Jahrgang 1958 Hreitag, den 1. April Nummer 26 GietzeimZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Herz im LW Roman von Hans-Äalpae von Zabeltitz Copytig^ by Deutle Verlags-Anstalt, Stuttgart 12. Fortsetzung. Bernd eilt durch die Weiße-Saal-Galerie, die fast leer ist, weil die uuadrille beginnt, er kommt in die Bildergalerie, in der nur einige Lakaien an den Türen stehen. Er blickt den breiten langen Raum hinab und entdeckt ganz hinten, tast am Durchgang zum Schwarzen-Adler-Saal em Paar. Ein Verdacht steigt in ihm auf; mit hastigen Schritten strebt er vorwärts. Er hat sich nicht getäuscht; es ist Lexe. Zunächst erkennt er ihr gelbes Kleid, dann sie selbst. In einer der tiefen Fensternischen zum Lustgarten zu steht sie mit dem Rücken gegen den Vorhang, der die Scheiben deckt, und vor ihr Graf Engstedt. Er hat sie in die Ecke gedrängt und redet auf sie ein. Sie halt den Kopf gesenkt; Bernd steht nur den Flechtenkranz ihres dunklen Haares, aber er meint doch zu wissen, was sich jetzt auf ihrem Gesicht spiegelt: Angst. Sie hören seinen Schritt nicht, der dicke Teppich schluckt jeden Laut. Jetzt ist er hinter Engstedt, er fängt einen Satzfetzen auf: „So seien Sie doch vernünftig, Lexe." Da legt er seine Rechte auf den Arm Engstedts: „Sie gestatten ..." Und dann zu Lexe: „Du kommst wohl mit mir." Der andere begehrt auf: „Ich verstehe Sie nicht, Herr von Wallnitz." „Das ist auch zur Zeit nicht nötig, Graf Engstedt. Ich weiß, daß die Komteß Czeh wünscht, zu ihrer Mutter geführt zu werden, und das genügt mir." Er nimmt Le^es Arm und geht mit ihr den Weg zurück, den er gekommen ist: die Bildergalerie, die Weiße-Saal-Galerie entlang. Er fühlt, Lexe zittert, er sieht in ihr Gesicht, sie hat die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, ihr Kinn bebt. Aus dem Weißen Saal strömen die Klänge der Musik, die Geräusche der schleifenden, tanzenden Sohlen, das Gewirr verhaltener Stimmen. Bernd denkt: Ich muß sie jetzt an eine Stelle bringen, wo sie allein ist, wo keine Menschen sind und keine hinkommen. Er zieht sie weiter, und sie folgt ihm willenlos durch die hohen Windtüren hinaus ins Treppenhaus des Eosander-Baus und die Stufen hinauf, die zur Kapelle in der Schloßkuppel führen, ein halbes Stockwerk hoch und noch ein halbes. Am letzten Absatz vor der Kapellentür bleibt er stehen. Es ist fast dunkel hier. Hoch oben in der Wölbung der Decke brennt eine einzelne Birne. «Was war, Lexe?" fragt er. Sie antwortet nicht, sie blickt ihn auch nicht an. „War es richtig, daß ich dich holte?" Sie nickt. Und dann sind die Tränen da. Er stützt sie, zieht sie nieder. So sitzen sie beide dicht nebeneinander auf der Treppe Ganz still ist es um sie. Nur dann und wann weht ein leiser Klang Musik zu ihnen. Er läßt sie meinen; nur daß er fein Taschentuch hervorzieht und ihr reicht. Da sagt sie schluchzend: „Danke" und führt das Tuch an die Augen. Räch einer Weile kommen Worte, und er muß sich nah zu ihr beugen, um sie zu verstehen. „Ich bin ja so dumm, so dumm. ~ nmer muß ich gleich heulen." „Hat er dich gequält?" „Ob ich seine Frau werden will, hat er mich gefragt." „Und du?" Sie läßt das Taschentuch in ihren Schoß sinken. Es sind keine Tränen mehr da. Ganz trocken sind die Augen. „Ich habe doch einen ganz anderen lieb." Ein Lächeln blüht um ihre Lippen auf, ein süßes, halb kindliches, halb frauliches Lächeln. Und plötzlich weiß Bernd, wie es in ihm in Wahrheit aussieht, wenn er alle Selbsttäuschung und allen Selbstzwang ablegt, weiß, warum er nach ihrer Einsegnung sich mit Peter Müller stritt, weiß, warum er immer wieder ins Czehsche Haus gehen mußte in diesen letzten Jahren, weiß, warum er vorhin nach ihr suchte und warum er sie fand. „Mich, Lexe?" Ganz groß sind ihre Augen. „Ja, Bernd." Es ist ein festes und klares Bekennen. Er zieht sie an sich, feine Hand umspannt ihre Schulter, die bloß und kühl ist. „Mich alten Esel?" „Du bist doch kein alter Esel, Bernd." ~ Fristen sich. Sitzen auf der breiten feierlichen Marmortreppe zur Schloßkapelle und küssen sich. Und schwatzen all das dumme Zeug, das sich verliebte Leute in aller Welt zuflüstern. Bis Lexe erschrocken ruft: „Du, Bernd, der Hofball. Er muß ja gleich aus fein." Sie springt auf. „Haft du keinen Spiegel, Bernd? Bon jetzt ab mußt du immer einen Spiegel bei dir haben, verstehst du? Wie ehe M denn aus? Total verheult, was? Und die Frisur ist wahrscheinlich auch hin. Sie fährt sich tastend über das Haar. „Was mache ich nur? So kann ich doch nicht in den Weißen Saal zurück." Sie nimmt ihn bei der Hand, zieht ihn die Treppe hinunter, bleibt beim ersten Absatz noch einmal stehen. „Hast du mich lieb, Bernd?" „Ja, Lexe." „Sehr Heb?" „Sehr." Heimlich drücken sie sich durch die Windtür, schlüpfen in die Weiße- Saal-Galerie hinein. „Hier warte auf mich", befiehlt sie, „ich bin gleich zurück." Er wartet gehorsam, sieht, wie sie in einer der kleinen Türen verschwindet, die von der Galerie ins Schloßinnere führen. Du Kind, denkt er, du liebes gutes großes Kind. Dann steht sie wieder vor ihm, hat frischen Puder auf den Wangen und lacht. Die Musik ruft zum Schlußreigen. Sie fassen