Jahrgang (957 Montag, den 27. September Nummer 75 mnöei «gerne Bruder, Charles ist ein junger Mann von Rechtschafsenheit und Mut; rüste ihn mit einer kleinen Warenladung aus, so wird er lieber sterben, als Dir nicht zurückzugeben, was Du ihm zum Anfängen geliehen hast. Denn Du mußt sie ihm leihen, Grandet, wenn Du Dir nicht Gewissensbisse schaffen willst. Ach, wenn mein Kind keine Hilfe und Liebe bei Dir sände, so würde ich ewig Gott um Rache für Deine Härte anrufen. Wenn ich einige Werte hätte retten können, würde ich wohl das Recht haben, ihm ejne Summe für das Vermögen seiner Mutter wiederzugeben; aber meine Zahlungen am Monatsende haben alle meine Hilfsquellen erschöpft. Ich wäre lieber nicht in der Ungewißheit über das Schicksal meines Kindes gestorben, es wäre mir lieber gewesen, heilige Gelübde in Deinem warmen Händedruck zu spüren, der mich wieder erwärmt hätte, aber es gebricht mir an Zeit. Während Charles unterwegs ist, muß ich meine Bilanz ziehen. Ich versuche, durch den guten Glauben, der mich bei meinen Geschäften leitete, zu beweisen, daß bei meinem Unstern kein Verschulden und keine Unredlichkeit ist. Heißt das nicht, sich mit Charles beschäftigen? Leb wohl, lieber Bruder. Möge Dir der volle Segen Gottes zuteil werden für die Vormundschaft, hie ich Dir anvertraue, und die Du, daran zweifle ich nicht, hochherzig annehmen wirst. Es wird ohne Unterlaß eine Stimme für Dich beten in der Welt, in die wir alle eines Tages eingehen müssen, und in der ich schon bin. Victor-Ange-Guillaume Grandet." „Unterhalten Sie sich gut?" sagte der alte Grandet; er kniffte den Brief genau in die früheren Falten und steckte ihn in die Tasche seiner Weste. Er sah seinen Neffen mit einer unterwürfigen und furchtsamen Miene an, hinter der er seine Aufregung und seine Berechnungen verbarg. „Hast du dich gewärmt?" „Sehr gut, mein lieber Onkel." „Nanu, wo sind denn unsere Frauen?" sagte der Onkel, der schon vergessen hatte, daß sein Neffe bei ihm übernachtete. In diesem Augenblick kamen Eugenie und Fran Grandet wieder herein. „Ist alles in Ordnung oben?" fragte der Alte und hatte seine Ruhe wiedergesunden. „Ja, lieber Vater." „Na also, Neffe, wenn du müde bist, wird dich Nanon in dein Zimmer führen. Weiß Gott, das ist kein Zimmer für ein feines Herrchen, aber du wirst uns arme Winzer entschuldigen, die wir nie einen Pfennig haben. Die Steuern fressen uns alles auf." „Wir wollen keine Störenfriede sein, Grandet", sagte der Bankier. „Sie werden vielleicht mit Ihrem Neffen plaudern wollen, wünsche einen angenehmen Abend! Bis morgen." Bei diesen Worten erhob sich die Gesellschaft, jeder verabschiedete sich auf seine Art. Der alte Notar ging vom Eingang seine Laterne holen, zündete sie an und erbot sich, die Grassins nach Hause zu bringen. Frau des Grassins hatte ja den Zwischenfall, der den Abend zu früh beendete, nicht vorhersehen können, und ihr Diener war daher noch nicht da. „Erweisen Sie mir die Ehre, meinen Arm zu nehmen?" sagte der Abbe Cruchot zu Frau des Grassins. „Danke, Herr Abbe, ich habe meinen Sohn", antwortete sie trocken. „Aber die Damen kompromittieren sich nicht mit mir", sagte der Abbe. „Gib doch Herrn Cruchot den Arm", sagte ihr Mann zu ihr. Der Abbe führte die hübsche Frau geschickt so, daß er sich mit ihr ein paar Schritte vor der Karawane befand. „Sehr nett ist dieser junge Mann, gnädige Frau", sagte er zu ihr und drückte ihren Arm. „Nnn heißt es, Fräulein Grandet Valet sagen. Eugenie gehört dem Pariser. Falls nicht dieser Vetter in eine Pariserin vernarrt ist, findet Ihr Adolph in ihm einen Widersacher von größter ..." „Lassen Sie nur, Herr Abbe. Dieser junge Mann wird schnell genug bemerken, daß Eugenie eine Gans ist, ein Mädel ohne jede Frische. Haben Sie sie angesehen? Sie war heute abend quittegelb." „Sie haben vielleicht schon den Vetter daraus aufmerksam gemacht?" „Ich habe mich nicht geniert." „Halten Sie sich nur immer neben Eugenie, gnädige Frau, und Sie brauchen diesem jungen Mann gar nicht viel gegen seine Cousine zu lagen, et wird von selbst einen Vergleich anstellen, der —" „Er hat mir bereits versprochen, übermorgen zum Essen zu mir zu kommen." „Ah, wenn Sie nur wollten, gnädige Frau . . ." sagte der Abbe. „Und was wollen Sie, daß ich will, Herr Abbe? Denken Sie, mir auf diese Weise schlechte Ratschläge zu geben? Ich bin nicht neununddreißig Jahre alt geworden mit einem Gott sei Dank tadellosen Ruf, um ihn zu kompromittieren, selbst wenn es sich um das Reich des Großmoguls handeln würde. Wir stehen beide in dem Alter, Sie und ich, in dem man weiß, was Worte sagen wollen. Für einen Geistlichen haben Sie wahrhaftig recht unpassende Ansichten. Pfui, das ist ja eines Faublas würdig." „Sie haben also Faublas gelesen?" „Nein, Herr Abbe, ich wollte sagen ,die Liaisons dangereuses’." »Ah, dies Buch ist allerdings unendlich moralischer", sagte lächelnd der Ul,b ein»t ü? indes,-! l'lfong tot- »'Er N ^bhabnii h 1855 J betau: *te M N * )lc unM 'nuch baoo-i ! batte, J ? ”Q5 '$e F°ch offenen y werten. & 1 ni u 5 (dl; ‘Her SBojd. venvöhch Säften# rzählte,«, ! Stone in ren für h en, Lech, die @011, )e, die e iroefen wit )es jjeiligt; tunbe fern 'a& er in n Bogchij der Schiet preutzW iene Lecht lit, baff in n Santste rte. Setiii (ebenbijii angenehm läus Bet- gsanftolt I Sriefen flii n fflero, k t» a bis F -n bie 316 m jur M )pfer fitltt Seite |tim ■ Achezq : biefer $ les Meist: um n in g bet W i. 