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Ich aber hielt ihre Hand umschlossen. Ich ließ nicht los — die Fähigkeit dazu war nicht vorhanden. Heute noch, wo ich seit fünfundzwanzig Jahren diese meine Hand nicht mehr habe, fühle ich in ihr Knöchel und Finger, die ganze warme, zarte, leichte Gliederung ihrer Hand. Also saßen wir nebeneinander und hielten uns — wie lange mag es gedauert haben? So lange, bis sie mit Kopf und Hals eine nicht zu be- schrelbende Bewegung machte, die nur sanft war. Da tat meine Hand sich auf. Vor meinen Augen war ein Gezuck und Geflirr von Lichtern und geröteten Gesichtern, über denen bunte Helme und Kappen tanzten. Mit einem Geprassel und Geknatter von Stuhlbeinen hob sich das alles nach oben, auch ich mit und verbeugte mich sinnlos nach allen Seiten. Den übrigen Abend, wenn ich auch alles tat, was von mir verlangt wurde, blieb mein Wesen gelähmt. Ich war eine Wolke, in der mitten eine ungeheure verzauberte Gewalt sah, ein schlafender Riese, mit versiegelten^ Lippen, der vom Zeh bis zum Scheitel Gesang war. Ein Wimpernzucken — und er hätte die Erde in Jubel ertränkt. Ihr kam ich bis auf fünf Schritte nicht nah — geschweige daß ich hätte mit ihr tanzen können — und wozu auch? Sie war das Bild: die Wirkliche hielt meine Hand umschlossen. Doch waren sie und ihre Figur" dergestalt miteinander verbunden, daß ich diese Figur" sah, wo immer sie ging und stand, auch hinter dem Rücken. Ich war ihr verschmolzen. Kluge Leute gibt er ja heutigen Tages, die herausgesorscht haben, daß alle Erscheinungen des Lebens im Sexus wurzeln; was aber nicht danach aussehe, was tn den sublimierten Höhen von Seele und Geist vorzugehen scheine, das fei Illusion. Ich will hiergegen nur die Frage tun, was mich in jener Nacht bewog, beim Berlassen des Hauses sogleich meine Augen zu erheben und dazustehn — unter den Leuchten des Firmaments, wie vom Donner Ä. Diese Sterne waren in dem Augenblick aus meiner Knaben- ach dort oben hinaufgesprungen. Mein eigenes gestirntes Inneres sah "mich vom Himmel aus an und sagte: Nun bist du; von heute an bist du da. Und ich war kein Knabe mehr, sondern Mann, ein ganzer Mensch, zu der Urdoppelheit ergänzt, die das All erfüllt, und reichte so an die Sterne. Der gestirnte Himmel über mir — und das Gesetz in mir — sch hatte sie beide. Und ich frage nur an, wie sie in dem Augenblick in mich hmeinkamen. v Oder könnte es sein, daß vielmehr ich es war, der hmeinkam Fügung und Wendung. Liebe Kinder, ich bin wohl viel zu ausführlich geworden. Alte Leute, wenn fie sich erinnern, werden sie ja geschwätzig. Interessiert es euch überhaupt? Dich, Luise, vielleicht, du stehst noch zwischen den Zeiten. Aber du, Wolfgang, Jahrgang 1901, hast dich bereits entschieden, du arbeitest im neuen Bau, du stehst oben auf schwankem Gerüst und hast bitteren Wind in der Nase. Nur zu, mein Junge, kümmere dich um nichts. Aber sei so gut, leih mir für eine Minute deine Kelle. Da unter deiner Türschwelle entdeckte ich ein Loch, und wenn du nichts dagegen hast, lieber Sohn, will ich diese kleine Kapsel hineinversenken. Und wenn tman einmal nach unzähligen Jahren auch dein Haus einretßen wird, um ein neues dafür zu errichten, so wird man villeicht die Kapfet uno darin etwas unkenntlich Verdorrtes finden. Aber ein Duft steigtaus — den kennen die Menschen, sie sagen: /Das ist nicht neu; das blüht hier auch überall; das blüht immer*. Also laßt mich noch fortfahren eine Weile. n , ,. ., Damals war März; es verging beinah ein halbes Jahr, bis ich bet einem Morgenritt in den Lindenalleen, die von unserer Kaserne, vorn Königsworther Platz aus in vierfacher Reihe nach Herrenhaufen fuhren, einen Primaner meines Lyzeums sitzen sah den ich kannte, und wem Roß vor ihm zügelte. Friedfertig saß er auf seiner einsamen Bank und betrachtete mich anerkennend. Er sagte zu mir: »Ein Kilometer gleich tausend Meter gleich zehn Junten. „Herrenhäuser Allee"", erwiderte ich, „gleich zwei Kilometer gleich zwanzig Minuten.'" , „, ™ „ Dies war der Anfang einer Tabelle geographischer Muße und Mfern, •k sich vom trauten Heimatort über all« Erdteil« in da» Unioerju spannte. In unsere Köpfe waren sie so hineingehämmert, daß zweie von uns am Nordpol und in Tibet, unter jeder Verkleidung, mit ihren ersten Sätzen als Gleichgeschundene der Jugend einander erkennen konnten. In der Sonne sich räkelnd, erzählte er mir, ihm wäre in der Klasse ganz schlecht geworden, so daß er ins Freie habe eilen müssen, um sich da zu erfrischen. Es ging ihm auch schon viel besser, er aß sein Wurstbrot, das er nicht vergessen, mit Appetit und sagte, auf diese Weise schöpfe er Kraft zu sportlicher Höchstleistung beim morgigen Schulfest. Und er lud mich großmütig ein, daran teilzunehmen und vielleicht auch mit einem Muskel zu trillern, indem er sagte: „Gymnos heißt aber nicht nackt, sondern leicht bekleidet".'" Wir lachten — er hoffend ein Jahr voraus, ich versonnen ein Jahr zurück. Wurden noch Schulfeste gefeiert? 