sich bei den Händen und gehen in den Saal. Ein Leutnant kommt gelaufen: „Komteß, den Schlußreigen hatten Sie mir versprochen." Bernd winkt ab. „Lieber Loburg, das ist ein Irrtum. Für diesen Schlußreiqen bin ich schon seit Wochen mit Komteß Czeh verabredet." Sie schreiten Hand in Hand nact) dem Rhythmus des feierlichen Marsches; sie umrunden in der langen Kolonne der Tänzer den Saal, sie ordnen sich mit den anderen zu vieren, zu achten, zu sechzehn nebeneinander, bis im Halbrund der große Stern gebildet ist, dessen Mittelpunkt der Thron ist, vor dem die Majestäten stehen, und dessen Strahlen sich aus den Reihen der Paare zusammenfetzen, den Reihen der Herren in den blitzenden leuchtenden Uniformen der preußischen Garde, den Reihen der Damen in dem vielfarbigen Geflimmer ihrer Kleider ihres Schmucks und dem blendenden Weiß ihrer Schultern. Sie schreiten durch den Saal des Kaiserfchlafses und spüren nur den Glanz um sich, fie find eingetaucht in dies Meer von Licht und Pracht, sie fühlen sich sicher in diesen Mauern, die die Macht der Krone umschließen die Macht, mit der ja auch ihr Glück und ihre Zukunft verbunden sind Der Stern der Tänzer steht. Der Vortänzer hebt die Hand. Die Damen schreiten langsam gegen den Thron vor und versinken in tiefem Hofknicks vor ck>en Majestäten, sie richten sich wieder auf, edle Stoffe rauschen, Seide knistert. Wieder hebt der Dortänzer die Hand, und nun bewegen sich die Reihen der Herren zur Verbeugung nach vorn, gleiten zurück und fassen die Hände ihrer Damen, um fie zum letzten, dritten, gemeinsamen Gruß zu führen. Noch einmal beugen sich alle, die den Saal füllen, dankend gegen das Kaiserpaar, dessen Gäste sie waren. Dann tönt das „Halali" der Musik. Der Ball ist aus, der letzte Hofball, der Fastnachtsball 1914. Der Stab des Zeremonienmeisters dröhnt auf das Parkett. Eine Menschengasse bildet sich, durch die im feierlichen Zuge der Hof das Fest verläßt. Die Uhren der Stadt Berlin schlagen zwölf. Nach alter Sitte gibt es nach der Beendigung des Fastnachtsballs in der Bildergalerie Pfannkuchen und Punsch. Die Lakaien bieten Gebäck und Getränk an, sie tragen große silberne Tabletts vor sich her, auf denen die Kuchen in köstlichen Schalen Alt-Berliner Porzellans liegen und der Punsch in kleinen bauchigen Kristallgläsern dampft, er wird zum Teil auch kalt gereicht, er ist berühmt wegen seine Güte; aus alten Rheinweinen der Königlichen Domänen wird er nach einem geheimen Rezept gebraut. Lexe und Bernd halten die Gläser in den Händen. Sie stoßen an. „Auf dein Wohl", sagt er. „Auf unser Wohl", erwidert sie. Um sie sind viele Menschen. Sie aber wünschen sich zurück auf die Stufen der Kapellentreppe. Sie müssen mit vielen sprechen und würden lieber nur miteinander reden. Sie haben ein Geheimnis, dessen Glück so groß ist, daß sie sich vor dem Augenblick fürchten, in dem sie es mit anderen teilen müssen. Fast erstaunt sehen sie die Umwelt an, die ihnen noch vor einer Stunde vertraut war, derer sie sich freuten und um die sie sich Sorgen machten; jetzt verstehen sie kaum noch, warum sie auf Im Dunkeln Dann macht sie iferbes, es hängt in der Mähne und klebt an den Züg« trockenes gibt es mehr. Man kann sich nicht vorstellen, daß idn. Nichts j es wieder aushören wird zu strömen; man ist zu müde, sich zu dieser Hoffnung aufzuraffen, der Regen hat alle Kraft und alles Wollen zermürbt, allen Glauben zerstört. Der Hauptmann von Wallnitz hat einen Befehl in der Tasche, er soll ihn zum Stab der Brigade bringen, der der rechte Flügel dieser Schlachtfront unterstellt ist; er lautet: Um drei Uhr früh wird auf der ganzen Linie des Armeekorps der Angriff fortgesetzt. Bernd Wallnitz hat diesen Befehl nicht begriffen. Er ist der jüngste Generalstabsoffizier des Generalkommandos, zu dem er unter Beförderung zum Hauptmann am ersten Mobilmachungstage versetzt wurde, und der General der Kavallerie von Lassow, den er so hoch verehrt, ist sein Kommandierenden General. Er hat ihn bewundert in vielen Gefecli en, heute versteht er ihn nicht. Er ist den ganzen Tag unterwegs gewefen, vorgeritten bis dicht an die vordersten Linien, er hat gesehen, wie die Infanterie im Sumpf steckenblieb einem Feind-gegenüber, der unsichtbar, unfaßbar, ja unverwundbar in diesem Buschgewirr der Weichselniederung versteckt lag, der sich barg zwischen Schilf und Bruchgras, über den der Regen undurchdringliche Schleier legte. (Fortsetzung folgt.) liegt sie und grübelt über sich selbst, nicht über ihr Kind, sie Licht, steht auf, hüllt sich in ihren Schlafrock und wandert ohne Ruhe durch das Zimmer. Sie schaltet die Krone ein, die Deckenbeleuchtung, die Lampen an chrem Frisiertifch; sie braucht Helle. Sie sitzt vor dem Spiegel und starrt ins Glas. Ganz dicht führt sie ihr Gesicht an die widerglänzende Scheibe, sie sucht nach Falten auf ihrer Stirn, um ihren Mund und in den Winkeln ihrer Augen, sie prüft ihren Hals, betrachtet ihr Haar. Sie erhebt sich, zieht die Seide enger um ihre Schultern, um ihre Hüsten. „Bin ich wirklich schon so alt?" fragt sie sich, „daß ich bald eine verheiratete Tochter haben werde, die dann selbst ein Kind