'ach 3ai i Sibni ti •'s einil dieser Z Nge ttor] hatten fj eitet, uj sten T« gesehen SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger -r er s, r Morde Jahrgang (938 Zreitag, den Juli Nummer 50 irets not nicht nii Bild bt hübsch u Sasch i. Snblii »en hott, ) erzähl! Mite » Lady Hefter Stanhope EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Krück von poturzyn als bie|t blich sei« ib hübst ,u kenn« ;e Bries rürf. De und jus n zweit rank, ui in. ®rai >ie so ut e ziemls h sein - nicht nut ier grohi nmer vc • gewahr 16 ist nii i, der b und d »ollstänblj der Si er ist i : ich trat nodjtna! es Sin? iten Das Zingapok sich M« ft sie nur nit Arth' esgesahre' ninien. r Freund öibney g bann «' Hierin liffige °b würde, f ire E trasJJ11 MacInV Camp » । Sie h°> St pS redet- ' 5» S* un» na , das M ' nun fr< Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 10. Fortsetzung. „Gewiß, Mylady, außerordentlich scharmant ... Ganz George Brummet ... Wo er jetzt wohl sein mag?" Niemand antwortete. Von draußen klang ernst und feierlich, feurig und jauchzend, das Singen der Beduinen herein, Mondlicht umwob die zerschnittenen Säulen des Sonnentempels ... Bruce stützte den Kopf in die Hand. Jemand anderer sollte diese Frau verstehen! — Noch ehe der Morgen dämmerte, wurde Hefter geweckt. Sie hatte längst die Gewohnheit angenommen, sowie die Türken halb angekleidet zu schlafen. Nassr stand in der Tür: „Königin! Zwei der Gefangenen vom feindlichen Stamm Faydan sind in der Dunkelheit entkommen ... Sie werden ihren Stamm benachrichtigen, daß du noch in unserer Mitte bist. Sie werden uns angreisen. Wie müssen fliehen." Meryon bedauerte, Bruce glaubte nicht. Meryon wollte doch unbedingt noch die Speise kennenlernen, die ihm versprochen worden: Soße von Hasenfleisch mit Zwiebeln und Trauben! Bruce wollte warten, ob Nassr nicht im Tageslicht einen neuen Scherz bekenne. Nassr tobte wie ein Irrsinniger, er wolle den Scheich von Palmyra töten, weil er die Gefangenen entkommen ließ, er wolle sein eigenes Leben gerne für die Königin geben ... Aber schon stieg die Sonne über den Wüstenhöhen — vielleicht hatten die feindlichen Faydan bereits die Stadt umzingelt. In rasender Flucht nur liege die Hilfe ... Reite die Königin nicht so gut wie ein Araber?! Hefter läßt sich den letzten gefangenen Faydan vorsichren: er schwört, sein Stamm werde nur Nassr bekriegen — und dann die Melika königlich empfangen! Sie wendet sich an Bruce: „Also fliehen wir — um Nassrs willen ... Haben Sie nicht gestern erzählt, auch Zenobia sei aus Palmyra geflohen?" Bruce lächelt: „Ja, Hefter. Und auf dieser Flucht hat sie einen ihrer Ratgeber geopfert ..." Frauen und Kinder umringten die weiße Herrin weinend und klagend, nahmen Geschenke in Empfang; und die Männer verkündeten mit großer Miene: „Königin! Wir erklären dich zur Angehörigen unseres Stammes. Du sollst als einzige Fremde das Recht haben, Karawanen anzuhalten, wo immer du willst! Du sollst aber auch uns deine Freunde empfehlen können, wir werden sie hüten wie dich selbst." Einer warf sein Fez in die Luft: „Gebt mir einen Hut — und ich gehe mit ihr nach England." Das war viel für den Angehörigen eines Volkes, in dem ein Fluch heißt: Daß Allah dir einen Hut aufsetze! Dann ritten sie westwärts, der goldene Sand wirbelte unter ihren Hufen. Dreihundert feindliche Reiter vom Stamm der Faydan waren gesichtet worden; sie folgten den Spuren der Königin. Zwei Tage hetzte Nassr die Kavalkade von zehn Uhr morgens bis Mitternacht, ohne Wasser für die Pferde, ohne Speise für die Menschen. In der Nachhut gab es Gefechte, sogar Nassr entfernte sich eines Tages, um mit fliegendem Haar gegen Feinde zu reiten. r Hefter befahl Meryon zur Pflege der Verwundeten. Aber er kam oald wieder entrüstet zurück. Was war mit Patienten zu machen, die ihre iochüsse in Kamelharn badeten — und wenige Tage darauf kaum mehr Narben besaßen?- — An einem Apriltag voll Glanz grüßten die Berge herüber, die grünen Triften von Hamah. Die Wüste war zu Ende, der Traum einer Königin oon Palmyra. Nach einem großartigen Festmahl nahm Nassr mit könig- 'cher Geste zweitausend Piaster aus der Königin Hand. „Du wirst wiederkommen, Hefter, Stern des Morgens! Du wirst die Wüste nicht vergessen, wie wir dich nicht!" . Zwei junge Beduinen ließ er ihr zurück, als Pfand für ihr König- ">ch. Aber die Jungen siechten dahin in den saftigen Triften von Hamäh; noch ehe der Sommer kam, mußte Hefter sie nach dem goldenen Sandmeer ihrer Wüste entlassen. „Unser Reich war bald zu Ende", sagte Bruce beim Frühstück. „Es hat noch gar nicht angefangen", erwiderte Hefter, während sie mit den langen, gepflegten Händen Butter auf Toast strich, genau wie in England. „Wie meinst du das?" „Eines Tages werden Tausende von Menschen Obdach bei mir suchen, ich werde für ein ganzes Volk zu sorgen haben." „Doch nicht für die Beduinen?" Hinter Bruces korrekter Frage lag ein mühsam unterdrücktes Lachen. Hefter blieb unbeirrt: „Welches Volk es fein wird, weih ich noch nicht. Aber ich sehe das alles vor mir, so gut wie du da auf dem Stuhl sitzest." Bruce senkte das Gesicht auf den Teller und hütete sich, zu widersprechen. Er liebte an Hefter Stanhope das mutige, stolze, schöne Weib, die Maßlosigkeit ihrer Phantasie und Leidenschaft; er liebte den klugen Kameraden, der scherzen und schweigen und alle Strapazen ertragen konnte. Jenen Teil aber an ihr, der zuweilen in Rätseln sprach und Geheimnisse liebte, nahm er hin in lächelndem Verstehen als kleinen Schönheitsfehler an einem tadellosen Geschöpf. Nur wenn sie mit einer absurden Prophetie recht behie^ konnte er sich ärgern. 