Jahrgang 1957 Montag, den 30. August Nummer 67 GießenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Doge und Oogareffe. Erzählung von E. T. A. Hoffmann. 1. Fortsetzung. Erstarrt schaute Antonio hin: dicht vor ihm rasselte es wie mit Ketten- er schaute hinab: ein kleiner Kahn, der an die Mauer angekettet, wurde von den Wellen geschaukelt; da fiel es wie ein Blitzstrahl in seine Seele. Er sprang in den Kahn, machte ihn frei, ergriff das Ruder, das er darinnen fand, und stach kühn und mutvoll hinaus in die See, geradezu auf den Bucentoro. Je naher er kam, desto deutlicher vernahm er das Hilfsgeschrci auf dem Bucentoro: „Hinan! — hinan! — rettet den Doge! rettet den Doge!" — Es ist bekannt, daß kleine Fischerkähne im Golf, wenn er stürmt, gerade sicherer sind und besser zu handhaben als größere Barken, und so kam es denn, daß dergleichen von allen Seiten herbeieilten, um das teure Haupt des Marino Falierr zu retten. Aber int Leben geschieht es ja immer, daß die ewige Macht nur einem das tüchtige Gelingen einer kühnen Tat als sein eigen zugeteilt hat, so daß alle andern sich ganz vergebens darum bemühen. So war es diesmal der arme Antonio, dem die Rettung des neuerwählten Doge zugedacht war, und deshalb gelang es ihm ganz allein, sich mit seinem kleinen geringen Fischerkahn glücklich hinanzuarbeiten an den Bucentoro. Der alte Marino Falieri, mit solcher Gefahr vertraut, stieg, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, rüstig heraus aus dem prächtigen, aber verräterischen Bucentoro und hinein in den kleinen Kahn des armen Antonio, der ihn über die brausenden Wellen leicht weggleitend wie ein Delphin in wenigen Minuten hinüberrüderte nach dem Platze des heiligen Markus. Mit durchnäßten Kleidern, große Meerestropsen int grauen Bart, führte man den Alten in die Kirche, wo der Adel mit verbleichten Gesichtern die Zeremonien des Einzuges beendete. Das Volk ebenso wie die Siguorie, bestürzt über die Unfälle des Einzuges, zu denen es auch rechnete, daß der Doge in der Eil' und Verwirrung durch die zwei ©ernten22) geführt worden, wo gewöhnliche Missetäter hingerichtet zu werden pflegen, verstummte mitten int Jubel, und fo endete der festlich begonnene Tag traurig und düster. An den Retter des Doge schien niemand zu denken, und Antonio selbst dachte nicht daran, sondern lag todmüde, halb ohnmächtig von Schmerz, den ihm die neuaufgereizte Wunde verursachte, in dem Säulengange des herzoglichen Palastes. Desto verwunderlicher war es ihm, als, da beinahe die Nacht eingebrochen, ein herzoglicher Trabant ihn bei den Schultern packte und mit den Worten: „Komm, guter Freund!" in den Palast und in die Zimmer des Doge hineinstieß. Der Alte kam ihm freundlich entgegen und sprach, indem er auf ein paar Beutel wies, die auf dem Tische lagen: „Du hast dich wacker gehalten, mein guter Sohn; hier — nimm diese dreitausend Zechinen, willst du mehr, so fordere, aber erzeige mit den Gefallen und lafse dich nie mehr vor meinem Angesichte sehen." Bei den letzten Worten blitzten Funken aus den Augen des Alten und die Nasenspitze rötete sich höher. Antonio wußte nicht, was der Alte wollte, ließ sich das auch gar nicht zu Herzen gehn, sondern lastete mit Mühe die Beutel auf, die er mit Fug und Recht verdient zu haben glaubte. Leuchtend im Glanz der neuerlangten Herrschaft, sah andern Morgens der alte Falieri aus den hohen Bogenfenstern des Palastes herab aus das Volk, das sich unter ihm in allerlei Wasfcnübuugen lustig tummelte. Da trat Bodoeri, seit den Jünglingsjahren in unwandelbarer Freundschaft mit dem Dogen fest verkettet, ins Gemach, und als nun dieser ganz versunken in sich und feine Würde ihn gar nicht zu bemerken schien, schlug er die Hände zusantmen und rief laut lachend aus: „Ei, Falieri, welche erhabene Gedanken mügen brüten und gedeihen in deinem Kopse seit dem Augenblicke, daß die krumme Mütze daraus sitzt?" — Falieri, wie aus einem Traume erwachend, kam dem Alten mit erzwungener Freundlichkeit entgegen. Er fühlte, daß es doch eigentlich Bodoeri war, dem er die Mütze zu verdanken, und jene Rede schien ihn daran zu mahnen. Da nun aber jede Verpflichtung sein stolzes, herrschsüchtiges Gemüt wie eine Last drückte und ec den ältesten Rat, den bewährten Freund nicht abfertigen konnte wie den armen Antonio, so zwang er sich einige Worte des Dankes ab und fing bann gleich an, von den Maßregeln zu sprechen, die jetzt den überall sich regenden Feinden entgegengestellt werden müßten. „Das", fiel ihm Bodoeri mit schlauem Lächeln in die Rede, „das und alles übrige, was sonst noch der Staat von dir fordert, wollen wir nach ein paar Stunden im versammelten Großen 9iat23 21) reiflich erwägen und überlegen. Nicht darum bin ich so früh gekommen, um mit 22) Gemeint sind wohl die beiden Granitsäulen auf der Piazzetta, deren eine Sankt Theodor, den kriegerifchen älteren Schutzheiligen Venedigs, trägt, während die andere mit dem bronzenen geflügelten Markus-Löwen geschmückt ist. Zu den Zeiten Falieris war Sankt Theodor schon an feinem Platze ((eit 1329), von der anderen Säule aber nur der Schaft vorhanden. 23) Die nach manchen Parteikämpfen im Innern und vielen Versuche», die Dogenwürde erblich zu machen, 1172 eingesetzte Korporation der vornehmsten Edlen, die die höchste Gewalt in Händen hatte. brr bie Mittel aufzufinben, wie man ben kecken Doria schlägt, ober wie man den ungarischen Lubwig, bem es toteber nach unfern balmatischen See- ftäbten gelüstet, zur Vernunft bringt. Nein, Marino, nur an bich selbst hab' ich gebucht unb zwar, was bu vielleicht nicht taten würbest, an beinc Vermählung." — „Wie konntest bu“, erloiberte ber Doge, inbem er ganz verdrießlich aufftanb unb, bem Bodoeri ben Rücken gewendet, hinausschaute durch das Fenster, „wie konntest du nur daran denken. Noch lange ist's hin bis zum Himmelfahrtstage. Dann, hoff' ich, soll der Feind geschlagen, Sieg, Etzre, neuer Reichtum, glänzendere Macht dem meetgebornen Adria- tifchen Löwen erworben sein. Die keusche Braut soll ben Bräutigam ihrer wär big finben." — „Ach", fiel ihm Boboeri ungcbulbig in bie Rebe, „ach, bu sprichst von bet seltsamen Feierlichkeit am Himmelfahrtstnge^), wenn bu, ben golbenen Ring vom Bucentoro hinabschleubetnb in bie Wellen, dich zu vermählen gebenkst mit bem Abriatischen Meer. Du, Marino, du, dem Meer Verwandter, kennst du denn keine andere Brant als das kalte, feuchte, verräterische Element, dem du zu gebieten wähnst, und das erst gestern gar bedrohlich sich gegen dich auflehnte? — Ei, wie magst du liegen wollen in den Atmen einer solchen Braut, bie, ein eigensinnig tolles Ding, gleich, als bu auf dem Bucentoro dahergleitend, ihr nur die bläulich gefrotnen Wangen streicheltest, zankte und tobte. Reicht denn ein ganzer Vefnv voll Glut dazu hin, den eisigen Busen eines falschen Weibes zu erwärmen, bie, in steter Treulosigkeit immer unb immer sich neu vermählend, die Ringe nicht empfängt als teures Liebespfand, sondern hinabreißt den Tribut der Sklaven? Nein, Marino, ich gedachte, daß du dich vermählen solltest mit dem schönsten Etdenkinde, das nur zu finden." — „Du faselst", murmelte Falieri, ohne sich vom Fenster wegzuwenden, „du faselst, Alter. Ich, ein achtzigjähriger Greis, belastet