Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1938 Montag, den 2. Mai Nummer 3H Herz lm HW Roman von Hans-Äaspar von Zobeltitz lopyrlghl by Deutsche Verlags-Anstalt, Htuttgarl 20. Fortsetzung. In den ersten Februartagen wird die Freiwilligenabteilung nach dem Baltikum abbefördert. Sie soll dort die bedrohten Deutschen gegen bolschewistisches Gesindel schützen. Der Befehl trifft ganz überraschend ein, und es gibt viel Arbeit für den Stab, weil die Anordnungen für die Truppe in wenigen Stunden fertiggestellt werden müssen. „Fahren Herr Hauptmann doch nach Hause. Die Baronin will doch noch einen Abschiedskuß haben", sagt Notz. „Ich kriege den Dreck auch allein zusammen, soviel hab' ich schon gelernt." „Nein, nein. Dienst ist Dienst. Der Abschied — das muß eben telephonisch gehen." Im letzten Augenblick läßt Bernd die Verbindung herstellen. Irene ist am Apparat. „Wir wissen schon Bescheid, Bernd. Herr von Notz hat angerufen. Lexe ist bereits unterwegs zum Bahnhof, sie wollte dich doch noch einmal sehen. Bleib heil und gesund, Bernd. Und: auf gutes Wiedersehen." „Auf Wiedersehn, Irene", sagt er. In dieser Zeit kommt William Bruce nach Berlin. Irene erwartet ihn, denn er hat ihr von Dreadford aus geschrieben, wann er bei ihr fein würde. Er trägt einen dunklen Rock wie damals, als er in Waldhausen war zur Beisetzung Alexander Czehs. Seine Gestalt hat sich nicht verändert, aber sein Gesicht ist zerfaltet und sein Haar ist sehr grau. Irene sieht die Falten nicht, sie sieht nur ihn. Es ist keine Feindschast in ihr, obgleich sie daran denken muß, daß ihr Sohn gegen England fiel. Sie reicht ihm beide Hände und läßt sich an seine Brust ziehen. Sie iiihlt seine Finger über ihr Haar gleiten und fühlt sich unendlich geborgen. Ihr ist, als ob sie zum erstenmal voll begriffe, was sie an diesen Mann äindet: die klare Sicherheit, die von ihm ausgeht und die sie spürt, sobald er in ihre Nähe kommt. Gerade jetzt empfindet sie diese Sicherheit doppelt, denn in Deutschem!) scheinen alle sie verloren zu haben; in Deutschland scheint keiner Jcr geblieben zu sein, der er war. William Bruce ist es geblieben. Vielleicht gewannen sie deshalb den Krieg. „Dank-, William, Dank für alles, was du getan", sagt sie. Dann sitzen sie beieinander, und er berichtet, wie Günter starb und ®ie er ihn gebettet. „Soll ich ihn dir bringen?" fragt er. Sie schüttelt den Kopf. „Nein, William, laß ihn ruhen, dort wo der >a>,no weht und abends die Pferde an seinem Birkenzaun stehen und Marien." Sie sieht das alles ganz klar vor sich, und Waldhausen und die iühle Gruft der Czehs scheinen ihr viel ferner, viel ferner. „Und du, Jri?" „Ich komme dann wohl einmal nach Dreadford, William, und besuche hn und das Grab. Dann stehen wir auf der Höhe und sehen über das Reer." Da fragt er nicht weiter und bittet nicht weiter, denn ihm deucht Ichvn sehr viel, was sie versprach. Im Baltikum fragen sie Bernd oft, ob er der Wallnitz vom Sturm- sataillon Wallnitz sei. Den kennen sie alle, die sich dort zusammengefun- len haben, die letzten Landsknechte des Weltkrieges. Sie sind erstaunt, ^enn er antwortet: „Nein, der Sturmbataillonsführer ist mein Bruder", J-nn sie denken, der Sturm-Wallnitz muß doch wieder zu uns stoßen, ter tolle Kerl, der sich als Oberleutnant am „Toten Mann" den Pour le i*ierite geholt und sich dann eine eigene Truppe ausgebildet hatte: Flammenwerfer und Minenschleuderer, Handgranatenspezialisten und Pistolen- ihlltzen, die man mit Eitkraftwagen an die Front warf, wenn es galt, mgendwo einen Graben aufzurollen oder eine besonders windige Ecke vegzunehmen. „Ja, wo steckt denn Ihr Bruder?" „Zu Hause. Auf dem Land«. In Dapper." „Und was macht er da?" »Er baut Kohl." „Schade. Das war ein Kerl. Den könnten wir hier brauchen." Es tut Bernd immer ein wenig weh, wenn er so nach Conrad gefragt wird. Er schämt sich, denn er weiß: es ist Neid. Nicht auf den Ruhm, aber auf das Wort „Kerl". Er hat längst erkannt: er ist kein Kerl. Er hatte gehofft, einer geworden zu sein, als er aus dem flandrischen Sumpf stieg, aber das war eben nur ein Traum gewesen. Er paßt auch nicht recht hierher unter die Freischärler, die nichts von Generalstabsarbeit wissen wollen und ihren Krieg lieber auf eigene Rechnung führen als nach Befehlen. Er fühlt: sie sehen in ihm im Grunde nicht einen der Ihren, sie haben ihn gern, sie gehorchen ihm auch, aber wie man einen Lehrer gern hat und einem Lehrer gehorcht. Er hat sich die Generalstabsstreifen von seinen Hosen trennen lassen, die karrnoisinroten Streifen, die sein Stolz gewesen sind; aber damit war es nicht getan. Innerlich blieben die Streifen. Der Notz hat es leichter, er findet den Ton. Er baut auch immer wieder die Brücke zwischen dem Stab und der wilden Truppe. Er fängt Spione und Verräter hinter der Front, pirscht sich in Zivil bis in die Quartiere der roten Horden vor, läuft die blödsinnigsten und zwecklosesten Patrouillen und säuft, wenn er glücklich zurückkommt, mit den andern bis zum Morgengrauen. Dabei ist es ein viehischer Kamsif, voll Hinterlist und Tücke, der Feind steht ringsum, man weiß nie, wer einem entgegenkommt, wenn man eine Straße entlangreitet, gleich in welcher Richtung. Einmal hat Bernd — sie duzen sich schon lange — gebeten: „Nimm mich mit, Notz." „Nichts zu machen, Käpten, du hast Frau und Kind zu Haus." „Aber ich will mit." ,Zch habe deiner Frau versprochen, auf dich aufzupassen. Also, keine Widerrede, Käpten." Auch dieser Krieg geht zu Ende. So kommen sie nach Berlin zurück. Bernd geht in die Hohenzollern- straße. Notz sucht sich ein Zimmer im Alten Westen und findet es in der Genthiner Straße. Das ist gar nicht weit von der Czehschen Wohnung, nur über den Landwehrkanal hinüber, noch nicht zehn Minuten Wegs. „Wollen Sie nicht nach Hessen zurück, zu Ihren Eltern?" fragt ihn Lexe. Er hat sein frisches Dumme-Iungens-Lachen. „Nee, Baronin, ich- bleib lieber hier." . Bernd ist flügellahm. Er kann sich nicht daran gewöhnen, daß er Zivil tragen muh. Er kann sich aber auch nicht entschließen, zur aktiven -Truppe zurückzukehren, die im Umbau begriffen ist: er will nicht Soldat der Republik werden, er kann nicht den neuen Eid leisten, der gefordert wird. So setzt er sich schweren Herzens hin und schreibt sein Abschieds- gefud). Dann irrt er in der Wohnung umher; er versucht zu lesen, kramt feine Kriegskarten heraus, ordnet die Bilder, die er von der Front mit- brachte, nimmt feine Kriegsbriefe und Tagebücher vor und versucht, sie zufammenzustellen. Es bleiben aber Versuche. Er kann auch nicht mit seiner Frau sprechen, nicht einmal mit Jürgen. Nur mit Hilde kann er spielen, stundenlang, ober ihr zusehen. Einmal findet er den Brief, den ihm Lexe damals im Sommer 1917 schrieb: „Sie sieht aus wie Mutter, ganz lang und schmal und feingliebrig. Die Augen sind lichtblau und die Haare wie blonde Seide. Wollen wir sie Irene nennen?" Er blickt das Kind an: es ist so geblieben, wie Lexe einst schrieb. Wenn niemand zugegen ist, ruft er es nun manchmal leise: Irene. Notz kommt: ,Hch habe einen Posten. Ich werde Bankbeamter. Erstklassig, sag' ich dir, Käpten, Deutsche Bank. Ab übermorgen steh, ich als Lehrling hinterm Ladentisch. Depositenkasse R. Du kannst mich da mal besuchen." Aber bann wird er ernst. „Du mußt auch wieder arbeiten, Käpten. So geht das doch nicht weiter. Du gehst ja vor die Hunde. Du findet doch gleich etwas. Generalstäbler sind hoch im Kurs. Die Industrie reißt sich um euch. Hast du keinen Bekannten unter den Leuten?" „Ich kann nicht betteln gehen, Notz. Ich kann nicht anklopfen und fragen: Haben Sie vielleicht eine Stellung für mich?' Ich kann das nicht!" Es ist wie ein Schrei. Notz bleibt ganz ruhig. „Betteln ist Quatsch", sagt er, „Du hast fünf Jahre im Feld gestanden, da kannst du fordern. Die Leute haben die Pflicht, dich unterzubringen. Ein Kopf, wie du bist. Wach auf, Mensch, Bernd, wach auf!" Bernd schreibt auf eine Chiffreanzeige hin einen Bewerbungsbrief. „Ehemaliger Offizier..." heißt es in ihr. Er schreibt sehr kurz, sehr knapp, er streicht sich und fein Können nicht heraus. Wenige Tage später ist schon die Antwort da: er soll sich vorstellen. Der Briefkopf trägt die Firmenbezeichnung „Schillingswerke". Es ist ein Sträuben In Bernd gegen diesen Ruf; er will keine Protektion, er will nicht in die e Werke. Er hat das Schillingsche Haus einmal verlassen, als alles in ihm stark und aufrecht war, jetzt will, er nicht zurückkehren als Bittender. Aber da steht wieder Notz und stößt ihn vorwärts: „Die Gelegenheit wirst du dir doch nicht entgehen lassen." Und er ist zu müde, um sich zu widersetzen. Die Schillingswerke haben sich während des Krieges am Anhalter Bahnhof ein großes Verwaltungsbüro eingerichtet. Drei Mietshäuser sind für den Zweck umgebaut worden. „Der Herr Geheimrat will Sie selber sprechen", heißt es, als Bernd sich meldet. Und wenige Minuten später sagt Andreas von Schillings: „Aber selbstverständlich stellen wir Sie ein. Ich kenne Sie und Ihr« Art. Sie werden sich schnell einarbeiten. Wir brauchen frische Kräfte. Es ist viel nachzuholen, was in den letzten Jahren liegenbleiben mußte. Sie beginnen in der Personalabteilung." Die Kur, die Notz vorgeschlagen, gelingt anscheinend. Bernd lebt auf. Er spürt: da ist eine Tätigkeit, die ihm liegt: Organisation. Ansetzen von Arbeitskräften für bestimmte Ausgaben, Verteilen von Arbeitstrupps, Auswahl von Führern, Werkstoffberechnungen, Zeiteinteilungen. Er löst die Aufgaben, als ob es sich um die Bereitstellung von Truppen und Munition für ein Gefecht handele. Es erinnert ihn an seine Generalstabsarbeit, und dies Gefühl reiht ihn mit. Er macht Vorschläge, kühne Vorschläge und setzt sie durch, obgleich die Direktoren ost die Köpfe schütteln; er hat ja, was sie ihm nicht sagen dürfen, denn es ist ausdrücklich von oben her verboten, deu „Alten" hinter sich und auch den Schwiegersohn, den Doktor Frank. Was er zuerst fürchtete, tritt nicht ein: weder Schillings noch Frank sprechen von dem, was einst war, nicht einmal füllt Lores Name. Bernd steigt schnell. Er wird von einem Büro ins andere versetzt, um alle Zweige des Betriebes kennenzulernen, und mit jeder Versetzung wird sein Gehalt aufgebessert. Man ist anscheinend sehr großzügig m dieser Beziehung in den Schillingswerken; Bernd ist verwundert, denn er weiß eigentlich nicht, wosür er das Geld bekommt. Gewiß: er macht Vorschläge, aber im Grunde lernt er doch erst und leistet noch nichts. Er sieht Geldumsätze, die seine Vorstellungskraft