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Ich sollte hineinstürzen. Der Bankrott meines Wechselmaklers zugleich mit dem von meinem Notar Roguin hat meine letzten Hilfsquellen versiegen lassen, und mir bleibt nichts. Ich habe das Unglück, fast vier Millionen fchuldig zu sein und dagegen nicht mehr als fünfundzwanzig Prozent Aktiva bieten zu können. Die Weine in meinen Lagerhäusern spüren in diesem Augenblick die verhängnisvolle Baisse, die durch den Ueberflnß und die Qualität Deiner Ernten verursacht wird. In drei Tagen wird Paris sagen: ,Herr Grandet war ein Schuft.' Ich bette mich, der ich rechtschaffen bin, in ein Leichentuch von Schande. Ich raube meinem Sohn sowohl seinen Namen, den ich beflecke, wie das Vermögen seiner Mutter. Er weiß nichts davon, das unglückliche Kind, das ich abgöttisch liebe. Wir haben uns zärtlich Lebewohl gesagt. Er ahnte zum Glück nicht, daß die letzten Flutungen meines Lebens sich in diesen Abschied ergossen. Wird er mich nicht eines Tages verwünschen? Bruder, Bruder, der Fluch unserer Kinder ist entsetzlich. Sie können gegen den unsern Vorstellungen erheben, aber der ihre ist unwiderruflich. Grandet, Du bist mein älterer Bruder, Du bist mir Deinen Schuh fchuldig: sorge dafür, daß Charles mir kein bittres Wort in mein Grab nachschickt. Lieber Bruder, wenn ich Dir mit Blut und Tränen schreiben würde, wären es nicht so große Schmerzen, wie ich sie bei diesem Brief erdulde: denn ich würde weinen, ich würde bluten, ich würde sterben und nicht mehr leiden; aber ich leide und sehe den Tod trockenen Auges an. Du mußt also jetzt Charles' Vater sein. Er hat keine Verwandten mütterlicherseits, Du weißt warum. Warum bin ich nicht den sozialen Vorurteilen gefolgt? Warum igab ich der Liebe nach? Warum habe ich die natürliche Tochter eines Aristo- Iraten geheiratet? Nun hat Charles keine Familie. Ach, mein Sohn, mein unglücklicher Sohn. Höre, Grandet, ich komme nicht, um Dich um meinet« willen anzuflehen. Zudem würde Dein Reichtum vielleicht nicht groß genug jein, um eine Hypothek von drei Millionen zu vertragen; aber um meines Sohnes willen. Merke dies wohl, lieber Bruder, meine flehenden Hände falten sich in Gedanken an Dich. Grandet, sterbend vertraue ich Dir Charles cm. Und jetzt blicke ich ohne Gram auf meine Pistolen in dem Gedanken, daß Du ihm Vater sein wirst. Mein Charles, er liebt mich sehr: ich war so gut zu ihm, ich war ihm nie im Weg; er wird mich nicht versluchen. Im übrigen, Du wirst ja sehen; er ist sanft, er ähnelt seiner Mutter, er wird Dir nie Kummer machen. Das arme Kind; er ist an das Schwelgen im Luxus gewöhnt, er hat keine einzige Entbehrung kennengelernt, wie sie uns beiden unsere anfängliche Armut aufgezwungen hat. Und nun: ruiniert vazustehen und allein! Denn sicher, alle seine Freunde werden ihm ausweichen, und ich bin es, ich bin die Ursache feiner Demütigungen. Ach, ich wünschte, ich hätte einen Arm, stark genug, ihn mit einem Muck in den Dimmet zu entführen, an die Seite seiner Mutter. Törichte Rede. ^zch lehre zu meinem Unglück zurück, zu dem von Charles. Ich schicke ihn Dir •Ifo, damit Du ihn in angemessener Weise sowohl von meinem ^.od unterrichtest wie von seinem Los in der Zukunft. Sei sein Vater, aber sei ein tutet Vater. Entreiße ihn nicht auf einmal seinem bequemen Leben, Du bürdest ihn töten. Ich bitte ihn kniefällig, aus die Schuldforderung zu ver- «iichten, die er als Erbe seiner Mutter gegen mich anstrengen könnte. Aber las ist eine überflüssige Bitte. Er hat Ehrgefühl; er wird selbst fühlen, daß •j sich nicht mit seinen Gläubigern verbinden darf. Laß ihn auf meine Erbschaft zu gegebener Zeit verzichten. Mache ihn mit den harten Lebens» [ebingungen bekannt, die ich ihm schaffe; und wenn er mir seine Liebe i^wahrt, dann sage ihm in meinem Namen, daß für ihn noch nicht alles ''«loten ist. Denn die Arbeit, die uns beiden geholfen hat, kann 'hm das Setmögen wiedergeben, das ich ihm nehme; wenn er auf das Wort seines Aaters hören will, der seinetwegen gern für einen Augenblick aus dem cirab steigen möchte, so soll er fortreisen, soll er nach Indien gehen. Lieber Siebener ^amilienblättcr Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger glauben zu können. (Fortsetzung folgt.) Abbä. „Aber Sie machen mich so schlecht, wie es ein Junger Mann von heute ist. Während ich ganz einfach sagen wollte, Sie . . ." . „Wagen Sie es, mir zu sagen, daß Sie nicht daran dachten, mir schlimme Dinge anzuraten! Ist das nicht ganz klar? Wenn dieser junge Mann, der sehr nett ist, das gebe ich zu, mir den Hof macht, wird er mcht »n|« Cousine denken. In Paris, weiß ich wohl, opfern fich manche guten Mutter auf diese Weise für das Glück und das Vermögen ihrer Kmder; aber wir sind hier in der Provinz, Herr Abbe." Unb"°, ^s'uhr sie^ fort, „ich möchte nicht, und Adolph selbst würde es nicht wollen, hundert Millionen um diesen Preis erwerben." Gnädige Frau, ich habe durchaus nicht von hundert Millionen gesprochen. Die Versuchung würde vielleicht, bei beiden von uns, über unsere Kräfte gehen. Nichts anderes, als daß ich glaube, daß eine ehrbare Frau sich im besten Sinne, in allen Ehren, kleine Koketterien ohne Folgen erlauben darf, die einen Teil ihrer gesellschaftlichen Pflichten ausmachen, und die ... „Das glauben Sie?" „Sind wir nicht verpflichtet, gnädige Frau, zu versuchen, uns einander angenehm zu machen? . . . Erlauben Sie, daß ich mich schneuze. versichere Sie, gnädige Frau", fuhr er fort, daß er Sie mit etwas fchmeichel- hasterem Ausdruck durch sein Lorgnon beguckte, als der war, mit dem er mich ansah, aber ich nehme es ihm nicht übel, daß er mehr als dem Alter der Schönheit Ehre erwies ..." . Das ist klar", sagte der Präsident mit ferner lauten Stimme, „daß Herr Grandet von Paris seinen Sohn in ausgesprochensten Heiratsabsichten nach Saumur schickt..." m „Aber dann wäre bet Vetter nicht tote eme Bombe heremgeplatzt, entgegnete der Notar. . „Das beweist nichts", bemerkte Herr des Grasfms, „der Alte ist em Geheimniskrämer." , „Grassins, mein Lieber, ich habe den jungen Mann für übermorgen zum Essen eingeladen. Du mußt Herrn und Frau von Larsonmere dazu bitten, und die Hautoys, mit dem hübschen Fräulein von Hautoy selbstverständlich; wenn sie sich nur an diesem Tag hübsch anzieht. Aus Eifersucht kleidet ihre Mutter sie so abscheulich! — Ich hoffe, meine Herren, Sie machen uns das Vergnügen, zu kommen?" fügte sie hinzu und blieb nut ihrem Begleiter stehen, um fich zu den beiden Cruchots umzuwenden. „Da wären Sie zu Haufe, gnädige Frau", sagte der Notar. Nachdem sie die drei Grassins gegrüßt hatten, gingen die drei Cruchots heim; unterwegs nutzten sie die Begabung zur Analyse, die Kleinstädtern eigentümlich ist, um unter allen Gesichtspunkten das große Ereignis des heutigen Abends zu untersuchen, das die gegenseitige Stellung der Crucho- tisten und der Grassinisten veränderte. Der bewundernswerte gesunde Menschenverstand, der die Handlungen dieser schlau berechnenden Leute bestimmte, ließ beide Parteien einsehen, daß augenblicklich ein Bündnis gegen den gemeinsamen Feind nottat. Mußten sie nicht wechselweise Eugeme hindern, ihren Vetter zu lieben, und Charles, an