mit Mühe und Arbeit, niemals verheiratet gewesen, kaum mehr fähig, zu lieben" - „Halt ein", rief Bodoeri, „lästere dich nicht selbst! — Streckt der Winter, so rauh und kalt als er auch sein mag, doch nicht zuletzt voll Sehnsucht die Arme aus nach der holden Göttin, bie ihm entgegenzieht, von lauen Wcstwinben getragen? — Unb wenn er sie bann an ben erstarrten Busen brückt, wenn taufte Glut feine Abern dutch- rinnt, wo bleibt ba Eis unb Schnee! Du sagst, bu seiest an die achtzig Jahre alt, das ist wahr, aber berechnest bu das Greistum beim bloß nach ben Jahren? — Trägst bu bein Haupt nicht so aufrecht, gehst bu nicht mit solchem festen Schritt einher wie vor vierzig Sommern? — Ober fühlst bu vielleicht doch, baß beute Kraft abgenommen, baß bu ein geringeres Schwert tragen mußt, baß bu im raschen Gange ermattest, baß bu bie Treppen beS herzoglichen Palastes heranfkeuchst?" — „Nein, beim Himmel!" unterbrach Fa- leri ben Freunb, inbem er mit rascher, heftiger Bewegung vorn Fenster weg auf ihn zutrat, „nein, beim Himmel! von bem allen spüre ich nichts." — „Nun beim", fuhr Boboeri fort, „so genieße als Greis mit allen Zügen alles Erbenglück, was bir noch zugebacht. Erhebe bas Weib, bas ich für bich wählte, zur Dogaresfe, unb bie Frauen von Venebig werben, was Schönheit unb Tugenb betrifft, fo gut in ihr bie erste anerkennen müssen, als die Benetianer in bir ihr Oberhaupt an Tapferkeit, Geist unb Kraft." BoboLri fing nun an, das Bilb eines Weibes zu entwerfen, unb wußte bie Farben so geschickt zu mischen unb so lebenbig aufzutragen, baß bes alten Falieri Augen blitzten, baß er im ganzen Gesicht röter unb röter würbe, baß die Lippen sich spitzten unb schmatzten, als genösse er ein Gläslern feurigen Syrakuser nach bem anbetn. „Ei", sprach er endlich schmunzelnd, „et, was ist denn das für ein Ausbund von Liebreiz, von dem du sprichst?" — „Kein anderes Weib", erwiderte Bodoeri, „kein anderes Weib meine ich, als mein liebes Nichtchen." — „Was", fiel ihm Falieri in die Rede, „deine Nichte? Die wurde ja, als ich Podesta von Treviso war, an Bertuccio Nenolo verheiratet?" — „Ei", sprach Bodoäri weiter, „du denkst an meine Nichts Franzeska, und deren Töchterlein ist es, die ich bir zugebacht. Du weißt, baß ben wilben, barschen Nenolo ber Krieg ins Meer verlockte. Franzeska, voller Gram unb Schmerz, begrub sich in ein römisches Kloster; so ließ ich bie kleine Annunziata erziehen in tiefer Einsamkeit auf meiner Villa in Treviso." — „Was", unterbrach Falieri ben Alten voller Ungebulb aufs neue, „was, bie Tochter beiner Nichte soll ich zu meiner Gemahlin erheben? — Wie lange ist's, baß Nenolo sich vermählte? — Annunziata muß ein Kind sein von höchstens zehn Jahren. Als ich Podesta von Treviso wurde, war an Nenvlos Vermählung noch nicht zu denken, und das sind" — „Fünfundzwanzig Jahre her", fiel Bodoeri ihm lachend in die Siebe, „ei! wie magst bu bich fo verrechnen in ber Zeit, bie bir schnell vergangen! Annunziata ist ein Mädchen von 19 Jahren, schön wie bie Sonne, sittsam, bemütig, in bet Liebe unerfahren; beim sie sah kaum einen Mann. Sie wirb bir anhängen mit kinblicher Liebe unb anspruchsloser Ergebenheit."—„Ich will sie scheu, ich will sie sehen", rief bet Doge, bem bas Bild, das Bodoeri von der schönen Annunziata entworfen, wieder vor Augen kam. Sein Wunfch wurde selbigen Tages erfüllt, denn kaum als er aus dem Großen Rat in seine Gemächer zurückgekehrt war, führte ihm der schlaue Bodoeri, der mancherlei Ursachen haben mochte, seine Nichte als Dogaresse an Falieris Seite zu sehen, die 21) Die bis zum Sturze der Republik alljährlich am Himmelfahrtstage abgehaltene venezianische Nationalfeierlichkeit. holde Annunziata ganz heimlich zu. Als nun der alte Falieri bas Engelsbild erblickte, war er ganz bestürzt über das Wunder von Schönheit und vermochte kaum, unverständliche Worte stammelnd, um sie zu werben. Annun- lidta, wohl von Bodoeri schon unlerrichtel, fcinf, hohe Nöte ouf öen Wangen, nieder vor dem sürstlichen Greise. Sie ergrisf seine Hand, die sie an die Lippen drückte, und lispelte leise: „O Herr, wollt Ihr mich denn würdigen, Euch zur Seite den fürstlichen Thron zu besteigen? — Nun, so will ich Euch aus dem Grunde meiner Seele verehren und Eure treue Magd sein bis zum letzten Atemzuge." — Der alte Falieri war außer sich vor Wonne und Entzücken. Als Annunziata seine Hand ergriff, fühlte er es durch alle Glieder zucken, und dann begann er dermaßen mit dem Kopfe, mit dem ganzen Leibe zu wackeln und zu zittern, daß er nur zu geschwinde sich in den großen Lehnstuhl setzen mußte. Es schien, als solle Bodoeris gute Meinung von dem kräftigen Alter der achtziger Jahre widerlegt werden. Der konnte freilich ein seltsames Lächeln, das um seine Lippen zuckte, nicht unterdrücken, die unschuldige, unbesangene Annunziata bemerkte nichts, und sonst war zum Glück niemand zugegen. — Macht' es sein, daß der alte Falieri, dacht' er daran, sich dem Volke als Bräutigam eines neunzehnjährigen Mädchens zu zeigen, das Unbequeme dieser Lage fühlte, daß fogar eine Ahnung m ihm sich regte, daß man die zum Spott geneigten Venetianer dazu eben nicht aufreizen dürfe, und daß es besser sei, den kritischen Zeitpunkt des Bräutigamsstandes ganz zu verschweigen, genug, mit Bodoerrs Ueber- einstimmung wurde beschlossen, daß die Trauung in der größten Heimlichkeit vollzogen und dann einige Tage darauf die Dogarefse als mit Falieri längst vermählt und als sei sie eben aus Treviso angekommen, wo sie sich während Falieris Sendung nach Avignon aufgehalten, der Signorie und dem Volk vorgestellt werden füllte. Richten wir unfern Blick aus jenen sauber gekleideten, bildschönen Jüngling, der, den Beutel mit Zechinen in der Hand, den Rialto auf und ab geht, mit Juden, Türken, Armeniern, Griechen spricht, die verdüsterte Stirn wieder abwendet, weiter schreitet, stehen bleibt, wieder umkehrt und endlich sich nach dem Markusplatz gondeln läßt, wo er mit ungewissem, zauderndem Schritt, die Arme übereinandergeschlagen, den Blick zur Erde gesenkt, aus und ab wandelt und nicht bemerkt, nicht ahnt, daß manches Flüstern, manches Räuspern aus diesem, jenem Fenster, von diesem, jenem reich behängten Balkon herab, Liebeszeichen sind, die ihm gelten. Wer würde in diesem Jünglinge so leicht den Antonio erkennen, der noch vor wenigen Tagen zerlumpst, arm und elend auf dem Marmorpslaster vor der Dogana lag! „Söhnlein, mein goldenes Söhnlein Antonio, guten Tag! — guten Tag!" So rief ihm das alte Bettelweib entgegen, die aus den Stufen der Markuskirche saß, und bei der er vorüberschreiten wollte, ohne sie zu sehen. Sowie er, sich rasch umwendend, die Alte erblickte, griff er in den Beutel und holte eine Handvoll Zechinen heraus, die er ihr zuwerfen wollte. „O laß doch dein Gold stecken", kicherte und lachte die Alte, „was soll ich denn mit deinem Golde anfangen, bin ich denn nicht reich genug? — Aber wenn du mir Gutes tun willst, so laß mir eine neue Kapuze machen; denn die, die ich trage, will nicht mehr halten gegen Wind und Wetter! — Ja, das tue, mein Söhnlein, mein goldenes Söhnlein — aber bleib' weg vom Fontego — vom Fontego!" — Antonio starrte der Alten ins bleichgelbe Antlitz, in dem die tiefen Furchen