GiehenerKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |95Z Freitag, -en 24. Dezember Nummer 100 Deutsche Weihnacht. Dom Robert Hohlbaum. Nicht Palmen fächeln deiner Mutter Weh, in Tannenwipfeln rauscht der Winterwind, nicht Engelchöre tönen: Kyriel nur deutsche Hirten singen: Schlaf, mein Kind! An deiner Wiege wachen Roh und Rind, vertrauten Sinnes äugen Hirsch und Reh, allen, die reinen Sucherherzens sind, weist treu ein Licht den Weg durch hohen Schnee. In fremden Lande warst du uns verloren, in deutscher Weihnacht wirst du neu geboren, die stillen Friedens unser Herz berührt. Und über unsres Leids verschneiten Wegen strahlt klar und hoch des alten Sternes Segen, der uns in deine tiefe Reinheit führt. Oie Krippe. Erzählung von HansCarosja. Warum haben wir Freude an dem Knaben, der eigenwillig Werk auf Werk unternimmt, bald ein Haus, bald ein Schiff, bald eine Brücke baut, aber dem Fertigen keine Treue hält, sondern es gleich wieder zerschlägt und Neues unternimmt? Wir freuen uns, weil wir den treuen Sinn dieser Untreue ahnen. Wir glauben an den immer werdenden, immer sich erbauenden, immer erscheinenden Geist. Er schlüpft in manches Gespinst und belebt es nach seiner eigenen Figur, um unbeirrt eine Strecke zu wachsen. Ist dies geschehen, ist der neue Stonb erreicht, so zieht er sich aus dem Sinnbilde seiner letzten Entwicklung zurück, zerstört es wohl auch und verwandelt sich in das nächste. Das Krippchen wuchs langsam. Ein breites Fenstergesims war mir überlassen; aber eine Woche verging, und immer lagen dort erst ein paar Hölzer und Stäbe, etwas Moos und jenes flimmernde Granitstllck, das ich im Glauben an seinen uner- mehlichen Wert beim Umzug aus Königsdorf mitgenommen hatte. Nach langem Brüten fiel mir ein, dah vor allem Himmel und Gebirg entstehen mühten. In einem Schrein der Mütter befanden sich arohe Bogen feinen Papiers von einem durchscheinend lichten und fernen Blau, damit schlug ich den oberen Teil des Fensters aus und schuf eine heilige Düsternis, welche tief unten durch blaugraues Pappegebirg zu hintergründiger Nacht verdichtet wurde. Körperhafter waren die Vorberge: verhärtete Baumschwämme, auf denen schon Häuschen und Bäumchen angebracht werden konnten. Mitten unter den Schwämmen stand der Granit- in diesem sah ich Len Schwerpunkt und magnetisches Geheimnis der Landschaft, was ich aber niemand verriet. Schmater Wald aus kleinen Föhrenzweigen bedeutete den Uebergang vom Höhenlande zur Ebene. Um einen würdigen Boden zu bereiten, löste ich vom feuchten Holze, das die Magd zum Öfen schleppte, die Rinden ab, machte sie flach und legte sie nebeneinander. , m . . Roh gefügt standen auch Stall und Krippchen bald im Vordergründe; nun aber stockte die Ausführung, es fehlte viel, was nicht so leicht zu beschaffen war. Und nun begann ich mit behaglicher Wut elsternhaft alles heimzusammeln, was ungefähr nach meinen Zwecken aussah: Scherben, Kiesel und bunte Stoffe, ja, ein Bauernjunge, der in der Schule vor mir saß, mußte sichs gefallen lassen, daß ich seiner dicken, schwarz und rot gestreiften Winterjoppe entzupfte, was an farbiger Wolle nur herauszubringen war. Da er sich verwundert umdrehte, flüsterte ich ihm zu, daß das Tröglein des Christkinds damit ausgepolstert werden solle; gutmütig lieh er sich weiterzausen, ja brachte mir am nächsten Tag einen bläulichen Häherfittich, damit, meinte er, sollte ich die heiligen Könige ausputzen. Woher ich Könige, woher ich überhaupt Figuren nehmen sollte, wußte ich nicht, vertraute aber, daß sie zur rechten Zeit schon kommen würden. Abbildungen auszuschneiden und an Brettchen geklebt aufzustellen, hatte die Köchin geraten und mich damit sehr beleidigt. Denn nach leibhaftigen Gestalten verlangte mich, nicht nach bemalten papierenen, die mich in Verlegenheit brachten, wenn jemand sie von der Seite oder von hinten betrachten wollte. Von nun an wurde ich mißtrauisch gegen fremde Hilfe, und wenn mir jemand seinen Rat aufdrängen wollte, zog ich einfach die großen gelben Fenstervorhänge hinter mir zusammen und machte Werk und Werker unsichtbar. . , Sobald aber der Geist auf ein Ziel gerichtet ist, kommt ihm vieles entgegen; ferne Gedanken und Sachen entlausen ihren Gefügen und eilen ihm zu. Plötzlich fielen mir die Pflanzen ein, die namenlos in der Gartenecke standen; ich lief hinab und