GietzenerZamiiienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 193Z Nontag, -en 11. Dezember Nummer M Die Insel Ser fünf Millionen Pinguine Von Cherry Kearton Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten ' 6. Fortsetzung. , Persönlich möchte ich den Hai mit dem Löwen vergleichen. Diese Aehnlichkeit beziehe ich freilich nur auf einen einzigen Punkt: eben diese Veränderlichkeit. Denn während der Löwe «in^herrliches Geschöpf ist, das man stets von neuem bewundert, ist der Hai, den man sich immer schleichend vorstellt, ekelhaft. Findet man sich aber einem Löwen gegenüber, dann ist man darauf gefaßt, daß er Menschen frißt, wenn auch die Wahrscheinlichkeit nicht besonders groß ist. Mit dem Haifisch scheint es mir nun genau dasselbe zu sein. Manche Löwen, die sich ihr Lebtag von Böcken und anderen Tieren genährt haben, greifen im Alter, wenn sie nicht mehr die Behendigkeit besitzen, um ihrer gewohnten Beute nachzusetzen, zu Menschenfleisch — und sobald sie einmal Geschmack daran gewonnen haben, mögen sie kaum mehr etwas anderes. Andere Löwen werden durch Hunger dazu getrieben, den Menschen anzufallen, und sind sie einmal zu Menschenfressern geworden, dann erziehen sie auch ihre Jungen dazu. / Normalerweise lebt der Hai von Fischen. Doch ein sechs bis neun Meter langer Hai wird nicht' leicht satt werden, und ich denke mir, wenn ihm etwas in den Weg läuft, das größer ist als die meisten Fische, nimmt er es nur zu gern- zur Stillung seines Hungers mit. Man hat beobachtet, wie große Haifische junge Seelöwen auf einen einzigen Bissen verschlangen. Zahlreiche Menschen haben beim Schwimmen durch sie genau wie die Pinguine ihre Beine eingebüßt. Einmal wurde bei Durban ein Schwimmer von einem Hai angefallen, und als zwei Männer aus einem Boot ihn festhielten, sahen sie, daß der Hai ihn in der Mitte des Rückens gepackt hielt und ein riesiges Stück Fleisch einfach herausriß. Die Haifische jagen zum Teil dem Geruch, zum Teil dem Gesicht nach. Sie vermögen Blut zu riechen, und ein Kampf zwischen Fischen bringt sie immer rasch auf den Schauplatz, wo ~fie den unterliegenden Teil verschlingen. Sie sind auch Kannibalen: sobald ein Hai getötet worden ist, nehmen viele andere die Blutsährte auf, kommen herbeigeschossen und verzehren ihn. Sie haben sehr scharfe Augen — gelb wie die einer Katze und unter Wasser phosphoreszierend — und sobald ein Hai Beute findet, folgen ihm sogleich die andern. In dieser Art und Weise zu jagen gleichen sie den Pinguinen. , , , . Es scheinen heutzutage zwei Ansichten darüber zu herrschen, wie em Hai zubeißt. Bekanntlich befindet sich seim scheußliches Maul wohlgebov- gen an der Unterseite seines Kopses. Früher glaubte man daher, er werfe sich immer zuerst auf den Rücken, ehe er zuschnappe, das wird aber heute bezweifelt. Selber meine ich. daß hier wieder ein Fall vorliegt, wo man nicht verallgemeinern darf. Sehr wahrscheinlich beißt der Hai immer gerade in der Sage, die für ihn die bequemste ist. Will er unter Wasser einen Fisch verschlingen, dann dreht er sich nicht um, well er es nicht nötig hat, denn er kann ja leicht über den Fisch hinwegschwimmen. Verfolgt er aber einen schwimmenden Menschen oder irgendetwas anderes, was sich dicht an der Oberfläche hält, bann müßte er den.Körper aus dem Wasser heben, um darüber wegzuschwimmen, was ihm sedenfalls zu gefährlich ist — und deshalb dreht er sich in solchen Fällen auf den Rücken und fällt feine Beute von unten am _ Allabendlich pflegten sich große Fischschwärme in der Bucht der Pinguininsel einzufinden, und bann gab es immer roafyrenb einer Stunde ober länger ein großes Schwimmen und Tauchen, dessen Lärm hundert Meter weit zu hären war. Lange war ich mir über die Ursache all dieser Erregung im unklaren. Endlich ging mir auf, was da geschah. Die Haifische benutzten die Bucht — die dank dem Riff so etwas wie einen Flaschenhals hatte — als Falle für die Fische, die sie fangen wollten Sie trieben den Schwarm vor sich her in die Bucht hinein, und dort war er ihnen erbarmungslos ausgeliefert. - _. Um diese Annahme zu überprüfen, versah ich mich mit einem Eimer voll toter Fische und kletterte eines Abends spät, nachdem der Lärm oer= stammt war, zwischen den abschüssigen Felsen soweit hinaus, wie ich konnte. Dann warf ich die toten Fische ins Meer. Sie gingen sofort unter, und im selben Augenblick entstand im Wasser plötzliche Bewegung. Ein häßlicher schwarzer Kopf stieg im Dunkel auf — und ich . "uhte, was geschehen wäre, wenn nicht ein Eimer voll Fische, sondern ich selbst dort unten im Wasser gewesen wäre. Ich dachte an den Jungen, der versucht hatte, zur gegenüberliegenden Landzunge zu schwimmen, in wahnwitzigem Schrecken vor dem Hai hinter ihm — und es war nicht nur ein einzelner Hai, denn wie ich so ins Wasser hinabschaute, kam einer nach dem, andern an — ein Wasserstrudel ... die See wimmelte von dunklen grauen Gestalten. Mich schauderte. Nun wußte ich, warum bei Tagesanbruch manchmal zerfetzte Kormoranleiber in der Bucht trieben, wußte auch, daß kein Zweifel mehr möglich war über die Art des Todes, den der Junge aus Kapstadt gefunden hatte. Grauenhaft ist der Hai. Ich für mein Teil kann Schlangen