GicheimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1937 Freitag, den 27. August Nummer 66 Doge und Dogareffe. Erzählung von E. T A. Hoffmann. Mit diesem Namen war in dem Katalog der Kunstwerke, die die Akademie der Künste zu Berlin im September 1816 ausstellte, ein Bild bezeichnet, das der wackre, tüchtige C. Solbe1), Mitglied der Akademie, gemalt hatte und das mit besonderem Zauber jeden anzog, so daß der Platz davor selten leer blieb. Ein Doge in reichen prächtigen Kleidern schreitet, die ebenso reich geschmückte Dogaresse an der Seite, auf einer Balustrade hervor, er ein Greis mit grauem Bart, sonderbar gemischte Züge, die bald auf Kraft, bald auf Schwäche, bald auf Stolz und Uebermut, bald auf Gutmütigkeit deuten, im braunroten Gesicht; sie ein junges Weib, sehnsüchtige Trauer, träumerisches Verlangen im Blick, in der ganzen Haltung. Hinter ihnen eine ältliche Frau und ein Mann, der einen aufgespannten Sonnenschirm hält. Seitwärts an der Balustrade stößt ein junger Mensch in ein muschelförmig gewundenes Horn, und vor derselben im Meer liegt eine reichverzierte, mit der venezianischen Flagge geschmückte Gondel, auf der zwei Ruderer befindlich. Im Hintergründe breitet sich das mit hundert und aber hundert Segeln bedeckte Meer aus, und man erblickt die Türme und Paläste des prächtigen Venedig, das aus den Fluten emporsteigt. Links unterscheidet man San SDtarco2), rechts mehr im Vorgrunde San Giorgio Maggiore. In dem goldnen Rahmen des Bildes sind die Worte eingeschnitzt: „Ah senza amare Andare sul mare Lol sposo del mare, Non puo consolare.“ „Ach! gebrich der Liebe Leben, Kann auf hohem Meer zu schweben Mit dem Gatten selbst des Meeres, Doch nicht Trost dem Herzen geben." Vor diesem Bilde entstand eines Tages ein unnützer Streit darüber, ob der Künstler durch das Bild nur ein Bild, das heißt die durch die Verse hinlänglich angedeutete augenblickliche Situation eines alten abgelebten Mannes, der mit aller Pracht und Herrlichkeit nicht die Wünsche eines sehnsuchtsvollen Herzens zu befriedigen vermag, oder eine wirkliche geschichtliche Begebenheit habe darstellen wollen. Des Geschwätzes müde, verließ einer nach dem andern den Platz, so daß zuletzt nur noch zwei der edlen Malerkunst gar holde Freunde übrigblieben. „Ich weiß nicht", fing der eine an, „wie man sich selbst allen Genuß verderben mag mit dem ewigen Deuteln und Deuteln. Außerdem, daß ich ja genau zu ahnen glaube, was es mit diesem Dogen, mit dieser Dogaressa für eine Bewandtnis hat im Leben, so ergreift mich auch auf ganz besondere Weise der Schimmer des Reichtums und der Macht, der über das Ganze verbreitet ist. Sieh diese Flagge mit dem geflügelten Löwen, wie sie der Welt gebietend in den Lüften flattert — O herrliches Venedig!" Er fing an. Turandots Rätsel von dem adriatischen Löwen herzusagen: „Dimmi, quäl sia quella terribil fera etc.“3). Kaum hatte er geendet, als eine wohltönende Männerstimme mit Kalafs Auflösung einfiel: „Tu quadrupede fera etc.“ Von den Freunden unbemerkt hatte sich hinter ihnen ein Mann hingestellt von hohem, edlem Ansehen, den grauen Mantel malerisch über die Schulter geworfen, das Bild mit funkelnden Augen betrachtend. — Man geriet ins Gespräch, und der Fremde sagte mit beinahe feierlichem Tone: „Es ist ein eignes Geheimnis, daß in dem Gemüt des Künstlers oft ein Bild aufgeht, dessen Gestalten, zuvor unkennbare, körperlose, im leeren Luftraum treibende Nebel, eben in dem Gemüte des Künstlers erst sich zum Leben zu formen und ihre Heimat zu finden scheinen. Und plötzlich verknüpft sich das Bild mit der Vergangenheit oder auch wohl mit der Zukunft und stellt nur dar, was wirklich geschah vder geschehen wird. Kolbe mag vielleicht selbst noch nicht wissen, daß er 2) Karl Wilhelm Kolbe (1757—1835), Radierer und Schriftsteller, wurde 1795 Mitglied der Akademie der Künste zu Berlin. Besonderen Ruhm hatte er sich durch seine landschaftlichen Radierungen erworben. 2) San Marco ist die berühmte Staatskirche der Dogen, das eigentliche Nationalheiligtum der Venezianer; die Kirche San Giorgio Maggiore liegt auf der gleichnamigen Insel der Piazzetta (Verlängerung des Markus- Platzes) gegenüber. . „ 3) Eine der wirksamsten Szenen in der „Turandot" des Grafen Carlo Gozzi (1722—1806) ist die, wo Prinz Kalaf drei von der chinesischen Prm- iessin ausgegebene Rätsel löst, um deren Hand zu gewinnen. Ems davon, aas vom Jahre, nahm Schiller in seine Uebersetzung herüber, das von der sonne aber ersetzte er ebenso wie das vom „adriatischen Löwen", dem Wappentiere Venedigs, durch die von ihm selbst erfundenen vom Auge und vom Pfluge. Die Worte „Dimmi“ usw. und „Tu“ usw. sind der Beginn aer Rätselfrage und der Antwort (Sage mir, was das für ein schreckliches Tier ist usw. — Du, vierfüßiges Tier usw.). aus dem Bilde dort niemanden anders darstellt als den Dogen Marino Falieri4 s * *) und seine Gattin Annunziata." — Der Fremde schwieg, aber beide Freunde drangen in ihn, dies Rätsel ihnen so zu lösen wie das Rätsel vom adriatischen Löwen. Da sprach er: „Habt ihr Geduld, ihr neugierigen Herren, so will ich euch auf der Stelle mit Falieris Geschichte die Erklärung des Bildes geben. Aber habt ihr auch Geduld? — Ich werde sehr umständlich sein, denn anders mag ich nicht von Dingen reden, die mir so lebendig vor Augen stehen, als habe ich sie selbst erschaut. — Das kann auch wohl der Fall sein, denn jeder Historiker, wie ich nun einmal einer bin, ist ja eine Art redendes Gespenst aus der Vorzeit." Die Freunde