1 Die P e st. 1813! Wohl ist die Nachricht vom Rückzug der Franzosen aus Rußland nun bis an die syrische Küste gedrungen, aber niemand glaubt, daß Napoleons Kraft- gebrochen ist. Wird er nicht doch eines Tages nach Asien ziehen? Hefter hat Levantiner am Rand der Wüste erkannt, die als französische Agenten das Land durchstreifen und wohl den Zug nach Indien vorbereiten sollen. „Pierre", sagt sie eines Tages zu ihrem Koch, dem alten Veteranen Napoleons, „glaubst du, daß Bonaparte durch die Wüste nach Indien marschieren könnte?" „Ja, Herrin. Er hat zu Unrecht Europa als Schauplatz erwählt. Wenn Napoleon zu uns kommt nach Asien, werden Millionen mit ihm marschieren, die Welt wird ihm untertan sein und sein Reich Jahrtausende dauern!" Palmyra, die Perle der Wüste, hat Hefters Sinn betäuben können, es hat sie nicht das Vergessen gelehrt. Indien! Es gehört zum Letzte», was Pitt ihr mit feiner warmen, geliebten Stimme anvertraut: „Das Schicksal Indiens hängt an Wellesley — ich hoffe, es ist gesichert für England!" — 6in blauer Sommer zieht übers Gebirge, während Hefter mit Bruce unter Sykomoren und Oliven nach Gazellen jagt. Ein Erwachen zieht durch ihre Seele. Indien — soll es verloren fein für England? Die Welt steht in Flammen — vielleicht vor dem Anbruch einer neuen Zeit — und sie soll in den Wäldern Syriens jagen? Nein, im Herbst wird sie zu Schiff nach Indien reifen. Vielleicht gibt cs dort zu tun. Oder soll sie der Einladung des Wahabitenkönigs folgen, der über Arabien herrscht, dem Mann mit den riesigen Palästen und achthundert Frauen, der Mekka erobert hat? Auch Arabien wird eine Rolle spielen, wenn Napoleon Indien erobern will. Sie kann helfen, den Weg nach dem Osten für England zu sickern. Hefter Stanhope liegt in Bruces Armen, während sie plant und träumt. „Vielleicht auch sollte man Rußland unerkannt durchforschen, denn Rußland ist die Gefahr für das Gleichgewicht des Kontinents.. Es ist Pitts Schülerin, die spricht, nicht mehr die Königin von Palmyra; aber in dem Mann neben ihr lodert keine Flamme nach großen Taten. Mit verschleierten Augen sucht er nichts als ihre Lippen — und spricht höchstens von den Summen, die solche Reise kosten würde, die weder sie noch er bestreiten könnte. Hefter versteht; Michael Bruce ist her Müdigkeit des Ostens verfallen — es wird Zeit, daß sie ihr Opfer bringt. Briefe kommen aus England. Freunde rufen Bruce zu den Herrlichkeiten von Brighton und Bällen in Carlton House; Crawsord Bruce, der Vater, Inhaber des großen Bankhauses, ist krank und verlangt nach dem Erben. „Ich gehe nicht, wenn du nicht mittommft", sagt Michael störrisch. „Soll ich vielleicht in England Handarbeiten machen und Haushalt führen — Bälle besuchen?" „Gibt es in England nicht eine andere, glänzende Stellung, hie auf hich wartet?" fragt er dagegen, mit bittendem Blick. Bruce kennt dies Gesicht, jede Linie hat er gesehen in Frohsinn, Grübelei und Gefahr. Er kennt den Abgrund in diesen Augen, die er liebt — aber her Blick, mit dem sie jetzt an ihm vorbeisieht, ist ihm fremd. ,Hn England ist nichts mehr für mich zu tun — ich bleibe hier!" „Und mich schickst du zurück nach London?" „3a, Michael, dein Platz ist in England. Es gibt nicht mehr zu viel Manner dort. Arbeite, wie Pitts Vermächtnis es fordert, für ein freies, großes Britannien! Dann werde ich stolz [ein auf dich!" Er preßt die Frau an sich mit dem Ungestüm seiner sechsundzwanzig Jahre: „Und wann darf ich dich Wiedersehen?" Hefter hält beide Hände über der Brust gekreuzt: „Wie Gott will, Bruce... Denn du weißt, Tausenden werde ich Schutz bieten müssen.. Noch immer ist er nicht willig; mit endlosen Worten, mit Lächeln und Tränen muß sie ihn bitten, heimzukehren — den einzigen Mann, der je erfahren hat, daß Hefter Stanhope auch ein Weib sein kann. Sie hat in den Tagen von Konstantinopel versprochen, seinen Weg nicht zu behindern; auch wenn sie nicht mehr wie damals" an eine große Zukunft von Michael Bruce als Staatsmann glaubt — ihr Wort wird sie halten, und wenn sie damit das letzte Band zerreißt, das sie an England bindet und an ihr eigenes Leben als Frau. Schakale heulen in diese Nächte... Endlich, mit dem letzten Schiff, das ungehindert Latakieh verließ, fuhr Michael Bruce; ein Gespenst kroch nordwärts über alle Häfen Syriens, mit Entsetzen erwartet und in Totenstille empfangen: die Pest! Kein 'europäisches Schiff durfte mehr landen. „Wie Allah will! Allah kann töten, Allah kann retten!" Unnötig war menschliche Vorsorge. Und die großen grauen Ratten huschten durch die Straßen, über die Schiffe und Dächer. Im Oktober starb der erste Mann in Latakieh, der Hafenstadt, die Hefter bewohnte; zwei Wochen darauf verlor der britische Konsul