GietzeimZaiiiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1958 Montags -en j. August Nummer 59 Ausbruch. Von Rudolf ®. 3$ i n b i n g*. Dreimal heilig sprang der Krieg aus den Herzen der Völler. Dreimal heilig ergriffen alle die Waffen Aus einem Meer von Kraft ritz sich Begeisterung wie die Sonne aus heilgem Meere des Ostens: Reiner Seele junges Gestirn überstrahlte die Welt. Aber die Völker entweihten dies alles im Irren der Sinne, alle betört von Haß, vergiftet von Habgier, alle verblendet in Dünkel und alle betäubt von der Lüge. Ihr aber, unsterbliche Sterne, werdet es nimmer vergessen: daß er kam als ein Mahner an Größe und Freiheit, daß er kam gleich einer heiligen Flamme, daß uralte Sehnsucht in Tiefen sich adlerhaft regte, daß er uns vorwärts riß in die Säle unbekannter Befreiung, daß wir vor Lust am Leben beinahe vergingen, daß wir stille waren in unseren Herzen und fromm und vertrauend, daß wir nicht mehr zu warten brauchten auf Rufer und Seher, ''och auf Antwort dunkeler Ovakel noch auf Befehle. ~)enn wie ein Gott stand er in uns auf, und alles erfüllte sich durch den Gott und muhte sich also erfüllen. ^)ie Schüsse von Serajewo. Von Werner Beumelburg. In diesen ersten Augusttagen geht unsere Erinnerung zu- -ück auf jene Kette von verhängnisvollen Ereignissen zwischen Krieg und Frieden des Hochsommers 1914. In Werner Beumel- burgs Buch „Sperrfeuer um Deutschland" hat der Weltkrieg eine großartige und tiefergreifende Darstellung gefunden. Mit Genehmigung des Gerhard Stalling Verlages i. 0. veröffentlichen wir aus dem bereits im 260 000. vorliegenden Werk das nachfolgende Kapitel, das die Vorgeschichte des großen Krieges packend erzählt. Im Herbst 1912 hebt der russische Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, al# Vertreter des Zarenreiches an den großen französischen Manövern tekknehmend, beim Abschiedsdiner sein Glas, gefüllt mit schäumendem Champagner, und ruft unter dem begeisterten Beifall der französischen Offiziere: „Ich trinke auf unsere gemeinsamen Siege in der Zukunft! Auf Wiedersehn in Berlin, messieurs!" Rußland hat seine Vorbereitungen für den Krieg noch keineswegs beendet. Es bedeutet eine stete Sorge der französischen Politik und des französischen Generalstabes, die Verwertung der an Rußland gegebenen Milliardenanleihen im Sinne der Beschleunigung eines russischen Aufmarsches gegen die Mittelmächte zu überwachen. Neue Anleihen stehen bevor. Die Eisenbahnoerhältnisse im polnischen Aufmarschgebiet verlangen dringend Verbesserung. Im Dezember des gleichen Jahres tagt in London die große Balkankonferenz der Mächte. Es gilt, den Krieg zu liquidieren, den der Balkanbund auf Rußlands Geheiß gegen die Türkei vom Zaune gebrochen. Mögen Deutschland und Oesterreich sich auch sträuben, die Türkei verschwindet bis auf einen unbedeutenden Zipfel aus Europa. Ein selbständiges Albanien entsteht, dem Protest der Balkanstaaten zum Trotz, die auch noch dieses Land unter sich aufteilen möchten. Unter stärkstem Druck versuchen die Großmächte die lüsternen Sieger zu zähmen. Da bricht zwischen den beiden größten von ihnen, Serbien und Bulgarien, der Hader um die Beute aus. Schon schlagen sie aufeinander ein. Griechenland ergreift Partei für Serbien. Rumänien, bisher abseits stehend, beeilt sich, Bulgarien in den Rücken zu fallen und sich ein gutes Stück seines Landes anzueignen. Bulgarien, das die Hauptlast des türkischen Feldzuges getragen, erliegt dem Kesseltreiben. Verstümmelt und geschwächt geht es aus dem ungleichen Kampf hervor. Serbien ist der Nutznießer seines Unglücks. Die Stunde rückt näher, in der die großserbischen Träume reifen. Rußland hat während des Balkankrieges und während der Londoner Konferenz gut sekundiert. Noch bevor man in London sich heiß und vergeblich bemüht, den Balkan zu ordnen, setzen im September des Jahres 1912 nach eingehenden und jahrelangen Besprechungen die Vertreter der englischen und der französischen Admiralität ihre Unterschriften unter die englisch-französische Marine-Konvention. Ihre Bestimmung ist die Regelung des Zusammen* Die Werke Bindings sind in verschiedenen Ausgaben im Verlag Rütten & Loening in Potsdam erschienen. wirkens der beiderseitigen Flotten im Falle eines Krieges mit Deutschland. England wird die ganze Nordsee einschließlich der französischen Nordküste unter seine Fittiche nehmen. Frankreich übernimmt das Mittelmeer, denn man weiß noch nicht mit Bestimmtheit, auf welche Seite Italien, das vertraglich immerhin ein Mitglied des mitteleuropäischen Dreibundes ist sich stellen wird. Dies Abkommen, sehr bald durch Vereinbarungen über das Zusammenwirken der Landheere ergänzt, hat seine besondere Geschichte. Im Februar des Jahres weilte Lord Haldane in Berlin, um mit dem deutschen Kaiser die Möglichkeit einer deutsch-englischen Flottenbau-Verständigung zu besprechen. Eine solche war naturgemäß nur durch den Verzicht auf einen Teil des deutschen Bauprogramms zu erreichen. Reichskanzler von Beth- mann Hollweg, von der Zweckmäßigkeit einer politischen Verständigung mit England angesichts der kriegerischen Vorbereitungen rings um die deutschen Grenzen überzeugt, war zum Entgegenkommen/bereit Selbstverständlich verlangte man von den Briten als Gegenleistung die Zusicherung ihrer Neutralität für den Fall, daß Deutschland aus dem Festlande angegriffen werde. Lord Haldane, der persönlich wohl mit Bethmanns Vorschlägen einverstanden war, wurde von seiner