traten mit dem Fremden in ein entferntes Zimmer, wo er ohne weitere Vorrede in folgender Art begann: Vor gar langer Zeit, und, irr' ich nicht, so war's im Monat August des Jahres Eintausenddreihundertundvierundfünfzig, als der tapfere genuesische Feldherr, Paganino Doria3) geheißen, die Venezianer aufs Haupt geschlagen und ihre Stadt Parenzo erstürmt hatte. Im Golf dicht vor Venedig kreuzten nun seine wohlbemannten Galeeren hin und her wie hungrige Raubtiere, die in unruhiger Gier aus und nieder rennen, spähend, wo die Beute am sichersten zu haschen; und Todesschrecken erfaßte Volk und Signorie"). Alle Mannschaft, jeder, der nur vermochte, die Arme zu rühren, griff zur Waffe oder zum Ruder. In dem Hafen von San Nicolo') sammelte man die Haufen. Schiffe, Bäume wurden versenkt, Kett' an Kette geschlossen, um dem Feinde den Eingang zu sperren. Während hier in wildem Getümmel die Waffen klirrten, die Lasten in das schäumende Meer niederdonnerten, sah man auf dem Rialto3) die Agenten der Signorie, wie sie, den kalten Schweiß sich von der bleichen Stirn wegtrocknend, mit verstörtem Gesichte, mit heiserer Stimme Prozente über Prozente boten für bares Geld; denn auch daran mangelte es der bedrohten Republik. In dem unerforschlichen Ratschlüsse der ewigen Macht lag es aber, daß gerade in dieser Zeit der höchsten Kümmernis und Not der bedrängten Herde der treue Hirt entrissen werden sollte. Ganz erdrückt von der Last des Ungemachs, starb der Doge Andrea Dandulo8), den das Volk sein liebes Gräschen (il caro contino) nannte, weil er immer fromm und freundlich war und niemals über den Markusplatz schritt, ohne für jeden des Geldes oder des guten Rats Bedürftigen, für diesen Trost im Munde, für jenen Zechinen in der Tasche zu führen. Wie es denn nun geschieht, daß den vom Unglück Entmuteten jeder Schlag, sonst kaum gefühlt, doppelt schmerzlich trifft, io war denn auch das Volk, als die Glocken von San Marco in dumpfen schauerlichen Klängen den Tod des Herzogs verkündeten, ganz außer sich vor Jammer und Betrübnis. Nun sei ihre Stütze, ihre Hoffnung dahin, nun müßten sie die Nacken beugen dem genuesischen Joch, so schrien sie laut, unerachtet, was die eben nötigen kriegerischen Operationen betraf, der Verlust des Dandulo eben nicht so verderblich schien. Das gute Gräschen lebte gerne in Ruhe und Frieden: es verfolgte lieber den wunderbaren Gang der Gestirne als die rätselhasten Verschlingungen der Staatsklugheit, es verstand sich besser darauf, am heiligen Osterfeste die Prozession zu ordnen, als ein Kriegsheer zu führen. Nun kam es darauf an, einen Doge zu wählen, der, gleich hegabt mit mutigem Feldherrnsinn und tüchtiger Staatsklugheit, das in seinen Grundfesten erschütterte Venedig rette von der bedrohlichen Gewalt des immer kühneren Feindes. Die Senatoren versammelten sich; aber da sah man nichts als trübe Gesichter, starre Blicke, zu Boden gesenkte, in die Hand gestützte Häupter. Wo einen Mann finden, der jetzt mit kräftiger Hand das lose Steuer zu ergreifen und richtig zu lenken vermag? Der älteste Rat, Marino Bodoeri geheißen, erhob endlich seine Stimme. „Hier um uns, unter uns", so sprach er, „hier werdet ihr ihn nicht finden, aber richtet eure Blicke nach Avignon, aus Marino Falieri, den wir hinschickten, um dem Papste Jnnocenz Glück zu wünschen zu seiner Erhebung, der kann jetzt was Besseres tun, der vermag es; wählen wir ihn zum Doge, allem Ungemach zu steuern. Ihr werdet einwenden, daß dieser Marino Falieri schon an die achtzig Jahre alt ist, daß Haupthaar und Bart reines Silber geworden, 4) Marino Falieri (geb. 1278) war nach glänzenden kriegerischen und diplomatischen Erfolgen 1354 Doge von Venedig geworden. Eine Beleidigung seiner Gemahlin durch den Patrizier Steno war, wie er glaubte, durch den Senat zu mild bestraft worden. Er verband sich daher mit den Bürgern zu einer Verschwörung gegen alle Senatoren und Nobili, wurde aber verraten und am 17. April 1355 hingerichtet. s) Paganini Doria vernichtete als genuesischer Admiral am 4. November 1354 die venezianische Flotte fast gänzlich und erwirkte dadurch einen vorteilhaften Frieden mit dem Gegner. 8) Ministerium des Dogen; Hoffmann versteht aber auch den Adel darunter. ’) San Niccolo del Lido, 2% Kilometer südöstlich von Venedig. 8) Die Hauptbrücke von Venedig. 8) Andrea Dandolo (nicht Dandulo), war seit 1342 Doge gewesen. Er hatte die erschütterten Handelsbeziehungen Venedigs wiederhergestellt und überhaupt so viel für den Staat geleistet, daß sein Tod (7. September 1354) in der Tat einen großen Verlust für die Republik bedeutete. daß sein muntres Ansehen, sein brennendes Auge, das Glührot aus Nase und Wangen, wie Verleumder wollen, mehr dem guten Cyperwem Ms innerer Kratt zuzuschreiben ist, aber achtet das nicht. Erinnert euch, welche glänzende Tapserkeit dieser Marino Falieri als Provebitor") der Flotte aus dem Schwarzen Meere zeigte; bedenkt, welche Verdienste es sem mußten, die die Prokuratoren von San Marco") bewegen konnten, diesen Falieri mit der reichen Grafschast Valdemarino zu belehnen?" — So strich Bodoeri Falieris Verdienste wacker heraus und wußte jedem Einwand ,m voraus zu begegnen, bis endlich alle Stimmen sich zu Falieris Wahl einten. Mancher sprach zwar noch viel von Falieris aufbrausendem Zorn, von seiner Herrschsucht, seinem Eigenwillen, aber da hieß es: „Eben deshalb, weil das alles von dem Greise gewichen, wählen wir den Greis und nicht den Jünglmg Falieri." Derlei tadelnde Stimmen verhallten