Barker seine beiden Töchter an einem verdächtigen Fieber; am 15. November erkrankte Lady Stanhope und am Abend Meryon, ihr Arzt. „Es ist die Pest!" sagt sie selbst dem italienischen Arzt, der an Me- ryons Stelle behandelt. Diener sterben, Regenstürme peitschen das Haus, Walser dringt durch die Ziegel des Daches. Das Lager der Kranken muß von einem Zimmer zum andern an trockene Stellen geflüchtet werden. Meryon, nur halb wiedergenesen, schleppt sich zur Herrin. „Retten Sie sich, Doktor", ruft sie in sein verstörtes Gesicht, „es ist die Pest!" Hefter Stanhope kämpft nicht um Gesundung; ihre Seele schmerzt nach dem großen Opfer, das sie gebraiM gern will sie sich lösen von einem Erdensein, das zuweilen, trotz aller Schau, dunkel und leer vor ihr liegt; lösen von einem Körper, der an wüstem Gift zu entsetzlichen Beulen schwillt. Barker, der britische Konsul, kommt aus Aleppo, empfängt ihre letzten Wünsche. Meryon kniet am Lager der Herrin, Tag und Nacht. Seine Kunst ist zu Ende. Mylady deliriert. Schatten und Tote geistern durch den Raum, daß sich ihm die Haare sträuben. Aber Hefters Schicksal, so seltsam es schien, war nicht erfüllt. Zur Zeit, da die Nachricht aus dem alten Europa kommt: Napoleon ist bei Leipzig unterlegen, er hat sich zurückgezogen nach Frankreich — flüstert sie Meryon mit wiederkehrenden Kräften zu: „Doktor, ich muß nicht nach Indien gehen. Im Libanon, irgendwo, will ich bleiben ..." Meryon weint vor Glück und Schwäche. Mit allem ist er einverstanden. Seine Reiselust ist längst gestillt. — Hefter Stanhope, die von der Pest genas, war verändert bis in die Einzelheiten ihres Lebens. Sie ritt, noch mühsam im Sattel sich haltend, auf — einer Eselin zum Hafen, im Januar 1814. Der Patriarch Athanasius hat bei Saida ein altes griechisches Kloster angeboten, ein verfallenes, verlassenes Gebäudegewirr, an einem Abhang des Libanon, hoch über dem Meer. Und Hefter, die seit Rhodos Christen gemieden, in mohammedanischen Vierteln unter Moscheen gewohnt, hatte angenommen. Im sanften Nordwind segelte sie südwärts. Nach immer wütete die Pest längs der Ufer; wo sie einmal Fuß gefaßt, war sie schwer zu vertreiben. Bauern mit Vieh und Seidenwürmern flohen in die Berge, Leichen lagen unbeerdigt auf den Feldern, weil die Menschen sich vor Berührung scheuten. In diesem Frühling voll Elend und Schmerzen, voll zaghafter Hoffnung für gebeugte Völker, wurde Mylady unter der herrlichen Sonne Syriens zum neuen Rätsel für Dr. Meryon. Wohl hielt sie nicht still in Mar Elias, ihrem griechischen Kloster, ritt — auf einer Eselin —, kaum daß die Seuche nachgelassen, in der Gegend umher; aber sie verachtete plötzlich allen Luxus, der ihr bisher Natur gewesen, lebte von Eselsmilch und Ziegenfleisch und behauptete, nie habe sie sich so wohl gefühlt, seit sie Europa verlassen. Im stillen hoffte Meryon, ihr unbesieglicher Tatendrang fei durch di» Krankheit gebrochen, bald würde sie heimkehren nach England. Wie sehnte er selbst sich dahin! Mar Elias mit feinen verfallenen Gängen war ihm unheimlich, und der berühmte Abt, dessen starrer, einbaljamierter Körper noch immmer auf feinem Thron saß, schien ihm zum mindesten ein un- hygienischer Hausgenosse. Aber Mylady schwieg, und Meryon wagte nicht von Heimkehr zu sprechen. Oft waren ihre Augen fern und geheimnisvoll, und wer ihr begegnete, der glaubte, sie sehe ihm ins Herz. Dann wieder konnte sie durch die sinkenden Nächte von einer düsteren Zukunft künden, die über Europa lag, von stürzenden Thronen und brechenden Reichen... So mochten einst die Sibyllen gesprochen haben über den zerstäubenden Wassern des 2lnlo, als die ersten Cbristen den Boden des Ewigen Rom untergruben und die Grenzen des Imperium vom drohenden Tritt junger Völker erbebten, dachte Meryon voll Scheu und Bewunderung. Doch bekam die Sibylle zu gleicher Zeit recht menschliche Launen. Wenn ihrer Ladyschaft ein Bad gerichtet wurde, zitterten alle Diener. Es war zu heiß — und in der nächsten Minute schon zu kalt! Einzig die englische Zofe wagte zu widersprechen. Darauf aber konnte Mylady erklären, sie sei von dem miserablen Weib beleidigt worden, das nicht mehr Geist besitz« als eine Laus. Der arabische Sekretär floh, und Meryon fiel für Stunden aus allen Himmeln. Das Muster aller Weiblichkeit und alles Adels gebrauchte Ausdrücke, die ihn erröten liehen. Mylady mar eben noch krank, schwach und außerordentlich nervös. Sie brauchte Schonung, Ruhe — er wollte wachen darüber, daß jede Aufregung ihr ferne blieb. Inzwischen fuhr ein griechischer Diener nach London. Er hatte Auftrag von Mylady Stanhope, zentnerweise Biskuits, Wein, Kochtöpfe — und einen neuen Arzt nach Mar Elias mitzubringen... Das Gold des Ostens. Das neue Jahr 1815 begann. Mernon hatte für feine Herrin Briefe zu schreiben, die ihn nicht länger in Unklarheit ließen: feine Hoffnung auf ein stilles Privatleben in englischem Landhaus war eitel. Nicht nur, daß Lady Hefter all die Monate hindurch ohne sein Wissen mit den arabischen Beduinen, dem König der Wahabiten und einem ganzen Dutzend Scheichs wegen einer neuen Reise — nach Arabien — korrespondiert hatte, in ihrem Kopf war auch ein neuer Plan fix und