nicht ausstehen. Dennoch kann ich begreifen, daß jemand sie sich zum Liebling wählt. Ich finde bas Krokodil scheußlich, llnb kann boch verstehen, baß manche diese Tiere ohne wirklichen Widerwillen betrachten, während sie auf einer Schlammbank liegen und in der Sonne dosen. Haifische aber — nein! Es übersteigt meine Begriffe, wie jemand sie ohne Angst und Abscheu ansehen kann. Ich weiß nicht genau, mit wieviel Wahrscheinlichkeit darauf zu rechnen ist, daß ein Haifisch auf einen Menschen losgeht, ebensowenig wie ich dies beim Löwen zu sagen wüßte. Aber ich möchte lieber einem Dutzend Löwen gegenüberstehen, als es mit einem einzigen Hai zu tun zu haben. Und tarne es zum Schlimmsten, so würde ich, obwohl es gewiß qualvoll genug ist, unendlich viel lieber mich von einem Löwen zerreißen lassen, als den grimmen reißenden Zähnen im Wasser zur Beute fallen. Neuntes Kapitel. Freunde. — Schildkröten. — Der Sturz in das Nest. — Regenpfeifer- — Weihe Tölpel. — Ewige Schönheit des Vogellebens. Mit Möwe und Ibis liegen die Pinguine zwar fortwährend Im Krieg, doch gibt es verschiedene andere Tiere auf der Insel, mit denen sie in vollster Freundschaft leben. , Um mit den niedrigeren Gattungen zu beginnen, will ich zunächst die Sandschlangen erwähnen, die nicht ganz zehn Zentimeter lang und ganz harmlos sind, dann Feldmäuse (aber keine Ratten, wofür die Pinguine sehr dankbar fein können,, da sie verheerend in den Nestern hausLN würden) und Schildkröten. Diese kommen von allen am häufigsten vor und sind zugleich am interessantesten. Merkwürdigerweise sah ich nur selten eine in Bewegung — was wohl nur darauf beruhte, daß sie mich kommen sahen und sich, weil sie viel furchtsamer und scheuer finb als die Pinguine, tot stellten, bis sie sicher sein konnten, daß ich ein Freund und fein Feind war. Einmal nahm ich eine auf, setzte sie auf freiem Feld wieder hin und verbarg mich bann hinter einem Felsen um zu sehen, was sie nun an- fangen würbe; ob sie wohl gleich wieher in ihren Schlupfwinkel zurück- kehrte? Es geschah, jeboch nichts bergleichen. Sie schien sich ganz wohl zu fühlen in ihrer neuen Umgebung, unb (obalb sie sich vergewissert hatte, baß ich nicht in Sicht war, begann sie umherzuspazieren, immer mitten zwischen ben zahlreichen Pinguinen hindurch, die sich ringsumher auf- bielten. _ , , Die Schildkröten leben ausschließlich in den Teilen der Insel, wo die Pinguine offene Nester für sich bauen statt Höhlen. Zum Teil kommt dies zweifellos daher, daß Schildkröten, obwohl sie sich langsam bemegen* nicht sehr sicher auf ihren Beinen sind und leicht über solche „Abgründe stürzen, wie sie in Massen dort vorkommen, wo der Grund und Boden ganz von Hohlen durchwühlt ist; zum Teil aber auch daher, daß sie von den verkümmerten Büschen leben, die sich nur in jenem Teil der Insel befinden. * , , , _ Pinguine und Schildkröten scheinen sich sehr gut zu vertragen. Damit will ich nicht sagen, daß sie miteinander spielen, jedenfalls aber kennen fie nicht die mindeste Angst voreinander, und es scheint als ausgemacht zu gelten, daß die Schildkröten umherwandern dürfen, wie und wo es ihnen bel ebt, solange sie nur nicht in Pinguinnester einbringen. Es machte mir immer Spaß, wenn ich sah, wie eine Schilbkröte behaglich an einem Busch knabberte unb bann plötzlich von einem Pinguin gestört mürbe ber ein Zweiglein besselben Buschs für seine häusliche Ausstaffierung nötig hatte. Eine Weile fuhren dann gewöhnlich beide um bekümmert nebeneinander fort; der Pinguin aber rüttelte in seinem Bemühen den begehrten Zweig abzureißen, zu heftig an dem Busch, so daß dieser der Schildkröte, die gerade ein Blatt benagte, wild vor der Nase hin und her schwankte. Das konnte fie auf die Dauer nicht aushalten und fo kroch fie denn würdevoll zu einem andern Busch mit einer Miene, als wollte sie sagen: „Der Klügere gibt nach." Ich wüßte auch nicht recht, wie diese beiden Geschöpfe miteinander kämpfen könnten, wenn sie es sollten. Es würde dem Pinguin wenig nutzen, wollte er die Panzerrüstung der Schildkröte mit den Flossen bearbeiten, und wenn der Pinguin seinerseits gegenüber einem Angriff zurück- ober auswiche, würbe bic Schildkröte beträchtlich viel Zeit brauchen, ihm zu folgen und ihn von neuem anzugreisen. Diese Seite der Angelegenheit kam mir eines Tages sozusagen zwangsläufig zum Bewußtsein, als eine Schildkröte in ein Pinguinnest em- drang — wie ich glaube, völlig unfreiwillig. Es war ein ungewöhnlich tiefes Nistloch, dessen weiche Sandwände ein Busch teilweise verdeckte, so dah es durchaus kein Wunder war, wenn eine Schildkröte über den Rand stürzte und bis ans Hintere Ende hinunterkallerte. Das Nest war zur Zeit leer, wenige Minuten darauf aber kehrte der Pinguin zurück und schien erstarrt über die Dreistigkeit dieses elenden Geschöpfes, das gewagt hatte, fein Heim zu betreten. Einmal ums andere umkreiste er das Nest, indem er nach der Schildkröte hinabschielie und überlegte, was zu tun [ei. Eine Lösung für das heikle Problem fiel ihm aber offenbar nicht ums Leben ein. Sicherlich war ihm rechtens in solchem Fall auch eine gewalttätige Wahrnehmung feiner Interessen gestattet, ober wenn nicht das, so doch mindestens sofortige