übersteigen, er sieht auch Materialverschwendungen, deren Sinn er nicht begreift, Unsummen werden für Versuche ausgegeben, die man ohne Besinnen wieder fallen- lößt, ehe sie eigentlich durchgeführt sind. Manchmal wird ihm diese Verschwendung unheimlich, er denkt an die altpreußische Sparsamkeit: wenn in der Kaserne eine Fußbodendiele ersetzt werden sollte, zerbrachen sich zehn Menschen den Kopf, wie die Ausbesserung sich am billigsten durchführen liehe; hier aber geht alles aus dem Vollen, und das nach einem verlorenen Krieg und bei einer Währung, die ständig abbröckelt. Jedoch in das Wirtschaftswesen der Werke hat er keinen Einblick, die Finanzabteilung ist das Allerheiligste in den Häusern am Anhalter Bahnhof. Er sehnt sich auch nicht nach diesen Räumen. Arn liebsten ist er draußen im Werk: der Lärm der Maschinen ist wie eine Schlacht, und die Arbeiter sind wie Soldaten. Es ist dauernd Großbetrieb: Aufträge strömen herein aus dem Inland, aus dem Ausland. „Die ganze Welt hat Hunger nach Fertigfabrikaten", sagt einer der Direktoren, „es ist zuviel kaputtgegangen während des. Krieges." Bernd arbeitet von früh bis spät. Er kennt keinen Achtstundentag; den gab es ja auch nicht im Regiment, nicht im Generalstab, und schon gar nicht im Felde. Kommt er nach Hause, so setzt er sich an den Schreibtisch, um nachzuholen, was ihm an technischem und kaufmännischem Wissen fehlt. Sein alter Ehrgeiz erwacht. „Der Krieg geht ja weiter", klagt Lexe, „ich sehe dich kaum." Sie möchte gern aus der Hohenzollernstraße in eine andere Wohnung ziehen, sie möchte gern ihren eigenen Haushalt haben. „Ich bin gar nicht richtig verheiratet, wenn ich immer mit Mutter zusammenhocke." — „Es sind ja nirgends Wohnungen frei, Lexe." — ,^Jch würde schon eine finden, aber ich fühle: du willst nicht weg von hier." Sie hat recht: er will nicht. Er muß in dieser Umgebung bleiben, denn er braucht Irene. Lexe erzählt, wenn er heimkommt, von den Kindern, die bann schon in ihren Betten liegen und ihren sorgenlosen Kinderschlaf schlafen. Lexe weih, wie teuer alles ist, in den Läden, in den Kaufhäusern, in der Markthalle auf dem Magdeburger Platz, dicht bei Notz^ Wohnung; Lexe führt ein Ausgabebuch. „Wie auf dem Rentamt in Waldhausen", sagt sie und freut sich der Ordnung, die sie im kleinen hält. Aber wenn er von seiner Arbeit spricht, wird sie stumm; nicht, daß sie nicht zuhört, nein, das tut sie; jedoch sie hat nie eine Frage und selten eine Antwort. Nur einmal kommt eine Bitte: „Wollen wir nicht einen Abend ausgehen, Bernd? Erst ins Theater und bann Tanzen." — „Sem, Lexe, such ein Stück aus." — „Notz meint, das Metropoltheater wäre gut." — „War Notz hier?" — „3a, zum Tee. Du, er hat mir [eine Fettkarte geschenkt. Feierlich überreicht hat er sie mir: .statt Blumen", sagte er. Er braucht sie nicht, er ißt im Restaurant. Aber du hörst ja gar nicht zu, Bernd." Ja, Bernd braucht Irene. Es gibt da eine Stunde am Sonntagnach- mittag, wenn Lexe die Kinder zu Bett bringt. Aus die wartet er die ganze Woche. Sie sitzen dann zusammen und schweigen. Oder sie sprechen leise, wie vor sich hin, wie aus der Vergangenheit heraus oder in eine ferne Zukunft hinein. „Einmal muhten wir eine Feldbahn bauen. Ich sprach bas mit dem Bauoffizier ganz genau durch. Erst auf der Karie, bann im Gelände. Die Frage war: Legen wir sie rechts um den Berg herum ober links, wo sie weniger dem feindlichen Feuer ausgesetzt ist? Endlich entschloß ich mich, sie links herum legen zu lassen. Und als bann der erste Zug mit Ablösungsmannschaften nach vom fuhr, schlug eine Granate mitten hinein. Jetzt träume ich: wenn ich ..." „Du mußt dir feine Gedanken machen, Bernd, es ist ja vorbei." „Es ist noch nicht vorbei. Gewiß, die Toten stehen nicht wieder auf. Aber in uns bleiben sie wach." „Nein, Bernd, das tun sie nicht. Wir müssen ihnen nur ihre Ruhe lassen. Wir sollen nicht soviel an sie denken, wir helfen ihnen damit nicht und uns auch nicht. Sie haben andere Wege, von denen wir nichts wissen." „Aber manchmal kreuzen sich ihre Wege wohl mit unfern, Irene." Oder: „Die Menschen sind merkwürdig, Bernd. Ich ging einmal durch den Tiergarten. Die Wildenten hatten grade Junge. Da stand an der Löwenbrücke ein Mann, ganz abgerissen und ganz verhungert. Er hatte eine Scheibe Brot in der Hand, gutes frisches Brot. Damit fütterte er die kleinen Enten, Krume für Krume. Er sah jedem Brocken sehnsüchtig nach, er hätte bas Brot viel lieber selbst gegessen. Aber er muhte die Enten füttern, er muhte." Oder: „Weiht du, Irene, wie wir den schmalen Strich nannten, der ganz vorn lag zwischen unferm Graben und dem feindlichen? Den Strich, in dem nichts war wie Draht und Trichter, in dem es kein Leben gab, in den man nur hinsvähte für wenige Augenblicke, wenn nachts der Schein der Leuchtkugeln von hoch oben herabgeisterte? Das war: das Land der Mütter. Das Unerforschte, das Unergründliche. Es war nicht gut, in es einzudringen." Bis sie die Tür gehen hören. „Bernd", sagt Irene, „ich sorge mich manchmal sehr. Vergiß nicht, Lexe ist jung. Sie braucht Leben." Es geht nicht alles glatt in den Schillingswerken. Die Hetzer ruhen nicht, es kommen Streiks. Immer geht es um Geld, denn die Preise steigen. Die Arbeiter fordern höhere Löhne. Bernd steht dann