nun auch vollends, als das Volk die Wahl des neuen Doge erfuhr und ausbrach in ungemessenen ausgelassenen Jubel. Weiß man nicht, daß in solch gefahrvoller Zeit, in solcher Unruhe und Spannung jeder Entschluß, ist es nur wirklich einer, wie eine Eingebung des Himmels erscheint? — So geschah es, daß das gute Gräschen mit all seiner Frömmigkeit und Milde rein vergessen war, und daß jeder tief: „Beim heiligen Markus, dieser Marino hätte längst unser Doge sem sollen, und der übermütige Doria säße uns nicht in den Rippen!" Und verkrüppelte Soldaten streckten mühsam die lahmen Arme hoch aus in die Lüfte und schrien: „Das ist Falieri, der den Morbasfan") schlug — der tapfere Heerführer, desfen siegreiche Flaggen im Schwarzen Meere wehten." Und wo das Volk zusammenstand, erzählte einer von des alten Falieri Heldentaten und, als sei Doria schon geschlagen, erhallten die Lüfte von wildem Jubelgeschrei. Hinzu kam, daß Nicolo Pisani"), der, mag der Himmel wissen, warum, statt dem Doria zu begegnen mit der Flotte, ruhig nach Sardinien gesegelt war, endlich zurückkehrte. Doria verließ den Golf, und was die Annäherung der Flotte des Pisani verursachte, wurde dem furchtbaren Namen „Marino Falieri" zugeschrieben. Da ergriff Volk und Signorie eine Art fanatischer Verzückung über die glückliche Wahl, und man beschloß, damit das Außerordentliche geschehe, den neuerwählten Dogen wie den Himmelsboten. der Ehre, Sieg, die Fülle des Reichtums bringt, zu empfangen. Zwölf Edle, jeder von zahlreicher glänzender Dienerschaft umgeben, hatte die Signorie bis nach Verona geschickt, wo die Gesandten der Republik dem Falieri, sowie er angekommen, nochmals seine Erhebung zum Oberhaupt des Staates feierlich ankündeten. Fünfzehn reichverzierte Staatsbarken, vom Podesta") von Chioggia unter den Befehlen seines eigenen Sohnes Taddeo Giustiniani ausgerüstet, nahmen darauf in Chioggia den Dogen mit seinem Gefolge auf, der nun wie im Triumphzuge des mächtigsten siegreichsten Monarchen nach St. Clemens") ging, wo ihn de» SBucentoto10 * 12 * * * 16) erwartete. Gerade in diesem Augenblicke, als nämlich Marino Falieri den Bueentoro zu besteigen im Begriff stand, und das war am dritten Oktober abends, da schon die Sonne zu sinken begann, lag vor den Säulen der Sogana17 *), auf dem harten Marmorpslaster ausgestreckt, ein armer unglücklicher Mensch. Einige Lumpen gestreifter Leinwand, deren Farben nicht mehr kenntlich und die sonst einem Schifserkleide, wie das gemeinste Volk der Lastträger und Ruderknechte es trägt, angehört zu haben schienen, hingen um den abgemagerten Körper. Vom Hemde war nichts mehr zu sehen als die eigene Haut des Armen, die überall durchblickte, aber so weiß und zart war, daß sie der Edelsten einer ohne Scheu und Scham hätte tragen können. So zeigte auch die Magerkeit nur desto besser das reinste Ebenmaß der wohlgebauten Glieder, und betrachtete man nun vollends die hell-kastanienbraunen Locken, die zerzaust und verworren die schönste Stirn umschatteten, die blauen, nur von trostlosem Elend verdüsterten Augen, die Adlernase, den feingeformten Mund des Unglücklichen, der höchstens zwanzig Jahre zu zählen schien, so war es gewiß, daß irgendein feindseliges Schicksal den Fremdling von guter Geburt in die unterste Klasse des Volks geschleudert haben mußte. Wie gesagt, vor den Säulen der Dogana lag der Jüngling und starrte, den Kops auf den rechten Arm gestützt, mit stierem gedankenlosem Blick ohne Regung und Bewegung hinein in das Meer. Man hätte denken sollen, das Leben sei von ihm gewichen, der Todeskampf habe ihn zur Bildfäule versteinert, hätte er nicht dann und wann tief wie im unsäglichsten Schmerz aufgefeufzt. Das war denn nun wohl der Schmerz des linken Armes, den er ausgestreckt hatte auf dem Pflaster und der, mit blutigen Lumpen umwickelt, schwer verwundet zu sein schien. Alle Arbeit ruhte, das Getöse des Gewerbes schwieg, ganz Venedig schwamm in tausend Barken und Gondeln dem hochgepriesenen Falieri entgegen. So kam es, daß auch der unglückliche junge Mensch in trostloser Hilflosigkeit seinen Schmerz verseufzte. Doch eben als sein mattes Haupt herabsank aus das Pflaster und er der Ohnmacht nahe schien, rief eine heisere Stimme recht kläglich mehrmals hintereinander: „Antonio — mein lieber Antonio!" — Antonio erhob sich endlich mühsam mit halbem Leibe, und indem er den Kopf nach den Säulen der Dogana, hinter denen die Stimme hervorzukommen schien, hinrichtete, sprach er ganz matt und kaum vernehmbar: „Wer ist's, der mich ruft? — Wer kommt, meinen Leichnam 10) Befehlshaber. n) In der ehemaligen Republik Venedig die neun obersten Staatsbeamten, aus denen der Doge gewählt wurde. 12) Befehlshaber des Emirs von Ionien. Er belagerte die Venezianer und ihre Verbündeten 1344 in Smyrna, wurde bei einem Ausfall der Christen zunächst geschlagen, trieb sie bann aber durch einen glänzenden Sieg wieder in die Stadt zurück. ") Riccolo Pisani hatte den bisher von Marco Ruzini geführten Oberbefehl über die gegen Genua entsendete venezianische Flotte auf dem Schwarzen Meere übernommen. ") In Italien die höchste obrigkeitliche Person einer Stadt. 