auf seltsame grauliche Weise zuckten, und als sie nun die dürren Knochenhände klappernd zusammenschlug und mit heulender Stimme und widrigem Kichern fortplapperte: „Bleib' weg vom Fontego!" da rief Antonio: „Kannst du denn niemals dein tolles, wahnsinniges Treiben lassen, du — Hexenweib!" Sowie Antonio dies Wort aussprach, kugelte die Alte, wie vom Blitz getroffen, die hohen Marmor- stufen herab. Antonio sprang hinzu, faßte die Alte mit beiden Händen und verhinderte den schweren Fall. „O mein Söhnlein", sprach jetzt die Alte mit leiser, kläglicher Stimme, „o mein Söhnlein, was für ein entsetzliches Wort sprachst du aus! O töte mich lieber, als daß du dieses Wort noch einmal wiederholst. — Ach, du weißt nicht, wie schwer du mich verletzt hast, mich, die dich ja so getreulich im Herzen trägt ■— ach, du weißt nicht." — Die Alte brach plötzlich ab, verhüllte ihr Haupt mit dem dunkelbraunen Tuchlappen, der ihr wie ein kurzes Mäntelchen um die Schultern hing, und seuszte und wimmerte wie in tausend Schmerzen. Antonio fühlte sich im Innersten auf seltsame Weise bewegt, er faßte die Alte und trug sie hinaus bis an das Portal der Markuskirche, wo er sie aus eine Marmorbank, die dort befindlich, hinsetzte. „Du hast mir Gutes getan, Alte", sing er dann an, nachdem er des Weibes Haupt befreit hatte von dem häßlichen Tuchlappen, „du hast mir Gutes getan; dir hab' ich eigentlich meinen ganzen Wohlstand zu verdanken, denn standest du mir nicht bei in der Todesnot, so läge ich längst im Meeresgründe, ich rettete nicht den alten Dogen, ich erhielt nicht die wackern Zechinen. Aber selbst, hättest du das auch nicht getan, so fühle ich, daß ich doch mit ganz besonderer Neigung dir anhängen müßte mein Leben lang, unerachtet du mir wieder mit deinem wahnsinnigen Treiben, wenn du so widerlich kicherst und lachst, ost inneres Grauen genug erregst. In der Tat, Alte, als ich noch mit Lasttragen und Rudern mühsam mein Leben fristete, da war mir es ja immer, als müsse ich schärfer arbeiten, nur um dir ein paar Quattrinos abgeben zu können." — „O mein Herzenssöhnlein, mein goldener Tonino26 * 28)", ries die Alte, indem sie die verschrumpsten Arme hoch emporhob, so daß ihr Stab'klappernd aus den Marmor niederfiel und weit fortrollte, „o mein Tonino! ich weiß es ja, ich weiß es ja, daß du mir, stellst du dich auch an, wie du nur magst, mit ganzer Seele anhängen mußt, denn — doch still — still — still." — Die Alte bückte sich mühsam herab nach ihrem Stabe: Antonio hob ihn auf und reichte ihn ihr hin. Das spitze Kinn auf den Stab gestützt, den starren Blick auf den Boden gerichtet, sprach die Alte nun mit zurückgehaltener dumpfer Stimme: „Sage mir, mein Kind! magst du dich denn gar nicht der früheren Zeit erinnern, wie es ging, wie es war mit dir, ehe du hier, ein armer, elender Mensch, kaum dein Leben sristen konntest?" Antonio seuszte tief auf, er nahm Platz neben der Alten und fing bann an: „Ach, Mutter, nur zu gut weiß ich, daß ich von Eltern geboren wurde, die in dem blühendsten Wohlstände lebten, aber wer sie waren, wie ich von ihnen kam, nicht die leiseste Ahnung davon blieb und konnte davon in meiner Seele bleiben. Ich erinnere mich sehr gut eines großen, schönen Mannes, der mich oft aus den Arm nahm, mich abherzte und mir Zuckerwerk in den Mund steckte. Ebenso gedenke ich einer freundlichen, hübschen Frau, die 26) Koseform für Antonio. mich aus- und anzog, mich jeden Abend in ein weiches Bettchen legte und mir überhaupt Gutes tat auf jede Weife. Beide fprachen mit mir in xiner remden, volltönenden Sprache, und ich selbst lallte manches Wort in dieser Sprache ihnen nach. Als ich noch ruderte, pflegten meine feindlichen Käme- raden immer zu sagen, ich müsse meiner Haare, meiner Augen, meines gangen Körperbaues halber deutscher Abkunft sein. Das glaub' ich auch, jene Sprache meiner Pfleger — der Mann war gewiß mein Vater — war deutsch. Die lebhafteste Erinnerung jener Zeit ist das Schreckbild einer Nacht, in bet ich burch ein entsetzliches Jammergeschrei aus tiefem Schlaf geweckt würbe. Man rannte im Hause umher, Türen würben aus- unb zugeschlagen, mit würbe unbeschreiblich bange, laut fing ich an zu weinen. Da stürzte die Frau, die mich pflegte, hinein, riß mich aus dem Bette, verstopfte mir den Mund, wickelte mich ein in Tücher und rannte mit mir von bannen. Seit biesem Augenblicke schweigt meine Erinnerung. Ich sinbe mich totebet in einem prächtigen Hause, bas in bet anmutigsten Gegenb lag. Das Bild eines Mannes tritt hervor, ben ich ,Vater' nannte, unb bet ein stattlicher Herr wat von eblem und dabei gutmütigem Ansehen. Et sowie alle im Hause sprachen italienisch. Mehrere Wochen hatte ich den Vater nicht gesehen, da kamen eines Tages fremde Leute von häßlichem Ansehen, die machten viel Lärm im Hause und stöberten alles durch. Als sie mich erblickten, fragten sie, wer ich denn tei, und was ich hier im Hause mache? — ,Jch bin ja Antonio, bet Sohn vom Hause!' Als ich bas erwibette, lachten sie mir ins Gesicht, rissen mir bie guten Kleiber vom Leibe und stießen mich zum Hause hinaus, mit der Drohung, daß ich, wage ich es, mich wieder zu zeigen, fortgeprügelt werden solle. Laut jammernd lief ich von bannen. Kaum hunbert Schritte vom Hause trat mir ein alter Mann entgegen, in bem ich einen Diener meines Pflegevaters erkannte. ,Komm, Antonio', rief er, mbem er mich bei bet Hanb faßte, ,komm, Antonio, armer Junge! für uns beibe ist bas Haus bort auf immer verschlossen. Wit müssen nun beibe zusehen, wo wir ein Stück Brot sinben.' Der Alte nahm mich mit hierher. Et war nicht so atm, als er seiner schlechten Kleidung nach zu sein schien. Kaum angekommen, ah ich, wie er die Zechinen aus dem zertrennten Wams hervorholte und, den ganzen Tag sich auf dem Rialto umhertteibend, bald den Unterhändler, bald ben Hanbelsmann selbst machte. Ich mußte immer hinter ihm her sein, unb et pflegte, batte er ben ©anbei gemacht, noch immer um eine Kleinigkeit für ben Figliuolo28) zu bitten. Jeber, bem ich recht breift in bie Augen sah, rückte noch gern einige Quattrinos heraus, bie er mit vieler Behaglichkeit einsteckte, inbem er, mir bie Wangen streichelnb, versicherte, er sammle bas alles für mich zum neuen Wams. Ich befanb mich wohl bei bem Alten, ben die Leute, ich weiß nicht warum, Väterchen Blaunas nannten. Doch das dauerte nicht lange. Du erinnerst dich, Alte, jener Schreckenszeit, als emes Tages die Erde zu beben begann, als, in den Grundfesten erschüttert, Türme und Paläste wankten, als wie von unsichtbaren Riesenarmen gezogen bie Glocken läuteten. Es sinb ja kaum sieben Jahre barüber vergangen. — Glücklich rettete ich mich mit bem Alten aus bem Hause, bas hinter uns zusammenstürzte. Alles Geschäft ruhte, auf bem Rialto lag alles in toter Betäubung. Aber mit biesem entsetzlichen Ereignis ffmbigte sich nur bas hetannahende Ungeheuer an, bas balb seinen giftigen Atem aushauchte über Stabt unb Lanb. Man wußte, baß bie Pest, aus ber Levante zuerst nach Sizilien ge- brungen, schon in Toscana wütete. Noch war Venebig bavon befreit. Ta hanbelte eines Tages mein Väterchen Blaunas auf bem Rialto mit einem Armenier. Sie würben hanbelseinig unb schüttelten sich wacker bie Hänbe. Mein Väterchen