Ausweisung des Sünders. Wie aber das bewerkstelligen? Der Pinguin kann Stöckchen und kleine Kiesel heben, ist aber gänzlich außerstande etwas so Schweres wie eine Schildkröte fortzuschasfen. Am allerliebsten hätte er, das war ihm anzusehen, die Kreatur am Schlafittchen gepackt und hinausgeworfen; wo aber sitzt bei einer Schildkröte das Schlafittchen, und auf welche Weise gar ver°. mochte man sie daran zu erwischen? Es war ein komischer Anblick, wie er in offenbarer Empörung und doch so machtlos dastand — und zugleich zu sehen, daß die Schildkröte ihrerseits ihr letztes Stündlein gekommen glaubte. Denn voller Entsetzen versuchte sie die glatten Wände hinaufzukrabbeln, rutschte aber nach wenigen Schritten immer wieder auf den Boden herunter. Und die ganze Zeit stand der Pinguin — ein Bild ohnmächtigen Grimms — am Nest- rand und wartete, ob nicht das alberne Geschöpf endlich die Wand hinauf- ,kommen und sich davonmachen würde. Das dauerte aber noch beinahe zehn Minuten. Biele,oon den Tieren, die ich auf solch einer Insel zu finden erwartet hatte, waren nicht da — zum Beispiel keine Maulwürfe, vermutlich weil es sonderbarerweise keine Würmer dort gibt. Das Fehlen vierfüßigen Lebens wird indes,reichlich ausgewogen durch die mannigfaltige Vogelwelt der Insel. Außer den Pinguinen brüten dort zu gewissen Zeiten Tausende von Tauchern, interessante Vögel, die ein wenig wie kleine magere Kor- morane aussehen; dann kommen ein paar große Kormorane mit weißer Kehle; Austernfischer, die in diesem Gebiet der Erde schwarz mit Drange- schnäbeln sind; Hunderte von [Regenpfeifern; ab und zu ein Reiher; und eine Menge Meerschwalben, die sich auf ihrer Wanderschaft etwa vierzehn Tage auf der Insel aufhalten. Weiße Tölpel finden sich nicht auf dieser Insel, dafür aber zu Tausenden auf einer benachbarten, von der sie zuweilen übers Wasser herübergeflogen kommen. Es find schöne Vögel, die sich glänzend zu phoivgraphischen Aufnahmen eignen. Zuweilen sieht man eine kleine Gruppe Pinguine neben einer riesigen Schar von Tölpeln, wobei jede Art für sich bleibt und sich sonderbar von der andern abhebt. Der gewöhnlichste Tresfpunkt der Pinguine und Tölpel aber ist das Fischrevier, in das der Tölpel plötzlich herniederzustoßen pflegt, nachdem er von hoch oben einen Fisch gesichtet hat. Die Regenpfeifer sieht man meist am Strande, denn ihre Lieblingsbeschäftigung ist der Fang einer bestimmten Art van kleinen Sandaalen. Da diese sich lediglich im ganz nassen Sand zeigen, die Vögel sich anscheinend aber ungern ihre Füße naß machen, geht ein regelrechtes Spiel vor sich, bei dem all die Hunderte kleiner Regenpfeifer der rückflutenden Welle folgen, rasch ausschnappen, was sie an Sandaalen erwischen können, und dann vor der wieder anflutenden Woge rasch zurückweichen. Auch zwischen Pinguinen und Meerschwalben und auch mitunter zwischen Pinguinen und Regenpfeifern geht zuweilen eine Art Spiel vor sich — obwohl vielleicht nur die Pinguine es als Spiel betrachten mögen. Wenn die kleineren Vogel aus einem Felsen landen, scheuchen eine Anzahl Pinguine als richtige große Quälgeister sie weg. Ratürlich ■ laßen sich die Schwalben oder Regenpfeifer nun auf der andern Seite des Felsens nieder — und dann machen die Pinguine kehrt, treiben fie von neuem' fort und behaupten sich sa unzweideutig als die alleinigen Herren dieses Teils ihres Herrschaftsgebiets. Da die Pinguine einen solchen Felsen nur zum Stehen benutzen, konnte sie die Gegenwart der Vogejchen nicht wohl stören; sie hatten also vermutlich hi dem Herumhetzen der soviel kleineren Geschöpfe eine Annehmlichkeit des Lebens entdeckt. Die meisten Seevögel, die die Insel besuchen, sind wie die Tölpel schöne Tiere; auf einzelne freilich, jum Beispiel die Taucher, läßt sich dieses Wort kaum anwenden. Den hübschesten Airblick gewähren Vögel aber doch in der Lust, Durch bie'groffen Vogelschwärme, die die Küsten der Pinguininsel überfliegen, bekommt sie etwas ganz Eigenartiges; die ewige Schönheit des Vogellebens liegt über ihr. In langen Setten schwingen sich Scharen von Tauchern darüber hin. Die Austernfischer kündigen schlechtes Wetter an, wenn sie schreiend über der spitzigen Sandbank in der Bucht hin und her schießen. Ein Reiher (der wohl während eines Sturmes von seinem Kurs abgetrieben worden war) pflegte auf einem hohen Felsen zu stehen und in die flutenden Meereswogen hinabzuschauen; bann und wann warf er einen Blick auf die Pinguine, als wisse er nicht recht, was von ihnen zu halten sei. Die Meerschwalben kreisen anmutig in den Höhen. Und mittenhinein schießen die Möwen auf ihren Raubzügen nach Pinguineiern, Pin- guinkücken und flaumigen jungen Regenpfeifern; sie schreien beim Kommen, steigen bann in die Höhe empor, wenden und stoßen von neuem herab. Es ist immer eine Freude, diese fliegenden Vögel in ihrer Anmut und Behendigkeit zu beobachten. Ein watschelnder Pinguin ist ja sicherlich ein unterhaltendes und fesselndes Tier, eigentliche Schönheit und Anmut aber kann man ihm schwerlich zusprechen. Ihren Schönheitszauber jedoch erhält die Insel der Pinguine durch die Tausende von Vögeln, mit denen die Pinguine sich in d>«je Heimat teilen. Zehntes Kapitel. Ernstere Dinge. — Ehelicher Streit. — Der Rivale. — Sechsstündiger Kampf. — Eine Katastrophe. — Trauer. — Arme Waisen. — Die Kehrseite der Medaille. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als seien bas Mausern und die Verteidigung gegen Feinde die einzigen unerfreulichen Vorkommnisse, von denen die Pinguine in einem sonst paradiesisch ungetrübten Dasein heimgesucht werden. Dafür gleicht ihr Leben viel zu sehr unfern, eignen. Zweifellos erkranken sie wie wir manchmal an Verdauungsschwierigkeiten, mit der Folge, dah ihr van Natur liebenswürdiges Wesen zeitweilig in die Brüche gerät. Hin und wieder erleiden auch ihre moralischen Hemmungen eine ernsthafte Störung, so dah Uebeltäter die Insel durchschweisen. Ich spiele hier nicht auf Diebstahl und dergleichen an — denn dafür muh man den Pinguinen mildernde Umstände anrechnen. Die Pinguine ind so neugierig, dah fie der Versuchung nicht widerstehen können, hin- zugehen und zu schauen, was der andere wohl tut, und sobald sie einmal n ein fr e mb es Haus eingedrungen sind (natürlich in der einzigen Ab- icht, es zu bewundern), während die Bewohner ausgegangen sind, find sie im Gewissenskonflikt schon halb unterlegen. Unglücklicherweise aber gibt es ernstere Dinge. Die Pinguine sind zum Beispiel, wie ich in der Einleitung schon hervorhob, Musterbilder ehelicher Treue und Liebe. Die Männer greifen zu, wo sie nur können, U helfen bei der Hausarbeit, kommen direkt vom Gefchäft (d. h. dem Fischen) heim, und sind jederzeit ohne ein verdrießliches Gesicht zu machen bereit, auch bei der Kinderpflege zur Hand zu gehen. Und die Frauen sind Mustergattinnen; sie erwarten nie, dah der Mann ihnen beispringt, geben ihm stets zu erkennen, wie sie seine fteiwillige Hilse zu würdigen wissen, und finfr nie so beschäftigt, dah sie nicht immer noch Zeit für kleine Liebesbeweise fänden, die im Eheleben alles sind. Und dennoch geben die Dinge hin und wieder schief. Ich mochte hier eine Episode erzählen, die sich vor meinen Augen auf der Insel der Pinguine abspielte. Nur sei vorausgeschickt, dah ich um alles nicht den Verdacht erwecken möchte, als hätte sich dieser Vorfall im Leben des reizenden und einander fo herzlich zugetanen Pärchens zu- getragen, dessen Webesgeschichte ich im Anfang geschildert habe. Cs ist daher unbedingt festzuhalten, dah in diesem Kapitel die Bezeichnung „Herr und Frau Pinguin" sich auf ein völlig anderes Paar bezieht, das mit dem ersten so wenig wie nur möglich zu tun hat, wenigstens dem Charakter nach. Die Sache sing, wie das zu geschehen pflegt, wegen ganz unbe- deutender Kleinigkeiten an. Der erste Anstoß war vermutlich, dah Herr und Frau Pinguin (nachdem sie sich altem Brauch gemäß von ihrem letztjährigen Nachwuchs getrennt hatten) bei ihrer Rückkehr auf die Insel ihre alte Wohnung in sehr unsauberem Zustand vorfanden. Der Boden lag noch voller Federn von der vorigen Mauser, und Federn, die ein halbes Jahr lang im Regen gelegen haben, tragen nicht zur Wohnlichkeit eines alten Nestes bei. Abgesehen hiervon hatte jemand — und ich fürchte, daß ich selbst es war — das Dach des Baues eingetreten, gerade als es sich zu lockern begann, so daß es nur noch halb vorhanden war. Kurzum, der ganze Drt hatte nichts von jener einladenden Gemütlichkeit an sich, die so wohltuend wirkt, wenn man nach langer Reise beträchtlich ermüdet daheim anlangt. Herr Pinguin begann sich daher ziemlich brummig an die Auftäum- arbeiten zu machen. Und als ihm feine Frau, die ihn natürlich nach einiger Zeit ablöste, eine Ladung Sand und halbverwitterter Federn mitten ins Gesicht pfefferte, nahm er das sehr krumm. Sie fingen an, sich zu streiten, und die Gattin sand den Ton, in dem ihr Mann mit ihr redete, höchst unangebracht. Mit etwas Aehnlichem, denke ich mir, muß die Sache angefangen haben. Jedenfalls hörte ich die beiden Vögel immer, wenn ich voller Gewissensbisse wegen des zerstörten Daches an ihrem Nest vorbeikam, miteinander zanken, und nur selten bemerkte ich einen Versuch, sich mit einem zärtlichen Kuß zu versöhnen. Da es Tag für Tag so fortging, war ich schließlich darauf gefaßt, daß das Familienleben bald ernstlich' in di« Brüche gehen würde. Und richtig brach eines Nachmittags der Sturm los. Herr Pinguin .kam auf dem Rückweg von feiner Mahlzeit den 2lbbang heraufgewatschelt. Er sah ein wenig verdrossen aus, doch glaube ich nicht, dah er die mindeste Ahnung von dem Schlag hatte, der ihn erwartete. Nur wenige Schritt« war er noch von seinem Heim entfernt, als er stehen blieb — sprachlos vor Entsetzen. Seine Frau war nicht allein! Minutenlang schien er außerstande, die Tatsache zu saßen. Dann ging er ohne weiteres Besinnen auf den Störenfried los und begann ihn wütend mit Schnabel und Flößen zu bearbeiten. Von dem bedauerlichen Anlaß abgesehen, war es ein wirklich sehenswerter Kamps. Man hätte denken sollen, daß Frau Pinguin sich von Scham und Reu« ergriffen in einen Winkel zurückziehen würde, um zu wehklagen und di« Flößen zu ringen. Doch falls das ihre Absicht war, fo fand sie jedenfalls nicht Gelegenheit, sie auszuführen. Denn ihr Gatt« griff mut unerschrockenem Mut und blinder Wut an und hackte und hieb unterschiedslos auf alles ein,’ was