seine Cousine zu denken? Würde der Pariser den falschen Einflüsterungen widerstehen können, den verzuckerten Bosheiten, den mit Lobfprüchen verbrämten Lästerungen, den offenen Verleumdungen, die fich beständig um ihn drehen würden, um ihn zu täuschen? , , , _ Als die vier Verwandten im Saal allem waren, sagte Herr Grandet zu seinem Messen: „Gehen wir schlafen. Es ist zu spät, um über die Sachen zu reden, die dich hersühren; morgen finden wir hierfür einen geeigneten Augenblick. Wir frühstücken hier um acht Uhr. Um zwölf elfen wir etwas Obst, einen Biffen Brot ans der Hand und trinken ein Glas Weißwein, dann offen wir wie die Parifer um fünf Uhr Mittag. Das ist die Tageseinteilung. Wenn du dir die Stadt und Umgebung anfehen willst, bist du frei wie ein Vogel. Du mußt mich entfchuldigen, wenn meine Geschäfte mir nicht immer erlauben, dich zu begleiten. Du wirst vielleicht hören, daß all die Leute hier zu dir fagen, ich fei reich: ,Herr Grandet hier, Herr Grandet da/ Ich laffe sie reden, ihr Geschwätz schadet ja nicht meinem Kredit. Aber ich habe keinen Pfennig und arbeite in meinem Alter wie ein junger Geselle, der als einziges Gut ein gewöhnliches Schnitzmesser besitzt und zwei gesunde Arme. Du wirst bald an dir selbst merken, was ein Taler kostet, wenn man für ihn schwitzen muß. Mach', Nanon, die Kerzen!" „Ich hoffe, lieber Neffe, daß Sie alles finden werden, was Sie brauchen", sagte Frau Grandet, „aber wenn Ihnen etwas fehlen sollte, können Sie Nanon rufen." , „Liebe Tante, das wird schwerlich nötig sein; denn ich glaube, ich habe all meine Sachen mitgebracht. Dars ich Ihnen eine Gute Nacht wünschen und auch Ihnen, kleine Cousine?" Charles nahm aus Nanons Händen eine angezündete Wachskerze, eine Wachskerze aus Anjou, von sehr gelblichem Ton, die beim Krämer alt geworden war und dem Talglicht so ähnlich sah, daß Herr Grandet, der unmöglich ihre Existenz im Hause vermuten konnte, diese Großartigkeit nicht merkte. „Ich will dir den Weg zeigen", sagte der Alte. Statt zu der Tür des Saales herauszugehen, die zu dem gewölbten Hauseingang führte, schritt Grandet feierlich durch den Gang, der den Saal von der Küche trennte. Eine Klapptür, mit einem großen ovalen Glaseinfatz schloß den Gang nach der Treppe zu ab, um die Kälte, die von dort herein- strömte, zu mindern. Aber im Winter blies der Nordwind doch sehr rauh von dorther, und trotz den Auspolsterungen an den Türen des Saales hielt sich die Wärme da kaum auf einem erträglichen Grad. Nanon ging, das Tor zu verriegeln, fchloß den Saal ab und machte im Stall einen Wolfshund los, besten Stimme gebrochen klang, tote wenn er die Bräune hätte. Das Tier von außerordentlicher Wildheit kannte nur Nanon. Diefe beiden ländlichen Geschöpfe verstanden sich. Ms Charles die gelblichen und verräucherten Wände des engen Hauses sah, in dem die Treppe mit dem wurm- stichigen Geländer unter dem gewichtigen Schritt seines Onkels zitterte, ging's mit seiner Ernüchterung rinforzando. Er kam sich wie auf einer Hühnerleiter vor. Seine Tante und Cousine, zu denen er fich umtoatibte, um ihre Mienen zu befragen, waren fo sehr an diefe Treppe gewöhnt, daß sie den Grund seines Erstaunens nicht errieten, sondern für einen Ausdruck der Freundschaft hielten, auf den sie mit einem liebenswürdigen Lächeln antworteten, das Charles außer sich brachte. „Warum, zum Teufel, schickt mein Vater mich hierher?" fragte er sich. Auf dem ersten Treppenabsatz angelangt, sah er drei Türen, m etrusti» chem Rot gestrichen, die sich glatt ohne Rahmen der grauen Wand em« ügten; sie waren mit hervorstechenden eisernen Beschlagen versehen, die lammenartig ausliefen, ebenso wie jedes Ende des langen Schlüssellochs des Schlosses. Die Türe, die sich gegenüber der Treppe befand und in das über der Küche liegende Zimmer führte, war augenscheinlich zugemauert. Man gelangte dorthin tatsächlich nur durch das Zimmer von Grandet, dem jener Raum als Arbeitskabinett diente. Das einzige Fenster, durch das er Licht bekam, war nach dem Hof zu durch riesige Gltterstangen aus Eisen versichert. Niemand, selbst Frau Grandet nicht, durste da hlnemgehen, der Alte wollte dort allein bleiben, wie ein Alchimist bei feinem Schmelz- ofen. Dort war ohne Zweifel ein Versteck sehr geschickt eingebaut, dort wurden die Besitzurkunden ausgespeichert, dort hingen die Waagen, um die Goldstücke zu wägen, dort entstanden nächtlicherweile und im geheimen die Quittungen, die Empfangsscheine, die Berechnungen; dergestalt, daß die Geschäftsleute, die Grandet für alles gerüstet sahen, sich einbtlben konnten, er habe eine Fee ober einen Dämon zu seiner Verfügung. Kem Zweifel, daß dorthin, wenn Nanon schnarchte, daß die Balken sich bogen, wenn der Wolfshund im Hof wachte und bellte, wenn Frau und Fraulem Grandet fest eingefchlafen waren, daß dorthin der alte Küfer kam, um sein Gold zu hegen und zu pflegen, mit seinen Blicken daran zu Hängen, es durcheinander zu mengen, es zu umfassen. Die Wände waren dick, tue Laden verschwiegen. Er allein hatte den Schlüssel zu diesem Laboratorium, wo er, wie man sagte, die Pläne studierte, aus denen seine Obstbäume verzeichnet waren, und wo er seine Erträge verrechnete, auf einen Ableger, auf em Reisigbündel genau. Der Eingang zu Eugeniens Zimmer befand sich dieser vermauerten Tür gegenüber. Dann, am Ende des Treppenabsatzes, kamen die Zimmer der Ehegatten, die die ganze Front des Hauses emnahmen. Frau Grandets Zimmer stieß an das von Eugenie, in das man durch eme Glastür eintrat. Das Zimmer des Hausherrn wurde von dem feiner Frau durch eine dünne Wand getrennt und von dem geheimnisvollen Kabinett durch eine dicke Mauer. Vater Grandet hatte feinen Neffen m der zweiten Etage einquartiert, hoch in der Mansarde, die über feinem Zimmer lag, damit er ihn hören konnte, wenn es ihm einfiel, auszugehen und zu kommen. Als Eugenie und ihre Mutter in der Mitte des Treppenabsatzes waren, gaben sie sich den Gutenachtkuß; bann nach ein paar Abschrebsworten zu Charles, bie auf ben Lippen frostig, aber sicherlich voll Wärme im Herzen bes jungen Mäbchens waren, zogen sie sich in ihre Zimmer zurück. „Hier wohnst bu, lieber Neffe", sagte Vater Grandet zu Charles unb öffnete ihm die Tür. „Wenn du rausgehen mußt, mußt du Nanon rufen. Sonst Gnade dir Gott! Der Hund würde dich verspeisen, ohne