Regierung zurückgezogen. England lehnte die Verständigung ab und berief sich darauf, daß ein solches Versprechen Englands Freundschaft mit anderen Mächten beeinträchtigen könne. England will die Verständigung mit Deutschland wohl, wenn Deutschland einseitig Opfer dafür bringt und seine Flotte reduziert. Es will sie nicht, wenn es selbst dadurch zu einer klaren Stellungnahme gezwungen wird. Es hat im Gegenteil nichts Eiligeres zu tun, als feinen schon lange bestehenden engen Beziehungen mit Frankreich durch die Marine-Konvention und durch militärische Vereinbarungen einen eindeutigen, gegen die Mittelmächte gerichteten Charakter zu geben. Rasch folgt eine Verständigung mit dem Zarenreich über die alten Differenzen der beiderseitigen Politik im nahen Asien. Sie ist das persönliche Werk König Eduards VII. Das Jahr 1914 zieht herauf, mit ungeheuren und kaum noch erträglichen Spannungen geladen. Rußland schließt mit Frankreich die letzte Milliardenanleihe ab. Sie gilt, wie offen zugegeben wird, für den Bau strategischer Bahnen gegenüber Oesterreich und Deutschland. Ein russischer Kronrat stellt im Februar ein „Aktionsprogramm" aus. Der russische Außenminister Sasanow erklärt vor diesem Kronrat, vielleicht müsse Rußland sich schon in naher Zeit „seiner historischen Aufgabe unterziehen" und die Herrschaft über den Bosporus und die Dardanellen antreten. Es bestehe kein Zweifel, daß dieses Ziel nur durch einen europäischen Krieg erreicht werden könne. Serbien besitzt schon Rußlands geheime Zusicherung, daß die österreichische Provinz Bosnien sein Eigentum werden solle. Man denkt auch in Rußland noch nicht daran, den Krieg gerade in diesem Jahre zu entfesseln. Obwohl die politischen . Vorbereitungen sozusagen abgeschlossen sind, fehlt auf militärischem Gebiet noch manches. Die letzte französische Anleihe ist noch nicht zur Auswirkung gelangt. Vielleicht ist von Frankreich auch noch mehr zu erwarten Rußland tut gut daran, sich noch einige Jahre von den Strapazen des vergangenen Jahrzehnts zu erholen und die unerschöpfliche Macht seiner lebendigen Kräfte ftrafser zu organisieren. Französische Helfer sind überall an der Arbeit. Frankreich indessen hat das Höchstmaß seiner militärischen Friedensanstrengungen fast erreicht. Getrieben von dem nimmer ruhenden Schrei nach Revanche, von einer verhetzten und durch den letzten marokkanischen Zwiespalt leidenschaftlich erregten Volksstimmung getragen, hat die Regierung sich von der Kammer mühelos die dreijährige Dienstpflicht gewähren lassen. Ihre Auswirkungen werden bald voll in die Erscheinung treten. Man hat, um den Uebergang möglichst kurz zu gestalten, zwei Jahrgänge auf einmal einberufen. Seit mehreren Jahren ist die militärische Organisation der Kolonien so gefördert worden, daß im Kriegsfälle alsbald eine halbe Million Marokkaner und Senegalesen zusammengebracht werden kann, um sie gegen di« Mittelmächte zu verwenden. 827 000 europäische Franzosen zählt das Friedensheer von 1914. Das bedeutet eine Prozentzahl von 2,16 auf je hundert Einwohner. In Deutschland beträgt die gleiche Zahl 1,12, in Oesterreich nur 0,90. Die französische Mobilmachung sieht die Organisation einer Gesamtzahl von 3 781 000 kampfbereiten Soldaten vor. In Deutschland sind es ihrer 3822 000, obwohl das Deutsche Reich saft 30 Millionen Einwohner mehr zählt. Aus den Kopf der franchsifchen Bevölkerung fallen im Friedensetat von 1914 33 Mark für militärische Ausgaben, in Deutschland 20 Mark. Nicht eingerechnet sind die Milliardensummen, die an Rußland gegeben wurden. Deutschland lebte im Frieden seiner Arbeit und seines Wohlstandes, den es, gestützt auf seinen Fleiß, seine Begabung und auf die glückliche politische Hand der vergangenen Generation erworben. Cs gab durch einen Krieg nur zu verlieren, durch den Frieden nur zu gewinnen. Aber die Zeichen der Zeit wollten verstanden sein. Nichtswürdig die Nation, die, von feindlichen Massen umgeben, im Genuß eines trügerischen Friedens ahnungslos dem Verderben entgegentrcibt. Wer ahnte um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts, daß Deutschland 1913 mit 12,5 Milliarden Ein- und Aussuhr als zweitgrößte Handelsmacht der Welt nur um 4,5 Milliarden hinter Großbritannien zurückstehen würde, während die Vereinigten Staaten van Amerika als dritte erst mit 10 Milliarden folgend? 1871 zählte das neue Deutsche Reich bismarckischer Prägung 41 Millionen Einwohner. Bald wurden die deutschen Grenzen zu eng. In den solgenden Jahrzehnten gaben wir im Jahresdurchschnitt 200 000 vollkrästige Menschen als Auswanderer ab. Aber das märchen- haste Tempo unserer Industrialisierung und unserer handelspolitischen Entwicklung überholte den Zuwachs an Geburten mit mächtigen Schritten. 