sah, daß sie noch grünten; hatte ich ihnen doch gleich etwas Winter-Ueberdauerndes abgewittert. Die Schäfte waren stärker, die Blätter gestreckter, die Kerzen zu augenartigen Wülstchen geworden, die Palmenform unverkennbar. Es hielt nicht leicht, sie samt ihren Wurzelstöcken aus dem gefrorenen Boden zu graben, aber wie heilig fremd machten sie mir dafür meine Landschaft! Am andern Morgen kam jener verunglückte Bauer, um dem Vater die Rechnung zu bezahlen, zeigte den gesundeten Arm, rief mich herbei und stellte ein Leiterwägelchen mit Plachendach auf den Tisch, dazu die schönsten holzgeschnitzten Schäfchen, Pferdchen und andere Tiere. „Es ist für die heilsame Haut", lachte er und klopfte mir die Schulter; ich aber nahm die ganze mit eigenem Fleisch und Blut erkaufte Pracht und stellte sie guten Gewissens im Krippchen auf. In einer Legende war vorgekommen, daß bei der Geburt Jesu der böse Feind aus Wut und Schrecken über das nahe Ende seiner Herrschaft sich winselnd und heulend in den hintersten Höllenwinkel verkrochen habe. Dies war bildhaft einleuchtend. Ich besaß einen hölzernen Kasperl; nichts war leichter, als einen Teufel aus ihm zu machen, und dabei kam Freundin Fledermaus, die nun schon so lange nutzlos im Spiritus schwamm, zu hohen Ehren. Stracks wurden ihr die Flügel abgeschnitten, die guttaperchadünnen Flughäute so weit wie möglich ausgespannt und an Satans rotes, aus Zaubermantelsresten zusammengeflicktes Kleid genäht, das übrige Tier aber, das jetzt nur noch eine gemeine Maus war, verbrannt. Unter dem Fensterbrettchen war zum Auffangen des Regenwassers ein Blechkästlein in die Mauer eingelassen, das man an einem Porzellanknopf herausziehen konnte, wodurch ein unheimlicher dunkler Schacht entstand. Hierher wurde der Erzfeind verwiesen; hier krümmte er sich vom Glanz des Heils zur Finsternis hinweg und grinste mit geröteten Augen und spitzer Scharlachzunge nach oben. So lebte denn der Böse; die Guten aber und das göttliche Kind, wo war ein Stoff zu diesen? Daß die lieblichen und ernsten Gesichtchen in der Kirche aus Wachs bestanden, wußte ich und ließ mir nun von der Mutter das reine Bienenwachs, das Geschenk der Nachbarkinder, aus- händigen; und es schien mir für Jesuskind, Maria, Joseph und die Könige gerade hinzureichen. Eines Tages wagte ichs und versuchte das Antlitz Marias zu formen, das mir unsagbar heilig vorschwebte. Nun aber brachen schreckliche Stunden herein. Zwar war ich nicht ungeschickter, als ein Neunjähriger fein darf, und was unter meinen Fingern wurde, gemahnte wohl ungefähr an menschliches Gesicht; von der Holdseligkeit jedoch, die mich an den Vorbildern entzückt und erbaut hatte, gewannen meine Geschöpfe keinen Hauch. Zuerst bemerkte ich mit Krimmer, daß das Wachs nicht lange sein zartes Weiß behielt, sondern mehr und mehr zu bleichem Grau verkam. Was mich aber wie Gegenwirkung einer feindlichen Gewalt entsetzte, das waren die niederträchtig häßlichen Gesichtszüge, mit welchen meine Püppchen mich anschielten, ich mochte mich stellen, wie ich wollte. Je mehr ich eiferte, ihnen ein frommes, anmutiges Wesen zu verleihen, desto mehr entarteten sie mir unter der Hand zu Hexen und Galgenvögeln. Auf einmal warf ich die sämtlichen begonnenen Köpfe zu Boden und Hub ein solches Toben und Weinen an, daß erschrocken die Mutter hereinlief. Sie sah, daß mir Blut von der Schläfe herabrann und fragte, was das bedeute. Nun merkte ich selber erst, daß ich mich in meiner Wut mit den Nageln aufgekratzt hatte. Ich antwortete nicht, stand auf und überließ mich aufs neue meinen Tränen. Sie fragte nicht weiter. Die mihgeformten Larven, die sie Herumliegen sah, gaben der Kundigen Auskunft genug. Sie nahm einige der unseligen kleinen Häupter zur Hand, betrachtete sie lächelnd, legte sie wieder fort und wusch mir das Blut vom Gesicht. Hierauf fragte sie, wie ich mit meinen Schulausgaben stände. Als sie merkte, daß ich an diese trotz der späten Stunde noch gar nicht gedacht hatte, rief sie mir zu: „Es ist eine heilige Zeit! Sei fleißig in der Woche, so wirst du am Sonntag Freude haben!" und verließ das Zimmer. Wie eine Verheißung hatte das geklungen; ich fühlte jäh die innigste Gewißheit, daß etwas für mich geschehen werde, und wandte mich getröstet meinen Büchern zu, spielte von nun ab auch wieder öfter auf der Straße und begnügte