Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Zreitag, den 2. September Nummer 68 Win» Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis. Von Cherry Kearton. Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart. 8. Fortsetzung. Dicht neben ihr schritt eine Elefantenkuh mit ihrem Kalb, das erst ein paar Tage alt war und zuweilen ein paar Hopser hintereinander mgchen mußte; um mitzukommen. Schließlich aber, als fürchte es, allein zurückgelassen zu werden, legte es fein Rüfselchen über Mutters großen Ruffel, und nun war alles gut — nichts konnte einem geschehen, wenn man so neben Mutter herlief! Ein Elesantenbulle in vorgerückten Jahren mit. runzliger und verschrumpelter Haut leitete die Herde auf einer, wie es schien, recht gründlich ausgestampften Fährte. Langsam zogen die Tiere dahin, rissen ganze Krasbiischel mit den Rüsseln aus und stopfen sie sich ins Maul. Die kleine Pallah sah, wie sie es sich schmecken ließen, und da sie bedachte, daß die wilden Hunde ja noch immer unter dem Baum lagen, der jetzt zusehends da hinten in der Ferne verschwand, vergaß sie ihre Aengste und fing nun auch an zu grasen. Die Elefanten waren auf dem Heimweg vom Fluß, den sie heute schon zum Trinken ausgesucht hatten. Jetzt kamen sie durch eine Strecke, wo das Gras so hoch wuchs, daß es dem größten Bullen fast bis zum Rücken reichte. Nur auf der Fährte selbst, die durch das tägliche Hin- und Herwandern der Herde hinreichend ausgetreten war, waren die Halme ganz niedergetrampelt. Der Pallah wurde es auf dieser breiten Heerstraße plötzlich bänglich zumut, als sie das hohe Gras links und rechts aufragen sah und hörte, wie es gegen die Flanken der Elefanten raschelte, k>ie an der Außenseite der Herde schritten und daran vorbeistreiften. Aber -dies dauerte nicht lange, denn sie fühlte sich wirklich ganz wohl unter diesen sonderbaren Kumpanen. Bald hatte sie heraus, daß diese Tiere selber'keine Angst kannten. Nicht einmal Wachen hatten sie wie Pallahs, -Zebras und Antilopen. Der alte Bulle, der den andern immer um ein paar Schritte voraustrottete, war mehr Führer als Kundschafter, und andre große Bullen bildeten den Nachtrab. Der gänzliche Mangel an irgendwelcher Furchtsamkeit offenbarte sich auch darin, daß einige von den Jungen einfach halt machten, um zu spielen: sie rollten die Rüssel umeinander und balgten sich, blieben itp Eifer des Gefechtes hinter den andern zurück und rasten dann los, um sie wieder einzuholen. Niemand ichren sich Sorge zu machen, wenn die Kleinen sich so als Nachzügler umhertrieben. Nur wenn ein noch ganz junges Kälbchen von seiner Mutter getrennt wurde, gab's Aufregung: dann stand die besorgte Ele- mntenmutter mit hin- und herpendelndem Rüssel da, bis sie entdeckt Wie, wo das Kleine hingeraten war. Jetzt kommt die Herde eben aus dem hohen Gras heraus auf eine Lichtung, wo eine Anzahl mächtiger Bäume in einer Gruppe beieinander- kehen. Die Stämme sind wie glatt poljert, weil Generationen von Ele- anten — schon die Eltern und Großeltern der Herde — ihre Leiber *aran gerieben und gescheuert haben. Auch jetzt zielen die Elefanten, Lullen wie Kühe, darauf los und bald hebt ein allgemeines eifriges Wchrubber an. Erst streifen sie mit der einen Seite daran auf und nieder, auf — ab, auf — ab ... So, und nun kommt die andre Seite t-ran! Die Kälber, die noch zarte Haut und noch keine Stoßzähne haben, machen es den Alten nach, wo sie nur ein freies Plätzchen am unteren ^-eil eines Stammes erobern können. Danach geht es wieder weiter, mitten in dichten Urwald hinein, aber pitncr noch auf der gestampften Fährte, bis an eine freie Stelle, die is selbst einmal in vergangenen Tagen ausgerodet haben. Der Leitbulle keilt sich erft mit erhobenem Rüffel und quer abgestellten Ohren ganz '^nig hin: er lauscht und wittert, ob nicht von irgendher ein Laut, ein Geruch dringt, ob nicht etwas nahe ist, das ihre Nachtruhe stören könnte. । ann — sichtlich beruhigt — schickt er sich zum Schlafen- an: aufrecht !«hend wiegt er sich im Rhythmus seines Atems von einer Seite zur lndern. Die Elefantenmütter vergewissern sich zuerst, ob sie auch ihre : a!»*r bei sich haben; dann bereiten auch sie sich zum Schlummer. Und >ald schläft die ganze Herde: stehend, in sanftem Hin- und Herschwingen. „ (pn der so plötzlich eingetretenen Todesstille wurde es der kleinen ,7 aUa0 wieder unheimlich zumut. Unter dem mächtigen Körper des nächst- !>eyenden Elefanten hindurch starrte sie ins Urwalddunkel, wo Busch und Baume seltsame Gestalt anzunehmen, ja, sich zu bewegen schienen. Mit angespannten Sinnen stand sie da, unschlüssig, ob sie bleiben oder fortlaufen solle. Aber wie hätte sie sich allein in die Finsternis wagen können, ms Ungewiße hinein, wer weiß welcher Gefahr in die Fänge! Denn konnte nicht aus den schwarzen Schatten dort ein böser Feind über sie herfallen, konnten nicht Gepard oder Leopard von jedem Baum auf sie Herabsturzen? . 