dich um Erlaubnis zu bitten. Schlaf wohl. Gute NachtI Ah! sieh an! die Damen haben Feuer für dich gemacht", bemerkte er. , In diesem Augenblick erschien bie lange Nanon, mit einer Warme- Pfanne bewaffnet. „Unb ba kommt sogar noch eins!" sagte Granbet. „Hältst bu meinen Neffen für eine Frau in ben Wochen? Willst du wohl deine Kohlenglut wegschaffen, Nanon." .. , „ , „Aber, Herr, die Bettücher find feucht, unb dieser Herr ist wirklich zierlich wie eine Dame." , . „Also los, mach' zu, weil du es dir in den Kopf gefetzt hast", sagte Grandet und fchob sie bei den Schultern vorwärts, „aber sei vorsichtig mit dem Dann flieg bet Geizhals hinab unb murmelte unvetstänbliche Worte *n ^Charles'stanb verdutzt inmitten feiner Koffer. Seine Augen glitten über bie Wänbe eines Manfardenzimmers, bas mit fo einer gelben Blumen- straußtapete tapeziert war, wie man fie in ben Kneipen hat, über einen Kamm aus Kalkstein mit Riefen, bei dessen bloßem Anblick man fror, über gelbe Holzstühle mit lackiertem Rohriitz, die mehr als vier Kanten zu haben schienen, über ein Ungetüm von offenem Nachttisch, in dem ein kleiner Tembourmajor hätte Platz finden können, über den dürftigen Teppichstreifen am untern Ende des Himmelbetts, beffen völlig mottenzerfressene Tuchseiten zitterten, wie wenn sie herabfallen wollten; bann blickte er die lange Nanon ernsthaft an unb fagte zu ihr: „Jst's möglich, mein gutes Kinb, bin ich wirklich bei Herrn Grandet, dem früheren Bürgermeister von Saumur, dem Bruder von Herrn Grandet aus Paris?" „Ei gewiß, Herr, bei einem sehr netten, sehr guten, vortrefflichen Herrn. Soll ich Ihnen beim Auspacken Ihrer Koffer helfen?" „Wahrhaftig, das wär' mir lieb, mein alter Krieger. Haben Sie etwa bei der Gardemarine gedient?" , , „Ei, ei, ei, ei", fagte Nanon. „Was ist denn das, die Mar,merten der Garde? Ist das salzig? Geht das aufs Wasser?" „Wart', nimm meinen Schlafrock heraus, in btefem Koffer da. Hier i|t der Schlüffe!" , . . Nanon wurde von Verwunderung überwältigt beim Anblick eines Schlafrocks aus grüner Seide mit goldenen Blumen und antiken Mustern. „Das wollen Sie anziehen, um schlafen zu gehen?" sagte sie. "Heilige Jungfrau I Die schöne Altardecke, die das für die Pfarrkirche geben würde. Aber, mein liebes junges Herrchen, geben Sie das docy der Kirche, Sie werden Ihre Seele retten, die das hier ins Verderben bringen wird. Oh, wie find Sie doch hübfch so! Ich will unser Fräulem rufen, damit fie Sie ansieht." ., - , „Halt, Nanon, wollen Sie still sein! Lassen Sie mich schlafen gehen, ich will meine Sachen morgen auspacken, und wenn mein Schlafrock Ztzuen fo gefällt, so sollen Sie Ihre Seele retten. Ich bin ein zu guter Christ, um ihn Ihnen vorzuenthalten, wenn ich weggehe, und Sie können barmt at^ fangen, was Sie wollen." , . . — Nanon stand wie angewurzelt und sah Charles an, ohne fernen -worteu Prinz Eugen. Volksweise. Prinz Eugenius, der edle Ritter, Wollt dem Kaiser wiederum kriegen Stadt und Festung Belgarad. Er ließ schlagen einen Brucken, Daß man kunnt hinüberrucken Mit der Armee wohl vor die Stadt. Als der Brucken nun war geschlagen, Daß man kunnt mit Stück und Wagen Frei passiern den Donaufluß: Beim Semlin schlug man das Lager, Alle Türken zu verjagen, Ihn zum Spott und zum Verdruß. Am einundzwanzigsten August soeben Kam ein Spion bei Sturm und Regen, Schwur's dem Prinzen und zeigt's ihm an. Daß die Türken futragieren, Soviel als man kunnt verspüren, An die dreimalhunderttausend Mann. Als Prinz Eugenius dies vernommen, Ließ er gleich zusammenkommen Sein General und Feldmarschall. Er töt sie recht instruieren. Wie man sollt' die Truppen führen Und den Feind recht greifen an. Bei der Parole tat er befehlen, Daß man sollt die zwölfe zählen Bei der Uhr um Mitternacht. Da sollt all's zu Pferd aufsitzen, Mit dem Feinde zu scharmützen. Was zum Streit nur hätte Kraft. Alles faß auch gleich zu Pferde, Jeder griff nach feinem Schwerte, Ganz still rückt man aus der Schanz. Die Musketier wie auch die Reiter Täten alle tapfer streiten; Es war fürwahr ein schöner Tanz. Ihr Konstabler auf der Schanzen Spielet auf zu diesem Tanzen Mit Kartaunen groß und klein, Mit den großen, mit den kleinen Auf die Türken, auf die Heiden, Daß sie lausen all davon. Prinz Eugenius wohl auf der Rechten Tät als wie ein Löwe fechten. Als General und Feldmarschall. Prinz Ludwig ritt auf und nieder: „Halt euch brav, ihr deutschen Brüder, Greift den Feind nur herzhaft an!" Prinz Ludwig, der mußt aufgeben Seinen Geist und junges Leben, Ward getroffen von dem Blei. Prinz Eugenius ward sehr betrübet. Weil er ihn so sehr geliebet, Ließ ihn bringen nach Peterwardein. 3Riff ins Morgenrot. Don Wachtmeister Peter. Benedikt Peter (geb. 1785), Oberwachtmeister bei den württembergifchen Königsjägern, hat als Untertan des Königs Friedrich von Württemberg die großen Napoleonischen Feldzüge mitaemacht, bis in der Schlacht bei Leipzig die wurttem- bergifche Brigade geschloffen zu den Verbündeten überging. Aus feinen erst vor zwei Jahren entdeckten und nun von dem bekannten Kriegsdichter Wilhelm K o h l h a a s herausgegebe- nen interessanten Erinnerungen, die unter dem Tttel „Ritt ins Morgenrot" bei I. Engelhorns N«chf„ Stuttgart, erschienen sind und acht zeitgenössische Kriegsbilder des Ar- lilleriemajors C. W. v. FaberduFaur enchalien, bringen wir einige Leseproben. Moskau in Flammen. Am 10. September marschierten wir früh ab und kamen ami 11. lieber als Avantgarde zu unserem Dheaterkönig. Unter stetem Gefecht nit den russischen Horden kamen wir am 14. vor Moskau an. Als wir w>er die schöne Hochebene vorrückten und diese Stadt in SW betonten, nes unser General Walmapel: „Soldaten, wir sind am Eckstein zweier Weltteile, von Asien und Europa, angekommen". _ Dieser Jubel beim Anblick der Zarenstadt mit ihren Kirchen und Mpellen, einer Menge vergoldeter Kuppeln und dem großartigen Kremt, ton vielen Palästen und KlösternI Alles schrie: »Moskau, Moskau L'r glaubten, hier alles im Ueberfluß und dazu Ruhe A finden, wie urs verheißen war; aber wie bald fanden wir uns getauscht, und unter >-iiden fing nun erst recht anl . . s. OAt Unsere Brigade zog einen Kordon, um keine Marodeure in dte Stadt zu lasten, da man glaubte, sämtliche Bedürfniste requirieren zu können; auch wurden alle Maßregeln getroffen, um