an den Maschinen und verrichtet mit andern An» gestellten die Notstandsarbeiten. Er läuft nachts als Mann der Einwohnerwehr Patrouillen durch die Straßen, das Gewehr am Riemen über die Schulter gehängt. Die Löhne werden bewilligt. Die Streiks sind beendet. „Schade um die verlorene Zeit", sagt einer der Direktoren, „wir sind gerade so gut im Verdienen." Verdienen! Bernd beginnt bas Wort zu hassen. Er hört es zu oft. Im Januar 1920 kommen ein paar ölte Baltikumkämpfer durch Berlin. Notz, der die Verbindung mit dem Kreis aufrechtgehalten ha( sagt es Bernd. Sie gehen gemeinsam in die kleine Bierkneipe dicht am Nollendorsplatz, die als Treffpunkt verabredet ift. Der Kampf gegen die Kommunisten bildet den Hauptgesprächsstoff. „Die Hetzer find überall am Werk. An jedem Fabriktor lauern sie, sie stehen unter den Fördertürmen und reden auf die Kumpels ein. Moskau bezahlt sie und wartet nur auf den Augenblick, wo der verführte deutsche Arbeiter losschlagen wird. Es dauert nicht mehr lange, wir haben genaue Nachrichten." „Also neue Arbeit für uns." „Wir sind zur Stelle." Sie trinken viel und reden und schimpfen sich die Köpfe heiß. Sie haben vor Bremen gefochten, sich im sächsischen Jndustrierevier herumgeschlagen und waren dabei, als das Polizeipräsidium in Berlin gestürmt wurde. Zwei waren in Oberschlesien und zwei andere sind mit den Freikorps in München eingezogen. Sie erzählen von all dem. Bernd hört ihnen zu; er hat nichts zu erzählen, er hat sich nicht um Politik gekümmert, er hat gearbeitet. „Ihr seid richtige Bourgeois geworden, du und der Notz. Großindustrie und Großbank, so muß es fein —- Kellner, die Herren geben noch ’ne Lage." Die Polizeistunde kommt, aber die Baltitumer wißen einen Keller, der sich auf ein bestimmtes Klopfzeichen öffnet. „Ist zwar ein Nepplokal, aber ihr habt ja Zechinen." Bernd geht mit. Er fühlt sich verpflichtet: er weiß, daß es diesen Männern schlecht geht und daß diese Nacht für lange Zeit ihre einzige Freude fein wird, eine schale Freude, aber eben doch etwas anderes, eine Abwechslung, eine Betäubung. Sie sind rauh, aber sie sind nicht schlecht. Wenn sie schlecht wären, stünden sie bei den Aufruhrern, den Spartakisten und Kommunisten. Aber sie halten ihre Knochen für Deutschland hin, sie kämpfen für die Ordnung, wenn sie auch selbst unordentlich wurden im Sinn bürgerlicher Moral. Sie trinken. Sie fingen ihre Kampflieder. Bernd will mitfingen, wie Notz. Aber die Kehle ist ihm zugeschnürtr er beneidet die anderen, er freut sich, wenn ihm einer auf die Schulter klopft: „Was, Wallnitz, alter Junge, damals vor Riga, als wir den verfluchten Schuften eins auf die Jacke brannten, das waren noch Zeiten." Dann gehen sie zusammen nach Hause, er und Notz. Notz ift nicht mehr ganz fest auf Den Beinen, Bernd muß ihn stützen. „Wollen wir uns nicht ein Auto nehmen?" fragt er. — Notz will nicht. „Nee — nee, laufen", sagt er, „laufen tut gut." Bor seiner Haustür in der Genthiner Straße bleibt er stehen, lehnt sich an das Borgitter und sucht in seinen Taschen nach den Schlüsseln. „Grüß deine Frau, Käpten", sagt er und wird plötzlich ganz ernst. „Weißt du, Käpten, das ist eine tolle Sache, eine ganz tolle Sache. Ich liebe deine Frau, Käpten." „Du bist ja betrunken, Dieter." „Nee, nee, Ich bin schon wieder nüchtern. Die Lust, Wallnitz, die Lust!" Er saugt die neblige Morgenkühle, die vom Landwehrkanal herüberstreicht, tief ein. Dann zeigt er in die Richtung, in der die Hohenzollem- stratze liegt. „Aber sie weiß es ja nicht, sie weiß es nicht. Und sie wird es auch nie erfahren. Ich bin doch kein Schuft, Käpten." (Fortsetzung folgt.) Bleib ferne, Giern! Bon Joses Weinheber. Du siehst mich manchmal an, als hält ich schuld. Ich hab von deiner Huld nicht einen Hauch vertan. Ich lebe ja vom Traum, daß du mich liebst. Traum wird zum grauen Raum, wenn du dich gibst. Bleib immer, wo du stehst. Du stehst so fern. Du nahst mir und vergehst: Bleib ferne, Stern I Ich will dich anders und inniger als du mich. - Verwehr mir deinen Mund: Ich liebe dich! Kaffen ©uff. Von Gustav Frenffen. Als ich ein Knabe war, hatten wir als Schulkameraden einen Jungen, den wir Kaffen Twenti nannten, weil er einmal damit geprahlt hatte, daß er — am Ofterabend — zwanzig Eier gegessen hätte. Aber gewöhnlich nannten wir ihn Kassen Dutt, weil er recht dumm, ja fast blöde war. Unser Lehrer war halsleidend, und so führten wir unter seinen leisen, vorsichtigen und klugen Worten und Winken uns selbst, und was an Licht da war, konnte gut zum Leuchten kommen. Es waren da nun, wenn ich mich recht erinnere, neben manchem kleinen Licht drei Hauptlichter. Das erste war ein Mädchen (die Mädchen sahen auf der linken Seite). Sie war schön, sanft, gutherzig, ganz so, wie ein Mädchen sein soll; sie war das Vorbildnis zu einem lieben, schönen, gütigen Weibe. Wenn wir Alten — wir sind nun alle alt — dann und wann zusammensitzen und von alten Zeiten reden, sprechen wir noch von ihr, daß noch jetzt — sie ist gegen siebzig — der schöne weiche Glanz über ihrem alten Gesicht ist. Ja. Das andere Licht glänzte in den Rechenstunden. Wir waren damals schon Preußen, und die neuen Münzen und Maße waren schon eingeführt; aber unser Lehrer — ich weiß nicht, ob er der preußischen Zukunft