1914 umschlossen die deutschen Grenzen 68 Millionen. Die Auswanderung war seit der Wende des Jahrhunderts auf den Jahresdurchschnitt von 22 000 Köpsen zurückgegangen. Sie siel nicht mehr ins Gewicht. Rur zögernd und mit unsicher tastenden Schritten betrat Deutschland den Weg der Kolonialpolitik, der ihm durch seine Industrialisierung und seine Entwicklung zum Welthandelsvolk vorgeschrieben war. Als Bestreben galt, niemanden zu reizest und niemandes Groll zu erregen. Kennzeichnend für Deutschlands Zurückhaltung und für die Hauptbewertung unserer Stellung auf dem Festlande ist der unter Caprivis Kanzlerschaft abgeschlossene Vertrag, der die Insel Sansibar in Ostafrika gegen das kleine Felseneiland Helgoland in der Nordsee eintauschte. Während England und Frankreich dabei waren, die herrenlosen Gebiete der Welt untereinander zu verteilen, gab Deutschland sich mit Geringem zufrieden. Das Tempo unserer Kolonialpolitik blieb weit hinter dem unserer wirtschaftlichen Entwicklung zurück. Als wir uns endlich besannen und uns zu einem aktiveren Vorgehen entschlossen, war die Welt bereits ausgeteilt. Der Schutz unseres Handelns ersorderte nach den politischen Grundsätzen, denen alle Mächte gehorchten, eine starke Kriegsflotte. Die Flotte machte England zu unferm erbittertsten Gegner, weil sie der stärkste und sichtbarste Ausdruck unserer rasch fortschreitenden Handelsentwicklung war. England fühlte sich bei seiner eigenen schwachen Wehrmacht und bei seiner besonderen geographischen Lage durch den deutschen Flottenbau ohne Zweifel in seinem Lebensinteresse bedroht. Cs glaubte sich nur so lange in Sicherheit, als es die unbedingte Herrschaft über die See innehatte. Es gehört zur Tradition der englischen Politik, daß dieser Grundsatz sich gegen jede fremde Macht richtet, die Englands Stellung als Beherrscherin der Meere bedroht. Am 28. Juni 1914 krachen in den Straßen von Serajewo, der bosnischen Hauptstadt, die Reoolverschüsse, die ein serbischer Student abae- seuert. Der österreichisch-ungarische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gemahlin, sind die Opser. Das Echo dieser Schüsse schallt über Europa und bringt den ganzen Erdteil zum Erzittern. Woher der Haß gegen den Erzherzog? Serbien, von der Idee des Nationalstaats erfüllt, die das neunzehnte Jahrhundert kennzeichnet, wartete mit Ungeduld auf den Tod des alten Kaisers Franz Joseph. Alle Welt wußte, daß in erster Linie feine ehr- surchtgebietende Person die auseinanderstrebenden Teile der Donaumonarchie ancinanderband. Auch Franz Ferdinand, der Thronfolger, war davon durchdrungen. Sein Streben ging dahin, durch innere Reformen und Zugeständnisse an die mannigfachen Nationalitäten innerhalb der Monarchie einen bindenden Ersatz für die Gestalt Franz Josephs zu finden. Er machte sich anheischig, die seindlichen Glieder einander zu versöhnen und Neues zu schassen. Wo aber blieb dann die Erfüllung der großserbischen Pläne? Sie konnte allein durch die Zertrümmerung Oesterreich-Ungarns herbeige- sührt werden Nein, dieser Thronsolger stand Serbien im Wege — er mußte verschwinden. Am 4. Juli sendet der bedauernswerte alte Kaiser, der so viel Unglück in feinem Haufe sah, ein Handschreiben an seinen kaisersichen Verbündeten in Berlin und erklärt darin, daß Oesterreich-Ungarn nun der hemmungslosen serbisch-russischen Agitation auf dem Balkan nicht mehr untätig zuschauen könne. Das Verbrechen von Serajewo verlange nach Sühne. Kaiser Wilhelm bringt in seiner Antwort zum Ausdruck, daß auch er die Lage für ernst halte. Gleichwohl begibt er sich aus die gewohnte Nordlandreise. Auch die amtlichen Stellen der deutschen Politik halten sich in den ersten Tagen noch zurück. Man glaubt noch nicht an die Wahrscheinlichkeit einer kriegerischen Verwicklung und verläßt sich auf die Arbeit der Diplomatie. Als sich aber die unmittelbar drohende Kriegs- gesahr immer deutlicher abzeichnet, setzt eine energische deutsche Friedenspolitik ein. Am 22. Juli gibt der österreichische Botschafter in Berlin der deutschen Regierung Kenntnis von dem Text des Sühne-Ultimatums, das bereits von Wien aus unterwegs nach Belgrad ist. Der Reichskanzler sindet den Inhalt ziemlich schars und drückt sein Befremden aus, daß man ihn nicht vorher zu Rate gezogen hat. Das Ultimatum, am 23. Juli in Belgrad Überreicht, fordert eine Erklärung der serbischen Regierung, daß sie die großserbische Propaganda verurteile und in Zukunft beftrasen werde. Eine Untersuchung gegen die Geheimorganisation der Mörder, die berüchtigte „Narodna Obrana", soll auf serbischem Boden unter Mitwirkung österreichischer Beamten stati- finden. Das Ultimatum ist mit zwei Tagen befristet. Am nächsten Tage wendet sich Serbien an Rußland und erklärt in Petersburg, daß es den Ratfchlägen folgen werde, die man ihm dort gebe. Abermals einen Tag später antwortet die serbische Regierung der österreichischen. Die Antwort nimmt in wesentlichen Punkten die Wiener Forderungen nn. In anderen Punkten ist sie ausweichend und hinhaltend abgefaßt. Ihre Bestimmung ist, die Entscheidung noch wenige Im aufsteigenden Gewitter. Von Johannes Linke. Veronika Scheithauer brockt mit ihrer Tochter Himbeeren am steilen Hange. Die Sonne brennt am wolkenlosen Himmel und schüttet ihre Feuergüsse über Täler und Berge. Im Grunde haben sie das Korn vor ein paar Tagen geschnitten, und nun stehen die ströhernen Zelte allenthalben in langen Reihen auf den Stoppelfeldern, Hie und da zieht schon wieder ein Pstug feine braune Spur durch das Land, das eben noch Halme trug, uni> wendet einen Streifen zwischen den Kornpuppen, damit der Bauer in den nächsten Tagen seine Stoppelrüben aussäen kann, die bis zum Herbst noch dick und saftig werden sollen. Ja, hier im Gebirg ist's karg: da wird dem Boden ebensowenig Ruhe vergönnt wie den Leuten, die sich jahraus jahrein rühren müssen und nur zwischen Weihnacht und Lichtmeß einen Winterfchlas halfen. Morgen geht es ans Einfahren, aber heute steht das Getreide noch ausgebündelt, damit die Körner das letzte Tröpflein Saft ausschwitzen und trocken werden wie Staub und Stein. Morgen mutz eine jede Hand Tage hintanzuhatten. Rußland braucht Zelt, um