11 Sa war's schon besser hierzubleiben, wo sie sich wenigstens einiger- ntn6en sicher fühlte, in der Gesellschaft dieser großen Wesen, die ihr nichts zuleide taten und die ihr doch noch vor kurzem als Retter in der höchsten Not erschienen waren! Sie suchte sich also in der Mitte dieser Versammlung sachte hin- und herschwankender Riesen ein geeignetes Plätzchen und legte sich nieder. Die massigen Leiber der Elefanten ragten rings lle Ar gleich Bergen empor, und ihre Beine umstanden sie wie ein dichter Wald von Stämmen. Da zog stiller Friede in ihr Herz, und mit dem Gefühl, in guter Hut zu sein, schlief sie ein. Als sie bei Tagesanbruch erwachte, sah sie, daß auch die Elefanten chon munter wurden Die Kuh, neben der sie geschlafen hatte strebte schon dem Rand der Lichtung zu, und die Pallah sprang hastig auf, um mcyt zertrampelt zu werden. Sie trippelte ein wenig weiter und enkte den Kops um zu grasen. Ein Kalb kam mit erhobenem Rüssel aus sie zu, musterte sie eingehend und schien fragen zu wollen, wer sie sei und was >'5. wolle. Wenn auch voller Neugier, war es doch nicht allzu verblüfft über ihre Anwesenheit, denn es hatte schon des öfteren Bebras, Gazellen und Pallahs dicht neben feiner Herde weiden sehen. Jetzt brach die Herde zu ihrer langen Tageswanderung auf. Wieder auf der gebahnten Fährte zog sie äsend dahin. Und so --- durch ein Stück Urwald, über die Strecke mit dem hohen Elefantengras, quer durch die toteppe an dem Baum vorbei, unter dem die enttäuschten Hunde von gestern langst verschwunden waren, schoben sie sich langsam weiter und kamen schließlich durch das aus Akazien, Sträuchern und Unterholz gebildete Stuck Busch an den Fluß. Ruhig und bedächtig zogen sie über die Sandbank, schritten über den Rand hinaus in den dort seichten Fluß, spritzten sich voll Hochgenuß Wasser über den Rücken, legten sich schließlich, walzten sich und planschten, daß es eine Lust war. Oh, wie ist die kleine Pallah durstig! Sie trippelt auf die andre Seite der Sandbank und senkt den Kops zum Trinken; aber dann schaut sie doch noch einmal ängstlich aufs Wasser hinaus, ob sie auch nichts wahrnehmen kann von dem einzigen Geschöpf, das sie hier zu fürchten hat und das so heimlich da unten fein Wesen treibt. Schwache Ringe huschen über den Wasserspiegel — sie ist schon drauf und dran, sich zur Flucht wenden, da merkt sie, daß die Ringe ja vom Ufer Herkommen, wo die Elefanten sich im Wasser ergehen. Drüben im andern Teil des Flußbeckens sieht sie Flußpferde auf- und untertauchen, aber die schrecken sie nicht Und dort auf einer der Inseln liegt so etwas wie ein langes Haches Stück Holz; offenbar ist es nichts andres, denn es rührt und regt sich nicht und sie beachtet es also weiter gar nicht. Alles scheint ruhig im Fluß, und erleichtert beginnt sie zu trinken. Plötzlich aber läßt eine leise Ahnung sie aufblicken! Da — im Wasser, ganz nah vor ihr, kommt etwas angeschwommen, wie ein Stück Hol;! Gleich danach bemerkt sie, daß der Klotz, der da vorher auf der Insel gelegen hat, nicht mehr da ist. Jetzt heißt es: nichts als fort! Sie hat ja kaum etwas erkennen können von dem Ding; aber dennoch weiß sie gut, wer das ist: — der Schrecken des Flusses ist es, vor dem sie sich schon seit Wochen so ängstigt und . der es von neuem auf sie abgesehen hat! Im nächsten Augenblick würde es über dem Wasserspiegel auftauchen zwei kleine Augen würden sich auf sie heften und sie an die Stelle zu bannen suchen. Die Angst krallt sich ihr ums Herz — fort! fort! In großen Sätzen hat sie über die Sandbank das schützende Gebüsch erreicht; da bleibt sie stehen. Hier kann das Krokodil ihr nichts mehr anhaben; weder kann es wie der Löwe plötzlich aus einem Versteck im Busch hervorbrechen, noch wie der Leopard vorn Baum herabschießen, nur am Wasser ist es gefährlich. Mehrmals hatte sie es schon erlebt, wie Tiere auf der Sandbank überfallen wurden; hatte sie auch schnell Reißaus genommen — so hatte sich ihr doch noch in flüchtigen Bildern eingeprägt, wie jene irgendwie an Bein oder Hals gepackt und unter Wasser gezogen wurden. Niemals aber war dies innerhalb des Gebüfchs geschehen, und so erscheint ihr im Augenblick — obwohl Löwe oder Gepard sich darin versteckt halten konnten — das Gebüsch als der sicherste Schutz. Und Schutz — den braucht sie! Lief sie jetzt durch Busch und Bäume in die Steppe hinaus, so war sie wieder auf Gnade und Ungnade den wilden -Hunden oder gar noch schlkknmeren Raubtieren ausgeliefert. Nur in der Herde ist man geborgen, mögen es Zebras, Paviane ober Elefanten fein! So macht sie wieder kehrt und, möglichst nahe ans Gesträuch sich haltend, trippelt sie am Rand der Sandbank entlang, bis sie wieder unter den Elefanten ist. Viel lieber wäre sie ja wieder bei ihrer Zebraherde, hauptsächlich ihres jungen Freundes wegen. Aber wo mochte die sein? I Nun die Elesonten würden ihr wenigstens kein Leid antun. Die sind inzwischen wieder au» dem Wasser gekommen und schicken aus ihren Rüsseln ganze Sprühregen von Staub und Sand über ihre Rücken. Auch die Pallah kriegt ein paar Spritzer ab als sie herankomml, sie hat dabei aber ein unbehagliches Gefühl von Unsauberkeit, das Cnt- I zücken der Elefanten kann sie mit dem besten Willen nicht verstehen. Jetzt machen sie sich langsam wieder an den Aufbruch. Eine Herde Kuhantilopen und ein paar Gazellen müssen vor ihnen weichen, als sie sich wieder auf die Fährte schieben, auf der sie hergekommen find. Kaum aber lieqt die freie Steppe wieder vor ihnen, als es die kleine Pallah in ihrer Mitte auch wieder mit der Angst bekommt. Der Gedanke, unter diesen riesigen Tieren wieder den weiten Weg durch die Steppe, über die breite Fährte mit dem himmelhohen Gras machen zu muffen, tft tijr unerträglich, mag sie auch noch so gut bei ihnen aufgehoben Jem. Dt), diese Sehnsucht nach den Ihren! Oder wenn sie doch nur eine Gazellenherde