fertig. „Die ägyptische Expedition Napoleons ist abgebrochen worden", erklärte sie; „der Stad von Gelehrten, den er zur Erforschung des Ostens mit sich geführt, hat sich zerstreut. Ich werde ein neues Institut gründen. Durch Subskription in England müssen Geographen, Archäologen, Mediziner, Künstler nach dem türkischen Asien gerufen werden ... Ich sammelte bereits experimentelle Erfahrungen über die Wirkung des Bezoarsteines in Fällen von Pest... Nun schreiben Sie, Doktor, schreiben Sie!" Meryon rieb feine Brillengläser blank und unterdrückt« tiefe Seufzer. Während all der Monate hatte er von Ruhe und Rückkehr nach England geträumt! Es sollte noch besser kommen. In Mar Elias wurde eines Tages Capidschi Batschi angekündigt, jener Mann, der aus Konstantinopel, nur die geheimen Befehle von Konfiskation, Gefangennahme oder Strangulation Überbrachte. Capidschi Batschi! Was mochte dahinter stecken, wenn er sogar das Haus einer Ungläubigen betrat! In der Umgebung flüsterten die Bauern entsetzt. Mylady würde verhaftet, vielleicht sogar des Landes verwiesen... Meryon und Myladys arabischer Sekretär kontrollierten ihre Pistolen und verständigten sich, daß der Mann kein leichtes Spiel haben sollte. „Er wird zum Dinner bleiben", meldete da Mylady obenhin. „Mylady...?" „Er bringt Nachricht vom Sultan. Sie wissen doch, Meryon, ich bekam in Saida das alte Manuskript des italienischen Mönches über die vorhandenen Schätze — nun werde ich Ausgrabungen machen lassen, im großen Stil — der Auftakt zur Expedition der Gelehrten." Ach, da war wieder dieser unglückselige Ausgrabungsplan. Nach ihrer Krankheit hatte Mylady öfter davon gesprochen, Meryon muhte es damals für die Laune eines Rekonvaleszenten halten. Bis sie endlich schwieg — weil sie gesundete, wie Meryon annahm. „Gewiß", meinte der Doktor, „in einem Land, wo es von je so wenig Banken gab und so viele Räuber, mögen die Leute ihre Schätze öfters vergraben haben. Es erscheint mir wahrscheinlich, daß viele darüber gestorben sind ... Doch — ob sich das lohnen wird?" Mylady geruhte überhaupt nicht zu antworten. Im Orient teilte man die Europäer nach drei Klassen: die einen waren Spione, die zweiten politische Flüchtlinge, die dritten kamen, um die Schätze des Landes oder was sie so nannten, auf ihre Schiffe zu laben. Tin Europäer, der dem Sultan versichern ließ, er werde auf eigene Kosten und eigene Verantwortung graben — und alles Gefundene werde der Pforte gehören: so etwas hatte sich noch nicht ereignet. Capidschi Batschi ließ Mylady am Leben und kam einzig und allein, ihr Vollmachten mitzubringen in einem Ausmaß, wie sie bisher kein Konsul und kein Christ besessen. Allerdings hatte er strengen Geheimbefehl, die „Sitt" nicht aus den Augen zu lassen, damit sie am Ende nicht doch die Schätze für sich behalte. Meryon zweifelte noch immer. „Was haben Sie nur, Sie Eisberg?" tadelte Hefter. „Ich frage mich, wie die Ausgaben zu bewältigen sind, Myladn —" „Nichts einfacher. Sie, Doktor, führen die Rechnungen, und ich schicke sie der britischen Regierung." „Und wenn die Zahlung verweigert wirb?" „Wenbe ich mich an bie Zeitungen! Glauben Sie nicht, daß ich mehr getan habe, den englischen Namen über Syrien beliebt zu machen, als alle Agenten ber Regierung? Cs ist ein Recht und keine Gunst, bie ich in Anspruch nehme! Sir Arthur Paget, ber englische Gesandte in Wien, ließ sich von Mr. Pitt 70 000 Pfund Sterling für die Livreen feiner Diener in vier Jahren bezahlen . . Ich sehe nicht ein, warum ich es anders machen soll." Die Pforte zögert« nicht. Jeden Tag konnte begonnen werden. Sie — hatte nur zu gewinnen. In Mar Elias gingen und kamen die Boten, es war plötzlich Hauptquartier des Ausgrabungsfeldzuges. Meryon muhte nach Damaskus aufbrechen, alles Notige einzukaufen, bei Sturm und Schnee überschritt er den Antilibanon. Der Pascha von Damaskus sandte als Geschenk zwanzig Zelte, eines aus grüner Farbe, geschmückt mit einem Sternenhimmel — für die Königin. Im Februar 1815 zog Hefter mit hundert Mann südwärts. Sie saß in einer Sänfte von rotem Samt, ihr folgten, vollständig geschirrt, ihre Stute und ihre Eselin. Dann tarnen die Arbeiter, Wasserträger, Fackelhalter ...; Kamele mit Schaufeln, Seilen, Hacken. Die Gouverneure aller Städte längs ber Küste baten, sie besuchen zu dürfen. Bor Haiffa kam ein großer, hagerer Mann mit flackernden Augen, der sich General nannte und Franzose war, mit einer Bibel in ber Rechten unb einem roten Taschentuch über ber verstümmelten Linken. (Fortsetzung folgt.) ASendlied. Von Paul Gerhardt. Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Stadt' und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf! Ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgesällt. Wo bist du, Sonne, biteben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind: Fahr hin! Ein ander Sonne, Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint. Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sternlein prangen Arn blauen Himmelssaal: So, so werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Gott aus diesem Jammertal. Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit. Das Haupt, die Füß und Hände Sind froh, daß nun zu Ende Die Arbeit kommen sei: Herz, freu dich, du sollst werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei. Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Kijchlein ein! Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein. Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heute nicht betrüben Ein Unfall noch Gefahr! Gott laß euch ruhig schlafen. Stell euch die güldnen Waffen Ums Bett und seiner Helden Schar! Gedanken an den ORtjein. Von Otto Gmelin. Mehr als irgendein Strom in der ganzen weiten Welt, mag er nach so großartig sein und noch so viele Schönheiten haben, ist uns Deutschen der Rheinstrom. Denn er ist uns ein Symbol und daher ein immer neues Erlebnis, so oft und so viel wir ihn auch sehen. Seine Landschaften sind überall einzia und reizvoll und doch überall anders, und seine Geschichte ist die deutsche Geschichte. . Nie ist mir dieses deutlicher geworden, als damals, als tch in einem kleinen mexikanischen Städtchen, in einer Fonda, wo Eseltreiber und Farmer und andere braune Männer ihren Pulque tranken, ihre bunten Zara pes-Decken über den Schultern, von einem dieser Männer nach dem Rhein gefragt wurde. Mitten zwischen diesen fremben Menschen mit ihren schwarzen Augen und großen Hüten, in der tropischen Nacht, wo die Palmen in den südlichen St^nhimmel ragten, erstand vor mir bas Bild meiner Heimat, unb ich begann zu erzählen unb wurde lebhaft, o daß die dunklen Männer sich wunderten über den stillen Fremdling, der plötzlich so anders wurde, und ihm aufmerksam lauschten, wie wenn er ihnen Märchen erzählte. ., .. Es war für mich kein Wunder, daß ich mich veränderte, denn ich sah im Geiste den Rhein vor mir, wie ich ihn in vielen frohen Stunden der Kindheit und der Jugend allein und mit Eltern und Freunden erlebt hatte, und ich wußte, daß dieser Strom unsere Liebe ist und wie lebe wahre Liebe auch unser Schicksal ist. Ich sah ihn wie ein Wahrzeichen für deutsches Mühen um sich selbst und um die Welt, für deutschen Geist und deutsche Art. v m Ich dachte an den Jahrtausende währenden Kampf der Germanen und der Deutschen um diesen Strom. Ich dachte an die Macht der Romer, die hier ihre Lager hatten und Städte bauten. Ich dachte an bas befestig>e Lager am Taunus bei Homburg, die sog. „Saalburg", bie mir heute besichtigen können, weil sie ausgegraben und wieberhergestellt rft, unb in deren Befestigungen wir deutlich fühlen, wie schwer der Römer es hatte, seine Grenzen gegen die Germanen zu schützen. Ich dachte an die.rhel- nischen Städte, die aus römischen Lagern ober römischen Städten hervorgegangen sind, an Mainz und Koblenz unb Köln, bas seinen Namen vo« „Colonia“ hat, unb an Trier, bas alte „Augusta Treverorum“, bas eine der großen Weltstädte des späteren Römerreiches war unb Resibenz römischer Kaiser unb wo noch heute mitten in ber Stadt bas gewaltigste Römerbauwerk auf beutschem Boden, die „Porta nigra“ steht, Unb bann dachte ich daran, bah die Römer schließlich in bem großen Kampfe gegen bie Germanen unterlegen waren, unb daß bann bas Frankenreich Karls bes Großen nach jahrhundertelangen Kämpfen entstanden war. Aber von alledem konnte ich den braunen Mannern wenig erzählen- Ich berichtete ihnen lieber vom „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation", von jenem ersten großen Ausschwung deutscher Herrschaft, die oft am Rhein ihre Stütze hatte und von ihm aus zeitweise die ganze be- lannte Welt beherrschte ober doch führte. Ich erzählte von den rheinischen Wahrzeichen deutscher Frömmigkeit, deutscher Kunst, deutschen Strebens und Lebens, van den Domen zu Köln und Mainz und den Münstern zu , Straßburg und Freiburg unb ganz besonders vom Speyrer Dom, in bem bie salischen Kaiser Heinrich III., Heinrich IV. unb Heinrich V. in ihren (eibenen Krönungsmänteln unb Grabkronen und noch anbere Herrscher und Herrscherinnen deutscher großer Zeiten ruhen; ich erzählte aber auch von den räuberischen Horden, die diese Gruft ber beutschen Kaiser gesprengt unb bie heiligen Orte geschänbet unb geptünbert und die Knochen in Schutt zerstreut haben. Nicht weit davon liegt die alte Stadt Worms, die uns aus dem Nibelungenliede als die Residenz des Burgunderkönigs Gunther bekannt ist. Unb bann erzählte ich von jenem paradiesischen Stück Erde, das sich der Rheingau nennt. An seiner Pforte liegt in der Nähe ber Stelle, wo bie weiten Wasser bes Mains sich in bie noch weiteren des Rheins ergießen, bas „golbene Mainz". Cs ist zugleich das Einfallstor bes westlichen Nachbars von jeher gewesen, weshalb auch die Stabt lange Festung war. In den Zeiten ber beutschen Ohnmacht, um bie Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts, wehte lange bie Trikolore ber Französischen Revolution, bie uns Freiheit und Gleichheit zu bringen oor- gab, über den Türmen der reichen Stabt. Aber von Mainz aus hat sich auch burch Gutenbergs Erfinbung der beweglichen Lettern deutscher Erfindergeist die Welt erobert. Und dann erzählte ich, wie die Sonne über dem Rheingau leuchtet, wärmer als in allen anderen deutschen Gauen, wie auf den sanften Hügeln von Worms bis Mainz und Bingen der köstlichste Wein reift. Aber freilich, da