sich mff seinen großen Verbündeten ins Benehmen zu fetzen. . Durch die Drähte zwischen Berlin, London, Paris, Petersburg, Wien und Rom jagen die Depeschen. „Lokalisierung" des Konflikts oder nicht? England und Deutschland sind gemeinsam darum bemüht. Rußland und England fordern, daß Oesterreich die Laufzeit des Ultimatums um zwei Tage verlängert. Deutschland befürwortet diesen Vorschlag in Wien. Die deutsche Regierung spricht deutliche Worte in Wien und erklärt, Deutschland sei nicht bereit, durch Mißachtung seiner Ratschläge sich in einen unabsehbaren Weltenbrand hineinziehen zu lassen. Berlin fordert, daß Wien sich unmittelbar mit Petersburg auseinandersetze. Der dringende Appell kommt zu spät. . Die im Dunkeln wirkenden Mächte, die in Petersburg das Heft in der Hand haben, arbeiten schneller. Des russischen Beistandes sicher^ hat Serbien schon vor der Uebereichung seiner Antwort an Oesterreich die Mobilmachung feiner gesamten Armee angeordnet. Der österreichische Gesandte verlangt seine Pässe und verläßt noch am 25 Juli Belgrad. Als Antwort auf die serbische Mobilmachung befiehlt Kaiser Franz Joseph am Abend des 25. Juli die Mobilisierung einiger Armeekorps gegen (Serbien. Rußland, offiziell immer noch bemüht, mit England und Deutschland zusammen den Konflikt zu lokalifieren, hat insgeheim und tatsächlich diese Rolle längst aufgegeben. Während die diplomatischen Verhandlungen noch im Gange sind, ordnet der Zar in der Nacht vom 25. auf den 26. Juli schon den Beginn der „Kriegsvorbereitungsperiode" an, 6ne in Wahrheit schon einen Teil der Mobilmachung selbst bedeutet. Kaiser Wilhelm, immer noch auf der Nordlandreise, steht im Telegrammwechsel mit dem Zaren, dessen Worte von Versicherungen der Friedensliebe voll sind, obwohl er schon seinen Namen unter Sehnst- stücke gesetzt hat, die den Krieg saft unvermeidlich machen. Oesterreich, durch die serbische Mobilmachung und durch das Ausbleiben einer Vermittlung zum Handeln getrieben, erklärt am 28. Juli Serbien den Krieg. Auch jetzt noch hütet es sich Irgendwelche Handlung zu begehen, die als Feindseligkeit gegenüber Rußland gedeutet werden könnte. Eine allerletzte Möglichkeit zur „Lokalisierung" besteht immer noch — wenn Ruhland will. Ruhland will n i ch t. Am 29. Juli antwortet es mit der Kriegsbereit- mochung feiner Korps in den Bezirken von Odessa, Kiew, Moskau und Kasan. Dreizehn Korps marschieren gegen Oesterreich auf. Nun spricht Wien notgedrungen die Gesamtmobilmachung seiner Truppen aus. _ m Kaiser Wilhelm beschwört den Zaren abermals, die russischen Vorbereitungen einzustellen. Während der Zar ausweichend antwortet, erzwingt in Petersburg feine Umgebung von ihm die Mobilisierung aller russischen Streitkräfte. Man will Deutschland einen Zeitvorsprung ab- jagen. Jetzt ist die Katastrophe fast unabwendbar. Man kann nur noch einen letzten Versuch machen, sie aus den Osten und den Süden zu beschränken. Alles hängt von der Haltung Englands und Frankreichs ab. Aber die Rollen sind allzulange und allzugründlich vorbereitet. Es gibt kein Einhalten mehr. England erklärt in Paris, daß es die Abmachungen von 1912 innehalten wird. Das heißt, es wird in einem deutsch-französischen Konslikt auf Frankreichs Seite stehn. Die französische Regierung, aller Sorgen entledigt, sagt dem deutschen Botschaster in Paris klipp und klar, daß Frankreich bei einem Konflikt zwischen Rußland, Oesterreich und Deutschland keine Neutralität zusichern könne und dah seine Handlungen nur von seinen eigenen Interessen bestimmt sein würden. Ohne weitere Erklärung wird bie Mobilmachung der gesamten französischen Streitkräfte besohlen. Vorbereitungen dazu sind schon seit Tagen im Gange. Es ist der 1. August 1914. Noch einmal läßt Deutschland in London anfragen, ob England sich neutral verhalten wolle, wenn Deutschand garantiere, die Neutralität Belgiens zu achten und Frankreich einschließlich seiner Kolonien beim späteren Friedensschluh unversehrt zu lassen. London sagt lakonisch, es werde sich freie Hand wahren. In Wirklichkeit waren Englands Hände an Frankreich und Rußland gebunden. Am Tage vorher hat der deutsche Kaiser den „Zustand drohender Kriegsgefahr" verkündet. Nun, am 1. August, flattert der Mobilmachungsbefehl über das Reich. Gleichzeitig mit ihm ergebt die Kriegserklärung an Rußland. Die übertriebene formale Gewissenhaftigkeit der deutschen Regierung geht soweit, am 3. August auch Frankreich die Kriegserklärung zuzustellen. Die Schüsse, die den Wassengang einleiten, sind indessen schon an allen Grenzen gefallen. leinten im Tale mit anpacken, da geht es mit Rechen und Gabel, mit 'i,rb und Erntewagen hinaus. Morgen dient alles einzig dem täglichen i- ote; Männer, Weiber und Alte, Kinder und Halbwüchsige, alle werden ij den Feldern und im Stadel gebraucht, ob sie nun selber Gründe Aigen oder nicht. Heute sind sie noch alle bei ihrer Ernte aus den limbeerhalden am Berge. Auch die Scheithauer-Beronika brockt seit dem frühen Morgen mit t-er Tochter, der neunzehnjährigen Anna, aus der Halde. Unter einem Itterbeerenstrauche, der mit ziegelroten Dolden prunkt, haben sie ihre ; agtörbe stehen, ihre Eimer, und in einem der Körbe liegt ein Fläsch- , n Milch, ein Messer und ein dicker Keil Schwarzbrot. Auch ihre Holz- ,imhe haben sie dort stehen lassen; jetzt gehen sie barfüßig und haben s>, ihre langen Röcke unter den Gürtel heraufgeschürzt, daß sie sich in I n Gewirr von Stauden und Blöcken ungehindert