2teroberte die Welt sich nie? Dieses Schulfest, das alljährlich im August an einem schönen Tage im Tiergarten vor sich ging — einem mehrere Stunden von der Stadt entfernten Wäldchen, in dem Damwild gehegt wurde —, ist wohl für viele Schülergeschlechter die goldengrüne Oase in jahrzehntbreiter Sand- wüste geblieben. Zu meiner Zeit noch mit der Eisenbahn fuhren die Klassen, zwölf mit der Vorschule, mit ihren farbigen Mützen und seidenen Fahnen hinaus, marschierten von der Station zum Wäldchen und hindurch zum herzanschwellenden Einzug auf die weite Wiese vor dem Forsthaus, wo sie, im Kreis der schon wartenden Angehörigen zum Ringe geschlossen, .Gaudeamus" fangen. Ach, dieser eine Nachmittag im Jahr war Freiheit, Frohsinn und Stolz auf die Gemeinschaft, die sonst eine Zwangsinnung von Kulis war. Hier konnte selbst der geistig Kummervollste einen Ausgleich finden im Weitfprung ober im Diskuswurf. Denn nach dem Kaffeetrunk mit den Anverwandten unter großen alten Eichbäumen rings um die Wiese — die farbigen Seidenfahnen lehnten nun, leise Falten schlagend, an Pfosten, die rund um den Rasenplatz Girlanden von Tannengrün und bunten Lampions hielten —, fingen bald die Wettspiele an, auf Rasen jenseits der Eichen, jede Klasse für sich, die Primen im olympischen Fünfkampf. Später war Preisverteilung mit schöner Rede des Primus omnium auf der Freitreppe des Forsthauses; es gab Lorbeerkräroze mit f eiben en Schärpen in ben Klaffen- farben — weißrot, grünrot, weißblau —, die aber von den Kränzen genommen und auf die linke Schulter geheftet wurden. Das war ein Stolz, das war ein Sommer und Glanz und Gefchwelltheit, Mädchenkleider und weiße Kieler Blusen, breite Brustschärpen der Fahnenträger und Gold- fransen und keine Angst vor Unpräpariertheit. In den Eichbäumen rauschte Nachmittagsleuchten, in der Himmelsbläue stand lächelnd eine ewige Minute, 400 junge Kehlen fangen Deutschland über alles, mannhaft und ernst. Gleich nach Dunkelwerden begann das Feuerwerk auf der Waldwiese, das mit einem riesigen flammenden L fein Ende nahm; die Menge löste sich mit Beifallsgeschrei auf, die Kleinen fuhren bald heim mit den Ihren — sie zogen mit schimmernden Lampions durch die Waldesnacht zur Station —; für die Großen nahm der Tanz im offenen Zelt, nahm das eigentliche Fest feinen Anfang. Die Polonäse auf der Wiese, die ewige Klarinette, die in vierzehn Jahren immer wieder- kehrerode Melodie — ich kann fie noch heute flöten. Diese goldengrüne kleine Oase: vierzehnmal nacheinander erlebt, hatte sich Mal aus Mal aUfeinanbergelegt und ineinandergepreßt wie zu einer harten goldenen Münze, unverlierbar im Schrein des Gedächtnisses. — Damals freilich war sie noch nicht verhärtet, sondern noch blumig frisch. Wenn ich nun auch ein freier Mann war, der die Festtagsfreiheit vom Schulzwang nicht mehr erleben konnte, so fühlte ich mich doch verlockt, noch einmal dabei zu sein, zu sehn, ob noch alles so war. Denn das war die dumme kleine Bewußtseinserscheinung, die der Schicksalswink in mir annahm. * Als ich nämlich, unter den Primanern hinausgefahren, auf den sonnig offenen kleinen Bahnsteig sprang, traute ich meinen Augen nicht. Dem, da stieg sie Ulrike Sosie, aus einem unfernen Abteil, einen fetten, blonden, kleinen Pöx an der Hand, der ihr Neffe war. Dies kam so, daß ihre verheiratete ältere Schwester, bei der sie wieder einmal zu Besuch mar, ihren Sprossen mit fünfzig anderen Knirpsen seiner Klasse unter der Obhut nur eines Lehrers ben Gefahren einer Bahnfahrt nicht aus- zusetzen wagte — im Jahr 1887 —, selber aber bettlägrig war. So nahm die Schwester-Tante die Beschirmung auf sich, und da noch andere Mütter ähnlich fürchteten, schloß sie sich mit der Gouvernante einer befreundeten Familie zusammen; denn sie mußte ja für sich selbst einen Schutz haben. Beide zusammen, war auch die Gouvernante schon dreißig alt befanden sich aber in der Hut des Lehrers, der ein schöner Greis mar. Er hieß Ahrens; für eine löbliche Arbeit küßte er uns. So war eg damals. Ihr glaubt es nicht. Wäre es aber nicht so gewesen, so hätte meine Mutter mich ja in das Lichterfetder Kadettenkorps stecken können, statt ins Lyzeum in Hannover. Ein halbes Jahr la« dazwischen; wie — fragt ihr — hatte ich das I verbracht? Bejammerte ich jeden Tag und jede Stunde, die mir ferne von ihr vergingen, und zitterte ich vor Ungeduld, sie zu suchen und zu ihr zu gelangen? (Kein Schatten davon, kein -auch Ich war ahnungslos wo" sie weilte, ob überhaupt noch in der Stadt.) Fragte ich mich tausendmal, ob auch in ihr etwas vorging an jenem Abend, ab sie meiner gedachte, und prüfte ich ebensooft ihre Haltung, ob irgendein Zeichen für mich sprach? Gab ich mich der Verzweiflung hin erschoß ich im Traum ihren Verlobten, verglich ich meinen und ihren Stand, ihre Hohe und meine Tiefe, und starrte ohne Trost in den Abgrund? Wohl — wohl — es kam vor, es gab Augenblicke des Erzitterns und gab Minuten fliegenden Traums, in denen sie mir erschien, neben mir sitzend; und ich sah die Bewegung ihres Halses und Kopfes wieder . — io daß mir der Atem ausblieb —, mit der sie mir anzeigte, daß ich ihre Hand nicht in alle Ewigkeit festhalten konnte Dann bebte meine Welt vom Herzen aus in Wogen von Angst und Gluck, und von unbeantwortbaren Fragen regnete ein Sternschnuppenschwarm. An trüben, grauen Tagen, in der schleichenden Oede des Dienstes, in der Leere des Kameradengeschwätzes, an einsamen Nachmittagen da sank auch ich I itim uniformierten Gemachte aus Lehm herab, das in seiner hilsiosen I Tonigkeit übel knirschte. Allein, das war's nicht, was galt. Sondern was galt in jenen Monaten, war das Glück allein, daß sie lebte und war, mir ein Gold in den Adern, eingerieselt aus ihrer durch meine Hand. Sie, wie der Märztag kühl, unanrührbar wie solch ein Tag ein Wesen von unermeßlich andrer Art, weiblich, noch hundertmal zarter gebildet, als ich derbe und stark war, im Vergleich zu mir gar kein Mensch: daß sie war und ich es wußte, und daß sie nun unbegreiflickerweise