GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1937 z Hreitag, den 28. Mai Hummer 40 Der GieEtin I^oman von Theodor Fontane 33. Fortsetzung. Engelke kam, um abzuräumen. „Is ein schöner Tag heut", sagte Dubslav, „und die Krokusse kommen auch schon raus. Eigentlich hab ich nich geglaubt, daß ich so was Hübsches noch mal sehen würde. Und wenn ich dann denke, daß ich das alles der Buschen verdanke! Merkwürdige Welt! Spanholz hatte bloß immer seine grünen Tropfen, und nu kommt die Buschen, und mit einemmal is es besser. Ja, wirklich merkwürdig. Und nu krieg ich auch noch, wenn auch bloß leihweise, solchen hübschen Brief von einer hübschen jungen Frau. Noch dazu Schwiegertochter. Ja, Engelke, so geht's; nich zu glauben. Und da hättest du vorhin den Buchfinken sehen sollen, wie mich der ansah. Bloß als du kamst, da flog er weg: er muß sich vor dir gegrault haben." „Ach, gnädger Herr, vor mir grault sich keine Kreatur." „Will dir's glauben. Und du sollst sehn, heute haben wir nen guten Tag, und es kommt auch noch wer, an dem man sich freuen kann. Wie mir schlecht war, da kam Koseleger und die Prinzessin. Aber heute kam ein Buchfink. Und ich bin ganz sicher, der hat noch ein Gefolge." Dubslavs Ahnungen behielten recht; und als der Nachmittag da war, kam Lorenzen, der sich, seitdem der Alte seinen Katzenpfötchentee trank, nur selten und immer bloß flüchtig hatte sehen lassen. Aber das war rein zufällig und sollte nicht eine Mißbilligung darüber ausdrücken, daß sich der Alte bei der Buschen in die Kur gegeben. „Nun endlich", empfing ihn Dubslav, als Lorenzen eintrat. „Wo bleiben Sie? Da heißt es immer, wir Junker wären kleine Könige. Ja, wer's glaubt! Alle kleinen Könige haben ein Cortege, das sich in Huldigungen und Purzelbäumen überschlägt. Aber von solchem Gefolge habe ich noch nicht viel gesehen. Baruch ist freilich hier gewesen und dann Koseleger und dann die Prinzessin, aber der, der so halb ex officio kommen sollte, der kommt nicht und schickt höchstens mal die Kulicke oder die Elfriede mit ner Anfrage. Sterben und verderben kann man. Und das heißt dann Seelsorge." Lorenzen lächelte. „Herr von Stechlin, Ihre Seele macht mir, trotz dieser meiner Vernachlässigung, keine Sorge, denn sie zählt zu denen, die jeder Spezialempfehlung entbehren können. Lassen Sie mich sehr menschlich, ja für einen Pfarrer beinah lästerlich sprechen. Aber ich muß es. Ich lebe nämlich der Ueberzeugung, der liebe Gott, wenn es mal so weit ist, freut sich, Sie wiederzusehen. Ich sage, wenn es soweit ist. Aber es ist noch nicht soweit." „Ich weiß nicht, Lorenzen, ob Sie recht haben. Jedenfalls ober befind ich mich in meinem derzeitig erträglichen Zustande nur mit Hilfe der Buschen, und ob mich das nach obenhin besonders empfehlen kann, ist mir zweifelhaft. Aber lassen wir die heikle Frage. Erzählen Sie mir lieber etwas recht Hübsches und Heiteres, auch wenn es nebenher etwas ganz Altes ist, etwa das, was man früher Miseellen nannte. Das ist mir immer das liebste gewesen und ist es noch. Was ich da so in den Zeitungen lese, voran das Politische, das weiß ich schon immer alles, und was ich von Engelke höre, das weiß ich auch. Beiläufig — natürlich nur vorn alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt aus — ein wahres Glück, daß es Unglücksfälle gibt, sonst hätte man von der Zeitungslektüre so gut wie gar nichts. Aber" Sie, Sie lesen auch sonst noch allerlei, mitunter sogar Gutes (freilich nur