GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 195Z , Montag, den 28. Juni Nummer 49 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 4. Fortsetzung. Am Abend des achten Tages ritt ich in Bayonne ein. Französische Kriegsschiffe lagen im Hafen, jeder zweite Mann in den Straßen war ein französischer Soldat. Man brauchte kein Feldherr zu sein, um zu sehen, daß hier Kanonen und. Bajonette angesammelt wurden, um'gegen Spanien in Bewegung gesetzt zu werden, wenn es so weit war. Ein Kanonenschuß vor der Festung verkündete die Sperrung der Tore. Der Gasthof, in dem ich abstieg, hatte früher: „Zum goldenen Herzen Heinrichs IV." geheißen. Die alte Aufschrift schlug noch durch die Tünche. Jetzt hieß er: „Zur Sonne von Austerlitz". Vom Wirt erfuhr ich, die spanischen Herrschaften und der Kaiser wohnten im Schloß Maracq nahe der Stadt. König Ferdinand, der zuerst mit einem recht bescheidenen Quartier habe vorlieb nehmen müssen, sei nun auch dahin gebracht worden, worden. Es war für heute zu spät, noch etwas zu unternehmen. Ich säuberte mich vom Reiseschmutz und packte mein Hofkleid aus dem Felleisen. Als ich den zusammengefalteten Frack über die Sessellehne legte, fiel ein Zettel heraus, Siebolds Schrift. „Wende dich an Escoiquiz!" stand darauf. Der Kanonikus Escoiquiz war hier, Ferdinands Erzieher, der Mann, der den meisten Einfluß auf ihn hatte! Nun gut, ich wollte mich an ihn wenden. Vielleicht wäre es angezeigt gewesen, mich schon dem treuen Urquijo zu eröffnen, aber ich hatte mich nicht dazu entschließen können. Ich war meiner selbst nicht so sicher, wie ich bisher immer gewesen war. Seit Isabel Calderana meine Vergangenheit auf so schreckliche Weise gegen mich aufgerufen hatte, war mein Wesen seiner früheren raschen Entschlußkraft beraubt. Und ich muß gestehen, daß ich während meines Rittes weniger an meinen Auftrag gedacht hatte als an diese längst versunkenen und begrabenen Dinge. Und je weiter ich mich von Madrid entfernte, desto mehr hatte sich meiner die Angst bemächtigt, es bereite sich dort irgendein Unheil gegen mich. Ich stand, diesen Gedanken preisgegeben, noch am Fenster, da sah ich einen späten Reiter in den Hof kommen. Es war schon ziemlich dunkel, aber es war mir doch, als erkenne ich in ihm jenen jungen Mann, den man so ost in Donna Isabels Gesellschaft sah: Argensola oder wie er hieß. Aber es mußte wohl eine Täuschung sein, wie hätte dieser Mann nach Bayonne kommen sollen? Ich war zu müde, um mir den Kopf zu zerbrechen, ich wollte schlafen. Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weq zum König. Der Reiter von gestern Abend fiel mir ein. Aber der Wirt wußte nichts weiter über ihn, er war schon vor mir aufgebrochen, ohne etwas über sein Ziel zu sagen. _ ,,, In einem Mietwagen fuhr ich zum Schloß Maracq. Es lag am Ufer des Adour und stieß mit seinem Park an den Fluß, nach der Straße umgrenzte ein hohes, lanzenspitzes Eisengitter den Borhof. Links von der Einfahrt erschlug Herakles die lernäische Hydra, rechts erwürgte er den Niesen Antatos in der Luft. Außerdem standen zwei französische Posten da. Sie traten mir in den Weg. Ich wolle zum König? Nein, niemand dürfe zum König! Ich sei der Hofmaler Goya? Nein, auch der Hofmaler Goya nicht! Diese Idioten hatten offenbar noch nie meinen Namen gehört. Zum Glück schlenderte ein Sergeant über den Vorpsatz. „Was gibt 5? Was es gab? Nun, dieser Mann wolle zum spanischen König. Zu welchem . Die Soldaten grinsten. Ich zwang den Zorn zurück, der sich in mir ausbäumte, und bat, mich dem Kanonikus Escoiquiz zu melden. Der Sergeant betrachtete mich mit dem Hochmut eines tletnen Despoten, der seine Machtfülle aus der eines größeren ableitet. Ich möge warten, entschied er und bummelte gelassen wieder ins Schloß Zurück. Nach geraumer Zeit kehrte er wieder. „Eintreten lassen! befahl CT tUKX Auf der Freitreppe stand Escoiquiz und streckte mir die magere, Heine Hand hin. Er war wie immer kühl, fern und gemessen: „Ich habe erst beim General Savary um Erlaubnis nachsuchen müssen, daß Sie v r- gelassen werden. Savary ist hier so was wie Kerkermeister «sie s h . , wie man hier bewacht ist. Ja, es wird einem Spanier nicht leicht gemacht, vor seinen König zu kommen. Was bringen Sie? „Ich komme, um zu malen", sagte ich. . . f„ mrifa Aus den kleinen Augen des Kanonikus fuhr ein kleiner scharfer Blitz in die meinen. „Kein sehr günstiger Zeitpunkt, teuerster Meister , sag