fehlten mir in der fremden spanischen Sprache die Worte, alles das zu sagen, was ich sagen wollte, und ich mußte reden so gut ich konnte und wußte doch, daß es nur ein Radebrechen war und das nicht schildern konnte, was ich vor mir schaute. Ich vergaß, daß mich ein Ozean von meiner Heimat trennte, unb ich erzählte nur noch mir selber unb sah unb hörte in mir, was ich liebte. Denn bort, im Rheingau begann ja auch bas, was wir den romantischen Rhein nennen. Ich sah bas alte Stäbtchen Eltville, wo meine Mutter geboren ist und als Kirch zwischen alten Mauern und Rebhügeln mit den Rheinkieseln gespielt hat, und Schloß Johannisberg auf der Höhe, wenn die rote Abendsonne sich in den Fenstern spiegelt. Ich suhr mit dem Rheindampfer zwischen den Schieferbergen mit ihren Rebenterrassen um die vielen Windungen des Stromes, wo er sich in viele Jahrtausende währender Arbeit durch das Gebirge gefressen hat. Ich sah, wie ich sie oft als Junge und Jüngling gesehen hatte, auf den Höhen die Burgen Ehrenfels und Rheinfels und Gutenfels unb „Katz unb Maus" unb „bie seinblichen Drüber" unb wie sie alle heißen unb sah bie alten Stäbtchen mit ihren Toren unb Türmen, Schieferdächern, Kirchen, Mauerresten an bie schmalen Ufer und in bis steilen Seitentäler gelegt; ich sah in ben Gärten bie Obstbäume blühen, unb srohe Menschen gingen in Sonntagskleidern an ben Uferpromenaben mit den beschnittenen Ähornbäumen. Ich fühlte den süßen Schauer des Loreleifelsens, wo der Strom ganz eng wird und einen düsteren Charakter hat. Ich saß mit jungen Freunden und Freundinnen auf den Terrassen am Rhein an milden Sommerabenden, in Riidesheim, wo von oben bie Germania bes Nieberwaldbenkmals grüßt ober bei Aßmannshausen ober weiter unten bei Honnef unb Königswinter unb Rolanbseck; bie Gläser klangen, ber Wein duftete auf der Zunge, und die Freunde fangen, unb draußen glitten die Schisse mit ihren vielen Lichtern vorüber, Musik tönte über den Strom, unb bie Lichter spiegelten sich in ben Wellen. Das Siebengebirge sah ich im Geist vor mir, durch bas ich so manches Mal in froher Gesellschaft gewandert war, und ich sah ben Drachenfels, ber sich mit unnachahmlichen Schwung so kühn aus bem Strom hebt, im Sommerhimmel stehen unb bie bebuschten.Jnseln Grafenwert unb Nonnen- n>ert. Unb bann stand ich im dämmernd bunten Schiff bes Domes int „großen heiligen Köln", an bem so viele Jahrhunderte wechselnben beut- schen unb christlichen Lebens vorübergerauscht sinb. Und ich wanderte durch die engen Gassen dieser Stabt mit ihren vielen alten Kirchen und Häusern unb ihren stillen Winkeln, wo ganz bicht bei vergangenen Iahr- hunberten bas rasenbe Leben unserer Zeit seinen Gang geht, wo bie Autos unaufhörlich vorübersurren und bie Lichtreklamen abends zu Filmtheater unb Vergnügungsstätten rufen. Unb als ich bies sah, ba konnte ich auch wieder lebhafter unb besser und verständlicher zu meinen braunen, schwarzhaarigen Zuhörern sprechen, denn ich konnte ihnen sagen, baß ber Rhein auch heute kein altes verstaubtes Museum einstigen beutschen Lebens ist, fonbern heute wie feit uralten Zeiten eine Verkehrsaber und eine ber wichtigsten Verkehrsadern nicht nur des Deutschen Reiches, sondern auch ganz Europas. Er ist eine Straße ber Gegenwart, unb seine großen Stäbte sinb bie Kreuzungspunkte dieser Norb-Sud-Stroße mit Ost-West-Straßen. Die Ruhrkohle fahrt auf dem Rhein nach Sübdeutfchland und ber Schweiz unb bas Holz bes Schwarzwaldes nach bem Ruhrgebiet unb nach Holland Die «chlepper gualmen, unb bie Züge rattern auf beiden Rheinufern. Unterhalb Kölns aber beginnt in ben Ranbgebieten bes Rheins bas gewaltigste 3nbuftrte» gebiet Deutschlands unb eines ber gewaltigsten ber ganzen Erbe. Ich berichtete den Männern von ben Gießereien unb Kokereien, bie ihren Schein In die Nächte werfen, von den lärmenden Essen und den dampfenden Schloten, die sich von der schönen Stadt Düsseldorf gegen Essen, Bochum und Dortmund hin in dichtem Gewebe aneinanderreihen. Sie hatten mir lange zugehört. Als ich aufstand, um ins Bett zu gehen, denn es war spät geworden, sagte einer: „A, que rio!“ und ein anderer „Que tierra“. „Was für ein Strom!", „Was für ein Land!" Abenteuer mit fünf Löwen. Von Herbert F. Schidlowfky. wachsamen Augen der Geier, die mit ausgebreiteten Riesenschwingen schon seit dem ersten Morgengrauen hoch im wolkenlosen Rund des Tropenhimmels kreisten, wäre es wohl nur als ein winziges Pünktchen erschienen, das sich langsam, eine lange rötliche Staubschleppe hinter sich herziehend, über das flache Steppenland nordwärts bewegte. Und doch war dieses winzige Etwas in Wirklichkeit ein großer achtzigpferdiger Kraftwagen der Distriktsverwaltung Aruscha, in dem zwei Männer saßen, Thomas Hill und Fred Duncan: zwei Männer mit staubbedeckten Tropenhelmen über den hageren und verschwitzten Gelichtern, auf denen der wochenlange strapazenreiche Dienstaufenthalt in der weltverlorensten zentralafrikanischen Wildnis deutlich genug zu lesen stand. Duncan saß am Steuer des Wagens, während Hill an feiner Seite mit nickendem Kopf in den Polstern lehnte und vernehmlich schnarchte — was übrigens (ein gutes Recht war: denn in zwei, drei Stunden würden