getroffen hätte — die wären ihr wenigstens naher verwandt! Selbst um den Preis, neuen Gefahren zu begegnen, mochte sie wieder laufen und springen können, wieder mit andern Tieren zusammen grasen, I behütet von ihren Wachen, möchte mit dem Gefühl sich schlafen legem I unter Freunden zu sein! Feinde sind es ja nicht, diese mächtigen Elefanten; aber sie schenken ihr auch nicht die geringste Beachtung. Hatten doch ogar die Paviane sich ihrer angenommen und darüber gewacht, daß sie nicht in Gefahr geriet. Aber den Elefanten fallt es Nicht ein, sich darum zu kümmern; sie sind nicht viel mehr als em wandelndes Bollwerk, hinter dem man sich verstecken kann. Ja, sie will fort! Und kann sie ihre eigene Herde auch nicht wiederfinden, dann wird sie sich em er Herde Kuhantilopen oder noch lieber an Gazellen anschlietzen. Da wird sie sich doch etwas heimischer fühlen! So strebt sie denn seitwärts aus der Herde heraus, schlüpft durch den engen Spalt zwischen einer Elefantenmutter und ihrem Kleinen, trippelt unter dem hochgeschwungenen Rüssel eines alten Bullen hindurch, der gerade nach Blättern in eine Baumkrone hinauflangt, und stoßt bald aus die Nachhut einer Gazellenherde. Wie sie nun so unter denen steht, wird's ihr so wohl — so wohl, wie in der ganzen Zeit noch nicht, seit sie die Ihren verloren hat. Krokodileier. Der Fluß sinkt. — Zwölf Krokodileier. — Der Waran. Gefühllose Eltern. — Die Babys. Mit Vorrücken der heißen Jahreszeit ging der Wasserstand des Flusses mehr und mehr zurück, die bloßgelegten Uferränder wurden immer breiter und auch das Waffer des großen Beckens schwand nach und nach in einem Maße, daß die Sandbank immer mehr zutage trat. Während die Tiere sonst nur ein paar Meter vom Gebüsch entfernt hatten stehen und trinken können, mußten sie jetzt eine doppelt so lange Strecke überqueren und hegleN daher um so bänglichere Gefühle; denn was konnte da alles hinter ihrem Rücken auf sie lauern! Aber verschaffte dies dem Riesenkrokodil auch einen entschiedenen Vorteil, insofern es seine Beule viel leichter packen konnte, ehe sie sich aus sicheres Gebiet gerettet hatte, so hatte es doch anderseits größere Schwierigkeiten, sich im Kanal hinter der Sandbank verborgen zu halten, denn auch dort war das Wasser seicht geworden. So oft der Riese jetzt hineinschwamm, immer spürte er schon den abschüssigen Sandboden unter sich, noch ehe er die zum Angriff günstige strategische Stellung eingenommen hatte. Dann zog er sich zurück, versuchte auf der andern Seite des Kanals näher heranzukommen oder schwamm auch wieder außen herum, um sein Glück an der Vorderseite der Sandbank zu versuchen. Neuerdings fiel ihm auf, daß alle Tiere, die zum Trinken herkamen, größere Scheu als sonst verrieten. Was mochte der Grund sein? Ach, was ging's ihn an! Beute wollte er machen — Beute! Und wenn ihm das eine Tier durch die Lappen ging, ehe er noch nah genug herangekommen war, nun — dann wartete er eben einfach auf das nächste oder er schwamm zu einer andern Stelle der Sandbank und schaute, ob dort nicht mehr zu holen war. Inzwischen hatte das Krokodilweibchen, das der Riese sich vor Monaten zur Gattin erkiest hatte, zwölf Eier gelegt — jedes davon ein bißchen größer als ein Hühnerei — und sie in dem Sand vergraben, der den Userrand auf der einen Seite ihrer Bucht bedeckte. Mit dem Geschäft des Ausbrütens brauchte sie sich nicht zu befassen; das würde schon die Sonne besorgen. Sie selber konnte ruhig mit ihrem Herrn und Gebieter auf Jagd gehen, sich in seiner Gesellschaft schwimmend im Flußbecken verlustieren und faul im seichten Wasser ihrer Bucht oder neben ihren Eiern auf der sandig-schlammigen Uferböschung liegen. . Eines Tages aber, als das Paar gerade bei der Sandbank auf Beute lauert, kriecht ein Waran mit breitem Rücken und langem dünnen Hals und Kopf langfam, aber sicher den schrägen Stamm eines Baumes herab auf die Stelle zu, wo die Eier im Sand vergraben liegen. Den Leib flach gegen die Baumrinde gedrückt, arbeitet er sich mit feinen Krallen bedächtig vorwärts. Er zieht einen langen Schwanz hinter sich her, den er manchmal herumschleudert und der in seiner Art etwas an einen Krokodilschwanz erinnert. Ganz langsam kommt er näher, immer näher — jetzt hat er die Stelle im Sand erreicht und fängt mit feinen Vorderkrallen an zu buddeln, und bald ist ein Ci bloßgelegt. Ins Maul damit und gleich heim mit der Beute! Minutenlcktzg bleibt er verschwunden — aber jetzt taucht er wieder auf. Ei Numero zwei wird ausgegraben und in derselben Weise verschleppt, mit aller Sorgfalt, daß die Zähne nur ja die Schale nicht versehren, ehe alles zum Mahle bereitet ist. Auf diese Art und Weise werden vier Eier entwendet. Jetzt erscheint der Waran ein fünftes Mal und klettert bereits den Stamm herab, als er plötzlich den Kopf hebt, ein langes Zischen ausstotzt, wendet und zuruck, kriecht" denn soeben bahnt sich der Riese, gefolgt von seiner Gemahlin, seinen Weg durch das Gitter von hängendem Grün, das den Eingang 3UrDer1jtütf3ug des Warans, der seinem Merger über die Störung durch- vernehmliches Zischen Luft gemacht hat, erfolgt nicht mit ungebührlicher Eile- das hat die Echse gar nicht nötig. Die Krokodile, die sich inzwischen ans Ufer heraufgearbeitet haben, erblicken den ousgefcharrien Sand, wo ihre Eier vergraben gewesen sind, und ohne Zeichen von Ausregung oder Kummer kehren sie ins seichte Wasser ihrer Bucht