er. „Ich möchte Ihnen Vorsicht empfehlen. Gehen Sie jedenfalls zuerst zu Karl." > Wir durcbschritten einige Säle und traten in eine Veranda, die sich auf den Schloßpark öffnete. „Warten Sie", sagte Escoiquiz, „Sie sollen wissen, wie die Dinge hier stehen, ehe Sie — zu malen beginnen." Er hielt die Hände über dem Loch gefaltet, wo andere Leute den Bauch haben, seine Augen zwinkerten, als blende sie grelles Licht. Dann seufzte er, und der dürftige, dürre Körper schien noch mehr zusammenzufallen, ganz demütig und armselig stand der Mann vor mir. „Der Kaiser hat mir die Ehre erwiesen, sich mir gegenüber rückhaltlos auszusprechen. Er meinte, daß Karls Abdankung null und nichtig sei, da man sie ihm abgezwungen habe. Ferdinand könne das Königreich Etrurien haben und die Hand einer der Nichten des Kaisers. Damit müsse er sich begnügen. Und als ich mit Gegenvorstellungen kam, da sagte er mir, ich spreche zwar beredt wie Cicero, aber alle Beredsamkeit der Welt sei nicht imstande, daran etwas zu ändern. Und bann nahm er mich am Ohr und sagte wörtlich: .Kanonikus, Kanonikus! Die Interessen meines Hauses und meines Reiches fordern, daß die Bourbonen aufhören, über Spanien zu herrschen/" Er seufzte wieder, aber ich merkte ihm an, daß er vor Stolz ganz außer fick war, vom Kaiser einer solchen Vertraulichkeit gewürdigt worden zu sein. „Ja, so steht es, und es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Jeder Versuch, sie aufzuhalten, wäre umsonst und gefährlich." Er legte die Fingerspitzen aneinander und zwinkerte heftig mit den Augen. „Und nun gehen Sie nur zuerst zu Karl." Seine gelbe Hand wies in den Park hinaus. „Da finden Sie alle beisammen." ■ Unter den Bäumen auf grünem Rasen saßen sie beim Kartenspiel um den Tisch. Das Kleeblatt Karl, Maria Luise und Godoy. Des Königs Bruder Antonio hatte sich einen Stuhl herangerückt und sah, rittlings sitzend, zu, der Prinz Don Carlos kaute gelangweilt an einem Grashalm. Grüne Laublichtflecken flirrten über Karten und Gesichter, auf des Königs Bauch lag praller Sonnenschein, als wäre er mit Goldblech ausgeschlagen. Wenn man noch die zwei französischen Soldaten hinzunahm — starkes Blau und Rot der Uniformen — die in einiger Entfernung unter den Büschen standen: ein gutes Bild! Als ich den Park betrat, schien sich eben ein Kartenstreit erhoben zu haben. Ich glaubte zu verstehen, daß Maria Luise einen Stich gemacht zu haben behauptete,. und daß die zwei anderen ihn nicht gelten lassen wollten. Die runden Eulenaugen der Königin funkelten, ihre Raubvogelnase hackte in die Luft, sie stritt mit schriller Stimme auf Tod und Geben. Die zwei anderen hielten gegen sie zusammen, und der Schwager, der an dem Gezänk offenbar unbändiges Vergnügen fand, schürte 'es noch, indem er bald der einen, bald der andern Partei recht gab. „Halt's Maul!", fuhr ihn die Königin wutentbrannt an. Der König lachte, daß ihm der sonnengoldbeschlagene Bauch wackelte. Godoy grinste und benützte die Unaufmerksamkeit der Königin, um eine seiner Karten gegen eine bessere des Talons umzutauschen. Er war wieder obenauf, der schöne Mann, stattlich und strahlend wie nur je. Es ist wahr, sein Gesicht war etwas gewöhnlich — ich habe ihm auch auf meinem Bild kein anderes geben können — aber feine Gestalt noch immer jugendlich und kraftvoll. Der König und die Königin halten um ihn gezittert und gemeint, mehr als um das eigene Leben und um den Thron, sie hatten sich seinetwegen gebemütigt. Nun hatten sie ihren Godoy wieder und waren glücklich, und Godoy sonnte sich in diesem Uebermaß von Zärtlichkeit. Es war ihm nichts davon anzumerken, daß er vor kurzem noch vor dem Volk um Gnade gebettelt und gewinselt hatte, daß er blutüberströmt in einen Stall gesperrt morden mar. Die zweiundzwanzig Wunden durch Messerstiche und Quetschungen durch Pferdehufe waren verheilt, der lange Bart, den er sich im Gefängnis hatte wachsen lassen müssen, roar wieder gefallen. Nur die hellrote Wundnarbe unter dem rechten Auge zeugte von Mißhandlung und Lebensgefahr. Ganz unverschämt zog er eine Karte aus dem Talon und steckte sie in seine Blätter. Don Carlos nahm den Grashalm aus dem Mund. „Godoy hat eine Karte vertauscht!" sagte er skandalsüchtig. Dem Zerspringen nahe, sah die Königin um sich und suchte ein Opfer; alle freuten sich offenbar ihres Aergers, das brachte sie außer sich. Plötzlich zuckte ihre Hand auf und klatschte schallend auf des Königs dicke Wange. r „Ohohohoho!" lachte der König, „Donnerwetter, heute bist du wieder schlagfertig, meine Siebe!" Godoy fing die Hand der Königin ab und drückte das Gelenk zu- [ammen. prall bringen. (Fortsetzung folgt.) auf die die An- Escviquiz erwartete mich hinter einem Vorhang der Gartenveranda. ! Er hielt sich gerade im Hintergrund, er war bei den Dreien im Garten unbeliebt, tmm hielt ihn — ich weiß nicht, ob mit Recht — für einen der Anstifter der Empörung Ferdinands. „Nun wollen Sie also zum Prinzen!" sagte er. „Zum König! , verbesserte er sich. „Er sitzt auf seinem Zimmer, er hat Zimmerarrest. Ich werd« Sie anmelden." Er machte einige Schritte, kehrte wieder um und sagte augenzwinkernd: „Nehmen Sie Ihre Farben diesmal nur nicht allzu kräftig, Meister! Es scheint, daß Savary auf Ihr Kommen vorbereitet war. Er war gar nicht erstaunt, und es ist sonderbar, daß er Sie ohne viel Umstände vorgelassen hat. Aber — vielleicht will man es nicht mit Ihnen verderben." Das düstere Vorzimmer, in dem ich zurückblieb, war in pompe- janischem Rot gehalten, ein Gobelin hing an der einen Wand, eine elende Psuscherarbeit, orientalische Waffen kreuzten sich darüber, Posten standen an der offenen Tür. Aus dem Gang war ein unablässiges Kommen und Gehen von Soldaten und Offizieren, manchmal steckte jemand neugierig den Kopf herein, ein staubbedeckter Husar stand unbeweglich unter einer Wafsentrophäe aus Stuck. Vielleicht war hier das Kommando in der Nähe, vielleicht arbeitete in einem der Nachbarzimmer das eiserne Hirn des Kaisers. Armeen warteten auf feine Befehle. Escoiquiz kam zurück. Ich trat in ein Zimmer mit goldenen Stuckverzierungen auf weißem Grund, auf einem Marmorkamm trug ein Mohr eine runde Bronzeuhr auf dem Rücken, ein großer Schreibtisch stand mitten im Raum. Der Prinz, der daran sah, sah mir erstaunt entgegen: „Ich wundere mich, daß man Sie zu mir läßt." „Man weiß nicht, warum ich komme." Das unbedeutende Gesicht des jungen Mannes war schlaff und müde. „Und warum kommen Sie?" flüsterte er beklommen. Ganz nahe trat ich an den Schreibtisch heran, ganz leise sagte ich: „Ich soll Sie im Namen des Volkes beschwören, nicht nachzugeben. Sie dürsen nicht abdanken, Majestät, das Volk liebt Sie, es will keinen andern König als Sie." Ferdinand sah den Boten kläglich an: „Das Volk hat keine Ahnung, was hier vorgeht." „Es weiß sehr wohl, daß man Ihren Rücktritt erzwingen will, und es sendet mich, um Ihnen zu sagen, daß es dies unter keinen Umständen zugeben wird." Der Auftrag, den ich nur ungern und widerstrebend übernommen hatte, war mir aus einmal bedeutsam geworden wie eine eigene Angeiegenheit, jetzt, da ich gesehen hatte, wie man sich hier vermaß, den Willen meiner Nation zu mißachten. Dieser junge Mensch war kein großes Licht, seine Gaben waren gering, aber das Volk hatte ihn einmal zu seinem Helden erwählt, es liebte ihn, es vergötterte ihn, um seinetwillen wagte es, sich gegen den Kaiser aufzulehnen, den Herrn Über Hunderttausende von Bajonetten. Ferdinand sollte seinem Volk nicht zu einer Enttäuschung werden. Ist es nicht gleichgültig, wer und wie der Mann ist, wenn nur ein Volk seine ganzen Kräfte und Hoffnungen in ihm verkörpert? „Sie dürfen nicht zurücktreten, Majestät", sagte ich dringend. Ferdinand wandte sich von mir halb ab, sein schmächtiger Körper bebte. „Warum sind Sie gekommen?" sagte er weinerlich. „Sie verwirren mir nur alles wieder. Wie stellen Sie sich das vor, wenn man es mit Napoleon zu tun hat? Sie wissen nicht, wie ich behandelt worden bin. Gleich in Madrid hat mir Murat den Titel Majestät erweigert. Und ich habe ihm den Degen des Königs Franz 1. von Frankreich ausliefern müssen, den ihm die Spanier nach der Schlacht wählen zu, können. „Emen Brief...?" zitterte Ferdinand . „Machen Sie keine Umstände, geben Sie den Brief her. Wir wissen, daß" Sie einen Briet bekommen haben. Und Sie wissen, daß es Ihnen untersagt ist, Botschaften und Briefe zu empfangen." Ferdinand schüttelte den Kopf. Was sollte er tun? Seiner Art nach blieb ihm nichts anderes übrig, als sich aufs Leugnen zu verlegen wie ein Schuljunge, der bei einem Schwindel erwischt worden ist. So langt es irgend angeht, muß man beim Leugnen bleiben. Aber der Kaiser winkte dem General. Savary hatte diesen Dummkops Ferdinand überlistet, er hatte ihn nach Bayonne gebracht, in die Falle, in der er nun saß, das hatte er ganz zur Zufriedenheit des Kaisers gemacht. Savary war zu allem bereit, auch dazu, diesen Tölpel Ferdmano bis aufs Hemd auszuziehen, wenn es nötig sein sollte. Aber es war nicht nötig, er hob einfach die Schreibtischunterlage — da lag der Brief. Wie ein eisiger Stempel drückte Schweigen Seelen zusammen, während Napoleon las. Nun senkte der Stier Horner zum Stoß, der nächste Augenblick mußte den brüllenden von Pavia abgenommen haben. Nichts als Demütigungen! Und hier erst! Oh Er versteht es, einen Willen zu brechen. Ich habe mich nicht gleich ergeben ich habe Widerstand geleistet. Sehen Sie, noch jetzt ... aber das ist das Aeußerste, was ich jetzt noch tun kann." Er deutete auf einen Bries, an dem er geschrieben hatte, als ich eingetreten war. „Lesen Sie!" Es war ein Brief, den Ferdinand an seinen Vater richtete, den dicken Karl. Ja, Ferdinand war bereit, abzudanken, aber nur in Gegenwart der Cortes, und sein Vater sollte dabei sein, wenn er vor die Versammlung trat. Er sollte hören, wie sie es ausnahm. Wollte er bas nicht, so würde Ferdinand in des Vaters Namen die Regierung weiterführen. . Es war ein gedeckter Rückzug. Eine kleine, armselige Schlauheit, die Napoleon auf den ersten Blick durchschauen mußte. Wenn er Ferdinand gestattete, unter irgendeinem Vorwand nach Spanien zuruck- zukehren, zu seinen getreuen Spaniern, dann hatte Napoleon das Racy- schen. Zu wenig, zu wenig! Hier mußte Ferdinand dem.Feind die Stirn bieten, hier mußte er ihm seine Entrüstung ins Gesicht schleudern: Ich bin in deiner Gewalt, aber mein Recht ist bester als deine Gewalt. Ich weiche nicht einen Schritt zurück. Was geht dich, du Räuber, mein Land an und mein Volk? „Majestät, ich habe einen Brief an Sie , sagte ich. ' Einen Brief? ... so, einen Brief?" Und der junge Mensch, an dem' ein ganzes Volk hing, begann wieder zu zittern. Em Brief war eine gefährliche Sache, Ferdinand konnte sich denken was m diesem Brief stand. Dasselbe, was ich gesagt hatte. Nicht zuruckiretcn! Er nahm den Bries, den ich aus der Innentasche meines Fracks geholt hatte, zögernd in die Hand. Er drehte ihn herum, betrachtete die Siegel konnte ich nicht zum Oessnen entschließen als wäre dieser Br'°f erne Höllenmaschine, die vernichtend ausemanberberften konnte. „Von wem? suchte er fragend die Entscheidung hinauszuschieben. Ich bin nicht der Mann langer Geduld und geduckter Hosschranzen- demut. lieber das Mitleid, das mich zuerst weich gemacht hatte ftürmte jetzt meine Entrüstung hinweg. Zorn und Empörung eines Volkes hämmerten in mir und ballten mir die Fauste. Ich wollte diesei knappe Kargheit an Mut umstürzen und vorwärtsdrängen in eine freie selbstbewußte J3hr Volk schreibt an Sie", drängte ich, „es verlangt, daß Sie chm Antwort geben, was es von Ihnen zu erwarten hat. Oeffnen Sie! Der König schaute scheu zu mir auf. und gehorchte Zaghaft erbrach er die Siegel und wollte eben den Brief aus feiner Hülle nehmen, da kamen draußen Sttmmengemurmel und rasche Schritte heran, Kolben donnerten vor der Tür zu Boden . ... ~ Fort mit dem Brief!" raunte ich, und blaß und zitternd fchob Ferdinand die gefährliche Botschaft unter die Schreibunterlage. Und schon wurde auch die Tür aufgerissen, ein beleckter kleiner Mann in einer schäbigen Uniform trat rasch ein. Hinter ihm ein General, strahlend von Gold und mit Orden behängt, dahinter die königliche Familie, Karl, Maria Luise und Godoy, alle drei mit ganz verstörten, entsetzten Gesichtern. _, , , „ Der kleine Mann stand mit gespreizten Beinen, die Schenkel prall in weißen Hosen mitten im Zimmer, zwischen Ferdinand und mir, und seine flinken Augen gingen von ihm zu mir. Es bedurfte wohl keines be anderen Scharfsinnes, um zu erraten, daß wir bei irgend etwas ertappt worden waren» allzu kläglich schuldbewußt war der Ausdruck von Ferdinands Miene, und es bedurfte auch für mich keines Scharfsinnes, um zu wissen, daß der Kaiser das erraten hatte. Der Kaiser! Dieser kleine beleibte Mann mit dem olroenfarbigen Gesicht war der Kaiser. „Sie sind der Hofmaler Goya?" , Ich hatte mich gefaßt und straffte mich, nun war es wieder genau Jo rote in der Arena, wenn der Stier auf einen losftürmt und jeder Muskel in Bereitschaft zum entscheidenden Sprung ist. Nun sah ich wieder so klar und unheimlich scharf wie in einem solchen Augenblick. In dem kleinen Mann kochte Wut, noch hielt er an sich, in seinem Gesicht zuckte es bedrohlich, er hatte das Gesicht eines kranken Mannes, der sehr zornig ist. Siebold hatte wohl recht, wenn er behauptete, in Napoleon müsse eine noch verborgene Krankheit stecken. „Francesco Goya, Sire!" sagte ich. Der Kaiser nahm seinen Blick lange nicht von mir fort, es schien, als roolt» er etwas sagen, aber er nickte nur kurz. Dann wandte er sich zum Schreibtisch, an dem sich Ferdinand schlotternd erhoben hat „Geben Sie den Bries her, den Sie soeben erhalten haben." Eine barsche Art, nut einem König zu sprechen, selbst einem gefangenen Prinzen gegenüber zu barsch aber dieser Mann war in der Lage, seinen Ton nach Belieben , Au!" schrie sie auf und zischte wie eine Schlange in der Gabel. ! Da erblickte der König mich, wie ich über den Rasen daherkam. „Siehe da, unser großer Meister besucht uns! sagte er. Er stand auf und zog die gestickte Weste herab. Die andern wandten die Kopfe, Godoy lieh das Handgelenk der Königin los, und Maria Luise glättete ihr Gesicht sogleich zu einem gnädigen Lächeln. „Spanien hat seinen König nicht vergessen. Es sendet uns seinen besten Sohn", nickte mir Karl zu. ..... ■ Ich verneigte mich und küßte die Hand der Königin, eine schlanke, wohlgeformte Hand, die in einen wundervollen Arm überging. Er gehörte zu einem vollendet schönen Körper, dem ein abscheulich häßlicher Raubvogeltopf ausgesetzt war. , , .. r „Ihr Volk wünscht", sagte ich, „daß mein Pmsel diesen geschichtlich bedeutsamen Augenblick des Zusammentreffens seiner königlichen Familie mit Napoleon festhält." Karl warf einen Blick nach den beiden französischen Posten die halb verdeckt hinter den Büschen standen. Ja, die gehörten auch zu dieser Zusammenkunft, sie gaben ihr erst den rechten Smn. „Soso , sagte er, „mein Volk wünscht das also?" , r r. Maria Luise musterte mich scharf: aber ich glaube, daß sie auf meinem Gesicht nichts als Ernst und Ergebenheit zu lesen vermocht hat. „Ach , seufzte sie „es ist ia nicht gerade ein besonders erfreulicher Anlaß für Ihren Pinsel, teuerster Meister. Es wird Ihrer ganzen Kunst bedürfen, um ein wenig Heiterkeit auf unsere Mienen zu zaubern. Machen Sie nur kein Capricho aus uns. Wir versuchen nur unseren „Schmerz zu betäuben. Unfern Schmerz um einen ungeratenen Sohn." .»Zerfleischen Sie nicht das Herz Ihres Volkes", fügte ich, indem ich mich noch tiefer verneigte, „es ist fein Wunsch, ein Bild zu besitzen, * auf dem auch dieser Sohn nicht fehlt zum Zeichen der Wiederherstellung der Eintracht und der gewährten Verzeihung." „Es wird auf sein Verhalten, ankommen!" warf Godoy ein. „Gestatten Sie mir, auch Ihrem Sohn den Wunsch des Volkes vorzutragen." Die Königin klappte den Fächer auf und schwang ihn zweimal an ihrem Gesicht vorbei. Dann schlug sie ihn zusammen, ihre Eulenaugen stacken kalt. „Wir haben hier nichts zu gestatten und nichts zu verbieten. Wir find hier ebenso Gäste des Kaisers wie der Prinz. Wenden Sie sich an den General Savary." Don hcn läßlichen Oinaen. ®on W 111) e I m U u <* 111" n o, Ittlt lieb Id) ctul), H)r meine Higlldjen Dinge; mehl Heiner (Harten, H>r 'Munie, bu fllller 'Brunnen am .1)011«. Wenn Id; euch beute, wenn Id) euch siche unb finge, beute unb sei, Id; den Schöpfer, al» ginge sein Wesen unb Sein In end) ein unb ou«, Nicht baß Gen s;e 1(1'«,' bae nun baue mb begleitet Unser Leben Isl einfach, unser Fühlen begreift, ein enge« ®e|äf), dem täglldjon I taufe bereitet. Vlber zuweilen, gang leise, gleitet über bn» Kleine ein Schein, der uuo 0 tulgein glibijl. Im garten Ohiln beo Baume» bu reine Blüte: wie nur brachst bu hervor au» bein Imrleu, vor süljrigen ftolg? 81-uo dem Starren, der 6d)it>ürge, bu Schimmer himmlischer (Hillel Orbe, die blüht, ble liebend um uuo sich mühte, wie durchglüht uno dein Glück, wie zerbrichsi du In uno den Stolz! Verdienten wir'» denn? — Aber du sragst danach nicht. Db wir and) buntel unb |lunnn suchien nach eigenem 'Wege, starr und verhörtet and) mir: sah überschüttet von Licht, sahen wir wieder beo Ewigen Angesicht Unb nun brechen die Blüten hervor uuo unserer Hergen Gehege. Dein tiitb die ^>chlattsse. Bon Heinrich Hanse r. Helu — einer von den vielen „Hein", ble gur See fahren hatte botoblenfl In der zweiten Hülste der Nacht, von Mitternacht Id« Öon- miuni|gang. Die „llnuf". sein Schiff, lug in» Hafen von Polo na, (lelebeo, vor Suter, drei KabeliÜngen von bei morsihen, hölzernen Pier entfernt, or ha« tat Kunststück, immerhin, man formte nachher etwa» vorzeigen und "" Geschichte erzühlen. . Hein griff unter die Ducht unb Hoile da» Delfaß hervor- da» war n blefem ',V1 II ein ziemlich große« EInmachegta«, nldjt fdjlrml geeign» ’ Aufbewahrung für die Beute, ble er natürlich lebetip haben mollb- Mldjtlg, um die Schlange nicht zu verscheuchen, ble feßtim, Li'hitrei» zu einem Kringel rollte, Hülle er da» Glu« halb mH Wasser unb e» zwischen seine Füße Er legte sich über Mn Wrnb he» Bon «, 1 blicke auf bao Fallreep stützend, und Idjob seine Rechte mit ou»- ÜPteizlen 'Bingern über neu Dchlangenlel». (Einen Augenblick zöger > I n»d), um hie beste Stelle auozuipühen, am Hal», gleldj hlnterm nopL '! r die Schlange schien unruhig zu merben, al» her Schallen der Ha» । f'r Pc fiel, ihre Schwanzspitze zuckte. Hein packte zu, blitzfchneil und * : er halte (le 'Ml« fle sich mehrte! Wae für eine Mait In dem flelnen Mr per faß, 11 l>e bao Maul aufrlß unb mit der gespaltenen Zunge züngelte! » mar beinahe unheimlich, wie der fick, mlnbenbe Leib mit seinen Schup« pen gegen hie »niihgelriife nnfiielfte, aber natürlich halle jle feine E harne gegen .Helu« Fousi, ble gewohnt war, Schissvloue uiigupa.fen und ®lol)lfro||en, ble sld) eben jo wenig mehren tonnten wie ble« Heine 'Biest. „Satan, Solan", fliidile .Hellt, ul« er Ile mit Wucht llllh Will In da« maße (Ülo« niaij, haß e« spritzte Eine .feillang fuln hle Schlange wie ii >sinnig an her runden Gia«mand entlang, Im tl'rrlo, Immer Int Kreta e-le stieß mit ihrem Bans wie mH einem Hammer gegen bu« unsichtbare Hindern!«; sie richtete sich aus, so doch mir sie nur tonnte, aber Über heu Bund tarn sie nickjl Hei» belruchiere sie riid)jüd)llgi reißt geschuh e« Ihr: ino» mehrte sie sick> so, wo sie doch et ft |o f i ieiiilckj tut? Atlmühlid) wurden beide ruhiger, .nein und die Schiiinge, e« fameu feine Bufe mehr non Land: „Hol über! llnuf, hoi über!" und Hein schlief ein, giißrmmengehuii’rl uns der Büberbaut lck« her 'ttzachinnmu an Deck Hin weckte, Indem er Ihm eine fi Isrhgetnickeue, itod) iiiarme Semmel an heu Jtopf mars eben vom Schi|f»In1cker geholt e» nun ,|ell, Icke Schauei ieute »on Land zu holen Hein rieb sich ble Augen imh suii seine Schlange zufommengerulli Im Ella« liegen; »lelleltiii war sie schon lut ür wchin hn» Elio« und flellte e« achtern unter hle Ducht, damit nie Schauerleute, ble „Ko na ter" wie er sie nannte, e» uickii nmsileßen Dann wrlgute er zur 'Hier, wo sie sihon ans Ihn warteten, hle braunen, pulen Gestalten, dilnngliedrig mir Frauen, mH schmalen Hünbeu und Füßen, henen man gor feine ürufl zntiante Mil unergründlich dunklen Augen, heren Weiß sckilmnierte wie Perlmutl. Sie trugen Ihr Essen In der Hand, Wmoiieiwhiltei, mH 'Hel« gefüllt, mH einem Flieneheu In her Milte, hu« Ganze mir ein Beutel oben mit'einem Hili zehen zuoeslecki Sie standen Im Boot, weil aus diese Weise mehr ’Jthnm htiieliigiiigen Sie waren schon nm Fallreep nnnefoinmen ein I eil der Heute klettert r nach oben, do sah einer do« Glu» mH der Schlange achtern hn Boot sieben Er wurde gleldj ganz aufgeregt, rebele auf Helu ein unb machte ble sonder iwrsten Gebärden E i »endrehte hle Augen, er legte hle Hand auf feine Brust unb dann auf Hein« Prüft; er [ließ Ilm an, nl« ob er H)ii ummerfen wollte, und plötzlich toi ei so, al» fiele ei fetbft um, tot oder n!)nmiid)llg Hn, man war heim bn«; Will her Herl denn belrmifen? He irr hatte In dieser Bucht |» nlele 'Belrimfene gesehen, bnß ihm der Gednuke ganz natürlich kam, Aller bn sland hei Malaie wieder auf unb nickte Hein sehr erusttjiift mehrmal» zu, nl« ob e, lagen wollte: „Sa, ja, mein Lieder i» ifi bnel" toei Hein wußte nicht, um« er damit meinte Auch hle andern waren stehengeblielren aus dem Fallreep unb fdjnullerlen alle durcheinander; e« mar ein rldjllger Auslous On diesem vfugenblbf beugte fleh her Srt)i[f»or zi, Doktor Porufei, über ble Üteetlug. E« mar für seine BerHöiiuisie eine ungewöhnlich frühe Stunde, aber In den Tropen fihätzte Di ’flnrufel dir Morgenstunden ihrer Kühle wegen, und sein rosige« Ge[lck)l Nioi bereit« fil|d) rasiert: „Wo» isl heu» io», wo« fall heim für« heißen du unten?" rief er Helu brummle unwirsch „Gor nicht» Ist In«; hle gucken sich hle Schlange au, hle Ich gefangen habe " 0 i nun wütend erstell» gtilgen heu Schisfvarzi Dinge, hle mit Löschen und Lohen de» Sihlsse« zu hm hatten, am nicht« an. Zweiten» war brr TJoflnr an Pord »erlNißl Er mar verhaßt, mell hle Matrosen einen hingen Menschenaffen halten, den [le zärtlld) liebten Der vt||e war fiauf, imaan|djelnildi Imigenfrunf; sie hatten den Doftor gebeten, lljti zu untersuchen, aber Porufei holte ab« gelehnt: Er fei ein Mitufchemirzl, fein I lernrzt E i mm eben ein sehr feiner Herr, her Herr Doflnr. Dle Maunfichofl sonb aber, ei hülle den Assen ruhig behandetn [ollen, denn der Asse mar mlrflldj wie ein Men sch, uun hle wirklichen Menschen gaben hem Schifsearzi wenig genug zu tun. „felgen Sie mal her!" riet der Dnkivr Hein hatte nldjt die geringste Lust, ober ble Disziplin faß lijin Jo Im 'Bild, haß er da» öllas Ijodjljob. „Steh mal an, eine Wassei schäume; ein schöne» Ezeinvlar, bn» Sie ha nefmigeu ljirbeil 'Bringen Sie fle hort) mal hei i,h will mal eben In Brehm» tlerleben muhfeljen, zu welcher Spezi e« fle gehört, unb linnn tun mir le In Fannalln unb [djeiifen sie her Seeworie, hle liilereffleit sich |ni h ||| ......|| ' Heio auh e» zmor In selueui Timern unverfdjtlmt, wie her Schiss»» arzi über die Schlange verltigie, hle Ihm doch gar näht gehörte, aber er war Immer ein guiei untergebener gewesen, unb ein Sckjlsf»orzt mar ein Borgesetzier. l£r brachte ha» Gto» bn» Fallreep ljer r ging hamlt nach seiner Kammer, die achtern lug Hm Gehen fdjmenfle ei heu Arm und Mr VOa||er|plegel mit her Schlange schwankte Ans einmal ,11 eß der Doktor einen Schrei nun, einen ganz kleinen hellen Schrei, wie ein Kind, wenn e» non einer 'Biene gestochen wird. Er lle|) hu» OHne fallen E« geiluud; Au« den Scheiben ringelte lldj hle Schlange, unb her Best de» Wasser» IpÜlle sie in den W: war Tischler, die Mutter Tochter eines Landarbeiters. Gustav Frechst« war Pfarrer bis er nach dem Erfolg feines „Jörn Uhl" dies Amt nieber- legte. Dieser Pfarrer ist ein Kämpfer, ist ein harter Mann von Anfang an gewesen. Dem „Jörn Uhl" folgten bald die Romane „Hillig-i- l e i" und „Peter Moo r". Es ist fast überflüssig, die Bücher d« Dichters aufzuzählen, denn sie sind in mehr als zwei Millionen Exemplaren im deutschen Volk verbreitet. Einige sollen noch genannt werbet, weil wir möchten, daß sie auch in Zukunft zu unserem Volk sprechet. Da ist die Geschichte des aufrechten Bauernsohnes „TO eine bst Prahle r". Meins wird in seinem klaren Vorwärtsstreben ein AblÄ der in Fressens Heimat lebenden Menschen. Dann die herrliche Seftalt des „Pastors von P o g g s e e", der Roman der „D r e i ® e t r tu em', die Erzählungen „Der brennende Bau m", „Die B r ä b e c', „Lütte Witt" und „Dummhans", nicht vergessen seien „Klarn! Hinrichs Baas", ein Roman, und die beiden Bände „0 r ü bot- leie n", deren zweiter Band „M öwen und Mäuse" benannt rouriti und die der Dichter als Erlebnisse und Bekenntnisse bezeichnet. Zum Erlebnis der Nordmark gehört auch das Erlebnis der beherrsch: den Städte. Da ist Hamburg, das immer wieder in Ludwig 3tilgens’ Büchern lebt. Sein Vater war mehr als dreißig Jahre lorj Arbeiter im Hafen, und dem Jungen prägte sich die Arbeit dort tief ei.i. Später wurde ihm Hamburg das Tor zur Welt. Er arbeitete selbst ia Hafen, war Lehrling und Geselle. So verstehen wir sein Wort: „alt meine Träume, meine Gedanken ranken sich nur um Hamburg — mehr Heimat", das Jürgens in seinem Roman „Stadt im Seewinl' schrieb. Daß von dieser Heimat die Sehnsucht hinausgeht auf die Meer-, ist der notwendige zweite Schritt, daß der Weg immer wieder zuriioi- führt in die Stadt am Meer, ist das Bekenntnis. Sein Buch „Keha- w jeder" ist dieses Bekenntnis, auch dann, wenn es die Heimat jellol dem Glaubenden schwer macht („Unser täglich Brot"). Sein reifstes W: :> schuf Jürgens in dem Roman „Anna-Susann a", in der GesckMü eines Hamburger Mädchens, das den Vater und den Geliebten in tu:t Ferne weiß, das allein seine Sehnsucht im Herzen trägt, die stark genug ist, um sich für den Geliebten zu bewahren. Neben Ludwig Jürgens wären noch andere zu nennen, so Alor:I Wähl, der zu den Jungen gehört und in seinem Buche m m o ro i n versorgt" einen Hamburger Roman schrieb, der mit Ironie uns tragischem Humor ein sattes bürgerliches Leben darstellt, das erfd)ütte ohne daß wir von der schwermütigen und gradlinigen Landschaft »»> Nordens loskommen, weil es schön das Erlebnis „Stadt" in einer fiam. schäft deutet. Verantwortlich l)r. Hans Thtzriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Gieße» Hreitag, -en 4. Juni Nummer 42 Roman von Theodor Fontane Colour & Grey Control Chart 'Imu^ sich drei fällt mir bei Itter. Na, forr 16 21 6 8 L 9 § V £ Z Jahrgang 1937 Uncke begleitete dies Wort mit einer Kopfbewegung, die seine