bewegen können. . Sie pflücken ohne Unterlaß. Die Beeren sind in diesem trockenen • t.mtner klein geblieben, aber die Eimer sind so groß wie immer. Mit- siter summt Anna ein Liedchen vor sich hin, und wenn ein Bursche •isr ein Mädchen vom höheren Hange oder von einem der anderen jchläge übers Tal hin juchzt, richtet sie sich auf, beschattet ihre Augen i fit der flachen Hand, um nach dem Rufer auszuspähen, und zuweilen t'l sie auch Antwort mit einem langhinhallenden Juchschrei. Ihre -itter aber ist still. Nur selten wischt sie sich mit dem Aermel übers sssicht und seufzt leise: „O weh, heiß ist's!" Es ist ihr heute ganz seltsam zumut. Irgend etwas drückt an ihrem : lirzen und bohrt und frißt, aber sie kann nicht sagen, was es ist, hn sie weiß nicht, obwohl sie unablässig darüber nachgrübelt. Alles tmmt ihr heute so eigentümlich bekannt vor, als habe sie es ganz piau so, Schritt für Schritt und Griff für Griff schon einmal erlebt, rr sie sindet sich damit nicht zurecht, denn das Himbeerzupfen am .-inijange in der prallen Sonne erlebt sie ja Jahr für Jahr, seit der : I, da sie zur Schule gehen mußte. Der sonnenerhitzte Boden brennt » nackten Sohlen, ihre Finger sind rot von dem lauen Safte der eren, die von Stunde zu Stunde wärmer werden und zum Teil t»n an den Stauden gären, lieber den fernsten Hügeln im Westen li chen gewittrige Wolken hin, hinter den hohen Bergen im Osten frfflcn gefahrdrohende Wolkentürme aus, über dem Abfall des Gebirges Süden liegt ein dicker, schwüler Dunst. In der Höhe wölbt sich der fr-imd überall klar und flimmernd blau, aber ein kaum merkliches , «ollen geht um, dunkel murrend, als ob es aus der Erde komme. Ja, i« Das alles war schon einmal so da, genau so, und ihr wird es so it um die Brust und unsäglich schwül. Mötzlich sährt sie auf: .Hast gehört, Dirndl? Was ist denn bas?" ki ist ein hartes Hufetrappen undeutlich aus der Tiefe zu hören. „Was denn sein, Mutter?" „Reiter kommen, Dirndl, lus auf!" Sie ist fid erregt. Aber die Anna lacht: „Ach woher denn, Mutter! Ein Holz- it'werk fährt auf der Forststraße hin, sonst nichts." Ja. es ist wahr; h Tochter hat recht. Was ist chr nur heute? Diesen Laut der stampsen- « und schnaubenden Tiere hat sie doch viel tausendmal gehört, und jetzt Flft er ihr so ans Herz? Sie Stunden gehen feurig über den Berg. Die Scheithauer-Beronika -> ihre Tochter schütten ein Mäßlein Himbeeren nach dem andern in ** Eimer, der sich immer mehr mit den tiefroten Früchten füllt. Die & ne steht steil überm Gebirge. Unzählige Blutstropfen hängen süß ® rauschig duftend im Laub. Hundert Eimer stehen mit roten Beeren k-füllt an der Berglehne. Ueberall, vom Tale herauf bis zum Grat, liegen sich dunkle Gestalten zwischen den Stauden und alle zapsen Berge sein warmes rotes Blut ab. r Da sährt die Veronika wieder auf, voller Schrecken, deutet mit aus= redtem Arme ins Tal üdd ruft ihre Tochter ängstlich an: „Lus, t ni, lus! Läuten tun sie!" „Ja freilich, Mutter!" fügt die Anna ver- 1 dert. „Freilich läuten sie, weil Mittag ist!" Aber die Mutter läßt $ nicht beruhigen, und mit keuchendem Atem ruft sie: „Nein! Nein! i-rall läuten sie, horch nur, und ganz wild!" Und plötzlich werden ihre ■i*n weiß und starr, und sie schreit: „Ärieg ist!" 3ann wird sie ganz matt und schlaff und fetzt sich, während ihre ter herzueilt, auf einen tischgroßen Ahornstumpf, der silberfarbig il morsch noch an den mächtigen Wald mahnt, der vorzeiten an dieser f-e stand. „Bist krank, Mutter?" fragt Anna besorgt, löst ihr bas udelbanb, nimmt ihr bas Beerenkrüglein ab unb kommt geschwind 5] einem Stück Brot und der Milch zurück. Aber die Mutter will ikis davon wissen. „Laß gut fein, Dirndl!" wehrt sie ab. „3d) muß 'tz heim. Horst du, wie sie Krieg läuten? Drüben, hinter den Bergen, "5en sie auch schon. Lus, wie es wuwert unb kracht! Die Reiter "uch schon gekommen, Krieg einsagen. Jetzt werden sie gleich die biiir in die Schmiede bringen zum Beschlagen. Morgen müssen sie 'kiarschieren! Hernach tun sie singen, unb die Weiberleut plärren. Ja, 'idl, bas merkst bin Die Mannsbilder fingen, und tue Weiberleut ’-n meinen!" . -ein, die Mutter will keinen Schluck Milch trinken und keinen Bissen essen, wie sehr ihr Anna auch zusetzt: „Komm, Dirndl, und tummel J Der (Sangeri, dein Cater halt, steht drunten in der Schmiede unb ,1 Gösser beschlagen. Lauter Rösser bringen sie, alle soll er beschlagen. 1 l°n er denn fertig werden, der arme Bursch? Unb morgen muß er Zucken, er ist doch Schwalangscher. Eine Mutier hat er ja nimmer, ! Hw seine Sachen Herrichten könnt, unb die Schmiedin, o mein, ■ n2m. die kümmert sich um den Gesellen nicht; unb außerdem hat Mb er keine Zeit! Morgen muß er in ben Krieg, mein herzlieber Flflang, unb hat kein frischgewaschenes Hemd und keine sauberen L:,er Anna ist so angst und weh ums Herz, daß sie sich kaum zu weiß. Die Mutier redet irr! Ach, wenn sie nur nicht stirbt! Sie . » niemanden auf der weiten Welt als ihre Mutter, keinen Vater, ! E* Geschwister! Immer wieder wischt sie der Fiebernden die großen Im ^rapfen von der Stirn. . ....... .