selten), und haben ein wundervolles Gedächtnis für Räubergeschichten und Anekdoten aus allen fünf Weltteilen. Außerdem sind Sie Friderieus-Rex-Mann, was ich Ihnen eigentlich am höchsten anrechne, denn die Fridericus-Rex-Leute, die haben alle Herz und Verstand auf dem rechten Fleck. Also suchen Sie nach irgendwas der Art, nach einer alten Zieten- ober Blücheranekdote, kann meinetwegen auch Wränget sein — ich bin dankbar für alles. Je schlechter es einem geht, je schöner kommt einem so was kaoalleristisch Frisches und Uebermütiges vor. Ich spiele mich persönlich nicht auf Heldentum aus, Renommieren ist ein elendes Handwerk; aber das darf ich sagen: ich liebe das Heldische. Und Gott sei Dank kommt dergleichen immer noch vor." „Gewiß kommt so was immer noch vor. Aber, Herr von Stechlin, all dies Heldische ..." . v ,.... „Nun aber, Lorenzen, Sie werden doch nicht gegen das Heldische sein? Soweit sind Sie doch noch nicht! Und wenn es wäre, da würd :ch ernstlich böse." „Das läßt Ihre Güte nicht zu." „Sie wollen mich einfangen. Aber diesmal glückt es nicht. Was haben Sie gegen das Heldische?" „Nichts, Herr von Stechlin, gar nichts. Im Gegenteil. Heldentum ist gut und groß. Unter Umständen ist es das Allergrößte. Lasse mir atjo den Heroenkultus durchaus gefallen, das heißt, den echten und rechten. Aber was Sie da von mir hören wollen, das ist, Verzeihung für das Wort, ein Heldentum zweiter Güte. Mein Heldentum — soll heißen, was ich für Heldentum halte — das ist nicht auf dem Schlachtfelde zu Hause, das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche, die mit zugrunde gehn. Alles vollzieht sich stumm, einsam, weltabgewandt. Wenigstens als Regel. Aber freilich, wenn die Welt dann ausnahmsweise davon hört, dann horch ich mit auf, und mit gefeilterem Ohr als ein Kavalleriepferd, das die Trompete hört." , „Gut. Meinetwegen. Aber Beispiele." „Kann ich geben. Da sind zunächst die fanatischen Erfinder, die nicht ablassen von ihrem Ziel, unbekümmert darum, ob ein Blitz sie nieder- schlägt oder eine Explosion sie in die Luft schleudert; da sind des weiteren die großen Kletterer und Steiger, [ei’s in die Höh, fei’5 in die Tiefe, da sind 3um dritten die, die den Meeresgrund abfuchen wie ne Wiese, und da sind endlich die Weltteildurchquerer und die Nordpolsahrer." „Ach, der ewige Nansen. Nansen, der, weil er die diesseits verlorene Hose jenseits in Grönland wiederfand, auf den Gedanken kam: .Was die Hofe kann, kann ich auch’. Und daraufhin fuhr er über den Pol. Oder wollte wenigstens." Lorenzen nickte. „Nun ja, das war klug gedacht. Und daß dieser Nansen sich an die Sache ranmachte, das respektier ich, auch wenn schließlich nichts braus würbe. Bleibt immer noch ein Bravourstück. Gewiß, ba sitzt nu so wer im Eise, sieht nichts, hört nichts, und wenn wer kommt, ist es höchstens ein Eisbär. Indessen, er freut sich doch, weil es wenigstens was Lebendiges ist. Ich darf sagen, ich hab einen Sinn für dergleichen. Aber trotzdem, Lorenzen, die Garde bei St. Privat ist doch mehr." „Ich weiß nicht, Herr von Stechlin. Echtes Heldentum, oder um’s noch einmal einzufchränken, ein solches, das mich persönlich hinreißen soll, steht immer im Dienst einer Eigenidee, eines allereigensten Entschlusses. Auch bann noch (ja mitunter bann erst recht), wenn dieser Entschluß schon bas Verbrechen streift. Ober, was fast noch schlimmer, das Häßliche. Kennen Sie den Cooperschen ,Spyoße Erlebnis Trennung und Tod mir