die Stadt so schonend wie möglich zu behandeln. Napoleon hielt lange aus der Anhöhe, in der Hoffnung, es werde eine Deputation erscheinen, um ihm die Schlüssel von Moskau zu überreichen, aber niemand erschien. Endlich ritt er mit seinem Generalstab ein. Napoleon war für seine Person so prunklos, daß er einem ganz untergeordneten Offizier gleichsah. Auch sein Pferd war nichts weniger als schön, da es eine Abfarbe hatte; es war ein Gold- falch, der nicht über vierzehneinhalb Faust maß. Von diesem großen Mann war alles wohlweislich berechnet, denn er wollte von den Moskowitern nicht erkannt fein. Nach dem Einzug bezog er den Kreml. In diesem Augenblick gewahrten wir auf der Nordseite — wir stunden westlich — das Feuer fürchterlich emporlodern. Bei diesem Anblick bemerkte ich, und zwar ängstlich: „Dieses ist unser Unglück!" Am dritten Tag nach der Ankunft vor Moskau muhte unsere Brigade eine Patrouille durch die Stadt machen. Wir kamen durch eine breite Straße, wo recht schöne Gasthäuser, Kaufläden und Apotheken standen, aber alles im höchsten Feuer und Flammen. Wir mußten wahrhaftig durch einen feurigen Pfuhl reiten, über uns war ein wahres Gewölbe von Feuer. Unsere Pferde wollten mehrmals nicht vorwärts, namentlich wenn wir an Apotheken vorbeikamen, in denen es oft furchtbar krachte, und aus denen ganze Kreuzstöcke auf die Straße geschleudert wurden. Dies gräßliche Schauspiel wurde noch erhöht durch die Marodeurs und die losgelassenen Sträflinge. Da jeder das Beste haben wollte, kamen auch diese hintereinander, und so glich es auch hier einem Schlachtfelde. Auf den Straßen und in den Häusern schossen sie einander nieder, überall lagen Tote und Sterbende. Es ist nun gewiß, wenn der Mensch entmenscht ist, ist sich nicht wohl ein Begriff zu machen, wie es da zugeht. Ich habe dazumal zu meinen Kameraden gesagt: Wenn ich je glauben könne, es gebe Teufel und eine Hölle, so könnte ich doch nicht glauben, daß die Teufel ein noch gräßlicheres Schauspiel ausführen könnten als das, wovon wir Zeugen waren, wo Menschen sich in dem Feuermeer würgten und töteten Ganze Dächer von Erz und von Kupfer schleuderte das Feuer in die Lust, von wo sie unter furchtbarem Gekrach wieder auf das Pflaster niederfielen. Das Prasseln des Feuers, das Einstürzen der Häuser und großartigen Paläste, dazwischen das Knattern des Kleingewehrfeuers deutete auf unfern Untergang. Als wir endlich nach langer Anstrengung das Ende der Hauptstadt erreichten, kamen wir in eine noch unversehrte Vorstadt, wo wir wieder sorgenfrei marschieren konnten, während wir in der Hauptstadt keinen Augenblick sicher waren, von Feuer verzehrt, vom Rauch erstickt, von stürzenden Dächern erschlagen oder von Räubern erschossen zu werden. Rückzug 1812. Der letzte Tag, ehe wir nach Wilna kamen, war gewiß der härtestet Ich blieb mit meinem Scheerer immer mehr zurück; es wurde allmählich Nacht, ich habe mich mühselig mit ihm fortgeschleppt. Nun sah ich vor mir noch eine hohe Steige, und mein Kranker erklärte mir: „Da hinauf komm ich nicht mehr, Bruder. Laß mich liegen und geh du fort; du bist so gesund und kräftig, du mußt dich nicht ganz aufopfern!" Ich entgegnete: „So wollen wir uns auf den Chausseegraben hinsetzen; in wenig Minuten sind wir nicht mehr, unser Leiden hört auf dieser Welt ja doch nicht auf!" — Ader als wir einige Minuten saßen, stand ich wieder auf; ich fand wieder die Liebe zum Leben und sagte ju meinem Kameraden: „Wir versündigen uns gegen Gott und gegen uns selbst, daß wir uns im schönsten Alter von siebenundzwanzig Jahren freiwillig dem Tod hingeben; ich fühle mich noch zu kräftig, um auf so gemeine Weise zu sterben. Steh auf und häng dich an meinen Arm, ich will sehen, was ein entschlossener junger Mann vermag!" Und wir schritten noch an zwei Stund über den gefrorenen Schnee dahin; mit jedem Schritt brach er ein, so daß wir tiefer einfanten, doch erreichten wir glücklich einen Ort und in diesem im ersten Haus unsere Kameraden. Diese hatten schon ein Schwein geschlachtet; mein Scheerer bekam sogar ein warmes Zimmer, aber das bekam ihm, da er so gefrorene Füße hatte, sehr schlecht, er hatte in selbiger Nacht die fürchterlichsten Schmerzen zu erdulden. Am Morgen wurden wir in aller Frühe von unserem behaglichen Lager aufgeschreckt; es kamen Leute von uns an, die noch weiter zurücklagen, in den Ort hereingesprungen und riefen: „Kameraden, auf, wer nicht gespießt oder totgeschlagen werden will!" Auf diesen Ruf hat sich alles fortgemacht. Ich blieb bei meinem verlassenen Scheerer, der gar keine Fußbekleidung mehr hatte und seine Füße total erfroren. Er bat mich selbst, von ihm fortzugehen, er sei nicht transportabel, aber ich entgegnete: das sei noch nicht versucht! Ich ging nun in den Hof hinaus, da stand ein kleines Pferdchen, dem schien das Leben auch entleibet zu fein, den Kopf hing es bis in den Boden. Ich ging nach Heu und legte es ihm vor, da fing es sofort zu fressen an, und das gab mir Hoffnung, meinen Kranken fortzubringen. Als ich wieder ins Zimmer kam, fand ich die Bäuerin, glücklicherweise aber den Bauern nicht; ich riß ihr den Pelz vom Leibe und riß die Seitenflügel herunter, band meinem Kameraden die Füße damit ein und trug ihn zu dem Pferdchen, setzte ihn drauf und trieb es mit einem Prügel vor mir her; einen Aermel des Pelzes nahm ich für mich, um zwei Schlüpfer daraus zu machen, da ich keine Handschuh hatte. Letztes Gefecht vor Straßburg. Der Feind hatte zweihundert Meter hinter dem Suffeldach auf einer Anhöhe eine starke Batterie aufgeführt. Als die feindlichen Ve- betten vor dem Bach vertrieben waren und die Infanterie vorging, rechts österreichische, die Württemberger links, die Reiterei hielt an der Straße in der Mitte, da bedrohten die Kartätschen dieser Batterie alles, was sich der Brücke näherte, mit dem sicheren Tode. Wir hielten als vorderstes Regiment zunächst der Brücke, die Schwadron von Raßler als erste, als der Flügeladjutant des Kronprinzen herangesprengt kam und sie aufforderte, ihm im Galopp über die Brücke zu folgen. Trotz des starken Feuers gelang es ihnen tatsächlich, die Brücke zu über» schreiten, wo sie alsbald gegen die feindliche Batterie deplatzierten. Während diesem setzte sich der Kronprinz mit gezogenem Degen an die Seite unseres Obersten, und nun folgten die