«/M herein, Gangerl auf ein Stündchen in meine Kammer! flüstert i 'nika und lächelt matt. „Es wird schon wieder licht draußen. Bist fertig mit ben Rössern? Komm, deine Sachen sind schon gerichtet. Du mußt ja fort, heui noch, in den Krieg! Geh herein zu mit!" Müde und willenlos läßt sich die Mutter von ihrer Tochter in den Waldschatten führen. Anna läuft zu dem kleinen Bache, schwingt ihr weißes Kopftuch darin aus und legt es der Mutter, die schon eingeschlafen ist, um Stirn unb Schläfen. Dann setzt sie sich still zu ihr unb betet ein Vaterunser. Es ist nur bie Hitze, benkt sie, die fürchterliche Hitze. Da sie merkt, baß die Mutter ruhig atmet, fängt sie wieder an, Himbeeren in ihr Blechgefäß zu zupfen. Nach einer Stunde richtet sich auch ihre Mutter wieder auf. Sie ist noch etwas benommen, aber sie lebt wieder im heutigen Tage. „Hab ich geschlafen, Nanni?" meint sie. ,Hch hab wohl auch dummes Zeug dahergeredet. Es ist halt auch gar zu heiß, und die Hände sind ganz rot, wie von lauter Blut, ja Dirndl, da ist halt die Zeit von vor zwanzig Jahren wieder mächtig geworden, wie ich so alt war, wie du jetzt bist. Wolfgang Schöberl hat er geheißen, und ein Schmiedgesell ist er gewesen, und alleweil lustig, und so gut schop! Heiraten haben wir halt nimmer können, weil er gleich am ersten Tag hat ausrüden müssen. Wie er ein paar Wochen in Frankreich drin gewesen ist, da ist er halt gefallen, der Wolfgang, was dein Vater ist. — Laß das Brocken jetzt fein, ich bin auch matt, und morgen geht's ans Einfahren. Nur für die Geißen wollen wir noch einen Korb Futter Herrichten." Dann schneiden die beiden Frauen leergepflückte Himbeerstauben ab und allerlei wuchernde Kräuter, die sie zusammenbinden und auf ihre Tragkörbe schnüren. Dann hucken sie die Lasten auf den Rücken, nehmen die Eimer in die Hand und schreiten stumm unb nachdenklich die steile Halde hinunter. Ringsum steigen die Gewitterwuchten an unb rollen von allen Seiten her ins Gebirge. Gedenktag. Von Rubolf G. Binbing. Völker rufen euch, ihr stillen Heere. Aus ben Gräbern, von dem Grunb der Meere werdet ihr von neuem aufgeboten. Viel Gedächtnis, euch zu Dienst errichtet, euch beschwörend, bannet unb verpflichtet taufend Taufend euch, Armeen der Toten! Ihr Lebendigen, Leichten! Die mit Leibern heim wohl kamen an den Herd, zu Weiber" Seid ihr sicher eurer hellen Ufer? Die ihr Tote ruft unb Tote wehret, bie ihr so verflucht unb so verehret: Ihr seid die (Berufenen, wir die Rufer. Wo wir liegen hält es euch noch immer. Unentronnen feib ihr unferm Schimmer. Unentbunben seid ihr unserem Bunbe. Wer nicht mit uns starb ist ausgespien wie aus lauem Munde, azisgeliehen rfn des Lebens kleinen Tag unb Stunde. Keiner kam zurück! Die Heimaesanbten sind gewandelt: uns zu tiefft Verwandte, die sich über gleichem Zeichen fassen. Denn die Pforte unseres Heiligtümer, unserer Wandlung, unseres Todesruhmes hat nicht Ungewandelte entlassen. Briefe aus dem Weltkrieg. Im Verlag Albert Langen und Georg Müller in München hat Rudolf Hoffmann unter dem Titel „Der Deutsche Soldat" Briese deutscher Frontkämpfer herausgegeben, die bas kostbarste Vermächtnis der für ihr Volk gefallenen Helden an die Jugend der Nation sind. Albert Mayer, gefallen am 2. August 1914 bei Jonchery, der erste Tote des Weltkrieges. Mülhausen i. E., 31. Juli 1914. Um mich her ist alles stille, unb ich habe so recht Zeit, an Euch unb alle zu denken. Es hat doch etwas unheimlich Begeisterndes an sich, diese Mobilisierung. Genau zur Sekunde marschierten die Patrouillen ab, kein Schuh, keine Patrone fehlte, alles, alles war in Ordnung. Wenn uns der Gegner bas uachmacht, bann haben wir einen schweren Stanb. Von 9 Uhr abends bis 6 Uhr morgens muh ich nun hier sitzen. Es ist bie vierte Nacht, in ber ich bas gleichmäßige Klappern bes Telegraphen, bas langweilige Klingeln des Telephons höre. Dauernb, ftunbenlang, bis der Morgen kommt. Und doch, alle Fäden laufen bei mir zusammen, die ganze Sage überschaue ich, bie ganzen Befehle, alles, alles kommt zu mir, und ich verteile es bann. Vielleicht erreicht Euch dieser Brief nie, vielleicht bald, vielleicht, wenn ich schon und mein Regiment an Orten sind, wo keine Menschenmacht uns mehr zurückholt. Nicht, daß ich pessimistisch wäre, aber ich glaube, ein gewisses Gefühl der Vorsicht wohnt doch jetzt in jedem, — ich wünsche Euch allen ein recht herzliches Lebewohl. Meine Brüder hoste ich als Soldaten wiederzusehen. Seid Ihr nicht stolz, daß Ihr drei Söhne habt, die für bas Vaterland kämpfen? Karl Heinrich Steffens, gefallen am 6. April 1916 bei St. Cloi, Flandern. Flensburg, 16. August 1914. Wer niemals den Ernst, den bitteren Ernst bes Daseins empfand, und wiederum nie in seinem Glück alles um sich vergaß unb sich als ben M-nschen bünrte, ber hat nimmer gelebt!--Unb das Bewußtsein dieser Wahrheit läßt mich so froh sein über unsere Zeit, unsere große Zelt. Sie rüttelt alles auf aus ihrem verträumten Dasein und Trift fordernd ins Haus und verlangt das Schönste. Keine Träne ändert den Lauf des Geschicks, kein Mutterherz kann ihren Sohn zurückhalten, alles reiht sie mit sich fort und stellt den Einzelnen unter das Gesetz des Staates, des alles Persönliche zurückhaltenden Gesamtwillens und der politischen Gerechtigkeit. Oder sollen wir zittern um unser Sein, wenn es ein höheres Sein gilt, das alles Individuelle enthält? Bringst Du es nur unter Seufzern und Tränen fertig, das Liebste, was du hast, zu lassen? , Man sagt: „Was soll nachher werden, wenn soviel tüchtige Leute unserm Lande, der Familie entzogen werden? Muh es da nicht notwendig zurückgehen?" Richtig: Wieviel Tüchtiges, wieviel gute, edle Gedanken, wieviel Familienglück liegt tot unterm kühlen Rasen! Und doch ---was würde die Antwort auf unser Seufzen sein? „Wir haben ja das Schönste im Leben