in meiner Sphäre war, ein in mir schwebendes Wunder — seht, liebe Kinder, das war's. Das erfüllte mich ganz; das erhob mich auch in den schattenlosen Raum einer fraglosen, glänzenden Freude. Ich war em Stuck gewesen und heil geworden, war teer gewesen und nun gefüllt. Ich liebte, ich war ein Mensch. Davon bekam mein Tag feinen Sinn, der Morgen einen Glanz, der Abend eine Tiefe, und der StaWienst, das Exerzierreglement und die Reitvorschrist, das wurde alles durch das eine Licht richtig und gut und ein nötiger Dienst am Leben. ,Was geschiehet, es fei alles gesegnet dir, alles zur Freude gewandt.' Ja, und em Hufnagel im sonnigen Sand, das Aufflattern einer Mähne, ein Steigbügel und eine Schnalle am Sattelgurt — winkten mir eine Gemeinsamkeit zu, in der ich ihrer froh war wie sie meiner. . , Unsere Dinge in Licht und Schatten sind, wie bte„ Sonne sie zeigt. Wer entzündet aber die Sonne? Dein Auge. Und wer öffnet dein Auge? Dein Herz. Ziehe dein Herz groß, so wachsen alle Dinge ihm nach. Das aber gibt einer Freude den vollkommenen Schimmer, wenn über ihre eine andere, ahnbare, höher mögliche Freude sicht. Das war die Ahnung eines Wiedersehens — und da ging ich an ihrer Seite. Jener Knirps war nun unter seine Kameraden gereiht, und wir brauchten ja nicht die Ausstellung der Klassen und den Abmarsch abzuwarten. Also machten wir uns davon, plötzlich zusammen in einer Befreithett von Gesellschaft und Menschen, die selbstverständlich war wie Natur. Warum ging sie mit mir? Nun, sie tat es. Es genügte doch wohl, daß sie neben mir war — wenn ich sie euch beschreiben soll: in einem grünen flachen Hütlein, das dazumal allerliebst' genannt wurde und von der hinten aufgetürmten Frisur fast stell nach vorn in die Stirn faß. Darunter war ihr Gesicht 'm Schatten eines roten Sonnenschirms, umhaucht und zart von dem Schatten. Ihr Kleid endlich, von feinem weißen Wollstoff, hoch am Halse geschlossen, hatte dort eine grüne Rüsche und grüne Aerrnel- auffchläge und grüne Bandrosetten links und rechts neben den Knien. Dort hatte es die neueste Mode in vielen Falten querüber gespannt, und dort wie an Hüften und Brust umschloß es die Gestalt äußerst und plastisch knapp, so daß sie die Knie kaum und die Füße nur zu kleinsten Schritten bewegen konnte. Dabei kamen unter den schlängelnden Rock- volanls kleine Knvpsstiesel hervor, die goldengrün, von Goldkäferleder, schimmerten, bis der Staub des Weges sie weihte. Dies war nun an einem glühenden Augusttage die weibliche Kleidung. Kinder — Ich mochte wirklich, daß ihr uns gehen sähet — keinen jungen Kriegsgott und Nike an feiner Seite mit dem purpurnen Sonnenschirm, sondern so wie wir waren und immer sein werden, sie in ihrer verschollenen Tracht und mich in dem Räuberzivil aus grauem Kammgarn, das schon von Schulbänken blank war, so bekleidet von unserer Zeit. Kleider machen keine Leute, aber Leute sind sie ohne die Kleider auch nicht. Und sehet auch unendlich rund um uns her die Sommerweiten der Wiesen und des bräunenden Korns, rote Tupfen des Mohns, und vor uns ferne das kleine hügelrunde Wäldchen des Tiergartens mit fonne- glühenden Wipfeln, unten in rote Mauer gefaßt, und über allem die glühende, tiefe Bläue der Kuppel: ewige Gestalten sind es doch, die ihr seht, menschenklein unter dem Sommerhimmel, von Anfang her ein Paar, myriadenmal fchon verwandelt in Tracht und Gestalt, um in andrer Gestalt myriadenmal den gleichen Erdweg zu gehen. Sie ging neben mir rechts, und sie war auch neben mir links. Rechts wirklich mit Sonnenschirm und Hut, links ein zarter Schemen, ohne Hut und mit bloßen Schultern, weder gehend noch sitzend — schwebend wie vor einem halben Jahr an der Tafel und mit der angehobenen Hand, die von meiner umschlossen war. So blieb es den Nachmittag lang, da ich keine Minute von ihrer Seite wich, bis wir bei den Wettspielen der Jungens, von einem Platz zum andern schlendernd, zu den Primanern gelangten, die eben zum Diskus griffen. Da erging es mir denn, wie es dem Odysseus erging bei den ruderliebenden Phäaken. Sie waren zwar nicht wie jene — gymnos, das heißt leicht bekleidet und mit Wacholderöle gesalbt, sondern — nur ohne Rock und Weste in ihren langen Anzughosen und Trägern, mit der einzigen sportlichen Ausrüstung brauner Turnschuh. Was sie taten, stand auch in keiner Beziehung zu Weltrekorden, und wer von ihnen Sieger würde, wußten sie vorher^ Auch verhöhnten sie mich nicht wie den fremden Dulder, aber sie reichten mir höflich die schwerste der eisernen Scheiben — ich kannte sie, benutzt wurde sie niemals —, und ich warf recht gerne den Rock ab. Und wahrlich, ein Schauer zog über alle, die es mit ansahn, wie die Scheide aus meiner Rechten gen Himmel stieg und stieg und irgendwo niederkam ungesehn in den Wipfeln der Eichen. Es war ganz still nach dem Wurf, und ich erblickte, als ich mich um- drehte, zwei furchtsam geweitete Augen. Im nächsten Nu war ich und ^Senn^meine Kraft war fort mit dem Wurf. Ich hatte mit der äußersten Wucht meines Armes mich selber fartgeschleudert und lag da wohl unter den Eichen. Ich selber war nicht mehr bei mir; an meiner Stelle stand etwas, eine lange taumlige Kraftlosigkeit, die fröstelte m der Sonne. Umher war Gebraufe, Gesichter flimmerten, Kinder Frauen, fremde Jünglinge in Hemd und Hose, die sich bewegten; der Ohnmacht nahe bewegte ich mich selber fort. Ich glaube nicht, daß ich von da an noch ein Wort gesprochen habe, nicht mit ihr, die unaufhörlich neben mir war, immer unter den