mich, meine Landschaft noch mit manchem auszustatten. Aber die Woche war lang, und in der Nacht vor Mittwoch sah ich im Traum den Onkel Georg durch meine Schlafkammer gehen. Er hatte den Zaubermantel an, aus dem aber große Stücke herausgeschnitten waren. In der Hand hielt er eine der Porzellanschalen, worin mein Vater Salben zu reiben pflegte, kam damit auf mich zu und sagte: „Bist du da, Figurenmeister?", nahm sodann zwei, drei Klümpchen eines rötlichweißen Gemenges aus der Schale, gab sie mir und befahl mir, ein schönes Kind daraus zu machen, worauf er sich durch die Türe hinausbegab. Ich drückte und knetete ein Weilchen an dem Zeug herum und hatte plötzlich ein wunderhübsches Männchen in der Hand. Im selben SügenMck erwachend, sby sch, daß Trn Ofen bereits Feuer bfimnle, grätig mit einem Satz aus dem Bett, nahm den Rest von Wachs, der auf dem Gesims lag, und kauerte mich in den Feuerglanz, voll Glauben, daß mir als Wachendem gelingen müsse, was ich eben im Schlaf so vor- tresslich gekonnt hatte. Noch spürte ich die formenden Bewegungen des Traumes in den Fingerspitzen, aus dem Ofen drang starke Wärme, die den Stoff erweichen half, und was in wenigen Minuten zustande kam, war gerade kein schönes, aber doch ein deutliches und angenehmes Gesichtchen; ich brauchte nur den Kopf mit etwas brauner Wolle zu umgeben, Augen, Lippen und Nasenlöcher anzuzeichnen und die Wangen mit zwei Tröpfchen roten Weins zu färben, so konnte es für einen jugendlichen Hirten wohl hingehen. Ich weckte Bater und Mutter und holte am Nachmittag auch Eva herbei, um ihr den ersten selbsterschaffenen Menschen zu zeigen, den ich als den meinen anerkannte. Sie sand ihn nicht übel; nur Kleid und Hut schienen ihr zu mißfallen, sie ordnete lang daran herum, nahm dann Faden und Nadel und hatte bald alles mit solchem Geschick zusammengelegt und geheftet, daß ich nicht anders konnte, als es loben. So war mein Borsatz, alles allein zu tun, lieblich durchbrochen, und künftig sträubte ich mich immer weniger, Hilfe von anderen anzunehmen. Weihnachtsabend. Bon Agnes Miegel. In Dunkelheit und Wind verschwebt ein Glockenklingen. Horch, lachte nicht ein Kind? O heimchenzartes Singen! Bon meines Nachbars Haus, wie strahlt der kerzenhelle Funkelnde Baum hinaus! Auf der vereisten Schwelle Liegt noch ein Tannenzweig. Leis hebe ich ihn auf. Wie steigt erinn'rungsreich sein Waldduft zu mir aus. O du, der uns bewacht, steh' in der dunklen, stillen. Der heil'gen Weihnachtsnacht mein Volk voll gutem Willen. Geschwisterlich vereint in deinem Lichte stehend. In ihm, das uns durchscheint, die Not des Nächsten sehend. In Winterdunkelheit voll Krieg, Haß und Beschwerden, Zu dienen ihm bereit, voll Glaube neuer Zeit, daß Friede wird auf (Erben! Königsberger Weihnachtserinnerungen. Von Agnes Miegel. lieber den alten Obstgärten draußen liegt trübe, blaugraue Nebeldämmerung, als wollte die Sonne heute nicht mehr vorkommen — aber um so heller und wärmer strahlt vor mir die dunkelgelbe Wachskerze, «in süßer Duft von Sommer und Honig steigt zu mir empor und ein ersten Spürchen Tannenduft von dem Adventszweig, einem wirklichen Tannenzweig, nicht einem Fichtenzweiglein, wie es sonst der Weihnachtsbaum meiner Heimat ist. Es tut gut, ihn an die goldne Flamme zu halten, dieser blaue Qualm weckt alle frohen weihnachtlichen Kindheitserinnerungen in mir. Jahrüber schlafen sie in einem gläsernen Schrein im grünen Wald, wie Schneewittchen — aber in der ersten Adventswoche erwachen sie, zugleich mit der Freude, die zu dieser Zeit gehört und die so groß ist — nein, mit jedem Jahr größer —, daß auch Abschied, Schmerz und Tod in ihrem Glühn das Schwere verliert — nichts bleibt als das Glück, Liebe besessen zu haben und Erinnerung, strahlend wie ein Weihnachts- baum. Es gab in meinem Elternhaus — und in unserer ganzen, altmodischen Stadt — in meiner Kinderzeit noch nichts von jener Verniedlichung, die geschäftstüchtige Leute so gern dieser Zeit gaben, deren Innerlichkeit sie nicht mehr begriffen. Daß wir damit auch viel Schönes entbehrten, fühlten wir nicht, denn wir kannten hier oben weder Adventskranz noch Adventsbäumchen. Von dem ersteren hörte ich einmal durch Schulkameradinnen aus dem Fränkischen, die uns erzählten, wie sie darunter daheim ihre Adventslieder gesungen hatten. Und das erste Adventsbäumchen sah ich bei