die beiden einander ablösen — dann mußte Hill den Wagen steuern, und Duncan durfte schlafen. So fuhren sie schon seit Tagen über die endlose, sonnendurchglühte Massaisteppe nach Norden, und immer noch waren es reichliche hundert Kilometer bis Aruscha, das ihr Ziel war. Der Wagen rüttelte und ächzte in allen Federn und Fugen: sie kamen nur im Schneckentempo vorwärts, denn zentralafrikanische Landstraßen sind alles andere als unsere deutschen Reichsautobahnen, und dieser Steppenweg schien wahrhaftig nur aus Staub, Steingeröll und Schlaglöchern zu bestehen. Man mußte ganz höllisch aufpassen, wenn man keinen Federbruch oder Schlimmeres riskieren wollte. Angespannt starrte Duncan aus rotgeränderten Augen geradeaus, während der Schweiß in kleinen Rinnsalen über sein Gesicht floß. Es war trotz der noch frühen Morgenstunde entsetzlich heiß; seit Monaten war kein Tropfen Regen gefallen, alles ringsum lag staubtrocken, verdorrt und wie ausgebrannt. Es war das übliche Bild der Trockenheit, das die Landschaft bot — ein trostloses, häßliches Bild, das in Duncans Innern eine Art verzweifelter und ingrimmiger Sehnsucht nach einem schattigen Liegestuhl, einem eisgekühlten Whisky und einer Badewanne voll köstlich kalten klaren Wassers wachrief. Verdammt, und immer noch hundert Kilometer bis Aruscha! In der Ferne tauchte eine Straußenherde auf — es wirkte seltsam, man sah eigentlich nur eine Reihe dunkler Flecke, die am flachen Horizont freischwebend auf und ab zu tanzen schienen, da die hitzeflimmernde und völlig trockene Luft alle Einzelheiten auflöste und verwischte. Ein wenig weiter hatten sich im spärlichen Schatten einer Akaziengruppe einige Gnus niedergetan, die nun vor dem langsam heranschaukelnden Gefährt in plumpen schwerfälligen Fluchten Reißaus nahmen. Dann war die Grassteppe zu Ende, der Fahrweg führte in lichten Miombo- wald, der ganz allmählich in dichten dornigen Busch überging. Plötzlich trat Duncan hart auf die Fußbremse. Das Auto hielt knirschend und kreischend. So heftig war der Ruck, daß der friedlich schlafende Hill vornüberkippte und ziemlich heftig mit dem Schädel gegen die Windschutzscheibe prallte. „Was ist los, zum Donnerwetter?'Warum halten wir?" fragte er benommen. „Straßensperre!" erwiderte Duncan lakonisch und wies mit vorsichtiger Armbewegung nach vorn. Gähnend richtete sich Hill auf. Doch schon ein einziger kurzer Blick genügte, um sein verschlafenes Gesicht einen anderen Ausdruck annehmen zu.lassen. Unten in der kleinen Talsenke, in die der Weg in sanftem Abfall hmabfuhrte, stand eine Gruppe von fünf Löwen. Anscheinend handelte es sich um eine vollzählige Löwenfamilie, die irgendwo im Gestrüpp geschlafen hatte und nun durch das Rattern des Automotors aufgescheucht worden war. Ganz vorn, die Flanke breit dem Wagen zuge- wandt, stand ein großer, auffallend hellgefärbter Mähnenlöwe, ihm zur Sette, halbschräg, eine ebenfalls recht stattliche Löwin, während die übrigen drei Tiere halbwüchsige Junge waren. Unbeweglich, wie erstarrt, sicherte die ganze Gesellschaft gegen die Männer hin. Langsam und vorsichtig, Zoll um Zoll, ließ sich Hill wieder auf Sitz zurücksinken. Er hatte lange genug in Afrika gelebt um ^'cht sofort uitt> klar zu erkennen, daß es eine ziemlich brenzliche Situa- tlon war, in die sie da plötzlich und unvermutet geraten waren. Denn m?. Paarungszeit, in der man besser daran tat, den Löwen nach Möglichkeit aus dem Wege zu gehen, da sie dann unberechenbar und bösartig sind ... • Ob er nicht lieber die Gewehre heroorholen solle, flüsterte er seinem Kameraden zu, der stumm hinter dem Steuer saß und sich nicht zu regen wagte. 1 ' ' a „Nein, das ist jetzt viel zu gefährlich ..." Duncan sprach leise und abgerissen, fast ohne die Lippen zu bewegen: „Außerdem ist Schießen hier streng verboten: Schongebiet! Wir wollen abwarten. Vielleicht ver= Ducken sie sich von selbst. Im schlimmsten Fall gebe ich Vollgas und fahre sie über den Haufen. Das ist nämlich nicht verboten " Er hatte kaum ausgesprochen, als sich der vordere Löwe plötzlich in Awegung setzte und langsam, wie durch den Klang der menschlichen Stimme magnetisch angezogen, auf den Wagen zuzuschreiten begann. Dle übrigen vier Tiere folgten ohne Zögern in kurzem Abstand. So kam das Rudel still und bedächtig, Schritt für Schritt, bis auf etwa fünf Meter heran. Dann machten sie halt. Sie standen nun so nah, daß die Männer im Auto deutlich den Ausdruck ihrer bernsteingelben, in klarstem Smaragdgrün phosphoreszierenden Lichter erkennen konnten: und wahrhaftig — es war nicht allein Neugier in ihrem starren und wachsamen Blick, sondern auch Feindseligkeit, Angriffslust und Drohung! Eine Mtziute verging. Es war eine endlos scheinende Minute voll erregender und erwartungsbanger Spannung, die den beiden Männern blanke Schweißtropfen über die bleichgewordenen Wangen rollen ließ. Die Löwen rührten sich nicht, Hill und Duncan rührten sich auch nicht. Nichts geschah. Weder Menschen noch Raubtiere gaben einen Laut von sich, nur der Motor des Autos klopfte verhalten im dumpfem, unerschütterlichem Takt. Wieder machte der große Löwe einen Schritt in die Richtung des Wagens, einen