Menschen, bei diesem, bei jenem Geschehen, zu dem kein Bezug mehr war, stehend fitzend, gehend, immer beisammen, immer stumm, in einer Sinnlosigkeit aller Sinne — so bewegte ich mich in meiner Schwache, auf zitternden Knien, als hätte man mich im letzten Atemzug vor dem Ertrinken gerettet. Nun, die Fragen, die Fragen! Warum war sie denn immer bei mir? Warum entfernte sie sich nie? Warum war sie von der Station mit mir gegangen? War sie denn an mich gebunden? War ihre rechte Hand auch immer in meiner? Warum hatte sie damals jene Kopf- beroegung gemacht? Und ihr Gesicht — hatte es sich nicht verändert? Zwar hatte ich die Kraft gerade hineinzufehn lange verloren. Aber ich sah es doch immerfort neben mir, und so unverändert blaß und gekühlt es war, atmete es nun eine Süße aus, die mir den Atem verschlug, ja, die es eigentlich war, die mich fo schwach machte. Ja, war es nicht doch verändert? War nicht in feiner Kühle, war nicht an Wimpern und Mund, ja in der Stille ihres Blickes etwas gefchehn, das allem eine andre Bedeutung gab — ein Verstummtsein in der Stille, Befangenheit in der Blasse, und im Wimpernschlag, in den Nasenflügeln, in den ruhigen Bogen der Brauen sogar — innerft ein Zittern? Mein Gott! Plötzlich lag ihr Gesicht an meiner Brust. Ein tiefer Seufzer — mitten unter der geschäftigen Menge standen wir einsam im Wald, es rauschte langsam, sie sank, immer sank sie — ihr todblasses Gesicht war mit geschlossenen Augen dicht unter meinem ... Nein, um uns her war die Menge und ein Gesetz. Sowenig ich die Kraft hatte, einen tausendjährigen Eichbaum zu entwurzeln, so ritz ich sie und mich nicht heraus. ♦ Wir gingen umher — niemand kannte uns hier; ein Schritt, und wir waren jenseits des Treibens in der Stille, wir gingen weiter, wir mären allein. Diesen Schritt muhte ich tun — aber nein, immer am Rande der Gefahr, immer drehten wir um. Warum blieb sie denn neben mir? Es war grausenvoll, ich zerfiel in Stücke, ich troff von Liebe und Feuerangst. Die Kinder rannten schon mit Papierfackeln und Lampions, ungeduldig sie anzuzünden. Es dämmerte nun, der Himmel über den Eichbäumen war golden geworden. Primaner und Sekundaner eilten geschwellt umher, schwenkten ihre Mützen vor Mädchen und schrieben ihre Namen in die Tanzkarten ein. Wir hielten vor dem abgelegenen offenen Tanzzelt, unter dem es fchon dunkel war; in der leeren Mitte standen auf dem Podium die Pulte und Jnfttumente der Musikkapelle, große Trommel und Baß, Kinder fliegen daran herum — ein fernes, sonderbares Sein war das, und dahinter dunkelte der Wald. Warum sprach sie niemals ein Wort? Warum faßte ich nicht nach chrer Hand? Da tönten Stimmen, wir drehten um, wir mutzten in das Getümmel vor dem Forsthaus zurück. Es dunkelte nun; wir fanden uns wieder am Tisch ihres Schwagers ein, meine Lehrer faßen da, Graubärte, sie jagten: „Nun, General? Da waren mir getrennt; sie faß, nur halb mir zu sehn, ich dachte: jeßt stehe ich auf; wird sie dann auch aufstehn, dann — dann ... Aber ich blieb sitzen, wechselte Worte und lachte. Auf einmal war ich auf gestanden. Gott im Himmel, sie war auch aufgestanden. Aber da — bumm! ein Kanonenschlag, es war Nacht, Laternen brannten, Lampions schimmerten rot und weiß, eine dunkle brausende Menge rollte über den Platz, — ein Raketenzischen, und über die Baumwipfel schossen goldene Schlangen in den Nachthimmel hinein. Wir liefen beide unter der Menge und standen bann eingekeilt, sie vor mir, während goldene und feurige Garben sprühten, im Kreis die Gesichter aufleuchteten, Feuerstreifen aus der Nachthöhe sanfte blaue Sterne lautlos zwischen die Sterne fäeten. * Es muß etwas geschehen — jetzt — sonst wird es zu spät — nach dem Feuerwerk fahren sie heim — du mußt es tun — du — du mußt sie jetzt wegbringen ... Während das mit sinnloser Angst in mir kreiste, hatten wir uns wieder aus dem Gedränge gelost, und da war das wieder Ulrike Softe Krosigk, die vor mir stand, von mir weg schauend, und deren Gesicht, deren ganze Gestalt jetzt aufleuchtete, hell angeschienen von einem riesigen flammenden L m den Lüften, das die Nacht taghell werden ließ, unter Die Bäume, alle Menschen erleuchtend, die Beifall schrien. Ich Gruppen auf dem Rasen, brennendklar, lichtumflossen und Schatten werfend — und da stand ihr Schwager, feinen Knirps auf der Schulter, der winkte ... , „ . . Wir gingen langsam zu unferm Tisch zurück, wo sonst niemand war. An den andern Tischen rüsteten sich Erwachsene und Kinder zum Gehen; unfern an der langen Tafel der Lehrer halfen sie ihren Frauen von den Stühlen, von denen aus sie dem Feuerwerk zugefehn hotten Niemand kannte oder beachtete uns ... Ich würgte ein Wort in der Kehle. Sie trug an ihrem linken Handgelenk einen samtenen Beutel, foge- nannten Pompadour, in dem sie ihr Taschentuch, auch wohl einen Kamm verwahrte. Das kleine Tuch nahm sie jetzt heraus, führte es an Die Sippen, tupfte leicht, einmal und noch einmal, ließ die Hand wiever sinken — nun tat sie es wohl in den Beutel zurück? Ich blickte an- I gespannt hin, es war ungeheuer wichtig. (Fortfetzung folgt.) inft kolken Grenzen der Menfchheki. Vo-n 3. W. von G oeth«. Steht er mit festen. Markigen Knochen Auf der wohlgegründeten, Dauernden Erde, Reicht er nicht auf, Rur mit der Eiche Oder der Rede Sich flu vergleichen. Was unterscheidet Götter von Menschen? Daß viele Wellen Vor jenen wände Irr, Ein ewiger Strom: Uns hebt die Welle, Verschlingt die Welle, Und wir versinken. Ein kleiner Ring Begrenzt unser