GieheimZamilieilbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Zreitag, den 30. Juli Nummer 58 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 13. Fortsetzung. Wenn dies wirklich alles auf das Löwengesicht zurückging, so war KCr n teuflisch genug. Aber ich war noch von dem Anblick der Kleidungsstücke Martinas, von all den Anzeichen ihrer Anwesenheit verwirrt, ich konnte nicht glauben, daß sie nicht noch vor kurzem hier geatmet und gesprochen habe. lri "Nein", sagte Siebold, „laß dich nicht betrügen, armer Freund. Es ist kein -auch von Martina hier. Ich wüßte es. Ich verspüre hier nichts als die Singdogmo. Ich habe sie gespürt, seit wir das Hans betreten haben. „Und wer soll diese Tat verübt haben?" fragte Miguel, indem er nach der Kiste deutete, über deren Rand die Beine des Erwürgten hingen. ” „Sie hat Werkzeuge genug, deren sie sich bedienen kann. Wir wissen davon zu erzählen, Francesco! Brave Messer, feste Stricke gehorsamer Patrioten, denen sie bloß gesagt zu haben braucht, Avila sei ein Feind des Vaterlandes und seine Beseitigung eine gute Tat. Avila hat die Ausrufe der Franzosen gedruckt. Run aber steht es so, daß der Verdacht auf dich gelenkt ist, Francesco, und das war ihre Absicht." „Aber der Mozo und die Alte", warf Miguel ein, „die müßten doch sagen können ..." „Sie werden nichts sagen können, denn die Singdogmo wird dafür gesorgt haben, daß sie außer Haus gewesen sind. Ihr dürft mir glauben, es ist alles so bedacht, daß es prächtig ineinandergreift. „Sollten wir nicht .. ."zögerte Miguel stirnrunzelnd. „Nein, wir sollen gar nichts. Wir wollen nur sehen, schleunigst fortzukommen. Wir wollen nichts berühren, nichts verändern, wir wollen keine Spur unserer Anwesenheit zurllcklassen. Es könnte sein, daß hier noch andere Fallen für uns aufgerichtet sind. Es würde mich wundern, wenn wir das Haus unangefochten verlassen können." Es sollte sich zeigen, daß Siebold die Kampfesweise unserer Feindin, an deren Wirken ich nach allem Geschehenen zu glauben nicht mehr umhin konnte, richtig eingeschätzt hatte. Er schob uns vor sich her aus der Kammer, wir durchschritten das Wohnzimmer, aber in dem Augenblick, als wir die Tür öffnen wollten, ging sie aus, und in ihrem Rahmen stand Avilas Mozo. Das Haar hing ihm wirr ins Gesicht, als fei er eben aus dem Bett gekommen und in fein verschlafenes, mürrisches Gesicht trat ein entsetztes Staunen, da er uns so plötzlich vor sich sah. Siebold stieß ihm den grellen Strahl seiner Laterne in die Augen, er sie geblendet schließen mußte, und da stand auch schon der Doktor unmittelbar vor ihm und blies ihm seinen Atem zwischen die Augenbrauen. Der Mann taumelte zur Seite und gab uns den Weg frei. „Jetzt fort!", sagte Siebold, „er wird nichts erzählen können. Ich habe ihm das Gedächtnis nicht völlig nehmen wollen. Was kann der mme Teufel dafür. Aber für einige Wochen ist er unschädlich, es mag mistweilen genügen, um den Dingen eine andere Wendung zu geben. So zäh sie ist, bis dahin kann manches geschehen fein." ♦ Die Ermordung des Buchdruckers Avila erregte weniger Lärm als swir befürchtet hatten. In dieser Zeit wildester Aufgewühltheit, in der leoer Tag Morde brachte, machte der einzelne Fall kein sonderliches Auf- leyen, wenigstens drang nichts davon in die Abgeschlossenheit meines Landhauses. Vielleicht auch war es Siebold gelungen, die Tat als einen Rachemorfp spanischer Patrioten so geschickt hinzustellen, daß feder andere Verdacht im Keim erstickte. Der Besuch der Polizei, dem ich nach Siebolds ersten Andeutungen eigentlich mit Bestimmtheit entgegengesehen hatte, blieb aus. Die Pläne aer Singdogmo, wenn wir auch in dieser Tat ihre Hand zu erkennen ?er“en't roaren "b^rnals durchkreuzt, ich blieb von dem Verdacht un- Daß aber die Ermordung Avilas dennoch im Mund der Leute umging, erfuhr ich durch Josepha. .. Sie war eines Tages so scheu und seltsam unruhig, daß es mir auf« !»,<'.Inslig. Sr.Kun, m°», S"6.*eÄ& Ä - ÄÄ «... brgch°ns gesetzt. Das geistliche Gericht war gegen mich aufgeboten, und es würde ohne Erbarmen und Rücksicht gegen mich emfdjre ten ba die Franzosen abgezogen waren, hatte es feine alte unheimliche Wacht roiebergeroonnen, seine Kerker waren wieder geöffnet, Segen sei Urteile gab es keine Berufung, vor ihrer Vollstreckung keine Rettung. Auch Siebold hatte erraten, was diese Ladung zu bedeuten Ha ie (=;„ mirft ein neues Netz über dich, Francesco, und eines, dem nicht f'o leicht zu entkommen ist. Sie bewaffnet den gefährlichsten ^emd gegen dich Der Streich mit Avilas Mord ist ihr mißlungen. Die weltliche Macht ist harmlos und leicht abzulenken. Aber nun hat sie einem alten und erbitterten -aß den Weg gezeigt, dich zu vernichten.Sie haben es dir nicht vergessen, daß du sie Faultiere und Gespenster genannt hast. Alle Bosheiten, bie du gegen fte