Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang i»Lr Sreitag, den 25. Juni tiummtr 48 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 2. Fortsetzung. "Ach was, Spanien!" unterbrach mich Siebold. „Da steckt etwas anderes dahinter. Ich kann es nur nicht sehen hinter dem gelblichen Nebel. Du denkst, es mir nicht sagen zu dürfen. Gut." Er nahm den Brief und hielt ihn einen Augenblick gegen die Stirne: „Nun wenigstens das soll dir nicht schaden", sagte er, indem er mir das Schreiben zurück- reichte. Ich konnte sein Lächeln sehen, im Schein der Oellampe über dem Tor meines Hauses, wo wir eben angelangt waren. „Auf gutes Wiederkommen, Francesco!" sagte Siebold. Ich reichte ihm die Hand: „Und Dank für deine Sorge um mich." Im Erdgeschoß des geräumigen Hauses lag meine Werkstatt. Ich riß die Tur auf und warf einen Blick hinein. Ich liebte es, so plötzlich einzutreten, es war eine alte Gewohnheit, geboren aus einem dunkeln Wunsch, einmal meine Bilder dabei zu überraschen, wie sie ohne Ueber- wachung durch mich ihr Eigenleben führten. Vielleicht hatten sich die Gestalten von der Leinwand gelöst und standen nun da im Raum. Manchmal dankte ich so plötzlichem Blick in die Werkstatt einen Einfall, eine Eingebung, die Vision einer neuen Schöpfung. Aber der weite Raum war finster und stumm, meine Seele war heute nicht empfangsbereit. Ich stieg die Treppe zur Wohnung hinan. „Wie geht es Rosalba?" fragte ich gleich in der Tür. Mein Schwager Bayeu war bei Josepha. Sie saßen am Tisch über ausgebreitetcn Papieren und Rechnungsbüchern und hoben kaum den Kopf. Sie gaben mir keine Antwort. Im Zimmer nebenan lag die vierzehnjährige Rosalba. Sie schlief m ihrem Bett, das Nachtlicht bewachte ihren unruhigen Fieberschlaf, die kleine Hand war heiß. Da lag sie nun, von demselben geheimnisvollen Fieber gequält, dem schon alle meine Kinder zum Opfer gefallen waren bis auf einen Sohn. Der hatte das Fieber überstanden, nun war er verheiratet, ich würde bald Großvater werden; ein würdiger Großvater, der Stierkämpfertunst- stücke zeigt und gegen einen Raufbold zum Messer greift. Von allen meinen zwanzig Kindern war mir nur Francesco Javier geblieben und dieses fiebernde Kind. Ja, und dann vielleicht noch dieses andere Kind, dieser Sohn, der vor einer Kirchentür ausgesetzt worden war, von einer verzweifelten Mutter, die mich gesucht hatte, ihre geschändete Liebe und vielleicht — gewiß! — ihren glühenden Haß im Herzen. „Ich muß morgen verreisen", sagte ich, als ich wieder in das Wohnzimmer kam. Mein Schwager Bayeu schüttelte den viereckigen Schädel ^snd stemmte die gespreizten Finger der Rechten auf di« Papiere, die ub-r den Tisch gebreitet waren. „Du solltest in deine Angelegenheiten Ordnung bringen", sagte er laut. Er brauchte nicht so zu schreien. Sierralust wehte in die Stadt. Aber ich wußte schon, wenn man im Haus fv mit mir schrie, so wollte man mir meine Schwerhörigkeit vorhalten, man wollte mich darauf aufmerksam machen, daß einer meiner Sinne fm Begriff war, zu schwinden. Dieser eigensinnige Greis, der zwölf Jahre älter war als ich, stand mit mir nicht zum besten, seit wir uns damals wegen der Fresken in Zaragossa in die Haare geraten waren; ->e Versöhnung war oberflächlich geblieben, im Grund trug es mir Bayeu immer nach, daß alle Welt darin einig war, mich als den größeren Meister anzuerkennen. „Einnahmen und Ausgaben sollten im Einklang stehen", sagte Bayeu und sah mich mißbilligend an. „Das hat er nie verstanden", setzte Josepha hinzu, „wenn er hunderttausend Piaster verdient, so wird er zweihunderttausend ausgeben." : Bruder und Schwester standen immer gegen mich zusammen. Feind- klig, fremd und kalt war mein Haus. Josepha, deren zarte Gestalt und vornehme Haltung einst nicht ohne Reiz gewesen waren — nun war i£e verbraucht von den vielen Kindern, ihr einst so prächtiges goldrotes Oaar war nun von weißen Fäden um seinen Glanz gebracht, ihr Nund war streng und gekniffen, das Kinn stieß spitz nach vorn. Sie wnnte mir meine vielen Weibergeschichten nicht verzeihen, sie verstand J.cht, daß man solche Geschichten eben manchmal mitmachen muß aus !>oflichkeit oder um Beleidigungen zu vermeiden. Sie vergab mir den -ob der Kinder nicht, den sie hartnäckig und gehässig mit jenen Aben- es war „Ja — nun geht er wieder zu ihr", zischte Bayeu und sah mir grimmig nach. Josepha erwiderte nichts, sie nahm mit verbissenem Gesicht wieder die Rechnungen und Bücher vor, wohl um sich weiter darin zu be. starken, was für ein leichtsinniger Hausvater ihr Gatte war. * _Ach, meine wilde Zeit war längst vorbei. Die Zeit der Herzoginnen, Schauspielerinnen, der Eroberung jedes meiner Modelle, der nackten Ma>as, die ich vor dem Einbruch wütender Ehemänner rasch mit keuschen Hullen übermalt hatte. Darin tat mir Josepha unrecht, ebenso wie mit dem Vorwurf des Leichtsinns und der Verschwendung. Ich bin aus Bauernblut hervorgegangen. Bauernart ist es, das Seine klug und sparsam zusammenzuhalten und ein strenger Rechner zu sein. 53er- [«“"9 mir fern, so gerne ich auch mein Leben aus dem Vollen Summen, die Josepha für vergeudet hielt, hatte ich stillschweigend beiseite gebracht, um sie vor Josephas Zugriff zu retten, die sie sonst wohl ihrer eigenen Familie zugewendet hätte. Und längst schon war an Stelle der tausend Liebeleien die eine Liebe getreten, die spät erblühte Leidenschaft. In enger Gasse, vor dem schmalen Haus ließ ich dreimal den meckern- den Jagdruf des Ziegenmelkers ertönen. Der Bauernjunge von einst hatte die Stimmen der Tiere erlernt, der große Meister hatte seine Jungenkunste nicht vergessen. Das Licht im Haus wanderte als Zeichen aus oem einen Fenster in ein anderes, gut, ich konnte den Schlüssel in das Schloß des Tores stecken. 9ben' m der erhellten Türöffnung stand Martina. „Komm Liebsterl" flüsterte sie. Ich nahm sie in die Arme. Alles war vergeßen, Isabel die Franzosen, Martincho, Josepha, das kranke Kind, sogar Schwester Blandina, alles war gut, ausgeglichen und von Seligkeit erfüllt. Du siehst, ich habe deine Nachricht erhalten", sagte ich. , , "^a' 'st sort. Er hat einen Auftrag bekommen, die Franzosen haben Nachtarbeit von ihm verlangt, morgen soll ihr Aufruf oder ihre Kundmachung an allen Straßenecken kleben." „Was für eine Kundmachung?" »Ich weiß es nicht. Eine Aufforderung oder Warnung, vielleicht handelt es sich um Ablieferung der Waffen oder dergleichen. Politik! Was geht's uns an?" Ach, Martina ahnte nicht, daß es sie doch etwas anging, und wie sehr sie das anging, was sie so verächtlich als Politik abtat. Aber die Freude, Martina zu sehen, war so groß, daß ich meine Gedanken jetzt im Glück meines Auges untergehen ließ. Der Bildeindruck, zu dem mein Auge die Geliebte zusammenfaßte, war eine Helle Heiterkeit. Die Gattin des Buchhändlers und Buchdruckers Avila stand immer vor mir, als strahle sie in einem eigenen Licht. Durch welches Wunder verwandelte sich die Dunkelheit ihres Haares in diese klare Helligkeit? Kam all dies Licht aus dem kleinen spielenden Goldfunken auf dem Grund ihrer schwarzfamtenen Augen? — Oder sandte die leicht-bräunliche Haut, die von zartem Rosa durch- schimmert war, dieses sanfte Feuer aus? Sie trug das Blut eingewanderter deutscher Vorfahren in sich; vielleicht war all dies ein letztes Erinnern an Lichtgebilde des klaren, von Schneeluft erfüllten, von blassem Himmel überbauten Nordens. Aber dennoch: diese meine letzte Liebe war von all meinen braunen und schwarzen, feuerdurchbebten und aufwühlenden Abenteuern das aufwühlendste. Nicht durch Wildheit sondern durch nie zuvor erlebte verzückte Innigkeit einer Hingabe ohne Grenzen. Die Fensterläden waren sorgsam herabgelassen. Wir saßen Hand in Hand wie Kinder. „Tollkopf!" sagte Martina vorwurfsvoll. „Was denn?" „Und wenn dir der Sprung mißlungen wäre? Wenn dich der Stier gespießt hätte? Glaubst du, es hätte dir einer geholfen? Die hätten dich im Stich gelassen!" Die Geschichte war also schon bis zu Martina gedrungen! Die Nach, darin hatte es erzählt, sie hatte es von einem blinden Straßensänger, der hatte es von — ach, mein Gott, was die Leute für Aufhebens von dem Dummenjungenftteich machten. Ich senkte den Kopf und schämte mich ein wenig. »Ern in einen geheimnisvollen Zusammenhang von Schuld und Sühne brachte. „Aber anstatt Ordnung zu machen, zieht er es vor zu verreisen", sagte sie. Immer vermutete sie hinter solchen Reisen, hinter jedem Rort- bleiben vom Haus eines der Weiberabenteuer, in die sie mich noch immer verstrickt hielt. w Ganz weich und gütig war ich heimgekommen, besorgt um das krank« Kind, nun verhärtete ich mich. Sie trieben mich hinaus, gut nur nicht unlieb, einen Vorwand zu haben, mich zu entfernen.' 3Jlante( vöm^Haken einmaI f°^9ehen", sagte ich und nahm meinen „Und nicht genug an dem? Muß man denn gleich zum Messer greifen? Dieser Martincho ist noch gefährlicher und tückischer als em ©Her." „ r „ Die Pest über all die Klatschbasen! Verdammt — daß sie ihre Mäuler nicht halten konnten. Und doch war ich glücklich darüber, ertappt worden zu sein und gescholten zu werden, wirklich wie ein Junge, der Unsinn gemacht hat. Der Unterschied der Jahre war wie weggeloscht. Martina dachte nicht daran, um wie vieles älter ich war. Sie liebte mich Ich war Goya, der große Meister — sie machte mir Vorwurfe, weil ich mich in Gefahr begeben hatte. Ich hörte ein wenig schwer. Was weiter? Sie liebte mich. Glücklicher Tag, der mich gerade zu Avila geführt hatte, vor mehr als zehn Jahren, um mit ihm wegen der Veröffentlichung meiner Caprichos zu verhandeln! Glücklichste Frucht der fieberheißen Stunden zwischen Gelächter und Grauen, die ich in meiner Mansarde in der Calle de San Bernardino an diese Arbeit gesetzt hatte, daß ich Martinas Blick so bewundernd und erregt an meinen Blättern haften sah, daß sie es gewesen war, die meine letzten Bedenken überwand. Ich legte meine Hände an Martinas Wangen und preßte sie zusammen, bis der rosige Mund aufsprang wie eine überreife, köstliche Frucht. Ich küßte diese halboffenen, feuchten Lippen: „Schluß! Schluß! Ich will schon vernünftig fein." Halb erstickt befreite sich Martina. „Ist es denn nicht genug, daß ich immer in Angst sein muh? Ja, ich bin immer in Angst, Francesco. Ich weiß nicht, was es ist. Manchmal glaube ich, daß mein Mann Verdacht geschöpft hat." „Hast du etwas bemerkt?" , Nein ..zöaerte Martina, „und doch — ich kann es nicht anders sagen: ich habe Ängst. Wir müssen noch vorsichtiger sein." Es siel mir ein, daß ich ein Geständnis zu machen hatte und daß nun der richtige Augenblick dafür sein könnte. „Vielleicht ist es da ganz gut, daß ich eben jetzt auf einige Tage fort muß!" Martina stemmte die Hände gegen meine Brust und fah mich entsetzt an. Ihre Lippen zitterten, sie war blaß geworden, und ihre Augen füllten sich sofort mit Tränen. „Du mußt fort? Wohin? „Ich muh nach Bayonne zum König. Ich soll ihn uyd die anderen dort malen. Vielleicht auch sogar Napoleon." Wie hätte ich ihr etwas anderes sagen sollen? Alles Dunkle, Unsichere, Bedenkliche mußte ihrem zärtlichen Gemüt ferngehallen werden. Und es war ja wahrhaftig genug für sie, daß ich überhaupt fort mußte. Das wußte sie schon, daß sie mit Bitten und Beschwörungen nichts ausrichtete, wenn ich einmal einen Entschluß ausgesprochen hatte. Sie mußte sich beherrschen und ihre Tränen Niederkämpfen. „Wann?" fragte sie tapfer. „Morgen." # „Vielleicht ist es das, was mir solche Angst gemacht hat", murmelte sie. „Warte!" Sie öffnete ihr Leibchen und zog an silberner Kette einen länglichrunden blauen Stein hervor. „Nimm das mit!" Es war Martinas Amulett, das sie mir mitgeben wollte. Ein blauer Stein, dessen Namen niemand wußte. Er war entzweigeschnitten und barg in seiner Höhlung ein Stück vom Hemd Christi, das er auf seinem Gang zur Kreuzigung getragen hatte. Ein hochheiliges Stück, das geheimnisvolle Geschenk eines Mönches an Martinas Großmutter, noch geheimnisvoller dadurch, daß es nur so lange seine schützende Kraft behielt, als ein gewisses Licht in einem gewissen Kloster Spaniens brannte. In welchem? Das wußte niemand. Es gab Hunderte von Klöstern in Spanien, in denen ewige Lichter brannten. Vor diesem Amulett verstummte mein Spott, wenn er sich manchmal regen wollte. Ich mußte ihren Aberglauben gelten lassen und lächelte bloß. „Nein, nein", sagte ich, „es soll bei dir bleiben und dich mir behüten." „Nimm es zu dir!" drängte Martina. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und zog sie an mich. „Bist du mir nicht wichtiger als alles andere? Wichtiger als mein Leben, als meine Kunst? Was sollte ich beginnen, wenn du mir genommen würdest?" Martina warf ihre Arme auffchluchzend um meinen Hals: „Liebster!" Sie war unglücklich, sie war troftbebürfHg, welchen Trost konnte ich ihr geben, als indem ich sie von meiner Liebe überströmen ließ? Ich umschlang sie und hob sie hoch, die Erschütterung ihres Weinens floß in meine Brust, rührte mich zu verlangender Zärtlichkeit. Lachend trug ich sie ins Nebenzimmer. Wir wußten es nicht, wir beide, daß ich sie zum letztenmal so auf meinen Armen davontrug. Nach meinem früheren Sturz von einem einspännigen Karren fuhr ich jetzt meist in einer mit zwei Maultieren bespannten Berline. Diesmal aber wollte ich zu Pferd reifen und allein, um weniger Aufsehen zu machen. Cid stand vor der Tür, das Felleisen war auf- gepackt, der Abschied von Josepha nahm nicht viel Zeit in Anspruch und erregte mich nicht weiter. Schwerer war es mir, mich von dem kranken Kind zu Hennen. Rosalba war wach, sie lag mit großen Augen im Bett, es schien, das Fieber war gesunken. „Daß du mir gesund bist, wenn ich heimkomm", scherzte ich, „sonst bin ich böse." Rosalba versuchte zu lächeln, ihre Augen, zu wissend und ergeben für ihr Alter, trübten sich; es war mir wirklich nicht leicht, das Haus zu verlassen, mit dieser Sorge um das Kind. Siebold würde ja nachsehen kommen, aber auch er, dem sonst manche verwunderliche Krankenheilung gelang, schüttelte den Kopf über das seltsame Fieber, dem meine Kinder zu verfallen pflegten. Er erging sich oft in Andeutungen, daß hier ein unheilvoller Einfluß im Spiel fein müsse, eine geheimnisvolle Macht böser Wünsche, der er nicht beizukommen vermöge. Nun, ich setzte mein Vertrauen auf Gott, Gott würde helfen, feine mächtige Hand würde mir dieses Kind während meiner Abwesenheit behüten. Mit allem Nachdruck sagte ich mir im tiefsten Seelengrund wohl ein Dutzendmai vor: Auf Wiedersehen! Aus Wiedersehen! Und diese Wünsche ließ ich wie eine Schar guter Engel zurück, die um das Bett des Kindes Wache halten sollten. Vor meiner Abreise wollte ich noch einem Freund Lebewohl sagen. Er sollte wissen, wohin ich zu reisen im Begriff stand. Nur zwei Menschen gab es in Madrid, die ich wirklich meine Freunde nennen konnte. Außer Siebold nur noch den Grasen Miguel de Fuentes. Ihm verband mich eine Freundschaft, die bis in meine Jugendtage zurückging. Sein Vater, der Gutsherr meines Geburtsortes Fuentetodos, war es gewesen, der mich, wenn ich so sagen darf, als Maler entdeckt hatte. Eines Tages fand er hinter dem Altar unserer Pfarrkirche einen zwölfjährigen Bauernjungen, der sich an einem Vorhang zu schaffen machte. „Was tust du hier?" fragte er und wollte den Vorhang wegziehen. Aber als er in die Falten greifen wollte, da merkte er, daß er keinen wirklichen Vorhang vor sich hatte, sondern einen gemalten. Ja, der Vorhang war auf die Wand gemalt, und der Maler war ich gewesen. Der Pfarrer, der lächelnd dabeistand, jagte, er habe mich mit dieser Arbeit beauftragt, um ein paar feuchte Flecke verschwinden zu lassen, die sich auf der Wand gezeigt hätten. Einmal habe er mich dabei erwischt, wie ich auf feine Hausmauer ein Schwein gezeichnet hätte, und da habe er gemeint, ich könnte meine Gabe doch auch auf Gott wohlgefälligere Weise ausüben. „Steht es so", hatte der Graf gesagt, „bann könnte Spanien wohl an ihm einen neuen großen Maler gewinnen." Und dann hatte er meine, Eltern dazu überredet, mich auf feine Kosten nach Zaragossa gehen zu lassen und bei Luzan y Martinez Unterricht zu nehmen. Ich wäre wohl auch ohne den Grasen Fuentes der große Maler geworden, der ich bin, aber ich muß ihm dafür dankbar sein, daß er mich so rasch auf den richtigen Weg gebracht hat. Noch dankbarer aber bin ich ihm dafür, daß er feinem Sohn, der mit mir im gleichen Alter stand, gestattet hat, mein Freund zu werden. Er hat mit mir tausend tolle Streiche ausgeheckt und bann später hat er mir über so manche Klippen hinweggeholfen, an benen mein Schifflein vielleicht zerschellt wäre, er hat mir ein Leben lang die Treue gehalten, zufrieden damit, mein Freund zu heißen und mein Vertrauen zu haben. Ich rechnete darauf, mit Miguel über Ziel und Zweck meiner Reise sprechen zu können und vielleicht einen guten Rat zu empfangen, ich hätte gern erkunden mögen, ob er wußte, in wessen Auftrag die Calderana gehandelt hatte. Wenn es in Madrid jemand gab, mit dem ich die politische Seite meines Unternehmens hätte erörtern können, jo war es der Graf, in dessen Händen viele Fäden zusammenliefen und der einer der Führer des Widerstandes gegen die Franzosen war. In den weichenden Schlaf der Morgenstunden war es zu mir wie ein Anruf gedrungen, daß ich etwas versäume, wenn ich diesen klaren und kühlen Kops nicht ins Vertrauen zog, ja daß ich die Uebernahme bet Botschaft überhaupt von feiner Zustimmung hätte abhängig machen sollen. Ich stieg also vor bem Palast ber Fuentes vom Pferd, und der Haushofmeister buckelte mir schon auf ber Treppe entgegen. Seinen Gebärden war zu entnehmen, baß der Graf nicht daheim war. Wo er war? Des Haushofmeisters Mund bildete bas Wort: „Oviedo." Ach, also in Oviedo war er, wo die Generaljunta zusammengetreten war, um die Schritte zu beraten, die nun weiter zu tun seien. Der Haushofmeister legte den Finger quer über den Mund. Ich sollte darüber schweigen, wo Fuentes war. Gewiß, es war gefährlich, sich dem Willen Napoleons zu widersetzen! Ich mußte mir darüber klar sein, daß ich mich in die gleiche Gefahr begab. Aber nun blieb mir wohl nichts anderes übrig als meinen Weg fortzusetzen, ohne vorher meinen Freund gesehen zu haben. Als ich wieder zu Pferd stieg, erblickte ich Martincho, ber gegenüber an der Ecke lehnte. Er saugte eine Drange aus und spuckte die Schale auf die Erde. Meine erste Eingebung war, zu ihm hinzureiten und ihm zu sagen: „Alter Esel, wie steht's? Wollen wir die geftrige Dummheit nicht vergessen?" Ader Martincho schien mich nicht zu sehen, und es war auch vielleicht besser, mich nicht seinen unnötigen Fragen auszusetzen. Mein Cid war ein braves Tier und nahm den Weg zwischen die Beine. In Burgos erfuhr ich, daß König Ferdinand, dann Godoy und dann Karl mit Maria Luise nacheinander hier durchgekommen waren. Niemand wußte etwas von dem, was in Bayonne vorging, ich sollte erzählen, was es in Madrid Neues gab. Die Leute waren erregt, sie hatten einen Späherdienst eingerichtet, um über die Truppenbewegungen der Franzosen Bescheid zu wissen. Kleine Abteilungen Bewaffneter trieben sich in den Wäldern herum und lauerten an den Straßen nach Madrid. In Vittoria traf ich den alten Urquijo, den gewesenen Minister, den Godoy gestürzt hatte. Aber er hielt dem Thron auch im Dunkel der Ungnade die Treue. Er lebte hier nahebei in der Verbannung und war herbeigeeilt, um Ferdinand zu warnen. Wie konnte der König so verblendet fein, sich selbst Napoleon auszuliefern, der ohne Zweifel damit umging, Ferdinand und seine Familie ber Krone zu berauben? „Ich Halle alles vorbereitet", sagte Urquijo, unb fein weißer Bart zitterte vor Erregung, „um den König zu retten. Hier war die letzte Gelegenheit dazu. Ferdinand sollte als Eseltreiber verkleidet entfliehen, der Kommandant der Zollbeamten war im Einverständnis, feine Leute sollten bei der Flucht behilflich fein. Ferdinand war schon bereit dazu. Aber int letzten Augenblick haben ihn seine Freunde umgestimmt. Der Herzog von Jnfantado hat mich angeschrien: .Schweigen Sie, Sie beleidigen einen Helden!' Nun — nichts ist wirksamer, als wenn man jemand einen Helden nennt, der es sonst ... vielleicht ... nicht gerade ist. Der König ist nach Bayonne weitergereist. — Und was wollen Sie in Bayonne?" fragte er. „Malen", antwortete ich, „was soll ich dort anderes wollen als malen." (Fortsetzung folgt.) sie besitzt und bringt es herbei. Auf dem Marktplatz ange- »on all dem Elend, das sie gesehen, überwältigt worden und gerosst, was langt; ist sie von all dem Elend. einer Reis! ongen, ich uslrag die ), mit dein n können, «Uesen und i war. In ie ein Am Ihren und nähme del ig mache» i, und del cht daheil» das Ward zusammenl tun seien. Ich sollit ihrlich, D irüber t(ar einen ®*f oegenübfi die n und W Dummh'» mb es Ml zusetzm. wischen d« Godoy» Baren> le erzähle» allen • Franza" sich in6,1 linifkr-ä kel de-" g und * nig (»5 Si 'Sei?; wall-"4' Se bstbildnis Tilmann Triemenschneiders. Von Lina Staab*. Aus der Jahrhunderte verworrener Wildnis herüberdämmcrt sein gedunkelt Bildnis: Die Schaube fließt von Schultern schmächtig, zart. Sie sinken müde, wie nach langer Fahrt. Ins weiche Antlitz grub des Wissens Pflug die Furchen bangen Zweifels Zug um Zug. Der Locken Schwall, der aus der Kappe rauscht, hat Sturm des Aufruhrs heimlich schon gebauscht. Die Lippe kerbte wilder Fluch und Kuß so tief, daß sie sich schmerzhast schließen muß. Doch dieser schrägen Augen stille Sterne öffnen sich ernft und groß der Bilderferne. Es neigte in iyr träumerisches Schauen sich hold die süßeste der Erdenfrauen, und lächelnd durch den reinen Spiegel hin schritt hoheitsvoll die Himmelskönigin. Das runde Lid barg wie ein gut Visier die Bischofsmitra und die Ritterzier. Es barg sie treu bis zu dem Tag, da jach des Schaffens Flamme aus den Händen brach. Jetzt schließen sie sich sinnend um ein Buch, jetzt neigt sein Ohr sich einem frommen Spruch: Inmitten einer stolz-ungläubigen Schar von Priestern stellt er demutsvoll sich dar, und den Begehren und Verzicht geprägt, und dessen Antlitz zweifelnd prüft und wägt, er lauscht, ein Hoffender im neuen Bund, der Weisheit aus des Heilands Kindermund. in grenzenloser Verzweiflung zu Boden gesunken. Frisch und sröhlich war er gewesen, der junge Goldschmiedgeselle, der voriges Jahr in ihres Vaters Haus diente. Herrlich war es, an seiner Seite über diesen selben Marktplatz zu wandern, wenn der Mond hinter den Giebeln hinanstieg und den Glanz von Visby beleuchtete. Stolz war sie auf ihn gewesen, stolz auf ihren Vater, stolz auf ihre Stadt. Und nun liegt sie da, von Jammer gebrochen. Unschuldig und doch schuldig! Er, der kalt und grausam auf dem Throne sitzt und alle diese Verheerung über die Stadt gebracht hat, ist er derselbe, der ihr zärtliche Worte zu- geslüstert hat? Schlich sie sich zum Stelldirhein mit ihm, als sie in der vorigen Nacht ihres Vaters Schlüssel stahl und das Stadttor öffnete? Und als sie ihren Goldschmiedegesellen als einen gewappneten Ritter traf mit einem stahlgepanzerten Heere hinter sich, was dachte sie da? Wurde sie nicht wahnsinnig, da sie die stählerne Flui sich durch das Tor wälzen sah, das sie geöffnet hatte? Zu spät deine Klagen, oh, Jungfrau! Warum liebtest du den Feind deiner Stadt? Gefallen ist Visby, vergehen wird sein Glanz. Warum stürztest du dich nicht mitten im Tore nieder und liehest dich von den eisernen Hufen zu Tode treten? Wolltest du leben, um den Verbrecher von des Himmels Blitzen getroffen zu sehen? Oh, Jungsrau, an seiner Seite steht die Gewalt und schützt Um. An heiligern Dingen als einer leichtgläubigen Jungsrau vergreift er sich. Nicht einmal Gottes heiligen Tempel schont er. Die leuchtenden Karfunkelsteine bricht er aus der Kirchenwand, um die letzte Kufe zu füllen. Da ändern alle Gestalten des Bildes ihre Haltung. Blindes Entsetzen packt alles Lebende. Der wildeste Kriegsknecht erbleicht, die Bürger wenden ihren Blick zum Himmel, alle erwarten Gottes Strafgericht, alle erbeben, außer der Gewalt auf den Stufen des Thrones und dem König, der ihr Diener ist. Ich wünschte, der Künstler lebte noch, so daß er mich hinab zum Hasen von Visby führen und mir diese selben Bürger zeigen könnte, als sie mit den Blicken der fortsegelnden Flotte folgten. Sie rufen Verwünschungen über die Wogen hin. „Vernichtet sie", rufen sie, „vernichtet sie! Oh, Meer, du unser Freund, nimm unsre Schätze wieder! Tue deine erstickende Tiefe aus unter den Gottlosen, unter den Treulosen!" Und das Meer donnert dumpf Bllifall, und die Gewalt, die auf dem königlichen Schiffe steht, nickt zustimmend. „So ist es gut", sagt sie, „verfolgen und verfolgt werden, so lautet mein Gesetz. Möge der Sturm und das Meer die räuberische Flotte zerstören und die Schätze meines königlichen Dieners an sich raffen! Desto früher ist es uns beschieden, auf neue Berheerungszüge auszuziehen!" Aber die Bürger auf dem Strande wenden sich um und sehen zu ihrer Stadt empor. Feuerslammen sind dort aufgelodert, Plünderung ist über sie hingezogen, hinter zersprungenen Scheiben gähnen verwüstete Wohnstätten. Geschwärzte Giebel sehen sie, geschändete Kirchen, blutige Leichen liegen in den engen Gäßchen, und vor Schreck wahnsinnige Frauen durcheilen die Stadt. Sollen sie alledem ohnmächtig gegenüberstehen? Gibt es niemanden, den ihre Rache erreichen kann, niemanden, den sie ihrerseits quälen und vernichten können? Gott im Himmel, seht doch! Des Goldschmieds Haus ist nicht geplündert, nicht verbrannt. Was ist das? War er im Bunde mit dem Feinde? Hat er nicht den Schlüssel zu einem der Tore der Stadt in feinem Gewahrsam? Oh, du, Jung-Hansens Tochter, antworte, was soll das bedeuten? Dort auf dem Königsschisse steht die Gewalt und betrachtet ihren königlichen Diener, unter dem Difier lächelnd. „Höre den Sturm, Herr, höre den Sturm! Das Gold, das du geraubt, bald wird es dir unerreichbar auf dem Meeresgründe ruhen. Und sieh zurück auf Visby, mein hoher Herr! Das Weib, das du betrogst, wird zwischen Priestern und Krcegsknechten zur Stadtmauer geführt. Hörst du den Volkshaufen, der ihr folgt, fluchend und wehklagend? Sieh, sieh, die Maurer kommen mit Kalk und Maurerkellen! Sich, die Frauen kommen mit Steinen! Alle tragen sie Steine, alle, alle! Oh, König, wenn du nicht sehen kannst, was in Visby vorgeht, mußt du doch hören und wissen, was dort geschieht. Du bist ja nicht von Stahl und Eisen wie die Gewalt an deiner Seite. Wenn des Alters düstre Tage kommen und du unter dem Schatten des Todes lebst, dann wird das Bild von Jung-Hansens Tochter vor deine Erinnerung treten. Bleich wirft du sie unter ihres Volkes Hohn und Verachtung zusammensinken sehen. Du wirst sie dahinziehen sehen zwischen Priestern und Kriegsknechten unter Glockengeläute und Hymnengesang. Sie ist schon tot in den Augen des Volkes. Tot fühlt sie sich in ihrem Innersten, getötet von allem, was sie geliebt. Du wirst sie in den Turm steigen sehen, sehen, wie man die Steine einfügt, vernehmen, wie die Maurerkellen scharren, und das Volk hören, wie es mit [einen Steinen herbeieilt. „Oh, Maurer, nimm meinen, nimm meinen! Bediene dich meines Steines zum Rachewerk! Laß meinen Stein mit dabei sein, Jung-Hansens Tochter von Licht und Luft abzuschließen! Gefallen ist Visby, das herrliche Visbnl Gott segne eure Hände, Maurer! Laß mich mit dabei [ein und die Rache vollziehen!" Und Hymnengesang erklingt, und die Glocken läuten wie über einer Toten. Oh, Waldemar, König von Dänemark, auch dein Los wird es sein. .elei*flrunb fall Und e UM bas °W logen. ■Ml Meine n Miguel 'n meine ©ebutis. jgen darf älter un. Qn einem mb wollte wollte, ba sondern / und der mb, jagte, chle Flecke ». Einmal l Schwein Gabe doch nien wohl auf feine nez Unten ifje Maler in, bah er barer aber chen Alter ir tausend so manche t zerschellt Jen damit, Ein Bild erzählt. Von Selma ßagerlöf. In dem Frühling, in dem Hellquists großes Bild „Waldemar Atter- iag brandschatzt Visby" im Kunstverein ausgestellt war, kam ich an einem stillen Vormittag hinaus, ohne zu ahnen, daß dieses Kunstwerk sich da befand. Die große, faÄenreiche Leinwand mit den vielen Gestalten machte schon beim ersten Anblick einen außerordentlichen Eindruck. Ich konnte kein andres Bild ansehen, sondern ging geradeswegs auf dieses zu, setzte mich nieder und versank in stille Betrachtung. Eine halbe Stunde lang lebte ich das Leben des Mittelalters. Baid war ich mitten in der Szene, die sich auf dem Marktplatz von Visby abspielte. Ich sah die Bierbottiche, die sich mit dem goldnen Trank tu füllen begannen, den König Waldemar begehrt, und die Gruppen, die sich rings um sie ansammelten. Ich sah den reichen Kaufherrn mit dem ■ßagen, der unter seinen Gold- und Silberschüsseln fast zusammenbricht, den jungen Bürger, der die Faust gegen den König ballt, den Mönch mit dem scharfen Antlitz, das forschend die Majestät betrachtet, den zerlumpten Bettler, der sein Scherflein opfert, die Frau, die neben der (inen Kufe hingejunken ist, den König aus seinem Thron, das Kriegs- Heer, das sich aus dem schmalen Gäßchen heranwälzt, die hohen Hausgiebel und die zerstreuten Gruppen trotziger Soldaten und halsstarriger Bürger. . Aber plötzlich merkte ich, daß die Hauptgestalt des Bildes nicht der König ist, nicht einer der Bürger, sondern der eine der eisengepanzerten Schildträger des Königs, der mit dem gesenkten Visier. In diese Gestalt hat der Künstler eine seltsame Kraft gelegt. Man sieht nicht das geringste von ihm selbst, der ganze Mann ist Eisen und Stahl, »nd doch macht er den Eindruck, der wahre Herr der Lage zu (ein. „Ich bin die Gewalt, ich bin die Raublust", sagt er. „Ich bin es, der Visby brandschatzt. Ich bin fein Mensch, ich bin nur Eisen und Stahl. Ich habe meine Lust an Quoten und Grausamkeit. Mögen sie einander nur peinigen. Heute bin ich der Herr aus dem Marktplatz zu Visby. „Sieh", spricht er zu dem Betrachter, „kannst du nicht sehen, daß Ich hier Herr bin? Soweit dein Auge reicht, gibt es nichts andres als Men- Ichen, die einander quälen. Seufzend kommen die Besiegten und liefern lhr Gold aus. Sie hassen und drohen, aber sie gehorchen. Und die Begierde der Siegesherren wird immer wilder, je mehr Gold sie hervorpressen können. Was sind Dänemarks König und seine Soldaten andres als meine Diener, wenigstens für diesen Tag? Morgen werden sie zur Kirche gehen oder in friedlicher Zwiesprache in den Schenken sitzen oder pielleicht auch gute Väter [ein im eignen Heim, doch heute dienen sie mir, heute sind sie Bösewichte und Gewalttäter." Und je länger man ihm zuhört, desto besser versteht man, was das 8ild ist: nichts andres als eine Illustration der alten Mär, wie Menschen tinanber quälen können. Kein versöhnender Zug ist da, nur grausame Bemalt. Und trotziger Haß und hoffnungsloses Leiden. Es ist doch so, daß diese drei Bräukusen gefüllt werden müssen, aus luf; Visby nicht geplündert und eingeäschert werde. Warum kommen sie nicht, diese Hanseaten in stammender Begeisterung? Warum kommen tie Frauen nicht herangeeilt, mit ihren Geschmeiden, der Trinker mit Seinem Becher, der Priester mit dem Reliquienschrein, eifrig, gwyend von Opfermut? „Für dich, für dich, unsre geliebte Stadt! Wozu uns Krieger schicken, wenn es sich um dich handelt! Oh, Visby, unsre Mutter, unser tiuhm! Nimm zurück, was du uns gegeben hast!" Aber so wollte der Maler es nicht sehen, und so war es auch nicht. Keine Begeisterung, nur Zwang, nur gebändigter Trotz, nur Januner. Das Gold ist ihnen alles, Frauen und Männer seufzen über dies Gold, ton dem sie sich trennen müssen. * Aus einem Zyklus um Würzburg: „Die festliche Stadt". I„Sieh sie an!" spricht die Gewalt, die auf den Stufen des Thrones steht. „Es geht ihnen tief zu Herzen, es zu opfern. Mag, wer da will, mit ihnen Mitleid haben! Geizig, gewinnsüchtig, übermütig find fiel Sie sind um nichts besser als der gierige Räuber, den ich gegen sie aus« gesandt habe." Eine Frau ist vor der Tonne zusammengebrochen. Kostet es ihr so großes Leid, ihr Gold herzugeben! Oder ist sie vielleicht die Schuldige? Ist sie des Jammers Urheberin? Ist sie die, welche die Stadt verraten hat? Ja, sie ist es, die König Waldemars Liebste gewesen. Es ist Jung- Hansens Tochter. Sie weiß wohl, daß sie ihr Gold nicht auszuliefern braucht. Ihres Vaters Haus wird dennoch nicht geplündert, aber sie hat zusammen- dem Tode zu begegnen, dann wirst du auf deinem Bette liegen und vieles hören und sehen und dich in Qualen dabei winden. Und auch dieses Scharren mit der Maurerkelle, diese Rufe der Rache wirst du hören. Wo sind sie dann, die heiligen Glocken, die die Marter der Seele übertönen? Wo sind sie, die weiten Metallrachen, deren Zungen zu Gott um Gnade für dich flehen? Wo ist die von Wohllaut erzitternde Lust, die die Seele hin zu Gottes Gefilden führt? Oh hilf, Esrom, hilf, Sorö, und du, große Glocke in Lundl * Welch düstre Geschichte erzählt nicht dieses Bild! Es war ein wunderliches, fremdes Gefühl, wieder in den Königsgarten zu treten, in den strahlenden Sonnenschein unter lebende Menschen. Clausewitz. Lehrer der Wissenschaft vom Kriege und Erzieher des Volkes. Bon Dr. Ludwig Roth. Wo man die Namen: Reichsfreiherr vom Stein, Scharnhorst unb Gneisenau nennt, da muß man allezeit auch ihrer treuen Mitarbeiter Grolmann, Doyen und Clausewitz gedenken. Karl von Clausewitz war der Jüngste von den Schülern Scharnhorsts, sein Lleblingssünger, sein „Johannes" — wie ihn Gneisenau bezeichnet hat — tief eingeweiht in die neuen kriegswissenschaftlichen Theorien seines großen Meisters. Später hat er sie selbständig ausgestaltet und durch eine Reihe von Werken, deren klassische Form die Schriften Scharnhorsts übertraf, der Lehre vom Kriege ihren Platz in der Reihe der Staatswissenschaften gesichert. Heinrich von Treitschke sagt von chm: „Ein großer wissenschaftlicher Kopf, ein Meister des historischen Urteils, war er vielleicht zu kritisch und nachdenklich, um so beherzt wie Gneisenau das Glück der Schlachten an der Locke zu fassen, aber keineswegs bloß ein Mann der Bücher, sondern ein tapferer, praktischer Soldat, der mit offenen Augen in das Getümmel des Lebens schaute". Clausewitz ist am I.Juni 1780 zu Burg bei Magdeburg geboren, wo sein Vater, ein im Siebenjährigen Kriege schwer verwundeter, preußischer Offizier, die bescheidene Stellung eines Königlichen Akzise-Einnehmers versah; sein Großvater war Theologie-Professor in Halle, sein Urgroßvater Pfarrer in einem Dorfe bei Leipzig. Mit zwölf Jahren trat Clausewitz als „Junker" in das Regiment „Prinz Ferdinand" in Potsdam ein. Bereits im Frühjahr 1793 nahm er an der Belagerung und Eroberung von Mainz teil. Friedensjahre in der Garnison Neu-Ruppin folgten; im Jahre 1801 wurde er nach Ablegung einer Prüfung zum Besuche der Kriegsschule für Offiziere in Berlin einberufen. Die Leitung dieser Schule hatte der bisher in hannöverschen Diensten stehende Oberstleutnant Scharnhorst übernommen, der im gleichen Jahre in das preußische Heer übergetreten war. Scharnhorst erteilte an der von ihm geleiteten Schule den größten Teil des Unterrichts selbst: Strategie, Taktik, Generalstabsdienst und Artillerie. Das Eingreifen Scharnhorsts in feine Laufbahn war Clausewitz die Schicksalswende. Er hat ihn zum hervorragenden Generalstabsoffizier erzogen, er hat [einerft Geiste Weg und Ziel gewiesen und ihm die entscheidende Richtung gegeben. Es ist ganz wörtlich zu nehmen, wenn Clausewitz seinen großen Lehrer als den „Vater und Freund seines Geistes" bezeichnet. (Vergl. Linnebach: Clausewitz' Persönlichkeit in „Wissen und Wehr", Jahrg. 1930, S. 304.) Am Schluß des zweijährigen Kursus hat Scharnhorst den jungen Offizier als den besten feiner Schüler bezeichnet und feine richtige Beurteilung der Dinge, feine bescheidene und gefällige Darstellung, sowie seine gründlichen Kenntnisse der Mathematik und der Kriegswissenschaften rühmend hervorgehoben. Schon vor Beendigung des Kriegsschul-Kommandos wurde C l a u f e- w i tz dem ihm gleichaltrigen Prinzen August von Preußen als persönlicher Adjutant zugeteilt An seiner Seite hat er auch den unglücklichen Feldzug des Jahres 1806 mitgemacht, in dem sich der Prinz August als ein ebenso tapferer Soldat bewährte wie fein Bruder Louis Ferdinand, der am 10. Oktober 1806 bei Saalfeld den Heldentod starb. Bei dem Versuche, sich mit einem Grenadier-Bataillon, nachdem die letzte Patrone verschossen war, mit blanker Waffe durchzuschlagen, fiel Prinz August und mit ihm Clausewitz in französische Kriegsgefangenschaft, die zunächst in Nancy, später in Soissons verbracht wurde. Erst tm Oktober 1807 — am 9. Juli war der Tilsiter Friede abgeschlossen worden — kehrten Prinz August und Clausewitz in ihre Heimat zurück. Scharnhorst berief feinen Lieblingsfchüler zu feinem Gehilfen, lieber die Ursache der preußischen Niederlage legte Clausewitz seine Gedanken nieder in den „Nachrichten über Preußen in seiner großen Katastrophe". An die Spitze stellte er die Sätze: „Alle vorurteilslosen Männer, welche Preußen vor und im Jahre 1806 beobachtet haben, sind in dem Urteil einig, es fei in seinen Formen untergegangen. Ein unmäßiges, mit Eitelkeit gemischtes Vertrauen auf diese Formen ließ es ganz übersehen, daß der Geist daraus entwichen war. Man hörte, die Maschine noch klappern, und so fragte niemand, ob sie ihren Dienst auch noch leiste". Wie hatte doch die edle, kluge Frau auf Preußens Thron, die Königin Luise, über die Ursachen der Niederlage geurteilt? Ihre Ansicht ergänzt die des gelehrten Clausewitz: „Es wird mir immer klarer, daß alles so kommen mußte, wie es gekommen ist! Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein, und es soll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat und in sich selbst als abgestorben zusammenstürzt. Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrich des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns. Das sieht niemand klarer ein als der König." Aus dem Kreise der Frauen, die der Königin Luise freundschaftlich verbunden waren, hat sich Clausewitz seine Lebensgefährtin erkoren: die jugendschöne Gräfin Maria von Brühl; sie gehörte als Hofdame der Königin-Mutter zu den Auserwählten, über die Königin Luise ihren Zauber breitete. Die tapfere Hessen-Homburger Prinzessin Marianne, die Gemahlin des Prinzen Wilhelm des Weiteren von Preußen, be^ Bruders des Königs Friedrich Wilhelm III., war die beste Freundin der Braut, neben ihr die Prinzessin Luise, die spätere Fürstin Radziwill, die Schwester der Prinzen Ludwig Ferdinand und August von Preußen. Auch der Freiherr vom Stein erfreute die junge Gräfin mit seiner Freundschaft, auf die sie immer besonders stolz war. Die Kriegszeiten und die traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse nötigten die beiden Liebenden, noch fünf Jahre zu warten, ehe sie heiraten konnten. Clausewitz hat in seiner Ehe immer das vornehmste Glück seines Lebens gesehen. Bis zum Jahr« 1912 arbeitete Clausewitz als Major im Generalftab und Gehilfe Scharnhorsts; außerdem gab er dem Kronprinzen, dem späteren König Friedrich Wilhelm IV. und dem Prinzen Friedrich der Niederlande- Unterricht in den Kriegswissenschaften. Wie viele andere, verzweifelte auch er an der Erhebung Preußens und trat im Jahr 1812 in russische Dienftel Schon während der Fremdherrschaft hatte er seinen Landsleuten zugerufen: „Nie hat es eine Nation gegeben, welche den Druck, den eine andere gegen sie ausübt, anders erwidert, als mit Haß und Feindschaft! Nur wir haben diese Afterweisheit, die sich einbildet, eine Krone zu tragen, während sie eine Sklavenkette schleppt." Nun aber schrieb er im Geiste der Stein, Ernst Moritz Arndt seine flammenden „Drei Bekenntnisse": „Man kann es bei aller Anhänglichkeit an die Regierung sich nicht verhehlen, daß vorzüglich der Mangel an Vertrauen zu ihr die Quelle der allgemeinen Mutlosigkeit ist ... Ich sage mich los von der leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung durch die Hand des Zufalles! Ich glaube und bekenne, daß ein Volk nichts höher zu achten hat als die Freiheit und die Würde feines Daseins, daß es diese mit dem letzten Blutstropsen verteidigen soll, daß es keine heiligeren Pflichten zu erfüllen, keinem höheren Gesetze zu folgen hat! Ich erkläre und beteuere der Welt und Nachwelt, daß ich die falsche Klugheit, die sich der Gefahr entziehen will, für das Verderblichste halte, was Furcht und Angst einflößen kann, daß ich mich glücklich fühlen würde, einst in dem herrlichen Kampfe um Freiheit und Würde des Vaterlandes einen glorreichen Untergang zu finden." Den russischen Feldzug 1812 gegen den Einmarsch der „Großen Armee" des Korsen, machte er als Oberst und Quartiermeifter des russischen Kavallerie-Generals Pah len, dann beim Heere des Fürsten Wittgenstein mit. Er verfocht den Plan, daß Napoleon an den „großen Dimensionen" des russischen Reiches zugrunde gehen müsse. Mit der Konvention von Tauroggen (30. Dezember xl812) ist sein Name auf immer verknüpft. Für das befreite Ostpreußen arbeitete Clausewitz im Sinne Scharnhorsts das Gesetz zur Bildung der ostpreußischen Landwehr aus. Mit allen Fasern zog ihn sein Herz zur preußischen Armee zurück. Es ist die Tragik seines Lebens, daß ihm dieser Wunsch nicht erfüllt wurde, so daß dieser treue Preuße, der feine Vaterlandsliebe in der schweren und entscheidungsvollen Stunde zu Taurvggen so glänzend bewährt hatte, nur als kommandierter russischer Offizier an dem Frühjahrsfeldzug 1813 im Stabe Blüchers teilnehmen konnte. Auch später lehnte der König ein Gesuch ©neifenaus, der sich Clausewitz als Gehilfen erbeten hatte, ab. Clausewitz mußte sogar das Preußische Hauptquartier verlassen. Abseits vom Schauplätze der großen Entscheidungen machte er den Herbstfeldzug 1813 und den Feldzug 1814 als @eneral=Quartiermeifter des Korps Wallmoden mit, das nur die Rolle eines Beobachtungskorps spielte. Endlich — nach dem ersten Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 — wurde Clausewitz wieder in preußische Dienste übernommen. Im Feldzug 1815 war er Generalstabschef des preußischen Korps Thielemann. Nach dem zweiten Pariser Frieden wurde er Chef des Stabes beim Rheinischen Armee-Korps in Koblenz, dessen Kommandierender General damals Gneisenau war. 1818 wurde Clausewitz als Direktor der „Allgemeinen Kriegsschule" nach Berlin kommandiert; in dieser Stellung blieb er zwölf Jahre, bis zum Frühjahr 1830, wo er Inspekteur der 2. Artillerie-Inspektion in Breslau wurde. Nur ein Jahr war er in dieser Stellung tätig, bann wurde er zum Generalstabschef seines um zwanzig Jahre älteren' Freundes, des Feldmarschalls Gneisenau ernannt. Ein tragisches Geschick hat es gefügt, daß beide Männer rasch nacheinander der gleichen Krankheit, der aus Rußland bzw. Polen eingeschleppten Cholera, erliegen sollten. Die militärischen Schriften von Clausewitz umfassen zehn Bände mit dem Titel „Hinterlassene Werke über Krieg und Kriegsführung"; hervorzuheben sind darunter die Bücher „Vom Krieg e", „Der Feldzug von 1796 in Italien", „Der Feldzug 1815", die biographische Skizze „lieber das Leben und den Charakter von Scharnhorst" sowie „Nachrichten über Preußen in seiner großen Katastrophe". Man kann diese kriegsgeschichtlichen Arbeiten selbstverständlich heute nicht mehr allein benutzen, wenn man sich die dargestellten Ereignisse klarmachen will; die rastlos fortschreitende Forschung hat überall neue Tatsachen zutage gefordert, durch die sich das Bild verändern und verschieben muß. Nie aber dürfen wir vergessen, daß unser großer Moltke sich an den Werken von Clausewitz gebildet hat. lieber die Zeit des Kampfes um Preußen, um Deutschlands Erneuerung, schrieb Clausewitz das Wort: „Groß, unbeschreiblich groß ist diese Zeit, von wenigen Menschen wird sie begriffen; mit dem Gemüt will diese Zeit ausgefaht fein, ohne Vorurteile soll man sie anschauen und betrachten. Nur in einem Gemüte voll Tatkraft kann sich die tatenreiche Zukunft verkündigen; in steter Berührung muß es sein mit Gegenwart und Vergangenheit und unverloren in philosophischen Träumen." In Karl von Clausewitz verehren wir den größten militärischen Denker vor Moltke. Verantwortlich Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerfitäts-Vuch» und Steindruckerei, 21. Lange, Gießen,