kleinen, langsamen und bedächtigen Schritt — bann einen zweiten, einen dritten ... Nun stand er dicht vor dem Kühler. Seine Lichter waren fest und unverwandt auf Duncan gerichtet, wie unschlüssig peitschte sein gelber Ouastenschweis gegen die sonderbar hellen, milchkaffeefarbenen Flanken. So stand er und starrte, sonst nichts. Plötzlich verlor Duncan die Nerven — mit fahrig ruckweiser Handbewegung den Gang einschaltend, trat er mit aller Kraft auf den Gashebel, daß der starkmotorige Wagen jählings aussprang wie unter dem Stoß einer Riesenfaust ... Verblüfft drückten sich die Löwen seitwärts in die Büsche — alles schien gut abzulaufen, das Auto gewann von Sekunde zu Sekunde an Fahrgeschwindigkeit, immer rascher und unaufhaltsamer schaukelte es die Senkung hinab ... Duncan atmete auf, schon glaubte er sich zu seinem Entschluß beglückwünschen zu dürfen, als etwas Unvorhergesehenes geschah. Ja, plötzlich geschah etwas Unvorhergesehenes und Atemraubendes! Aufbrüllend fuhr der große Mähnenlöwe herum und preschte hinter dem Wagen her. Wenige mächtige Sätze, bann hatte er ihn eingeholt. Nun duckte er sich — und nun schoß er wie ein gelber Blitzstrahl durch die Luft ... Im nächsten Augenblick ließ ein schwerer Stoß den Wagen krachend und ächzend in die Federung schlagen? der Löwe war aufgesprungen, das Auto hatte einen Insassen mehr! Glücklicherweise hatte Duncan mittlerweile die Geschwindigkeit so weit zu steigern vermocht, daß der Löwe in dem wild schlingernden und rüttelnden Fahrzeug nur mühsam das Gleichgewicht bewahren konnte. Da hing er nun, mit allen Vieren krampfhaft in die Polsterung verkrallt, über dem Kosferstapel im hinteren Wagenteil und fauchte wie der leibhaftige Teufel ... Duncan gab Gas, und während der Wagen mit seinem neuen Fahrgast nun immer rascher und stürmischer durch die Löcher und Mulden des Buschweges vorroärtsrafte, duckten sich die beiden Männer atemlos und mit verzerrten Gesichtern tief in ihre Sitze. Beide waren sie von dem gleichen Gedanken beherrscht — nur vorwärts, vorwärts um jeden Preis! Es gab für sie keine andere Möglichkeit — Duncan mußte versuchen, den unheimlichen Passagier in der nächsten Kurve abzuwerfen ... Aber zu ihrem Unglück verlief der Weg fast schnurgerade und war zu beiden Seiten dicht mit dornigem Buschwerk umsäumt, das selbst für die 80 PS des Wagens so undurchdringlich schien wie eine meterdicke Mauer aus Stein. Die Lage war somit alles andere als hoffnugsvoll — jedes Hindernis auf dem Wege, jeder Federbruch, der bei der tollen und halsbrecherischen Fahrt fast unausbleiblich schien, mußte eine Katastrophe bedeuten! Doch wie so oft in ähnlichen Augenblicken, sollte auch hier ein ein- Stgcr, ein Menschenhirn durchzuckender Gedanke die Rettung bringen! Thomas Hill war es, dem es ganz plötzlich einfiel, daß in einer der Wachstuchtaschen der Wagentüren ein kleinkalibriger Browning stecken mußte, der ihm schon oftmals unterwegs in den Eingeborenendörfern gute Dienst als Schreckfchußpiftole gegen die halbwilden Hunde geleistet hatte. Mit iahem Ruck riß er die Tasche auf — gottlob die kleine Pistole war da! Wohl stellte sie unter gewöhnlichen Umständen einem ausgewachsenen Löwen gegenüber kaum mehr als nur ein Spielzeug dar, doch immerhin — es war eine Waffe in der Hand eines Mannes, der sie zu gebrauchen wußte ... Einen Augenblick später hatte Hill sich herumgeworfen und angelegt. Er brauchte nicht zu zielen — er hielt das winzige Schießeisen einfach mit gestrecktem Arm zwischen die blinkenden Zahnreihen des Raub- nerrachens und druckte ab: einmal, zweimal, dreimal .. Beim dritten Male gab es nur ein helles metallisches Klicken, das Magazin war leer. In die grünlich schillernden Lichter des Löwen trat plötzlich ein seltsam starrer und abwesender Ausdruck — es schien, als blickten sie angestrengt in eine weite, unergründliche Ferne. Sein Kops sank schlenkernd herab, die gespreizten Krallen lösten sich langsam und ruckweise aus den Polstern. Dann fiel er polternd vornüber Als Duncan ein Weilchen daraus den Wagen zum Stehen gebracht hatte, rührte sich der Löwe nicht mehr. Er war tot, beide 6,35-Milli- meter-Geschosse hatten die Gaumenplatte durchschlagen und das Gehirn erregt. So fest hatte er sich zwischen die Blechkosfer und Gepäckstücke tm- Wagenkasten verkeilt, daß es den beiden Männern unmöglich war, den schweren Körper von der Stelle zu bewegen. So ließen sie ihn denn kurzerhand liegen, wie er lag: das knochige Hinterteil in die Lust gereckt und hoch über dem Wagenrand hervorragend, den milchkaffeefarbenen Ouastenschweif im Fahrwind wie eine Fahne hinterherflatternd • • Alles weitere verlief ohne Zwischenfall, Stunden später konnten sie wohlbehalten mit ihrer Jagdbeute einen stolzen Einzug in Aruscha halten, roo igr Abenteuer eine volle Woche lang das Tagesgespräch bildete. . Aier Lust hat, kann den sonderbar hellfarbenen kapitalen Löwen in ausgestopftem Zustande in der Vorhalle des Distrikts-Verwaltungsgebäudes von Aruscha bewundern — das heißt natürlich, wenn inzwischen nicht die Motten das Fell gefressen haben. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: BrühlschTÜniversitätsdruckerei A. Lange, GieH^