Leben, Und viele Geschlechter Reihen sich dauernd An chres Daseins Unendliche Kette. Wenn der uralte, Heilige Vater Mit gelassener Hai Aus rollenden Wol Segnende Blitze lieber die Erde sät, Küß' ich den letzten Saum seines Kleides, Kindliche Schauer Treu in der Brust. Denn mit Göttern Soll sich nicht meßen Irgend ein Mensch. Hebt er sich aufwärts Und berührt Mit dem Scheitel die Stern«, Nirgends haften dann Die unsichern Sohlen, Und mit ihm spielen Wolken und Winde. rauflustig wie er, folgten, wurde aus der Prügelei im Handumdrehen eine Schlacht zwischen den Metzgern und Schiffern, der mehr als ein Rippenstück zum Opfer fiel. In den Ständen waren Frauen und Kinder mit Marktkörben gewesen, deren Hilfegeschrei in die Gassen von Bingen hinein scholl, als ob die Kosaken schon durch den Strom schwämmen. Die Gesellen und Lehrlinge in den umliegenden Werkstätten sprangen im Schurzfell heraus, und wer von den Meistern etwa beim Wein saß, ließ sein Glas stehen. Durch den Zuzug der Handwerker wurden die Schiffer bald überwältigt und in eine Flucht geschlagen, die sich über Kähne und Laufbretter unter den Steinwürsen und dem Hohngeschrei der Sieger unglücklich genug vollzog. Unterdessen waren auch schon die französischen Stadtsoldaten alarmiert worden; als sie die Harmlosigkeit dieser Volkserhebung erkannten, rückten sie mutig vor. Sie sanden auf dem Schlachtfeld, wo die Metzger ihre verwalkten Fleischbestände vor allzu hilfreichen Händen schützten, als einzigen Verwundeten auf dem nassen Boden den Holländer dasitzen, dem augenscheinlich ein Arm lahmgeschlagen war und der mit der ungeschickten Linken seinen toten Schnürpudel streichelte. Er ließ das Tier auch nicht aus der Hand, als sie ihn aufstöberten und gefangen ins Stadthaus abführten. Da aber hatte der Lärm eine merkwürdige Wirkung gehabt. Der Kommandant der kleinen Besatzung, der ehemals Gemeindeschreiber in Avignon gewesen war und kaum ein Wort Deutsch verstand, hielt gerade die Feier eines nationalen Jahrestages ab, mit goldenen Schnüren und Orden auf seiner geblähten Brust. Mitten in seine Rede hinein kam der Lärm, und da die zur Feier befohlenen Stadtherren allerlei ahnten, mochten sie es nicht günstig finden, noch auf welscher Seite getroffen zu werden; während der blahgewordene Kommandant ans Fenster trat und die ©einigen ihm nachdrängten, benutzte einer nach dem anderen die Gelegenheit zur Tür, so daß die Franzosen in dem Stadthaussaal wie auf einem sinkenden Schiff blieben und bänglich genug auf den Marktplatz hinunter sahen, wo eine vielfache Uebermacht den einzigen Gefangenen mit dem toten Schnürpudel unter dem Arm eskortierte. Gerade hatten sie den Holländer eingelocht und der Korporal stand vor dem Kommandanten, Meldung zu machen, als der Spektakel den zweiten Anlauf nahm. Die Schiffer, erbittert von ihrer Niederlage und durch Gerüchte von Toten und Gefangenen gereizt, kamen wieder mit Waffen, wie sie der Augenblick gab, seltsamen Geräten aus vergangenen Kriegen und Schützensestflinten, doch immerhin kriegerisch genug, den Bingern Eindruck zu machen, so daß der Haufe sich geschlossen in die Stadt hinein drängen konnte. Als sie in einer rasch wachsenden Menge von Neugierigen gegen das Stadthaus anrückten, wollte der Zufall, daß gleichzeitig die zur Feier bestellten Böllerschüsse aus der alten Burg Klopp abgebrannt wurden, die nun wie Schlachtendonner klangen. Die Stadtsoldaten hatten schon zum Mittag abgeschnallt, als der neue Lärm sie überraschte; sie hielten es angesichts dieser Bewaffnung für klüger, sich im Wachtlokal zu verschanzen, und liehen die Menge zur Treppe hinauf drängen. Nur der Korporal oben im Saal, der ein schwarzer Lothringer war, schlug sein Gewehr auf die Schisferknechte an, die, von der Masse der Nachdrangenden vorwärts genötigt, auf den erschrockenen Kommandanten den Eindruck einer gefährlichen Entschlossenheit machten. Er rief die Waffe des Korporals mit einem scharfen Befehl zurück und sah ergeben zu, wie sich der Saal statt mit wohlgekleideten Stadtherren mit bewaffneten Gestalten füllte, die zum Aeußersten ge- rüstet schienen. Der Knecht des Schiffers, wieder ein Holländer, machte den Sprecher, und obwohl die Bingener feine Sprache kaum mehr verstanden als die Franzosen, nickten sie herausfordernd zu jedem Wort. Der Kommandant fand in der Eile keinen Dolmetscher und stand fassungslos vor dem Aufruhr; so tat er, was auch sonst in Ratlosigkeiten seine Gewohnheit war: er holte seine Schnupftabaksdose aus blankem Messing hervor. Es war nur eine Gebärde der Verzweiflung, doch vor der drohenden Menge sah sie wie eine Kaltblütigkeit aus, die bald genug eine seltsame Fügung bewirkte; denn als er, noch immer ratlos, feiner Gewohnheit folgend Dem nächsten zuerst eine Prise anbot, war das Der Schuhmacher Osterwind, den die Bingener Den Franzosenfresser hießen und Der Die unvermutete Ehre mit einem unbedachten Dankblick aus seinen wässerigen Trinkeraugen zu würdigen wußte. Irgend ein Funke Der Einsicht mochte Den KommanDanten leiten, als er mit Der gleichen Höflichkeit weiterging; unD weil es kleinbürgerliche Leute waren, wahrend Der Schreiber von Avignon mit golDenen Schnüren und Orden fast einen leutseligen Landesfürsten vorstellte, spitzten sich die Singer, einer nach Dem anDeren. So wanDerte Der KommanDant mit seiner Mesftng- dose Den Kreis ab bis zu Dem hitzigen Knecht Des HollänDers, Der schließlich nichts als seinen Schiffer wollte und Darum Die Höflichkeit auch nicht verweigerte. Als