einer sehr geliebten Patentante, die es als schönstes Reiseandenken von einer Verwandtenfahrt nach Westdeutschland mitbrachte. Dafür hatten wir eine kleine Kerze, die vom ersten Adventstag an ganz leise und still brannte, so wie dies Weihnachtslichtchen jetzt neben mir, und bei feinem Schein lasen wir uns früh den Adventsspruch des Tages vor, der auf einem kleinen goldumränderten Stern in schöner Schrift gedruckt war und besinnlich und feierlich uns durch den Tag geleitete. Am ersten Adventssonntag sagten wir unsere Wünsche, groß und klein. Das Schreiben eines Wunschzettels war nur eine Sache ganz kleiner Leute, die noch nicht recht wußten, was man dem Weihnachtsmann alles zumuten kann. Denn es war und blieb der Weihnachtsmann, auch als man schon längst wußte, „daß es sowas gar nicht gab", wie die lieblose Ausgeklörtheit altkluger Schulgenossen es uns zuschrie, was uns ermunterte, und sozusagen nun nochmal gegen uns selbst an ihn zu glauben. Es war sehr schwer, ihm zu sagen, was man wollte, man wand sich in einem Gewissenskarnps zwischen Begier nach dem großen Gas- gummibalt ober einem neuen Kochherd oder den Puppen für den „Frei- chiitz" (samt Blitz und Donners und dem Bangen, allzu unverschämt vor hm dazustehn — da er sowieso eine Neigung hatte, bloß Nützliches und ich Bewährendes zu bringen! Man mußte sich doch seiner Gaben wert erweisen, und denen, die sie anvertraut bekamen, auch unsererseits was schenken. Da sah man denn und stöhnte vor Anstrengung und Eifer, fertig zu werden und stickte an den Dingen, die man selbst — ganz äflelnT — km Fröbel-Vazär für das Geld In dem perlmutternen, rol« gefütterten Portemonnaiechen („Andenken an Cranz") erstanden hatte. Es war so anstrengend, und besonders das Einfädeln der immer bauen« laufenden bunten Wollsäden war sehr schwierig, aber dafür malte man sich die ganze Zeit aus, wie!!! sich die Mutter freuen würbe, wenn sie diesen Pantoffel aus Silberpapier mit dem hellblauen „Helene" übertn Bett haben würde und ihre kleine runde Uhr darin sicher für die Nacht geborgen wüßte! Der Vater bekam einen Kalender, den man selbst noch mit Goldbronze — in einer Muschel mar sie und man durste ja nicht dran lecken, sonst starb man gleich auf der Stelle und würde nicht mehr zum Backen da sein —, also den man selbst damit so prächtig verzieren konnte, was noch viel schöner war als die Nüsse „ausfrischen". Hier lieh man den Pinsel so recht in der Muschel hin und her fahren! Es waren zu schöne Geschenke und entsetzlich schwer, daß man davon nichts erzählen durste. Aber so abends, beim Gutenachtsagen nach dem Beten, da zog man die Mutter noch mal rasch zu sich — wirklich, es lag ein ganz roter Weihnachtsbaumapfel unterm Kopfkissen und sie nahm auch einen Bissen davon, einen ganz kleinen, bann sagte man: „Du bekommst so was Schönes zu Weihnachten — rate doch, womit es anfängt!" und gleich platzte man noch heraus: „mit P!I" Dann erschrak man und sagte: „Du muht das aber bis Heilig Abend vergessen", und sie mußte es ganz gewiß versprechen. Dann kam immer die große Frage: „War ich artig?“ Denn wenn ich das war, bann kam die Erlaubnis, „helfen" zu bürfenl „Helfen" war immer bas Schönste, aber biefes war eine ganz große jahrüber erfebnte Belohnung! Denn es meinte, daß ich bei dem Pfefferkuchen- und Marzipanbacken dabei sein durste. Der Psefserkuchenteig für die großen Kuchen stand schon feit dem September-Neumond in einer großen, gelben, irdenen Schüssel, mit schneeweißem Tuch zugedeckt, auf dem Schrank in dem dunklen Durchgangszimmer. Er „verrußte" sich, und erst wurde an dem Adventssamstag, wo man ihn weckte, feierlich das weiße Leintuch abgehoben und dann die dicke Schicht Mehl, die wie Schnee über der lehmgelben, zähen, honigduftenden Teigmasse lag. Die wurde dann gewalkt und gebreitet und gerollt und geschnitten. Wir hatten alle (ich auch!) hoch aufgekrempelte Aermel und große Schürzen um — es war ein Glück, daß die Großmutter so viele auf dem Hof gewebte Schürzen mitbekommen hatte, daß sie immer und unverwüstlich für uns alle reichten. Der Schnitt von 1855 war so gut, daß er immer aß. Alten und Jungen. Also da standen wir, und erst guckten wir bloß andächtig zu, wie Linas feste Arme den schweren Teig kneten, und rochen selig Honigdust und den Geruch von Kien und Torf. Aber dann bekam jeder sein Amt: Zuckersieben