16) Eine der Inseln Venedigs. ") Das prachtvolle venezianische Staatsfchiss. ”) Zollhaus. ins Meer zu werfen, denn bald werde ich hier umgekommen sein." — Da keuchte und hüstelte sich ein kleines steinaltes Mütterchen am Stabe heran zu dem wunden Jüngling, und indem sie neben ihm hinkauerte, brach sie aus in ein widriges Kichern und Lachen. „Töricht Kind", so lispelte dann die Alte, „töricht Kind, willst hier umkommen, willst hier sterben, we,l das golbne Glück bir aufgeht? — Schau nur hin, schau nur hin dort im Abend die lodernden Flammen, das sind Zechinen für dich. — Aber du mußt essen, lieber Antonio, essen und trinken; denn der Hunger nur ist es, der dich zu Boden geworfen hat, hier auf dem kalten Pflaster! — Der Arm,st schon heil, schon wieder heil!" — Antonio erkannte in dem alten Mütterchen das seltsame Bettelweib, das aus den Stufen der Franziskanerkirche die Andächtigen immer kichernd und lachend um Almosen anzusprechen pflegte, und der er manchmal, von innerm, unerklärlichem Hange getrieben, einen sauer verdienten Quattrino"), den er selbst nicht übrig, hingeworfen. „Laß mich in Ruhe", sprach et, „laß mich in Ruhe, altes, wahnsinniges Werb, wohl ist es der Hunger mehr als die Wunde, der micht kraftlos und elend macht, seit drei Tagen hab' ich keinen Quattrino verdient. Hinüber wollt ich nach dem Kloster und sehen, ein paar Löffel Krankenfuppe zu erhafchen, aber alle Kameraden sind fort — keiner, der mich aus Barmherzigkeit aufnimmt in die Barke, und da bin ich hier umgesunken und werde wohl niemals wieder aufstehen." — „Hi hi hi hi", kicherte die Alte, „warum gleich ver- zweifeln? warum gleich verzagen? Du bist durstig, du bist hungrig, dafür hab' ich Rat. Hier sind schöne gedörrte Fischlein, erst heute aus der Zecca") eingetauft, hier ist Simonienfaft20), hier ein artig weißes Brötlem; ,ß, mein Söhnlein, iß und trink, mein Söhnlein, bann wollen wir nach bem rounben Arme schauen." Die Alte hatte in der Tat aus bem Sack, bet ihr tote eine Kapuze auf bem Rücken hing und hoch hinüberragte über bas gebückte Haupt, Fische, Brot unb Simonienfaft hervorgeholt. Sowie Antonio nut bte brennenden verschrumpften Lippen genetzt hatte mit dem kühlen Getränke, erwachte der Hunger mit doppelter Gewalt, unb er verschlang gierig Fische unb Brot. Die Alte war inbessen darüber her, ihm die Lumpen von dem wunden Arme abzuwickeln, und da fand es sich denn, daß der Arm zwar hart zerschlagen, die Wunde aber schon in voller Heilung war. Indem nun die Alte eine Salbe, die in einem kleinen Büchschen befindlich und die fte mit dem Hauch des Mundes erwärmt, darauf strich, frug sie: „Aber wer hat dich denn so arg geschlagen, mein armes Söhnlein?" — Aritomo, ganz erquickt, von neuem Lebensfeuer durchglüht, hatte sich ganz aufgerichtet; mit blitzenden Augen, die geballte Rechte erhoben, rief er: „Ha! — Nicolo, der Spitzbube, wollte mich lahm schlagen, weil er mich um jeden elenden Quattrino beneidet, den mir eine wohltätige Hand zuwirft! Du weißt, Alte, daß ich mühsam mein Leben dadurch erhielt, daß ich die Lasten aus den Schiffen unb Barken in bas Kaufhaus ber Deutschen, in ben sogenannten Fontego") — du kennst es ja wohl, bas Gebäube — schleppen half." — Sowie Antonio bas Wort „Fontego" ausfprach, kicherte unb lachte bie Alte recht abscheulich auf unb plapperte immerfort: „Fontego — Fontego — Fontego." — „Laß bein tolles Lachen, Alte, wenn ich erzählen soll!' rief Antonio erzürnt; ba würbe bic Alte gleich still, unb Antonio fuhr fort: , Run hatte ich einige Quattrinos verdient, mir ein neues Wams gekauft, sah ganz stattlich aus und kam in die Zahl ber Gonbolieres. Weil ich immer frohen Mutes war, wacker arbeitete unb manch schönes Lieb wußte, ver- biente ich manchen Quattrino mehr als bie anbern. Aber ba erwachte ber Reid unter ben Kameraben. Sie verschwärzten mich bei meinem Herrn, ber mich fortjagte; überall, wo ich ging unb stanb, tiefen sie mir nach: .Deutscher Hunb, verfluchter Ketzer!' unb vor btei Tagen, als ich bei San Sebastian eine Barke ans Lanb rollen half, überfielen sie mich mit Stein- würfen unb Prügeln. Wacker wehrte ich mich meiner Haut, aber ba traf mich ber tückische Nicolo mit einem Ruberschlage, bet, mein Haupt streifend unb ben Arm schwer vetletzenb, mich zu Boben warf. — Nun, bu hast mich satt gemacht, Alte, unb in bet Tat fühle ich, baß beine Salbe meinem tounben Arm auf tounberbare Weife wohl tut. Sieh nut, wie ich den Arm schon zu schwingen vermag — nun will ich wieder tapfer rudern!" Antonio war vom Boden aufgestanden und schwang ben wunden Arm krästiy hin und her, aber die Alte kicherte und lachte wieder laut auf unb rief, inbem fie ganz wunberlich, wie in kurzen Sprüngen tänzelnb hin unb her trippelte: „Söhnlein, Söhnlein, mein Söhnlein, rubere tapfer — er kommt — er kommt, das Golb glüht in lichten Flammen, rubere tapfer, tapfer! — aber nur noch einmal, nut noch einmal! — bann nicht toieber!" Antonio achtete nicht auf ber Alten Beginnen, benn vor ihm hatte sich bas allerhetrlichste Schauspiel aufgetan. Bon San Clemens her fchwamm der Bucentoro, den adriatifchen Löwen in bet flatternben Flagge, mit tönenbem Ruberschlage bähet wie ein kräftigbeschwingter golbnet Schwan. Umringt von tcmsenb Barken unb Gonbeln, schien er, sein fürstlich kühnes Haupt erhoben, zu gebieten über ein jubelndes Heer, bas mit glänzenben Häuptern aufgetaucht wat aus bem tiefen Meeresgründe. Die Abendsonne warf ihre glühenden Strahlen über bas Meer, über Venedig hin, so baß alles in lobemben Flammen staub; aber wie Antonio in Vergessenheit alles Kummers ganz entzückt hinschaute, würbe bet Schein immer blutiger unb blutiger. Ein bumpses Sausen ging burch bie Lüste, unb wie ein furchtbares Echo hallte es toiber aus ber Tiefe des Meeres. Der Sturm kam bähet gefahren auf schwarzen Wolken unb hüllte alles in bi die Finsternis ein, währenb aus bem