nicht traute — hielt darauf, daß wir noch über Schillinge, Ellen, Ruten usw. Bescheid wüßten. Also mußten wir von den alten Maßen in die neuen umrechnen. Wochenlang. Ja, ich glaube, jahrelang, und die Nächte immer mitgerechnet. Denn ich jedenfalls, der ich für Rechnen keine Begabung hatte, rechnete in Traum und Nacht weiter Ungeheuer von Aufgaben; Knäuel von reihenden Tieren, die mit den Schwänzen zu- sammenhingenl Aber dieser eine löste jede Aufgabe, lktzenn wir Alten jetzt dann und wann zusammensitzen, sprechen wir noch von ihm: wie er nachher Lehrer geworden und ein tüchtiger; und daß man ihm sein Heldentum noch heute ansieht, wenn er die Straße entlanggeht; er geht sehr steil unh ein wenig hintenüber. Ja. Das dritte Licht war ich. Natürlich. Wozu erzählte ich sonst die Geschichte! In Aufsätzen. Da der Lehrer heiser war, konnte er uns nur andeutungsweise sagen, was er von uns wollte. Und so, wenn einer eine besondere Laune hatte — und viele von uns hatten besondere Launen; wir waren ja Niedersachsen —, so behauptete er, aus dem Gemurmel des Lehrers irgend etwas verstanden zu haben, was ihm gerade gefiel, und schrieb denn so seinen Aufsatz. Wenn wir Alten — wir sind nun alt — dann und wann zusammensitzen, sprechen wir auch von mir, von meiner Phantasie in den Aufsätzen. Und dann behaupten sie, daß ich auch nachher ja recht hübsch Gebrauch davon gemacht hätte. „Allerdings!" sagen sie. „O ja! Man kann ruhig sagen, daß du der größte Windbeutel im ganzen Land bist!" Und dann lächle ich halb stolz und halb beschämt. Ja. Aber ich wollte von Kassen Dutt erzählen. Richtig! Von Kassen Dutt. Ich glaube, ich hatte sehr lange nicht an ihn gedacht. Aber da kam am vorigen Sonntagvormittag, nach seiner Gewohnheit, mein älterer Bruder zu mir und saß ein wenig, und wir redeten über dies und das, was im Kirchspiel und in der Welt vor sich geht, und kamen, wie häufig, auf alte Zeiten. Und sieh, da nennt er den Namen! Wir fangen an und reden Über ihn: wie er sehr dumm gewesen, sehr dumm, wie albern sein Lachen, wie töricht seine Aufsätze. Und wie er nachher ein gehänselter, verachteter Knecht geworden und es auch geblieben wäre, und wie er ledig, ohne Heimat, immer mehr Trinker, sein Leben zugebracht und irgendwo — wir wissen nicht, wo — gestorben und begraben wäre ... Ja. Wir sind fertig und schweigen eine Weile, beide noch in Gedanken bei ihm und beide traurig. Denn er war guter Leute Kind und hatte niemandem etwas zu Leid getan und hatte nur die Beschränktheit ins Leben mitbekommen. Da sagt mein Bruder, noch mit seinen Gedanken bei seinem Bild: „Weißt du noch: er konnte so Hut schmeißen Weißt du es noch? Er war der einzige, der über die Kirche schmeißen konnte; und ich erinnere mich, daß er uns einmal seinen nackten Arm zeigen mußte und daß wir feststellten, daß sein Arm besonders lang und straff war." „So ... so .. " sagte ich ... „So ..." „Was hast du?" sagt mein Bruder. „Oh", sage ich verwirrt, noch lange nickt fertig mit meinem neuen Gedanken, „du erinnerst dich — wir sprachen neulich Über den Sportplatz, den sie hier jetzt anlegen, daß wir keinen rechten Gefallen daran hätten, daß es denn wohl eine neue Zeit wäre, die wir als alte Leute nicht mehr verständen. Aber nun ist mir mit einemmal so ... so ... wie soll ich sagen ... so, als wenn der neue Sportplatz im Sonnenschein liegt." „Wie meinst du das?" sagte mein Bruder. „Oh, du erinnerst dich ... Ihr sagtet immer, daß damals drei Lichter kn unserer Schule waren. Drei. .. nicht mehr. Eins von güNger Schönheit, eines von scharfem Denken und Rechnen, eins von bildender Pha» taste ... Wenn Kaffen Twenti nun heute gelebt hätte, dachte ich ... da wäre er vielleicht ... wenn auch nicht das vierte ... so doch ein Ächt (lewesen ... Ja, das wäre wohl so. Wenn er, wie du sagst, diesen be- onberen Schwung gehabt hat, hätte er sich vielleicht nachher, nach der Schule, als der beste Speerwerfer erwiesen und wäre nachher als Großknecht vielleicht der beste Boßler gewesen. Und dann ... sieh ... wenn er fo anerkannt, ja gefeiert worden wäre, hätte er Stolz bekommen und hätk sich zusammengerissen und wäre, bei all seiner geistigen Dummheit, doch ein ordentliches, ja wertvolles Glied der menschlichen Gesellschaft geworden und hätte zuletzt auf ein wohlgeordnetes, sauberes und wohlve» brachtes Leben zurücksehen können." Mein Bruder sah lange vor sich hin und nickte ... ,Ha, ... ja s*. Da hast du wohl recht." „Und weißt du was", sagte ich: „Wir beide, so wie wir hier sitze« und reden, können so alt noch gar nicht fein. Denn wenn wir wirklich alt wären, könnten wir jetzt einer so neuen Sache, wie dieser Sportplatz ist, nicht dieses Verständnis abgewinnen." Mein Bruder nickte. „Und nun", sagte ich, „scheint mir, hast du lange genug gesessen und geklönt; deine Frau wartet auch mit dem Mittagessen " Als er gegangen war, dachte ich noch lange an den allen Schulkameraden, und sah ihn im Geist. Ich sah ihn aber nicht, wie er wirklich gewesen —, nein, auf dem Sportplatz wie er die bleigefüllte dreioiertel» pfündige Botzel warf, und stolz lächelnd den Beifall annahm, der übers Feld schallte ... Ja, das haben wir Menschen wiedermal versehen. Wir versehen so vieles. ©er Maler und die Tiere. Von Friedrich Schnack. Unser