erfahren; denn nicht starben wir für uns allein, für unser kleines enges Ich--wir für Euch! Darum gilt jetzt: Ihr für uns! Was wir der Welt nicht fein konnten, weil wir Ihr nicht dienen durften fernerhin mit unseren Gedanken, Werken und unserer Liebe, diese tzrohe Ausgabe haben wir in-Eure Hände gelegt! Doppelt angestrengt müßt Ihr arbeiten und alle Eure Kräfte zur Entfaltung bringen, wollt Ihr den Gegenwartswerten treu bleiben und das, was wir mit unserem Blute erkauft, erhalten." Max Schlief, gefallen am 8. Dezember 1914 bei den Falklandsinseln. Stiller Ozean, den 26. August 1914. Ich weiß nicht, was aus mir geworden ist, wenn ihr diese Zeilen erhalten werdet. Der Himmel mag wissen, wo ich dann sein werde. Ruhelos wie der ewige Jude Ahasver wandern wir mit unserm Schiff in der Südsee umher. Gestern nacht erhielten wir die Nachricht über den großen Sieg Deutschlands über die Verbündeten. Auch von der Kriegserklärung Japans wissen wir. Aber ich bekam keine Ruhe. Ich weiß nicht, wie es Euch geht und meinen Brüdern. Es ist wohl ein sehr harter Schlag für Euch, meine lieben Eltern. Jetzt, wo es Euch möglich war, an dem Glück Eurer Kinder Euch zu sonnen, da müssen sie in den harten, Männer mordenden Krieg. Aber liebe Eltern, verzagt nicht. Sollte es sein, daß einer oder alle in diesem Krieg fallen, so denkt daran, daß es in einem heiligen Kriege war, zu Nutz und Frommen des Deutschen Reiches, unseres geliebten Vaterlandes. Mit meinem Leben habe ich abgeschlossen. Sollte es Gott gefallen, so mag Er mich hinnehmen. Solange ich aber noch lebe, hoffe ich, daß ich Euch einst alle noch mal wiedersehe. Ich bin ja noch so jung und will noch leben. Glaubt aber nicht, daß wir, wenn wir in ein Gefecht kommen, di« Flagge niederholen. Als Mittel werden wir unsere Ramme gebrauchen, und wenn es sein muß, mit dem Feinde untergehen. Aber sorgt Euch nicht um mich, ich habe das stete Gefühl, daß mir nichts geschehen wird. Oer finnländische Reitelmarsch. Von Bruno Brehm. Endlich diktiert der Generalstabsarzt einem Schreiber etwas; ich bin fertig, ich kann zu den anderen treten, ich werde ausgetauscht. Nun gut! Nur zu! Freuen kann ich mich ja doch nicht mehr. Das habt ihr mir gründlich verdorben. Dann fahren wir durch Finnland weiter gegen Norden, wir fahren erster Klaffe, wir, die wir im Viehwagen vom Baikalsee nach Moskau gefahren sind, wir sind nun feine Leute. Wir sehen zwar nicht fein aus, wir tragen zwar zerknitterte Kleider, halb Zivil, halb Uniform, aber wir lassen uns immer wieder tief in die Polstersitze fallen, wir neigen dazu, uns bedienen zu lassen, aber es bedient uns niemand. Das gepolsterte Glück verliert bald für mich feinen Reiz, und da der Zug langsam fährt, fetze ich mich auf die Wagentreppe und schaue hinaus. Nirgends eine Feuermauer, nirgends ein Schuppen mit Särgen, überall Heller, hoher, grenzenloser weiter Himmel und darunter Birkenwald und Seen, Birkenwald und Seen. Hin und wieder ein rotes Holzhaus mit weißen Fensterrahmen, ab und zu in der Stille, aus der Ferne her, das Singen russischer Soldaten. Die haben jetzt leicht fingen, die glauben zum letzten Mal an den großen Sieg, der Durchbruch bei Luck ist noch nicht zum Stehen gebracht, vielleicht zerschmettert der General Brussilow den Feind und bahnt den Weg nach Budapest, Wien und Berlin. Wahrscheinlich habe ich es dieser Siegerstimmung überhaupt zu verdanken, daß sie mich ausgetauscht haben. Denn die Russen waren immer nur dann nett zu uns, wenn es an ihrer Front vorwärtsgegangen ist. Abends tönt aus einer Stadt herüber das Gebet eines russischen Bataillons. Die tiefen Bässe fingen die Zarenhymne und das Vaterunser. Spät wird es erst dunkel, ich ziehe mich in das Abteil zurück, mich fröstelt, und die Augen fchmerzen mich von dem vielen Licht und der hellen Weite. Immer war das Meer zu spüren, immer ein starker Dust von Salz, immer war das Spiel der Möwen zu sehen. Frühmorgens sitze ich wieder auf der Treppe. Werde ich noch zurechtkommen, um mittun zu können? Das Auge sucht Batteriestellungen und prüft die kleinen Landwege, ob man auf ihnen heranfahren kann. Ein schwieriges Gelände für Artillerie, diese Birkenwälder mit ihren großen Granitblöcken. Wo mag das Regiment stehn? Wie wird es daheim aussehen? Wird das Essen wirklich so knapp sein, wie es in den russischen Zeitungen steht? Wie wohl das Grün den Augen tut! Wie die Blicke alles zusammenraffen, diese unersättlichen, gierigen, taumeligen Augen! Auf einer Wiese springen ein paar muntere Fohlen. Hier sollte der Zug halten, hier sollte man aussteigen und die Pferdchen streicheln dürfen. Endlich, endlich! Die Sanitäter heben die Tragbahren aus dem Zug und tragen uns das spärlich« Gepäck nach. Die letzte Nacht in einem russischen Spital! Wer kann da schlaf. Auch in jener einen Nacht vor fast zwei Jahren hatte ich nicht schisi,,: können. Ich war die Jnfanteriestellung entlanggegangen und hatte jJ schwarzen Wald hinübergeblickt, aus dem am nächsten Morgen wohldql feindliche Angriff heroorbrechen mußte. Am Waldrand baumelte ein hängter. Ich trete ans Fenster. Meeresluft strömt feucht herein. Um M Spitalsbaracken stehen die Poften, im Mondlicht blinken die langen rch! fchen Bajonette. Auch an jenem letzten Abend, an dem ich noch tnttm gefunden Knochen hatte, an d«m Abend vor der Gefangennahme ward«! Himmel voll Sternen gewesen, und dort drüben, wo jetzt von der |pü sinkenden Sonne fein Rand brandig war, hatten ihn damals die bte«. nenden Dörfer gerötet. Niemand schläft. Die Schwindsüchtigen sitzen ich recht in den Betten, und der Artilleriehauptmann mit dem Loch in d<, Schädeldecke, der uns, wenn wir brav gewesen waren, den Finger ms sein pochendes Hirn hatte legen lassen, fragte mich mit unsicherer Stimmt, ob ich glaube, daß nun schon alle Schwierigkeiten vorbei seien. 