hat, Kinder wie ich?" Sie kann das nicht glauben, sie will es nicht glauben, es schmerzt sie. „Weißt du, daß ich dich einmal sehr geliebt habe, Mutter?" hat Bernd vor wenigen Stunden gesagt und hat dabei gelächelt. Er hat es gesagt wie etwas lange Abgetanes, was schon Jahrzehnte verschollen ist, und das Wort „Mutter" ist ihm so selbstverständlich vom Munde gegangen, als ob sie wie seine eigene Mutter in grauen Haaren vor ihm stände. Sie steht auf den Kalender. „Dienstag, den 24. Februar." Sie wird sich das Datum merken, es bringt einen herben Abschluß in ihr Leben. Die Kinder — ihre Gedanken umschließen Lexe und Bernd schon in dem einen Begriff — haben sie nicht viel gebeten und gefragt, sie sind mit unbekümmerter jugendlicher Sicherheit auf ihre Ziel zugegangen: Veröffentlichung der Verlobung möglichst schnell, sobald Bernd die notwendigen Formalitäten erledigt und die Zustimmung seiner Vorgesetzten eingeholt hat, dann eine Reise nach Dapper, sobald Bernd sich frei machen und ein paar Urlaubstage erbitten kann, die Hochzeit im Herbst, sobald Bernd aus dem Manöver zurück ist. x „... sobald Bernd ..Das ist der Leitsatz allen Denkens bei Lexe gewesen. Für sie selbst gab es als Zwischensätze alles Planens nur kurze Anfragen: „Es ist dir doch recht, Mutter?" — „Su bist doch einverstanden, Mutter?" Was blieb ihr übrig, als „Ja" zu sagen. Dann ist Bernd gegangen. Gewiß: er hat ihr gedankt sür ihr Vertrauen, er hat ihr gebantt für ihr Einverständnis, aber fein Hinnehmen mar so ohne Vorbehalt, daß es sie schmerzte. Wußte er denn überhaupt, was sie ihm gab und was er ihr nahm? Es war ja nicht die Tochter allein, es war ja auch ein ganzer Lebensabschnitt, den sie chm mit- opferte, weil sie sich in diesem Abschnitt für Lexe aufgeopfert hatte und für Günter. Für ihre Kinder hatte sie ein Glück hingegeben, hatte geglaubt und sich immer wieder und wieder selbst vorgesagt, daß die wenigen 'Glückswochen chres Lebens sie so mit Liebe erfüllt hätten, daß es genug wäre für ihr ganzes Dafein. Sie hatte aus diesem Quell stets von neuem Kraft geschöpft, sich am Erinnern aufgerichtet, sich gepredigt: Sei dankbar, du hast mehr in kurzer Zeit gehabt als andere während Jahrzehnten. Du durftest jung fein, noch einmal jung fein, als du schon reif genug warst, wirklich den Zauber solcher Jugend ganz auszukosten. Du hast diese verschwenderische Gitte des Schicksals nicht wie etwas Selbstverständliches hingenommen, sondern wie eine selten große Gabe genossen. Sei dankbar und fordere nichts mehr. Ader jetzt, da die Jugend kam und mit ihrer eigenwilligen Sicherheit forderte und nahm, ist es ihr, als ob der Quell ihrer Kraft erfchöpft ei. Sie ist leer, ist wie ausgepumpt. Sie hat Jahre und Jahre gegeben, le hat ihre Arme liebevoll um ihre Kinder geschlossen; jetzt möchte te auch einmal wieder Liebe empfangen, möchte auch einmal wieder in >en Arm genommen werden und an nichts denken brauchen. William Bruce. Wenn er heute käme und sie fragte, sie würde wohl mit ihm gehen. * Wenige Monate später sicht William Bruce vor Irene Czeh. Es ift am Vormittag des 4. August 1914. Er hat unter ungeheuren Schwierigkeiten von London aus über Amsterdam noch einen Weg nach Berlin offen gefunden. Seine Diplomatenpässe haben in letzter Stunde doch noch ihren Dienst an der deutMes Fest tarnen. Der Trubel hat keinen Sinn mchr für sie, Sinn haben sie nur noch für sich selbst. Dann ist Irene bei ihnen. Sie läßt sich auch em Glas reichen, stoßt mit ihnen an. Sie sieht Lexe in die Augen. „Was ist denn mit dir, Kind?" fragt sie. Lexe muß lügen: „Mit mir — nichts, Mutter. Der Abend war nur so schön." Aber dann beichten sie doch schon wenige Minuten später im Wagen: „Wir haben uns verlobt, Mutter." Sie können nicht schweigen vor Irene. In dieser Nacht liegt Irene Czeh lange wach. Sie müßte eigentlich glücklich sein, denn sie ist ganz einverstanden mit dem, was gekommen. Sie kennt Bernd, weiß, daß er zuverlässig und tüchtig ist, weiß, daß er Lexe liebt und daß sie ihn liebt, mehr noch: sie glaubt beiden diese Liebe. Daß er arm ist, spielt keine Rolle. Das Heiratsgut Lexes ist groß genug für ein sorgenfreies Leden. Das Majorat hat außerdem noch eine Töchterstiftung, deren Zinsen ihr zufließen, und solange die Verwaltung Waldhaufens in ihren Händen liegt, kann sie noch überreich fast für das Paar sorgen; später wird Günter seine einzige Schwester nicht im Stich lassen. Vielleicht ist Lexe noch ein wenig jung zur Ehe, vielleicht ist Bernd ein wenig zu alt für sie; jedoch elf Jahre Unterschied sind nichts Außergewöhnliches, und Lexe ist älter, als sie selbst war, als sie heiraten mußte. Lexe aber heiratet aus freiem Willen. Alles ist also in guter Ordnung. Aber das Glück will nicht in ihr Herz kommen. Es ist ihre Schuld, iie weih es. Sie muß immer an sich denken; weniger an das Kind, das ie fortgeben soll, weniger an die Einsamkeit, die in ihren Alltag kommen wird, als an die Tatsache, daß es nun schon so weit ist für sie, für chre zweiundvierzig Jahre. Sie denkt an Wien: es ist doch noch nicht so lange her. schen Grenze getan. Am Wend muß er mit dem Personal der britischen