man sich aber erst einmal auf Die Prise und den Dazugehörigen Kratzfuß geeinigt hatte, oerschwanDen Die Schützenflinten von selber hinter Dem Rücken. Es war Der Tag Der Vergeltung noch nicht, es war nur eine Seifen» blase Durch einen SchnürpuDel aus Der Stimmung kommender Ereignisse gezogen und mit einer Prise zum Platzen gebracht; Denn als der erste Nieser kam, prustete auch schon verstohlenes Gelächter, Das balD zur allgemeinen Heiterkeit anschwoll, als einer nach Dem anderen, nicht gewohnt zu schnupfen, zu niefen anfing, und also statt der Flinten sich Die Na en der Anführer lösten. Bald konnten Die Schisferknechte mit dem befreiten Holländer abziehen, der seinen Schnürpudel nicht weniger kopfschüttelnd unter Dem Arm trug, als Der KommanDant noch immer seine Tabaksdose in Der HanD hielt. Die Binger aber, einmal aus ihrem Gewerbe- fleiß gestört, fanben Den Weg zur Arbeit an diesem Tag nicht mehr zuruck- aus Der Jahresfeier Der Franzosen rourDe em AbschieDssest für Die Welschen, wie es ein WitzbolD nannte. Und wenn Der KommanDant seine gestörte Ansprache auch nicht vollenDen konnte, saßen ihrer m Den Wirtschaften genug, Die Den Schaden mit anderen Reden wettmachten, während Der befreite HollänDer Das Laufbrett Des Schiffes vom Ufer abgezogen hatte unD oerDüfterten Gemüts feinen SchnürpuDel in Den Oer Pudel und die Tabaksdose. Von Wilhelm Schäfer. Wilhelm Schäfer rourDe mit dem Rheinischen Literaturpreis 1937 ausgezeichnet. Indessen die großen Dinge geschehen, wollen Die kleinen auch ihren Schritt machen, und manchmal sind sie im Eifer den großen voraus. Zu der Zeit, da Die Franzosen Das linke Rheinufer noch im Namen des Kaisers regierten, obwohl Der HerdstwinD von 1813 schon in den Blättern rauschte, Da in Den Berichten einzelner Flüchtlinge schon Der Kanonendonner von Leipzig über Den Rhein Drohte unD also Das Land non Den Sturmzeichen Der kommenden Ereignisse unruhig war: trat eines Morgens in Bingen ein holländischer Schiffer mit seinem Hund ans Ufer, Der wenig von diesen Zeitläuften wußte und am Metzgerstand leDiglich ein Pfündchen Fleisch oder zwei einzukaufen gedachte. Er wollte sich gerade mit einem graubärtigen Kahlkopf, Der mit Dem Hackmesser an [einer Fleischbank hantierte, über ein mageres Rippenstück einigen, als der Händel übel gestört wurde. r. Denn unterdessen hakte der schwarze Schnurpudel Des HollänDers sich am Nachbarstand mit einer Bratwurst kurzer bedient. Als Das He^ gefchrei hinter ihm herkam, hielt Der Kahlkopf fein Hackmesser noch in Der HanD; obwohl ihn Der HanDel nichts anging, weil es nicht seine Bratwurst war, mochte er aus eigener Erfahrung einen Zorn auf Hund haben, Die mit einer Wurst im Maul Davonrennen wollen: mit einem bösen Fluch warf er Das Hackmesser nach Dem £wr unD fraf esfo quer ins Kreuz, daß es augenblicklich mit gebrochenem h nsank. Schiffer, dem fein SchnürpuDel auf langen Fahrten vertraut w'e ein Mensch gcroorDen war, unD Der ihn unter Dem lchE°L^fser lautlos fallen und sterben sah, wurde augenblicklich von Wut gepackt er warf Dem Metzger fein Rippenstück mitten ins Gesicht, unD zwar so wuchtig, Daß Der Getroffene betäubt unter seine NeWbank zu liegen kam. Das alles aber geschah blitzschnell und Die Dabetftanbe b rooUten erft zu lachen beginnen, als schon, die Wurst zu retten, Der zweite Metzger ankam und seinen Nachbarn hinsinken sah; 'hm fuhr Der einmal entfachte Zorn in Die Fäuste und Dem baumlangen HollänDer an Die! ©urgel Während die beiben sich balgten, wöbe, der Stand schon halb memander brach, kam auch Der Kahlkopf roieDer zu sich unD Die von Den anderen Ständen sprangen ihm bei, Den Holländer zu oerbleuen, ' g5 dem Zorn Der vereinigten Metzger auf Dem näßlich n ßnedit wäre nach seiner Gemütsart Dabei geblieben, menn mch s «m m - gerade mit anderen Schifferknechten aus einer We'Nw,rtfchaft kommeno, schon im Dampf eines hitzigen Bretzenheimers gf Mctzaerfäuften hin- fah er Den Flachskopf feines Schiffers unter d°n Metzgerfauften Ym sinken, als er auch schon hinzu fxrang; unD da ihm Die Mameraoen, unsere wurde Rhein versenkte, der allein das Opfer dieser vermeintlichen Volkserhebung geworden war. von deren Gefahr und kaltblütigen Abwendung em Geheimbericht des Kommandanten noch große Worte nach Paris sandte, indessen dort schon der Kaiser sein letztes Aufgebot raffte. 3n der Steppe verirrt. Line wahre Begebenheit aus Süd-Wefl-Afrika. Von Konrad Blümers, Kreisfachredner und Presseleiter des Reichskolonialbundes. Am Oranje, der südlichen Grenze von Süd-West-Afrika, liegt Farm Vaaldorn. Sie ist einige hunderttausend Morgen groß und zur deutschen Zeit gegründet. Mit Sparsamkeit und großem Fleiß hat meine Mutter das Land bearbeitet und zu einer Mustersarm entwickelt. Viele tausend Rinder und Schafe weiden auf der großen Fläche, und nicht selten sindet man morgens Springböcke und Antilopen, die friedlich in der Herde mitgrasen. Wir freuen uns über jeden Besuch, der aus der Durchfahrt bei uns einkehrt. Es ist die große Regenszelt. Mein Bruder und ich haben Ferien und verbringen diese aus der Farm, da wir dort den besten Zeitvertreib finden. Bäume und Büsche stehen im herrlichsten Grün, und im Garten duftet alles nach dem erfrischenden Regen. Meine Aufgabe ist es, die Arbeit an die Schwarzen zu verteilen und ste zu Stelle wo Pkt auf Ne Spur gestoßen ist. Den Ovambo Thomas schick« ich mit einer Notiz zu meiner Mutter „Aengstige Dich nicht mehr, wir haben die Spur und werden Hans jetzt finden." Dem Davonreitenden rufen