3d> r. widerte, daß ich mir darüber jedes Nachdenken streng verboten habe. Aber auch nach dieser durchwachten Nacht kommt der Morgen, n frischer, windiger Morgen, der letzte Morgen in Rußland. Die russisch Fahne knattert auf einem hohen Mast. Neben der Fähre steht eine MiliSr mufik. Ich bitte die russische Schwester, die während der Fahrt lieb in| gut zu uns gewesen ist, sie möge den Kapellmeister fragen, ob er im nicht den finnländischen Reitermarsch spielen wolle. Die Schwester lächelt: diese Musik sei nicht für uns da, sie warte auf einen (Begentranspoif russischer Invaliden. Ueberdies dürft« der finnländische Reitermarsch it Rußland nicht gespielt werden, er fei verboten. Ich verstehe: sang- int klanglos, wie wir in dieses Land gekommen sind, sollen wir wieder zieien. Ich komme mir reichlich dumm vor, weil ich auf einen Auszugsma^ gehofft habe. Das Tau der Fähre wird gelost, und alle Augen starren nun aus tg> Ufer und auf die langsam kleiner werdenden Poften. Einer ober-h« andere von uns will versuchen, ohne Krücken ein paar Schritte zu märten, um zu zeigen, daß es nicht gar so arg um ihn bestellt fei, aber diese Ue den mütigen werden zur Ruh« vermahnt. Nun dreht sich schon alles um unk blickt auf das näher kommende schwedische Ufer. In der Mitte des FW begegnen wir dem anderen Fährboot mit einer Elendsfracht von oer« ftümmelten Russen. Wir blicken aneinander vorbei, wir grüßen eine* nicht, wir erkennen in ihnen nicht die Gefährten des gleichen SchiM.! Sie tragen hechtgraue, österreichische Mäntel und graue deutsche, einig spielt auf einer Balalaika, ein paar fingen, alle haben die Hälfe genifl und schauen auf ihre Fahne hinüber. Eine blaue Fahne mit gelbem Kreuz taucht auf und kommt näbti Militärmusik rauscht auf. Sie spielt die Volkshymne, wir weinen wie bie, Kinder. Die Fähre knirscht auf dem Kies, vom anderen Ufer hären mr zum letzten Mal, mit dem Wind anschwellend, die Zarenhymne. M freundliche, russische Schwester geht zu einem schwedischen Offizier, bi:« ruft dem Kapellmeister etwas zu, und der finnländische Reitut' marsch braust auf. O diese alten Märsche, diese zerschossenen Fahnen, diese zerseW Standarten und die blutgefprengten Namen der alten Regimenter! OT Märsche, die die Sterbenden getröstet und die Lebenden befeuert, diese waffendrohnenden, hufestampfenden Märsche mit dem lieblichen Trio, )o> di« Mädchen im Quartier denen fingen, die aus der Schlacht kommen mnb das die Toten an die Pforten der Ewigkeit geleitet. Die Schweden roii'u was russische Gefangenschaft bedeutet, sie haben die Krieger Karls NI. nicht vergessen, die nach der Schlacht von Poltawa nach Sibirien geschieh wordey waren, Soldaten, denen wohl auch einst der finnländische Rei» marsch erklungen war. Im Spital sind im weilen, Hellen Saal Blumen. Man kann vor die Türe treten, kein Posten hält einem das lange Bajonett vor, man toni ein paar Schritte auf dem Grasboden tun. Die weißblauen SchweM gehen von Bett zu Bett: ob man einen Wunsch habe? „Nein, danke! K« nen." Gar keinen? „Ganz und gar keinen." Die Schwestern lachen e< wenig hilflos, man lacht zurück. Es ist lange hell im Zimmer, die Diel« Blumen leuchten, der Fußboden schimmert so rein und sauber. Am nächsten Tage wieder der Zug, und wieder erste Klasse. In » Festung Boden wartet Musik, wariön schwedische Offiziere. Wir fteiij« aus. Die Schweden salutieren. Wir legen auch die Hände an unsere Zi »i tappen, an die Woll- und Fellmützen, an die verdrückten Milltärkapsst mit den geknickten Schirmen, wir stehen stramm, so gut es eben « Krücken geht. Wißt ihr, außen sind wir Lumpen, sehen wir rounbcriii aus in unseren zusammengestoppelten Kleidern, aber im Herzen, da fpJ wir Soldaten wie ihr in euren schmucken sauberen Uniformen. Wir HE« unsere Pflicht getan, so gut wir konnten. Uns freut euer Gruß, wir banfln einige von euch haben Orden. Unsere Orden sind unsere Wunden, iW die wir erst in dunklen Nächten geweint haben,, weil das schöne Leit« mit Wandern und Spielen zu Ende war für immer. Nach und nach halt« wir uns daran gewöhnt, und nun sind wir stolz darauf. Wir wollen iW bedauert fein, deshalb lachen wir, damit auch ihr ein wenig lächeln mÄ Wenn wir daheim sind, lassen wir uns den Hohenfriedberger, den Pri'k Eugen- und den Radetzky-Marsch spielen, die werden schon wieder Schwe-i: in unsere alten Knochen bringen Es gibt wirklich keinen Grund, uns « bedauern. Hört ihr uns klagen? Nein, wir schimpfen nur, und Schimpfeni« ein altes Vorrecht der Soldaten. Wie die Fahrt nun zu Ende geht, gebe ich der freundlichen schwediW Schwester ein Gedicht, das heute in vielen schwedischen Büchern als IM Gedicht eines unbekannten deutschen Soldaten steht. Es ist kein gutes, alto ein wohlgemeintes Gedicht. Die Menschen in anderen Ländern lesen '•'* Gedichte einer fremden Sprache weniger der Form als dem Inhalt nd; und deshalb muß ich mich seiner nicht schämen. In diesen paar steht alles darin, was wir den Schweden zu danken hatten. Sie hob«> sich darüber gefreut. - Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Univers Uätsdruckerei R. Lange, Gießen.