Botschaft Berlin wieder verlassen. „Kamm mit mir, Jri", sagt er. „Das Rad ist nicht mehr auszuhalten. Heute nachmittag wird England den Krieg erklären. Ich habe alles für uns beide eingeleitet. Sir Edward Goschen, der Botschafter, wird uns trauen. Du gehst als meine Frau nach England. Wir nehmen deine Kinder mit." _ Sie sieht ihn ohne Verständnis an. „Meine Tochter wird morgen mit einem deutschen Offizier kriegsgetraut." „So nimm Günter und folge mir." „Günter trägt preußische Uniform. Noch ist es die Äaöettenuniform, bald wird es eine andere fein. Er ist saft siebzehn Jahre, er wartet nur daraus, eingestellt zu werden." „Günter soll gegen England kämpfen?" Das Blut weicht aus feinem ^„Günter wird gegen England kämpfen, William. Er ist ein Deutscher, ir ist Alexander Czehs Sohn." Einen Augenblick ist dumpfe Stille- im Raum, bedruckende Stille. Eine Rechnung, die er durch Jahre still in sich trug und die er glaubte, nun da die Kriegswogen stürmten, begleichen zu müssen, ist durch die klaren Worte dieser Frau ausgelöscht. Es gibt da keinen Zweifel mehr. William Bruce hebt die Hand und legt sie auf seine Stirn; als ob er einen Gedanken fortwischen müsse, dann streicht er langsam über fein volles graues Haar. Er richtet sich auf, er hat feine Haltung zurück- geroonnen; er ist bereit, weiterzukämpfen. - „Aber du, Jri, du gehörst zu mir. Ich liebe dich heute, wie ich dich immer liebte. Deine Kinder gehen von dir, du bist frei." „Nein, ich bin nicht frei. Ich gehöre in meine Heimat mehr als je” „Du liebst mich doch. Du hast mich nicht vergessen. Ich toeih es. Aus jedem deiner Briefe habe ich es gelesen. Immer wieder. Ich suhlte, du wolltest warten, bis Lexe geheiratet hatte. Nun ist es soweit." „3a, William, ich liebe dich. Aber du vergißt: es ist Krieg." „Um so mehr mußt du fort aus Deutschland." „Würdest du in Deutschland bleiben, wenn ich dich bäte?" „Das ist etwas anderes. Ich bin ein Mann." ,3ch bin Engländer, willst du sagen. Und ich bin eine Deutsche." Er gibt sich noch nicht geschlagen. „Du wirst Not leiden. Du wirst verzweifeln hier. Deutschland wird ein Land werden, in dem die Frauen hungern müssen. Alle Grenzen werden gesperrt. Ihr werdet diesen Krieg verlieren, ihr müßt ihn verlieren. Ich will dich retten, Jri, verstehst du mich denn nicht?" , , , , „Wir werden diesen Krieg nicht verlieren, William." Ganz fest sagt sie es, ganz sicher. „England hat noch nie einen Krieg verloren", ruft er ihr zu. „So wird dieser der erste sein, glaube es mir." Ihre Stimme schwankt nicht. „Und wenn du wahr sprichst, William, wenn Not und Hunger über uns kämen, wenn alles Unglück über Deutschland hereinbräche — wie sagt ihr Engländer? .Whrigt or wrong — my country.' Muß ich dich mit eurem eigenen Satz schlagen?" Ganz dicht tritt er zu ihr. Seine Stimme klingt weich. „Wenn du Hilfe brauchst, Jri, ich werde da sein. Ich werde dem schwedischen Gesandten Bescheid sagen, daß er Briefe von deiner Hand an mich weiterleitet." „Wirst du noch an die Front gehen, William?" „Ich weiß nicht, rote im Foreign Office über mich verfügt wird.” Sie reicht ihm die fianb. „Gott schütze dich. Und vergiß nie, daß in Deutschland eine Frau ftbt, die dich liebt, auch wenn du der Feind ihres Landes bist." .(Es ist eine schwere Zeit." „Geh durch die Straßen, William, sieh die Menschen, das Volk, die Fahnen. Höre die Lieder. Es ist ein Erwachen, William, es ist eine große Zeit." Bernd von Wallnitz reitet durch die dunkle Nacht. Kalter Regen fällt [eit dem Morgen dieses 12. Oktober ununterbrochen vom Himmel, er durchdringt jede Hülle, kein Mantel, kein Umhang schützt. Solange es hell war, lag der Regen wie ein fließender, wallender Schleier über der Landschaft, alles verschwamm, grau in grau, in ihm: der endlose Wald, der Sumpsgrund der Weichseluser, die wenigen strohgedeckten Katen, die, zu kleinen Siedlungen geballt, hier und da an morastigen Wegen liegen. Jetzt sieht Wallnitz in der undurchdringlichen Finsternis die feuchten Strähnen des Regens nicht mehr, er fühlt ihn nur rinnen — rinnen, er hört ihn nur rauschen — rauschen; das Naß fällt auf den Helm, auf die Schultern, auf Brust und Rücken, es riefelt von den Knien herab und rinnt in die Schäfte der Stiefel, es tropft vom Haar des Hattet nun die Augen offen! Von Hermann Claudius. Haltet nun die Augen offen: Primeln, Krokus, Anemonen, Maßliebchen und Hyazinthen, Schlehdorn, Seidelbast und Birke und der Kirschbaum hinterm Hause — seht, es drängen ihn die Knospen und den Birnbaum auch nicht minder — selbst das Farnkraut, zwischen Steinen rollt es sich aus braunen Hüllen. Und der Tulpen stolze Reihen heben ihre Tütenspitzen. Und wo chm die Sonne heimlich hinterm Knick ein Bett bereitet, äugt das Veilchen aus der Erde. Und der erste gelbe Falter taumelt aus dem Himmel nieder, und er zickzackt um die Beete. Finken rufen in der Frühe. Meisen läuten um den Mittag. Amseln singen in den Abend. Horchet nun mit feinen Ohren, bis aus dunkelm Erlenbufche tropft das Lied der Nachtigall. Viele Küsse durch ein Gitter. Bon Georg von der Bring. Ich kam an einem Septembertage in Mqrotta an und nahm mir für die erste