zurück, wo sie sich friedlich niederlegen, um sich von der Glut der Sonne schmoren zu lassen. Eine Woche später suchte der Waran die Bucht abermals heim und konnte sich weitere fünf Eier aneignen, ohne bei der Arbeit gestört zu werden Danach aber war er anderweitig beschäftigt: er hatte nämlich selbst Eier zu legen, die er — ganz nach dem Muster der Krokodile — im Sande vergrub. Endlich kam der Tag, an dem die noch von dem Dutzend übrig gebliebenen drei Krokodilseier ausgebrutet waren unö Srct kleine Geschöpfe, die in ihrer unglaublichen Winzigkeit das genaue Ebenbild ihrer Eltern waren, das Licht der Welt erblickten. Acht Tage nach ihrer Ankunft auf dieser Erden waren die Krokodil, babys noch keine zwanzig Zentimeter lang; aber sie wuchsen schnell, krabbelten am Rand des Ufers herum, tummelten sich in der Bucht, fingen winzige Fischchen und spielten oder balgten sich zuweilen auf der Schlammbank. Ihre Eltern kümmerten sich wenig oder gar nicht um sie, ließen sie selber für ihr Futter sorgen und, als sie großer wurden aus eigene Faust in der Bucht und ihrer Umgebung Beutezüge aussuhren. Aber um einmal ins große Flußbecken auf Fischjagd mitgenommen zu werden, mußten sie erst noch viele Monate älter und noch mehr ihren Eltern nachgefchlagen sein als jetzt. Ob der Riese wohl die Gabe hatte, schon so weit in die Zukunst vorauszublicken? Dann mußte ihn das Nahen der Regenzeit sorgenvoll stimmen: der Wasferstand in Fluß und Flußbecken wurde zwar wieder steigen, aber gleichzeitig füllten sich dann auch wieder die vielen lumfel in der Steppe mit frischem Wasser und würden - leichter erreichbar und ungefährdeter wie sie waren — viele Tiere vom Erscheinen am Fluß abhalten. Doch nachher winkte wieder die trockene Zeit wo die Tiere zu Haus auf 'die Sandbank kamen, und dann gab cs wieder gute Zeiten ^^Aber^s°Eah, daß der Riese diese Zeiten nicht mehr erleben sollte. Pavianrivalen. Ein alter König. — Angriff auf d i e Führerfchaft. Heißer Kampf. — Niederlage der Rebellen. Paviane am Fluß. Im Verlauf mehrerer Wochen war für die Paviane das Leben auf ihrem Felshügel immer gefährlicher geworden. Tag für Tag unii ’Jladjt für Nacht erlitten sie Verluste durch die regelmäßigen Angriffe der Leoparden, die jetzt leichteres Spiel hatten, da der alte Leitpavlan fein Wächteramt immer sorgloser und fahrlässiger versah. Schon seit Jahren stand er nun an ihrer Spitze, schlichtete ihre Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten und schützte sie vor Gefahr. Im Anfang war er fehr rührig gewesen; hurtig jagte er die Bäume hinaus, um nach allen Windrichtungen hin das Gelände zwischen den Büschen nach Fetzen gelben Fells abzusuchen, ebenso hurtig schwang er sich wieder von feiner Beobachtungsstelle auf dem Gipfel des pelle” herunter, um einzufchreiten, wenn die Jungen sich wieder einmal in die Haare geraten waren. Neuerdings aber hatte (eine Tatkraft nachge* lassen Ost suß er halb eingenickt mit zwischen den Knien herabhangen, den Händen, und nur wenn das Gezänk gar zu laut wurde, kam Leben in ihn. Manchmal trübten sich, wenn er Wache hielt, feine alten Augen, und daher kam es, daß er dann wohl eine Sekunde, eine verhängnisvolle Sekunde zu spät die Gefahr erkannte; und dann hatte der Schrei eines halbwüchsigen Pavians, dem die Krallen des Leoparden im Fell aßen, das Affenvolk schon in Schrecken gestürzt, ehe der Alte noch feinen Warnruf ausstoßen konnte. Eines Nachts fuchte der Leopard wieder den Hügel heim, schleppte einen jungen Pavian in den Zähnen davon und erschien dann abermals, um sich noch ein zweites Opfer zu holen; und das gelang ihm auch, ohne daß vorher auch nur bas leiseste Warnzeichen ertönt wäre Da kehrte sich die Volkswut nicht so sehr gegen den Räuber als gegen den eigenen Anführer. Den ganzen Rest der Nacht hindurch schrie und keifte die Menge, während der Alte abgesondert auf einer Felsnase hockte, als einziges stummes Wesen auf dem ganzen Hügel. Er wußte, daß »t« Empörung oller gegen ihn gerichtet war, aber er war immer noch tyr Haupt und Führer; wie ein König war er, der von der Hohe feines Thrones auf den aufrührerischen Pöbel hinabblickt. An Abdanken oder gar Flucht dachte er nicht. Später, wenn sie sich etwas beruhigt Hoven sollten, dann wollte er hinabklettern und ein paar von den Jüngeren züchtigen; di« sollten es spüren, daß er immer noch der Herr war, mächtig und stark, und daß es an ihnen war, sich seinem Willen unterzuordnen. Aber plötzlich, stüh am Morgen, kommt ein andrer Pavian, jung, beinah voll ausgewachsen, außerordentlich kräftig, auf den Gipfel ge- flettert und bleibt mit zurückgezogenen Lippen und gefletfchten Zahnen in kaum einem Meter Entfernung vor dem Alten stehen. Der weiß, was das zu bedeuten hat: das ist der Angriff auf stine Führerschaft! Er erhebt sich, bleckt die Zähne, kommt aus allen Vieren in leichtem Wiegeschritt nach vorn. Hier gilt kein Zaudern; er weitz, daß er seine Stellung nur seiner Körperhaft verdankt und daß &ev jenige, der ihn zum Kampf herausfordert und ihn besiegt, sofort fein Nachsolger werden wird. 1 (Fortsetzung folgt.) Vor dem Herbst. Von Joses W e i n h c b e r. Ein stiller Mond stieg, den wir fürchtig fdjamen. Ein Sommer glutet — laß ihn, Herr, uns leben! Ein dunkler See ergibt sich, spiegeleben. Ein Boot zieht weiß über den tief erblauten. Herbsüße Früchte und die tränbetauten, die dunklen Rosen mit den hellen Reben