drei cmd^n Schwadronen und hinterdrein die ganze Reiterei, wahrend die Schwadron Raßler Nun" warfenl^dtti^ftanzösische Reiterregimenter, die- al-Bedeckung hinter der Batterie gehalten hatten, der Schwadron entgegen. Oberst von Reinhardt kommandierte alsobald Marsch-Marsch; es kam zu elnem wilden Handgemenge, bei dem jeder von uns gegen drei stand und sich nach Kräften zu wehren hatte, auch der Kronprinz selbst, den alle an seinem herrlichen Tier und der Tigerschabracke kannten, bis das Jager- Regiment 5 uns zum Succurs herankam und, weil keine Zeit zum De- ployieren war, in geschlossenen Zugskolonnen dem Feind so in d e Flanken ritt, daß er das Weite suchte. Wir verfolg en bis unter die Mauern von Straßburg; ich bin so nahe herangeritten, bis eine So= nonenkugel von den Wällen über mich weg rekoschettierte. Da sagte ich ,u mir' Diese Festung kannst du allein mit deinem Pferd nicht nahmen" und ritt zurück — ich wußte aber nicht, daß diesen Tag mein Wir^bez?gen°chnach Mbak vor Straßburg, bis uns die Oesterreicher ablösten und unser Korps über die Vogesen nach Frankreich emruckte bis an die Loire nach Nevers, wo wir m ziemlich schlechten Quartieren rQQen bis der Friede geschlossen wurde. Die Verbündeten beschlossen diesmal eine längere Besatzung des Landes, denn diese unruhige Nation wollte die Niederlage nicht hinnehmen, auch wenn der Kaiser Napoleon auf die ferne Insel Sankt Helena verschickt war, wo er nach wenigen Jahren gestorben ist. Das Schneidsrhäusel. Von Wilhelm Pleyer. Eines von den Draaschener Häuseln, die mit Schule und Kirche Nachbarschaft halten, ist das Schneiderhäusel. Die Schneiderkinder waren alle sechse recht gelernig, und der alte «chneider ist seit seiner Kindheit in der Kirche dem Herrgott sein zweiter Diener. Erst ministrierte er, nachher half er als Mesner aus, wenn der alte Kirchenvatter Sperk einmal fern Amt nicht versehen konnte, und nach dessen Heimgang übernahm er Am und Würde eines Mesners im Kirchdorfe Draaschen. Als die Blute feiner Jugend, nämlich das braungelockte Haar, anfing, mitunter em bißchen silberig herzuschimmern, wurde auch ihm nach und nach der würdige Titel Kirchenvatter zuteil. Der Schneidermeister und Kirchenvatter Lorenz bzw. Laurentius Lochner, hinterrücks auch Knopplochner genannt, ist ein stattlicher Mann und einer, der auch weiß, daß er stattlich ist und mit den tanb(aufigen dürren Schneidern nichts gemein hat. Immer einmal soll er sich daheim vor den Spiegel stellen, die fein gescheitelten, vornehm spärlichen Locken und den edel beschnittenen, aristokratisch grauen Schnauzer streicheln, den schwarzen Frack an- und fein Hängebäuchlein einziehen und dabei sprechen: Ein schöner Mann! — Ein fescher Mann!" Aber wo dann der Hemes- berger Baron sagt: „Nur kein Geld!", soll der Lochner ganz verschmitzt lächeln und sagen: „Hak sechs schön versorgte Kinder und immer noch was Erspartes auf die alten Tag!" Mit eigenen Augen sah und hörte ich einmal soviel: Der vornehme Schneidermeister und Kirchenvatter machte mit der halboffenen Rechten eine leichte, aber fein geschwungene Bewegung von der Nabelgegend weg und sagte mit gemeffner Betonung: „Repräsentanz". Repräsentanz, das ist es. . Ueber die Schwelle des Schneiderhäusels mag man auch schon seine sieben, acht Geschlechter hinausgetragen haben, und das Häusel könnte ebenso romantisch räubergeschichtlich und ruinenfjaft hersehen wie das Zeidlerhäusel drüben im Stabtet. Aber jeboch! Das Schneiberhäusel ist glatt angeworfen unb schneeweiß gestrichen bis ans Dach unb an ben Giebel, schneeblank finb auch bie Fensterrahmen, und die freundlichen Fenster darin blicken wie leutselig auf den Dorfplatz hinaus. In unaufdringlicher unb um so eblerer Vornehmheit stehen Dach unb Giebel vom Schneiberhäusel zwischen einem vergrünten Strohgebeck unb einem grellen Kunstschieferbach mit blechbeschaltem Giebel. Unb ber kleine, schmucke ©arten bavor unb bie Stübchen batjinter! Da sieht man so recht, wie bie schwächliche, bescheidene Frau Lochnerin doch zu ihrem Nobelschneidermeister und Repräsentanzkirchenvatter paßt! So fein wie klein finb Gärtlein unb Behausung. Drei Weißrosenstöcke, viele gelbe unb rosa Pappelrosen am grünen Zaun unb weiße Winben lenken „repräsentanzig" ben Blick ab von Schnittlauch, Zwiebelschläuchen, Petersilie unb anberen Zeichen ber Küchennotburft kleiner Leute. Drinnen die niebrigen Stüblein haben etwas von ber Märchenheimlichkeit ber Zwergenbehaufung hinter ben sieben Bergen, unb wenn man brinsitzt, unb brausten nicht gerabe ein Fuhrwerk krawallen, Hunbe bellen, Gänse schnattern ober gar ben Nachbar Wirt über den Völkerbund fluchen hört, so kann man sich weit, weit hinweg träumen aus dem böhmischen Sprachengrenzdorfe Draaschen und dem heißen zwanzigsten Jahrhundert, irgend wohin in so ein ganz ruhiges und ganz hübsches Künstlerkartendorf. Die drei Stüblein sind eigentlich nur ein einziger Raum, denn es gibt keine Türen zwischen Küchel, Werkstatt und Schlafkammer, bloß Vorhänge aus vielen feinen Fleckerln; im Heinersberger Schloß ist das auch so ähnlich, sagt ber Herr Lochner. Die knappen Räumlichkeiten verlangen ihre eigene Einrichtung; unter bem winzigen weißen Kachelherb steht nicht nur bas Holzkastei, fonbern auch bas Schuhbiinklein; das sieht man freilich nur, wenn ber Vorhang aus altem Rockfutter weggezogen wirb. An ber Wcinb über ber Ofenplatte hängt bas blitzblanke Geschirr mit den gutbürgerlichen Kuchen- und Napfgötzenpfannen; daneben birgt eine Mauernische hinter einem Glastürchen das bessere Glas- und Porzellanzeug; drei böhmische Rubingläser, sogar ein echtes darunter, bunte Andenkentüpfeln mit herzlichen Grüßen aue Karlsbad, Teplih und Reichen- bera und ein paar gediegene, alte dunkle Teller dahinter. Auf dem altväterisch bemalten Schrank stehen die hohen Gläser, gediegenes Blaswerk aus der Tyffer Hütte, und die wildfteinernen Kruge. Ja, ber Herr Lochner ist gar nicht so unbeblngt für bas Neue; das Alte ist eben solider, sagt er sogar, und leistet sich, von seinem Schmerbauchlein aufblickend, unverkennbare Seitenblicke aus naseweise Lecker, wie ich einer bin An dem Zuschneide- und Bügeltisch in der Werkstatt fallt ebenfalls ein Taufendflickenbehang auf: man kann leicht erraten, daß ein Bett darunter steckt Die weiße Wand ist des weiteren noch mit einigen guten Oeldrucken geziert, Heiligenbilder, bie der eine Sohn aus München einmal mit- brachte. Im Herrgottswinkel oder bem höchst säuberlichen Schneiberttschlein fehlen aüerbings bie altbäuerlichen Glasdilber mit dem reichlichen Rausch, golb auf dem Rahmen ebensowenig wie in den anberen Draaschener Stuben Ja, unb bie Diele noch im Schneiberhäusel, die ist sauber, bah man besonders leicht auf das höchste Lob der Hausfrau kommen muh: „Man könnte Zucker vom Fußboden auflecken." Zwischen den beiden Stubenfenstern, die auf ben Dorfplatz blicken, hängen ein Dutzend Lichtbilder, an Hand welcher die beiden Schneider- alten ihre Lebensgefchichte und die ihrer Kinder erzählen. Da ist einmal das Brautbild von Achtzehnhundertsechsundachtzig. Dann das Bild von der silbernen Hochzeit. Ein schöner Mann, em fescher Mann dieser ältere Herr Nobelschneidermeister und Reprasentanzkirchen- votier! Die Schneidersleute sind übrigens die einzigen (Efjeleute m bet weiten Umgebung, bie regelrecht ihre silberne Hochzeit feierten, mit Fest, tleibern, Kirchgang, Festessen unb anberer Repräsentanz. Unb ba waren eben auch bie Kinber so ziemlich alle daheim. Sehn Sie das ist der älteste Sohn mit „Seiner"; er arbeitet in einem Münchner kunstgewerblichem Salon und hat sich weit genug hinaufgeschneidert; schad, daß keine Zeit ist, sonst könnten wir uns in ber Schublabe bir Proben seiner Kunst ansehen. Unb da ist das Bild des zweiten Sohnes als Feldwebel vor der Verwundung, einer der ganz wenigen verwundeten Feldwebel, mit der großen Silbernen dekoriert; aber jetzt ist er wieder bei der Schneiderei unb arbeitet in Plauen; sobald er eine (reprasen- tationsfähige) Frau hat, wird er Heimkommen unb bas Haus übernehmen. Dann bie Silber der Töchter, eine an der Seite eines Finanzers, eine mit einem Schandarmeriewachtmeister, bie Jüngste gar mit einem Juns- bottor in Couleur; Repräsentanz. Ferner hängt ba ein Lichtbild des früheren Heinersberger Barons, für den der Herr Lochner, als feine Schnitte noch modisch waren, zeitweilig arbeitete. Ohne Erröten erzählt der Meister von den O-Bemen des Herrn Barons, und wie er trotzdem ein schöner, fescher Mann gewesen, und um ein Haar wäre er, der junge Lochner nämlich, fein, des Grafen nämlich, Kammerdiener geworden. Ha — Repräfentanz ...! Das unvornehme Draaschener Erbübel der Sauferei teilt der Herr Lochner natürlich nicht, geht auch sonst wenig unter bie Dorfgesellschast, überaus seitdem ein ganz repräsentationsunfähiger Kerl im unteren Wirtshaus erklärte, ber Knopplochner gehe zwar wenig ins Wirtshaus, aber bie Meßweinstafchen werben schon wissen, baß er auch gerne einen geistigen Tropfen hat. Diese schändliche Erklärung wurde schändlicher» weise mit großem Gaudio aufgenommen; daher und deshalb also. Dafür geht er an Kirchentagen ein Stündlein eher zur Kirche hinüber, um sich auf bem Kirchenplatz vor allem mit feinen Kundschaften in ein leutseliges Gespräch einzulassen und sich guafi als der Gastgeber eines Festes 'zu zeigen, der seine lieben Gäste freundlich begrüßt und einfuhrt. Sein Anzug ist immer eleganteste Repräsentanz. Wenn auch nicht alles gut sitzt, was ber Lochner ben Leuten macht — bas eigene Zeug sitzt immer herrlich! „Aus bie Figur tommt’s halt auch viel an." O bieser —! Sommers ber Rock von bunflem Lüster, bie Seibenweste perlgrau, von bem.felben guten unb teueren Stoff wie bem Herrn Oberlehrer feine. bie Halsbinbe felbftoerfertigt, aber gebiegen von Rest unb Gestalt; die Hose blühweist mit einer Falte so scharf, daß auch die tollsten Hunde davor den Schwanz einziehen. Ein edles Bild, wenn der Herr Lochner auf ben Zehenspitzen wippt. Im Winter trägt er einen bunflen Tuch- anzug und einen schweren schwarzen Ueberzieher mit falschem Astrachan, aber echt. An hohen Festtagen trägt er seinen langen Frack, wohinter bie O-Beine so elegant verschwinden. Aber einmal, als „wir", nämlich ber Herr Lochner und der Herr Pfarrer, ein Hochamt machten, wozu auch ber Herr Baron erschienen war, mußte ber noble Kirchenvatter noch im letzten Augenblick heim sich umziehen, weil sich sonst ber Herr Baron neben ihm absolut nicht nobel genug ausgenommen hätte. Wie er es mit sich hält, so hielt er es auch mit ben Buben, solange sie daheim waren; wie oft geriet ba eine Hofe ein bißchen kurz — ba hatte schon so ein Schneiberpimpes eine elegante Halbweste davon. Ader die Leute kannten bas von früher unb von anbersroo her und gaben feit jeher willig dem Schneider, was des Schneiders ist. Wie es der Draaschener Kirchenvatter bei all dieser Weltlichkeit m' bem Himmelreich meint, ist nicht ganz klar zu erkennen. Manchmal spielt ein gar verschmitztes Lächeln unter dem aristokratischen Schnurrbart; jo damals, als ber Herr Lochner beim Weihbrunn, wo alle vorbei müssen, bie hölzerne Statue des trantbeinigen heiligen Pilgers Peregrini mit ber Almosenbüchse aufstellte; weil ihm dabei ber alte Kilian wie in frommer Erwartung einiger Sechferln andächtig zuknappte. sagte der Kirchenvatter: „No ja, müssen wir es halt wieder einmal aufstellen, das wehleidige Männl, daß etwas einfommt!" Wir Frommen und Einfältigeren aber bitten den Herrn, daß er dem Nobelfchneldermeifter und Repräfentanztirchenvatter Laurentius Lochner z» Draaschen in Anbetracht ber eleganten Knickser unb bes schwungvollen Weihgeräuchers vor dem Altäre des Höchsten ihn, nämlich ben Herr" Lochner, dereinst aufnehme ins Licht, wenn der Faden reißt, respektive das Weihrauchfaß kalt wird. Aber zum Kammerdiener wird ihn ber Herr schon machen muffen, wenn nicht gar zum himmlischen Zeremonienmeister; benn er dürfte wirtlich der ewigen Seligkeit keinen rechten Geschmack abgewinnen ohne Repräsentanzt verantwortlich: Dr. Han« Thhrtvt. — Druck und Derlag: Drühlsch« UniversitätSdruckerei A. Langs, Dieb««. Jahrgang 193Z Freitag, den 3. September Nummer 68 Colour & Grey Control Chart Cyan Green Grey 1 Grey 2 11 16 6 8 L 9 S V £ 1 29) Quacksalber. Magenta Black t wenig!! i Wundki in $um Morgen zeitliche! GegeM )örn scher bann uni im Hiiß h hm Uli evier üw \ greift« i an. fW toaff R und mit r auch h iergeMW «erteW dem M ch ihn« n DonE ng H aus *' 19 20 21 22 23 :ber M aeSflt* und s«R ebrochk'i .schien Z 14 15 ■mMHKii uu feiner Liame nmuoerncy angegaffr, oneo aoer fieijen unu ipiuiy M barschem Ton: „Hier — auf diese Stufen