brausenben Meere höhet unb höher bie Wellen wie zischende, schäurnenbe Ungeheuer ernpotstiegen unb alles zu verschlingen drohten. Gleich zerstäubtem Gesiedet sah man Gondeln unb Barken hier unb bort auf bem Meere treiben. Der Bucentoro, mit seinem flachen Boben unfähig, bem Sturme zu wibetstehen, schwankte hin unb her. Statt bcs fröhlichen Jubels ber Zinken unb Trompeten hätte man burch ben Sturm bas Angstgeschrei ber Bedrängten. (Fortsetzung folgt.) le) Hellet. *•) Die ehemalige Münze. ,0) Zitronensaft. “) Fandaco dei Tedeschi, urkunblich schon seit 1228 vom Staat unterhaltenes Kaufhaus unb Herberge ber Deutschen; biesen wat es nicht gestattet, an einem anbern Ort Hanbel zu treiben ober Aufenthalt zu nehmen. Mein Fluß. Von Eduard Mörlke. O Fluh, mein Fluß im Morgenstrahll Empfange nun, empfange Den sehnfuchtsvollen Leib einmal Und küsse Brust und Wange I.— Er fühlt mir schon heraus die Brust, Und kühlt mit Liebesschauerlust Und jauchzendem Gesänge. Es schlüpft der goldne Sonnenschein In Tropfen an mir nieder, Die Woge wieget aus und ein Die hingegebnen Glieder, Die Arme hab' ich ausgespannt: Sie kommt auf mich herzugerannt, Sie faßt und läßt mich wieder. Du murmelst so, mein Fluß: warum? Du trägst seit alten Tagen Ein seltsam Märchen mit dir um Und mühst dich, es zu sagen; Du eilst so sehr und läufst so sehr. Als mühtest du im Land umher, Man weiß nicht wen, drum fragen. Der Himmel, blau und kinderrein. Worin die Wellen singen, Der Himmel ist die Seel« dein: O laß mich ihn durchdringen! Ich tauche mich mit Geist und Sinn Durch die vertiefte Bläue hin Und kann sie nicht erschwingen. Was ist so tief, so tief wie sie? Die Liebe nur alleine. Sie wird nicht satt und sättigt nie Mit ihrem Wechselscheine. — Schwill an, mein Fluß, und hebe dich. Mit Grausen übergieße mich! Mein Leben um das deine! Du weisest schmeichelnd mich zurück Zu deiner Blumenschwelle. So trage denn allein dein Glück Und wieg' aus deiner Welle Der Sonne Pracht, des Mondes Ruh! Nach tausend Irren kehrest du Zur ew'gen Mutterquelle. Wir fischen am Jungsernhaus. Von Peter Scher. Im Tau des frühen Morgens treffe ich den Beni dort, wo die kleine Attel sich mit dem mächtigen Inn vereint. Hoch am wolkenlosen Himmel steht die Sonne. In einer flirrenden Wärmewelle tanzen Mucken und Libellen über dem Wasser. Möwen kreischen mit kraftvollem Mißgeton, tauchen einen flüchtigen Augenblick ins Wasser und stürzen sich sonnentrunken himmelan. Vom alten Kloster in der Höhe hallt dunkel Gesang von Mönchen. Ein heiteres Glöckchen bimmelt dazwischen. Am Fuß des Berges neben dem Wirtshaus weiden Rinder. Wie ich über die Attelbrücke gehe, sehe ich unten den Beni abseits des Flüßchens bis an die Knie im Sumpf waten. Ich rufe ihm zu. Er wirft nur seitwärts einen scharfen Blick, macht eine lässige Bewegung mit der Hand und beschäftigt sich schon wieder mit seinem Angelgerät. Im Eingang zum Atteltal stehen uralte Weiden. Rundum das sumpfige Wasser wimmelt von kleinem Fischzeug. Kein Lüftchen geht. Die Berge drüben stehen schneeweiß gegen den klarblauen Himmel. Der Sumps liegt still. Wir werden vielleicht Glück haben. Ich steige hinunter. „Grüß dich Gott, Beni!" sagte ich und lege meine Hand in seine große, schwarze, von hellen Furchen durchrillte Klaue. „Petri Heil!" erwidert der Beni mit dem alten Fischergruh. Das bedeutet, daß er den Tag nicht verloren gibt. Im andern Fall das heißt, wenn bewegtes Wasser die Fische in der Tiefe halt verschwendet «r nicht so leicht den Gruß. Ich sehe mir den Beni an. Sein Anzug ist zeitlos. Tausend Jahre zurück, und es wäre kaum ein Unterschied. Ein altes, zerfetztes, lederne Wams, vom Krieg her in seinem Besitz, würde als ^auptbekleidung eine heidnischen Nomaden durchaus denkbar lein. Seine Nase ist ein Adler- lchnabel, der hängende Schnurrbart die Manneszierde eines echten Räubers. Die Brauen sind Büschel, unter denen verschmitzte Luchsaugen ouf Beute lauern. Gleichwohl hat der Mund einen gu mutigen Zug, der überdies Anlage zu Humor verrät — wenn auch gelegentlich mii 2io= lchweifung zu scharfem Spott. , t _. . . „ Der Beni sieht meinen neugierigen Blick nach dem Netz, In dem er die Fische zu sammeln pflegt. Es liegt im Schilf versteckt. Er wt scheinheilig so, als ob er mißvergnügt sei, weil er nichts gefangen habe. Ich kenne den Beni und spiele mit. .. „Du wirst dir für nichts und wieder nichts das schönste Gliederreißen holen", sage ich, auf seine nackten Beine zeigend. „Oho — einen alten Schuh hab' ich gefangen! .er heuchlerifch grimmig. Aber da verdirbt die Natur ihm das Spiel; ein Hupfen des Netzes beweist, daß er lügt. Ich ziehe es aus dem Schilf. Ein dreipfündiger Huchen und ein ebenso schwerer Eitel sind darin. Ein silberner Blitz zuckt durch die Maschen. Der Beni lacht, daß es weithin schallt. „Da muht du früher ausstehen, wenn du mich mit leerem Netz erwischen willst!" sagt er überlegen. „Aber jetzt an den Fluß — du wirst Augen machen, mein Lieber!" Er nimmt das Netz hoch, und wir waten durch den Sumpf ans Ufer der Attel, schreiten slußauswärts tiefer ins Tal und halten am ersten Gehölz, aus dem es tausendfältig schmettert, jauchzt und {lottert, daß es eine Lust ist. Ein Vogelparadies. Junge Stare machen die ersten Flugversuche. Grasmücken, Finken, Drosseln — alles musiziert wie närrisch durcheinander. Dann und wann taucht schneeweiß eine Möwe auf, Pirole flöten, ein aufgescheuchter Fischreiher hebt sich beleidigt in die Luft. Tiefer im Gehölz hämmern Spechte, ein Kuckuck ruft. Es