gezeichnet, radiert und gemalt hast haben sie sorgsam gesammelt, den Zerrbildern ihrer Laster und Fehler' haben sie das Gift ausgepreßt, das dann enthalten war, und haben es in jahrelanger Garung 3,u tobhdjer W'^ng Segen d ch sechst' gesteigert. Sie haben an dich nicht herankommen können. Er kennst du, wie geschickt die Singdogmo den Zeitpunkt gewählt hat, um sie gegen dich loszulassen?" Das Löwengesicht?" fragte Miguel, „diese Isabel Calderana? Isabel Calderana ist tot. Sie hat Madrid verlassen, sie ist verschwunden. Das -aus ist leer, die alte Pastrana hüte: ees nun 3 ab l ist in das Reich des Ungedachten zuruckgekehrt, in dieser Gestatt ist bie Singdogmo zerfallen und wird uns nicht mehr begegnen. Aber sie hat3 einen alten rachsüchtigen und blutgierigen Schatten belebt und seinem Willen, dir Uebles zuzufügen, ein Werkzeug gefunden, das zu Miguel'sah^mich besorgt an: „Meinst du daß es jene alte Geschichte ist? Wollen Sie dich deshalb vor Gericht stellen? Ja" sagte ich, „ich zweifle nicht daran. Es ist wegen Blandina. Ja "ich habe3 eine Nonne entführt, ich habe den heiligen Frieden eine Klosters entweiht und eine Braut Christi ihren Gelübden abwendig gemacht. Aber soll ich mein ganzes Leben deshalb Sutern rnusiem soll ich mich nie von dieser Schuld sreisprechen dürfen? Was kann ich da für, daß Blandina ins Kloster kam, ehe sie mich kennenlernte? Du hast recht, Miguel, die Zeit ist unser Schicksal! Kehr einmal den Vorgang um ' laß mich kommen, ehe die Klostertür hinter Blandina zuste wo' ist dann eine Schuld? Eine andere Schuld als b.e ^der anderen Liebe — wenn sie nicht bie große, einzige ist — daß he °ufflammt, batz sie eine Zeitlang brennt und bann verlischt? Fast jebe Liede ist wie ein Licht, sie lebt, indem sie sich selbst verzehrt. Ich habe Manbina verlassen, sie hat mich gesucht sie ist nur nachgewandert und ist ach bem Weg gestorben. Ich habe sie preisgeben müssen. Ich habe sie ochern rnüffen — meiner Freiheit unb meiner Kunst. Wenn eine Schu baran ist, so muß ich sie auf mich nehmen. Aber gerade wegen die er Schuld werbe ich ja nicht verfolgt. Sie wollen mich nicht deshalb strafe , weil ich bie Frau, bie mich geliebt hat, verraten habe, sondern well ich bie Gefangene eines Klosters befreit habe. Unb eben von dieser Schulb spreche ich mich selber frei." „So gefällst bu mir roieber, Francesco!" sagte Siebold, indem er mich auf bie Schulter schlug. Es war, weiß Gott, eine völlige Wanblung mit mir vorgegangen. War ich nicht die ganze Zeit über wie betäubt gewesen unb rote ge lähmt durch bie Tage geschlichen, als hatte mir ein Vampyr das Blut ausgesaugt? Ich hatte den Kopf hängen lassen, ich hatte mich 8er9r“be^ anstatt mich den Ereignissen innerlich entgegenzustemmen und den Drucr abzuschütteln. Wenn das Löwengestcht ober wer schon immer gj* hatte mich durch ben neuen Angriff noch mutloser zu mache»y so follt« das ein Irrtum gewesen sein. Ich war durch den Z°rn wachoerutte ^ ich stand plötzlich wieder fest in meinem alten Selbst, ich wollte Kamps ausnehmen. (Fortsetzung folgt.) Aehrenlied. Von Hermann Claudius. Sonne über Aehren — Du kannst dich nicht erwehren, du mußt voll Andacht sein. Du siehst des Segens Hände. Und deines Lebens Ende liegt vor dir wie ein lichter Schein. Sonne über Aehren — Natur nur kann uns lehren und keines Menschen Wort. Die Aehren all sich neigen. Gott ist das große Schweigen und wandert heimlich mit dir fort. Deutsche Dichterinnen. Von Hanns Arens. Ich lebe mit meinen Büchern wie in einem Kreise „erlesenster" Menschen, ohne die ich mir mein Dasein nicht mehr vorstellen mag. Margarethe Schiestl-Bentlage. Wir wollen in dieser kleinen Betrachtung auf einige wesentliche deutsche Dichterinnen Hinweisen, die mit ihren stärksten Werken den besten Dichtern unserer Zeit ebenbürtig an die Seite gestellt werden dürfen. Ricarda Huchs gesammeltes Werk dürfte seit vielen Jahrzehnten allgemein bekannt sein. So sei nur noch einmal ihr berühmtestes'Buch „Der große Krieg" (womit der Dreißigjährige gemeint ist) genannt. Unter den Dichterinnen der Gegenwart ist neben Ricarda Huch unstreitig die stärkste Vertreterin Ina Seidel, deren wunderbarer großer Roman „Das Wunschkind" zum bleibenden Besitz der neueren deutschen Dichtung geworden ist. Neben ihren Gedichten, die weniger bekannt wurden, und einigen Romanen, wird das „Wunschkind", diese erlebnistiefe Dichtung ihren Namen für immer mit der großen Tradition verbinden, die für uns in Annette von Droste-Hülshoff ihren Höhepunkt erreichte. Wie die Droste ist auch eine andere Dichterin gebürtige Westfälin: Josefa Berens-Totenohl, von der wir erst in den letzten Jahren Kenntnis erhielten. Diese Frau schrieb die beiden Romane „Der Femhos" und „Frau Magdlene", für die sie den ersten westfälischen Dichterpreis erhielt. Die kraftvollen Dichtungen ihrer westfälischen Heimat, durch die sie würdig das Erbe der Annette von Droste fortführt, werden lange über den Tag hinaus Bestand haben und sind nicht zu verwechseln mit jenen geschichtlichen Romanen aus dem Bauern- 1-eben, an denen sich leider allzu oft eine unberufene Hand glaubt verbuchen zu müssen. Mit der gleichen inneren Anteilnahme begrüßen wir das Schaffen nner anderen westfälischen Dichterin, Margarethe Schiestl- Bentlage. Mit ihren beiden ersten Büchern „Unter den Eichen" und .Das blaue Moor" errang sie einen überdurchschnittlichen Bucherfolg, >en wir herzlich begrüßen, und der durch ihr neues Buch „Der Liebe Leid und Lust" wesentlich erweitert wird. Ihre Dichtungen sind wie bei Josefa Berens-Totenohl der niederdeutschen Landschaft entsprungen; die 10n ihr erzählten Schicksale aus dem Leben eines Stammes in der norddeutschen Tiefebene zeugen von der Kraft und der Schwere der niederdeutschen Landschaft, die voll Mythos und Sage ist. Helene Voigt- Riederichs ist in dem anderen niederdeutschen Raume, in Schleswig- Holstein beheimatet. Wenn wir an Helene Voigt-Diederichs denken, so nüffen wir von allen ihren Büchern eines nennen, das vom Leben einer Dlutter erzählt, nämlich „Aus Marienhoff". Diese wunderbare und gütige Erzählung aus dem Leben eines norddeutschen Bauernhofes, in deren DUtte das Bild einer deutschen Mutter sieht, wünschen wir in die Hand 'äner jeden Frau. Wenn von der Dichterin nur dieses eine Buch künden öürbe, es schiene uns genug, ihren Nstmen immer in Ehrfurcht und Verehrung zu nennen. Neben Helene Voigt-Diederichs müssen wir il g n e s M i e g e l stellen, die große ostpreußische Dichterin, die die Menschen und Landschaft ihrer Heimat in wenigen, aber für die deutsche Mästung wesentlichen Büchern gestaltete. Es sind vor allem ihre Ge- lidjte und Balladen, in denen sich ihre Stammes- und Volksverbunden- !*it machtvoll bekunden. Mit großer sprachlicher Kraft schildert sie auch m ihren Erzählungen das Schicksal Ostpreußens in Vergangenheit und Gegenwart. Allen, denen das Werk dieser Dichterin bisher unbekannt leblieben [ein sollte, möchten wir zwei Bücher besonders empfehlen: »Die deutschen Balladen" und „Die Geschichten aus Ostpreußen Auch ßulu von Strauß und Torney entstammt einem alt- fiedersächsischen Bauerngeschlecht; genau wie Agnes Miegel schilderi sie »chicksalsläufe ihrer Heimat in Vergangenheit und Gegenwart Von wen kulturgeschichtlichen Romanen nennen wir hier die beiden Bucher -Der jüngste Tag" und „Luzifer". Aber auch als Balladendichtenn von iberragender Kraft des Ausdrucks wurde sie bekannt; davon zeugt von «llem ihr Band „Reif steht die Saat". Gerne empfehlen wir auch ihren lösten, spannungsreichen niederdeutschen Erbhofroman „Judas und ^eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg „Der Hof am , Ist die Zahl der bedeutenden Dichterinnen der Gegenwart auch nicht sthr groß zu nennen, so ist es doch erfreulich, zu beobachten, wie sich im raufe der Jahre da und dort junge Kräfte entwickeln und entfalten, wir denken hier etwa an Meta Scheele. Ihre beiden Bucher heißen: „Die Sendung des Rembrandt" und „Stier und Jungfrau. Im ersten Buch schon zeigte sich ihre große gestalterische Kraft, die es vermochte, das in leder Beziehung außergewöhnliche Leden Rembrandts mit solcher Wahrhaftigkeit vor uns aufzurollen und uns im Tiefsten zu erregen. An diesem schwierigen Stofs können mir ermessen, welche Hoffnungen wir auf Meta Scheele setzen durften. Daß sich diese in ihrem zweien Buch „Stier und Jungfrau" so schön erfüllten, ist für alle, die Weg und Schaffen dieser Dichterin mit lebhafter Anteilnahme verfolgen, eine große Freude. Ihr neuer Roman aus der Zeit Karls des Kühnen von Burgund (Ende des 15. Jahrhunderts) beschwört mit dichterischer Wortkraft ein Schicksal in so elementarer und urwüchsiger Gegenständlichkeit, daß wir uns beim Lesen immer wieder vergegenwärtigen müssen, daß eine Frau cs war, die diesen ganz im Dichterischen wurzelnden historischen Roman schrieb. Wir begleiten das fernere Schaffen dieser Dichterin mit guten Wünschen und würden uns freuen, wenn uns der Verlag bald auch ihr« Balladen und Gedichte in Buchform übergeben wollte. Mit wesentlichen Dichterinnen sind roir nicht so reich gesegnet, als daß wir uns erlauben könnten, auch nur eine hoffnungsvolle dichterische Begabung unerwähnt zu lassen. Wer aufmerksam die Bücher verfolgt, die von deutschen Frauen geschrieben wurden, wird bald aus den Namen Agathe Lindner stoßen. Von dieser Dichterin erschien vor nicht langer Zeit der erste Roman „Madonna an der Treppe". Wir möchten deshalb auf diese Geschichte eines leidenschaftlichen Lebens mit besonderem Nachdruck Hinweisen, da wir glauben, daß in Agathe Lindner im Schrifttum der Frauen unserer Zeit eine Dichterin heranwächst, der wir alle Förderung und Beachtung schenken müssen. Zum Schluß wollen wir noch einige bekannte Namen nennen. Isolde Kurz, seit vielen Jahrzehnten mit beachtlichen Büchern im Schrifttum bekannt, sei mit ihrem großen und schönen Lebensroman „Vanadis" erwähnt. Auch die viel gelesene Anna Schieber wollen wir mit ihrem Buch „Alle guten Geister" erwähnen. Ferner die Oester- reicherin Enrica von Handel-Mazetti, an deren großen Liebesroman „Jesse und Maria" wir erinnern. Sehr beachtlich ist auch die andere katholische Dichterin Gertrud von le Fort, deren bekanntesten Bücher „Hymnen an Deutschland" und der Roman „Das Schweißtuch der Veronika" sind. Gern verweisen wir auf Marie Siers, die mit vielen Romanen und Erzählungen einen Beitrag zu der guten Unterhaltungsliteratur unseres Schrifttums gab. Eine ihrer letzten größeren Erzählungen heißt „Die Erbschaft der Magd". Auf dem Wege über die Bühne konnte sich die junge niederdeutsche Dichterin Alma Rogge durchsetzen. Ihr neues Bühnenstück „Wer bietet mehr" (an das Vorbild ihres Landsmannes August Hinrichs angelehnt) hat ihren Namen erneut bekannt gemacht. Auch möchten wir gerne auf ihren neuen Novellenband „Leute an der Bucht" Hinweisen. Rubens, ein Genie der Arbeit. Von Dr. C. G u d e n r a t h. Die führenden Museen der Welt brauchen sich nicht damit zu begnügen, zwei oder drei Bilder des großen Rubens zu zeigen, sie haben zumindest einen ganzen Rubens-Saal. Und in welchen Rissenausmaßen sind diese Bilder gemalt! Wie konnte das ein Mensch schassen? Muß man sich nicht staunend diese Frage vorlegen, wenn man noch dazu bedenkt, daß die Gesamtzahl der Rubensbilder über anderthalb Tausend beträgt. Es ist zweifellos, daß in der allgemeinen Bewunderung der Welt für Rubens das Staunen über feine schier übermenschliche Arbeitskraft ganz wesentlich, wenn auch unausgesprochen, mitwirkt. Wir sehen in Rubens nicht nur den genialen Maler, sondern auch ein Genie der Arbeit. Wäre uns über das Leben und die Persönlichkeit des Rubens nichts überliefert und wären wir gezwungen, uns aus dem, was er gemalt hat, eine Vorstellung von dem Menschen Rubens zu bilden, so glaubten wir wohl einen in heiterem Lebensgenuß schwelgenden Mann vor uns zu haben. Ein Rätsel bliebe dann nur, wie dieses Riesenwerk zustande kommen konnte. Heiter war Rubens wohl, doch war dieser Maler antiker Bacchanalien ein Mann von großer Mäßigkeit und Selbstzucht. Rubens war ein Frühaufsteher. Er malte, wenn ihn nicht gerade andere Geschäfte davon abhielten, den ganzen Tag bis zur Dämmerung und ritt dann zur Erholung aus. Er kam als berühmter Mann in ehrenvollen diplomatischen Missionen an die Höfe von Madrid, Paris und London, doch auch dort zog er es vor zu malen, statt sich in seinem Ruhm zu sonnen. Freilich wurde er auch geradezu zur Arbeit gedrängt. Denn die Kirchen, die Klöster und die regierenden Fürsten, die seine hauptsächlichen Auftraggeber waren, wendeten schon einige Energie daran, ein Bild von Rubens zu erlangen. Dadurch wurde Rubens aber keineswegs hochfahrend, denn er war ein zu guter Geschäftsmann, um nicht stets auf die verbindlichste Weise sich den lohnendsten Ertrag feiner Arbeit zu sichern. Er war aber wiederum nicht so sehr Geschäftsmann, als daß er sein souveränes Künstlertum darunter hätte leiden lassen, und er opferte viel Zeit, um die großen Meisterwerke der Malerei, vor allem die Tizians, wo immer er sie antraf, sorgfältig zu studieren und auch zu kopieren. Daß Rubens einen eigenen Werkstattbetrieb in Antwerpen unterhielt, war seit den großen Maiern des Spätmittelalters nichts Ungewöhnliches mehr. Sein Ünternehmergeift allerdings hat auch hier dem Betrieb die größten Ausmaße gegeben. Rubens rechnete im Punkt der Eigenhändigkeit seiner Bilder nicht mit der Aengstlichkeit der Museumsleute Er machte den Entwurf und überging bann noch einmal mit eigener Hand bie von dem Schüler besorgte Ausführung des Gemäldes und er äußerte in einer brieflichen Kaufverhandlung selbst, daß solch ein Bild als von seiner Hand stammend gelten könne. Nun ja, wird man jetzt sagen, Rubens hat es eben durch diese rationelle Arbeitsweise geschafft. Man bedenke jedoch, daß dieser Werkstattbetrieb mit seinen Erfordernissen an organisatorischer und erzieherischer Leistung immerhin schon die volle Arbeitskraft eines durchschnittlichen Mannes aufgebraucht hätte. Man muß vielmehr das Geheimnis der Rubensschen Schasfenssülle in dem glücklichen Zusammenwirken besonderer Eigenschaften des Mannes sehen. verantwortlich: vr. HanS Thhriot. — Druck und 'Betlag: Brühlfche Universitätsdruckerei 21. Lange, Sieben. Melbourne, Millionenstadt Australiens. Ein Reisebericht von Heinrich Hauser. In Melbourne suhlte ich mich ganz wie in Europa oder wie in Nordamerika: das war eine Millionenstadt wie andere, mit dem gleichen, brausenden Verkehr, den gleichen Menschenmassen und der gleichen City- Enge. Zu den ersten und stärksten Eindrücken gehörte ein Polizist, der an Reihen parkender Wagen entlangging und an die Reisen einen Kreidestrich zog. Man darf nur kurze Zeit parken, und der Kreidestrich ist eine Zeitkontrolle — Raummangel mitten im Raumüberfluh! Das Gegenstück zu dem ankreidenden Polizisten — die kleinen Jungen, die für ein Trinkgeld den Wagen vor Zeitablauf ein Stückchen weiterjchieben — dies amerikanische Gegenstück fehlte vorläufig, aber es wird wohl nicht lange auf sich warten lassen. Ein paar Millionen Menschen, die Bevölkerung eines europäischen Kleinstaats, besitzen einen ganzen Erdteil, und was tun sie? — Sie kriechen in der Enge von ein paar großen Städten zusammen, so dachte ich bei mir; aber nachdem ich ein paar Stunden in der City umhergelaufen war, verstand ich auch das Warum. Es soll hier nicht von den natürlichen Gründen die Rede sein, die eine Stadt wachsen lassen: günstige Lage an einer Flußmündung, einem natürlichen Hafen mit gutem Hinterland. Es sind andere Gründe, die eine Großstadt weiter und immer weiter wachsen lassen, über die Grenzen des organischen Wachstums hinaus. Es war einer der heißesten Sommertage; die Steinmassen strahlten Glut. Aber aus den Tiefen der weit offenen Läden drang ein Strom von eisgekühlter Luft in die Straße. Aus den Läden, aus den Banken, aus d:n Kinos lockten diese erfrischenden, kühlen Schauer der künst- I i c, : n Kälte, die heute in den größten Städten heißer Länder schon fast .oenso verbreitet ist wie die künstliche Wärme bei uns im Norden. „Drinnen ist es kühler als draußen" lockten die Kino-Schilder, und sie lockten fast noch mehr als die großen bunten Reklamebilder der Filme selbst. Ich ging in viele Läden, kaufte Kleinigkeiten, die nicht unbedingt notwendig waren, einfach um der heißen Hölle der Strahenschluchten zu entfliehen; ich ging in drei Tagen dreimal ins Kino, obwohl mich das Programm nicht reizte. Anderen Menschen wird es nicht viel anders gehen. Man drängt sich zusammen in den großen Städten, weil sie uns im Winter vor der Kälte, im Sommer vor der Hitze schützen, weil wir uns künstliche Klimata geschaffen haben, ohne die wir nicht mehr leben wollen, wenn wir einmal an sie gewöhnt sind. Ich kann mich an die Geschichte von Allaüin mit der Wunderlampe nicht mehr genau erinnern, aber mir schwebt vor, als sei einer seiner Hauptwünsche ein kühles Gewölbe in einem Basar gewesen, wo der Kaufmann geruhig auf seinen Teppichballen sitzt und auf die Kunden wartet, die die Kühle und das angenehme Halbdunkel des Gewölbes ihm zutragen. Alladin oder dieser Kaufmann, sie sind die Vorläufer des modernen Kundenfangs durch Zentralkühlung gewesen. Eine so große Stadt birgt natürlich auch ganz andere Warenmengen, Auswahl an Waren, Konkurrenz; es war leicht zu sehen, daß die Menge in den Straßen von Melbourne besser gekleidet war als in den kleinen Städten und dort wiederum besser als auf dem Land. In Adelaide war es noch die Weite aller Straßen gewesen, die mir als Gegensatz zu Europa so stark ausgefallen war; Melbourne ist einen Schritt weiter in der Entwicklung, mit kostbarerem Baugrund, mit mehr Hochhäusern; es hat weite, hat aber auch ganz enge Straßen, ganz wie London. Und genau wie man London in der Erinnerung stets als eine Stadt des Kunstlichts sieht, so glühen auch in Melbourne unter dem Halbdunkel der Arkaden, die die Bürgersteige Überspannen, mitten am Tag die feurigen Schriften der Lichtreklamen. Eins aber zeichnet diese City vor allen anderen mir bekannten aus: ein unbeschreiblich schöner Dust von Pfirsichen durchwehte sie von einem Ende bis zum andern. Es mußte wohl grade Pfirsichernte sein; auf zahllosen Wagen, in Hunderten von Fruchtläden türmten sich Pfir- ichgebirge, dunkelrot fast schwarz die Glut ihrer Backen, wie ganz dunkle Rosen, und von einer Größe, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Sie kosteten drei oder vier Penny das Pfund. Wie so viele modernen Großstädte ist auch diese City nach dem Schachbrettsystem angelegt; das hügelige Gelände hätte aber wohl eine mehr dem Boden angepahte Linienführung der Straßen zweckmäßiger und schöner gemacht. Die City ist nicht Melbourne, sie ist nur Melbournes Arbeitsplatz. Das wahre, das australische Melbourne machen die riesigen Vorstädte, die „Schlafstuben" der Großstadt aus. Ohne viel Ahnung vom Stadtplan, der Nase nach, so wie die Trambahnen mir grade begegneten, fuhr ich kreuz und quer hindurch, staunend über die Weite dieser Bauflächen, wo jedes Haus fast versteckt in seinem Garten gebettet liegt, wo es säst nirgends ein zweites Stockwerk gibt und wo der Bungalow, aus englischen, amerikanischen und australischen Elementen erwachsen, sich in seiner tausendfachen Mannigfaltigkeit zeigt. Wie glücklich sind sie, diese jungen Städte, die erst