die Eingeborenen noch nach, Kost und Wasser mitzubringen. Planlos läuft die Spur des ermatteten Jungen durch das Feld. Das Suchen geht nur langsam voran, viel zu langsam für mich. Gegen Abend vermehren sich die Schwierigkeiten. Auf den harten Kalkrändern verrät oft nur «in umgekehrtes Steinchen den Verlauf der Spur. Noch habe ich einige Patronen bei mir; vielleicht können diese zur Erfüllung meines Wunsches führen. Aber wo ab feuern? War mein Bruder hier in der Nähe? Es ist kurz nach Sonnenuntergang. Langsam nacheinander krachen drei Schüsse. Das Heulen der Schakale höre ich als Antwort. Ganz unheimlich ist es mir zumute. In der Ferne sehe ich ein Feuer, das die Eingeborenen sich angezündet haben; denn abends wird es auch bei uns ganz empfindlich kühl. Die Eingeborenen sind müde. Ich frage, was können wir tun, um Hans zu retten. Da meinen sie: „Laß mal, Mister, die Nacht kann die Menschen ntscht tun; auch Eingeborene Mensch sieht nicht. Mister muß erst essen und schlafen." Da verspreche ich dem Finder meines Bruders ein neues Hemd und eine gute Hose. Damab will sich den Lohn nicht entgehen lassen. Er zündet sich einen Holzspan an und geht los, um zu suchen. Wenn er ein trockenes Stück Holz sindet, entzündet er wieder an dem brennenden und marschiert so weiter. Meine aufgeregten Nerven lassen mich nicht an Schlaf denken. Ich zittere, als ich das „Houh, houh!" der wilden Hunde und das Heulen der Hyänen höre, die ihre Beute schon verfolgen. Im Morgengrauen kehrt Damab zurück und berichtet mir, daß er eine Lagerstätte meines Bruders gefunden hat. Wir machen uns alle dorthin auf den Weg. Abgerissene Zweige, blutige Dornen und zerbissene Blätter sind als Zeichen der nahenden Verschmachtung zurückgeblieben. Von dieser Stelle an können wir die Spur des Knaben auch gut verfolgen, denn sie ist frisch und nicht vom Regen verwaschen. Groß war mein Erstaunen, als die Eingeborenen mir eine Stelle zeigen, wo eine andere Spur kreuzt. Damab sagt mir: „Die Affäre ist moi (gut)! Guck! Hier Buschmann gelaufen, Hans gefunden!" Die Eingeborenen merken, daß ich blaß werde, und ermuntern mich: „Buschmann macht Hansi nicht tot, tut keinem Kind was, gibt Bubi Kost." Wie ich später erfuhr, durchstreifte am Morgen desselben Tages ein Buschmann die Gegend. Stolz und leichtfüßig schritt die nackte, hellbraune, noch jugendliche Gestalt dahin. Es war der Sohn des Häuptlings, eine für einen Buschmann ungewöhnlich schöne Erscheinung. Bei der Verfolgung eines Gnubullen, den er mit feinem Giftpfeil an- geschossen hatte, kreuzte er die Spur des Knaben. Ihm bangte um seine Sicherheit; denn viele Buschmänner waren von den Weißen erbarmungslos wie ein Stück Wild erschossen worden, da sie furchtbar wilderten. Er blickte in die Runde, verließ die Wildfährte und folgte der Menschen- spur; denn die planlose Spur sagte ihm, daß ein Kind sich hier verirrt hatte. Die Spur war noch frisch, jedoch stellte er fest, daß das Kind vor dem Gnu die Stelle passiert hatte; denn die Spitze seines Hufes hatte die Spur des Kindes gestreift. Auch entdeckte er, daß eine starke Hyäne dem Kinde gefolgt war, wegen ihrer Feigheit wagte sie sich aber nicht an das Lebende. In kommender Nacht hoffte sie auf einen leckeren Biff en, und um den Rest würden sich Schakale und Aasgeier balgen. Nach kurzem Suchen fand der Buschmann meinen Bruder Hans. Mit feinem Gesicht im Grase lag der Körper in der prallen Sonnenhitze. Dito drehte ihn auf den Rücken, es schien noch Leben in ihm. Dann nahm er ein paar rote Gurken aus feiner Tasche und drückte den Saft in Hansis trockenen Mund, um ihn darauf in den Schatten eines Baumes zu legen. Als Tiko selbst noch ein paar Wasserwurzeln verzehrt hatte, rüstete er mit Sonnenuntergang zum Aufbruch. Er trug feine kostbare Last zur Werft, die im dichten Busch versteckt lag. Die Bufch- mannkinder freundeten sich bald mit Hans an und teilten Fleisch, Feldkost und ein Straußenei, das in glühender Asche gekocht worden war, brüderlich mit ihm. Nur der alte Häuptling Toko kraulte sich verdrießlich seinen Wollkopf. „Richtig war es, den Knaben zu retten. Falsch aber war es, das Kind zur Werft zu bringen und uns damit zu verraten; denn der weiße Mann wird uns von hier vertreiben, wenn er uns findet. Deshalb befehle ich, den Knaben auf feiner Spur zurückzubringen. Wir werden gegen Norden ziehen, dort hat es gut geregnet und wir können dort viel Wild jagen. Tiko, du folgst dann auf unserer Spur." Nachdem Damab feftgeftellt hatte, daß Hans von dem Buschmann gerettet worden war, lenkte er feine Schritte nach Westen, wo er die Bufchmannswerft vermutete. Er begab sich allein dorthin; denn er wußte, daß die Buschmänner sich sonst verstecken. Im letzten Augenblick sah er, wie ein Buschmann sich im Busch verstecken wollte. Der Buschmann weigerte sich, die Werft zu verraten und versuchte ihn mit Ausreden zu beschwichtigen. Da riß Damab die Geduld. Er faßte ihn am Arm und hielt ihm seine mächtige Faust unter die Nase und sagte: „Willst du Damab anlügen wie einen weißen Mann?" -Darauf brachte er ihn endlich zur Werst. „Guten Tag kleiner Baas!" sagte Damab und schüttelte Hans die Hand. Dann sagt er allen Dank, und daß er am nächsten Tag den Lohn für die Rettung meines Bruders bringen werde. Darauf nimmt er Hans auf feine kräftigen Schultern und bringt ihn zu mir zurück. Auf der Farm angelangt, wusch meine Mutter den Ausreißer und kühlte ihm die Wunden. Müde legten wir uns, um den wohlverdienten Schlaf nachzuholen. Am