hast du uns, Herr, mit auf den Weg gegeben, dem wir feit jenem Monde uns vertrauten. Gebiete, Herr, der Wolke und den Winden! Sieh unser schmales Boot in Gnaden an! Führ uns hinab in einen milden Herbst! Und wenn du uns die Schläfen bleicher särbst, laß ineinander uns Erfüllung finden! Dies ist das Letzte über allem Wahn. Das Gästebuch. Erzählung von Hans Friedrich Blunck.' Der Dichter Hans Friedrich Blunck begeht am 3. September seinen 50. Geburtstag. Herr von Ull, Gutsherr und Sägereibesitzer in Thüringen, entschloß sich eines Tages, seinem Sohn Reisegeld und acht Wochen Urlaub auszusetzen, damit er sich in der Welt umtue. Der alte Ull, der selbst in feiner Jugend ängstlich daheim gehalten war, vertrat die Meinung, (ein Junge müsse sich einmal Rhein und Elbe, dazu England und Frankreich 'anfehen, ehe er sich gleich ihm selbst für Lebenszeit auf Gut und Holzsägerei in Thüringen sestsetze. Nicht ohne Bedenken lieh der alte Herr den Sohn ziehen. Da war eine Abneigung gegen große Reisen in der Familie. Sein eigener Vater, das wußte Ull, war bei einer Fahrt in die Welt bis nach Amerika gekommen, aber niemals wiedergekehrt. Es hatte sich etwas zugetragen, was selbst ihm nur noch in Andeutungen überliefert war und das ihm eine einsame Jugend mit der vergrämten Mutter eingetragen hatte. Weil er jedoch diese übertriebene Fürsicht in seiner eigenen Kindheit als ungut und einengenb empfunden hatte, ermunterte er den Jungen, hals ihm bei der Festlegung des Reifewegs, zog noch eine entfernte Verwandte, die mehr als er selbst die Welt befahren hatte, zu Rate und fragte sie nach guten Gasthöfen in den Städten Köln und Hamburg, die als erste besucht werden sollten. Dann ließ er den Sohn reifen. Nun hatte aber jene ältliche reifeluftige Verwandte ihre Erinnerungen von ehedem durcheinandergeworfen und hatte den gutbürgerlichen Gasthof zur „Stadt Bern" von Hamburg nach Köln und den „Bären" von da nach Hamburg verlegt. Zwar gab es zu der Zeit auch eine „Stadt Bem" in Köln, es war ein teures, prunkhastes Haus, und als der junge Herr von Ull am Rhein eintraf, verwirrte es ihn, dort abfteigen zu müssen; er war verblüfft Über die Großzügigkeit ber alten Verwandten, die doch als knauserig galt, blieb kürzer als vorgesehen in der „Stadt Bem" zu Köln und entschloß sich, bald weiterzufahren # Nun hätte der Reifende eigentlich in Hamburg in der „Stadt Bern Quartier nehmen sollen; infolge der Verwechslung aber drahtete er von Köln an den „Bären" in Hamburg und teilte feine Ankunft für die und die Stunde mit. . Der Zufall fügte es, daß es noch einen „Schwarzen Baren in Hamburg gab Herr Ull war indes einigermaßen erstaunt, als er abends auf dem Bahnhof „Klostertor", auf dem man zu jener Zeit in Hamburg ausftieg, keinen buntbemützten Hausdiener wartend fand. Erft nach einer Weile, als er sich, das Gepäck in der Hand, nach allen Seiten yistlos umgetoaut hatte, trat ein kleiner dicker Mann in steifem schwarzen Rock auf ihn zu, machte einen höflichen Bückling und fragte, ob er der Herr von Ull fei, der zum „Schwarzen Bären" wolle. Der Angeredete nickte. .. . .. Nun, es fei ihm eine Ehre, und zwei Zimmer standen für ihn bereit. Dem jungen Ull dämmerte jetzt langsam, woraus der sonderbare Empfang beruhen mochte, und er fragte, ob es auch eine „Stadt Bern in Hamburg gäbe. „Gewiß", antwortete der Führer zögernd, ob er vielleicht dorthin wolle. Aber er habe nun alles hergerichtet. Ob man im „Bären" denn Gäste auf nähme? , Zuweilen noch, seufzte der freundliche Führer, früher feien es mehr gewesen. Er fügte gleich hinzu, daß er selbst der Wirt sei und sich| über die Depesche sehr gefreut tfäbe. Und feine Frau und seine Tochter hatten ^Da° mV de7° Thüringer dem Wirt, der schon hilfsbereit seinen Koffer auf die Schulter genommen hatte, nichts oblagen; er folgte ihm durch eine Reihe von Gasten und Hosen, sagte sich, da (4 nächsten Abend ein Schiss nach England ginge und daß er die eine Nacht es wohl wü?de aushalten können. . ....... Nach einem- längeren Weg tarnen die beiben vor em ttenes graues Haus am Hafen, in dem hinter gelben La den sch eiben eine Wirtschaft lag. „Wir müssen hindurch", entschuldigte sich der Juhrer und es war allerdings eine Entschuldigung nötig. Geschrei und Gelachter füllten den Gastraum, in dem verraucht und verrußt, sich streitende, trinkende und Karten dreschende Menschen drängten. Gnnh die Um in hiibfifier war es oben. Im zweiten Stockwerk stastd oie Wirtin in weißer Schürze bereit, der kleine Flur war altertümlichi mit Sand und Wacholdeb bestreut, so daß Astete und wohnlich aus,ah, und hinter der Wirtin hieß ein junges Mädchen das «4t »u|g» ob es kichern oder ernst bleiben sollte, den Gast mit rotem K Ps kommen und öffnete die Tür. . . K nh und „Hier sind wir", sagte der Wirt, lud blasend den Koffer ab uno wies auf seine Frau. „Sie hat sich viel Mühe gegeben." Die Wirtin lächelte und gab dem Fremden freundlich die Hand, auch die Tochter knixte und nahm seine Fingerspitzen. Dann fragten beide, schon halb flüchtend, ob der Gast noch Wünsche hätte, aber dem war bei so umständlicher Feierlichkeit viel zu befangen zumute. Herr von Ull kam nicht gleich dazu, auszupacken. Er freute sich zunächst über einen großen Strauß Blumen, der auf dem Tisch stand; er merkte, daß die weihen Gardinen, die nach Amidon rochen, frisch aufgehängt waren, und hörte vergnügt dem wärmenden Knistern im alten Kachelofen zu. Dann flüsterte es draußen, die Wirtin klopfte noch einmal. Da hätte sie ganz vergessen zu fragen, ob ihm das Bett auch recht [ei. Und sie öffnete eine zweite Tür zu einem faalartigen Nebenraum, in dem gleichfalls eine alte Hängelampe und ein Riefenkamin brannten. In einer Ecke aber füllte eine dicke, plufterige Daunendecke, zwei Schuh hoch, eine braune Bettstelle bis zum Rand. Der Gast wagte nichts einzuwenden, er war gerührt über den Biumenduft und über den Eifer der Wirtsleute; er war auch fo fröhlich erbaut über das junge Gesicht der Tochter, das immer im Schutz der Mutter auftauchte, daß es ihm leid getan hätte, auch nur mit einem Wort die Freude der beiden einzufchränken. Er vergaß also die wüste Schenke im Erdgeschoß und nahm dankend an, als die Wirtin ihm anbot, das Abendessen ins Zimmer zu bringen. Was setzte man ihm nicht alles vor — lieber Gott, diese Leute tischten einem armen Thüringer Magen drei Gänge auf: Holsteiner Katenschinken, frischen Steinbutt und Ente hinterdrein. Schon dachte der Gast mit Sorge an die Rechnung. Ja, als ihm der Wirt, der ihn mit einer Flasche Rotwein, ohne zu fragen, zum Essen bedient hatte, nun auch noch einen besonders reinen Hamburger Korn und schönen Helgoländer Schmuggelrum anbot, lehnte er fast unhöflich ab; er glaubte, man wollte ihn schröpfen. Wirt und Wirtin hörten den spröderen Ton sofort, sie beeilten sich abzuräumen und den Fremden allein zu lasten. Der zündete sich eine Zigarre an, um in Ruhe die drollige Verwechslung zu Überfinnen. Er stand dabei am Fenster, sah das blinkende Wasser des Elbstroms und die Schatten vieler Masten und überlegte, ein wenig vom unheimlichen Gefühl des Binnenländers vor diesen Häfen geplagt, ob es nicht das beste fei, in aller Frühe das Schiff zu suchen und an Bord zu gehen. Es klopfte noch einmal; das junge Mädchen trat mit rotem Kopf herein und brachte ein dickleibiges braunes Fremdenbuch. Der Vater bäte um Eintragung, bald hundert Jahre fei es alt und habe damals, als die gute Zeit des Gasthofs gewesen war, nur berühmten Herren vorgelegen. Da war — der junge Gast blätterte bald geehrt und erstaunt barin —, da war einmal der Dichter Storm in diesem Hof abgeftiegen, ein Großherzog von Meiningen kurz danach. Da war preußische Einquartierung aus dem Krieg gegen Dänemark, da fielen zwei Jahre später bittere Worte über den deutschen Bürgerkrieg mit Oesterreich. Senatoren aus Bremen, Bürgermeister aus Wien, Künster hatten die Seiten vollgezeichnet — da war ein Herr von Ull. Der Gast blickte verblüfft auf, er merkte, das junge Mädchen hatte auf den Augenblick gewartet, wo er auf den Namen stoßen würde. „Mutter fragt, ob Sie mehr von dem wissen und ob Sie vielleicht deshalb tarnen?" „Nein, deshab nicht!" Wie verwirrend war das! Der Reifende las das Datum und rechnete nach — welcher Zufall, es war fein Großvater, der hier abgeftiegen war. Und in welcher Laune er gewesen fein mußte! Ein langes höckeriges Gedicht auf schöne Hamburgerinnen hatte er fertiggebracht, auf eine zumal, die ihm während des Dichtens zur Seite gefeiten hätte. Der Verschollene der Familie! Dem Gast glühte der Kopf. „Vater will das Blatt herausnehmen", sagte das junge Mädchen leise, „es ist damals ja fo traurig ausgegangen." „Setzen Sie sich, bitte! Davon weiß ich gar nichts. Aber erzählen Sie — es ist allerdings ein Verwandter, ich habe aber niemals Näheres über ihn erfahren können. Welcher Zufall!" Die junge Dirn prüfte den Fremden, als wolle sie erfahren, ob man sich auf ihn verlassen könne. Dann schien sie Vertrauen zu fassen und ließ sich neben ihm auf das Sofa fallen. Sie war ungefähr sechzehn Jahre alt, ein wenig scheu, aber ein hübsches Kind mit braunen Augen und hellem Haar. Die Finger zitterten ihr, als sie langsam den Zeilen folgte und die Einschrift noch einmal zu lesen versuchte. Aber was wissen Ihre Eltern denn Näheres von jenem Gast? drängte Herr von Ull. Es ärgerte ihn, daß feine Stimme nicht rein bheb: hilf Himmel, war denn etwas dabei, daß folch junges Ding sich einmal frisch und anmutig zu ihm setzte? So schob er die Heiserkeit auf das Verlangen, von seinem Großvater zu hören. „Ich weiß nicht viel. Es ist eine traurige Geschichte, und nut meinem Vater darf man gar nicht darüber sprechen." Die Nachbarin zögerte, nicht ganz sicher, ob sie davon erzählen dürfte. Dann ließ sie den Kopf sinken: Meine Großmutter, ich meine die Mutter meiner Mutter, ging mit dem natfj drüben" — sie mies auf das Blatt —, „aber ich glaube nicht, daß sie glücklich geworden sind." .r , k , So, fo!" Und in die gleiche Schenke warf ihn das Schicksal, das vertrackte Schicksal! „Haben Sie denn von den beiden gehört, was ist aus ihnen geworden?" „ „Großmutter schrieb einige Male von drüben. Von drüben, von Amerika? Und was stand in den Briefen? "Meine Mutter war damals noch sehr klein, es ist alles für em Kind geschrieben. Sie sollte sich bester bewahren, stand darin, und zuletzt, daß nun alles zu Ende sei." . Der Gast schüttelte in immer größerer Verwirrung den Kopf. Hatte er dafür nach Hamburg kommen müssen? Ihm war fo unheimlich zumute, er wußte nicht, wie er sich weiterhelfen sollte. Die Wirtin klopfte an die Tur, ihr war die Tochter wohl zu lange fort Sie brachte Wärmekruken und fragte den Gast, ob er daran gewohnt ei Dabei sah sie, welche Seite im Buch aufgefdilagen war. „Ach, das Gedicht", seufzte sie und blieb stehen, die