nach dem Zeitalter der Mietskasernen heran- gewachsen sind. Sie können aufbauen, da, wo wir zunächst die Bausünden unserer Väter abreißen müssen. Zwischen dem Arbeitsplatz und den Schlafzimmern Melbournes spannt sich ein mächtiger Grüngürtel. Melbpurne hat vielleicht den schönsten und reichhaltigsten botanischen Garten der Welt; es kann ihn haben, weil in diesem Klima beinahe jede Pflanze ohne große Glashäuser und andere Umstände gedeiht. Melbourne hat einige der größten und bestgehaltenen öfsentlichen Parks der Welt. Melbourne hat einen prachtvollen Badestrand, der aber leider durch ein überaus häßliches Amüsierviertel verdorben ist, das sich an ihm entlangzieht. Ein „Lunapark" bei Tageslicht mit seiner grellen, gipsernen Fratzenhaftigkeit ist, vor das Meer gestellt, noch unerträglicher als sonst. Wie stark Australien im Aufschwung begriffen ist, das beobachtet man am besten an dem Autoverkehr einer Großstadt. Auf einen Wagen älteren Modells kommen fünf Wagen des letzten Modells. Drei Viertel aller Personenwagen mindestens sind Amerikaner, ein Viertel Engländer, meist Kleinwagen. Bei den Lastwagen scheinen englische Modelle besser konkurrenzfähig; hier ist das Verhältnis England : Amerika etwa zwei zu drei. Der englische Personenwagen ist nicht beliebt, weil er verhältnismäßig teuer ist. „Gut für die Stadt, untauglich für schlechtes Gelände, sagt man von ihm. Hier ist ein Punkt, wo vielleicht die deutsche A u t o i n d u st r i e einsetzen könnte, denn sie baut serienmäßig geländegängige Wagen. Ich ging ins Nationalmuseum, vor allem um die Sammlung der Kunst und der Geräte australischer Eingeborener zu sehen, die aber leider geschlossen war. Eine Bildersammlung australischer Maler war wenig trostreich; es ist wohl verfrüht, von einer australischen Malerei zu reden. Ich glaube, daß sie mehr Motive aus London, aus Italien, Süd frankreich und aus der Mythologie enthielt als australifche Themen. Eine einzige Landschaft von D. Davies gab mir etwas von dem Nie-zuvor-Gesehe- nen, von der stillen Größe und den ganz seltsamen Farben des Landes. Als die City sich geleert halte, als nur noch Arbeitslose auf den Bänken der Parks und auf den Stufen der Hauptpost faßen, wanderte ich müde zum Hafen und suchte das Schiss, das mich nach Deutschland bringen sollte. Auf hölzernen Piers, zwischen langen Lagerschuppen und Schiffen, die wie Perlen an einer Schnur aufgereiht lagen, ging ich einen weiten Weg. Der grße Anteil der japanischen Flagge sprgng in die Augen (schon in den Schiffahrtsnachrichten, die ich ständig verfolgte, waren mir die vielen japanischen Namen ausgefallen), und die Schisse hoben sich ab von denen der anderen Nationen. Eine Gruppe japanischer Heizer und Matrosen eines Frachtdampsers ging soeben an Land, nicht in dem üblichen Seemannszivil, sondern in strahlend weißen, frischgebügelten Uniformen. Das sah gut aus, machte einen guten Eindruck. Auf einem anderen japanischen' Schiff sah ich die Matrosen spät am Abend mit Signalflaggen üben. Auf Frachtschiffen wohlgemerkt, nicht etwa auf Kriegsschiffen. Mit großem Ernst und Eifer waren sie bei der Sache, und man empfand, wie diese Männer sich als Soldaten fühlten. Da war sie endlich, die „Hamm", und wie ich die Gangway hinaus- ging, fühlte ich, wie die Lust der Heimat mich umfing. Und dann kam eine Ueberraschung, die zeigte, wie toll der Zufall mit uns spielt — wenn man bei solchen Dingen überhaupt von Zufall reden darf: „Waren Sie schon einmal früher in Australien?" fragte mich der Kapitän beim Abendbrot. „Ja, vor fünfzehn Jahren mit der alten „Hannover" von der Deutsch- Australlinie. Damals fuhr ich als Leichtmatrose; es war die erste große Seereise meines Lebens." Der Kapitän lachte: „Auf der .Hannover'? Wirklich auf der .Hannover'? Kennen Sie die denn nicht wieder?" „Wieso?" . ,, . „Da sind Sie jetzt. Die ,Hamm' ist die alte .Hannover'. Sie ist bloß umgetauft. Wenn Sie vorn an den Bug gehen, können Sie noch den alten Namen unter dem neuen eingemeihelt sehen." Wie seltsam das mar. Wie man zurückkehrt an seinen Ausgangspunn nach fünfzehn langen Jahren. Wie man sich erinnert, wie eine ganze Welt, vergessen, plötzlich wieder in die Erinnerung springt. Und wie man abrechnet mit sich. Rier darf auch die Geschichte seiner zweiten Ehe nicht außer acht qelanen werden. Der Maler ijeümete nach dein Tode |einer ersten Gattin Isabella, damals dreiundsünszig Jahre alt, die sechzehnjährige Tochter Helene ds» wohlhabenden Antwerpener Teppich- und Seidenhändlers F o u r m e n t. Es wäre aber falsch zu glauben, daß der stets überlegene und überlegende Rubens jemals aus bloßer Leiden- chast sich zu einem Schritt hätte bestimmen lassen. Unter den über 8000 Briesen die er neben ober während dem Malen zu schreiben oder zu diktieren Zeit gesunden hat, ist auch ein Brief, in dem er einem Freunde über seine Eheschließung gewissermaßen Rechenschaft gibt. Als der Mann der Arbeit der er war, gibt er darin einer besonderen Sorge Ausdruck, wenn er schreibt: „Ich habe darum eine junge Frau von vornehmen, aber bürgerlichen Eltern genommen, obschon ein jeder mir riet, eine Dame vom Hos zu wählen. Aber ich fürchtete bei meiner Gemahlin besonders den Hochmut, diese eigentümliche Schwäche des Adels, und darum wählte ich eine, die nicht erröten wurde, wenn sie mich den Pinsel in die Hand nehmen sähe." Bon der gesteigerten Schaffenslust des lebten Jahrzehntes seines Lebens, das ihm für diese Ehe noch bejchieden war, zeugten die reifsten Schöpfungen seiner Malerei, m penen seine Gattin selbst in vielfacher Verwandlung figuriert. Es leuchtet ein, daß den Anstrengungen des Fleißes niemals ein Lebenswerk von so gewaltigem Umfang gelingen könnte, kämen nicht, wie wir schon anbeuteten, glückliche persönliche Eigenschaften hinzu. Vor allem sianb Rubens eine unerschöpfliche Erfindungsgabe zu Gebote, die sich um so freier auswirken konnte, als sich sein Geist vollkommen in Uebereinftimmung mit ben herrschenben Vorstellungen seiner Zeit wußte. Daher auch bas ganz Unproblematische seiner Schaffensweise, bas Fehlen alles zeitfressenden Grübelns. Dabei nährte Rubens feine Phantasie noch ständig durch eine rege Betätigung feines Geistes; wie man weiß, ließ er sich, während er malte, aus antiken Klassikern vorlesen, was nicht nur zu seiner Unterhaltung dienen sollte, sondern für einen so stark aus der Mythologie und Geschichte seine Stosse wählenden Maler auch sehr förderlich war. Und wenn wir uns die Riesenausmaße der Bilder vergegenwärtigen, dann müssen wir als nicht die geringste seiner Eigenschaften den Mut zur Leistung bewundern. Rubens konnte die stolzen Worte niederschreiben: „Mein Talent ist derartig, daß noch niemals ein Unternehmen, wie unermeßlich an Größe und Mannigfaltigkeit der Gegenstände es auch sein mag, meinen Mut überstiegen hat." Jahrgang <937 Hreltag, den 2. Juli Nummer 50 6 8 L 9 $ fr £ Z jn(Jc' panien, gewiß. Aber nicht das war es, was mir :r Seele lag. Es war dieses Unbestimmbare, atzende, das sich mit einemmal wieder vor mir es Gasthofes „Zur Sonne von Austerlitz" ließ igen Wirt Hammelbraten und Käse austragen roten Wein aus Bordeaux. Der Abend war ___i der Hornsignale von der Festung. Ich wußte ■ aß, nur den roten Wein spürte ich, wie er ■ iete und das Hirn wach machte. Es war nötig, M X/l\\ die zuerst wie betäubt waren und jetzt doch „ „ , -n. Sie belebten sich, sie schossen durcheinander, sie suchten nach einem Sinn des Geschehenen. Wse war das nun mit dem Brief? Immer wieder kehrten die Gedanken zu diesem Punkt zurück. Woher hatte Napoleon mit solcher Sicherheit um meinen Bries gewußt? Schaudernd sah ich in einen Abgrund von Gefahr. Wenn der Brief nun wirklich das enthalten hätte, was in ihm nach den Andeutungen der Auftraggeberin gestanden haben mußte? Ob Napoleon auch dann gegen die Kunst und den großen Meister Rücksicht geübt hätte? Ich konnte zu keinem Ende kommen. Vielleicht war es besser, schlafen zu gehen, diese Angst mußte in die Schleier des Schlummers gehüllt werden. Ich lag schon im Bett, da polterte es noch einmal die Treppe hinauf und trommelte an meine Tür. Der Wirt brachte eine Ordonnanz aus der kaiserlichen Kanzlei, und die Ordonnanz hatte einen Paß für mich und den Auftrag, morgen mit Tagesanbruch die Rückreise anzutreten. Gut. Morgen also, das stimmte genau mit meinem Wunsch überein, der meine Heimkehr möglichst beschleunigen wollte. Warum hatte man mich überhaupt hierher geschickt? Das war nicht herauszubringen. Und der Brief — wie war das doch mit dem Brief? Aber auf einmal, schon im Einschlafen, gab es einen Knacks in meinem Hirn, und wie durch ein Guckloch sah ich hell beleuchtet eine Bewegung, eine Stirn und eine Hand: einen Brief und die Bewegung, mit der die Hand den Brief an die Stirn legte. Der Doktor Siebold! Wieder das Löwengesichk |iet|a)te miet) an, eine fürchterliche yroge, grinsens vor Blutgier Ich schlug wohl mit dem Arm um mich, eine Wasserflasche klirrte zu Boden — Gott sei Dank, das Löwengesicht war fort. Dunkelheit, nur gute, nicht feindliche Dunkelheit, Behagen des Bettes für den ermüdeten Körper. Vielleicht war nur der Bordeaux etwas schwer gewesen — ... man mußte sich das merken, Bordeaux erzeugt Löwengesichter ... * Es zeigte sich, daß die Uebersendung des Passes mehr gewesen war als eine übertriebene Zuvorkommenheit. Ohne den kaiserlichen Namenszug hätte ich wohl kaum Madrid erreicht, selbst mit ihm gab es alle Spannen lang Aufenthalte und Schwierigkeiten. Alle Straßen waren voll marschierender Truppen, Napoleons Armeen hatten sich in Bewegung gesetzt, um die Corps Dupont und Moncey, die schon im Land standen, zu verstärken. Wenn die Straße eine Anhöhe erklomm und man einen Ausblick hatte, dann sah ich oft weithin die Landschaft qualmen, das Maigrlln der Felder und Buschwälder war auf ganze Strecken durchzogen von Bändern von Staub, aufgewirbelt durch Tausende von Soldatenstiefeln und Pferdehufen und durch die Räder der Geschütze und Proviantwagen. Ich wurde immer wieder von Patrouillen angehalten und scharf nach Wer und Was, nach Woher und Wohin befragt, bis ich mich schließlich. 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 < hie * stz in t Bücher I ' Kienen lkii rannt werli L Bell ipttt* Heino 6 en ein Sill etliche M ® e t r e utn e Briidr eien „K!« de „Griü lenannt wia! hnet. E lerbeherM j ■ dwiz S'"l 9 Jahre U t dort fiel ™ ntete ItlWlfJ n Weck bnrg - "ff geem > auf die»« njicber Buch , tzeinMM n reifstes MI der GefW stiebten g die fiert H neu, 1° U it SWjJ des erM en fpü«” , u b t u 5 ■ iz» ■ne deck Ich dachte, daß meine Anwesenheit hier weiter nicht nötig wäre, und ging, da niemand auf mich achtete, still davon. Ausdem Flur gesellte sich Escoiquiz zu mir. Vor einer halben Stunde ""‘"oanesZx " Nachricht von dem Ausstand gebracht, schon pictSW rkanzlei des Kaisers die Befehle an die Armeen, mb", seufzte der alte Herr, „den er gebraucht ske abwerfen und keine Rücksicht mehr nehmen, ’n für Spanien. Aber er irrt, wenn er glaubt, wird, uns feinem Willen zu unterwerfen." K, sprech Leben st 'derKac ,r hören 1 f Weitete i ®ölter: di, ' der Frei Jterinnen, Gelid nmer sind >° mußte uben nist *- nahe ii Gefchh ötdjterin l liches Leb Ihrer fyj enhofs" ti der R Haltung en weiter )e non U i „Cchle n und F wigchalst! Kinder! ien Rom liädchens, :ad Frn nt. Der 5) tftau Frei 5 Amt nie t non Auf die königliche Familie in Bayonne malen zu dürfen. Vielleicht soll ich auch mit auf das Bild kommen? Diesen Brief hätten Sie nicht vor mir zu verstecken brauchen, Prinz Ferdinand! Welcher Blödsinn ist mir da hinterbracht worden? Murat ist ein Esel!" Ich glaubte nicht recht zu hören. Was war das? Stand das in diesem Brief? Nichts von Ausharren, von äußerstem Widerstand, von unbedingter Weigerung abzudanken, von Berufung auf die heiligen Rechte der Selbstbestimmung einer Nation? Deckte sich der Inhalt dieses Briefes mit dem, was bloß Vorwand für die geheime Sendung gewesen war? Wozu dann das Ganze? Hatte man mich zum Narren gehalten, war ich einer Täuschung zum Opfer gefallen? Ferdinand war der Lage nicht gewachsen. Er war nicht geistesgegenwärtig genug, sein eigenes maßloses Erstaunen zu verbergen, seinen Mienen war anzusehen, wie verblüfft und überrascht er war. Zum Glück beachtete ihn der Kaiser nicht, er riß Savary den Brief aus der Hand, das höhnische Lächeln war von seinem Gesicht wie weggewischt, der Zorn war wieder da und sprühte mich an. „Eine Komödie! Wie? Jawohl, eine lächerliche Komödie, um mich in Sicherheit zu wiegen. Ich will annehmen, daß Sie nichts davon wissen, daß Sie nur ein Werkzeug sind. Sie würden sich sonst nicht dazu hergegeben haben. Spanien sendet feinen größten Meister, um feine königliche Familie hier zu malen und inzwischen..." „Inzwischen!?" -■ Der Kaller hatte fick unterbrodjßn. Er stand knapp vor mir, eine lo- ba5 - 7.w-Ohi d>e Seutt- -r »eit Blue White Green Grey 2 Magenta Black Yellow Grey 3 Cyan Grey 1 Red Grey 4 schäft, die ihm die Gurgel abschnürt. Ich bringe Spanien die Freiheit, und es empört sich gegen mich." ’ Das also war geschehen. Madrid in Aufruhr, Straßenkämpfe, Barrikaden, es ging wohl arg zu, bei solchen Tumulten kamen immer auch Menschen zu Schaden, die mit der Sache gar nichts zu tun hatten. Neugierige, Zuschauer, zufällig in den Wirbel Geratene — ob wohl Martina so vorsichtig gewesen war, das Haus nicht zu verlassen? Der Kaiser war inzwischen wieder ganz ruhig geworden, sein Zorn schlug nicht mehr in Flammen aus. „Gehen Sie nach Madrid zurück, Meister. Die Kunst ist mir heilig. Aber jetzt ist wohl nicht die Zeit, große Repräsentationsgemölde einer königlichen Familie zu malen, deren Schicksal sich von dem Spaniens trennt. Gehen Sie, ich will annehmen, daß Sie nichts mit der Sache zu tun haben. Aber Spanien wird sich diesen zweiten Mai merken. Wir werden Ordnung machen. Jetzt habe ich genug von diesen Geschichten hier. Meine Geduld ist zu Ende. Wenn Sie, Prinz Ferdinand, bis Mitternacht nicht Ihren Vater als König anerkannt haben, so werde ich Sie wie einen Rebellen behandeln." Die Königin kreischte auf. Ihr Gesicht war verzerrt wie das einer keifenden Straßendirne: „Dieser Undankbare, dieser Heuchler, dieser Lump! Schicken Sie ihn aufs Schafott, Sire!" Der Kaiser sah Maria Luise eine Weile nachdenklich an. Dann wandte er sich zu Savary: „Welch eine Frau! Welch eine Mutter!" sagte er. Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zuin Eichener Anzeiger r , GOYA Colour & Grey Control Chart