ihm in den Weg kam. Der Eindringling hielt dem ersten Anprall wohl stand, nach einer Minute aber wich er flink zur Seite, und plötzlich fand sich das Pinguinweibchen dem Angriff seines Mannes gegenüber. So begann denn auch sie, den Rücken nach der Wand, tapfer zu fechten, bis ihr Liebhaber ihr zu Hilfe kam, indem er Herrn Pinguin von hinten anfiel, wo er ungedeckt war. (Fortsetzung folgt.) Lied zu Weihnachten. Von Karl Bröger. Geh nicht vorüber, Mavial Kehr bei uns einl Wir haben noch nicht vergessen: Das Höchste ist: Mutter sein. Geh nicht vorüber, Marial Wir sind so allein. lieber die Schluchten von Häusern, darin wir verschollen sind, weht doch nur einmal im Jahre köstlicher Weihnachtswind, haucht um uns zärtlich wie Atem von deinem Kind. Die wir verloren und arm dutch Schatten urtb Schauer gehn, müssen immer verzückt nach dem Stern der Verheißung sehn. Wann wird er leuchtend auch uns zu Häupten stehn? Geh nicht vorüber, Maria! Kehr bei uns ein! Wir können nur immer denken: Das Höchste ist: Mutter fein! Geh nicht vorüber, Maria! Wir sind so allein. Schmetterling zur Weihnacht. Von Hermann Hesse. (Vroas beklommen sah ich in den Tagen nach dem Weihnachtsfest auf m.mer Kommode die paar Päckchen herumliegen, die mir Sorge machten. Es waren Sachen, die ich geschenkt bekommen hatte, die ich aber nicht brauchen konnte, und die nun umgetauscht werden sollten. Das wird ja immer sck gemacht, und in guten Geschäften haben ja auch die Verkäuferinnen sich vom Weihnachtsgeschäft her für diese Umtauschtage so viel strahlende Freundlichkeit aufbewahrt, daß es zum Erstaunen ist. Aber ich mache trotzdem solche Gänge nicht gern. Schon Einkäufen fällt mir schwer, und ich schiebe es oft lange hinaus — und nun gar Umtauschen, in die Laden gehen, die Leute in Anspruch nehmen, sich aufs neue für erledigte Dinge interessieren! Nein, ich tue das gar nicht gerne, und wenn es bloß auf mich ankäme, so legte ich die unbrauchbaren Geschenke lieber in eine Schublade und ließe sie da liegen. Zum Glück war meine Freundin da, die versteht sich auf alle diese Sachen ausgezeichnet, und ich bat sie, sich meiner anzunehmen und mit mir in die drei Geschäfte zu gehen. Sie tat es gerne, nicht bloß mir zuliebe, sondern auch so, es machte ihr Spaß, es war ein Sport für sie, eine Kunst, deren Ausübung ihr Freude machte. Also gingen wir miteinander in das Geschäft mit den Handschuhen, sagten Grüß Gott, wickelten meine Weihnachtshandschuhe aus, und ich drehte nervös meinen Hut in der Hand und suchte nach den Redensarten, mit welchen man solche Transaktionen einzuleiten gewohnt ist, aber es glückte mir nicht gut, und ich ließ gerne meiner Helferin das Wort. Und siehe, der Zauder ging leicht Donftatten, man lächelte, man nahm Gott sei Dank die Handschuhe zurück, und plötzlich stand ich vor einer Auswahl farbiger Hemden und durste mir eines davon auswählen. Das paßte mir, ich spielte also den Sachverständigen, entsann mich nach einiger Versenkung auch richtig meiner Kragen- nummer, und bald verließen wir mit einem neuen Paketchen den Laden. Auch mit der neuen Füllfeder ging es recht gut, ich mußte mich in dem überfüllten Geschäft vor einem angenehmen Fräulein niedersetzen, bekam ein Schreibpapier und eine Menge von Federn zur Auswahl vorgelegt, und saß da und schrieb und malte Blumen, Sterne und Initialen auf den BogeN, bis er voll war. Dann nahm ich eine der probierten Federn mit, und wenn nun auch weiterhin das Schreiben mir mühselig werden sollte, so wird die Feder nicht daran schuld sein, es ist eine Goldfeder aus Amerika, man kann sie mit einem goldenen Hebel füllen, und dann entströmen ihr die goldenen Worte, daß es eine Freude ist. Ich brauche sie aber mehr zum Zeichnen, weil ich ia bloß noch im Nebenamt Literat bin. Dankbar steckte ich den kleinen Tintenfisch mit der Goldschnauze in die Tcilche und ging weiter, ging den schweren Gang zum Optiker, dem ich ge- ftehen mußte, daß meine neue Lesebrille mir gar feine guten Di en sie leiste, und daß er sie zurücknehmen und eine andere machen müsse. Beschüßt von der Freundin, gestärkt durch die Erfolge mit be'm Hemd und der Feder, trat ich auch in dieser gläsernen Provinz zielbewußt auf. wurde angehört, und wahrhaftig nahm der gütige Mann die Brille zurück. Nie hätte ich das gedacht. Ich hätte es an feiner Stelle nicht getan. Der Siegeszug durch die drei gefürchteten Geschäfte, der Gang durch den frischen Winterwind mit der Freundin, die Verwandlung dreier Der- legenheitspakete in drei erfreuliche waren Gründe genug, mich froh und dankbar zu stimmen. Beim Umtausch der Handschuhe hatte ich sogar noch einen kleinen Taschenspiegel dreinbekommen, den ich meiner Begleiterin schenken konnte. v . Bei der Heimkehr war ich sehr vergnügt und machte weder an die arbeit gehen noch mich mit allen den noch ungelesenen Briefen befassen, die sich in den letzten Tagen angesammelt hatten. Ich erinnerte mich der Stuwer« -eil, und wie es da an den Tagen nach Weihnachten so schön gewesen war, bei jedem morgendlichen Erwachen und bei jeder Heimkehr sich der neuen Geschenke wieder zu bemächtigen und sich ihres Besitzes zu freuen. Einmal hatte ich eine Violine geschenkt bekommen und stand