seh' dich hin, Alte, und halt' em mit deinen Reden, die mich toll machen könnten. Es ist wahr, du hast >ne Zechinen in den Flammengebilden der Wolken gesehen, aber eben deshalb — was schwatzest du von Engeln des Lichts — von Braut — jung- Nulrcher Witwe — von Rosen und Myrten? — willst du mich betören, kwletzliches Weib, daß irgendein wahnsinniges Streben mich in den Ab- lrrnd schleudert? Eine neue Kapuze sollst du haben, Brot — Zechinen — du willst, aber laß ab von mir!" — Antonio wollte rasch fort, q n. bie Alte ergriff ihn beim Mantel und rief mit schneidender Stimme: >svmno — mein Tonino, sieh mich doch nur noch einmal recht an, sonst ß ich ja hin bis an den äußersten Rand des Platzes dort und mich trostlos ! pabstürzen in das Meer." — Antonio, um nicht noch mehr Blicke auf sich üiwhen, als sich aus ihn zu richten begannen, blieb wirklich stehen. „Tonino", Mr d,e Alte fort, „setze dich her zu mir, es drückt mir das Herz ab, ich muß ’ 3lr wgen — o setze dich her zu mir." Antonio ließ sich auf den Stufen so »2er, daß er der Alten den Rücken zuwandte, und zog sein Rechnungsbuch dessen weiße Blätter von dem Eifer zeugten, mit dem er seine wadelsgeschäfte auf dem Rialto betrieb. „Tonino", lispelte nun die Alte s leise, „Tonino, wenn du so in mein verschrumpftes Antlitz schaust, l lmert denn gar keine leise Ahnung in deinem Innern auf, daß du mich Doge und Oogaresse Erzählung von E. T A. Hoffmann. 2. Fortsetzung. seuez,u “Haut, ■ *®ufbaa '»1 hiittt 3et bann ^MPsind. ntet den Mörder. If) „aus.' t Säger, Geweih. Saft an l9en ihm »an dem leuchen i Geweih ge Erde, ittungen tveißen >urch den Gestellen ■ i Boden. ich seiner : Gegner g p sich und feijt, inet Ari aibmann tüer* Den». I ben» ch, w; 5«««; a »JWin friget, früher Zeit gekannt haben könntest?" - „Ich sagte dir schon«, erwiderte Antomo ebenso leise und ohne sich umzuwenden, „ich sagte dir schon, Alte, daß ich aus eine nur unerklärliche Weise mich zu dir hingeneigt fühle; aber daran ist dem häßliches, verschrumpftes Gesicht nicht schuld. Schaue ich vielmehr deine seltsamen schwarzen blitzenden Augen, deine spitze Nase, deine blauen Lippen, dem langes Kinn, dein struppiges eisgraues Haar an, hör rch dein widriges Kichern und Lachen, deine verworrenen Reden ■ et so möcht' ich mit Abscheu mich von dir abwenden und aar glauben, irgend verruchte Mittel stünden dir zu Gebote, mich an dich zu ~ ° VanesÄp"' *’eulte bie 3(Ite' unsäglichem Schmerz Pietät ' welcher böse höllische Geist gab dir solche Tonino, mein süßer Tonino, das Weib, das und Pflegte, das dich in jener Schreckensnacht gefahr, das Weib war ich.» Im plötzlichen hte sich Antonio rasch um, aber wie er nun Gesicht starrte, rief er zornig: „So gedenkst uchtes wahnsinniges Weib? — Die wenigen seit mir geblieben, sind lebendig und frisch, »e mich pflegte, o, ich sehe sie lebhaft vor Au- , frisch gefärbtes Gesicht — mild blickende •WW I g ~ es Haupthaar — zierliche Hände — sie mochte und du? — ein neunzigjähriges Mütterchen." e ihm schluchzend in die Rede, „o all ihr inn, daß mein Tonino an mich, an seine treue ’areta?" — murmelte Antonio, „Margareta? Z/IW ^nger Zeit gehörte, längst vergessene Musik , .. — »st nicht möglich — es ist nicht möglich!" — »^ohl war , fuhr ine Alte ruhiger fort, indem sie gesenkten Blicks mit dem Stabe auf dem Boden hin und her kritzelte, „wohl war der große schöne Mann, der dich auf den Arm nahm, dich abherzte und dir Zuckerwerk in oen Mund steckte, wohl war das dein Vater, Tonino! wohl war es das herrliche, volltönende Deutsch, das wir miteinander sprachen. Dein Vater war ein angesehener reicher Kaufmann in Augsburg. Sein schönes junges Weib starb ihm, als sie dich gebar. Da zog er, weil er sich selbst nicht duiden konnte an dem Ort, wo sein Liebstes begraben lag, hierher nach Venedig und nahm mich mit, mich, deine Amme, deine Pflegerin. In jener Nacht erlag dein Vater einem grausenden Schicksal, das auch dich bedrohte. Es gelang mir, dich zu retten. Ein edler Venetianer nahm dich auf. Aller Hilfsmittel beraubt, mußte ich in Venedig bleiben. Von Kindheit auf machte mich mein Vater, ein Wundarzt, dem man nachsagte, er treibe nebenher verbotene Wissenschaften, bekannt mit den geheimen Heilkräften der Natur. Von ihm lernte rch, durch Wald und Flur streifend, die Abzeichen manches heilbringenden Krauts, manches unscheinbaren Mooses, die Stunde, wann es gepflückt, gelesen werden mußte, die verschiedene Mischung der Säfte kennen. Aber dieser Wissenschaft gesellte sich eine besondere Gabe bei, die der Himmel mir verlieh in unerforschlicher Absicht. — Wie in einem fernen dunkeln Spiegel erschaue ich oft künftige Ereignisse, und beinahe ohne eigenen ra i jT®**’ *•‘*'**‘7 V* ***** ö** ». VV VW*»*» VW |f/»»**vv Verschwundenen? Antonio hielt inne, indem er aus tiefer Brust schwer «ufseufzte. Die Alte hatte sich während seiner Erzählung gebärdet wie einer, ist, ganz hingerissen von dem Leid des andern, alles selbst fühlt und jede ■ Bewegung, die diesem der Schmerz abnötigt, wie ein Spiegel zurückgibt. ^Tomno", fing sie jetzt mit weinerlicher Stimme an, „mein lieber Tonino, arum willst du verzagen, weil dir im Leben etwas Hochherrliches begegnet r, dessen Erinnerung dir erloschen? — Törichtes Kind, törichtes Kind — °erk' auf — hi hi hi." — Die Alte begann nach ihrer gewöhnlichen Weise werlich zu kichern und zu lachen und auf dem Marmorboden herumzu- upsen. — Leute kamen, die Alte kauerte nieder, man warf ihr Almosen „Antonio — Antonio, bring' mich fort — fort ans Meer!" So kreischte ie auf, Antonio wußte nicht, wie ihm geschah, beinahe willkürlos faßte er e Alte und führte sie über den Markusplatz langsam fort. Während sie ngen, murmelte die Alte leise und feierlich: „Antonio — siehst du wohl die nklen Blutflecken hier auf dem Boden? — ja Blut — viel Blut, überall cl Blut! — aber hi hi hi! — aus dem Blut entsprießen Rosen, schöne rote cfen zum Kranze für dich — für dein Liebchen. — O du Herr des Lebens, olcher holde Engel des Lichts ist es denn — der dort so anmutig, so sternen- !4r lächelnd auf dich zuschreitet? ■—■ Die lilienweißen Arme breiten sich aus, dich zu umarmen. O Antonio, hochbeglücktes Kind — halte dich wacker — SBhwfe ! -- 11„S h» eMÄctoi. Mim SWl,« Srnf SieheimAimlieiibliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger