ihre strenge Lehre nahmen. Aber nach sieben Jahren Lernzeit war er so weit, daß er den Weg zu sich selbst finden konnte. Den Dirigententräumen hatte er entsagen müssen. Er betätigte sich als Klavierlehrer und Seminarleiter und wurde 1920 in die Berliner Hochschule berufen, die Ihn nach einigen Jahren zum Professor ernannte. 1929 machte die Akademie ber Künste ihn zu ihrem Mitgliebe und übertrug ihm 1934 eine Meisterklasse für Komposition. Wie Trapps äußeres Leben ohne überraschende Wendungen verläuft, jo steht auch seine künstlerische Entwicklung Im Zeichen innerlich begründeter Wandlungen. Er selbst hat einmal — es mar 1922 — einiges erzählt, was uns einen Schlüssel zum Verständnis seiner Musik gibt. ,Zch strebe nach Melodie. Ich glaube, bah sie, die in unserer Zeit so vielfach Verpönte, doch wieder zu Ehren kommen, daß sie Retterin aus dem Chaos werden wird. Auch Ehrlichkeit tut uns not ... Bei so vielen neuen Kompositionen werde ich bas Gesühl nicht los, baß der Autor sich scheut, natürlich zu sein ... Das ist schabe. Natürlichkeit ist Kraft, Gesundheit, Wahrheit, Größe. Das Primäre jeden Kunstwerkes war noch immer ber Einsall. Lieber aber ein ehrliches, unvollkommenes Werk, bas Charakter hat, als diese grauen Quallen, bie, mit unsagbarer Mühe ausgeklügelt, doch nur — ich möchte sagen kunstgewerblichen Werk besitzen " Im Gegensatz zu ber bamaligen Mode hält Trapp bie „Funba-' mentalftufen nicht für abgenutzt". Er lehnt die Atonalttät entschieden ab zugunsten einer gesund gewachsenen Musik. „Es gab vor uns Meister, bie ihren starken Instinkt gerabe für bas Notwenbige bewiesen. Wir wollen sie nicht nachahmen, wir müssen aber darauf bedacht sein, uns ihre „Notwendigkeiten" nutzbar zu machen und neue Formen zu sinden, ebenso gesund und sicher, das große Ziel vor Augen, wie sie." Trapp bekennt, nur eine Sehnsucht zu haben: Verschmelzung von Inhalt und Form. „Ihr strebe ich zu und hoffe sie einmal restlos zu finden." Cs ist das Bekenntnis eines Fünfunddreißigjährigen. Seine Sturm» und Drangzeit stand zunächst im Zeichen eines höchst persönlichen Ausdruckstrebens, das sich formal an Meistern wie Beethoven und Brahms , Verantwortlich; Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Unlversitätsdruckerei R.Lange, Gieße». Oie MichSbauernstadt Goslar. Bon Dr. Anneliese Rapmunt>. jturje kleinster Häuschen, die Goslar den unvergleichlichen Reiz einer mittelalterlichen Stadt geben. In den Formen der Ausschmückung offenbaren sich nicht nur die verschiedenen Stilepochen, sondern auch Reichtum und Einfachheit, Ernst und fröhliche Laune, ja mitunter ein recht derber niedersächsischer Humor. Der Grundriß der Häuser ist dem niedersächsischen Bauernhaus verwandt, die Schieferbedeckung der Dächer und auch der Giebelflächen und Seltenwände für Goslar typisch. Nicht nur am eigenen Haus, sondern auch in wohltätigen Stiftungen zeigt sich der Reichtum und zugleich die Frömmigkeit der Bevölkerung. Das Große Heilige Kreuz mit feinem malerisch vorspringenden Giebel ist eine Stiftung des Stadtrates, das St. Annen-Stift und das. Kleine Heilige Kreuz dagegen find Stiftungen wohlhabender Bürgerfamilien; sie dienen noch heute ihrem ursprünglichen Zweck. An diesen Stiften wie an den Kirchen und Klöstern, die sie mit freigebiger Hand aus« schmückten, hing das Herz der Bürger; dennoch zögerten sie keinen Augenblick, alle vor den Toren liegenden Kirchen und Klostergebäude zu zerstören, als das Wohl und die Freiheit der Stadt es erforderten. Das war im Jahre 1527, als der Braunschweiger Herzog, neidisch auf den Reichtum der Stadt, vor den Toren stand, um ihre Selbständigkeit zu vernichten. Von Kaiser und Reich verlassen, flüchtete Goslar zum Schmalkaldener Bund und geriet so unabsichtlich in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Von den Folgen seines unglücklichen Ausganges hat sich Goslar nie wieder erholt, seine Blütezeit war vorbei, es wurde eine von den vielen kleinen stillen Städten, an denen die Jahrhunderte spurlos vorbeizugehen scheinen. Erst in unseren Tagen hat Goslar erneut Bedeutung erhalten durch die Ernennung $ur Reichsbauern st ad!. Alljährlich einmal versammeln sich in Goslar die Spitzen der bäuerlichen Organisation aus ganz Deutschland, um hier die richtunggebenden Anweisungen für das nächste Jahr zu erhalten. Gleichzeitig hat sich durch die Wiederaufnahme des Bergbaues eine starke industrielle Neubetebung bemerkbar gemacht. Lange schon ist Goslar ein bekannter Mittelpunkt des Fremdenverkehrs geworden, nicht nur wegen seiner eigenen Schönheit, sondern auch dank seiner zentralen Lage als Einfallstor in den Oberharz.