hatte einige gute Waren bem Armenier abgelassen um geringen Preis unb forberte nun bie gewöhnliche Kleinigkeit per il figliuolo27). Der Armenier, ein großer starker Mann mit bickem krausem Bart — noch steht er vor mir —, schaute mich an mit freunblichem Blick; bann küßte er mich unb brückte mit ein paar Zechinen in bie Hand, bie ich hastig einsteckte. Wir gonbelten nach San Marco. Unterwegs forberte Väterchen mir bie Zechinen ab, unb ich weiß selbst nicht, wie ich bat auf kam, zu behaupten, baß ich mir sie selbst verwahren müsse, ba ber Armenier es so gewollt. Der Alte würbe verdrießlich, ober indem er mit mit zankte, bemerkte ich, daß sein Gesicht sich mit einer widerlichen erdgelben Farbe überzog, und daß er allerlei tolles, unzusammenhängendes Zeug in seine Reden mischte. Auf dem Platz angekommen, taumelte er hin und her wie ein Betrunkener, bis er dicht vor dem herzoglichen Palast tot niedetstürzte. Mit lautem Jammergeschrei warf ich mich auf den Leichnam. Das Volk rannte zusammen, aber sowie der fürchterliche Ruf: ,Die Pest — die Pest!' erscholl, stäubte alles voll Entsetzen auseinander. In dem Augenblick ergriff mich eine dumpfe Betäubung, mir schwanden die Sinne. Als ich erwachte, fand ich mich m einem geräumigen Zimmer auf einer geringen Matratze mit einem wollenen Tuche bedeckt. Um mich herum lagen auf ähnlichen Matratzen wohl zwanzig bis dreißig elende bleiche Gestalten. So, wie ich später erfuhr, hatten mich mitleidige Mönche, die gerade aus San Marco kamen, da sie Leben in nur verspürten, in eine Gondel bringen unb nach ber ©iubecca28) in bas Kloster San Giorgio Maggiore, wo bie Benebiktiner ein Hospital angelegt hatten, schassen lassen. — Wie vermag ich dir denn, Alte, diesen Augenblick des Erwachens zu beschreiben I Die Wut der Krankheit hatte mir alle Erinnerung des Vergangenen gänzlich geraubt. Gleich als wäre in die tobstarre Bildsäule plötzlich bet Lebensfunken gefahren, gab es für mich nur augenblickliches Dafein, bas sich an nichts knüpfte. Du kannst es bir benten, Alte, welchen Jammer, welche Trostlosigkeit bies Leben, nur ein im leeren Raum ohne Halt schwimmenbes Bewußtsein zu nennen, über mich bringen mußte! — Die Mönche konnten mir nur sagen, baß man mich bei Väterchen Blaunas gefunben, für besten Sohn ich allgemein gegolten. Rach unb nach fammelten sich zwar meine Gebauten, unb ich besann mich auf mein früheres Leben, aber was ich bir erzählte, Alte, bas ist alles, was ich davon weiß, und das sind doch nut einzelne Bilder ohne Zusammenhang. Ach! dieses troftloie Alleinstehen in der Welt, das läßt mich zu keiner Fröhlichkeit kommen, w gut es mir nun auch gehen mag." — „Tonino, mein lieber Tonino', Hrtflt? die Alte, „begnüge dich mit bem, was bir bie helle Gegenwart schenkt. (Fortsetzung folgt.) 26) Söhnchen. 2?) Für bas Söhnchen. 28) Zu Venebig gehörige Insel; Kloster unb Kirche San Giorgio Mag giere liegen jeboch nicht auf ihr, sonbern auf einer befonbeten Jnjei (vgl. Anm. 2). Reisefkizzen. Von Gerd Kauter. 2mZuge nach Müllheim. Magische Landschaft: der Frllh-Rhein in der Morgensonne. Im Osten steigen gegen die noch tiefe Sonne flache glanzende Weinberge mit gewundenen Wegen. Ein Feld von weißem Mohn leuchtet silbern. Wenn es auf dem Monde Blumen gäbe Das macht der bläulich-schwarze Grund des Blütenkelches. — Im Westen der junge und schon große rasche Rhein zwischen Pappeln in wunderbarer lockerer Wildnis aus Büschen, Bäumen und Kies. ' DieAlpen. Das Großartige geht an mir vorüber, weil es zu deutlich ist. Gefühle lassen sich nicht kommandieren. Aber die Blumenwiesen, der starke Wind vom Tal, der die Blätter stürmisch wendet, kleine Buben oben aus der hohen Brücke. Mailand. Hinten die riesigen schwarzen Bögen der Einfahrt in die Halle, dunstverhangen, unter bleigrauem Himmel. Vorn die vielen Geleise zwei langsam fahrende Züge. In der Mitte aber, vorn, zwischen den Schienen, ein Weichenstellerhäuschen, aus Wellblech ursprünglich nun aber grün umwuchert von Wein, der in großen Ranken ausschweift Umgeben von sieben kindlich kleinen Blumenbeeten mit Astern und Dahlien bis hart an die Schienen. Wie eine Kajüte auf kleinem Floß, wie ein leuchtender Arion schwebt es grün auf dem grauen Dunstmeer der Zivilisation. Wie ein Künder der ungebrochenen Raturhaftigkeit dieses Volkes Pavia. Aus den unendlichen Weingärten der Po-Ebene beginnen die Zikaden. Dies schlug an die Heimweh-Saite, die frühere Reisen in mir eingespannt haben. Das ist es, dies und anderes. Vielleicht ist es den Italienern soviel wie uns das Rauschen unseres Waldes. Chiavari. Du willst noch einen Brief an die Bahn bringen, damit er noch mit dem Schnellzug um 10 nach Genua kommt. Du bist zwar müde vom Vormittag im Meer und dem Nachmittag auf den Bergen, aber es dauert ja nur eine halbe Stunde hin und zurück. So denkst du — aber was wird daraus? Du mußt schon auf der Brücke stehenbleiben, um den Frösche zuzuhören, die in dem fast trockenen Flußbett Hausen, und mit den Grillen vom Ufer um die Wette singen. Die Hauptstraße ist voller Leben, das kennst du vom vorigen Jahr, aber da sind an den Kolonnaden Säulen, die dir auffallen, schwarze Säulen, jede anders, sehr einfach und alt. Du suchst, wo die Bar Italia ist — dort soll es guten Kaffee geben —, und deine Blicke bleiben hängen an einem alten beschwingten Relief mit Centauren und Palmen. Du siehst den Bahnhof schon, da lockt die große Kirche, der Duomo, mit ihren offenen Türen. Ein erstarrtes Feuerwerk von vielen tausend Kerzen steht über der Gemeinde, ganze Ketten von Kronleuchtern streben in äußerster Höhe zusammen in dem leuchtenden Doppel-M der Maria Mater. Und dann singen sie, immer dasselbe, wohl zwanzigmal, eine doppelte Strophe, unendlich beruhigend. Du reißt dich los, zum Bahnhof, wirfst den Bries ein, trittst erleichtert wieder ins Freie, siehst die kleinen braunen Knaben vor dem Zeitungsständer auf dem Boden hocken und die Illustrierten betrachten. In den Anlagen am Bahnhof hängen bunte Lampen an gewundenen Wegen. Auf allen Bänken sitzen plaudernde, freundliche Menschen, und zarte Kinder in weißen Kleidern spielen fließend Ball mit leisen Rufen. Die Kirche strahlt wieder. In der Hauptstraße begegnet dir ein Mädchen so schön und lieblich, daß du weinen möchtest, denn das Vollkommene lebt nur eine kurze Zeit. Du wirst müde, suchst die Nebenstraßen, da hörst du sie singen: An der Hausecke, fast im Finstern, sitzt eine dunkle Familie, die Frauen auf niederen Schemeln — selbstgemachten, sie leben vom Stllhle-Flechten —, die Knaben auf dem Boden, Männer lehnen an der Wand. Wie der Wind durch Bäume fährt, so singt es aus ihnen, in vielen Stimmen und ohne feste Bahn. Kommen Männer, Freunde des Wegs, so mündet es in ein Gespräch und schallendes Gelächter. Sie schütteln sich vor Lachen und fallen fast auf den Rücken, aber nach einer Pause hebt das Singen ernst und leise wieder an. Du reißt dich los und gehst den schmalen Pfad zurück zwischen den Mauern. Der Sängerkrieg der Kröten und Grillen hält noch an. Ein Glühwurm treibt vor dir her: auch er ein wenig anders im Temperament als die zu Hause: nicht gleichmäßig leuchtend, sondern bei jeder Kursänderung seines Zickzackweges aufblitzend und verlöschend. Du