Nacht ein Zimmer im Ristorante. Morgen in der Frühe würde ich mich nach einem preiswerten Quartier umsehen. Da es aufgehört hatte zu regnen, ging ich noch zum See hinunter. Die Wasserfläche lag in einem milchigen Grauweiß unter den heraufziehenden Abendwolken. Der Zollbeamte schlenderte mir unter den gestutzten Platanen entgegen: ich erkannte ihn schon von weitem an seiner steilen Mütze wieder. Alles erkannte ich wieder: die Häuserzeile der Piazza mit ihren erlöschenden Farben, die vertäuten Boote, die sich auf ihrem blanken Schlummerkissen wiegten und die weiße Landungsbrücke mit ihrem Lampenstern ... Als ich zum Borgo zurückkehrte, merkte Ich, daß mir jemand folgte. Es war nicht der Zollbeamte, sondern ein großer schlanker Mann ohne Hut. Ich blieb stehen, um ihn herankommen zu lassen — aber er blieb ebenfalls stehen. Ich trat in einen Obstladen und kaufte mir Erdnüsse und Feigen. Da erwartete mich der Mann vor der Tür. Er fragte auf deutsch, ob ich ein Zimmer suche. Ich bejahte. Darauf erklärte er, ich möchte ihm nur folgen, er hätte ein ausgezeichnetes Zimmer für mich und würde es mir gern zeigen. Ich merkte, daß er ein Landsmann war und erklärte mich bereit. Er ging wortlos voran und führte mich durch Geröllgassen, unter Bogengänge hin, über Höfe, wo der aufgehängte Mais neben unseren Gesichtern schwankte, durch Gerüche von Wein, Fleisch und feuchtem Laub. Dann erreichten.war einen kühlen Flur, der nur von dem Dämmerlicht, das wir von draußen mit hereinbrachten, erhellt war. Der Mann öffnete eine Tür, hieß mich eintreten, schaltete das Licht an und schloß hinter uns ab. Eine unverhüllte Deckenlampe tauchte den Raum in grelles Licht. Ich sah sofort, daß mein Begleiter ein Maler war: auf dem Tische lagen zwischen Tomaten, Orangen, Melonen, Mais, Aepfcln, Zwiebeln, Nüssen — Farbtuben, Pinsel, verschmierte Tücher und eine Palette. An den Wänden glänzten feuchte Oelskizzen. Der Maler räumte dann auf, und ich konnte mich setzen. Er war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit einem roten Gesicht und wunderschön gelocktem blonden Haar. Er setzte sich mir gegenüber, rieb sich die ziemlich unsauberen Oelfarbenhände und begann: „Sie werden inzwischen gesehen haben, daß es ein ausgezeichnetes Zimmer ist. Wollen Sie es mieten?" Er nannte mir den Preis. Ich fand ihn angemessen. „Weshalb geben Sie das Zimmer auf?" fragte ich ihn. „Durchaus nicht wegen irgendwelcher Mängel", kopffchüttelte er. „Ich ziehe hier weg, weil ... aber, das tut ja nichts zur Sache, mein Herr. Nehmen Sie es doch!" Er sah mich bittend an. „Ich wohne hier seit zwei Monaten, und Ich habe hier gern gewohnt. Ich will die Wirtin nicht Im Stich lassen. Sie würde enttäuscht sein, wenn ich ginge. Kann ich ihr einen neuen Mieter bringen, so wird es mir weniger schwer fallen, zu kündigen. Mieten Sie?" Erst müßte Ich die Mängel des Zimmers wissen, sagte ich, den Grund, weshalb er auszöge. Schon war wieder meine entsetzliche Neugierde erwacht. Er seufzte und rang die großen unsauberen Hände. Dann deutete er Zum Fenster und murmelte: „Nun, es ist das Gitter da." Vor dem offenstehenden Fenster befand sich ein schmiedeeisernes Gitter mit ovalen Mustern, eine kleine kunstvolle Arbeit. „Ich sehe mich überall nach solchen Gittern um", begann der Maler. „Sie geben mir Rätsel auf. Wenn ich in meiner Kindheit in Ostpreußen ein derbes Gitter an der Straße entdeckte, so stellte ich mir immer einen gewaltigen Bären dahinter vor. Ein Gitter verspricht dem MenscheS etwas, nicht wahr? Auch das hübsche Gitter dort hat mir allerhand oet* sprachen." „Und trotzdem ziehen Sie aus?" „Weil es nicht gehalten hat, was es mir verfprachl Aber — das Ifl alles nur so ein Gerede. Mieten Sie das Zimmer?" „Wenn Sie mir erzählen, was Sie mit dem Gitter erlebten — jal" „Sie wollen mieten, wenn ich das erzähle?" Er schüttelte den Kopf und' mußte lächeln. Nachdem er eine Weile nach draußen gelauscht hatte, sagt«! er: „Nun, ich kenne Sie nicht, und Sie kennen mich nicht — wir werden einander vielleicht nie wieder begegnen — hören Sie also: — Sie werden aber bestimmt mieten?" „Bestimmt!" Ich gab ihm die Hand darauf. Das Fenstergitter mit dent ovalen Gewinde, das jetzt die elektrische Flamme beleuchtete, und hinter dem die Nacht begann, war mir bereits ans Herz gewachsen. Der Maler begann: „Jedes Gitter ist, wie gesagt, ein Versprechen —< es trennt zwar, zugleich aber verspricht es eine Verbindung — es verbindet so sehr, es zeigt uns den Schatz, der hinter ihm auftaucht. Es will einem jagen: die Pappel dort, der Turm von San Giorgio drüben, die Mauer hier mit ihren Riffen und Lazerten — all das ist kostbar, denn ich, das schmucke Gitter, halte es dir wie hinter einer wundervollen Schranke verborgen — all das Ist deshalb so kostbar, weil ich es in seinem Wert erhöht habe. Nun, genug der Rederei. Es kamen manchmal Leute ans Gitter, um zu sehen, was der deutsche Maler da drinnen machte. Sie kamen über die Gasse und drängten ihre Gesichter vor, um den Bären ausfindig zu machen, der da hauste. Cs waren immer Männer. Hören Sie also weiter. Es kam nämlich auch ein« Frau an das Gitter — oder besser ein Mädchen — eine Madonna vielleicht. Eines Tages, gegen Abend, erblickte ich ihr Gesicht hinterm Gitter, und es war das Gesicht einer südlichen Madonna — die schwarzen Augen, das schwarze, gescheitelte Haar, eine gerade Nase, ein Mund, so sanft und so süß wie bei Botticelli, dazu ein Kinn, das etwas zu breit war vielleicht. Ein (Bitter ist ein Versprechen, und so erhöhte sich mir das Gesicht auf eine kaum erträgliche Weise. Ich träumte von ihm in der Nacht. Am nächsten Tage wartete ich, daß es wiedererschiene. Und es tarn, ganz kurz kam es, mitten in der Dämmerung. Es tauchte dicht hinter den ovalen Bögen auf, und ich faß und rührte mich nicht, um es nicht zu verscheuchen, um es zit bannen. — Schon aber war es wieder fort. So Abend für Abend. Ich verlor alle Ruhe. Der Tag wurde ein einziges Warten auf die Dämmerung, wo das Gesicht erscheinen würde. Mit bet Arbeit war es aus. Schließlich sagte Ich mir: es muß etwas getan roerben. Was aber? Und eines Abends lehnte der Bär sein Gesicht gegen das kühle (Bitter, Cs war schon spät, die Dämmerung wurde Nacht. „Sie" war noch immer nicht erschienen. Gerade heute, wo „etwas getan werden" sollte, blieb sie so lange aus. Dann kam sie gegangen. Ich hörte ihre Holzpantinen klappern. Würde sie vorübergehen? Sie tat es nicht. Sie blieb stehen, griff mit den Händen ins Gitter und brachte ihr Gesicht nahe heran Kann man sich durch so ein winziges Oval küssen? Man kann es, mein Herr. Ein Bär kann einem sogar die Nase abbeißen. Ich aber küßte sie auf ihren Madonnenmund, ganz kurz und leise, und dann war sie wie eine Lazerte davon. Ich glaubte von Herzen, daß ich jetzt eine Freundin besäße. Und e< schien doch auch so! Sie kam jeden Abend ans (Bitter, und ich küßte sie. Wir sprachen nicht miteinander. Schon am dritten Tage machte sie den Weg zweimal. Zum zweitenmal vernahm ich das Geklapper ihrer Pantinen, und ich eilte ans (Bitter und bekam einen zweiten Kuß. Sie küßte jedesmal verschieden, einmal spitz, einmal breit, so wie sie gerade Lust hatte. Endlich sprach ich sie an. Ich bat sie herzlich, zu mir hereinzukommen. Aber es war immer das gleiche: sie wollte nicht und lachte nur — einmal lachte sie hell auf, ein andermal dunkel, je nach Laune. Und dann war sie eines Abends dreimal ober viermal vvrbeigekommen, unb ich konnte nun nicht mehr über meine Einsamkeit klagen. Dann ein paar Tage später, geschah dies: Eben kam Ihr Schritt —< setzt küßten wir uns — plötzlich' ein zweiter Schritt, und neben dem Madonnenkopfe erschien ein zweiter und wollte auch seinen Kuß, unb also gab es ein Gelächter. Hatte ich denn zwei verschiedene Mädchen geküßt? — Ich bat die beiden herein. Nach langem Zögern und viel Gekicher kamen sie ins Zimmer. Es stellte sich dann heraus, daß ich sie beide schon manchesmal geküßt hatte. Sie saßen einander zwar uicht sehr ähnlich, nun sie unter der Lampe standen und lachten. Hinter dem Gitter aber hatten sie einander geglichen, wie ein Ci dem andern. Als wir noch standen und lachten, näherte sich draußen ein Schritt und hielt an. Was glauben Sie, es kam eine dritte ans (Bitter! — Nun. um es kurz zu machen: es waren sieben. Alle sieben waren sie einmal einzeln vorübergekommen, anfangs. Sie waren Kameradinnen bei der Weberei oben, lauter kleine Weberinnen also. Alle hatten sie Küsse mit mir getauscht, und keine hatte es von der anderen gewußt. Was sagen Sie! Ja, und eines Abends waren sie dann olle sieben bei mir drinnen. Sie benahmen sich durchaus gefaßt. Sie zwitscherten wie die Vögel. Ich aber küßte sie nicht, damit war es jetzt vorbei." „Sind sie alle sieben schön?" fragte ich, als er geendet hatte. Cr nickte: „Das ist es ja eben, daß sie alle schön sind! Aber doch sind' sie alle sieben bei weitem nicht so süß und so schön wie ,die eine', die Ich durchs (Bitter geküßt habe — zu küssen meinte. Ein Gitter ist ein Versprechen — aber das Leben hält dies Versprechen nicht." Seine Stimme klang jetzt traurig. Er reckte den Hals und lauschte nach draußen. Dann fügte er rasch hinzu: „Und seither habe ich sie olle hier drinnen auf dem Halse. Abend für Abend. Sie schmieren mit meinen Pinseln herum unb fo weiter. Alle wollen sie was von dem Bären, der hinterm Gitter wohnt. Aber der Bär? Was kann er ihnen geben? — Auch für sie, für jede einzelne von ihnen, ist das (Bitter ein Versprechen gewesen,- und auch ihnen kann das Leben dies Versprechen isicht halten. Das habe ich mir nämlich geschworen —" Er lachte los Ich fragte: „Und Sie reisen von Marotta fort?" „Ja. Ich werde dorthin reisen, wo ich ,die eine' vermute — wo ein anderes Gitter sie mir verspricht, und wo —" Er griff hinter sich zum Schalter und verlöschte das Licht. „Sie kommen!" flüsterte er. Ich hörte sie auch. Sie kamen die Geröllgasse heruntergeklappert. Sie schwatzten und trällerten Sie hatten die Arbeit in der Weberei beendet. Früher waren sie einzeln gegangen, jetzt kamen sie in einem Trupp daher. Der Trupp näherte sich und wurde still. Vor dem Fenster hielt.er an. Eine Stimme fragte durchs Gitter: „Bruno? —" Eine zweite: „Bruno?" Eine dritte, eine vierte — ein freudiges Geflüster von sieben Stimmen. Wir rührten uns nicht. Sie kamen noch über den Flur getrippelt und rührten leise an die Klinke, nacheinander, siebenmal. „Bruno?" — „Bruno?" — „Bruno?" Wir hielten den Atem an. Sie klopften noch eine Weile. Dann rannten sie mit Gekicher davon. Ich hörte, wie der Maler aufatmete. Nach einer Weile machte er Licht. Er begann sofort, seine Sachen zu packen: ich half ihm dabei. Von morgen ab werde ich jenes Zimmer mit dem verheißungsvollen Fenstergitter bewohnen. Ich stelle mir vor und wünsche mir, daß die sieben hübschen Weberinnen dann und wann meine Gäste sein werden. Zur Nacht. Von Theodor Storm. Vorbei der Tag! Nun laß mich unverstellt Genießen dieser Stunde vollen FriedenI Nun sind wir unser: von der frechen Welt Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden. Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt. Der Liebe Strahl sich rückhaltlos entzünden: Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt, Mlch deiner Stimme lieben Laut empfinden! Was gibt es mehr! Der stille Knabe winkt Zu feinem Strande lockender und lieber; Und wie die Brust dir atmend schwellt und sinkt Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber. Dreizehn Mann auf einer Insel. Von Heinz Geck. - Dreizehn Mann trotzten vier Jahre lang der Macht Englands und erhielten militärische Ehren und volle Pension dafür .. . Wer einmal nach Schottland fuhr, der kennt auch „Baß Rock". Es ist ein kleines, steil abfallendes Felsensiland vor der Mündung des Firth of Forth, etwa fünf Kilometer von der Stadt North Berwick entfernt. Baß Rock ist heute die Zufluchtsstätte unzähliger Seevogelscharen und der dazugehörigen Ornithologen geworden und wird höchstens stoch in den Wetterwarnungen der Admiralität erwähnt. Aber in der guten alten Zeit war Baß Rock ein Gefängnis, das im Volksmund die „schottische Bastille" genannt wurde. Vor dieser schottischen Bastille logen die drei größten Kriegsschiffe der englischen Flotte und feuerten aus allen Rohren. Steinsplitter prasselten ins Meer, Möwen kreischten ausgeregt bei jedem Schuß, — und die dreizehn Männer, die den Felsen besetzt hielten, saßen plaudernd bei gutem flandrischem Bier. „Laß sie nur ihr Pulver verknallen"^ lachte Captain Maitland, der Anführer der kleinen Schar, „diese Felsen haben lahrhundertelang hier gestanden, und ich glaube, sie werden noch einige Zeit hier stehen bleiben " Und dann tranken sie auf die gute Gesundheit Jacobs II. Vier Jahre lang wurden sie befchossen. Mer Jahre lang verlachten dreizehn Männerchen aus einer winzigen Insel Pracht unib‘ Macht des großen England, — und während all dieser Zeit sorgten st« sich mehr um den guten Sitz ihrer Perücken und die Temperatur des Frühstücksweines als um die fast täglichen Angriffe. So aber fing diese bemerkenswerte Belagerung an: Im Frühling des Jahres 1689 wurden vier junge Offizier nach der Revolution auf Baß Rock eingekerkert. Sie hatten für König Jacob gefochten und sich — das bedauerten sie später sehr — gesangennehmen lassen. Es waren die Leutnants Haliburton und Middleton und die Kadetten Ray Und Dunbar — alles Jungens, die mit dem Teufel selber Karton spielten. Sie waren im Augenblick die einzigen Gefangenen. Das war ihnen lieb; denn für vier Mann gab es höchstens zwanzig Mann Besatzung. Eines Nachts kam das lang erwartete Verpflegungsboot nach Baß Rock, und der diensttuende Offizier eilte mit seiner kleinen Garnison zum Löschen. Nur vier Mann Wache blieben zurück — die schußbereiten Musketen aus die Gefangenen gerichtet. Zehn Minuten später aber hatten die Gefangenen die Musketen, und die bisherigen Wächter lagen sauber gebündelt am Boden. Die Offiziere bemächtigten sich der gesamten Waffen, zogen dann die Brücken hoch und teilten dem Kommandanten von Baß Rock ruhig und höflich mit, daß sie die Festung für die gute Sache in Besitz genommen hätten und sofort mit Feuern beginnen würden, wenn er — der Kommandant — nicht sofort mit seinen Leuten verschwände. Zwei Mitglieder der so überrumpelten Garnison — der Sergeant Fasse und der Kanonier Swan — baten, sich den unerschrockenen Offizieren anfchließen zu dürfen. Es wurde gnädig gewährt. Der Rest der Garnison segelte nach Berwick und sucht« nach einer guten Ausrede. Aus die Kunde von diesem Handstreich schiffte sich in der gleichen Nacht ein Captain Maitland mit sechs Freunden nach Baß Rock ein, um Haliburton zu verstärken, und übernahm — zwanglos nach der Rangliste — den Oberbefehl. Außer einem Fall von Scharlach und mehreren Fällen von Zahnschmerzen ging es den dreizehn Männern die nächsten vier Jahre lang ausgezeichnet. Sie begannen ihre Unabhängigkeit damit anzuzeigen, daß sie die Standarte König Jacobs hißten und sie feierlich mit den ihr zustehenden Salutschüssen grüßten. Dann sahen sie sich ihre Festung genauer an. Nach der Seeseite' — der einzig angreifbaren — gab es ein Bollwerk mit einundzwanzig Kanonen, und um die ganze Festung lies sine gut gedeckte, in den Felsen geschlagene Galerie, in die Schießscharten für die Musketen geschnitten waren. Pulver und Kugeln gab es im Ueberfluß. Die Nahrungsmittelfrage war die unangenehmste, aber sie wurde bald einfach gelöst. Eine dänische Fregatte segelte ahnungslos an Baß Rock vorbei. Maitland setzte ihr eine Kugel vor den Bug und zwang fit beizudrehen. Dann ging er mit feinem Freunde, dem ßairi) von Ard- millan, an Bord und plünderte die verblüfften Dänen „für Rechnung der britischen Admiralität" recht gründlich aus. Die beiden requirierten zwei Fässer Bier, zwei Tonnen Fleisch, eine Tonne Fisch und einige Säcke mit Mehl. Für eine Besatzung von nur dreizehn Mann war das auch damals gar nicht schlecht. Die Dänen murrten, aber auf der Bastion standen einundzwanzig Kanonen, — da brachten sie lieber selber die Fäffer an Land. Weitere Ausflüge dieser Art folgten in regelmäßigen Abständen, und von Nahrungsmangel war zunächst nicht mehr die Rede. Im März 1692 nun sandte die Admiralität den Captain Roope mit der „Sherneß" und Captain Orton, Master des „London Merchant", mit 60 Kanonen und 220 Mann, um die Insel von diesen „Verbrechern und Verrückten" zu befreien, sie auszuräuchern und wieder zu besetzen. Nur die Hälfte von ihnen kam auf reichlich zerschossenen Schissen in den Heimathafen zurück. Als nächstes Schiff sandte die AdmiraliM ihre Trumpfkarte, das Fünfzigkanonenfchiff „Lion". Der „Lion" brachte es vorübergehend fertig, die Einkaufsausflüge Maitlands zu verhindern — an eine Eroberung aber war gar nicht zu denken. Ms dann in einer stürmischen Nacht der „Lion" anlegen muhte, um nicht auf die Klippen geworfen zu werden, segelte Crawford Laird of Ardmillan mit acht Mann zu der nicht weit entfernten May-Insel und räumte die Kohlen- und Lebensmittellager des dortigen Leuchtturms aus. Immer neue Schiffe fügten sich in den Blockadering ein. Auf dem Festland wurden Truppen bereit gehalten — die schottische Garde zu Fuß, und die Admiralität beschloß, mit „dieser lächerlichen und ungehörigen" Angelegenheit nun endlich Schluß zu machen. Aber die Bombardements prallten an den Felsen hilflos ab, und diese waren so steil, daß nicht daran gedacht werden konnte, sie zu ersteigen. Dreizehn Mann lachten das große Britannien aus. Es gab nur eine Möglichkeit sie zu bezwingen: istan mußte sie aushungern. Achtzehn Schisse mit einigen hundert Kanonen und über zweitausend Mann bildeten einen Blockadering um den kleinen Felsen, und ständige Wachen hielten Maitlands gefährliche Schaluppe im Auge, die die Belagerten mit Flaschenzügen aus dem Bereich eines plötzlichen Üeberfalles in Sicherheit gebracht hatten. Aushungern ist immer ein ziemlich sicheres Mittel gewesen, und es wurde auf Bah Rock langsam unerfreulich. Ader da durchbrach eines Tages eine französische Fregatte die Blockade und brachte Proviant für zwei weitere Jahre mit^Maftland grüßte sie begeistert mit Freudensalven. Die Blockadeschiffe machten Jagd auf sie — wild, nervös und verzweifelt. Im richtigen Augenblick indessen fiel ein dicker Nebel. Die Franzosen entkamen. Sollte man diesen kleinen Felsen weitere zwei Jahre belagern? Oder sollte man warten, bis die Empörer an Altersschwäche starben? Es war sehr bitter. Einerseits stand bas Ansehen der britischen Flotte auf dem Spiel, anderseits kostete das Unternehmen soviel gute Dublonen, daß man dafür ein Dutzend Inseln hätte selber bauen können. Die Engländer waren schon damals weise und beherrscht und rechneten gut. Die Regierung sandte zwei Unterhändler mit weitgehenden Vollmachten. Die Unterhändler waren im Dienste ergraute alte Knochen und würden die Sache schon „dezent erledigen." Sie taten das auch. Allerdings hatte die Regierung nicht mit dem feinen alten Kognak gerechnet, den die französische Fregatte in Baß Rock ausgeladen hatte . Mit allen Ehren und eben diesem guten, alten Kognak wurden die beiden Staatsräte von der kleinen Garnison empfangen und begrüßt. Dann sprach man von den Uebergabebebingungen, unb bann trank man roieber zwei bis siebzehn Gläschen. Als die beiden Unterhändler in North Berwick wieder nüchtern wurden und sich den Schoden besahen, mußten sie feststellen, baß sie einen phantastischen Vertrag mit Maitland unterzeichnet hatten. Zuerst einmal würben ble Empörer von ben in Berwick stationierten Truppen mit allen militärischen Ehren zurückgeholt. Aber bas war noch nicht alles. Die Staatsräte hatten außerbem festgelegt unb mit Wort und Siegel bekräftigt, bah die dreizehn Mann von Baß Rock sofort die ihrem Rang entsprechende volle Pension erhielten und außerdem — eine Nachzahlung der Löhnung für die vier Jahre, während der sie sich so tapfer vor dem Feind gehalten und als „wahre Söhne ihres Landes" erwiesen hinten. Die Engländer rechneten nicht nur gut — sie standen auch zu ihrem Wort. Sie zahlten schweigend und besetzten lächelnd Baß Rock, von dem di« Dreizehn Abschied nahmen, um in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. Sie haben auch nachher noch lange durchgehalten, und erst als der zur Zeit des Abkommens jüngste Beamte der britischen Staatskasse grau und alt geworden unb eigene Pensionierung nachsuchte, würben bie letzten Konten geschlossen unb bie Akten „Baß Rock" ad acta gelegt. Derantwortltch: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Untversitätsdruckerei R.Lang«, Gießen.