respektvolle Stellung (aber doch auch nicht mehr) zum lieben Gott ausdrücken . sollte. Dubslao sah es und erheiterte sich Dann fuhr er in rasch wachsender guter Laune fort: „Ja, Uncke, wir haben so manchen Tag miteinander gelebt. Denke gern daran zurück — sind noch einer von den Alten. Und der Pyterke auch Was macht er denn?" „Ah, Herr Major, immer noch tüchtig da; schneidig", und dabei rückte er sich selbst zurecht, wie wenn er die überlegene Stattlichkeit seines Kollegen wenigstens andeuten wolle. Dubslav verstand es auch so und sagte: „Ja, der Pyterke; natürlich immer yoch zu Roß. Und Sie, Uncke, ja. Sie müssen laufen wie'n Landbriefträger. Es hat aber auch sein Gutes; zu Fuß macht geschmeidig, zu Pferde macht steif. Und macht auch faul. Und überhaupt, Gebrüder Beeneke is schon immer das Bests. Da kann man nicht zu Fall kommen. Aber jeder will heutzutage hoch raus. Das is, was sie jetzt die .Signatur der Zeit' nennen. Haben Sie den Ausdruck schon gehört, Uncke?" „Zu Befehl, Herr Major." „Und die Sozialdemokratie will auch hoch raus und so zu Pferde sitzen wie Pyterke, bloß noch viel höher. Aber das geht nicht gleich so. Danos, picta 19 20 22 23 17 18 10 11 12 13 14 15 Sabe jeden Morgen auf den Frühstllckstisch gestellt wurde. „Siehst du, Engelke", sagte er nach einer Woche, „daß ich mich s>i:der wohler fühle, das macht die Wabe. Denn man muß jedes Fiffel- mitessen, Wachs und alles, das hat er mir eigens gefegt. Das is Htäb [0 wie beim Apfel die Schale; die Hai die Natur so gewollt und is •ft Fingerzeig und muß respektiert werden." „Ich bin aber doch für abschälen", sagte Engelke, „Wenn man so pit, was mitunter alles dran ist ..." i, „Ja, Engelke, ich weiß nicht, du bist jetzt so fein geworden. Aber ich ” noch ganz altmodisch. Und dann glaub ich nebenher wirklich, daß in «Oft Wachs die richtige, .gesamte Heilkraft der Natur' steckt, fast noch ^ehr als in dem Honig. Krippenstapel übrigens is jetzt auch so furchten gebildet und hat so viele feine Wendungen, wie zum Beispiel die der .gesamten Heilkraft'. Aber so fein wie du is er doch noch lange M, barauf will ich mich verschwören. Und auch darauf, daß er sich In dieser guten Laune verblieb Dubslav eine ganze Weile, sich mehr uu mehr zurechtlegend, daß er sich die Quälerei mit all dem andern fi-’ffi eigentlich hätte spuren können; „denn wenn alles drin ist, so 'l1 auch Bärlapp und Katzenpfötchen drin und natürlich auch nein finden und sich wohl oder übel zufrieden geben Uebrigens der Alten natürlich auch das Kind ein. Da fitzt gs am Fen- - — lamm mal her, Agnes, und sage, daß du hier auch was lernst. Sch hab ihr nämlich Bücher gegeben, mit allerlei Bildern drin, und seit lorgestern auch eine Götterlehre, das heißt aber noch eine aus guter, inständiger Zeit und jeder Gott ordentlich angezogen. Und da lernt sie, zlaub ich, ganz gut. Nicht wahr, Agnes?" Agnes knickste und ging wieder auf ihren Platz. „Und dann hab ich dem Kind auch unfern Dragoner und die Mühle legeben. Also unsre besten Stücke, soviel ist richtig. Ich denke mir aber, nein Museumsdirektor wird über diesen Eingriff nicht böse sein. Eigent- ch is es doch besser, das Kind hat was davon als die Spinnen. Und »as macht denn Ihr Oberlehrer in Templin? Hat er wieder was qe- inben?" r. Und er kommt auch noch höher. Und wenn wird er Papst. Und dann wollen wir uns viel geb ich nicht" Ite dies Gespräch führten, saß Agnes wie — halbem Ohre hinhörend, und so wenig sie doch gerade genug. Krippenstapel war Großmutter war ein böser Geist. Aber das SSL SS lls ob ihr ein Märchen erzählt würde. Sie -em Leben gehört und war wohl dazu be- -s zu hören. Ihr Gesichtsausdruck blieb denn s'blob so hin, und daß sie dies Wesen hatte, vas war es recyr eigenrilch, was den alten Herrn so an sie fesselte. cmtfert^11^' mOtn^ die Menschen ansah, war anders als das der Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurückgezogen; em heller Schein fiel von der Veranda her durch die Balkontür und gab etwas dunklen Zimmer mehr Licht als es für gewöhnlich zu haben pflegte. Dubslav hielt die Kreuzzeitung in Händen und schlug nach einem Brummer, der ihn immer und immer wieder umsummte Verdammte Bestie , und er holte von neuem aus Aber ehe er zu chlagen konnte, kam Engelke und fragte, ob Uncke den gnädigen Herrn sprechen dürfe. a ' „Uncke, unser alte Uncke?" „Ja, gnädger Herr." ,, "'Ho, natürlich. Kriegt man doch mal wieder nen vernünftigen Men- I