SicheimZainilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, den 25. Januar Nummer 7 Der Stechlin Roman von Theodor Fontane 1. Fortsetzung. So machte er dann einen Bogen und hatte das Kloster etwa eine Viertelstunde hinter sich, als er sich wieder der Hauptstraße zuwandte. Diese, durch Moor- und Wissengründe führend, war ein vorzüglicher Reitweg, der an vielen Stellen noch eine Grasnarbe trug, weshalb es anderthalb Meilen lang in einem scharfen Trabe vorwärts ging, bis an eine Avenue heran, die geradlinig auf Schloß Stechlin zuführte. Hier liehen alle drei die Zügel fallen und ritten im Schrit weiter. Heber ihnen wölbten sich die schönen, alten Kastanienbäume, was ihrem Anritt etwas Anheimelndes und zugleich etwas beinah Feierliches gab. „Das ist wie ein Kirchenschiff", sagte Rex, der am linken Flügel ritt. „Finden Sie nicht auch, Czako?" „Wenn Sie wollen, ja. Aber Pardon, Rex, ich finde die Wendung etwas trivial für einen Ministerialassessor." „Nun gut, dann sagen Sie etwas Besseres." ,Lch werde mich hüten. Wer unter solchen Umständen was Besseres sagen will, sagt immer was Schlechteres." Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden Gespräche waren sie bis an einen Punkt gekommen, von dem aus man das am Ende der Avenue sich aufbauende Bild in aller Klarheit überblicken konnte. Dabei war das Bild nicht bloß klar, sondern auch so frappierend, dah Rex und Czako unwillkürlich anhielten. „Alle Wetter, Stechlin, das ist ja reizend", wandte sich Czako zu dem am andern Flügel reitenden Waldemar. „Ich find es geradezu märchenhaft, Fata Morgana — das heißt, ich habe noch keine gesehn. Die gelbe Wand, die da noch das letzte Tageslicht auffängt, das ist wohl Ihr Zauberschloß? Und das Stückchen Grau da links, das taxier ich auf eine Kirchenecke. Bleibt nur noch der Staketzaun an der andern Seite: — da wohnt natürlich der Schulmeister. Ich verbürge mich, daß ich s damit getroffen. Aber die zwei schwarzen Riesen, die da grad in der Mitte stehn und sich von der gelben Wand abheben („abheben ist übrigens auch trivial; entschuldigen Sie, Rex), die stehen ja da rote die Cherubim. Allerdings etwa zu schwarz. Was sind das für Leute?" „Das find Findlinge?" „Findlinge." . „Ja, Findlinge", wiederholte Waldemar. „Aber wenn Ihnen das Wort anstößig ist, so können Sie sie auch Monolithe nennen. Es ist merkwürdig, Czako, wie hochgradig verwöhnt tm Ausdruck Sie sind, wenn Sie nicht gerade selber das Wort haben ... Aber nun, meine Herren, müssen wir uns wieder in Trab setzen. Ich bin überzeugt, mein Papa steht schon ungeduldig auf feiner Rampe, und wenn er uns so im Schritt ankommen sieht, denkt er, wir bringen eine Trauer- nachricht oder einen Verwundeten." . Wenige Minuten später, und alle drei trabten denn auch wirklich, von Fritz gefolgt, über die Bohlenbrücke fort, erst in den Vorhof hinein und dann an der blanken Glaskugel vorüber. Der Alte stand bereits auf der Rampe, Engelke hinter ihm und hinter diesem Martin, der alte Kutscher. Im Nu waren alle drei Reiter aus dem Sattel, und Martin und Fritz nahmen die Pferde. So trat man in den Flur. „Erlaube, lieber Papa, dir zwei liebe Freunde von mir vorzustellen: Assessor von Rex, Hauptmann von Czako." , Der alte Stechlin schüttelte jedem die Hand und sprach ihnen aus, wie glücklich er über ihren Besuch sei. „Seieh Sie mir herzlich willkommen, meine Herren. Sie haben keine Ahnung, welche Freude Sie mir machen, mir, einem vergrätzten, alten Einfiedler. Man sieht nichts mehr, man hört nichts mehr. Ich hoffe auf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten. „Ach, Sjerr Major", sagte Czako, „wir sind ja schon vierundzwanzig Stunden fort. Und, ganz abgesehen davon, wer kann heutzutage nod? mit den Zeitungen konkurrieren! Ein Glück, daß manche pnnzuuell einen Posttag zu spät kommen. Ich meine mit den neuesten Nachrichten. Vielleicht auch sonst noch." . , ,, ... . „Sehr wahr", lachte Dubslav. „Der Konservatismus soll übrigens, feinem Wesen nach, eine Bremse sein; damit muß man vieles entschuldigen. Aber da kommen Ihre Mantelsäcke, meine Herren. Engelke, führe die Herren auf ihr Zimmer. Wir haben jetzt sechsemviertel. Um sieben, wenn ich bitten darf." _ , . Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav etwas altmodisch als „Mantelsäcke" bezeichneten Plaidrollen in die Hand genommen und ging damit, den beiden Herren voran, auf die doppelarmige Treppe zu, die gerade da, wo die beiden Arme derselben sich geuzten, einen ziemlich geräumigen Podest mit Säulchengalerie bildete. Zwischen den Säulen aber, und zwar mit Blick auf den Flur, war eine Rokokouhr angebracht, mit einem Zeitgott darüber, der eine Hippe führte. Czako wies darauf hin und sagte leise zu Rex: „Ein bißchen graulich", — ein Gefühl, drin er sich bestärkt sah, als man bis auf den mit ungeheurer Raumverschwendung angelegten Oberflur gekommen war. Heber einer nach hinten zu gelegenen Saaltür hing eine Holztafel mit der Inschrift: „Museum", während hüben und drüben, an den Flurwänden links und rechts, mächtige Birkenmaser- und Ebenholzschränke standen, wahre Prachtstücke, mit zwei großen Bildern dazwischen, eines eine Burg mit dicken Backsteintürmen, das andere ein überlebensgroßer Ritter, augenscheinlich aus der Frundsbergzeit, wo das bunt Landsknechtliche schon die Rüstung zu drapieren begann. „Js wohl ein Ahn?" fragte Czako. „Ja, Herr Hauptmann. Und er ist auch unten in der Kirche." „Auch so wie hier?" „Nein, bloß Grabstein und schon etwas abgetreten. Aber man sieht doch noch, daß es derselbe ist." Czako nickte. Dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen, das mit der einen Seite nach dem Flur, mit der andern Seite nach einem schmalen Gang hin lag. Hier war auch die Tür. Engelke, vorangehend, öffnete und hing die beiden Plaidrollen an die Haken eines hier gleich an der Tür stehenden Kleiderständers. Unmittelbar daneben war ein Klingelzug mit einer grünen, etwas ausgefransten Puschel daran. Engelke wies darauf hin und sagte: „Wenn die Herren noch was wünschen ... und um sieben ... Zweimal wird angeschlagen." Und damit ging er, die beiden ihrer Bequemlichkeit überlassend. Es waren zwei nebeneinander gelegene Zimmer, in denen man Rex und Czako untergebracht hatte, das vordere größer und mit etwas mehr Aufwand eingerichtet, mit Stehspiegel und Toilette, der Spiegel sogar zum Kippen. Das Bett in diesem vorderen Zimmer hatte einen kleinen Himmel und daneben eine Etagere, auf deren oberem Brettchen eine Meißner Figur stand, ihr ohnehin kurzes Röckchen lüpfend, während auf dem unteren Brett ein Neues Testament lag, mit Kelch und Kreuz und einem Palmenzweig auf dem Deckel. Czako nahm das Meißner Püppchen und sagte: „Wenn nicht unser Freund Waldemar bei diesem Arrangement seine Hand mit im Spiele gehabt hat, so haben wir hier in bezug auf Requisiten ein Ahnungsvermogen, roie’s nicht größer gedacht werden kann Das Püppchen pour moi, das Testament pour vous." „Czako, wenn Sie doch bloß das Necken lassen tonnten!" „Ach, sagen Sie doch so was nicht, Rex; Sie lieben mich Ja bloß um meiner Neckereien willen." Und nun traten sie, von dem Vorderzimmer her, in den etwas kleineren Wohnraum, in dem Spiegel und Toilette fehlten. Dafür aber war ein Rokokosofa da, mit hellblauem Atlas und weißen Blumen darauf. „3a, Rex", sagte Czako, „wie teilen wir nun? Ich denke Sie nehmen nebenan den Himmel, und ich nehme das Rokokosofa, noch dazu mit weißen Blumen, vielleicht Lilien. Ich wette, das kleine Ding von Sofa hat eine Geschichte." „Rokoko hat immer eine Geschichte", bestätigte Rex. „Aber hundert Jahr zurück. Was jetzt hier haust, sieht mir, Gott sei Dank, nicht danach aus. Ein bißchen Spuk trau ich diesem alten Kasten allerdings schon zu; abee keine Rokokogeschichte. Rokoko ist doch immer unsittlich. Wie gefällt Ihnen übrigens der Alte?" „Vorzüglich. Ich hätte nicht gedacht, daß unser Freund Wowemar solchen famosen Alten haben könnte." „Das klingt ja beinah", sagte Rex, „wie wenn Sie gegen unfern Stechlin etwas hätten." „Was durchaus nicht der Fall ist. Unfer Stechlin ist der beste Kerl von der Welt, und wenn Ich das verdammte Wort nicht haßte, mürb ich ihn sogar einen „perfekten Gentleman" nennen müssen. Aber ..." „Nun ..." „Aber er paßt doch nicht recht an seine Stelle." „An welche?" „3n fein Regiment." „Aber, Czako, ich verstehe Sie nicht. Er ist ja brillant angeschrieben. Liebling bei jedem. Der Oberst hält große Stücke von ihm, und die Prinzen machen ihm beinah den Hof ..." „3a. das ist es ja eben. Die Prinzen, die Prinzen. „Was denn, wie denn?" Ach, das ist eine lange Geschichte, viel zu lang, um sie hier vor Tisch noch auszukrarnen. Denn es ist bereits halb, und wir müssen uns eilen. Uebrigens trifft es viele, nicht bloß unfern Stechlin." „3mmer dunkler, immer rätselvoller", sagte Rex. „Nun, vielleicht daß ich 3hnen das Rätsel löse. Schließlich kann man ja Toilette machen und noch feinen Diskurs daneben haben. .Die Prinzen machen ihm den Host, so geruhten Sie zu bemerken, und ich antwortete: reden Nun, wir sprechen morgen früh weiter; heute wird es nichts mehr. Du wirst dich auch noch ein bißchen striegeln müssen, und ich will mir nen schwarzen Rock anziehn. Das bin ich der guten Frau von Gundermann doch schuldig; sie putzt sich übrigens noch wie vor Wien Schlittenpserd und hat immer noch den merkwürdigen Federbusch in ihrem Zopf — das heißt, wenn's ihrer ift." . , 0 3. Kapitel. stets betonen?" „„ . ... ... ,Za Rex, das tu ich. Heut wie immer. Aber eines schlckt stch nicht für alle Der eine dars's, der andere nicht. Wenn unser Freund Stechlin sich in diese seine alte Schlohkate zurückzicht, so darf er Mensch sein, soviel er will aber als Gardedragoner kommt er damit nicht aus. Vom alten Adam will ich nicht sprechen, das hat immer noch so ne Nebenbedeutung. Während Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd über den alten und den jungen Stechlin verhandelten, schritten die, die den Gegenstand dieser Unterhaltung bildeten, Vater und Sohn, im Garten auf und ab und hatten auch ihrerseits ihr Gespräch. Ich bin dir dankbar, daß du mir deine Freunde nutgebracht hast, hoffentlich kommen sie aus ihre Kosten. Mein Leben verlauft ein bißchen zu einsam, und es wird ohnehin gut sein, wenn ich mich wieder an Menschen gewöhne. Du wirst gelesen haben, daß unser guter alter Kort- fchädel gestorben ist, und in etwa vierzehn Tagen haben wir hier ne Neuwahl. Da muß ich dann ran und mich populär Machen. Die Konservativen wollen mich haben und keinen andern. Eigentlich mag ich nicht, aber ich soll und da paßt es mir denn, daß du mir Leute bringst, an denen ich mich für die Welt sozusagen wieder wie einüben kann. Sind sie denn ausgiebig und plauderhaft?" , . „ „O sehr, Papa, vielleicht zu sehr. Wenigstens der eine. Das ist gewiß der Czako. Sonderbar, die von Alexander reden alle gern. Aber ich bin sehr dafür; Schweigen kleid't nicht jeden. Und dann sollen wir uns ja auch durch die Sprache vom Tier unterscheiden. Also, wer am meisten red't, ist der reinste Mensch. Und diesem Czako, dem hab ich es gleich angesehn. Aber der Rex. Du sagst Ministerialasiessor. Ist er denn von der frommen Familie?" , Nein Papa, du machst dieselbe Verwechslung, die beinah alle machen. Die" fromme Familie, das sind die Reckes, gräflich und sehr vornehm. Die Rex natürlich auch, aber doch nicht so hoch hinaus und auch nicht so fromm. Allerdings nimmt mein Freund, der Ministerialassessor, einen Anlauf dazu, die Reckes womöglich einzuholen." „Dann hab ich also doch recht gesehn. Er hat so die Figur, die so was vermuten läßt, ein bißchen wenig Fleisch und so glatt rastert. Habt ihr denn beim Rasieren in Kremmen gleich einen gefunden?" „Er hat alles immer bei sich; lauter englische. Von Soltngen oder Suhl will" er nichts wissen." . , „Und muß man ihn denn vorsichtig anfassen, wenn das Gespräch aus kirchliche Dinge kommt? Ich bin ja, wie du weißt, eigentlich kirchlich, wenigstens kirchlicher als mein guter Pastor (es wird immer schlimmer mit ihm), aber ich bin so im Ausdruck mitunter ungenierter, als man vielleicht jein soll, und bei ,niedergefahren zur Hölle' kann mir's passieren, daß ich nolens volens ein bißchen tolles Zeug rede. Wie steht es denn da mit ihm? Muh ich mich in acht nehmen? Oder macht er bloß so mit? „Das will ich nicht geradezu behaupten. Ich denke mir, er steht fo wie die meisten stehn; das heißt, er weiß es nicht recht." „Ja, ja, den Zustand kenn ich." „Und weil er es nicht recht weiß, hat er sozusagen die Auswahl und wählt das, was gerade gilt und nach oben hin empfiehlt. Ich kann das auch so schlimm nicht finden. Einige nennen ihn einen ,Streber’. Aber wemi er es ist, ist er jedenfalls keiner von den schlimmsten. Er hat eigentlich einen guten Charakter, und im cercle intime kann er reizend sein. Er verändert sich dann nicht in dem, was er sagt, oder doch nur ganz wenig, aber ick) möchte sagen, er verändert sich in der Art, wie er zuhört. Czako meint, unser Freund Rex halte sich mit dem Ohr für das schadlos, was er mit dem Munde versäumt. Czako wird überhaupt am besten mit ihm fertig; er schraubt ihn beständig, und Rex, was ich reizend finde, läßt sich diese Schraudereien gefallen. Daran stehst du schon, daß sich mit ihm leben läßt. Seine Frömmigkeit ist keine Lüge, bloß Erziehung, An- gewohnheit, und so schließlich seine zweite Natur geworden." „Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen; die mögen dann beide sehn, wie sie miteinander fertig werden. Vielleicht erleben wir ne Vekehrung Das heißt Rex den Pastor. Aber da höre ich eine Kutsche die Dorfstrahe rauskommen. Das sind natürlich Gundermanns; die kommen immer zu früh. Der arme Kerl hat mal was von der Höflichkeit der Könige gehört und macht jetzt einen zu weitgehenden Gebrauch davon. Autodidakten übertreiben immer. Ich bin selber einer und kann also mit« nQ ws Ht es eben.' Und diese Worte kann ich Ihnen nur wiederholen. Die' Prinzen - ja, damit hängt es zusammen und noch mehr damit daß die seinen Regimenter immer feiner werden. Gucken Sie sich mal die alten Ranglisten an, das heißt wirklich alte, voriges Jahrhundert und dann jo bis anno sechs. Da finden Sie bei Regiment Garde du Corps ober bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen: Marwitz, Wakenitz Kracht, Löschebrand, Bredow, Rochow, höchstens daß sich mal ein höher betitelter Schlesischer mit hinein verirrt. Natürlich gab es auch Prinzen damals, aber der Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen mußten noch froh jein, wenn sie nicht störten. Damit ist es nun aber, (eit mir Kaiser und Reich sind, total vorbei. Natürlich sprech ichi nicht von der Provinz, nicht von Litauen und Masuren, sondern von der Garde, von den Regimentern unter den Augen Seiner Majestät. Und nun gar erst diese Gardedragonerl Die waren immer pik, aber seit sie, pour combler le bonheur, auch noch .Königin von Großbritannien und Irland' sind, wird es immer mehr davon, und je plker sie werden, desto mehr Prinzen kommen hinein, von denen übrigens auch jetzt schon mehr da sind als es so obenhin aussieht, denn manche sind eigentlich welche und dürfen es bloß nicht sagen. Und wenn man dann gar noch die alten mitrechnet, die bloß ä la suite stehen, aber doch immer noch mit dabei sind wenn irgend was los ist, so haben wir, wenn der Kreis geschlossen wird, zwar kein Parkett von Königen, aber doch einen Z^kus von Prinzen. Und da hinein ist nun unser guter Stechlin gestellt. Natürlich tut er, was er kann, und macht fo gewisse Luxusse mit Gefuhlsluxusie, Gesinnungsluxusse, und, wenn es fein muß, auch Freiheitsluxusse. So nen Schimmer von Sozialdemokratie. Das ist aber auf die Dauer.schwierig. Richtige Prinzen können sich das leisten, die verbebesti nicht leicht. Aber Stechlin! Stechlin ist ein reizender Kerl, aber er ist doch bloß «m Mensch. Und das sagen Sie, Czako, gerade Sie, der Sie das Menschliche Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten, als Tamtam fungierenden Schild, der an einem der zwei vorspringenden und zugleich die ganze Treppe tragenden Pfeiler hing. Eben diese zwei Pfeiler bildeten denn auch mit dem Podest und der in Front desselben angeb^chten Rokokouhr einen zum Gartensalon, diesem Hauptzimmer des Erdgeschosses, führenden, ziemlich pittoresken Portikus, von dem ein auf Besuch anwesender hauptstädtischer Architekt mal gesagt hatte: sämtliche Bausunden von Schloß Stechlin würden durch diesen verdrehten, aber malerischen Einfall wieder gutgemacht. Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben, als Rex uno Czako die Treppe herunterkamen und, eine Biegung machend, auf den von berufener Seite so glimpflich beurteilten sonderbaren Vorbau zusteuerten. Als die Freunde diesen passierten, sahen sie — die Türflügel waren schon geöffnet, — in aller Bequemlichkeit in den Salem hinein und nahmen hier wahr, daß etliche, ihnen zu Ehren geladene Gaste bereits erschienen waren. Dubslav, tn dunklem Ueberrorf und die Band- chenrosette sowohl des preußischen wi« des wendischen Kronenordens tm Knopfloch, ging den Eintretenden entgegen, begrüßte sie nochmals mit der ihm eigenen Herzlichkeit, und beide Herren gleich danach in Den Kreis der jchon Versammelten einsührend, sagte er: „Bitte die Herrschaften miteinander bekannt machen zu Dürfen: Herr und Frau von Gundermann auf Siebenmühlen, Pastor Lorenzen, Oberförster Kahler , und Dann, nach links sich wendend, „Ministerialasiessor von Rex, Hauptmann von Czako vom Regiment Alexander." Man verneigte sich gegenseitig worauf Dubslov zwischen Rer und Pastor Lorenzen, Woldemar aber, als Adla- Dubslov zwischen Rex und Pastor Lorenzen, Woldemar aber, als Adlatus seines Vaters, zwischen Czako und Katzler eine Verbindung herzu- stellen suchte, was auch ohne weiteres gelang, weil es hüben und Drüben weder an gesellschaftlicher Gewandtheit, noch an gutem Willen gebrach. Nur konnte Rex nicht umhin, di« Siebenmühlener etwas eindringlich zu mustern, trotzdem Herr von Gundermann in Frack und weißer Binde, Frau von Gundermann aber in geblümtem Atlas mit Marabufächer erschienen war, — er augenscheinlich Parvenü, sie Berlinerin aus einem nordöstlichen Vorstadtgebiet. Rex sah das alles. Er tarn aber nicht in die Lage, sich lange damit zu beschäftigen, weil Dubslav eben jetzt den Arm Der Frau von Gunder- mann nahm und Dadurch das Zeichen zum Aufbruch zu der im Nebenzimmer gedeckten Tafel gab. Alle folgten paarweise, wie sie sich vorher zujammengefunDen, tarnen aber durch die von selten Dubslavs schon vorher festgesetzten Tafelordnung wieder auseinander. Sie beiden Stech- (ins Vater und Sohn, placierten sich an Den beiden Schmalseiten einander gegenüber, während zur Rechten und Linken von Dubslav Herr und Frau von Gundermann, rechts und links von Woldemar aber Rex und Lorenzen faßen. Die Mittelplätze hatten Katzler und (E$ato inne. Der alte Dubslav war in bester Laune, stieß gleich nach den ersten Löffeln Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich an, dankte für ihr Erscheinen und entfdjulMate sich wegen der späten Einladung: „Aber erst um zwölf tarn Woldemars Telegramm. Es ist das mit dem Telegraphieren solche Sache, manches wird besser, aber manches wird auch schlechter und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß. Schon Die Form die Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein, aber sich kurz fassen, heißt meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur von Verbindlichkeit sällt fort, und das Wort .Herr' ist beispielsweise gar nicht mehr anzu- treffen. Ich hatte mal einen Freund, der ganz ernsthaft versicherte: .Der häßlichste Mops fei der schönste'; so läßt es sich jetzt beinahe sagen: .Das gröbste Telegramm ist das feinste'. Wenigstens das in seiner Art vollendetste. Jeder, der wieder eine neue günfpfennigerfparnts herausdoktert, ist ein Genie." , . Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an die Frau von Gundermann fehr bald aber mehr an Gundermann selbst gerichtet, weshalb dieser letztere denn auch antwortete: „Ja, Herr von Stechlin, alles Zeichen Der Zeit. Und ganz bezeichnend, daß gerade das Wort .Herr', wie Sie schon hervorzuheben die Güte hatten, so gut wie abgeschafft ist. .Herr' ist Unsinn geworden, .Herr' paßt den Herren nicht mehr, — ich meine natürlich die, die jetzt die Welt regieren wollen. Aber es ist auch danach. All diese I Neuerungen, an denen sich leider auch der Staat beteiligt, was sind sie? I Begünstigungen der Unbotmäßigkeit, also Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie. Weiter nichts. Und niemand da, der Lust und Kräfte hätte, dies Wajser abzustellen. Aber trotzdem, Herr von Stechlin — ich würde nicht widersprechen, wenn mich das Tatsächliche nicht dazu zwänge, — trotzdem geht es nicht ohne Telegraphie, gerade hier in unserer Einsamkeit Und dabei dos beständige Schwanken Der Kurse. Namentlich auch In Der Mühlen- und Brettschneidebranche..." .Versteht sich, lieber Gundermann. Was ich da gesagt habe ... Wenn ich das Gegenteil gesagt hätte, wäre es ebenso richtig. Der Teufel is nid) so schwarz, wie er gemalt wird, und die Telegraphie auch nicht, und wir auch nicht. Schließlich ist es doch was Großes, diese Natur- Wissenschaften, dieser elektrische Strom, tipp, tipp, tipp, und wenn uns daran läge (aber uns liegt nichts daran), fo könnten wir den Kaiser von China wisien lassen, daß wir hier versammelt sind und seiner gedacht haben Und dabei diese merkwürdigen Verschiebungen in Zeit und Stunde. Beinahe komisch. Als Anno siebzig die Pariser Septemberrevolution aus» brach wußte man’s in Amerika Drüben um ein paar StunDen früher, als die Revolution überhaupt da war. Ich sagte: Septemberrevolution. Es kann aber auch ne andre gewesen sein; sie haben da so viele, daß man sie leicht verwechselt. Eine war im Juni, ne andre war im Juli, — wer nid) ein Bombengedächtnis hat, muh da notwendig reinfallen ... Engejke, präsentiere der gnädigen Frau den Fisch noch mal. UnD vielleicht nimmt auch Herr von Czako ..." 1 (Fortsetzung folgt; Lob -er KSlie. Von Georg Britting. Der braune Bretterzaun Ist weih von Reif, Könnt gestern kaum mehr stehn, war greisenhaft und wacklig anzuschaun. Und ist nun jung und steif. Das Biereck Wiese gestern war ein Moor, Sumpsbraun und pfützenüberstreut: Da sie die kalte Nacht steinsest gefror, Wie tanzplatzlustig ist sie Heuti Wie war der Himmel gestern sad Und stumpf und grau — Heut tropft das Licht vom Sonnenrad Wie Gold durchs weiße Blau! Alles was trüb« war Und feucht verflossen, Ist hart und klar Und zum Kristall zusammengeschossen. Die Kälte trabt einher, die lange, lange Schar, Silbern der Huf, das Mühnenhaar, Je Hengst und Stute, Paar nach Paar Von weihen Zauberrossen. Wodan, mein Kamerad. Von Otto Wohlgemuth. Wodan hieß ein Grubenpserd auf der großen Steinkohlenzeche „Hoss- nungsbank", die lag mitten im Ruhrgebiet. Keinen ersten Arbeitstag des Jahres habe ich je erlebt, ohne daß mir in meiner Seele ausstieg das starke Leben in Arbeit, das harte Sterben meines treuen Grubengaulkameraden. Wir Bergleute wissen es wohl: Das Unerbittliche packt uns, zwingt uns in seinen Bann, wie alles sich so vollendet und geschieht. Ganz hat es uns, wir aber treiben vor, schürfen und schaffen es, und gerade deswegen ist es auch schön. Voll raunender Seltsamkeiten sind unsere abgründigen Schächte, Stimmen und Geister und Kräfte der Urzeit verbergen sich in unzugänglichen Höhlen und unaufgeschlossenen Teufen, und immer wieder offenbart sich unserem schweigenden Staunen ein Urwissen, ein unerklärliches Wirken und Wegweisen in die Nachtgeheimnisse hinein, wir ahnen es, daß mit der Welt des Versunkenen, des gewaltig Gewesenen, in der wir in den Flözen und Spalten unser Leben lang hausen, etwas Drohendes, Unfaßbares unser Blut, unser Sinnen und Denken um die ewigen Dinge überdunkelt und erfüllt. Mit vierzehn Jahren kommen wir jungen Bengel über Tage an die Lesebank, stehen dort im Winter dick eingemummelt, wenn die Kälte im Eisengestänge der Trumme singt und knackt, und im Sommer, wenn die Sonne bratet, und der Staub von der Kreiskippe her dick und warm herüberwalmt, und klauben Berge, das ist: Steine auslesen am laufenden Band, damit die Kohle frei und rein sei von unnützem Beifchutt und Geschiefer. Wir Bergmannsjungens unter sechzehn dort, zusammen mit älteren Kumpels, die in den Flözen drunten nicht mehr schaffen können, und mit den bergfertigen alten Invaliden, die nichts lieber tun, als Geschichten erzählen: Vom Freigänger Wittkopp mit der Wünschelrute, vom Zauberseile in den Erdmännekeslöchern, vom blauen Nebenjänkel unter der Teufe und von schimmernden Drusen und verborgenen Schatzklüften im Felsengestein. Ach, diese alten Männer. Wenn der Korb im Schachte hochkommt, schauen sie hin, ob sie keine Lampe sehen. Wetten miteinander, ob sie wohl mit ihren zittrigen Augen die Kreidenummer auf den Kohlenhunden lesen werden. Freuen sich, wenn Sie sich unter der Seilfahrt ein wenig wegstehlen können, um aus der Hängebank mit den Hauern ein wenig zu plaudern von den Dingen drunten vor Ort, im Querschlag, im Aufbruch oder im Gesenk. Reden so gern vorn Bergbau in der Erde, von der Arbeit, wie vorn lieben Lande ihres Lebens, so wie der Bauer von feinem Acker, der Forstmann von seinem Walde, ober der Seefahrer vom unendlichen Ozean. , Wir spitzen dann die Ohren, tun so, als ob wir schon Kerle wären in der Welt, und können es nicht erwarten, bis wir sechzehn sind. Sechzehn Jahre, Mensch, dann bekommst du deine eigene Lampe, dann stehst du schon mit den Hauern in einer Reihe, kannst mitreden, spucken wie die Alten, kannst dein Licht anzünden im Dunkeln, damit es hell wird. Junge, Junge, Junge, man darf sich nicht bange machen lassen. Muß rangehen, die Kraft und der Sieg in der Welt, die wollen von den Mutigen erobert fein. . ,, , Als ich das Alter hatte, kam ich dann endlich in den Schacht hinein: „Pferdeführer wirst du", sagte mein Steiger Brandegge zu mir, und es schwoll mir die Brust, „treibst also bei mir in der östlichen Richtstrecke, siebte Sohle, fährst mit dem Wodan. Nimm dich in Acht, das ist ein alter, ruppiger Satan, haut schwer nach hinten aus. Schaff dir beizeiten eine zünftige Wuchte an." . So lernte ich ihn also kennen. Ein starker, struppiger Berghengst, auf einem Auge blind. Das hatte er sich, so hieß es, an einer scharfen Felszacke ausgestoßen. Die anderen Gäule, die Duckmäuser, zahlten, wenn sie anzogen. Wenn es mehr als zehnmal in den Bindehaken knackte, schüttelten sie mit dem Kopf, fingen an zu tanzen, wollten nicht. Wodan aber, mein Kamerad, der fragte nichts danach, ich durfte ihm ruhig zwölf dahinterknebeln, fünfzehn, da machte er sich gar nichts daraus und haute ab, als wäre das alles für ihn eine Kleinigkeit. Er stamme vom alten Wilmingsbäuernhof im Thun, sagte Voßhenrlch, der greife Stallknecht, wo sie immer diese schweren ostfriesischen Landpferde gezogen hätten, diese ruhigen, sicheren Gänger. Aus der Koppelweide an der Donnerbecke, wo es runter zu nach Rauendal hingeht, da sei er groß geworden. Achtzehn Jahre lang hauste er nun schon bei den Bergleuten in der Tiefe, als ich mit ihm durch die langen, einsamen Strecken fuhr. Du, zwei Jahre war er also schon in der Erde, bevor meine Mutter mich geboren. Und wie ich ihn gern hatte, diesen knurrigen, trotzigen, treuen Halunken. Achtzehn Jahre lang, hin in die Abbaue, her zum Schacht, schwere Lasten ziehend durch enge Löcher, Monat für Monat, Jahr für Jahr, und niemals Sonne, Blumen, Gras auf der Wiese, Winterwind, Mondenschein, das ist schon etwas, Wodan, und ich bin stolz darauf, du schweigsames Tier, daß ich dein Kumpel geworden bin. Ost brachte ich ihm von Hause her ein paar Stück Zucker mit, sonuner- tags in meinem Brotsack ein Hümpel duftendes ©ras, ein paar Falläpsel, Pferdemöhren klaute ich der Mutter daheim, oder am liebsten einen derben Knapp hausbackenes, schwarzes Brot. Wenn ich mit ihm allein durch die stundenweiten, einspurigen Stollen fuhr, geheimnisvolles Pochen und Sausen, auf der Querftange des ersten Wagens faß ich, hatte die Lampe in mein feftgetnotetes Halstuch eingehängt, und der dampfende Pferbeleib und die Wagen strichen bann bicht so an ben morschen Hölzern vorbei, über benen bie Berge sich lagerten, bie burdjgefprengten Felsenbänke. Wenn uns bie Finsternis seltsam entgegen munkelte, wenn es im Scheine meines Lichtes von ben kristallenen Kanten unb grauen Steinbärten glitzernb niebertroff, — o bu tiefe Einsamkeit, bu heiliges Bewußtsein der inneren Stimme bei Mensch und bei Tier. Und ganz weit hinten in den Abbaugründen die aufgestörten Berge, wie sie sich zum Kampfe zusammenziehn, die lauernden Schweigsamkeiten. Wir beide trabten oder gingen schrittweise. Wenn manchmal meine Lampe vom dicken Atem der Bergnacht ausgebrückt war, lag ich bäuchlings im Kohlengrus bes ersten Wagens, klammerte meine Hände an den eisernen Kastenecken fest, grub mich hinein in bie Kohle, bamit ich nicht abstürze, tief brückte bie Angst meinen Nacken nieber, beim bas Schwarze lastete so unendlich schwer. Dann klirrten die Ketten, polterten die Stfjienenuerbinbungen in der fappigen, abschüssigen Gleisbahn, bann war alle Welt, alles Erbenlicht in Dreck unb Dunkelheit. Woban wußte ja im Finstern ben Weg, ber lief, zog, stemmte sich burch die Kurven, der ging streng vorwärts, durch, Kerl, Kerl, sei vernünftig und lauf, stolpere nicht, du kannst ja doch auch wohl im Dunkeln sehn, damit uns der Nachtbleiche nicht packt! — Und jetzt erzähl ich. Sieben Monate war ich schon mit ihm zusammen. In ber Morgenschicht, am Tage nach Neujahr, geschah es. Mit zwölf Leeren kam ich vom Schachte her ben langen Streckenweg in bas Revier gezogen. Nach einer halben Stunbe Fahrt war ich hinten angelangt, ba ging alles runb wie sonst, alles war in Ordnung, das Hämmern, Schallen unb Rollen in feinem gewohnten, sicheren Trott. „Du Himmelsgewitterhunb", krakeelte Branbegge, „Junge, halt bich boch besser habet! Los, angekoppelt, umgebreht ben Satan, fahr ab!" Unb roieber mit zwölf vollen Wagen trabte ich ab. Dem Schacht zu liefen bie Wagen gut, meinem Gaul sprang ich voran, pfiff mir eins, warf bei ber Gironbelle schnell bie Gleisweiche um, ruckruckruck, mit Schall unb Schwung sauste und knatterte die Flucht der schwerbeladenen Hunde das abschüssige Gefälle die Strecke hindurch, ich mutzte laufen, was ich konnte, der Gaul in den klirrenden Ketten und ber bumpf grodenbe Kohlenzug hinter mir her. Grubenlampen scheinen nicht weit, — verdammt, was war das? Die Strosse staute sich, das schwarze Grubenwasser klatschte um meine Füße, das war doch soeben bei der Hinfahrt hier nicht gewesen. Plötzlich, dort hinter einer Biege, fünf bis sechs Meter voraus, ich meinte, ich sollte erstarren, — ber Gang war zufammengebrochen, bie übertjängenben Felsen waren durch bie Hölzer hereingestürzt, viele, meterbicfe, scharfkantige Blöcke lagen bort wirr, sperrten mit einem Schlage bie Welt ab, — bas erfaßte ich in einer Zehntelsekunbe wahnwitzig schnell im Gespensterschein bes Entsetzens. Ich sprang in ben Wassergraben, hielt mein Licht hoch, bamit es von der Wasserwucht nicht ausgeschlagen werde, duckte mich in ber Enge bergenb an den Stoß, bann sauste es heran, ber jagende, vorstürzende Zug, — mein Pferd! Es konnte ja nicht wenden noch weichen, bie Klüfte brängten sich dicht und eng, jetzt, jetzt aber war es vorbei, jetzt mußte es kommen. Unb im nächsten Augenblick brüllte bas Schauerliche an, packte mich an! Ich ftanb bort, ohnmächtig in meinem Innern bebend, wie zum Sprunge bereit, geduckt unter einem zerknickten Holz. Das Gebirge dröhnte, es brach, barst unb umpraffelte mich, Scherben rissen mir Kopf unb Schulter blutig, meine Hänbe klammerten sich in bie Stempelsvlitter, in die Steine hinein, — jetzt krachten und donnerten die Wagen aufeinander, erbarmungslos. Meinen Kameraden, ben es in einem Hui rettungslos in bie Falle hineintrieb, hörte ich springen, scharren, hörte ich mit ben Hufen stoßen, um sich schlagen, baß bie Flinken stoben. Gewaltig im Riemen- unb Ketten- spannzeug reißen, hörte sein Schnauben, bas sich zum Tobeswiehern steigerte, einen grauenhaften, gellenben Pserbeschrei! —baß es mich durch alle Fibern meines Seins jagte, aufpeitschte, — ich stürzte hinzu, Herrgott, ba tag mein Kumpel, in ber Räumung verklammert, mit dem Vorderleib hoch in den Bruch hineingedrängt, — ba! zwischen ber Kante bes ersten Wagens unb einem schrägliegenden, gewaltigen F-llenbarren, es starrte mich an: bas eine Hinterbein satz dazwischen, war nfatt abgehauen, dunkles, rotes Blut lief, ein dampfender, lebendiger Bach, in die schwarze Grubenwasserslut. nicht um so tie' ^«rantwortlich.- Dr. HanS Thhriot. - Druck und Derlag: Brühl'sche UniversitätS.-Luch. und Eteindruckeret. R. Lange, Gieße». Hilf Und Und Der Und 'Tin Das Pferd wendete seinen Kopf nach mir um, zerrte noch, wollte auf! — konnte nicht. Diesen Getreuen hatte es zum Letzten, Unerbittlichen gepackt, und es hielt ihn fest. Da sah er mich mit seinem Auge so tief, so traurig an, daß es mich glühend heiß anhauchte, das Entsetzen, die Verzweiflung der grauen Scheidenot, im Abgrunde des Leides schmerzlich, als muhte es mir zerspringen, mein aufgewühltes Herz, — es war zu plötzlich gekommen, das Unheil, es war zuviel — schreien mußte es in mir Tranen stürzten aus meinen Augen: Du! Du mein starker, guter Kerl! Du mein Freund! Nun zahlen mit Fleisch und Gebeine Die sorglosen, frähigen Schweine Für Pflege, für Stallung und Kost. Nun füllt man den Schornstein mit Würsten, Mit Schinken, dem Essen der Fürsten, Mit Specke, der Hauswirte Trost! Glaubt Kinder! Ein fröhlich Gemüte, Ein Zimmer, das warm ist, sechs Hüte Von Zucker, ein Zentner Kaffee, Ein Fäßchen mit Domherrngetränke, Das stärkt die erfrornen Gelenke, Das hilft für das kältende Weh. das ^Rechte tun und äanzHbei stln, damit das Große, Selbstverständliche geschieht und sich auch in unserem Opfer erfülle das Wunder der Ewigkeit. Oer Winter. Von Magnus Gottfried Lichtwer. Jetzt schickt uns der rauchende Brocken Die weißen und schimmernden Flocken, Die fliegenden Felder von Eis. Die Felder, die Büsche, die Hügel, Die Gärten, die Gassen, die Ziegel, Die kleiden sich völlig in Weiß. Der Grünitz beginnt sich zu paaren. Es fliegen die Gänse bei Scharen, Es ruft die prophetische Kräh'. Die Ammerling sucht jetzt die Scheune, Der hüpfende König der Zäune Singt fröhlich im glänzenden Schnee. Himmel! Wie rasseln die Speichen, führen uns Wälder von Eichen, Gerippe des Harzes, herzu! Wie rauchen die Spitzen der Häuser! Wie knistern die brennenden Reiser! O Ofen! Wie tröstlich bist du! Das Wasser, das Schiffe durchschnitten, Trägt Menschen und Wagen und Schlitten, " ' ist ein gehärtetes Glas. Frost macht die Flüsse zu Brücken kehrt in versteinerte Stücken flüchtig und weichendes Naß. Platz in einem Berliner Wagen frei war, gleich zur Hand wäre. Besonders bitter war, daß plötzlich der Bahnhof meldete, eben sei doch em Zug nach Berlin abgegangen, doppelt bitter, daß berichtet wurde, soeben sei ein vollbesetzter Wagen nach Berlin gefahren. Einern Bekannten des Hauses war der Kühler zugestoren, ein anderer hatte seinen Wagen m Frankfurt, ein dritter war selber unterwegs. Ich ging wieder zum Gasthof. Der Schnee stiebte m Wolken, an eine Reinigung der Straßen war nicht zu denken. Auf dem Domplatz und dem Breiten Weg standen überall Gruppen von Männern, die gleich mir auf ein Fortkommen warteten. Ein Geschäftstüchtiger sammelte Namen, um einen Wagen nach Berlin zusammenzubekommen. Er stand >m Hausflur eines Geschäftes und schrieb die Namen auf einen flatternden Papierbogen, 2000 Mark sollte der Platz bis Berlin kosten. Ich sah über die Pelze der Vordermänner, wie er aufzeichnete: „Müller, — bitte Vorname! — Ger» lach _ gut, bitte weiter! — Feldheim, gut!" Da ich keine Veranlassung hatte, mich der Volksmenge vorzustellen, gab ich meinen alten Decknamen an, H. Albrecht, der „halbrecht" ist, da ich mit einem Vornamen Heinrich und mit einem Albrecht heiße. . ... Der Wagen kam, und wir quetschten uns, viel zu viel Menschen für die Plätze, mit unserem Gepäck — viel zu viel Gepäck für den Raum — hinein Der Wagen schwankte langsam los. In der Stadt ging es noch, aber draußen auf der Landstraße, wo wir im Schneesturm nicht den nächsten Straßenbaum sahen, wurde es schlimm. Immer wieder mußten wir aussteigen und das schwere Gefährt durch die meterhohen Schneewehen schieben. Wo die Straße glatt war vom Sturm, lagen gestürzte Pferde, an den Schneewänden rechts und links lehnten stehengebliebene Wagen. Schließlich versagte der Motor, und wir saßen hoffnungslos fest! Glücklicherweise überholte uns ein anderer Wagen, dem der Herr Feldheim und ich auf feinen sehr zweckmäßigen Rat hin eine Viertelstunde entgegengegangen waren, und, o Glück!, er hatte noch zwei freie Sitzplatze! Nicht ohne leise Schadenfreude fuhren wir an unseren Reisegefährten vorbei, nachdem wir dort unsere Koffer übergeladen hatten. Wir mußten sie auf den Schultern tragen, denn der Schnee ging uns bis über die Knie. Aber unsere Schadenfreude wurde bald bestraft. Nach wenigen Kilometern versagte auch dies Ungetüm, und wir saßen wieder fest. Der Wagenführer kroch unter die Haube und arbeitete an seiner Maschine, wir Reisenden standen umher und gaben unseren Rat, der um so freigebiger gespendet wurde, je weniger der Sprecher von Explosionsmotoren verstand. Feldheim und ich gingen, um uns zu erwärmen, auf der Straße auf und ab. Und hier war es, wo folgendes Gespräch, zerschnitten von der grimmigen Kälte und zerrissen vom Sturm, ftattfanb. „Ja, Herr Albrecht, was machen wir nun?" „Ach bitte, Herr Feldheim, nennen Sie mich nicht Albrecht, ich habe den Namen in Magdeburg nur so angegeben" — und ich stellte mich vor. Er lachte schallend: „Ja, ich heiße zwar Feldheim, aber der Herr Unternehmer hat mich falsch geschrieben, ich bin ein Veltheim aus dem Hause Harbke, Josias heiße ich." „Famos, — also lieber Herr von Veltheim, was machen wir nun? Der Wagen sitzt offenbar rettungslos fest, denn wenn ich auch nichts von Maschinen verstehe, so kann ich doch sehen, daß der Fahrer keine Ahnung von der seinen hat." Veltheim, der neben ihm gesessen und mit ihm geplaudert hatte, bestätigte das. „Er hat mir erzählt, daß er noch gar keinen Führerschein habe, aber bei diesem Wetter und in dieser Notlage gedacht hätte, den hohen Verdienst mitnehmen zu sollen." Wir beschlossen also, unser Gepäck gemeinsam aufzuschultern und, ehe die ganze Gesellschaft nachkam, im nächsten Dorf ein Unterkommen zu suchen. Eine schlechte Sache, wenn der Weg auch vielleicht nur wenige Kilometer weit war. Wir beide nicht gewöhnt, schwer zu tragen, und die Straße vom Sturm gefegt wie eine Tenne und vom Eis glatt wie eine Spiegelscheibe. Wir glitten und stolperten, wir fielen und standen wieder auf, wir wechselten das Gepäck, wir versuchten immer andere Möglichkeiten, auf der ebenen Mitte der Straße und im Schneesaurn des Randes zu gehen. Als es dunkelte, kamen wir in das Dorf Parchem bei Genthin. Gottlob, ein Gasthaus, eine heiße Stube, ein Ruhebett! Todmüde fielen wir jeder in eine andere Ecke dieses Stücks Hausrat und bestellten Grog und Essen. Aber auch die bescheidene Freude dieser Ruhe wurde uns nicht lange gegönnt. Mit unendlichem Lärm sand sich unsere Reisegesellschaft ein und füllte, vielleicht zwanzig Mann stark, mit übelster Laune und durchaus nicht verhohlener Wut auf uns beide den kleinen Raum. Verübeln konnten wir den Herren ihren Merger nicht, denn wir hatten für die Nacht das Ruhebett und sie nur sehr unbequeme Stühle, auch zeigte es sich, daß unser Abendessen das einzige war, welches das kleine Gasthaus zu geben hatte. Die Nacht verging, wie jede Nacht einmal vergeht, auch die längste und unbebaglichste. Immer wieder weckte uns der wilde Schneesturm, der fast die Fenster eindrückte, das Zanken der Herren, das lärmende Nachlegen in den kleinen eisernen Ofen. Dann ging mit viel Gestank die Erdöllampe aus. Und wir lagen in wirrem Halbschlaf... Gegen Morgen wuschen mir uns in der kleinen Küche und gingen wieder wie gestern auf der oben Landstraße hin und her. An diesem Morgen war es auch, daß Veltheim auf einmal sagte: „Sagen Sie mal, sind Sie verwandt mit dem Dichter Ihres Namens?" ... Nun sollte ich am drittnächsten Tag eine Vortragsreise durch Dänemark und Schweden antreten, und so stellten wir fest, daß ich der eiligere von uns beiden sei und das Recht auf die nächste Beförderungsmöglichkeit haben sollte. Wir schleppten also zunächst mein Gepäck in den Flur des Gasthauses, ich bezahlte den schlaftrunkenen Wirt und dann warteten wir, schräg gegen den Schneesturm gelehnt, auf der eisigen Straße. Ich dachte recht wie im Märchen „Wenn doch was käme und mich mitnähme!" Und es tarn etwas auf der morgengrauen märkischen Landstraße angebraust, und es saß nur ein einzelner Herr darin! Mitten auf die Straße sprang ich, hob die Arme, daß der Mantel wie ein Segel um mich schwoll und schrie ein Halt! Und der Wagen hielt wirklich! Winterfahrt mit Hindernissen. Bon Börries, Freiherrn von Münchhausen. In vierzig Boriragsjahren, die mich durch Deutschland und bann auch durch bas deutschsprechende Europa kreuz unb quer jagten, habe ich boch nur viermal einen abgeschlossenen unb angesetzten Vortrag absagen müssen, währenb mir gewiß Dutzende abgesagt würden. Das hat seinen guten Grund: Auf der anderen Seite des Vertrages stehen jedesmal mehrere hundert Menschen und hier nur einer, drüben find die Nöte um den Saal ober anbere. Ich hatte beispielsweise nur einen Blinbbarrn, unb so konnte mir ber nur einmal der Quere kommen, nur einmal paßte ein königlicher Besuch bei uns so schlecht, daß ich ausgerechnet den einzigen Vortrag meines Lebens in meiner Geburtsstadt dieserhalb absagen mußte, nur einmal hat mich das Flugzeug zwischen Danzig unb Berlin im Stich gelassen. Unb nur einmal habe ich einen Eisenbahnerstreik im Winter unb gleichzeitig einen so grimmigen Schneesturm erlebt, wie 1922 in Magdeburg. Diesen drei Naturereignissen war selbst mein Glück nicht gewachsen, so daß ich einen Vortrag bei dem Botschafter v. H. absagen mußte. Früh im Finstern kletterte ich in Magdeburg aus dem Bett und fuhr zur Bahn, — um dort zu erfahren, daß wegen des Streiks keine Züge mehr gingen! Nun ist die Fahrt nach Berlin ja nicht weit, wenn ich mir einen Kraftwagen nahm, war es leicht zu schaffen. Man verlangte mir zwar 4700 Inflations-Mark ab, aber ich war bereit, zu bluten, um meinen verehrten Freund nicht fitzen zu lassen. Aber es gab keinen Kraftwagen in Magdeburg, der bei den teils spiegelblank gefrorenen, teils mit Meter- bohem Schnee bedeckten Straßen die Fahrt wagen mochte, wenigstens aelang es mir nicht, einen zu mieten. Das Gepäck hatte ich in ein Gasthaus geschafft, damit es, falls ein 20 Dies war die erste schwere Opferschicht in meiner Jugendzeit. Du dunkler Strom des Blutes in den leise hämmernden Herzen bei Mensch und bei Tier. Auch du gehörst mit dazu, du immer bereite, tapfere, stumme Kreatur Wie sollte uns denkenden, verantwortungsbewußten Menschen - >fer, eindringlicher die Wahrheit, die Notwendigkeit, die Lebens packen: Laßt es uns restlos wahr leben und ernst