sogar in der Nacht auf, um sie anzusühlen und leise an den Saiten zu zupfen. Einmal hatte man mir den Don Quichotte geschenkt, und jeder Spazier- oder Kirchgang, ja jede Mahlzeit war mir eine widerwärtige Unterbrechung der beglückenden Lektüre. Diesmal hatte ich so begeisternde Dinge nicht erhalten, — es gibt für alte Leute diesen Glanz und Zauber nicht mehr, den einst die Geige, das Buch, das Spielzeug, die Schlittschuhe hatten. Es standen drei Schachteln mit guten Zigarren da, das war tröstlich, und einiger Wein und Kognak — damit würde ich mir bann den Abend vertreiben. Der neue Federhalter war köstlich, aber doch nicht recht geeignet, ihn ans Herz zu drücken und sich der Wonne seines Besitzes hinzugeben. Aber e i n Stück gab es, ein Geschenk, das war wirklich festlich, wirklich außerordentlich und zauberhaft, das konnte man in stillen Augenblicken hervorholen und mit Entzücken betrachten, in das konnte man sich vergucken und verlieben. Das holte ich hervor, und fetzte mich damit ans Fenster. Es mar, unter Glas und hübsch montiert, ein herrlicher exotischer Schmetterling, er trug den schönen Namen Urania und kam aus Madagaskar hergeflogen. Der schön gebaute Salier mit schlanken kräftigen Segler-Flügeln und reichem Zackenwerk am untern Flügel sah leicht schwebend auf einem Zweige, der oben grün und schwarz gestreifte Leib war unten rostrot behaart, goldgrün glänzte das Köpfchen. Grün und schwarz gemustert waren die Oberflügel, und zwar war es auf Schaufelte ein prächtiges, warm und goldig strahlendes Grün, auf der Rückseite aber ein ganz kühles, zartes silbern beflogenes Veronesergrün, fn dem dis kristallenen Flügelrippen edel schimmerten. Die unteren Flügel aber, die phantastisch gezackten, zeigten außer dem grün und schwarzen Muster ein großes strahlendes Feld von tiefem Gold, das im Licht bis ins Kupferrot, ja bis ins Scharlachene spielte, launig gezeichnet von tiefschwarzen Flecken, und zuunterst war der Flügel, wie das Kleid einer Dame, am Saume mit einem feinen, kurzen, aus Blond und Schwarz gemischten Pelzchen besetzt. Außerdem aber hatte dieser Unterflügel noch ein besonderes Spiel und Merkmal: es war durch ihn eine kurze träumerische Zickzacklinie gezogen, aus reinem Weiß, die löste den ganzen Flügel gewissermaßen auf, machte ihn zu einem losen Spiel aus Lust und Goldstaub und schien jene pfjan» tastifchen Zacken wie Strahlen kraftvoll von sich zu stoßen. Etwas Schöneres, etwas Prächtigeres, Geheimnisvolleres und Liebenswürdigeres als diesen Falter aus Madagaskar, als diesen luftigen afrikanischen Traum aus Grün, Schwarz und Gold hätte man auf den Weihnachtstischen der ganzen Stadt nicht finden können. Zu ihm zurückzukehren war eine Freude, sich in feinem Anblick zu versenken ein Fest. Eine lange Weile saß ich über den Fremdling aus Madagaskar gebückt und ließ mich von Ihm bezaubern. An vieles erinnerte er mich, an vieles mahnte er mich, von vielem erzählte er mir. Er war ein Gleichnis der Schönheit, ein Gleichnis des Glückes, ein Gleichnis der Kunst. Seine Form . war ein Sieg über den Tod, fein Farbenspiel ein Lächeln der Uebertegen» heit über die Vergänglichkeit. Er war ein einziges vielstrahlendes Lächeln, dieser tote präparierte Falter unterm Glase, ein Lächeln von vielen Arten, bald schien es mir kindhaft froh, bald uralt und weise, bald kriegerisch schmetternd, bald schmerzlich spöttisch — so lächelt die Schönheit immer, so lächeln alle Gestaltungen, in denen das Lebendige scheinbar zu einer Dauer geronnen, die Schönheit des ewig Fließenden scheinbar Form ge» woxden ist, sei es nun eine Blume ober ein Tier, ein ägyptischer Kauf ober die Totenmaske eines Genies. Es war überlegen und ewig, dies Lächeln, und war, wenn man sich darin verlor, plötzlich auch spukhaft, wild und irr, es war schön und grausam, sanft und gefährlich, voll höchster Vernunft und voll wildester Tollheit. Ueberall, wo bas Leben für einen Augenblick vollkommen gestaltet erfcheint, hat es diese gegensätzlichen Aspekte. Es gibt keine edle, klassische Musik, die nicht zu manchen Stunden wie Kinderlächeln und zu andern wie tiefste Todestrauer auf uns wirkte. So ist die Schönheit immer und überall: holde Sviegeloberfläche, unter welcher verborgen das Chaos lauert. So ist das Glück immer und überall: entzückter Augenblick, im höchsten Strahlen schon erbleichend, hirweweht vom Hauch des Sterbenmüssens. So ist die hohe Kunst, die hohe Weisheit der Auserwählten immer und überall: wissendes Lächeln über Abgründen. Ja sagen zum Leide, Spiel der Harmonie über dem ewigen Todeskampf der Gegensätze. ’Süfi blickte aus dem Goldglanz der verfließende Purpur, straff (nannte sich über die Flügelrippen das feste Grün und die schwarze Zeiwnung, spielend zielten die schlanken Farbenzacken ihre Lichtpfeile hinaus. Holder Gast du, entzückender Fremdling! Bist du eigens aus Madagaskar herübergeflogen, um mir einen Winterabend mit Farbenträumen zu erfüllen? Bist du eigens aus dem großen Farbkasten der ewigen Mutter davongelaufen, um mir das alte Weisheitslieb von ber Einheit ber Gegensätze zu fingen, um mich wieder zu lehren, was ich schon so oft wieder ver- gessen habe? Hat dich eigens eine geduldige Menschenhand