Freund, der Maler, war von den fernen Südseeinseln als ein bestaunter Robinson der Farben zurückgekehrt. Er hatte auf jenen wundersamen Eilanden der Gewürze und Vulkane viele Jahre zugebracht, ohne daß ihm, wie er gesteht, das Geheimnis ihres Lichtes und ihrer Farben aufgegangen wäre. Wir wissen nicht, was er in Wahrheit gesehen hat, aber seine Bilder spiegeln eine traumhafte Welt. Mel erzählen kann er uns von seinen Fahrten und Erlebnissen, und wir haben es gern, wenn er zwanglos davon abends in unserem Garten berichtet, wenn die Sterne am Himmel flimmern wie sonderbare Leuchtinsekten aus fernen Zonen. Einmal befand ich mich, erzählte er, in Sumatra am Rande des Dschungels, eine Palmengruppe zu malen. Es hatte mich Mühe gekostet, •. bis es mir gelungen war, den Glanz der Wipfel naturgetreu, auf die Leinwand zu werfen. Ich war emsig bei der Arbeit, vernahm doch mit halbem Gehör, wie plötzlich hinter mir etwas verdächtig knisterte, ein zögerndes.Streifen und Knacken in der Sornmerstille. Forschend blickte ich mich um: Da sehe ich, wie in einer Entfernung von vierzig Schritten ein riesiger Tiger aus dem Dickicht tritt, stehen bleibt und gebannt zu mir herstarrt. Er mochte wohl eben so sehr über mich erstaunt gewesen fein wie ich über ihn erschrocken war, so daß ich einen Augenblick wie gelähmt saß und mich nicht zu rühren wagte. Der Tiger schaute mich mit seinen grünglimmenden, schönen Katzenaugen aufmerksam an, drehte sich dann plötzlich um und verzog sich gemächlich in das Dickicht, aus dem er gekommen. Zufällig hatte ich an diesem Tag mein Gewehr nicht bei mir, und wäre ich vom Tiger angegriffen worden, hätte ich nie wieder Palmen gemalt. Kaum war er weg, raffte ich mich auf und rannte so schnell, wie mich die Beine trugen, zum Haus meines Freundes, eines javanischen Arztes, der nicht allzu weit vom Dschungel entfernt wohnte. Ich griff mir einen Karabiner und eilte stracks zu meiner Staffelei zurück, das friedliche Handwerk des Künstlers mit dem tödlichen des Jägers zu vertauschen, aber der Tiger kam nicht wieder. Ein anderesmal saß ich wieder vor der Palmengruppe, um diesen erstaunlichen Bäumen ihren starren Mittagszauber abzugewinnen, da versetzte mir der Geist der Wildnis wiederum einen nicht geringen Schrecken. Ich hatte schon eine Weile gearbeitet, als ich einige Farben auf meiner Palette erneuern mußte und in meinen Malkasten hineinlangte. Da gewahrte ich darin, zu meinem Entsetzen, darf ich sagen, eine besonders gefährliche Giftschlange, die sich meinen Tubenkasten zu einem kleinen Mittagsschläfchen ausgesucht hatte. Ich schnellte von meinem Stuhl und brachte mich in Sicherheit. Mit ein paar Schritten war ich weit genug. So konnte ich aus sicherer Entfernung Steinchen und Holz- stücke so lange nach dem unwillkommenen Schlafgast werfen, bis es ihm ungemütlich wurde. Die Schlange kroch aus dem Kasten, wie das schleichende liebel aus der Büchse der Pandora, und schlüpfte in das Dickicht. Waren Tiger und Viper, ohne mich zu gefährden, entwichen, so hatte ich ein drittesmal in einem kleinen, hübschen Flußtal den Angriff eines indischen Wasserbüffels abzuwehren. Mein Bild war soeben fertig geworden, und wie ich es von der Staffelei abnehmen wollte, tarnen plötzlich um eine Biegung, laut schnaufend, wilde Wasferbüffel daher. Der Herde voraus zog ein mächtiges Leittier. Augenscheinlich fühlte sich der Büffel durch meinen Anblick gereizt. Nun, auch feine Anwesenheit gefiel mir nicht, und ich machte mich schleunigst davon. Doch hatte die Zeit nicht mehr gereicht, das Bild von der Staffelei zu nehrmn. Ich flüchtete einen Hügel hinab und sah, daß der Büffel bei meinem Gerät angekommen war. Er beroch das Bild, doch schien es ihm durchaus nicht gut gemalt. Mit einem Mal warf er den Kopf blitzschnell zur Seite und fuhr mit einem Horn quer durch die Malerei. Einen Atemzug lang schwebte das Bild über feinem Kopf, dann flog das Kunstwerk in großem Bogen durch die Luft. Angesichts dieser schlechten Meinung und grimmigen Zerstörungswut packte mich der Zorn: ich ergriff ein paar große Steine und schleuderte sie hinunter. Einer traf den Bilderstürmer auf den Rücken. Unwillig stieß er den Kops in die Höhe, sah einen Augenblick argwöhnisch zu mir herauf und tief weg, die anderen ihm nach. Als dle Tiere außer Sicht waren, begab ich mich wieder an meinen Arbeitsplatz: glücklicherweise hatte dieser Berserker nicht alles zerstört. Staffelei und Malkasten waren heil geblieben. Das war die vernichtende Kritik des Wasserbüffels, sagte unser Freund scherzend. Von der mißfälligen Aeußerung eines Nashornvogels im Wipfel eines Waringing-Baumes, in dessen Schatten die Staffelei mit einem Bild stand, wollte er lieber schweigen, doch gab er noch ein Erlebnis mit Affen am Affenberg bei Padang zum besten. Ich hatte, erzählte er,' meine Malkiste und Bananen für die fast zahmen Affen, die gerne von Ausflüglern gefüttert werden, zum Berg bringen lassen. Kaum hatte ich mich an die Arbeit begeben, war ich schon von bettelndem Affenvolk umringt. Ich ließ all« Früchte verteilen, aber di« gefräßigen Burschen, an die dreißig, hatten nicht genug damit: sie wurden zudringlich und rückten immer näher. Unter ihnen befand sich ein besonders großer Kerl, vor dem die anderen