und Mandelschluppen, Zitronatschneiden und Blechformen bereit legen: die Kataschinchenform, den Stern, den Halbmond, die drei Herzen. Und wenn dann die ersten drei großen Pfefferkuchen auf den Blechen lagen und wie alle von dem Pottaschegeruch niesten — dann tarnen die „seinen“ Kuchen dran, und da wurde Zucker mit Honig und Honig mit Sirup geläutert, da duftete es nach Rosenwasser, nach Mandeln, nach siedender Butter und kleingehackter Pommeranzenschale für die aus langen dünnen Rollen zierlich geschnippelten Pfeffernüsse —, in die immer noch wirklicher Pfeffer kam, zur Aufmunterung der überirdisch duftenden, von dem Vater selbst („Frauen wissen nie, was ein Gramm ist!") auf der kleinen Hornwaage abgewognen Gewürze, die ich! in dem alten glänzenden Messingmörser stampfen und in den heißen Teig schütten durfte. Es kribbelte in der Nase, es roch verlockend, aber man hatte nicht mal Zeit zum Schlecken, so eilig ging es nun zu: der Ofen glühte, es glühte die Küche, der Schneesturm stieß in den Rauchsang, wir traten uns die Hacken ab vor Eifer, wir rollten aus, wir pinselten mit Rosenwasser, wir legten die uralten Sternchenmuster auf den glänzend braunen Teig, wir mischten Gänseschmalz mit Korinthen und Kakao für bas letzt« Meisterstück, die „Bombe" (viel schöner als die Liegnitzer!), und die Tanten gingen herum (in der kühleren Nebenstube oder dem Flur) und rührten den Guß. Denn keiner konnte den Schokoladenguß so abpassen wie Tante Ufche, und Tante Lusche verstand es, den rosawasserduftenden Zuckerguß für die kleinen, rechteckigen „Holländer" (die nach unserem wunderhübschen Städtchen Preußisch-Holland heißen) so zu rühren, daß er fest und glatt war wie der befrorene Schloßteich. Dabei fangen beide leise, glockenrein und heimchensüß „Ihr Kinderlein kommet —" das Weihnachtslied, das sie gelungen hatten, wenn sich einst die tannenumflochtene Pyramide stammend gedreht hatte —, und wie die beiden lieblichen, alten Stimmen fangen, fielen wir alle ein, und bann kam „Stille Nacht" und bann „O bu fröhliche" unb „Kommet ihr Hirten" unb „Es ist ein Rost entsprungen" — bi-efe beiben waren neu, ich hatte sie aus bem Kinber- gottesbienft mitgebracht. Sie sind immer noch für mich mit der Winter- abcnbbämmerung draußen und dem blassen Schneelicht, mit dem dunklen Orgelchor und dem geheimnisvoll unter den Säulen herauffunkelnden golbnen Altar unseres Doms verbunden. — Ach, es war zu schön, alle Weihnachtsfreude in diese Lieder zu legen, wir fangen, heiser von Hitze und Zuckerdunst, bis tief in die Nacht. Das Abendbrot war sehr eilig und bestand aus einem rasch gegessenen Schmalzbrot und gewärmtem Kaffee (der sehr wenig Bohnen, aber sehr viel Zichorie gesehn hatte!). Aber wie froh ging man zu Bett, wenn dann in der eisig kalten guten Stube alles ausgebreitet lag und durchs ganze Haus duftete unb jeder von uns einen Schmeckhappen bekam, den Lina und Mutter erst sorgfältig krümelten und mit allen vorigen Weihnachtsbäckereien verglichen, ehe sie ihn stolz und genießerisch aßen! Es war eine recht kurze Nacht, denn erst wurde alles noch weg- geräumt — der Sonntag stand ja schon ganz im Zeichen der Vorbereitung fürs Marzipanbacken. Dazu traten alle Tanten und Basen an zum Helsen — so wie ich später dazu ging. Am ersten Advent hatte Vater (er war dem Weihnachtsmann begegnet, wir hörten es an seinem amsel- hellen Pfeifen) uns eine kleine Schachtel „Teekonsekt" vom besten Konditor mitgebracht, und jeder bekam ein Stückchen davon „zur gefälligen Richtschnur" für unsere Marzipanbäckerei. Was die bedeutet, weiß nur ein Königsberger Kind! Wir waren ganz aufgelöst vor (Eifer unb Eile, rasch, rasch! mußte es gehn, bas bretfadje Reiben der zarten Manbeln, bas Sieben des Puderzuckers, das Tropfen des Rofenwaffers, das Aus- rollen, das Ausstechen, das Kniffen und Bestreichen des Randes. Vater selbst fachte mit dem alten Blasebalg die Holzkohle auf dem schwarzen Blechöfchen zur richtigen Glut an, und wir andern liefen mit rotentzündeten Augen und zuckertrockenen Kehlen herum, uni) er mußte uns die Tür öffnen, wenn wir einen neuen Satz zu den Pfefferkuchen ins Kalte trugen — denn wie kann man mit solch klebrigen Händen eine sesttags- blanke Messingklinke öffnen? . Ganz spät folgten wir dann alle der Mutter in den kalten Saal (immer hieß alles, was drei Fenster hotte, „Saal" und war's auch handtuchschmal) und hielten die große Schüssel mit dem nach Rosen und Zitrone duftenden „schlanken" Guß, wenn Mutter — und nur sie — ihn vorsichtig in die Herzen und Sterne füllte. Dann wurde die Tür abgeschlossen, „damit es recht kalt bleibt", und erst nach drei Tagen ging die Mutter wieder hinein, dick verpackt wie zur Schlittenfahrt, mit einer knatternd reinen, weißen Schürze, und ich kam mir schon beinah erwachsen vor, als ich zum erstenmal mit ihr hineinging und ihr die Gläser mit den eingezuckerten Hagebutten und Berberitzen, die schwarzen Walnüsse und gelben Apfelsinenscheiben zureichen durfte — alle selbst „kandiert", und die süßen, grünen Schabbelbohnen, die ich vom Konditor geholt hatte. Davon legte Mutter mit einer kleinen Bronzegabel und dem Randzängelchen die allerschönsten Muster auf den erstarrten Zuckerguß. Bei einem großen Herzen, das eine Rose aus gefärbtem Kürbis erhielt, lachte sie leise. Da wußte ich, das war für meinen bunten Teller und sah es schon vor mir auf der Apfelsine neben dem silberblank eingewickel- ten Kräuterkäschen, das nur ich erhielt! Und dahinter den Wachsstock und die kleine Flasche mit Kölnischem Wasser und bunte Fausthandschuhe! Wie ich bann weggeschickt wurde, um den Zuckerguß dicker zu rühren und mit Kirschsaft zu färben für die kleinen Pralinen (die Mutter in dem Kakaoguß rollte, der über den Feueraugen des Petroleumkocherchens duftete, und die bann wie kleine schwarze Zwergregimenter aus ben Pergamentbögen standen) — da fand ich mich nicht aus dem Saal fort. Ich rückte das Fußkissen, auf dem ich Sonntags neben dem Klavier kauerte, dicht an Mutters Stuhl, sie legte die Zange fort, und wir begannen uns beide von Weihnachten zu erzählen: ob der Baum fo groß sein würde wie im vorigen Jahr, ob ich noch bunte Lichter wollte oder gelbe (gelbe!), ob die kleinen roten Aepfel auch reichen mürben und ob wir's abpassen könnten, ihn gerade anzustecken, wenn die Musik durch unsere Straße tarn und blies — Und auf einmal fangen wir beide es, bas alte Lieb, ben Choral unserer Stadt, der nur an diesem Abend, nur wenn der Baum brennt, durch Königsberg klingt: „Bom Himmel hoch, da komm ich her!" Eisig war's, der Ostwind heulte, aber wir waren heiß vor Glück und Eifer und hörten es nicht, daß die Flurtür ging und die Tür zum verschneiten Balkon und schwere Stiefel trappsten und etwas facht rauschte. Aber dann kam vom Flur, ganz leise und süß, Vater Amselpfisf — und nun Tannenduft frostkalt und herb und berauschend. „Der Baum!" sagten wir beide zugleich. Aber Mutters Hand, duftend nach Rosenwafser und süß von Zucker, legte sich auf meinen Mund, und wir lachten uns an, als noch einmal und ganz leise nun Vaters Pfiff uns sagte, daß er dem Weihnachtsman begegnet wäre — dem guten, guten Alten im schnee- funkelnden Pelz! Es ist ein Ros entsprungen. Volksweise. Es ist ein Ros' entsprungen. Aus einer Wurzel zart. Wie uns die Alten fungen, Von Jesse tarn die Art, Und hat ein Blümlein bracht. Mitten im kalten Winter, Wohl zu der halben Nacht. Das Blümlein, das ich meine, Davon Jesaja sagt, Hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd: Aus Gottes ero’gem Rat Hat sie ein Kind geboren Wohl zu der halben Nacht. Das Blümelein so kleine, Das duftet uns so süß, Mit seinem hellen Scheine Vertreibt's die Finsternis. Wahr'r Mensch und wahrer Gott Hilst uns aus allem Leide, Rettet von Sünd und Not. O Jesu, bis zum Scheiden Aus diesem Jammertal Laß dein' Hilf' uns geleiten Hin in ben Freubensaal In beines Vaters Reich, Da wirb bich ewig loben; O Gott, uns bas verleih! Christrose. Von Friebrich Schnack. Die Christrose ist ein Kinb ber Berge, bas in bie Gärten der (Ebene hinunterstieg. Die weiße Blume zur weißen Zeit, blühend in ben Monaten November bis April, streckt ihre edlen Blatthände aus dem Schnee, an einen Pflanzengeist gemahnend, der aus der Unterwelt in den Erdentag herauslangt. Der griechische Märchenerzähler sagt: sie sei der Seelenbote des vom Herrn des Totenreichs geraubten griechischen Mädchens Persephone. Durch die Blume grüße die Entschwundene die oberirdische Heimat. Blumenlos und traurig sitze sie im Schattenland, das ohne Farbe und Duft ist, wo keine Biene summt, kein Schmetterling gaukelt, uni) gedenke der sremden Wälder und Felder, des Vergißmeinnichts an den Bächen, hes Knabenkrauts auf den Wiesen und der hochlodernden Königskerze am Hang, die im Frühling und Sommer ihre Augen im Tau und Licht baden. Die christliche Legende hat der schneeweißen Blume Heiligkeit zugesprochen, weil sie zur heiligen Zeit blüht, in den Weihnachtswochen. Die feierliche Blume aus dem Geschlecht der Hahnensußgewächse schmückt den Weihnachtstisch des Aelplers. Die nickende Blüte, keusch und rein wie Schnee, heißt deshalb auch Weihnachtsrose oder Christwurz. Der Aelpler pflückt sie auf feinen Bergen am Saum der Tannenwälder, wo sie zum Winterbeginn ihren weißen Stern entfaltet. Ihr Strahl wirkt kühl, die Gestalt vornehm und herb. Ihre Nerven sind gehärtet. Die Pflanzenseels scheint unnahbar. Das Feuer des Sommers flutet nicht in ihrem Geäder, In der reinen und einsamen Höhe erträumt sie sich einen Winterfrühling. Versinnbildlicht sie nicht das Geheimnis der Geburt mitten im Winter, wenn die Sonne der Erde am fernsten steht? Erfüllt ihr Anblick nicht das Herz mit zag keimender, allerfrühester Hoffnung? Umfangen von Tod und Kälte, fröstelnd im Hauch der eisigen Gipfel, vor denen der Himmel erschauert, schimmert ihr Blumenlicht. Die Wälder stöhnen, Eishaar hängt von den Aesten, Kristalle und gläserne Zapfen funkeln im Gezweig, schneeverwunschen liegen bie Pfade, auf seiner Eisorgel spielt der Bevgbach. Flöten von Eis scheinen den Wunderklang der Weihnachtsmette anzustimmen, während die Christrose den silbernen, Bergaltar ziert. Diese weihe Blume und Wunderrose — wie gerne hätte sie Sibylle, meine junge Blumenfreundin, in unseren Wäldern gefunden! Aber ber, Engel ber Winternächte, bie den Christwuvz auf den Bergen ausfäten, haben die Wälder unserer Gegend nicht so reich und heilig beschenkt. Bei uns kommt sie im Freien nicht vor. Wollten wir sie besuchen, müßten wir in ihre Wildnis reifen, zum hohen Untersberg, zur Benediktenwand, zur Eiskapelle bei Sankt Bartholomä am Königssee. Dort ist sie daheim, auf steinigen, bebuschten Steilhängen, an den Waldrändern in Tannen- unb Fichtenwaldungen. Sie ist kalkliebend. Bei uns blüht sie nur in den Gärten. Unser Nachbar, der alte Schuldirektor, hat sie in seinen kleinen Hausgarten gesetzt, zur (Erinnerung an seine einstigen Bergfahrten und an die Landschaft des Salzkammevgutes. Wir blicken durch den Zaun und betrachten die Blume im Schnee» Ihre fpaltigen Blätter sind überftodt. Ihr Bildnis rührt uns. Wie ruhig und zufrieden sie blüht! Sie hat sich schön gemacht, nun ist Weihnachten. Aber ihre weihen Blumenblätter sind keine echten, es sind Kelchblätter« Schaublüten, Fassungen für die echten Blüten, die kleinen gelblichgrünen, röhrenförmigen Blumenblätter im Innern der Schneerose. Manche dec weißen Kelchblätter sind auf ihrer Außenseite mit einem rosaroten Anflug überzogen, wie wenn die Kälte ihnen die Blattwänglein gerötet hätte. Die Runde der Jnnenblüten sondert aus ihren am Grunde der Röhren liegenden Nektardrüsen einen süßen, doch giftigen Honigseim ab. Zahlreiche Staubgefäße entspringen den kleinen Blüten und schwingen gleich Ministranten den Weihrauch chres Blütenstaubs, anbetend die sieben Wunden der Narben. Wenn sich die leberartige Samenkapsel bilbet, fallen die weißen Blumenblätter nicht ab. Sie wiegen bie Frucht in ihrer Blattwiege, entsagen dem jungfräulichen, schneeigen Schein und werden grün. Sie haben nicht länger die Aufgabe, nach außen zu wirken, sondern müssen jetzt nach innen tätig sein, in das Pflanzenblut' sie arbeiten fortan an ber Bereitung bes Chlorophylls mit, des Blattgrüns. Der Christwurz ist von Dauer. Mit jedem Winter treibt der dünne, ästige Wurzelstock neu aus. Er hat die Farben der Schwarzwurzel und wird beim Trocknen noch dunkler — schwarzer Nieswurz, Helleborus niger, heißt er auch. Sein Kern aber ist schneeweiß. Das Wurzelsleisch ist giftig, von brennendem Geschmack. Die Gebirgsbauern pulvern die getrockneten Wurzeln und schnupfen bei Katarrh das Mehl, das heftiges, angeblich befreiendes Niesen verursacht. Daher der Name Nieswurz. In dem bekannten Schneeberger Schnupftabak aus der Stabt Schneeberg im Erzgebirge soll es enthalten fein. Wichtiger ist die Anwendung ber heilkräftigen Wurzel in der Homöopathie. In Form von feinen Tinkturen und flüssigen Gaben empfiehlt diese Heilweife die Wurzel bei Gehirnerkrankungen, geschwächter Herrschaft des Geistes über den Körper und bei schweren Gemütsverstimmungen — auch bei melancholischen Zuständen junger Mädchen in der Entwicklungszeit. Die Heilgewalt der dem Lichten und Weißen zugetanen Pflanze klärt das über Geist und Seele lagernde Gewölk und zerstreut die Schatten des Gemüts, so wie sie selbst durch ihre helle Blüte und Lebensoffenbarung in der Winterzeit den Gram der Welt und den Tod des Lichtes überwindet. Saftreich and voll Süße find ihre Nektargefäße. Wenn an erften warmen Vorfrühlingstagen die Bienen und Hummeln hungrig erwachen und zu frühen Flügen umherftreichen, finden sie auf den besonnten Berg- Hängen der Alpenlandfchast die anlockende Blume und ihre gefüUten Krüge. Wie fei es nur möglich, meint Sibylle, daß sie am Gift der Pflanzs nicht den Tod fänden? Ich antwortete ihr mit einem alten Satz: „Der Arzt und die Biene ziehen aus ber Pflanze das Gesunde und Heilsame!" Achtes Kapitel. (Eine verhängnisvolle Wette. — .Zunge vertrinkt . Syaiie auf der 3agd. Die Fischfalle. Eine Wette schlügt ein Junge vom Kap niemals aus. Mag >hr Gegenstand noch so hosfnungslos sein, er wird dennoch unmöglich der Aus,icht widerstehen können, eine Kupfermünze oder gar zwei zu verdienen, ohne das; er dafür zu arbeiten braucht. Ich nahm mir einen Kapjungen nach der Insel als Diener mit. Er war ein braver Bursche und nicht ohne eine gewisse Lebenserfahrung. Wir unterhielten uns öfters des langen und breiten miteinander über Afrika. Aus einer gelegentlichen Aeuherung von ihm gewann ich den Eindruck, er muffe das Gefängnis von innen kennen (denn wenn ich ihn einen „braven Burschen" nenne, meine ich damit nicht seine Führung, sondern sein Wesen). Also fragte ich ihn eines Abends geradezu: Uromiwortlich: vr. tzanö Thyriot." - Druck und B-rlag: DrÜhlsch« Universitätsdruckerei Lange, Gießen. Bist du eigentlich mal Im Gefängnis gewesen, Jakob?" Er schien vor Empörung keine Worte zu finden. Dann versicherte er mir, so etwas sei ihm nie — nie im Leben zugestoßen. Ich ging nicht weiter daraus ein. Ein paar Minuten danach sagte ich Pl0^,3atob, weißt du vielleicht, wo ungefähr im Kapstadter Gefängnis die Hinrichtungshalle liegt?" ., , . . o „ Ganz unschuldig gab er zurück: „0 >a, Herr. Dicht bet den Zellen. Man kann von dort aus gut hören wie..." Plötzlich hielt er inne, warf mir einen raschen Blick zu (doch ich putzte natürlich gerade eifrig meine Pfeife) und begann dann einigermaßen beruhigt eine unwahrscheinliche Beschreibung des Gefängnisses von außen. Allmählich schien Jakob eine Art Kameraden bet Abenteuerzugen in mir zu sehen. Es gefiel ihm, daß ich mich für alles Außergewöhnliche interessierte, und er machte sich sehr nützlich, indem er mich herbeines, wenn irgendwo kämpfende Pinguine oder schnaubende Walfische zu So kam er auch eines Nachmittags auf mein Zelt zugestürzt und verlangte mich zu sprechen. Meine Frau fragte, was es gäbe. „Junge vertrinkt", schrie Jakob. „Möchte Herr nicht gern zusehen. ^^Mcche^Frau^ durch diese Gefühllosigkeit ziemlich entsetzt, fragte ihn. ob er im Ernst rede. Es schien tatsächlich so. Ich mußte mich ober eilen, drängte er, sonst wäre „Junge sicher schon vertrunken , ehe wir hinkämen, was er offenbar sehr schade gesunden hatte. Jcb brauche nicht zu sagen, daß ich mich sputete, so sehr ich konnte, um ihn rooinöglid; 3U retten. Während wir zum Strand hinunterrannten, stieß Jakob die Einzelheiten hervor. Anscheinend roaren tags zuvor zwei andere Kapjungens mit Lebensmitteln für die Leuchtturmwärter ange kommen. Einer davon kannte die Insel schon, und stolz auf seine Wisseii- schasi nahm er Jakob und den andern Burschen mit nach den Felsen und erklärte ihnen die Gefahren der Brandung. Dann wies er auf eine Wasserstrecke zwischen zwei kleinen Landzungen und sagte, das sei eine lebrerflieb gefährliche Stelle, weil dort die Haie auf ihrer Nahrtmgssuche bis an die Insel herankämen. Der andere Junge glaubte die bW« vermutlich nicht, was er aber auch denken mochte, jebenfatls wettete er plötzlich ein Päckchen Zigaretten, daß sein Freund nicht von einer Land- junge zur andern schwimmen würde. Es war natürlich Wahnsinn, es zu versuchen und der Junge, der die Insel ja kannte, mußte das wissen. Allein ein Päckchen Zigaretten ist nicht zu verachten, wenn es auch nur ein paar Pfennige wert .st und em Kapjunge lehnt, wie ich schon eingangs sagte, metnals -me Wette ab- