Gießener Ham ilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, den 2b. Juli Nummer 57 vor- ge- unb Bisher war zwischen Siiiil und den auch jetzt sein Geheimnis sprechen, wenn war er seiner zu schonen und Wenn Siebold mit solcher Bestimmtheit sprach, so Sache gewiß, und ich wäre der Letzte gewesen, Avila gesprochen worden, daraus einen Trost, hatte. Gewiß war es entband, die sie bis uns noch nicht über meine unglückliche Liebe nun, da es zum erstenmal geschah, gewann ich mir keiner meiner Freunde zu geben vermocht -rhaus, Im der Rütz m gotifdjej em es bn nlern sch und hch, )eroei|enln s nicht ch! Krast uti m der dw auch bist chlan! auf leichbar, ti> hen Hatz t ßorenj.ji ausgetilia i, daß äifli eines j« bewußt o jen werd« in aiuftni m gcfomlit ast, dkl le die bijoe Die 6lti [dangt. 8 noch in* ob jötulari' ou(g(l)ilr Situation r k vor. Je gen W Breite fr d wacht d mal sch* der 6oot man i«*5 i to|H*: Das 3”* erbaut, «- i trhraW; Dennoch war ich selbstsüchtig genug, ihr Opfer stillschweigend schehen zu lassen. „Glaubst du, daß ich Martina finden werde?" fragte ich. „Ich glaube es: du wirst sie finden", erwiderte Josepha ernst überzeugt. Er mußte es noch einmal, langsamer und deutlich sagen, ehe ich ihn verstand. Ich sah, daß er und Siebold zu einem Entschluß gekommen waren, und ein Blick auf Siebold bestätigte mir meine Vermutung. „Du mußt endlich dir selbst zurückgegeben werden", fügte Siebold hinzu. Ich zuckte die Achseln, ich wollte hören, was sie vorzuschlagen hatten. Siebold machte eine grimmige Miene: „Dieser Avila muß gezwungen werden, zu sagen, wo er Martina versteckt hält." „Ihr kennt den Mann nicht", wandte ich ein, „der ist zäher als ein Eselsbraten. Wenn er nicht will, so ist alle Mühe umsonst." _ Siebold lachte: „Wir werden Mittel finden, ihm zu entreißen. Verlaß dich darauf, Francesco, er wird wir ihn auf die richtige Weise fragen." Eine seiner ersten Regierungshandlungen war die Begnadigung aller politischen Verbrecher. „Nun", lächelte Miguel, „ist die Zeit nicht das Schicksal, Francesco?" Was mich selbst betrifft, so brachte mir bas Schicksal keine günstige Wendung. Sie sänftigte nichts, sie steigerte nur meine Sehnsucht und meinen Schmerz. Der ungeheueren Anspannung und Erregung, in die mich die letzten Ereignisse versetzt hatten, war eine schwere Ermüdung und ein Verfall meiner Kräfte gefolgt. Sie äußerte sich vor allem — peinlich für mich — darin, daß aus der gesteigerten Hellhörigkeit jener aufgewühlten Tage eine völlige Taubheit geworben war, eine Taubheit solchen Grades, wie sie mir bisher noch nicht verhängt gewesen avar. Mit Menschen, die es bisher noch nicht gelernt hatten, so mit mir zu sprechen, daß ich die Worte von ihren Lippen ablesen tonnte,- atte, konnte ich diesmal zur Arbeit wenig nützen. Meine Gedanken gehorchten mir nicht, sie ließen sich nicht sammeln und auf einen Punkt richten. Das war gewiß nicht darum gesagt, weil mir Martina unerreichbar war. Keine bloße schlaue Berechnung einer Frau, die den Zeitpunkt für günstig erachtet, so zu tun, als hätte sie ihre sonstige Kleinlichkeit abgelegt und könne ohne Gefahr, beim Wort genommen zu werden, die Großmütige spielen. Mit Josepha war wirklich eine Wandlung vorgegangen, sie war bereit, mir das Opfer ihrer Liebe zu bringen, sie hatte sich zu einer ungeahnten Hoheit der Seele durchgerungen, sie war durch ihre Trauer und ihre Sorge um mich geläutert und so über mich hinausgeführt, daß ich mir auf einmal recht klein und erbärmlich kam. GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 12. Fortsetzung. { Gold w INI eini* «E dlier*,, Hönd-" (jtdlf eM“r' net nebe,. ''S-Au«' '* Nb( J „ut9«ftabi! »te bOi ®« Marn, I Schch 'uw°rti> in °>!-n miri WttnonJ u Querbaj Jen Strafet Fachem!, -gesprotz, t Landshi e Wend«, hier in di, "bt er (S ■t Front« sie gewesen, die meine Freunde der Rücksicht , „ vielleicht geglaubt hatten, auf Josepha nehmen zu müssen. Es war am selben Abend nach Josephas Weggang, daß Miguel auf dem Dach des Landhauses, wo wir beim Wein saßen, plötzlich sagte: „Es muß etwas geschehen, Francesco, so kann das nicht weitergehen." -rd-Ä Mtv >r-' W' Seit Fuentes gerettet war, wurde ich Tag und Nacht wieder von dem unsagbaren Kummer zerfleischt, den mir Martinas unbekanntes Schicksal bereitete. Wo in diesem von innerem Beben durchrllttelten Spanien, wo inmitten all der Kriegsgreuel, von denen mir täglich neue bekannt wurden, hatte ich sie zu denken? Welchen Gefahren konnte sie nicht ausgesetzt (ein? Suchten nicht die Franzosen und meine Landsleute einander an Grausamkeit zu überbieten? Wie konnte ich Nachsicht über Martina erhalten? Während aber meine ganze Seele so mit Martina beschäftigt war, rauchte immer ein anderes grauenhaftes Gesicht vor mir auf, das blau- "ote, gedunsene Antlitz eines Gehenkten, vor die holden lieblichen Züge meiner Geliebten schob sich der seitlich gedrehte Kopf, dieser Kopf, der m einer Schlinge stak und dem eine dicke geschwollene Zunge zwischen *en gebleckten Zähnen heroorguoll, der Kopf des Gil Argensola, meines Sohnes. Es war, als riefe das eine Bild das andere hervor, als solle mir » dieser unerbittlichen Aufeinanderfolge ein Zusammenhang von Ur- vche und Wirkung aufs eindrücklichste verdeutlicht werden. Ich merkte bald, daß Siebold und Miguel mich mit liebevoller Angst ' eobachteten. Sie sollte mir verborgen bleiben, aber es konnte mir " icht entgehen, daß sie heimlich miteinander flüsterten und daß sie sich n die Aufsicht über mich teilten, als befürchteten sie, ich könnte irgend Twas Törichtes tun. Und es stand mit mir damals ja auch wirklich “ icht zum Besten, so daß ich ganz gut einer Dummheit fähig gewesen näre, wenn mich nicht eine Hoffnung aufrecht gehalten hätte. Sie jammerte sich, mir selbst zum Widerspruch und bisweilen zur geheimen Beschämung, daran, daß Martina durch jenen Talisman geschützt war, "wer den ich früher überlegen gelächelt hatte. Es konnte ihr nichts bes bM; biilf'P Ernstes geschehen, so lange er wirksam war und jenes Licht in dem unbekannten Kloster brannte. Aber war es nicht genug an dem daß sie mir entrissen war, und ich nicht wußte, wo sie sich befand? Auch Josepha kam einige Male jn das Landhaus hinaus, und es war seltsam, daß von diesen Besuchen eine Beruhigung auf mich ausging. Sie war sehr niedergeschlagen, und der Eindruck verstärkte sich in mir, daß sie darunter litt, durch jenen Verrat meinen jetzigen Zustand mitoerschuldet zu haben. Bayeu war erkrankt, und vielleicht verdankte ich dem Umstand, daß sein Einfluß auf die Schwester minder wirksam war, ihre Annäherung und ihr Werben um meine Verzeihung. Ich entsann mich, daß sie es gewesen war, die sich Dayeus Niedertracht widersetzt hatte; und dies mag dazu beigetragen haben, daß ich mich in ihrer Nähe leichter fühlte und ihre zarte Rücksicht als liebevolle Hilfe empfand. Mein Landhaus lag vor der Segooiabrücke, etwa eine halbe Stunde von der Stadt. Es war einfach genug, einige Wirtschafts- und Schlafräume umgaben tm Erdgeschoß einen Saal und im ersten Stock meine Werkstatt. Aber der Garten, der dazu gehörte, war groß und fruchtbar, und von der Anhöhe überschaute man die weite Wiese, auf der das Volk von Madrid die Romeria di San Isidro zu feiern pflegte, die ich einst gemalt hatte. Haus an chaus gedrängt, ein grauer Steinwall begrenzte die Stadt im Hintergrund den Blick. Dem Haus zunächst drängte sich in Beeten eine üppige Blumenfülle, die von dem alten Gabriel sorgsam betreut wurde, dann kam ein kleines Gehölz mit Gruppen von Büschen. Es wurde von einem Bach durchflossen und war auf meinen Wunsch in wilder Ursprünglichkeit geblieben. Auf der Höhe, nahe dem luftigen Gartenhäuschen stand vor einer halbkreisförmigen Bank ein runder Steintisch, an den ich mich zurückzog, wenn ich der Bewachung meiner Freunde entgehen wollte und mich zu sammeln versuchte; und hier war es, wo mir Josepha einen Beweis dafür gab, daß sich ihre Liebe zur Selbstlosigkeit durchgerungen hatte. Ich erinnere mich noch sehr genau des veilchenblauen, gegen Westen von orangefarbenen Streifen durchzogenen Abendhimmels, dessen selige Heiterkeit mir meine qualvolle Zerrissenheit so recht ins Bewußtsein brachte, und meines Erstaunens, als Josepha plötzlich meine Hand faßte und sagte: „Wenn du sie so sehr liebst, Francesco, so gebe ich dich frei . . ." Jedenfalls warteten wir umsonst aus die Empörung, die nach unserer Meinung ausbrechen mußte, sobald die Hinrichtung des Grasen Fuentes in Madrid bekannt geworden war. Entweder hatten sie die Franzosen gut geheimzuhalten verstanden oder ihre Faust lag zu schwer auf der geöemütigten und seelisch gebrochenen Stadt. Oder aber — und das war mir am wahrscheinlichsten — glomm die Entrüstung im Verborgenen weiter und half, nicht am Tatort selbst, sondern draußen außerhalb des Bereiches der französischen Macht den Aufruhr zu entflammen, der jetzt allenthalben hell entbrannt war. Murat hatte Madrid verlassen und an seiner Stelle war der neue König von Napoleons Gnaden eingezogen. Das leichtbewegliche Volk schien ihn nicht ohne Wohlwollen aufzunehmen, die Hauptstadt jubelte ihm zu, denn er verstand es, sich recht günstig einzuführen. Sein pomphafter Einzug befriedigte die Schaulust, der Münzregen, der sich über bas Volk ergoß, rief die schönsten Balgereien hervor, und er gewann vor allem die Zuneigung vieler Herzen durch die Gestattung der eine Zeitlang verboten gewesenen Stierkämpfe. ^Siebolb stieß mich an: „Zwei Gedecke!" las ich ihm von den Lippen. Mit Bestürzung sah ich, baß er recht hatte. Geschirr, Besteck und Gläier alles war doppelt vorhanden, als ob zwei Pionen an der Mahlzeit teilgenommen hätten. Wen hatte Avila zu Gast gehabt? War es ein Besuch, der sich wieder entfernt hatte, ober hatten etwa Furcht und Mißtrauen den Buchdrucker bewogen, einen Freund, einen Wachter, einen Beschützer in das einsame Haus zu nehmen? Mackte dieser Umstand etwa Siebold bedenklich, so daß er seinen Man nun aufgeben ober verschieben wollte? Ich sah ihn an, unb er Schüttelte ben Kopf nein er war ber Meinung: nun waren wir einmal hier unb unter Beginnen fällte burch kein Hindernis vereitelt werden Der Schlasraum lag links vom Wohnzimmer. Als ich äum letztenmal über diese Schwelle getreten war, hatte ich lachend mein ®Iu£ Armen getragen, nun kam ich wieder, um es mir mit einem Handstreich Das"'Laternenauge hatte ich mit der Hand bebecft, um Avila nid)t eher au wecken als bis wir ganz über ihm waren. Ich leitete nur soviel von dem Schein auf den «oben, baß wir an die Betten "»schleichen konnten. Nun ließ ich ben gebämpften Schimmer hoher gleiten, fanbte ihn flach über das Lager hin. Ich sah die beiden Betten aufgeworfen, zerwühlt unb leer. Die fianb sank mir herab, ungehemmt überschüttete Licht die beißen Betten __ sie waren aufgeworfen, zerwühlt und leer. Wild fPra»9 dn Strahl in den Raum. Der Kleiderfchrank klaffte offen, Martinas K eider waren herausqerisfen, lagen auf dem Boden, hingen über Stühlen, Svitzentücher, Mantillen, Wäschestücke ... alles wie in Hast hmgeschleu dert als wäre die Besitzerin zu jähem Verlassen gezwungen gewesen. Martina . Martina war hier gewesen. Sie war hier gewesen, fte hatte mit Avila eine Mahlzeit geteilt, hatte vielleicht hier geschlafen und "'"sie"war hier gewesen, und ich hatte nichts davon gewußt ... Halb bewußtlos lieh ich es geschehen, daß mir Glebow die Laterne aus der Hand nahm und in die Winkel des Raumes leuchtete. Vielleicht suchte er weitere Spuren des Geschehenen, vielleicht dachte er, daß uns Avila kommen gehört hatte und sich irgendwo verborgen hielt. Ja. wo war Avila? Wo mochte er fein? Er war mir plötzlich un- wichtig geworden, nun, da ich mich davon überzeugt hatte, daß Mar na hj„ gewesen war, und daß mich in meiner Stumpfheit keine Ahnung davon benachrichtigt hatte. Siebold verließ das Schlafzimmer, durchschritt das Wohnzimmer und wandte sich zur Tür, die in den Nebenraum rechts führte. Ich ToIS« ihm betäubt und blieb an bem Tisch stehen an bem Martina wohl noch heute abenb gesessen hatte. Von welchem dieser Teller mochte sie gegessen, aus welchem biefer Gläser getrunken haben? Welche dieser Gerate waren burch ihren Mund geweiht und gesegnet, welche durch ben bes Feindes ""Ä'SÄ'fe »w«l« ""'M, ,chü,„», b Uftalfen versehen^ unb Siebold trug ein Bündel, in dem Eisen an Eisen flirr e Nach all' der Mutlosigkeit und Seelenzerflossenheit ber letzten Wochen war ich nun wieder kalt und hart. Es war wirklich ds hatte ich nun, da endlich etwas geschehen sollte, in meinen früheren Menscken aurückaefunden. Nicht ein Bedenken war in mir, keine Regung des Mitleids kein Zögern, einem andern vielleicht Qualen öuzufugen, n die meinen zu enden. Wenn mein Herz, als wir in der Calle de las Carretas ankamen heftig pochte, so war es nicht durch die Erregung vor dem, was uns jetzt bevorstand, so stürmisch b°wegt, Iondern durch die Erinnerung an Vergangenes und das Gluck, daß ich nun binn n fnraem Gewißheit über Martina haben werde. . Stille und Dunkelheit machten das Haus der Geliebten zu einem Stück der Nacht. , , , ftnlt du ben Schlüssel? fragte Siebold. < Ich steckte den Schlüssel ins Schloß. Es ließ sich nicht << Verändert sah ich mich nach Siebold um. Was war da geschehen? Ach, ] gewiß war es sw Avilas Mißtrauen hatte ihm graten, bas Briefe , änbern au lassen kein Zweifel, er vermutete ober wußte, baß ich einen , Schlüssel besah. Aber bas konnte uns kein ernsthaftes Hinberms fern, wir würben uns schon einen Zugang zu Avilas Festung verschaffen, Siebolb hatte schwierigere Dinge möglich gemacht. , Er packte bie Klinke an, drückte sie nieder, und die Tur ging aus. Sie war unversperrt", sagte er erstaunt, daß wir Avilas Haus offen fanden. Er gehörte nicht zu den Menschen, die in so unruhigen I Zeiten nicht Darauf bedacht gewesen wären, Heim und Eigentum vor ftreunben au schützen. Aber was ging s uns an, ba standen wir im Hausflur, und bas flache Laternchen Siebolds stieß aus dem runden Auge fein Strahlenbündel gegen Wände, Türen und Treppe. Behutsam öffnete ich die Tür zu Avilas Kanzleizimmer, mehr aus übertriebener ©rünblic^eit, als weil ich vermutet hätte, ihn wirklich dort zu finden. Vielleicht auch deshalb, weil ich das feltfame Vergnügen der Spannung, das ich empfand, mir genußreich verlängern wollte. Avila, dieser Mensch ber Martina vor mir besessen, der sie mir durch all die Iahr^ meiner Unbekanntheit mit ihr vorenthalten hatte, war es, auf den sich mC Siebolb” Singbogmo war mir zu fremd und fern Und wenn es Isabel Calderana war, die uns übelwollte und uns nachstellte, ich konnte sie nicht fo hassen wie Avila, ich hatte sogar etwas wie eine Scheu vor ihr. Gut, die versolgte uns, und wir muhten uns ihrer erwehren, und ich wollte es zufrieden fein, wenn es fo war, wie Siebold behauptete, daß fie nun machtlos geworden sei. Es war jedoch etwas in mir, das wich hinderte, in die Urgründe ihrer Feindschaft gegen uns einzudringen, manchmal sprach sogar eine Stimme, die sie rechtfertigen wollte. Sie hatte die Erbschaft einer Sterbenden übernommen, sie vollzog eine Rache, es war ein — heiliges Amt. Das war alles so dunkel und verwogen, daß ich nur ungern daran dachte. Aber hatte ich nicht trotzdem sogar in diesen Tagen ein Bild von ihr zu malen begonnen, um den Eindruck sesizuhalten, wie sie mir damals entgegengetrtien war im schwarzen Kleid mit den roten Schuhen, das Schultertuch ledoch halb über das Gesicht gezogen, daß nur die eine Hälfte einer leblos starren Maske zu fehen war? Indem sie sich uns halb enthüllte, wurde sie uns I aum noch größeren Geheimnis. . ,, Mit Avila aber lag alles klar unb offen am Tage. Ja, er hatte mir bie Frau, bie mir bestimmt war, genommen, ehe uns bas Schicksal zusammengesührt hatte, er hatte sie mir >?un »um zweitenmal geraubü Solange er lebte, war er mein einziger wirklicher Fernb. Ich wollte ihn nicht qerabe töten, aber ich wollte ihn unschädlich machen. Ich war bereit, Siebolb in allem beizustehen unb vor keiner Grausamkeit zuruck- ,zuschrecken. Avila sollte gezwungen werben, bas Versteck Martinas zu verraten, unb vielleicht konnte man ihm, wenn man ihn nun schon einmal in ber Gewalt hatte, auch bie Zustimmung bazu entreißen, baß er Martina frei unb mir zurückgab, bem sie seit jeher nach bem ewigen Ratschluß ber Allmacht gehörte. . Dieser Gedanke hatte sich meinen andern erst in dem Augenblick auqesellt, als wir bas Haus betreten hatten, er war plötzlich in mir auf» aeftanben unb hatte alle anberen in den Hintergrund gedrängt. Ma war umstellt, er konnte uns nicht entrinnen, nun brauchte ich nichts ju übereilen und konnte die Wonne, den Strick um seinen Hals zuzu- ziehen, langsam genießen. , ... , , Im Kanzleizimmer war Avila nicht, was hatte er hier mitten in der Nacht auch tun sollen. Auch die anderen Kammern des Erdgeschosses waren leer. Hinten am Hof lagen die Schlafräume des Mozo und der alten Dienerin Dort hatten wir nichts zu suchen, wir wußten jedes Geräusch au vermeiden, das alte WeibleiN hatte einen leisen Schlaf. Ich kannte hier jeden Fußbreit Boden, behutsam führte ich die Treppe hinan unb mied sede knackende Stufe, oft genug war ich diesen Weg geschlichen. Nun standen wir vor ber Tür zum Wohnzimmer, lautlos drückte ich die Klinke nieder und sandte den suchenden Strahl der Laterne voraus, die ich Siebolb abgenommen hatte Beim Betreten bes Raumes hatte mich eine plötzliche Angst überfallen. War es nicht möglich, baß Avila überhaupt nicht daheim war konnte er nicht ganz gut in Geschäften oder aus einem andern Grund vom fiaus abwesend fein? . , ,, _ , Aiifatmend sah ich, daß ich nichts zu befurchten hatte. Der Tisch war gedeckt, die Heberrefte einer Mahlzeit standen herum, Avilas wohl- bekannte strohgeslochtene Zigarrentasche lag neben der Halbleeren Wem- Oer Hausgöhe. Volksweise. Und welche Frau ein Götzen hat, Die schläft wohl ohne Sorgen; Er wäscht die Tisch, er wäscht die Bänk, Das tut er alle Morgen. Sie gab ihm ein Besen in sein Hand, Das Haus sollt er ihr kehren; Wiewohls der Götze nicht gerne tät. Noch dürft er sich nicht wehren. Und wenn der Götze essen wollt, So tät sie ihm bald geben, Sie gab ihm nichts als Sauerkraut, Und Wassersuppe daneben. Sie nahm ein Prügel in die Hand, Dazu zween harte Steine, Sie schlug den Götzen vor den Kopf; Noch ourft er ihr nicht weinen. Sie nahm ein Strick in ihre Hand Und band ihm alle viere, Sie hing den Götzen an die Wand Und ging danach zu Biere. Und da es kam an den dritten Tag, Das Fräulein kam zu Haufe; Sie nahm den Götzen von der Wand, Er sollt ihr lernen mausen. Sie gab ihm ein Korb in seine Hand, Nach Pilzen sollt er laufen; Der Götze war von Flandern, Er sprach: Frau! Ich will wandern. Bleib bei Euch nun nicht mehr. Oie Seidenwebenn. Ein Faltermärchen von Friedrich Schnack. Wang, ein junger Gelehrter aus der Provinz Schen-Hri hatte auf einem Nachtfest in den Gärten seiner Heimatstadt ein junges Mädchen kennengelernt, zu dem er auf den ersten Blick in Liebe entbrannt war. Sie hatte den schönen Namen Heitang und war die Tochter der Frau Jen, deren Gatte als General beim Einmarsch in die südlichen Provinzen gefallen war. Frau Jen war eine sehr geachtete Dame, die der Präfekt zu jedem großen Stadtfest persönlich einlud, denn der Name des gefallenen Generals hatte noch immer einen weiten Nachklang. Wang nannte das Mädchen in seiner Verliebtheit Aprikosenblüte. Wie er gehört hatte, wohnte sie fünf Li von der Hauptstadt entfernt in einem kleinen Landhaus. Auf dem Fest blühten über der Aprikosenblüte Hunderte von bunten Pavierlaternen, und ihre Farbenkugeln, ihre Licbtwände und mondänen Wölbungen waren bemalt mit Glückszeichen: Freude, langes Leben, Heiterkeit. In der milden Nachtluft schienen sie zu schweben. Und sie, Heitang, darunter, angeschimmert von diesen reichen Feststernen. Der junge Gelehrte war seit jener Nacht ein anderer Wang, als zuvor, eh? noch die Liebe sein Herz verwirrt hatte. Eng wurde ihm die Studierstube, öde der Schreibtisch und langweilig die Bücherei. Lieber 0(5 Zeile um Zeile den Honig der Weisheit zu saugen, schickte er seine Blicke zum Fenster hinaus in die grünen Bäume des Stvdtgartens. Die großmeisterlichen Wortblumen in den Büchern, die Redesaat der Staatslenker: wie fad erschienen sie ihm, wie grau, da ihm eine andere Blüte, eine zartere, im Sinn flammte, eine Blume aus der Provinz Schen-Hri, eine lebendige Avrikosenblüte in jener erleuchteten Nacht. Unruhevoll verlieh er sein Haus, ging durch die Stadt, schlenderte durch den Stadtgarten, rief sich die verflossenen glänzenden Stunden in die Erinnerung und war so vertieft in sein Mädchentraumbild daß er, ohne es recht zu merken, das Stadttor hinter sich lieh und sich in die Felder verlor. ... , Er wanderte wohl an die fünf Li, und als er die fünf kleinen Meilen zurückgelegt hatte, »eh er sich am Weg unter einem schattigen Baum nieder. Wundervoll still war es hier. Es war wohl der stillste Ort in der ganzen Provinz Schen-Hri, so kam ihm vor. Wie angenehm die r.uft, gewürzt mit reinen Düften! Niemand in den Feldern, nur die Geister idez Mittags und der Blumen, die Schmetterlinge. Sie flogen dahin und ^dorthin auf der Suche nach Blumen und frohen Geistern. Sie fanden, was sie suchten und glichen nicht dem jungen unruhigen Wong, der luchte, was er nicht finden konnte. _ , , , . Ach, wär er doch, auch ein Schmetterling! So sah er, sann und wünschte. Cs war nicht zu verwundern, dah seine Hande ins Gras lanken und seine Lider sich schlossen: einen Augenblick nur. Und zugleich ■öffnefen seine inneren Augen die Lider und blickten rundum. Ginen Augenblick nur. Und er sah: mitten in der Wiese stand em innges Mad- ichen. Es war ein Sommermädchen, angeloht vom grünen Feuerwerk der Gewächse und roten und blauen Sternen. Die wiegten sich Yin mnb her, wie sich die Laternen auf dem Nachtsest schwankend bewegt Hotten Der junae Herr Wang konnte ihr Gesicht nicht gut erkennen: die ziehenden Wolken bedunkelten es mit ihren eilenden Schatten, die Gräser umzuckten es mit Blitzen, es schien von Augenblick zu Augem d»ck sein Aussehen zu wandeln. Doch Wangs Gedanken änderten sch «nicht so leicht, er erriet nicht den Sinn und wahren Ausdruck des Mädchengesichtes. Ihr Gewand leuchtete zart wie Aprikosenhaut Nun Hob sie rasch den Arm, in der Hand hielt sie schräg einen kleinen Jadestab, sie schien ein Zeichen in die Luft zu geben: lauter schwoll das Gesumm der Insekten, eine wunderbare Geistermusik. Feine gläserne Bogenstriche schwirrten, winzige Gongschläge hallten, und zauberhafte Bläser durchstickten die Bläue mit Klängen von Metall und Glanz. Das Mädchen schlug einen blitzschnellen Kreis mit dem Jadestab. Es war ein dunkel- lustiger Ring, Herr Wang konnte kaum mit den Augen der Bewegung folgen. Der Stab beschrieb längst andere Figuren. Sehr schön war dies anzusehen. Ein entzückendes Mädchenspiel. Und jetzt? Was geschah da? Mit einem Nu erhoben sich aus den Wiesen alle Schmetterlinge, der mädchenfrohen Geisterbeschwörung folgend. Die Falter jagten auf, dicht wie Wolken von Gold und Feuer und blau wie der Rauch der Dampfer auf dem Flusse; an allen Enden und Ecken des Feldes huschten sie empor, die Mittagsgaukler sammelten sich in Scharen, und kaum dah sich Wang ein wenig über ihre Erregung gewundert hatte, waren sie schon zu einem Flügelschleier über dem Kops des Mädchens zusammengewoben und ausgebreitet. Aber der Taktstock rih sie mit sich, rote eine Fahnenstange das Fahnentuch im Winde mit sich reißt. Hinter der blitzenden Spitze schwebten sie her, die flink in die Bläue ritzte, und alsogleich flatterten in den Luftfurchen die Falter wie Streifen wild- bewegter Blumen und farbige Regentropfen: blaue, gelbe, braune, rote Schmetterlinge. Atemlofe Luft! Sie schwebten wie die Glückszeichen: Freude, langes Leben, Heiterkeit über der Spielerin. Wie sehr bestaunte Wang den Tanz der Geister, das Fest über den Gräsern, den Jnsektenrausch. Heftiger taktierte das Mädchen, immer schneller folgten die Geflügelten den Tanzgedanken der Schmetterlingsmeisterin, zuletzt gewahrte Wang nur noch verschwommene Streifen und Flammen über dem Jadestab. Und noch erstaunlicher war, daß auch die Gräser sich bogen, die Blumen wankten und das Laub floß, eingestimmt in die heftige Bewegung. Da spürte Wang, wie der geheimnisreiche Wirbel auch tn seinem Herzen zu kreisen begann: die Bildnisse von Mädchen, Wiese und Landschaft rollten rund um seine Seele; ihr Strom ergriff ihn, der Stab winkte, und Herr Wang war eingeordnet in den strahlenden Reigen, den sich das sonderbare Mädchen ausgedacht hatte. Der junge Gelehrte entbreitete seinen gelben Mantel. Die beiden Seidenschöße flatterten hernieder, der schöne rote Kragen schimmerte: Herr Wang sah mit einem Insektenblick, der das Bild der Umwelt millionenfach zerlegte und spiegelte, dah er sich in einen schönen, nur etwas schwerfälligen Falter verwandelt hatte. Mitten unter den Faltergefährten flog er, dem Jadestab folgend, an den blitzenden Mädchenaugen vorüber, die ihn beglänzten wie der Doppelstern einer unerreichbaren Blüte. Flugfreude, 0 Falterglück! Wang wollte ein wenig philosophieren über den Rausch der Bewegung und nachdenken, wie es kam, daß ein Falter glücklich war, wie er selber glücklich sich fühlte. Was schreiben darüber die alten Meister?, wollte er fragen. Aber es gelang ihm nicht, die Gedanken mit Schärfe zu setzen. Die alten Meister schrieben nichts darüber, nicht ein einziges Blumen- und Farbenwort stand über die Flugfreude in den Büchern. Nicht auch konnte er einen Sah philosophieren, die hohe Empfindung lieh sich zu keiner anderen Empfindung in Beziehung setzen. Wang wurde ängstlich. Er wähnte abzustürzen, flatterte lächerlich ungeschickt und lieh sich rasch auf den Jadeftab nieder, den das Mädchen plötzlich zu Boden geworfen hatte. Heute ging es aber gar nicht gut, glaubte er zu hören. Das soll Schmetterlingsgeift fein? Wang machte sich winzig klein. Deuteten nicht Kräuier und Halme auf ihn? Ich werde es euch vormachen, sagte sie. Sie bewegte die Hände, hob die Arme, schwang sich empor und schwebte vor dem Himmel, ein rötlicher Aprikosenfalter, in ganz kunstvollen Schleifen, Windungen und Kapriolen. Regungslos umstanden sie in den Lüften die schwebenden Schmetterlinge. Wang auf seinem Jadestäbchen schaute berückt empor. Er sah eine Schmetterlingsgöttin, die da tanzte. Ihre luftige Flügelschrift suchte er zu entziffern. Was für einen Gedanken webte sie in den blauen Stoff des Himmels mit flinken Flügelschlägen? Wang verstand sich auf die schwierigsten Schriften. Mühelos entzifferte er: Ich liebe dich ... Ach, dachte er, sie schreibt eine Botschaft. Sie hat das kostbarste Briefpapier, Aetherseide . . Und er buchstabierte voll Eifer: Mein Geliebter ... Gleich einer kleinen Springwelle hüpfte das Mädchen auf und nieder, und ihre Figur besagte dem Schriftgewandten: O Wang, warum kommst du nicht ... Er verwunderte sich, erbebte und fühlte, daß seine Flügel erzitterten. Und da war ihm jäh, als spielten sich all diese geschmeidigen sehnsuchtsvollen Tänze in seinem Herzen ab, und die Schmetterlinge wären seine Liebesgedanken. Indes zogen die Falter hinter der Tanz- meifterin her, und ehe ihre Farbenschleife einen Bogen gewölbt hatte, huschte Wang auf, um sich dem letzten Falten anzuschließen. Er war der allerletzte und war zugleich der erste, der dicht vor dem Mädchengeist segelte. Blind vor Wonne jagte er dahin — bis er mit dem Flügel plötstich an einen Ast anstreifte ... Ganz verwirrt blickte er auf: er stand auf dem Weg, ein junger Gelehrter, ohne Falterflügel, mit einem Mantel angetan. Er war ein paar Schritte weitergegangen von feinem Rafenfleck, auf den er sich vor einem Augenblick niebergelaffen hatte, und befand sich auf einem schmalen, gelben Weg, am Rande der Wiese, dicht vor einem Zaun und einem kleinen Landhaus. Unbekannt war ihm die Gegend. Noch nie war er hier gewesen. Eine Schar bunter Falter durchschwirrte den Garten, strich an den Fenstern hin, und ihre Flügel spiegelten in den Scheiben. Wie töricht! schalt er sich. Wie ein Mondsüchtiger, mit verwirrtem Herzen, laufe ich am hellen Tage umher. Hinter feinen eigenen Vorwürfen klangen die Vorwürfe seiner Lehrmeister, deren Bücher zu Haus auf feinem Schreibtisch lagen, und sie murrten: Verliebte sind wie. Narren. Sie vergessen die Wirklichkeit und verlieren sich in Traumländern ... Aergerlich nestelte Herr Wang seinen Mantel vom Dornenstrauch und trat in das Haus, um sich nach dem weiteren Weg zu erkundigen. Er tlopfte, eine helle Frauenstimme rief: Herein! Behutsam öffnete er die Tür und stand starr. Ihm zugewandt war das geliebte Gesicht, Heitang, die Aprikosenblüte. Sie saß vor einem Webstuhl, darin das Schiffchen hin und her zuckte. Durch den S uhl floß ein Regen bunter Seidensäden, Farbenstrahlen wie aus Festlaternen. Ein Stück des farbigen Gewebes bedeckte den Schoß der Seidenweberin: ein überbuntes Schmetterlingsmuster hatte sie in ihren Stoff hinem- ersunden und hineingewoben. Der kam ihm sehr bekannt vor. „Herr Wang!" sagte sie errötend, und der Webstuhl horte auf zu weben... Erntetage. Von Wilhelm Luetjens. Auf weiten Feldern brütet der Sonne Last. Die braunen Kühe ruhen trag, umflirrt vom Mittagsglast. Das ist die Zeit des Reifens, die sommerliche Zeit — • Des Frühlings Blüten, kaum verweht, sind weit. Du fühlst, wie deine Tage in Sommers Glut vergehn wie Sang und Sage, und ruhig pulst dein Blut. Du mußt dein Selbst ergreifen, eh es wie Flugsand dir zerrinnt — Die Wolken ziehn, die Mühlen treibt der Wind. Die Wolken gehn im Blauen, die Mühle mahlt das Korn. Wenn schwer die Halme fallen, war der Sommer nicht verlorn. Der Abend leuchtet lange nach, die Nacht träumt kurze Zeit — Schon steht das Feld dem Sensenschnitt bereit. Vogesenfeldzug 1915. Ein Bild vom Ausbruch. Bon Hans Brandenburg. Bon allen Seiten schaute der ernste Bergwald in das Städtchen, aus dem endlose seldgraue Kolonnen zum Kampf in das Gebirge hineinzogen. Sie marschierten im Schutze der Abenddämmerung zwischen dem alten Rathausbogen und einem großen steinernen Kruzifix, das auf dem dunkelblauen Hintergrund der Berge ruhte, auf dem sich die Truppen bewegten: Fußsoldaten, Pferde, Maultiere und Esel, Geschütze, Munitionswagen, Packwagen und Feldküchen, am Schluß ein Pater in seiner Kutte, aber in soldatischer Mütze mit violettem Rand, sowie ein großer Trupp mit dem roten Kreuz aus weißer Armbinde und mit Hunden, die dasselbe Zeichen trugen. Noch blieben viele Truppen in dem Städtchen zurück, aber sie sahen den Abrückenden nach mit der Gewißheit, ihnen bald folgen zu müssen. Und mit diesem Ausblick verband sich für manchen eine kurze Rückschau. Vorüber die Wochen der Ruhe in den großen und kleinen Nestern jenes Elsaß, das abseits lag vom Kriegsschauplatz. Vorüber das Bummeln durch die vom Abendlicht beschienenen Gassen und Plätze, die ihre Häuser wie Kulissen aufstellten, Häuser, deren Dachfirste manches Storchnest krönte, und die sich unten in behäbigen Toreinfahrten öffneten; blühende Oleander in großen Kübeln vor allen Türen ragten oft bis zum Giebel hinauf, der Lauf des Baches, überall von Gruppen waschender Frauen und Mädchen belebt, führte einen durch das winklige Labyrinth der Stadt, und lief man sich dennoch öfter in einer Sackgasse fest, so machte man gern Halt gleich wie in einer lieblichen Verzauberung. Aus den Fenstern aber klang Geigenmusik und Klavierspiel, ein Hauch herzlicher, altfränkischer Bildung ging von den Häusern aus, der einen auch in ihrem Innern anwehte, wo die Bücher von Zöglingen offenlagen, und wo außerdem die Katze im niemals stylenden Großvaterstuhl schnurrte und abends vor dem Schlafengehen neben dem Napf, aus dem der Kaffee gelöffelt wurde, eine Schüssel frischgepflückter Johannisbeeren stand. Den jungen angehenden Gelehrten und Freunden schöner Künste unter den Kriegern geschah wohl gar das Glück, daß ihnen in solchem Quartier Goethes Jugend leibhaftig entgegentrat in einer Friederike von Sesenheim, die in der zeitgemäßen, sachlich strengen Nonnentracht einer Krankenschwester nur noch anmutiger ihnen die Zukunft aus den Händen deutete mit Worten traulichster Mundart und unermüdlich in Rätsel- und Pfänderspielen war. Herzliche Unbefangenheit und sinnliche Frische und Unschuld strömte ihnen da entgegen, und Soldaten, denen vielleicht ihr letztes Fest beschieden war, wurde ein kleiner, sonst jetzt verpönter Tanz nicht verwehrt, zu dem eine Mundharmonika das Orchester und ein Besenstiel, am Zimmerboden kratzend, den Brummbaß machte. Vorüber die schwülen Tage verstohlener Kirschenernte in den reich- gesegneten Gipfeln eines noch weit kleinstädtischeren Ortsidylls. Aber hier fangen und spielten sogar die Wirtstöchter klassische Musik, wahrend ihre alte Mutter, auch eine rechte Fremden- und Soldatenmutter, voll Würde hinter dem Schenktisch thronend, die Kaffeetassen mehrmals nach, füllte, ohne den Preis zu erhöhen. Das Leben schlief in Hitze und Sommer- träumen ein, und sogar das betende Nönnchen auf der Bank zwischen den steilen Lilien des Klostergartens. Nur die Soldaten übten auch hier in der Ruhe ohne Pause ihre Kriegstüchtigkeit, und abends mischten sie sich unter die Mädchen, von denen manche schon Soldatenbraut war, und manche es zu werden hoffte. Es wurde da auch einmal höchst unschuldiger- weise eine nach dem Krieg zu erwartende französische Erbschaft einer alten Tante, deren verstorbener Gatte Kammerdiener von Mae Mahon gewesen, ins Feld geführt. Doch auch davon abgesehen, tischten selbst die armen Kleinhäusler am Ortsrande auf, was Küche und Keller nur irgend noch hergaben. Hier aber redete bei allem schon der ferne Kanonendonner ein gedämpftes Wort mit und lockte auch manchmal aus den Kamerad- fchaftsgefprächen ein banges Echo, wenn man müde vom Dienst und übersatt vom erlaubten Naschen, unter den Fruchtbäumen in der Abend- schwüle liegend, zu den murmelnden Vogesen hinübersah und in der Dämmerung die letzte Pfeife glomm. Vorüber die Marschtage, zu deren Beginn sich der Saum des Gebirges so lichtblau über die Ebene schwang, die so üppig von dem in Eins wachsenden Wein, Getreide und aller sonstigen Feldsrucht strotzte, daß man im Süden zu (ein glaubte. Nachts ging es durch schlafende Ortschaften, hinter denen sich die schwarzen Kuppeln der stummen Bäume über den weißlich schimmernden Kornfeldern wölbten. Da waren auf Sturzwellen verwegenen Tatendranges, die aus mancher jungen Brust strömten, ächzende, sußwunde Müdigkeit und stumpfer Gleichmut gefolgt, und zuletzt traumloser Schlaf In Eisenbahnwagen, die von der letzten größeren Stadt in dies Tal hinaufkletterten. Nun sah man im letzten Etappenort, abmarschbereit unter Abmar- schierenden, aber auch unter Einmarschierenden. Denn hier vollzogen sich die Ablösungen und sammelten sich die Verstärkungen. Es war ein ständiges Gehen und Kommen von Fuhrwerks- und Mannschaftskolonnen, das besonders bei Nacht anschwoll und sich schallend in den engen Gassen staute. Die Eintreffenden, wenn sie von der Front kamen, waren ruhebedürftig, ja übermüdet. Schlafzimmer, Schreibstuben, Ställe und Heuboden überfüllt, alle Tore und Türen von den Quartiermachern mit Belegstärken in Kreideschrift bedeckt; es entstanden Kämpfe um die Unterkünfte, niemand wollte die schwererrungene gutwillig räumen, Stäbe mußten übergeordneten Stäben weichen, unter deren neuer Aufschrift die frühere erlosch. Streitfälle entstanden zwischen dem Recht des zuerst Mahlenden und dem Recht der höheren Charge und noch zwischen anderen Rechten, Rufen und Schelten kam durch die Nacht, Türen wurden auf- gestoßen, und zwei elektrische Tischlampen blitzten einander grell und zornig an. Stundenlang wurde Wache gehalten vor irgendeinem schmutzigen, von Fliegen wimmelnden Loch, das man sich nicht entreißen lassen wollte. Schmutz und das schlimmste liebel, die Fliegenplage, ließen sich nicht bekämpfen, wo Menschen und Tiere, Schlafstreu und Küchen fo zusammengedrängt waren. Wurde es Tag, so zogen die feindlichen Flieger bis hierher ihre Kreise, von platzenden Schrapnells verfolgt. Das Tal, an dessen einem Hange das Städtchen aufstieg und in das sich Waldzug um Waldzug von beiden Flanken hereinschob, lag in der Sonne, und in der Sonne lag das sehr schon gewölbte Massiv, mit dem es, nicht weit von hier, abschloß. Aber dessen Waldblößen rauchten deutlich sichtbar von den Wolken einschlagender Granaten, es war ein böser Wetterwinkel. Aus ihm herüber sausten die Geschosse mit ihrem heulenden abschwellenden Pfeifen auch oft genug bis hier herüber, hinweg über die Dächer und manches Mal in sie hinein. Waren gleich Blindgänger in großer Zahl darunter, so genügte doch einer von ihnen, wenn er durch mehrere Zimmer fuhr, Wände und Schränke durchbohrend, Einrichtungen zertrümmernd und mit feinem Luftdruck Fenster mitsamt der Ummauerung aus den Fugen pressend, zu töten und ein Heim zu verwüsten. Man konnte sich hier in manchen Augenblicken auch als Soldat ungemütlich fühlen und schon aus einer leichten Unsicherheit heraus den Wunsch haben, näher an den todspeienden Wall heranzukommen, wie man an eine Mauer möglichst heraygeht, über die mit Steinen geworfen wird. So sagte wenigstens einer im Scherze. In Wirklichkeit mochte man endlich Taten tun, statt hier qualvoll wartend auf der faulen Haut zu liegen. So schon zog die Landstraße durch das reiche Tal feindwärts, dahin unter üppigen Walnußbäumen, unter denen jenseits der Gräben Zelte aufgeschlagen waren, Kochstellen brannten und Pferde und Maultiere grasten. Immer näher ging es da hinten an die wetternden Gipfel heran, und wie es droben aussah, das sollten auch die in der Talstadt Harrenden bald kennenlernen: Zurückgedrängte, aber um so zähere Grenzwacht aus deutschem Boden mit schwachen Kräften, weil sich die Hauptkämpfe im Osten entwickelten, einem wütend feuernden, auf Gebirgskrieg geübten Gegner gegenüber: ein endloses Ringen um jede Fußbreite Bodens und immer um die gleichen Stellungen, die man wechselnd behauptete und wechselnd sich entriß; jeder Waldhang ein einziges Minenfeld, aufgepflügt und voller kahl und astlos geschossener Baumgespenster; und auf, den Hohen dieses gemordeten Hochwaldes, von seinen zersplissenen Strünken überragt, hoch über blauen Tälern und nebelbrauenden Schluchten. Schützengräben im Felsenboden, vom Hauch der Verwesung erfüllt. Wahrlich, blutige Heldenopfer für das Vaterland fielen auch hier genug, aber ohne von dem Glanze der großen Entscheidungen verklärt zu sein. War die Nacht dunkel, so fliegen die Lichtgespenster der Leuchtkugeln zum Himmel auf ober huschten diejenigen der Scheinwerfer durch bte Finsternis. Es geschah auch, daß die elsässischen Dorfglocken die großen Siege im Osten zu den westlichen Feinden emporsangen. Doch niemals schwieg der Wetterwinkel. Ost dröhnte er wie eine große Kesselpauke, bis er plötzlich in einer Nacht, als durch die Stille nach dem Derrasseln des Wagentrotts erwachte, wie ein Riestnamboh donnerte. Das war das Sturmzeichen zum Aufbruch der Reserven. •ertnttoorllich Dr. Hans Thhriot. — Druck und Berlar: Drühl'sche Univerlitäts-Duch- und Steindruckerei, 2L Lrnae, Diebe»-