einen großen Respekt hatten, wohl der Anführer: ihm wurden die besten und größten Bananen zugetragen. Während ich arbeitete, griff plötzlich ein kleiner Affe blitzschnell in meinen Malkasten, erwischte eine Tube und schwang sich flink in einen Baum. Kräftig biß er in seine vermeintliche Banane oder was er sich von der Tube vorstellte — nun, die rote Farbe spritzte ihm ins Gesicht. Er leckte, schüttelte den Kopf, und ehe er noch den Geschmack recht ausgekostet hatte, riß sie ihm ein anderer aus den Fingern. Sofort wurde auch diesem die Tube weggeschnappt, schnell wanderte sie von Hand zu Hmch, gelangte zum Anführer, der sich die Pfote rot beschmierte und das Ding wegwarf. Aber da hatten sie schon wieder eine andere erwischt, sie balgten sich darum und haschten nach der Beute, und je wilder das zuging, um so reichlicher quoll die Farbe — bald war eine ganze Anzahl der Meerkatzen rot befleckt, bemalt und betupft, im Handumdrehen ein« neue verwunderliche Affenabart entstanden, Rotfleckaffen aus dem Geschlecht der Meerkatzen von Padang. Der Verlust der teueren Tube, die ich nicht so schnell ersetzen konnte, war recht ärgerlich. Doch hatte ich auch wieder mein Vergnügen an dem Diebstahl: zu komisch wirkte das Abenteuer, waren doch nun die meisten Meerkatzen, die auf dem Boden und in den Bäumen, selbst die aller« kleinsten, int Gesicht, an den Ohren, auf der Brust und an den Seiten, den Händen, Armen und Beinen und an den Mäulern rot bemalt. Es war gute Farbe von gründlicher Eigenschaft, die kräftig färbte, dauerhafte, licht- und wasserechte Farbe. Nicht so bald würden die Affen ihre unnatürliche Tracht los werden. Nach diesem Vorfall ging ich ins Gebirg und kam erst wieder nach Monaten nach Padang zurück. Und da hörte ich wieder von meinen Affen. Eine holländische Familie, die ihre Sommerfrische am Affenberg verbracht hatte, wußte von sehr merkwürdigen und nie gesehenen Affen zu erzählen, von Meerkatzen mit roten Flecken. Ob sie sich wohl mit dem Saft einer unbekannten Frucht ihre Felle eingefärbt hätten? Nun. die unoekannte Frucht konnte ich ihnen nennen. An ihr hatte sich jener kleine, freche Affe versucht, der mir die Tube gestohlen halle. Ich erzählte ihnen mein Erlebnis, und so war das naturkundliche Rätsel rascher und einfacher gelöst, als sie es sich vorgestellt hatten. „Lord Douglas ist nicht dabei!" Von Carl Haensel*. Gegen Abend erst erwachte Whymper. Die Zimmerfenster standen offen. Irgendein Wort war an sein Ohr geschlagen, das ihn aus seinem Halbtod aufschreckte. Seine Glieder waren brettern steif: das Erwachen schmerzlich schwer, wie das Geborenwerden. Vor dem Hotel standen die Zermatter und die Fremden in kleinen Gruppen. Erregte Worte, abgerissen, sprangen wie Funken von einem zum andern. Sie sprachen von den märchenhaften Reichtümern der Ha- dows, denen nun der Erbe genommen war. Douglas, ein leibhaftiger Lord, aus einer der großen Familien, über die man sogar auf den deutschen Schulen Gedichte auswendig lernt, war im Kampf um ihre Berge geblieben. Es war schrecklich, aber auch rühm- und ehrenvoll. Um keinen aber wurden so viel Tränen vergossen wie, um Hudson. Sie kannten ihn alle, feit Jahren, Whymper verehrten sie, Hudson liebten sie. Er war Gast in ihren Häusern und Heiser, wenn ein Bergrutsch oder eine Lawine das Vieh wegriß, Tröster in Krankheit, Spender den Armen, Freund den bergtüchtigen Männern. Dieser in der hohen Bergluft glückselige, gottnahe Mensch, hier frei von Sorgen und Beruf, überzeugt von der Güte der Schöpfung und wie kaum einer von ihr verwöhnt, lebte fast wie ein Heiliger unter ihnen. Gut und stark zugleich. Der Monte Rosa und der Lyskamm tragen feinen Namen an erster Stelle in der Liste der Ersteiger. Alle diese Touristen in der klassischen Zeit vergaßen in ihren Bergen die Not der Täler und die Laster der Tiefe. Kein Klatsch, kein Schmutz hastet in der Erinnerung der Aelpler an ihrem Bedenken. Sobald Alexander Seiler sich soweit gefaßt hatte, daß er das Zimmer Whympers verlassen konnte, Halle er Zermatt alarmiert. Ein Trupp Führer war sofort nach dem Matterhorngletscher aufgebrochen. Sie waren nicht bis ganz hinaufgekommen, aber sie hatten die Abgestürzten liegen sehen. Es waren nur drei, während doch vier nicht zurückgekommen waren. Diese schaurige Mitteilung pflanzte sich unter den Fenstern des Hotels von Mund zu Mund fort. aus Erziehung und Lebensprinzip, das verräterischste Gelchwätz am Nachbartisch überhört. Er pflegte nur Worte zu verstehen, die an ihn gerichtet und für ihn bestimmt waren. Aber in diesem Augenblick, da er aus einem rettenden Todesschlaf wiedergekehrt war, mußte er zuerst wissen, ob das ihn erfüllende Schreckbild Wirklichkeit oder Traum war. Er horchte also hinter den Gardinen. * Entnommen aus: Carl Haensel, „Der Kampf ums Matterhorn", Tatsachenroman, I. Engelhorns Nachf., Stuttgart. Es war nicht nur alles tatsächlich geschehen, was in seinem Gedächtnis stand: Douglas, Hadow, Hudson und Croz waren verloren. Noch etwas ganz Neues, Fürchterliches hörte er zugleich: nur drei Körper lagen auf der Höhe des Gletschers. Der Vierte mar nicht da? Wer fehlt? und was ist mit ihm? Lebte er etwa noch? Wund, irgendwo droben im Berg? Aus Hilfe wartend — die nicht kam? Whymper, der