nächsten Morgen mußte Damab zur Bufchmannswerft reiten und ihnen Kaffee, Zucker und Tabak als Dank für ihre edle Tat bringen. Verlassen war die Stätte. — Da trat Tiko aus dem Dickicht. Damab fragt auf Namaqua: „Wo ist der Häuptling Toko, dein Vater?' Tiko war bei der deutschen Schutztruppe und antwortete auf deutsch: „Ich keine weiß nicht!" Beide lachten und Damab händigte Tiko die Belohnung aus, dann trennten sie sich. Die (Eingeborenen der Farm erhielten Kleidungsstücke und den fettesten Ochsen für ihre Bemühungen. Am Abend entfachten sie ein großes Freudenfeuer und tanzten, obwohl kein Mond am Himmel stand, bis in den grauen Morgen. beaufsichtigen. * Als die größte Mittagshitze vorüber ist, schlage rch mit einem Prügel an die alte Kohlensäureflasche, um die Jungens zur Arbeit zu rufen. Der Vormann, ein kräftiger und muskulöser Hottentokk mit finsterem Blick, gilt bei den anderen als Relpektsperson. Er ist mürrisch, aber sonst ein sehr guter Arbeiter. Bei mir darf sich der Kaffer keine Widerrede erlauben. Als ich Damab feinen Arbeitsplatz anweise, hat er etwas einzuwenden. Ich gebe ihm einen Verweis, mein junger Bruder Hans aber glaubt dies noch durch einige Stockhiebe betonen zu müssen; denn er konnte Damab nicht leiden. Zornig wende ich mich gegen meinen Bruder und befehle ihm, zur Mutter ins Haus zu gehen. Er geht dem Farm- Haufe zu, und ich mache mich an meine Arbeit, um den Eingeborenen «in gutes Beispiel zu geben. Auf der Veranda hört Hans meine Mutter, geht aber vorbei, um sich hinter dem Haus in den Schatten eines Baumes zu legen und feine Wut auszuweinen. Die dem Gewitter vorausgehende Schwüle läßt ihn bald in einen tiefen Schlaf versinken. Als ihn Regentropfen wecken, ist es dunkel um ihn; der ganze Himmel hak sich im Nu mit schweren Gewitterwolken überzogen. Blitze werfen geheimnisvolle Lichter und Schatten, und der grollende Donner ängstigt meinen kleinen Bruder. Furchtsam sieht er um sich. Die sonst von weitem sichtbaren Windmotoren waren in Wolken eingehüllt. Da, ein Lichtschein, der gleich wieder verschwindet. Hans glaubt, der Schein kommt vom Haus und geht eilig nach dieser Richtung. Die Scheinwerfer eines Lastautos hatten für eine Sekunde die Wolkenwand durchbrochen, und so irrt er weiter hinein in die endlose Steppe, aus der schon mancher den Weg nicht mehr zurückgefunden hat. Die Dornen haken sich in seine Kleider, als wollten sie ihn zurückhalten, sie zerreißen ihm Gesicht und Hände, aber die Angst treibt ihn weiter. Auf der Farm geht inzwischen trotz der Schwüle die Arbeit ihren Gang weiter. Die sich auftürmende Wolkenwand erfreut mich; denn Regen ist der größte Segen für Süd-West. Damab sagt, um mich zu versöhnen: „Bas heute stiev (viel) Regen!" Als die Sonne im Westen versinkt, schicke ich die Kaffernweiber in den Kral zum Melken; denn die Kühe sind wegen des aufziehenden Gewitters früher als sonst ein- getrieben worden. Als ich in den Proviantraum gehe, um Kost zu verteilen, fallen die ersten Regentropfen. Wie erstaunt bin ich, als ich beim Abendessen meinen Bruder nicht am Tisch sehe. Wo ist der Junge? Schon mache ich mir Vorwürfe, daß ich ihn vielleicht beleidigt habe. Ich eile hinaus in die dunkle, stürmische Nacht und rufe aus Leibeskräften. Keine Antwort. Dann renne ich zu der 200 Meter entfernten Eingeborenenwerft, um zu sehen, ob Hans dort vor dem Regen Zuflucht gesucht hat. Er ist nicht zu finden. Da kommt mir der Gedanke — verirrt! In letzter Zeit hatten sich verschiedene Kinder verirrt, sind verschmachtet und wurden dann von den gierigen und stinkenden Hyänen aufgefreffen. Grausen packt mich. Ich frage Damab: „Hast du Hans was getan?" „Ne", sagt er, „was soll ich ihm tun, Hans ist noch Kind!" Dann ordne ich an zu suchen, alle sollen suchen, nach allen Richtungen. Den fettesten Ochsen verspreche ich als Lohn demjenigen, der Hans findet. Damab sagt: „Mister, schieß!" Der Gedanke ist gut. Ich eile zur Wohnung und hole Gewehr und Patronen. Kurz hintereinander krachen mehrere Schüsse. Der starke Regen dämpft den Schall. In einer halben Stunde sind wir startbereit. Die Pferde sind für die Jungens gesattelt und die anderen müssen zu Fuß die Spur aufnehmen. Fünf Kaffem nehme ich im Auto mit und lasse sie 20 Kilometer vom Hause in verschiedenen Richtungen ausschwärmen. Dann geb« ich wieder einige Schüsse ab und mache ein großes Feuer an, damit die Eingeborenen ihr« Richtung in der Dunkelheit hakten können. Einige wollen einen brennenden Holzspan mitnehmen um die Spur zu verfolgen, aber er erlöscht bald durch den starken Regen. Meine Mutter schwebt zu Haase in Aengsten. Oft glaubt sie etwas zu hören oder zu fehen, aber es sind nur Täuschungen. Den strömenden Regen, den so heiß ersehnten, kann niemand bannen. Er verwischt die Spuren des Knaben. Schwach hört man in der Ferne das Rufen der Suchenden. Nach Mitternacht kehr« ich heim, um zu sehen, ob der Ausreißer vielleicht da ist. Die anderen kehren auch nacheinander zurück. Der Regen läßt nach, und gegen Morgen hört er auf. Noch ehe der Tag graut, ist schon alles wieder auf den Beinen. Höher steigt die Sonne am Firmament, und wir finden noch immer keine Spur. Erst gegen Mittag findet der Herero Pit, der «in guter Spurenleser ist, diese. Einige Keine umgefallene Steinchen haben ihm verraten, wo mein Bruder hingeirrt ist. Schnell bringe ich die restlichen Eingeborenen mit dem Auto an die Deranlwörtlich: Dr. Han» Thyrivt. — Druck und Derlag: Brühlschr Universitätsdruckerri R.Lang«. Gießen.