zuerst b-Segnen sollte Aber dis in jede Einzelheit weiß ich noch heute alle Blumen in öen kleinen, mit verschorenern Buchs eingehegten Beeten, den Edelsteingla^ der Primeln, die Bläue der Vergißmeinnichtstauden auf dem sanft sich zum Bach neigenden Weg durch den Obstgarten. Weiß kch noch jeden Zweig, jede rosige Blüte des jungen Apfelbaums, der eben über der kleinen Holzlaube feine ersten Knospen öffnete! Nie mehr kann ich heut die Schilderung eines Frühlingstages lesen, von einem Garten auf dem Land um diese Zeit hören — ohne daß jener lag, jener Garten vor mir steht, durchklungen von Finkenruf und unsichtbar doch ganz erfüllt von der Gegenwart meiner Toten. Nein, mehr — von der Gewißheit, sie in Gesundheit und ungebrochener geistiger und körperlicher Kraft mit mir in der Freude an diesem allem vereint zu wissen. Vielleicht war es diese Freude an allem Blühenden, die mich und einen von jenen Fernen so fest an eins von den Kleinen band, die wir dort in unserer alten Heimatgegend aufwachjen sahen. So ernsthaft fahen uns feine schönen grauen Augen an, so sehr gern wollte er immer artig fein! Keinem fiel es so schwer damit, wie diesem geliebten Apfelgesicht. Aber eins gab’s, womit man seine guten Vorsätze stützen konnte, wobei seine Zorn- und Reuetränen versiegten — einen Blumenstrauß! Er besah eine kleine Vase, die stellte er dann mit dem Strauß mitten auf den kleinen Kindertisch, so zart, so ehrfürchtig — behutsam, mit einem süßen, kleinen, vor Glück halbverlegenen Lächeln. Ich sehe ihn noch mit einem Strauß aus Kornblumen, Maßliebchen und Zittergras in den derben Jungenspfötchen, wie er den Duft schnuppert wie ein kleines Tier — aber auch mit einem grüblerischen Ausdruck, als müßte er sich bei diesem Hauch von Acker Und Wiese auf etwas besinnen — etwas immer ganz genau Bekanntes und Vertrautes, doch unerklärlicherweife Vergessenes! Und etwas von diesem Sichbesinnen steht wieder in den schönen grauen Sinti eräugen, aber ganz Überströmt, überdeckt von Mitgefühl und Liebe, als sie an dem langen braunen Eichensarg vorbei nach mir blicken — nicht einen Augenblick gleiten sie von bem Sarg und von meinem Gesicht, helfen, trösten, geben mir endlich die Sammlung, der müden Stimme zu folgen, die so freundlich von meinem Toten fpricht. Er folgt feinem alten Freund, wie er es sich ausgebeten hat, wirst ihm die Erde nach. Und einen Augenblick lang sehe ich das Apfelgestcht in der hellen Herbstsonne, sehe es über die braune Erde in der Hand und über die Grube geneigt mit demselben versonnenen Ausdruck wie über den Kornblumen ... Was bet anderen Jungen nur mit Mühe erreicht wird an festlichen Tagen — ihm war es immer das selbstverständliche: sich mit einem Kranz zu schmücken! Unti vor der seligen Bläue der sommerlichen See fehe ich das geliebte rotbäckige Gesicht im Schwarm der andern Kinder singend oorbeiwantiern mit bem breiten Kranz aus weißem Klee und Tausendschönchen über der runden Stirn. Denn das Kinderfest im Hoch- fommer an unserem Stranti — es ist richtig ein Fest öer Kinder und der Blumen. Was da in der Auszeit irgend noch blüht an den Feldrainen, es wird gesammelt und zu bunten Kränzen verflochten für Haupt und Schulter, für Santischaufel und Harke, für die Wägelchen der Kleinsten und für die 'Leiterwagen, auf denen die Großen fitzen, strahlend vor Stolz, von Sonne durchglüht wie Erdbeeren in der Schonung. Backfische wäret ihr schon, geliebtes Schwesterpärchen, als meines Vaters kleiner Freund im Zug der Kinder durch die Sonne trabte, abends in der lichten Dämmerung im Glühwürmchenschwarm der bunten Papierlaternen durch das Strantiroeitiengeftrüpp der Dünen zog, — aber sind wir nicht so auch neben euch gegangen? Jemand, der nun grauhaarig rote ich in euren großslatitblassen Gesichtern immer noch die lachenden rosenfrifchen Gesichter sucht unter den Kränzen aus Maßliebchen und rotem Feldklee, als mir an der Hecke standen im roeih- qualmenben Staub des langen Zugs und uns versicherten, daß nie» manb (o schön mar wie ihr? Denn wäret ihr nicht wie eure Kranze aus diesem braunen geliebten Heimatboden gestiegen, gleich Halm unö Blüte von ihm geformt, um uns zu formen und von uns geliebt und betreut zu werden? War nicht eure Haut so zart wie die wilden Rosenblüten am Gartenhang des schönsten Gartens, dem Sommerparabies, das uns alle verband? Immer, wenn ich mitten in der Stabt solchem Blumengesicht begegne, wünsche ich ihm für die Ferien fo einen sonnendurchflimmerten Canti« garten, darin zu blühen. Und bei manchen denke ich, ob der lichte Schatten junger Lindenhecken, gelbblontie Ahornblüte, rosigweiße Halbheit knospender Obstbaumwipfel und erster Narzissen Sternenglanz träumend im Mutterleib so beglückend von ihnen gespürt wurde, daß sie in lichtester Haut, schimmerntistem Haar für immer dieses Tages Glanz bewahren? , Sehe ich nicht in einem sehr geliebten Kind meiner nächsten Freundschaft — getragen unter einem Herzen voll Kummer in der schwersten 3eit Deutschlands — die ruhevolle, heitere Stärke des ernteblonticn Landes strahlen, in das damals seine Mutter kam, getröstet und überwältigt von dem Getreideduft der Erntewagen und dem süßen Hauch der Grummetwiesen, der über die Weißtiornhecke in den bienentiurch- Jummten Garten kam, über dessen phloxbunten Rabatten die Frühäpfel re’^n einem Wintertag war es, so dunkel wie die Zeit, die wieder über unser Land ging, als ich müde und gedrückt wie all die Fremden neben mir in bem von tofenbem Lärm, Unrast und künstlicher Helle erfüllten Bahnhof stand. Abgehetzt wie die andern war ich schon daran, wie die meisten von ihnen zu glauben, daß für die nach uns nichts mehr bleiben würde als die Wunderhöhle des Zauberers Technik, der die jungen Kinder dort hinlockt, wo im kalten Schein einer falschen Sonne Stieb fteinblumen aus steinernem Boden blühen und Goldäpsel an Metallbäumen reifen. Ja unö wie ich bas dachte, rief von drüben, über den Schienensträngen, eine Helle Kinderstimme meinen Namen. Da standest du, geliebter Junge, unb Dein Haar glänzte flachsen auch in bem elektrischen Licht, auch hier war dein lachendes Gesicht rosig unb meiß wie ber Phlox in den Beeten, beine Augen blau wie der August- Himmel am Morgen. Wärme, Freiüie und Liebe gab dein Lachen und dein Ruf war der Ruf unserer Heimat, der grünen Ebene, die sich von der Nordsee bis ans Kurische Haff breitet! Und die jetzt tausend Blumen- engen aufschlägt, aus denen allen der gleiche Glaube zum sonnendurchstrahlten regenbogenbunten Frühlingshimmel blickt, — der Glaube, der mein Herz wie ein Bekenntnis spricht in diesem ersten Veilchenstrauß aus meinem Garten: daß in dieser grünen Ebene Raum genug sein wird für mein Alter und deine Äugend und für alle, Kind, unseres Blutes, die aus ihr kamen — geweckt wie Blume und Halme, um ihr liebend zu blühnl Stadt am Morgen. Von Lina Staab*. Rosige Muschel, schwankend auf dem Grund der traumbefangenen und frühen Stunde, von Liedern tönend und von dunkler Kunde — du öffnest summend den perlmuttnen Mund. Wie hauchst du zärtlich in den Sonnenduft der Türme blaß verschwimmende Konturen — Wie ahnungsvoll des bunten Lebens Spuren in zarter Hülle kühler Morgenluft — Die Schiffe ruhen noch mit Mast und Tau. In ausgespannten Netzen hängt die Stille, doch hinter ihrem Gitter drängt die Fülle der Stadt heran mit Park und Wunderbau. Durch träumerisches Blau ein golbner Tag schwingt sich herein auf weißen Taubenflügeln. Schon steht er blitzend auf den runden Hügeln und schlendert lächelnd durch den Rebenhag. Du weites Jugendtal, festliche Stadt, du schöne Schale meines reichsten Lebens — Ich halte dich, ich trinke nicht vergebens — du machst die Dürstende aus Zauberbrunnen satt. Kostbar Gefäß voll neuem Morgentrank — Du schäumst und überperlst die Hügelränder, du spiegelst meiner Seele frühe Länder — ich trinke dich mit Tränen und mit Dank. Die Heimkehr. Erzählung von Johannes Linke. Es ist immer ein Fest, wenn einer aus der Fremde in die Heimat zurückkehrt, und wenn es nur zu einem Besuche für wenige Tage sein sollte. Selbst die Wiederkunft des verlorenen Sohnes, mit dem doch fein Vater gewiß keine Ehre einlegen konnte, wurde mit einem kräftigen Gastmahl begangen. Auch wenn es ein trauriger Anlaß ist, der einen in die Heimat gerufen hat, eine schwere Krankheit oder gar der Tod eines nahen Verwandten: die Heimkunft wird gefeiert. Da sind die Berge, die über seiner Kindheit ragten, die Wälder, in denen er spielte, und wo er Beeren, Holz und Pilze suchte» die Felder, die fein Vater ackerte und besäte, die Wiesen, auf denen er im Frühling Heilkräuter sammelte, im Sommer Heu rechte und im Herbst den Drachen steigen ließ; da sind die Bäche und Weiher, wo er planschte und badete, wo die spangeschnitzten Mühlräder sich drehten und die rindenen Schifflein schwammen, die Steige und Wege und Straßen, auf denen er zur Schule, zur Kirche, zum Einkäufen ging, da sind die Einöden, Weiler und Dörfer der Nachbarschaft und endlich die Höfe und Hütten seines Heimatortes, in denen er aus und ein ging, als er noch klein war. Das alles ist noch so, wie es ehedem war, und doch hat sich manches verändert. Dem Heimkehrer aber entgehen die kleinen Neuerungen und Verwandlungen nicht: er sieht, wie sie hier ein Haus frisch gedeckt, dort eins neu verputzt haben. Der eine Nachbar hat eine Wagenschupfe an fein Haus gehängt, und der andere hat gar eine neue Anfahrt zu seinem Stadel gebaut, daß er nun fein Getreide von oben her abladen kann und sich nicht mehr so zu plagen braucht, wie in früheren Jahren. Die Tannenpflanzung, die er einmal überschauen konnte, ist so hoch geworden, daß sie den Ausblick nach den Bergen versperrt, und dort, wo das Gehölz stand, in dem die vielen Steinpilze wuchsen, breitet sich jetzt ein Haferfeld. Mit den Menschen ist es dasselbe. Die alten Bekannten, Freunde, Nachbarn und Verwandte gehen immer noch im Dorfe um, aber es sind nicht mehr alle: ein Bauer ist gestorben, eine Hoftochter hat fortgeheiratet, und ein paar Burschen find ausgewandert in eine reichere Gegend, wo es Arbeit gibt, in die Stadt oder gar nach Amerika. Nun kommen sie alle, einer nach dem anderen aus der Verwandtschaft und Nachbarschaft, um die Mittagsstunde oder auch mitten von der Arbeit weg und zum Feierabend, und begrüßen den Heimgekommenen und wollen von ihm hören, was er in der Zeit, als er draußen war, alles erlebt hat. Die Männer sind wieder ein Stück älter geworden, ihre Runzeln tiefer und ihre Haare weißer. Die Mädchen, die beim letzten Male die Gänse hüteten und mit der Docke spielten, haben sich zu Jungfrauen verwandelt, sind scheu und kichern, wenn ein Bursch vorüberkommt, den der Heimkehrer noch als kleinen Schulbuben im Gedächtnis hat. Und die jungen Mädchen, die früher mit ihm zum Tanze gingen und abends vor der Tür standen, haben einen Säugling auf dem Arm, und zwei kleine Kinder hängen sich an ihre Röcke und verstecken sich vor dem Fremden. Was fönst unmerklich wuchs, als er beständig hier lebte, das hat jetzt scheinbar einen Ruck getan, während er in der Fremde war. * Aus einem Zyklus um Würzburg: „Die festliche Stadt". Nun erzählen Ihm die Daheimgebliebene" was sich derweilen im Dorf ereignet hat. Sie berichten ohne Klatsch und Tratsch und ohne viel Um« schweife die Geschehnisse, die für die Gemeinschaft Bedeutung haben und nicht nur für ihre persönlichen Gedanken und Wünsche. „Ja, ja, mein Lieber", Jagt ihm der Maurer-Ludwig, „du glaubst es ja nicht, wie die Hundsgrippe hier bei uns gehaust hat. Das ist eine Krankheit gewesen, wie wir sie noch nicht erlebt haben. Die alten Leute hat sie fast alle zusammen weggeräumt. Den Winter haben sie noch aus- gehalten, aber wie einmal der Saft in den Bäumen in die Höhe gestiegen und der Frühling gekommen ist, da hat fie’s gepackt. Zuerst den Schuster- Lorenz, und wie der ein paar Tage unter der Erde gelegen ist, den Weber- Johann. Der hat ja auch schon ein hübsches Alter gehabt: dreiundneunzig Jahre ist er alt gewesen. Und wie dem Weber-Johann seine Leiche war, am gleichen Tage ist auch mein Vater gestorben. Ich bin aus der Kirche gekommen — da war er schon tot." Er klagt nicht und jammert nicht, und nur feine Mutter, die eben dazukommt, schluchzt einmal auf und wischt sich mit der Schürze über die Augen. „Das ist mir hart geworden", sagt sie, „bitterlich hart. So schnell hat der Vater sterben müssen, und mich hat er halt allein gelassen. Ich tann’s noch gar nicht begreifen." Und dann kommt eine Bäuerin, die dem Heimgekehrten erzählt, daß ihre Tochter, die Rosel, fortgeheiratet habe, weit, weit fort, in ein Dorf, drüben hinter dem Berge, wohin es gut zwei Stunden Weg sei. Von der Hochzeit berichtet sie, wie stattlich sie gefeiert worden sei, und wieviel Bier die Hochzeitsleut getrunken hätten. Und nun sei die Rosel auf der Hajenmühle, und bis in zwei, drei Jahren, wenn die Alten übergegeben hätten, fei sie die Mühlbäuerin. Der alte Benno-Jackel, den die Krankheit verschont hat, und der nicht mehr viel anderes tut, als umhergehen und den Leuten bei der Arbeit zuzuschauen, berichtet von den Kindern, die zur Welt gebracht wurden. „Heuer haben wir ein fruchtbares Jahr", meint er bedächtig, „weil meine Tochter eine Hebamme ist und überall hingehen muß. Aber das weißt du ja selber, weil sie deiner Mutter auch beigestanden ist in ihrer Not. Drei Alte sind uns gestorben, und auch die Marie hat das Leben lassen müssen, wie sie von der Tenne gestürzt ist — aber kleine Kinder sind uns neun geboren worden im Dorfe: beim Wagner ein Bub und beim Schreiner ein Bub, und beim Beck ein Mädel und bei der Wirts-Fanni wieder ein Bub und beim Maurer-Anton ein Mädel und beim Leopold ein Bub und beim Strohmeier wieder einer, aber da wäre die Mutter, die Martha, bald gestorben, so hart ist's hergegangen, und die Schmiedin und die junge Schneiderin haben je ein Mädel gekriegt. Stirbt