so zart und sauber präpariert und über deinem kleinen Baumzweig feftgeteimt, um einen kranken Mann eine einsame Stunde lang mit deinen blitzenden Spielereien zu entzücken, mit deinen stillen, glühenden Träumen zu trösten? Hat man dich getötet und unter ein Glas gepreßt, damit dein verewigtes Leiden und Sterben uns tröstlich sei, so wie utfi das verewigte Leiden und Sterben der großen Dichter, der echten Künstler merkwürdigerweise lieb und tröstlich ist, statt uns mit seiner Verzweiflung die Seele auszuhöhlen? Ueber die schimmernden Goldslügel spielt blasser das abendliche Licht, langsam erlischt das rötliche Gold, und bald ist ber ganze Zauber, von ber Finsternis geschluckt, nicht mehr zu sehen. Aber er spielt bennoch das Spiel ber Ewigkeit fort, bas tapfere Sünftlerfpiel um bie Dauer bes Schönen — in meiner Seele spielt bas Lied fort, in meinen Gedanken zuck->n die Farbenstrahlen lebendig weiter. Nicht vergeblich ist der arme schöne Falter in Madagaskar gestorben, nickst vergeblich hat eine ängstliche Hand feine Flügel und Fühlhörner und Sammet-Pelzchen so sauber präpariert und s ^Sie nahm den Arm des jungen Mädchens und ging mit ihr fort. Walter kam nach einem Weilchen unter dem Auto hervor. Er kehrte in tiefem Nachdenken nach dem Gutshaufe zuruck. Spater mußte Johannes war unglücklich, daß es feine Reife nicht fortfetzen konnte. Man erwartete sie bei Freunden. Nun gab es keine Möglichkeit, dorthin zu gelangen. Das Reifeziel war selbst mit dem Auto erft m Stunden zu erreichen, und eine Bahnverbindung gab es nicht. Das erzählte das $ra,U©onn feiern Sie Weihnachten bei uns!", sagte Tante Grete kurz ^Das^Fräulein nahm nach längerem Hin und Her die Einladung an. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig. Im Laufe des Nachmittags hatten die jungen Leute Gelegenheit, unter vier Augen miteinander zu reden. Warum hast du mir nie gesagt, daß deine Tante Grete — Frau Nie anders. Merkwürdig, daß sie noch einen anderen Namen hat. So, also ihr kennt euch? Na, da hätten wir's einfacher haben können. Das Fräulein lachte: „Du warst ja von deiner Kriegslist begestterb Wir müssen diplomatisch vorgehen, hast du gesagt, wir müssen Tante Grete gute Idee von mir, die Panne aus der Landstraße das mußt du zugeben. Und was hat es mich für Muhe ge- kostet, Tante Grete zu dem Spaziergang nach der Muhle öu «berreben. Alles klappte wie am Schnürchen, und dann auf einmal — kennt ihr euch! Arn Abend unter dem brennenden Tannenbaum nahm Tante Grete den Neffen beiseite. „Wie gefällt sie dir?", fragte sie leise. Johannes hat sich wirklich Mühe gegeben", sa^te er verschmitzt. Was denn?", platzte Tante Grete heraus. „Nun, die Tanne sagte er unschuldig. . ''Wer redet denn von der Tanne? Ich meine das Mädchen. Walter blickte auf, warf dem Fräulein einen heimlichen Blick zu und taate bann- ,Du weißt ja alles am besten, Tante Grete. (Sie unterbrach ihn: „Weiß ich auch! Du hast keine Augen m Kopf! Du würdest glatt an deinem Glück vorbeilaufen. Es ist bloß gut, daß sie die Panne hatte. Solche Fügung des Himmels h°st du gar nicht verbienb Beinahe hätte Walter sich verplappert, aber die Magde begannen m diesem Augenblick zu singen, und so blieb es unwidersprochen, daß der Himmel selbst das Fräulein von der Landstraße zur rechten Stunde hereingeschneit hatte. Nach und nach stellte sich heraus, daß Tante Grete doch.über den Besuch ihres Neffen Walter recht erfreut war. Daß du hierher zu mir in die Einsamkeit kommst sagte sie an- ertennenb. Ihr letztes Mißtrauen war verschwunden. Sle hatten sich vielerlei zu erzählen. Zwischenhurch fragte sie: „Du dich doch nicht etwa an ein Mädchen gehängt? Das überlasse gefälligst mir, für dich auszusuchen. Außerdem hab' ich's deinen seligen Eltern ver- Ich werde nie ohne deine Zustimmung heiraten!", beteuerte Walter. ,'Das laß dir auch nicht einfallen", drohte sie und schob ihm den Eier- tO02tm nächsten Morgen — es war Heiliger Abend, und ein leiser Schnee fiel herab — sagte Walter: „Ich möchte eigentlich einmal wieder zur Mühle. Willst du nicht mitkommen, Tante? Es ist so ein hübscher Weg. „Wo denkst du hin? Ich habe alle Hände voll zu tun. . Aber endlich überredete er sie doch zu dem Spaziergang. Sie gingen einträchtig die Landstraße entlang. Kurz vor der Muhle stand em Auto auf der Straße, und eine junge Dame bückte sich hilfesuchend um „Da ist eine, die nicht weiter kann", lachte Tante Grete. „Schadet ihnen gar' nichts, überall flitzen sie heute herum." „ . Walter gab ihr recht. „Stimmt", sagte er. „Das kann der Person gar nichts schaden. Sie soll anfrieren." Xante Grete gab ihm einen Stoß. „So sind die Männer heutzutage. Dein Onkel hätte nicht gewagt, so von einem jungen Mädchen zu reden. Sie winkte übrigens. Sieh mal nach, was los ist. ™ .. ,Ich werde mir die Hände schmutzig machen! , murrte Walter. „So, dann gehe ich hin", trumpfte Tante Grete auf und ging auf das ^rä$ßalter war zurückgeblieben, hatte die Hände ineinander verschränkt, und es sah beinahe aus, als betete er. Plötzlich ertönte Tante Gretes befehlende Stimme: "Komm her! . Er wandte sich um, sah, daß Tante Grete die Hand des jungen Mabchens hielt, riß die Augen auf, glaubte nicht recht zu sehen und pfiff dann einmal kurz und vergnügt. Dann ging er langsam, als täte ihm jeher Schritt leib, 3U b,EndUch!"° fagte’länte Grete. „Das ist hier mein Neffe Walter, ein Tunichtgut. Sieh mal nach, was mit dem Wagen ist. Das Fräulein stand ganz erstarrt da. Walter warf ihr einen verstohlenen Blick hinter dem Rücken der Tante zu. Er wagte auch,verständnislos> mit ben Schultern zu zucken. Er faßte sich fluchtig an den Kopf. Auch er schien nichts zu begreifen. Dann legte er sich gehorsam unter bas Auto Xante Grete war auf einmal ganz aufgeräumt. „Nein, Kmbchen, daß wir uns hier auf der Landstraße wiedertreffen muffen! So also Ihrer Mutter geht es gut? Ja, Moorbaden tft das einzig Richtige. geht es auch bedeutend beffer. Ich will nächstes Jahr mieder nach Po z>n. Hoffentlich sehe ich Ihre Frau Mutter bann roieber. Ader Sie muffen mit- kommen, Kindchen! Sie müssen sich wieher um uns ® ™ ! Sie es vor zwei Jahren getan haben. Kommen Sie, Kmbchen. Er wirb schon für ben Wagen sorgen. Wack wollen wir hier m ber Kalte habet3 Der Wagen fuhr ächzenb unb stöhnend aus ben Hof. Wahrend Johannes umständlich herunterkletterte, kam Xante Grete auf bas ®e- fäbrt zu Sie faßte ben Neffen einen Augenblick ms Auge, sagte. Nanu?" unb begutachtete bann zunächst die Tanne. Es war ein großer wunderschön gewachsener Baum, und wenn auch Johannes wußte,' daß man so leicht kaum einen besseren finden wurde glaubte er doch, sich von Anfang an rechtfertigen zu müssen. Er sagte. „Die Tannen taugen in diesem Jahre nichts. Alles krumm undch'ef keine Krone. Die hier war die einzige, die anging. Ich hab gleich gesagt, damit dar! ick aar nicht nach Hause kommen." , , _, .... „ Xante Grete unterbrach ihn schroff. „Red' nicht so viel. Schafft sie Sie ^roar merkwürdigerweise gnädiger, als Johannes es o er mut et hatte. Er beeilte sich, Anton zu holen, der ihm beim Abladen behilflich sein sollte. Im Fortgehen blinzelte er dem jungen Herrn noch zu, uno als er ein paar Schritte hin war, spuckte er dreimal über den Daumen. Inzwischen war auch ber Neffe vom Wagen geklettert. „Du hattest vorher schreiben können", sagte Xante Grete. S8S‘i.W.n» «. M> wohl was auf bem Kerbholz? ’ Er lachte lautu-Mcht bie Bohne!" , , m . „Ich bachte sckM, baß bein Wechsel ...", meinte Tante Grete noch lmt$r tat^beleibigt. „Bitte sehr", sagte er, holte die Brieftasche hervor und zupfte ein paar Scheine heraus. . Merkwürdig", erwiderte Tante Grete. Dann hakte sie ihn resolu. unter und sagte: „Also erst einmal was Warmes! Närrische Idee, au dem Leiterwagen anzukommen." „ -. Ja ich habe Johannes zufällig getroffen. Sonst wäre ich zu Fuß gelaufen. Wir sind ja jung unb tüchtig." unvergänglich gemacht. Lange noch wnck ber kleine elnbalsamierte Pharao mir aus seinem Sonnenreich erzählen, unb wenn er langst zerfallen s unb auch ich längst zerfallen bin, bann wirb irgendwo in einer Seele noch etwa-- von seinem seligen Spiele und wei en Lächeln blühen, und wird sich Ster »ererben f» wie bas Golb bes Tutanchamon noch heute glanzt, und das Blut des Heilandes noch heute fließt. 3n der Mettennacht. Bon Ruth Schaumann. Als kleines Kind In der Weide Wind Sah ich still, vom Spiel die Hande leer. Glocken schlugen drei — Und du gingst vorbei Unb bas Kreuz auf beinern Arm war schwer. In ber Mettennacht Hab ich selbst gebracht Meine sieben Söhne zum Altar. Unb ich sah bich neu, Ms ew Kinb in Spreu Mit bem Blick, wie ber bes Pilgers war. In ber Frühe Licht Schmiegt ein Lamm sich bucht An mein Knien, unb glänzt die Sonne bleich: Wer mich klein gesehn. Wirb mich groß verstehn . Wer mich weh geschaut, ber weiß mem Reichl Das Fräulein von der Landstraße. Eine Weihnachtsgeschichte von Robert Seitz. In dem alten Gutshause herrschte eine fieberhafte Tätigt eit. Es mürbe gebacken unb gebraten. UeberaU roch es nach Pfeffernüssen , Honigkuchen. Der alte Anton mußte wieder dw große Weihnachtstast berrickten und hantierte seit Tagen an den wackligen Gestellen herum, die im Lause der Jahre morsch zu werden( begannen Aber ohne diese lanae Xafel die auf hölzernen Bocken ruhte, und auf ber jeoer, v der0 Gutsherrin bis zur jüngsten Stallmagd, unter der hohen Tanne seine Geschenke finden würde', war das Christfest undenkbar Johannes, der Kutcker war unterwegs, um die Tanne zu holen, und »alle im Haufe wußten schon wie er von dieser Fahrt durch ine winterliche Kälte zuriickkehren würde, torkelnd und zu Spaßen aufgelegt und den «M d.-m froren im festgemummelten Mantel, doch nut verlangenden Augen, saß 3*nn„ ««b V* b<« ' k.Ja äe gu7e Tante Grete", lachte der andere S.e hat gar- kerne Abnuna Wie ist denn ihre Laune in der letzten Zeit gewesen? Der Kutscher kratzte sich am Ohr und spuckte bedächtig über den «>.••. fpn ser mferbe. Der junge Herr nickte verständnisvoll und wurde dann recht einsilbig. Er schien ernsthaft nachzudenken. Schließlich feufate er schnipste mit den Fingern, Hopfte dreimal gegen das tjoljerne Sitz- brett unb murmelte: ,Hexenfett!". Es sollte wohl eme Vorsichtsmaßnahme jein, um bas Unheil abzuwenben. m Da steht fie"„ erwiderte Johannes und zeigte mit ber Peitsche nach -----verantwortlich: Dr Hans Thyriot. - Druck und »erlag: Brühlsche Universitätsdruckerei «.Lange, Gießen.