heiße Kruke m der Schurze. Man sollte es herausreißen, finden Sie nicht auch? Ich hatte noch Briefe öon dem Herrn. Wir haben sie verbrannt — vor einem Jahr, als wir bas Syius aufräumten. Es ist eine traurige Geschichte, und am besten ist es, nicht darüber zu reden." ; , Lassen Sie bas Blatt doch", bat der junge Uli plotzstch. „Wer denkt immer nur an das Traurige, man soll sich auch der fröhlichen Stunden erinnern." . „ ,, , ,, Die Wirtin holte tief Atem und winkte der Tochter, ihr zu helfen. „Alluzuoiel Fröhlichkeit bringt allzuviel Kummer, das hab ich von Kindheit an gelernt, lieber Herr." Der andere schien nicht ganz der gleichen Meinung zu fein. Welche rührsame Anschauung! Er seufzte, fast packte ihn der Neid auf den Großvater Und auf jene Stunde, in der er hier in diesem Hause gedichtet und getrunken hatte vor — wie lange mar’s her? — Anno achtzehnhundertachtundsiebzig. Der Gast lachte plötzlich herzhaft auf und mußte das Mädchen ansehen. Da saßen sie wieder zusammen, Enkelkinder jener zwei. Schade, daß morgen das Schiff nach England fuhr! r ,, '■ ... „Komin, komm", mahnte die Wirtin, sie zog ihre Tochter hastig am Aermel und nickte dem Fremden ein „Gute Nacht" zu. Altaffyrisch. Von I. V. v o n S ch e f f e (. Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da trank ein Mann drei Tag, Bis daß er steif wie ein Besenstiel Am Marmortische lag. Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da sprach der Wirt: „Halt an! Der trinkt von meinem Dattelsaft Mehr als er zahlen kann." Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da bracht' der Kellner Schar In Keilschrift auf sechs Ziegelstein Dem Gast die Rechnung dar. Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da sprach der Gast: „0 weh! Mein bares Geld ging alles drauf Im Lamm zu Ninive!" Im schwarzen Walfisch zu Askalon, Da schlug die Uhr halb vier, Da warf der Hausknecht aus Nubierland Den Fremden vor die Tür. Im schwarzen Walfisch zu Askalon Wird kein Prophet geehrt. Und wer vergnügt dort (eben will. Zahlt bar, was et verzehrt. Oie Sünderin. Eine Erzählung von Georg Britting. Der junge Baumeister Hans Breckerle, ein Schwabe aus der Gegend von Memmingen, hatte den Kops voll von Plänen für Hallen und Kirchen und Türme, die er zu bauen gedachte, und stand und saß aber vorläufig den lieben langen Tag hinter dem Zeichentisch in der Werkstube der städtischen Baubehörde, mit kleinen Aufgaben nur beschäftigt und murrend über die Plage des Amtes, mußte er noch froh darum fein, weil es ihm wenigstens bas Brot gab, bas er brauchte, und er brauchte es zweimal, für feine Frau auch. Für feine Frau auch, wie das klingt: das klingt falsch und hört sich an, als sei sie ihm eine Last, die ihm eine Lust war, Frau Barbara, groß und breit und blond, und er war klein und schwarz von Haar und Bart: denn einen Bart trug er ums Kinn, gegen alle Sitte, an dem sie ihn zupfte unb zerrte, oft, ben Baumeisterbart, wie sie ihn nannte, und er lachte bann nur. Er lachte aber nur mehr feiten in ber letzten Zeit, unb bann bald gar nicht mehr, je länger unb verbissener er, jebe Stunde nützend seiner freien Abende und der Sonntage, an dem Entwurf arbeitete für ben Rathausbau einer kleinen norbbeutschen Stabt. Die hatte ein Ausschreiben erlassen, Pläne zu erhalten für ein zu errichtendes Stabtväterhaus, und als spätester Zeitpunkt, an dem die Bewerber ihre Arbeiten abzuliefern hatten, war der erste Oktober bestimmt worben. Aber nun war es schon Ende September und die Blätter an ben Bäumen fingen schon an zu gilben, er sah es, Hans Breckerle, wenn er ben müben Blick hob von feinem Entwurf, mit bem er aber sehr unzusrieben war, unb der ihm doch, als er ihn zum erstenmal mit wenigen Strichen auf bas Papier gesetzt gehabt hatte, glücklich unb verheißungsvoll erschienen war. Seine Frau, Barbara, die teilgenommen hatte am Rausch des ersten glücklichen Fluges, sie sah nun auch feine Niedergeschlagenheit, sie sah, wie er stockte und nicht mehr vorankam unb nicht mehr den Entschluß fanb zu dem, was jetzt nötig war: neu zu beginnen! Wer in ben Bergen an einen grün schäumenden Eisbach kommt und er muß hinüber, drüben läuft der Weg weiter und der Brettersteg, der ihn hinübertrüge, ist weggerissen — wer da zögernd steht und nicht recht ben Mut aufbringt, hinüberzuspringen: der nimmt wohl feinen Hut ober fein Ränzel und wirst es ans andere Ufer, unb muß nun, soll er nicht Verlust haben, ben Sprung wagen. Unb manchmal auch wirft ein anberer für ihn ben Hut... Eines Abends standen die beiden, Hans unb Barbara, roieber einmal nebeneinander vor bem großen Zeichentisch unb betrachteten jorgenb ben Entwurf. Aus bem Tisch funkelte im Licht ber Deckenlampe ein Tintenbehälter, ein schönes Stück aus ber Großväterzeit, eine große Kugel aus geschliffenem Glas. „Ein Pfuscher bin ich!" sagte Hans Breckerle, „ein überheblicher Nichtskönner!" Unb er hob zu ber F^au fein kinbhaftes Gesicht, bas von bem schwarzen Bart männlich umrahmt war, unb er sagte mutlos: „Ich gebe es auf!" „Aber nein, Hans", sagte bie Frau, „ber Plan ist doch so schön!", und sie stützte sich mit ihren weißen Hänben auf bie Schmalseite bes Tisches unb beugte sich weit vor, bann, genauer zusehend, unb legte babei bie Arme fest auf bie Tischplatte. „Der Plan ist doch so schön!", sagte sie roieber, „unb wenn bu bort links bas Tor", fuhr sie fort, unb sie wollte bort hinbeuten, wo das Tor