unser Dorf so leicht nicht aus." „Und hast du denn schon gesehen", fängt ein anderer an, „daß sie draußen auf der Stierwiese, wo der Fahrweg zum Pfarrdorf geht, ein Haus gebaut haben? Eine Viertelstunde vom Dorf weg hat sich der Haselbauer-Franz sein Häuschen hingesetzt, mitten in der Einöde, wo er keine Nachbarn hat. Er ist ja schon seiner Lebtage ein solcher Einsiedler gewesen." Einer von den Holzhauern, der seinen Arm in der Binde trägt, begrüßt den alten Jugendfreund und erzählt ihm, wo sie heuer im Walde gearbeitet haben. Am Hohlweg, wo das fette Kraut wächst, trifft der Heimkehrer die alte Kramer-Anna, wie sie ihre Geißen hütet. Die alten Zeiten tauchen in ihrer Erinnerung auf, als sie ihn sieht, und sie ist die einzige, die sich völlig vor ihm eröffnet. „Leiden muß ich", klagt sie, „leiden! Ein Kreuz ift’s auf der Welt. Vor drei Jahren hab ich dem Michel den Hof gegeben, wie er geheiratet hat. Du wirst es so noch wissen. Mir hat sie von vornherein.nicht gefa.' n, weil's so eine Stolze gewesen ist, aber ihr Vater und der Bub haben so lange getrieben, bis ich Ja gesagt habe. Und was ist's gewesen? Sie hat so lange hantiert und gekauft und geprangt, bis alles hingewesen ist, und der Michel verkauft feinen Hof, und ich muß auf meine alten Tage unter fremden Leuten sein." Sie beginnt zu meinen und gibt sich gar keine Mühe, ihren Kummer zu verbergen. „Unter fremden Leuten!", wiederholt sie. „Auf meine alten Tage! Warum bin ich denn hernach nicht gestorben, wo die Grippe umgegangen ist? Sag mir das!" So erfährt er am ersten Tage nach seiner Heimkunft alles, was sich im Dorfe und in der Gemarkung Wichtiges begeben hat. Der Brand des Leibtumhauses wird ihm geschildert, und der Bau des großen Stadels, der neue Weg zur Staatsstraße wird ihm gezeigt, er hört, wie der Waldbauer den Fleck Feld, den er erst vor zehn Jahren umgebrochen hat, wieder mit Fichten hat bepflanzen lassen, weil kein rechtes Getreide dort gedieh, er muß sich den Weiher ansehen, den sie nach dem letzten Brande anlegten, und der nun das ganze Dorf mit Wasser versorgt, das sie oft so bitter entbehrten. Kaum ist er aus der Fremde heimgekommen, so lebt er schon wieder mitten drin im Gemeinwesen, das seine Kindheit und Jugend umschloß. Die Zeit, die er auswärts war, überbrücken die Berichte feiner Landsleute. Sie reden ihm nichts von ihren Gefühlen und inneren Erlebnissen vor, an denen sie reicher sind als irgendeiner in den Städten, und nur selten verrät ein Wort die Stimmung ihres Herzens: „Das ist mir hart geworden" oder „Da hab ich meinen müssen" ober „Da hab ich mich gefreut, mie ein kleines Kind". Ihr Inneres zergliedern sie nicht; das ist dafür zu stark. Was sie für erzählensmert halten, das sind die ewig wiederkehrenden Ereignisse ihrer Umwelt: Aussaat und Ernte, Gunst und Verderb der Witterung, Aufbau und Niederbruch, Geburt und Tod. Und diese Dinge sind es wahrhaftig auch wert, berichtet zu werden, denn durch ihre kräftigen Umrisse schimmern verhalten und zart, wie es sich gehört, Freuden und Leiden, Wohlergehen und Not, Liebe und Kummer, Entbehrung und Leidenschaft, kurzum das ganze Leben der Erzähler, ihrer Sippe und der Dorfgemeinschaft, der sie angeboren. Und das ist nicht immer ein Fest, wenn man mitten in das volle Leben hineingeführt wird ober einen anberen hineinführen barf? «erantwortlich Dr. Hans Thhrivt. - Druck und Verlag: Drühl'lche Univerlitäts-Vuch. und Steindruckerei, N. Lange, Gießen,