ist, als ob nie eines Menschen Fuß das Tal betreten hätte. „So", sagt der Beni, und ich sehe ihm an, wie wohl ihm in dieser Umgebung ist, „jetzt wollen wir einmal fischen, mein Lieber!" Er hängt das Netz mit den Fischen in ein Wasserloch aus der Sandbank. So bleiben sie lange frisch. Niemals tötet er sie gleich. Wir nehmen die Büchse mit den Ködern und gehen langsam, einer nach dem andern die Angel auswersend, ein Stück flußauf. Die Sonne liegt prall auf dem braunen Moorwasser der Attel, die Fische schmeißen sich wie toll empor. Cs planscht und plätschert, wie wenn übermütige Kinder baden. „Eine Kleinigkeit, bei solchem Wetter zu fischen!" sage ich vermessen. „Für mich schon!" knurrt der Beni mit einem verdächtigen Zug um den Mund. „Da — schau her!" Schon hat er wieder einen an der Angel. Er nimmt ihn ab, wirft aus, zieht ein und hat abermals einen. Ihm hilft der Petrus, aber mich läßt er im Stich. „Zeit lassen!" sagt der Beni. „Du bist immer noch viel zu hastig, mein Lieber!" Ohne „Zeit lassen" und „Mein Lieber" kommt der Beni nicht aus. Aber ich bin gar nicht so. Soll er sich nur die Hände reiben. Es genügt, wenn einer für zwei Glück hat. Der Beni ahnt ja nicht, wieviel mehr ich vom Zuschauen und von seiner Freude an der Sache habe. Auf einmal legt er, der feine Augen überall hat, die Angel hin, tut den Finger an den Mund, daß ich still fein soll, und macht mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Wir schleichen zurück nach dem Wasserloch, in dem er seine Fische untergebracht hat. Wir ducken uns und beobachten ein aufregendes Schauspiel. Ein mächtiger Rabe sitzt am Rand des Wasserlochs und hält sich mit zu Boden geneigtem Kopf mäuschenstill. Da sehen wir einen der beiden Fische silbern an der Oberfläche des Tümpels, und im selben Augenblick hat der Rade mit dem Schnabel wie mit einem Schwert zugestohen. Nun ist der Beni nicht mehr zu halten. Mit einem gewaltigen Fluch springt er auf und stürzt vorwärts Schon ist der Rade davon. Sein Schnabelhieb hat den Fisch auf der Stelle getötet. Hinter den Kiemen klafft die Wunde. Der Beni droht dem Raben, der gar nicht weit weg auf einer Erle lauert, mit beiden Fäusten. „Du schwarzes Satansvieh!" brüllt er. Seine Augen sind mit einemmal ganz tückisch. Aber gleich bricht er in ein hämisches Gelächter aus und tanzt wie ein Wilder umher. „Bäh!" macht er und streckt dem Raben wie ein höhnender Bub die Zunge heraus. „Gut gearbeitet hast du — für mich! Du Satansrachen, du verdammter!" brüllt und jubelt er, weil er den Raben übervorteilt hat. Es ist sonnenklar, daß der Räuber geschlagen ist. Dem Gegner Arbeit leisten, die Beute nicht bekommen und obendrein sich verhöhnen lassen müssen, ist bitter. Mit heiserem Geschimpf und tiefverstimmt (liegt der Vogel davon Wir gehen wieder an den Fluß zurück und fischen weiter. Der Beni fängt in zwei Stunden mehr, als er tragen kann — ich nichts. Weiß der Henker, woran es liegt. Aber ich bin keineswegs unzufrieden, zumal mein Kamerad gutmütig fo viel von feinem Ertrag herschenkt, daß ich mehr habe, als ich brauchen kann. Er weiß schon, der Schlaue, daß drüben im Jungsernhaus ein Frühstück folgen wird, für das ich aufkomme. Nun packen wir unsere Sachen zusammen und suchen uns einen schattigen Platz im Vogelparadies. Wir liegen lang und rauchen unsere Pfeifen. Das Konzert um uns ist mit steigender Sonne noch vielstimmiger geworden. Wie in gotischen Gängen hallt es unter den Erlen. Wir rauchen und dösen. Manchmal stellt der Beni unvermittelt eine tiefsinnige Frage, wie etwa, ob ich glaube, daß in der Arche Noah auch Gemsen aufbewahrt worden sind, und wenn ja, wie sie unter fo erschwerenden Umständen mit dem Klettern zuwege gekommen sein mögen. Ich beantworte seine Fragen treuherzig und mit tiefem Ernst. Allmählich kommt er mit Arglist auf das Jungfernhaus zu sprechen, und wenn ich es nicht als selbstverständlich angenommen hätte, jetzt weih ich es sicher, daß er durstig ist. Um ihn zu necken, tue ich aber, als merke ich es nicht, und nun wird er zunehmend begieriger, sich wenigstens im Gespräch mit dem Wirtshaus zu beschäftigen Jungsernhaus heißt es, weil es von drei Schwestern geführt wird __ eine hübscher als die andere. Kein Wunder, daß die Männer von weit und breit kommen, um sich die bezaubernde Landschaft anzusehen. In seiner quälenden Sehnsucht nach dem Frühstück gibt mir der Beni einen Abriß der Familiengeschichte der drei Schwestern Sie haben einen älteren Bruder, der viele Jahre zur See gefahren ist und die ganze Welt bereist hat. Aber seit zehn Jahren hat er nichts mehr von sich hören lassen. Zuletzt war er drüben in Amerika. Ich höre mit einem Ohr zu und lausche mit dem andern dem Flöten eines Pirols. All- mählich fallen uns beiden die Augen zu. Ich erwache von einem kräftigen Gerüttel. Der Beni sieht mit vor- wurssvollem Blick auf die Uhr und sagt streng: „Brotzeit!" „Aus zum Jungftomhaus!" sage ich vergnügt, denn ich fühle mich wunderbar frisch nach dem Schlaf im Freien. Im Wirtshaus begrüßen uns die drei Schwestern. Zwei sind blond, eine ist schwarz. Der Iägersepp ist auch da. Er scheint, daß er es mit der jüngeren Blonden hat. Ein großes Hallo ist zwischen ihm und dem Beni, der vielleicht die Schwarze nicht ungern sieht. Möglich, daß sie noch einmal verschwägert sein werden. Einstweilen trinken sie die erste Halbe auf die fröhliche Begegnung. Wie ich in der Wirtsstube das Bild des verschollenen Seemanns betrachte, erfahre ich eine große Neuigkeit. Ein Brief ist gekommen — vor drei Tagen — aus Amerika. Der Bruder hat sich wiedergefunden. Endlich! Er ist gesund und es geht ihm gut. Die ältere Blonde erzählt mir, wie es war. Da am Schanktisch, haben sie gestanden, als der Brief mit der freinden Marke kam. Die Hände haben allen dreien gezittert, als ihn die eine geöffnet hat. Und dann haben sie laut geweint vor Freude — alle drei. Nun also — schön. Ich gratuliere. Ja, auch von der Schwägerin fei ein Bries dabei. Aber den könne niemand lesen, nicht einmal der Herr Pfarrer — weil er englisch geschrieben sei. Die Schwägerin sei Amerikanerin und könne gewiß nicht Deutsch. Ich lese den Brief deutsch vor, und alle drei Mädchen staunen mich wie ein Wunder an. Auch der Fischerbeni und der Iägersepp haben Respekt vor meiner Weisheit. Ja, meine Herren — unsereiner kann auch aufwarten, und wenn er zehnmal ein schlechter Fischer ist! Gebläht von Hoffart stehe ich da Nun werden wir sehen, ob ich nicht doch ein Fischer bin. Ich werde meine Angel auswerfen. Soll es die junge Blonde, soll es die Schwarze sein? Ich denke, ich werde es am besten bei allen dreien versuchen. Wir machen nun Brotzeit, wie es Männern ziemt, die der Fischerei und Jagd obliegen Wir trinken, daß es eine Art hat, und singen dann alle zusammen das schöne Lied: „Mariechen saß einsam im Garten, Im Schoße, da schlummert ihr Kind, In ihren schwarzbraunen Locken Spielt säuselnd der Abendwind." Der säuselnde Abendwind ist ja recht schön, aber doch zu angreisend wehmütig. Der Iägersepp stimmt darum ein anderes Lied an, und das geht schon besser: „Schätzers, i sieh es scho', du magst mi nimma, Du host an andern Schatz in deinem Zimma, Du tuest» aus lauta Lieb herzn und küssn, Gibst ihm, wennst essn tuest, den letzten Bissn, Du wirfst di wegn seiner halt immer in Putz, I siehs, du tuest ma grob alles zum Trutz. Glaubst denn, jo wos ton mi kränka? Nöt? Gott bewahr, nöt amol denka. Glaubst denn, so was ton mi kränka? Nöt? Gott bewahr, gar nöt denka." Trinken und Singen macht warm. Der Iägersepp und der Fischerbeni bemühen sich handfest um ihre Schönen. Doch siehe da, sie zappeln an meiner Angel — eine nach der anderen. Aber ich nehme sie behutsam von der Angel und lasse sie in ihr vertrautes Element zurückgleiten. Ich will ja nicht den bösen Raben spielen. Grüß euch Gott, ihr Mädchen! Wie ich mit dem Beni den Inn entlang heimwärtsgehe, sind wir nach allen diesen Taten und Erlebnissen munter wie junge Hunde. An einer Wegbiegung verabschiedet sich der Beni, und ich sehe noch lange seine hohe Gestalt gleich der eines sagenhaften Nomaden bergan und immer weiter aufwärts steigen, bis sie, mit grüßend emporge- worsenem Arm auf der Höhe angelangt, ganz plötzlich in den Horizont hinein verschwindet. Ein Schulfreund. Von Hermann Claudius. Kolluhn hieß er, Max Kolluhn. Ich besuchte die dritte VolksschuMasse in der Osterstraße, als Kolluhn hinzukam. Er war so mager und blaß wie ich und etwas kleiner. Sein Haar hing ihm wie ein hellgelbes Strohdach über die Stirn und in den Nacken. Seine Augen lagen tief. Ulenogen — Eulenaugen — sagten die Mitschüler dazu. Ich kümmerte mich zuerst wenig um den Neuen, saß auf der ersten Bank und wußte, was das bedeutete. Dann kam die Zeichenstunde, und jemand sollte eine Milchkarre an die Wandtafel zeichnen. Herr Sierck meinte, die ewigen Tabellen seien langweilig, und versuchte es auf seine Art. Ich hielt meinen Finger hoch, obwohl die Milchkarre eine heikle Sache war. Unser Milchmann Sellhorn fuhr einen Milchwagen mit einem falben Roß davor. Den kannte ich gut und wollte ihn wohl hinkriegen. Aber die Karre? Da sagte Herr Sierck: „Sieh da, der Neue, Kolluhn, nimm die Kreide!" Und Max Kolluhn, der Neue, geht an die große schwarze Tafel, vor der die meisten von uns einen Heidenrespekt hatten, und sängt an zu malen. Ich wartete mit heimlicher Genugtuung, daß es nichts werden würde und daß ich dann herankäme, es richtig zu machen. Aber der kleine Kolluhn stand und führte das weiße Stück Kreide mit seinen hageren Fingern Strich um Strich und wischte nichts wieder weg, was falsch geworden war, und malte die Räder und die beiden langen Tragstangen mit den Haken und den Eimern und Kannen daran und malte den Flaschenkasten mit dem Deckel und ja — wahrhaftig — er malte jetzt den Hund, der die Karre zog. Man sah ordentlich, wie er sich ins Geschirr legte und wie ihm die Zunge yercmslstng. „Und der Milchmann?" — sagte Herr Sierck und hatte leuchtende Augen wie immer, wenn er sich freute. \ Haha! dachte ich noch einmal — das kann er nicht! Aber siehe: auch der Milchmann kam Strich um Strich auf die Tafel, wie er sich in den weißen, ausgekrempelten Hemdärmeln halb auf die Karre stützt und halb die Beine nachbaumeln läßt. „Das ist aber fein!" sagt Herr Sierck und streicht dem Neuen über seinen hellen Haarschopf. Der behält aber fein trauriges Gesicht, als sei nichts geschehen. Ich saß und fieberte. Im Zeichnen — aber im Rechnen? — Ich erlebte, was ich hernach hundertmal erleben mußte: daß mich einer in meinem Lieblingsfach überrannte und gar nicht einmal zu merken schien, daß ich am Boden lag. Ich sah seither Max Kolluhn böse an und mied ihn. Heimlich aber gingen meine Blicke immer wieder aus sein schmales Eulengesicht zurück. Ich hatte den Kolluhn lieb; ich wußte es nur noch nicht. Danach kam bald der Tag, der es mich lehrte. Weil der Neue still und verschlossen war, und weil seine große Gabe, alles, aber auch alles hinmalen zu können, den Mitschülern unheimlich wurde, so befehdeten sie ihn, wenn nur irgendein Grund dazu vorhanden fein mochte. Namentlich seit er Barbarossa in seiner Höhle gezeichnet hatte samt den Zwergen und den schlafenden Rittern und den schwarzen Raben, die um den Berg herumflogen — und seit alle Lehrer der anderen Klassen hereingekommen waren und sein Werk gebührend bestaunt hatten, waren sie ihm spinnefeind. Eines Tages — es war an einem Sonnabend eben vor Schulschluß — hörte ich, daß einige dem Kolluhn aus dem Nachhauseweg auflauern und ihn gehörig durchprügeln wollten. Warum? Den Anlaß habe ich vergessen; aber der wahre Grund war seine sonderliche Art und seine immer traurigen Augen, die den anderen unverständlich waren und sie reizten. Ich weiß nicht, wie ich dazu kam. Ich mochte doch den Kolluhn nicht. Ich haßte ihn doch, meinte ich. Aber ich hielt mich auf dem Heimwege, den wir einen Teil gemeinsam hatten, an seiner Seite. Und richtig. An der Ecke vom Hinschgang ging es los. Steine flogen. Und als wir uns nicht darum kümmerten, trat der lange Festing heran und warf Kolluhn die Mühe vom Kopf. Kolluhn sah den Festing mit seinen traurigen Augen an und hätte am Ende die Mütze gar nicht wieder aufgehoben. Ich bückte mich und hob sie auf und sagte mit der Gewalt eines, der auf der ersten Bank faß: Sie jollten Kolluhn in Ruh lassen. Da lachten sie alle miteinander los und fingen eine lange Hänfelei an, immer dicht hinter uns beiden her. Ich wäre meiner Natur und der Schnelligkeit meiner Seine nach am liebsten ausgerückt. Aber Kolluhn ging seinen gewohnten Schritt mit vorgeschobenen Knien weiter. Da gab ihm der lange Festing, unser Stärkster, einen harten Knuff in den Rücken, daß dem Kolluhn seine Schulsachen, die er lose unter dem Arm trug, auf die Straße folterten. Ich bin nie mutig gewesen, was körperliches Sichwehren angeht; aber diese offenbare Herzlosigkeit der Bande fetzte mich fo in Wut, daß ich meine eigenste Natur vergaß, meine Butterbrotdofe vom Hälfe riß und damit wie rasend auf den langen Festing und die sonst noch in seiner Nähe waren, loshieb. Ich hatte Glück und traf Festing so, daß ihm das Blut gefährlich aus der Nafe schoß und er sich um feine blutende Nase und zunächst nicht um mich kümmern mußte. Sonst wäre es mir sicher schlecht ergangen. Zu meiner großen Verwunderung blieben auch die übrigen Helden plötzlich zurück, so daß Kolluhn und ich bald aus Sichtweite und geborgen waren. Von jener Stunde an waren wir Freunde, ohne daß es eines Wortes bedurfte. Kolluhn — ich blieb merkwürdigerweife bei feinem Nachnamen — besuchte mich seitdem oft. Seltener ging ich zu ihm. Sein Vater war Schuster und wohnte in einem tiefliegenden Keller, der feucht und dunkel war und mir wie ein Gefängnis vorkam. War Kolluhn bei mit, so hockten wir eng beieinander und malten. Lange Jahre habe ich dicke Rollen weißer Papierbogen aufbewahrt gehabt, die auf beiden Seiten mit allem Möglichen und Unmöglichen bemalt waren. Mein guter Vater brachte sie uns heimlicherweise aus feinem Büro mit — wahrscheinlich, weil ihm unfet Eifer sonst zu teuer gekommen wäre. Auch rote und blaue Kreidestifte gab er uns. Sie waren fehr fchwierig anzuspitzen und brachen oft im letzten Augenblick wieder ab. Bei diesem gemeinsamen Zeichnen war ich es, der die Einfälle hatte, was wir malen wollten, war es Kolluhn, der unentwegt loszeichnete und um jede Einzelheit — auch in den verwickelsten Dingen — Bescheid wußte. Ich muß sagen, daß ich immer weniger zeichnete und immer mehr nur angab und in Worte über das ausbrach, was Kolluhn malen sollte oder sertig- gebracht hatte. Plötzlich blieb Max Kolluhn weg. Er blieb in der Schule weg. Er kam nicht mehr zu Besuch. Max Kolluhn — hieß es — läge krank. Er lag lange krank. Ich weiß nicht, warum ich ihn all die Zeit nicht besucht habe. Aber ich habe es nicht getan. Ich war nun wieder Held in der Klasse, der alles zeichnen konnte. Und ich spürte wohl, wieviel ich hinzugelernt hatte. Aber ich muß dennoch sagen, daß es mir wenig Freude gemacht hat, wenn auch Herrn Siercks Augen mich anstrahlten. Und bann hieß es: Max Kolluhn ist gestorben. Wir sammelten in der Klasse zum Totenkranz. Auch die ärgsten Schreier hatten ein stilles und ungewisses Gesicht. Als der Tag war, da sie ihn hinaustrugen, war ich nicht dabei. Ich lag zu Bett und fieberte und phantasierte — ob es schon unmittelbar mit dem Kranksein und Sterben des Max Kolluhn nichts zu tun haben mochte. Als ich nach vier Wochen wieder in die Klasse kam, war Max Kolluhn schon längst vergessen. Und wenn es etwas Besonderes an die Wandtafel zu zeichnen gab, fo rief Herr Sierck wieder wie früher meinen Namen. Sobald ich aber vor der schwarzen Tafel stand und die weiße Kreide in der Hand hielt, war es mir immer, als stände Max Kolluhn neben mit und ich müßte ihm sagen, wie ich es mir dächte und ihm die weiße Kreide in feine Hand drücken, daß er es zeichne. Und ich hatte eine große Sehnsucht nach seinem schmalen Eulengesicht mit den traurigen Augen und sah sie nachts im Traum und sprach mit ihm und war traurig, wenn ich aufwachte. Und zeichnete immer weniger und weniger auf die Tafel oder auf das Papier hinauf — und malte mit alles nur im Kopfe aus. Und diese Bildet waten die allerschönsten, und ich trug sie fröhlich und heimlich mit mit herum. Und hinter manchem von ihnen sahen wie durch einen Nebel zwei traurige Eulenaugen hervor: die meines Freundes Max Kolluhn, der gestorben war. Verantwortlich: vr. HansThyriot. — Druck undBerlag:VrühljcheUniverfitätsdruckereiR.Lange, Gießen.