wolltest einen Brief zum Kasten bringen und bist zwei Stunden fortgewesen. Wenn du aber einige Zeit hier bist, überfällt dich manchmal Stumpfheit. Du hast den überall dich umdrängenden Kräften des Meeres, der Sonne, der Pflanzen, der immer dir hold entgegenkommenden Anmut dieses Volkes zu wenig Stille, Kraft und Ruhe entgegengesetzt. Du mußt es erst lernen. In der Gegenwehr hast du dich verzettelt und verpufft, wirst leer und siehst aus einmal dieses Land wie ein buntes Postkartenbild, das Meer wie blaues Glas, die Berge wüst. Du hast dich gewöhnt an die ewig dich umsingende Melodie dieser wunderbaren Sprache, hörst die Zikaden nicht mehr und erkennst nicht den fremden Baum mit den seltsamen weißen großen Blüten. Du möchtest etwas tun, doch fehlt dir die Kraft. Ein Heimweh ist auf einmal da, nach Kälte, Regen, Wind, Stube, Dünung, Pflicht. Aber auch dies nur wie hinter der Glasscheibe dieser tödlichen Stumpfheit. Dagegen hilft: Schlafen, im Freien aber, im leichten Wind und im Lichtgitter der Oelbäume. Oder Steigen, anfangs gegen alle Neigung, auf die Berge, bis das gewölbte Meer mit dir auffteigt und der Kranz des graugrünen Gebirges, auf das der Abend seine blauen Schatten legt. Da hörst du die Grillen wieder, siehst das Gras vor dem fernen Ge- dirgsrand, und unten, aus den Höfen durch die große Stille kommt die Stimme eines Kindes, eines siebenjährigen Mädchens vielleicht, das P— i—a ruft, weithin tragend, metallisch glänzend, mit vielen ^Ober- lönen, etwas klagend wie ein Raubvogelruf, sehnend, und soviel «pan- nung ist in dem langgezogenen Bogen dieser zwei Laute, und soviel Lust also, soviel unbewußtes Leben —. Oder du hörst sie gemeinsam fingen. Die Musik löst den Tod deiner Sinne Du wirst einbezogen in hr gemeinsames Leben, das sich am Abend entfaltet in den Straßen, »nb das wie ein Echo ist, wie ein verwandeltes Wiederkommen des mächtigen Einflusses der Natur, dem der südliche Mensch am Tage stand- 1 ä>t in weisem Ertragen. Pisa So wird es immer schwieriger, Entschlüsse zu fassen. Zum Veispiel den, nach P,sa zu fahren, was uns von Deutschland aus als eine lockende und selbstverständliche Unternehmung angezogen hatte. Aber in den letzten Tagen kam es immer wieder vor, daß einer zum anöern Jagte, im Meer, wenn wir nebeneinander schwammen oder auf einem Berge liegend und zeichnend: Schließlich kann uns niemand (jmingen, nach Pisa zu fahren! Und eben deshalb taten roir’s denn heute Dod), ganz freiwillig, mit größter Ueberwindung, richtig mit dem Willen Unö es ging dann natürlich sehr gut. Wir bekamen wieder Zutrauen in unsere nördliche Aktivität. Und nun tragen mir in uns das Bild dieses marmornen Traumes. Wir kannten Biüer des Domes und des „schiefen Turmes", aber sie wv gegen die Wirklichkeit, denn jeder sieht eine andere, seine Wirklichkeit. Nicht kalkweiße Gebäude unter ewig blauem Himmel und vernichtende Sonne aus versengtem Platz. Vor gewitterfahlem Himmels- 9™*™ sehe ich zuerst das zwischen Grau und Honiggelb schwebende Licht des Steines und die ungeheure Größe der drei Gebäude. Dann bleibt mein Blick am Baptisterium hängen. Es steht da wie eine ungeheure runde Döse, nichts anderes ausdrückend, als daß sie ein kostbares Geheimnis bewahrt. Und dies Geheimnis ist zugänglich, sagt ein brauner Vorhang am Eingang. In weitem Umkreis nichts als steppenhafter graugrüner Rasengrund; das Geheimnis ruht auf der Natur. Dahinter eine hohe dunkle Mauer, die alles Gewöhnliche ausschließt. Auf der anderen Seite der Kirche — ich sage nur was mir auffiel — der „schiefe Turm". Wie genial edel und einfach feine Gestalt ist, Zeigt auch das Bild. Aber nicht, was diese Schiefheit [ein kann für den der ihn wirklich ins Licht ragen sieht — ungeheuer hoch — und um >hn herum und auf ihn hinauf geht. Ich hatte diese Schiefheit immer gering geschätzt, als eine physikalisch-architektonische Rarität und fade Touriften-„Sehenswürdigkeit", am besten noch zu brauchen, um einem Tertianer die Sache mit der Standfestigkeit klar zu machen, die gesichert ist, wenn das Lot vom Schwerpunkt noch innerhalb der Bodenfläche auftrifft. Aber es ist mehr. Ich merkte es zuerst, als ich um das Haupt- gebaude herumbog und ihn hinter dessen senkrechten Linien sich oor- schieben sah. Da sah ich ihn fallen, sah ihn im Sturz, und im Sturz sich halten, spürte die Mühe, die Spannung, die es ihn ständig kostet. Stoch mehr, als wir auf der Spiraltreppe in der Mauer hinaufgingen, und nun spürten, daß diese Treppe nicht gleichmäßig steil ansteigt — wie sie müßte, wenn der Turm gerade stünde — sondern abwechselnd es einem leichter und schwerer macht, indem sie diesem ständigen Bergauf noch ein geringeres periodisches Aus und Ab überlagert, das dir den Fuß bald nach unten zieht, bald die Knie nach oben drückt, ganz zu schweigen davon, daß immer wieder eine Stelle kommt, wo eine geheime Zentrifugalkraft dich gegen die Außenwand drängt. Dies alles erzeugt das Gefühl, daß die Schiefheit in dem Turme lebt, spiralig, wechselnd, treibend, spannend wie in einem Pflanzenstamm, der schräg aus der Erde wächst und im Winde schwankt. Schief ist eben gar kein Wort dafür, und die Italiener sagen auch besser „torre pendente" (hängender Turm). Und wenn du wieder unten stehst, siehst du ihn leise vor den grauen Wolken schwanken und zart damit prunken, daß Gerade- Stehen keine Kunst ist! Oer Konzertmeister. Von Hermann Bredehöft. Mit siebzehn Jahren erfaßte mich nach dem Besuch einer Operetten« Vorstellung eine jähe und heftige Leidenschaft zur Musik, und zwar, wie nicht anders denkbar, zu der leichten, tänzelnden, teils luftigen, teils lyrisch-sentimentalen Operettenmusik, die ich fortan gegen aufgeblasene Widerfacher, also gegen diejenigen unter meinen Bekannten, die sie in Bausch und Bogen als „eine Konzession an die Lüsternheit" verdammten, mit Feuereifer zu verteidigen begann. Während dennoch meine Altersgenossen sonntags auf die Tanzböden gingen ober sonstwie auf eine frische und kühne Weise nach Bräuten fahndeten, hockte ich im dritten Rang des Operettentheaters und tanzte in Gedanken die ganze bunte Tanzkarte des Stückes herunter und fahndete mit dem Helden der Operette nach der ihm höhernorts zuerkannten Geliebten; aber während die Altersgenossen häufig genug kummer- defchwert und mißmutig ob der Launen und Unbeständigkeit ihrer Mädchen Heimkommen mochten, ging ich selbst nie anders als fröhlich zur Ruhe, und zuweilen hielt die Freude an einer Tanzweife die ganze nächste Woche über an. Nun spielte man zu meiner Zeit neben klassischen Operetten mehrere Werke von Lehar, die sich durch eine besonders schillernde Instrumentierung auszeichnen, wobei zuweilen aus dem Orchestergewoge eine einzelne Geigenstimme auffteigt, die, von Holzbläfersiguren anutig umspielt, werbend oder schluchzend der Singstimme sich vermählt. Diese Manier entzückte mich derart, daß es mir zuweilen heiß ins Auge stieg, und weil ich solche Operetten, die mich irgendwie mitrissen, gern ein zweites, ja ein drittes Mal anhörte, so begann ich allmählich auch auf den Musiker zu achten, der mit einigen kunstvollen Bogenstrichen mein Herz so in Wallung brachte. Es war dies ein schlanker, dunkler Mensch mit einem spitz gezwirbelten Schnurrbart, welcher, so oft ich ihn ein Solo spielen sah, auf eine innige Weife die Augen schloß und seinen Kopf liebevoll auf die Geige preßte. Ich erkundigte mich gelegentlich nach ihm bei einem, der das Theater näher zu kennen vorgab, der jedoch mit einer abfälligen Handbewegung nichts weiter über ihn ausjufagen wußte, als daß er ein Trinker wäre. Das versetzte meiner Zuneigung nun einen harten Stoß, aber ich erzählte niemand von dieser Leidenschaft des Geigers, aus Angst, so etwas möchte dem Ansehen des Theaters schaden. Und als er wieder einmal eine Solostelle zu aller Ergriffenheit gemeistert und während einer Vogelhändler-Aufführung gar noch auf der Bühne die Zither geschlagen hatte, da verzieh ich ihm gern sein Laster. Das war aber schon einige Monate später, als die Stadtverwaltung das Theater verpachtete an einen Unternehmer, welcher ein Kino daraus machen wollte. So nahm die Herrlichkeit denn ein jähes und betrübliches Ende Die Künstler wurden entlassen, das Orchester aufgelost, nur die vielen fröhlichen, taumeligen und schäumenden Weisen, die es erzeugt, schwirrten mir noch lange im Kopf, und zuweilen, wenn ich eines der Motive vor mich hinsummte, sah ich im Geist den Geiger, wie er die Augen schloß und das Haupt wie verzückt aus den braunen Leib seines Instruments preßte. Ich meinte am Ende, daß ein Künstler wie er mittlerweile in einem berühmten Orchester untergeschlüpft sein würde, und war deshalb nicht wenig erstaunt, als ich ihn eines Tages als Primgeiger eines sogenannten „Künstlertrios" wirken sah. Er sei mir recht gleichgültig geworden, dachte ich da, weil ich inzwischen zu der Aufsagung gelangt war, daß er im Grund ja nichts anderes getan habe, als di« Eingebungen eines Größeren nach bestem Können zu vermitteln. Nach acht Jahren ist er mir nun, als ich letzthin daheim war, unter merkwürdigen Umständen wieder begegnet. Ich fiel am letzten Urlaubsabend mit mehreren Freunden in feuchtfröhlichem Zustand in eine Bierstube ein, die mit gebräunter Decke, darunter dicke schwarze Balken herlaufen, als eine Art Bauernschenke aufgemacht ist. Und mitten in dieser Schenke saß, vor einer mächtigen Konzertzither, mein Geiger und griff mit gewandten Fingern in die Saiten, daß ich gleich aufhorchte, weil er jeden schwierigen Akkord sauber und rein herausbrachte, wie es sich für einen gewesenen Konzertmeister geziemt Und da ich ihn sah und ohnehin einer Stimmung verfallen war, in der man gewöhnlich aus der Jugendzeit singt, standen mir plötzlich die sorgenlosen, operettenseligen Jahre mit ihren kecken und schmachtenden Liedern erneut und in voller Deutlichkeit vor Augen. Ich konnte es nicht lassen, ich mußte zu ihm gehen, daß er der Erinnerung mit ein paar Takten nachhelfe, und tat es demnach auch. Ob er nicht ehemals Konzertmeister am Operettentheater gewesen sei, fragte ich höflich. Er nickte, ein wenig verlegen, wie mir schien. Wenn es ihm keine Mühe mache, sagte ich weiter, so möge er doch einiges aus den alten, schönen Operetten zum Besten geben, er würde mir eine große Freude damit machen. Auch bäte ich ihn, sich zu mir zu setzen, sobald er einmal Pause habe. Er jedoch hatte Bedenken und erwiderte, er glaube, daß es ihm nicht gestattet sei. Jetzt begann ich denn von der Vergangenheit zu reden, und lobte seine Soli und fragte ihn schließlich, ob ein Zithersolist eigentlich ein besseres Gehalt bekäme als ein Konzertmeister, ich sei der Meinung, daß ihm trotzdem als Primgeiger in einem Orchester andere Erfolge blühen würden als hier. Er senkte den Blick, zwirbelte den Schnurrbart und gab ausweichend zur Antwort: Es wäre nun halt mal sol Dann griff er wieder in die Saiten und spielte mit einer Fingersertigkeit sondergleichen die altvertrauten Gesänge, daß alle Leute mitsummten. Und immer, wenn er eine Atempause machte, prostete ich ihm zu, worauf er höflich, aber ein wenig herablassend nickte und jeweils ein frisches Glas Bier heruntergoß. Dann wischte er sich den Mund und Hub abermals zu spielen an, doch in einer Art Ekstase von Stunde zu Stunde schwierigere und ernstere Stücke, bis alle Heiterkeit der Gäste dahin war, weil sie nur noch Ohren für das Spiel und Augen für den Spieler hatten. Das ging so fort, über den Feierabend hinaus. Danach, während wir noch dem Kellner die Zeche beglichen, stand er auf, schob seine Zither in einen Holzkasten und entschritt mit kühlem, hochmütigem Gruß, wie wenn ein Virtuose den Kreis seiner stummen Verehrer durchbricht. Der Wirt und die Kellner schauten sich erstaunt nach ihm um. Der Grund dieser Verwunderung ging mir erst auf, als mich einer der Kumpane fragte, wieviel Geld ich dem Kerl eigentlich gegeben habe, daß er nicht sammbln gekommen sei wie sonst. Ich glaubte nicht recht verstanden zu'haben. „Nun ja, du muht ihm doch etwas gegeben haben!" Ich verneinte. Nun mischten sich die andern ein und gaben mir zu verstehen, sie seien erst gestern hier gewesen, und da wäre der Zitherspieler mit einem Teller an den Tischen rund gegangen; ich solle ihnen nichts weismachen. Mit einem Schlag war ich nüchtern. Wo der Mann Konzertmeister gewesen sei, stammelte ich, könne man ihm doch kein Almosen geben, ich hätte geglaubt, er stehe bei dem Wirt im Gehalt, und hätte es ihm gegenüber auch durchblicken lassen. Wie ich das in meiner erschreckten Hilflosigkeit herausgebracht hatte, fiel ein Schweigen über sie, und als jetzt einer zu lachen begann, taten die andern nicht mit, sondern wandten sich stumm ab. Hernach ging jeder in sich gekehrt nach Hause. Ich selbst wurde von einer gelinden Traurigkeit befallen, die mich tagelang nicht losließ, bis ich mir den Trost einredete, daß mich ein gütiges Schicksal als blindes Werkzeug ausersehen habe, einen Menschen, der zu versinken drohte, wieder ans Licht zu holen. Und vielleicht habe ich recht behalten! Wehrhaftes Wild. Von Georg Manzer. Wer hätte sich nicht schon einmal im Zoologischen Garten an dem Muskelspiel und der verhaltenen Kraft des Königs der Tiere, des Löwen, erfreut? Ihm gilt unsere Bewunderung und Achtung, während wir dem König unserer Wälder, dem edlen Rothirsch, vielleicht weniger Beachtung schenken. Wer ihm aber schon einmal in den freien Wäldern unserer Heimat begegnet ist, dem wird seine Erscheinung ebensolche Bewunderung ausgelöst haben wie die der großen Raubkatze; und er sollte uns auch schon deshalb lieber sein, weil wir ihn in freier Wildbahn beobachten können. Die Natur vollbringt an ihm ein Wunder in der Gabe seiner Waffe, des Geweihs. Regelmäßig im Februar jedes Jahres wirft der Hirsch seine Geweihstangen ab. Instinktiv bearbeitet er dabei dünnere Stämme solange, bis ihm erst die eine und dann auch die andere Stange abfällt. Das vollzieht sich für ihn schmerzlos. Finden wir aber solche Geweihstangen einmal im Walde, so sorgen wir dafür, daß sie in die Hände des zuständigen Jägers oder Försters gelangen. Er wird sich darüber freuen, denn diese abgeworsenen Stangen erleichtern oft dem Jäger die Beurteilung seines Wildes. Hat der Hirsch sein Geweih abgeworfen, so beginnt er ein neues zu „schieben", wie der Jäger treffend sagt. Das geschieht durch eine Nährhaut, „Bast" genannt, die die eigentliche Knochenbildung umgibt und den Aufbau des Geweihes von außen fördert. Das Geweih in diesem Stadium wirkt durch die behaarte Basthaut dick und klobig, deshalb spricht der Jäger bann von einem „Kolbenhirsch". In dieser Zeit ist das Geweih weich und empsind- lich, also zunächst noch unbrauchbar. Meinungsverschiedenheiten unter den Hirschen werden deshalb durch Schlagen mit den harten Schalen der Vorder- läufe ausgetragen. Nach ungefähr fünf Monaten ist das Geweih „aus- gewachfen". Der Hirsch hat fein Geweih Beredt, sagt man in der Jäger- fprache. Je nach Alter weist es dann eine entsprechende Anzahl von Geweih- sprossen auf. Ende Juli beginnt der Hirsch zu fegen, indem er den Bast an dem jetzt harten Geweih abfcheuert. Die schweißigen Bastfetzen hängen ihm dann von den Stangen herab, bis der letzte Rest abgefegt ist. Die von dem Bast befreiten Stangen sind jetzt aber noch verräterisch hell und leuchten weit durch den dunkelgrünen Wald. Der Hirsch versucht deshalb, fein Geweih mit einer dunklen Schutzfärbung zu versehen, stößt es in schlammige Erde, reibt es an Stämmen, bis Pflanzensaft, Erde und andere Einwirkungen den Geweihstangen die fchöne dunkelbraune Färbung mit den weißen Endspitzen geben. Weithin klingt dann das „Schlagen" des Hirsches durch den Wald, und wer ein wachsames Auge hat, findet Schlag- und Fegestellen leicht durch die weißgescheuerten Stämme und den zerstampften Boden. Dieses Schlagen ist gleichzeitig eine Vorprobe für den Gebrauch feinet Waffe, denn jetzt nähert sich die Zeit der Brunst, in der sich die Gegner oft bittet bekämpfen. Da er in der Brunstzeit fast keine Nahrung zu sich nimmt, äst er sich im August tüchtig satt. Sein Pansen wird prall und feist. Aeußerst vorfichtig zieht et jetzt mit anderen männlichen Tieren feinet Art durch den Wald. Denn die Schonzeit ist nun abgelaufen.. Der Waidmann ist jetzt oft draußen im Revier, beobachtet und bestätigt jedes Stück Wild und trifft seine Vorbereitungen für den Abschuß. In den mondhellen Nächten findet die Jagd auf den Rothirsch ihren Höhepunkt. Ttutzig und rauh klingen die Stimmen des alten Kämpen in die Nacht hinein. Et steht jetzt beim weiblichen Rudel, und wehe dem Rivalen, der sich ihm nähert. Schreiend und röhrend ziehen sie sich entgegen, und nut der von seiner Kraft überzeugte Gegner stellt sich dem Platzhirsch offen zum Kampf. Dann prasseln die Geweihe mit ungeheurer Wucht auseinander. Wieder und immer wieder rennen fie gegeneinander an, bis bet eine röchelnd und mehr oder weniger schwer verletzt durch Flucht den Kampf aufgibt oder mit schweißigen Wunden am Platze bleibt und dort verendet. Der Sieget aber umkreist fein Rudel und stößt lauter denn je feinen Kampfruf aus in den dämmernden Morgen. Was von unferem Rotwild gesagt wurde, trifft mit geringen zeitlichen Abweichungen auch auf das Rehwild zu. Nut trägt der Rehbock im Gegensatz zum Geweih des Hirsches ein Gehörn. Der Rehbock wirft fein Gehörn schon Ende November ab, um es neu zu schieben. Anfang Mai fegt er dann und ist Ende Juli zur Blattzeit kampfbereit. So schwere Kämpfe wie beim Hirsch -kommen jedoch zwischen Rehböcken selten vor. Doch finden sich auch hin und wieder fchwer gefortelte (mit dem Gehörn verletzte) Böcke im Revier verendet auf. Auch das Wildschwein zählt zu unserem wehrhaften Wild. Es greift in bedrängtem und angeschweißtem Zustand häufig den Menschen an. Mit ungestümer Gewalt versteht es dann der Keiler, feine Zähne, Gewaff ober Gewehre genannt, zu gebrauchen. Oft hat er Jäger schwer verletzt und manchen treuen Jagdhund in die einigen Jagdgründe befördert. Aber auch die Bache, das weibliche Wildschwein, ist trotz des Fehlens des Keilergewasss recht gefährlich. Besonders in der Zeit, in der sie Frischlinge führt, verteidigt sie mit viel Schneid und Mut ihre Sprößlinge. Als ich einmal auf dem Rade bas Revier abfuhr, fand ich dicht am Wege einen Frischling. Als ich ihn aus den Arm nahm, fing er jämmerlich an zu quieken. Da sauste wie ein Donnerwetter, schnaubend und prustend die alte Bache aus der Dickung heran. Schleunigst Letzte ich den Frischling auf den Boden, schwang mich auf mein Rad und fuqr eiligst davon. Ich habe auch einmal erlebt, daß mich ein Keiler annahm, lieber Nacht war eine frische Schneedecke gefallen, und fo stellte ich die Fährte eines groben Keilers fest, die durch ein Stangenholz führte. Mit einem Jagdfreund folgte ich der Fährte, und bald fah ich in einem Wurzelgewirr umgebrochener Fichten eine fchwarze Masse. Das mußte der Keiler fein! Wir putschten uns heran fo gut es ging. Plötzlich wurde die Sau hoch und eräugte mich. Im gleichen Augenblick fchoß mein Freund. Und was nun folgte, geschah mit blitzartiger Geschwindigkeit. Der Keiler stürmte auf mich los und war mir schon sehr nahe, als ich mich in meiner Bedrängnis am Ast einer jungen Eiche emporzog. Da raste der Keiler auch schon unter mir durch. Der Ast war aber zu schwach, um mich längere Zeit halten zu können und brach, so daß ich ziemlich unsanft wieder auf dem Boden landete. Das muß sehr komisch ausgesehen haben, denn mein Freund, der den Keiler verschont hatte, bog sich vor Lachen. Das muß aber wohl den Bassen, der in der Dickung verfchwunden war, zu einem neuen Angriff veranlaßt haben. Denn als ich auffah, wälzte sich auch mein Freund im Schnee, und ich sah den Keiler mit befriedigtem Grunzen verschwinden. Alle Achtung, dachte ich, der hat mal mit uns aufgeräumt. Mein Gefährte lag immer noch im Schnee und fah mich verdaddert an. Er war beim Sturz mit dem Kopf gegen eine Wurzel geschlagen und hatte eine ganz nette Schramme am Schädel. Sein linker Stiefelschast war von oben bis unten aufgeschlitzt, und der Seiler hatte ihm eine ganz schöne Wunde am Bein beigebracht. Nach dem Verbinden konnten wir uns endlich zum Anschuß begeben, wo wir aber weder Schnitthaar noch Schweißspritzer sanden. Der Seilet war also glatt gefehlt und hatte uns dennoch angenommen. Als ich mich von dem Schrecken erholt hatte, mußte ich über dieses Jagderlebnis, las weit gefährlicher hätte ausfallen können, herzlich lachen, und in mein Lachen mischte sich auch Bewunderung und Achtung für den Keiler, der fich lc,n unbestreitbares Recht nahm, fein Leben fo teuer wie möglich zu verkanten. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlfche Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen. i i Fchmij ■Bit mein! ! lang rettu nein 3nm timen, n 11 Achte, । i miet, • ; taget mH! • Elim fach iHjbieei lütjeinti ita ®il(en ünmm, oi leim, jo s Ö:mal8 eir ffletn (lei fei sicheln ™ ' »ei fei ;.k, Hich: IÄ« A S']? Nnjchwnn r Mite. Jh m i Wltqung Aino", »■Minrill i; dellen i «'ik auf. Italien, al Üftafiet im MÄicher Weit n ilf erfenne »»ICH. - W-Äl 'M, An i® Ulte u Wn,mu Men U 'JIDlutf. °m tag nten au5. e sie oon r?ie jein; I'ch Psir, jn3 buntie Wte. Tj, °ch bem aber wohl en zwej. GiehenerZamilienblätter ________Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 195Z Montag, den 2. August Hummer 59 viiemano 6 8 L 9 5 £ t7 Z n Mei- hat Diel, her Weil; anze »Im hat einige Melbourne n überw SZicht. E« lnhastigleii 2i : a>o es fajl aus eng, n, sich ili sie. tiefe en fjeran, bie &w •beitsplat ®orftätte, staitpian, achtet man Aus einen teils. Drei in Mertel 1 englische anb: ä» cht beliebt, auglich si" >o oieÜeichl aut (erien1 mlung der aber leibet war menij i zu reden idsrantreich ine einjix lwr-Tesedk es Land« s den änderte M nd bringe» ch Sch>ise»| r y*«i «-“t »“““«•>, uuyeuu 6u meinen. isr zergre uns seine verstümmelte rechte Hand, sie war ihm auf der Jagd durch einen Unfall zerschmettert worden. „Wie beneide ich Sie, Graf", sagte er, „daß es den Fuentes vergönnt ist, ihren Namen neuerdings in das Buch der Geschichte unseres Landes einzuschreiben. Wie gern hätte ich neben Ihnen gegen diesen niederträchtigen Feind gekämpft." „Obzwar es auch unter ihm Männer gibt, die man achten muß", fuhr er nach einer Weile nachdenklich fort „Keine Franzosen freilich! sondern Deutsche. @5 sind Deutsche gewesen, denen wir es verdanken, daß wir so glimpflich davongekommen sind." Ich war neugierig, mehr darüber zu hören, aber der Graf Mereador lenkte ab, als ob er in Gegenwart seiner Damen ungern davon spräche. Erst als uns die Frauen verlassen hatten, und wir allein beim Wein saßen, begann er zu erzählen. „Ja, ich verdanke es Deutschen, wenn ich Ihnen ein Dach über dem Kopf anbieten und wenn ich Ihnen etwas zum Essen und ein Glas Wein vorsetzen kann. Ich verdanke ihnen sogar noch viel mehr." Ein deutsches Regimen, hatte auf dem Durchmarsch nach Zaragvssa in dem Schloß Quartier genommen. Es hielt strenge Manneszucht, und die Offiziere baten von allem Anfang an, ihnen die geringste Verletzung der Gastfreundschaft und jede Unzukömmlichkeit anzuzeigen. „Freilich, Krieg ist Krieg", sagte der Graf, „damit muß man sich abfinden, und der Leutnant, der als Platzadjutant für die Ausbringung der Lebensmittel und des Pferdefutters zu sorgen hatte, mußte feinem Befehl nachkommen und ein Verzeichnis der Vorräte aufnehmen. <5! h'mnAsA‘lilt vernichtet, des Marschalls eigene Pferde ,le Gefangenen, die man vorher bei einem en in den Flammen umgekommen. n den Franzosen mit in die Luft geflogen, en vor den Bestien fliehen müssen", sagte es erzählte. Er kam hinter der geschwärzten iner Brandruine hervorgekrochen. Um den Tuch. »-rD-j erst- 9* ®r mochte recht haben. Gegen Napoleon hätte ich einen Kampf wagen können, ein ebenbürtiger Gegner, ich hatte Europa hinter mir — der Inquisition war ich nicht gewachsen. Siebold wandte sich an Fuentes: „Was ist Ihre Absicht, Graf?" „Bei Calatayud haben sich etwa zweitausend Mann Freiwillige aus Aragonien gesammelt. Ich soll sie nach Zaragossa führen. Palafox braucht dringend Verstärkung." „Nehmen Sie Goya mit!" „Willst du mitkommen, Francesco?" zögerte Miguel. Er kannte die Blätter, auf denen ich meine Anklage gegen die Greuel des Krieges erhob. Aber er wußte nicht, daß ich längst eingefehen hatte, diese Greuel seien ebenso unvermeidlich, wie irgendein Naturereignis, wie Erdbeben, wie Wirbelstürme, wie Springfluten. Was für eine Dummheit, irgendeinem Mann ober einem Volk die Schuld an einem Krieg beizumeffen! Nicht Menschen machten die Kriege, auch darin hatte Siebold recht, es waren bluttruntene Teufel, glotzäugige, rüffeltragende, icibelzähnige Dämonen, die über die Menschheit herfielen, um sie zum Krieg untereinander zu Hetzen. „Du mußt ja nicht kämpfen", meinte Siebold. „Du brauchst nur die Waffen zu ergreifen. Aber du muht fort von hier. Und einem Mann, ner gegen Frankreich die Waffen trägt, wird auch die Inquisition nichts inhaben können. Jeder Freiheitskämpfer hat einen Anspruch auf einen vollkommenen Ablaß aller Sünden. Die Kirche erläßt ihm alle Verbrechen, Ehebruch, Betrug, Mord — auch das deine." 1* 1,4. k.nloit« hi* STOmnoll" X“* I " £ — »■ I IRrnnh hnfto Colour & Grey Control Chart Ireuel des Krieges durch meine Einbildungs- fen zu können, aber ich sah mich von der s was ich zu erdenken vermocht hatte, war Wildheit des Lebens. Und es geschah, daß in irgendein anderer die naturfjafte Unver- innte, über die Gestalt, die ihm die Men- entftanb. Aus dem Entsetzen wurde eine daß ich die Menschen von der Verant- , unb begann Recht und Unrecht zu oer- f «ten jenes allein zuzugestehen. .. mar ,n au ven Ortschaften, durch die wir kamen, um die Trümmer wegzuräumen und die Toten zu bergen. Einige verlassene, k. >!che Greise hockten in den Schutthausen, nur ab und zu schlich ein Bauer, der in den Ruinen herumgestöbert hatte, hervor und schloß sich uns an, nachdem er einige Worte mit unseren Miquelets gewechselt hatte. Unjer kleines Häuflein wuchs anr und wir waren etwa ^wanzia Mann stark, a!s wir das SehloA des Trafen Son (Caspar Mereador unweit Calatayud erreichten. ,. Wir staunten nicht wenig, es in einigermaßen gutem Zustand zu finden. Einige zersplitterte Türen hingen schief in den Angeln, Fenster waren eingeschlagen, zwei oder drei Zimmer waren ausgebrannt und eines der Hofgebäude lag ganz in Trümmern. Aber immerhin: diesen Besitz hatte der Krieg nur gestreift. Im Hof kam uns der Schloßherr entgegen. Hinter ihm standen die Gräfin und feine Tochter, und das Mädchen trug einen Teller, auf dem Brot und Salz lagen. Der Graf sprach mit gemessener Höflichkeit einige Worte der Begrüßung, dann brach er ein Stück des Brotes, tauchte es in Salz und reichte es Fuentes. Miguel aß drei Bissen, brach dann selbst von dem Brot und gab es in Salz getaucht dem Grafen. Dann tauschten sie ihre Messer gegeneinander aus und küßten einander schließlich auf beide Wangen. „Es ist eine uralte Feindschaft zwischen den Fuentes und den Grasen Mercador", sagte Miguel, als wir in dem Zimmer allein waren das man uns angewiesen hatte. „Einer der Ahnen des Grafen, ein wüster ^bnsch, hat einft, .in. den Straßen Valencias einen armen Narren, einen Blodsinnmen her nirht rnf* nenun nu=moi*o„ »«««.4« di- 6*1 japan*! heu, ml n Eicks V n fpä* f?| nertfJ! sie .'n m tat) bann,*1 „Wir warten nur noch auf ein Pferd", sagte Fuentes, „dieser Sennor bmmt mit uns." Nach einer kleinen Weile tarn Gabriel mit meinem Cid, den er indischen aus dem Stall in der Stadt geholt hatte. Wir saßen auf und beim Anbruch des Tages hatten mir schon die Stabt umritten und ein tüchtiges Stück der Straße nach Gundalajara »»rückgelegt. Es war nicht nötig, Vorsichtsmaßregeln anzuwenden, die 1 mgebung Madrids war frei von Franzosen. Sie hatten sich nach den wrdlichen Provinzen zurückgezogen, aber der Weg, den sie genommen lottert, war eine breite Bahn der Zerstörung, der Greuel und des Todes. Die Bäume waren niedergehauen, die Weingärten verwüstet, Es lauert ein Menschenalter, bis ein Delbaum heranwächst, in einigen Jpunben ist sein Holz vom Lagerfeuer verzehrt. Die Dörfer waren -Trümmerhaufen, unter verkohlten Balken lagen Menschenleichen, bie t"ler Tiere verpesteten bie Luft. (Sunbalajara lag zur Hälfte in Schutt. In den Kellern schwammen l«re zerschlagene Fässer auf dem ausgelaufenen Wein. Zertrümmertes Hausgerät versperrte die Straßen, tote Hühner und Schweine stanken »we Verwesung zum Himmel. Den Corregidor der Stadt, der mit seinem Stab, dem Zeichen der J-eriäjtsbarteit, den Franzosen entgegengetreten war, hatte ein Pariser unroift ohne Umstände mit einem Schuß niebergestreckk. Dann hatten n ^trunkenen Mordbrenner die Pulverfässer, bie auf bem Marktplatz '""den, entzündet. Die Häuser um den Platz waren eingestürzt, der Green Grey 2 Cyan Grey 1 Blue White Yellow Grey 3 Red_______Magenta Grey 4 Black