große, nie bewegte, ehrfürchtig wie ein fremder Gott von Kindern und Großen angeftaunte Whymper, stand plö.tzlich, halb angezogen unter der Menge und forderte sie auf, mit ihm nach dem Matterhorn aufzubrechen. Sie antwortete, daß es schon bald dunkel sei. Wymper erwiderte, daß es Fackeln gäbe. „UeberaU — nur nicht gegen das Matterhorn!" „Also morgen, mit dem ersten Licht!" „Morgen ist Sonntag; mir müssen zur Messe!" Whymper machte Miene, selbst zum Pfarrer zu gehen. Man holte aber noch rechtzeitig Alexander Seiler. Seiler hielt ihn zurück, versprach selber den Pfarrer zu besuchen. Wenn irgend etmas zu erreichen war, könne er es machen, nie Whymper, der dem Priester schon lange ein Dorn im Auge sei. Alexander Seiler kam niedergeschlagen mit der Nachricht zurück, daß der Pfarrer endlich das Gericht des Himmels über die fremden Protestanten gekommen fähe, er roerbe jedem Zermatter das Abendmahl ver- meigern, der nicht morgen zur Frühmesse da sei. Whymper krallte sich mit den in seinen Taschen versenkten Fäusten in das Stofsutter, daß es riß: „Also werbe ich alleine gehen!" Inzwischen war der Landsmann, den er vor wenigen Tagen in Val» tournanche besucht, gepflegt und vielleicht durch Beistand und Medizin gerettet hatte, auf Whympers Spuren über den Theodulpaß nach Zermatt gekommen. Er griff in dem Augenblick in die Ereignisse ein, als Whympers Fassung aus den Fugen zu gehen drohte. Er näherte sich ihm, versuchte weder Begrüßung noch Aussrischung einer Erinnerung, sagte vielmehr ganz einfach: ,Zch bin auch Pfarrer. Ich begleite Sie." Es sprach sich herum. Nach und nach versammelten sich außer Reverend I. M'Cormick in Whympers Zimmer: Rev. I. Robertson, Reo. M. I. Phillpotts, dessen Führer Franz Andermatten, der nicht aus der Diözese war. Ein anderer Engländer, der selber Anfänger war, schickte Joseph-Maria und Alexander Lochmatter, beide aus Grindelwald. Friedrich Payot und Jean Tairraz, zwei Führer aus Chamonix, kamen von selber. Um zwei Uhr in der Nacht brachen sie mit Fackeln auf. Sie nahmen den gleichen Weg zum Schwarzfee hinauf, dann zum Hörnli, dem natürlichen Ausguck gegen den Berg, ganz wie Donnerstag, den 13. Juli. Nun folgten sie nicht dem Ostgrat der Whympertreppe, sondern stiegen, nach rechts wendend, auf den M a tt erh o rn gl e ts che r hchab. Jenseits der Moräne ging es mit stufenschlagen auf den Gletscher hinauf: um halb neun Uhr hatten sie seine höchste Stelle erreicht. Whymper, bet.gegen den Dachgrat des Matterhorns ein Wettrennen gewagt hatte, ließ die Pfarrer vorangehen und fetzte als letzter den Fuß auf das Totenfeld. Als weißer Lende.nschurz hing der Gletscher an den Flanken des Bergs. Drei schwarze Hügel ragten aus dem Schnee. Das bloße Auge konnte zunächst Felsgeröll annehmen. Aber.man sah die breite Spur des^Aiiedergangs über das Schneefeld, einen runden Hut, Schuh, Tuchfetzen. Die Pfarrer bewahrten die Fassung, die sie sich in ihrem Berus an- erzwungen hatten. Whymper, der Mann der gemessen sicheren Be- Biegung, zerriß das Futteral seines Fernrohrs. Ein rascher Blick über die drei Totenhügel — dann ein unstetes Suchen über das Schneetuch, über die Klippen der Mallerhornwand. Sie begriffen ihn nicht. Whymper ward immer hastiger, bleicher, sie mußten ihn stützen. „Lord Douglas — Lord Douglas ist nicht dabei!" Die englischen Pfarrer, M'Cormick, Robertson und Phillpotts stiegen allein weiter. Die Führer blieben zurück. Die Männer mit den Bärenkräften drängten sich zusammen wie Tiere und bebten in der Hellen Kälte. Whymper folgte den Pfarrern, durch ihre Schatten gegen den Anblick der Leichen gedeckt. Sie sanden zunächst Croz, dicht hinter ihm Hadow, etwas zurück Hudson. Aber keine Spur von Francis Douglas. Bei dem Versuch, einen der Toten aufzuheben, erwies es sich, daß ihre Glieder vielfach gebrochen waren und die Haut allein nicht imstande war, die geborstenen Körper zusammenzuhalten. Selbst der Frost nicht, der das geronnene Blut band. Sie entschlossen sich, die Toten an Ort und Stelle zu bestatten. M'Cormick vollzog die Zeremonien. Zwischen den Gefallenen lag das Manilaseil, bas sie nach Habows Sturz mit hinabgezogen hatte und auf dem ganzen Absturz sie verbunden hielt. Es blieb ihnen auch im Tode. Die Pfarrer nahmen den Toten nur die für ihre Angehörigen vielleicht wertvollen Erinnerungen. Das übrige bedeckten sie mit ihren Händen durch reinen, glitzernden Schnee. Den Worten, die M'Cormick sprach, legte er den Bibelspruch zugrunde: „3a Vater, denn es ist also wohlgefällig gewesen vor dir.". Als M'Cormick geendet hatte, lösten sich droben auf dem Matterhorn donnernde Felslawinen. Sie hörten auch menschliche Stimmen, gedämpft durch die Ferne, aber im Echo meiterschrvingend, und durch das Ohr sofort in die Stärke des Ursprungslautes übersetzt. Als sie hinaufsahen, wurde die italienische Trikolore an langen Fahnenstangen geschwungen. Garrel war eben mit Bich oben angelangt, sah unten die kleinen Männer auf dem Gletscherfeld, ohne zu wissen oder auch nur ahnen zu können, um was es sich dort unten handelte, und wollte nun feine, der Whympers vorgestern gleichende Freude, durch dieselbe Steinkanonade Ausdruck verleihen ... Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche UniverfitätSdruckerei R.Lange, Gießen.