war, und die tintengefüllte Kugel war ihrer deutenden Hand im Wege, das Glasgesäß wankte und stürzte, und ein breiter Schwall von Schwärze ergoß sich aus bem speienben Munde. Die Tinte wälzte sich quer über bie Zeichnung, ein mächtiger Strom, ber anfangs rasch floß, sich dann staute und anschwoll zu einem schwarzen See, und aus dem See trat ber Strom roieber heraus, sich teilend in mehrere dünne Arme, und diese dünnen Rinnsale riefelten nun gemächlicher, stockend manchmal am rauhen Korn des Papiers und dann Schleifen ziehend, unb flössen vom Papier auf da» Holz des Tisches und stossen weiter und erreichten ungehindert den Tischrand und tropften von bort auf ben Boben. Sie ftanben bie zwei, unb keines sprach ein Work, unb sahen untätig den fallenden Tropfen zu, bis keiner mehr kam. Dann holte Barbara einen Lappen unb wischte bie Tinte vom Tisch, unb mit einem großen roten Löschblatt saugte sie bas Nasse von ber Zeichnung, bie nun wie von Aussatz gesteckt unb geschänbet aussah, unb ber große schwarze See in ber Mitte bes Entwurfes hakte, nun er aufgetrocknet war, bie Gestatt einer Eule, bie finster herbtickte. Sie war schneeweiß im Gesicht, Barbara, als sie bann vor ihren Mann hintrat und sagte: „Verzeih mir, Hans!" Der nickte nur mit dem Kopf, und sagte: „Wir wollen schlafen gehn!" Als Barbara folgsam zur Tur sich wandte, sagte er: „Ich schlafe heutnacht hier. Geh du nur!" Barbara ging, ging in bas Zimmer, in bem sie sonst gemeinsam schliefen, und sie hatte Tränen in den Augen, als sie sich langsam entkleidete. Nachts erwachte sie, es war brti Uhr, und das Bett neben ihr war leer, und sie stand auf und tat einen Mantel um und ging über ben Flur zur Tür bes Arbeitszimmers. Sie beugte sich spähend und sah Licht durchs Schlüsselloch schimmern, dann klopfte sie und trat in den grell beleuchteten Raum. Hans hatte, sie sah es sofort, bie oerbtxrbene Zeichnung abgelöst vom Tisch unb einen neuen Bogen aufgespannt, auf bem schon wieder ein Liniengefüge sich zeigte. „Du mußt jetzt schlafen, Hans!" sagte sie, unb trat zu ihm. „Du hast ja noch fünf Tage Zeit!" „Ja", sagte er, unb folgte ähr, bie ihm mit wehenbem Mantel voranging ins Schlafzimmer. Unb nach fünf Tagen hatte Hans Breckerle ben neuen Entwurf fertig. Wie die Ameise, die unermüdliche, ist ihr Werk zerstört, nach kurzer Verwirrung emsig von neuem beginnt, so hatte er getan, alle Kraft sammelnd auf bas Wesentliche. Unb bann war ber Abenb, wo sie gemeinsam ben Entwurf verpackten unb verschnürten unb versiegelten, unb bie Rolle lag auf bem Tisch, braun unb stattlich, unb Hans sagte: „Trag' sie morgen auf bie Post!" Unb mehr als vier Monate vergingen, unb aus bem Herbst war Winter geworben unb schon wollten erste Vorfrühlingstage schüchtern sich hervorwagen unb bie beiden, Hans und Barbara, sprachen nie mehr ein Wort über bas Schicksal bes Entwurfes, so oft sie auch daran denken mochten, bei Tag und' bei Nacht. Unb eines Vormittags, als Barbara allein z» Hause saß, da brachte bie Post einen Brief, ein großes, amtliches Schreiben. Und sie öffnete es und ihre Hände zitterten nicht babei, unb sie würbe nicht rot unb nicht blaß unb war gar nicht einmal erstaunt, unb tat, als sei bas gar nicht anbers zu erwarten gewesen, als sie las, baß bie Preisrichter Hans Breckerle ben Preis zugesprochen hatten. Aber bann rannte sie in ben nächsten Blumenladen und kaufte einen mächtigen Strauß weißer, nickender Blumen, und stellte sie mitten auf ben Tisch, unb als Hans Breckerle bann heimkam unb vor bem Tisch stehen blieb, verwundert, sagte sie: „Du hast den Preis bekommen!" Unb sie schloß bie Augen unb sah ben Bergbach stürzen, wirbelnd über’s Gestein, und sah sich, wie sie einen Hut warf ans andere Ufer, nicht ihren, und Hans sprang, er mußte ja springen, nicht sie, bie nur so dreist gewesen war, den Hut des andern zu werfen, und hätte alles auch mißglücken können, was sie getan, die gut meinend Vorwitzige. Als sie, Frau Barbara, die Blonde, tags darauf, einem Sonntag, gegen abend, unb bas Licht war noch nicht angebreht im Zimmer, blaß erhellt nur war es vom Schneefchein braufjen, als sie, an ber Wand stehend, weit entfernt von ihm, Hans Breckerle, bem Baumeister unb Ehemann, als sie ihm ba plötzlich gestand, sie habe die Äugel damals mit Absicht umgestoßen, damit die Tinte fliehe, ba sagte er, ber Schwarzbart, aus bem Dunkel her, in bem er saß, bas habe er geahnt! Nicht schon gleich an jenem Abend sei ihm der Gedanke gekommen, aber je öfter er sich ben Vorfall überlegt habe, um so klarer sei ihm alles geworden. Sie stand unbeweglich, seiner Antwort lauschend, und ba drehte er bas Licht an und er sah sie stehen, die den Blick vor ihm nieber- schlug unb nun gegen bie Wanb sich kehrte voll Scham, unb er sah im ausgeschnittenen Kleib ihren Rücken sich heben unb senken, sie atmete wohl schwer. Unb er nahm die Blumen aus dem Glas, hielt sie bei zu- fammengeprefjten Stielen, unb bas Wasser, mit bem sie sich vollgesaugt hakten, tropfte ihm von ber Hanb, unb mit ber weißen Blumenpeitsche peitschte er ber Sünberin Rücken unb Hals. Unb sie ließ es geschehen, sie ließ es sich gefallen, Schlag um Schlag nahm sie hin, gebulbig, unb baß ihr Rücken nur immer heftiger zuckte, bas kam wohl von dem Schmerz, ben ihr die Hiebe verursachten, woher denn sonst? Derantwörtlich: vr. Hans Thhriot. — Druck unb Derlag: Brühlfche UniversitätSbruckerei R. Lange, Gießen.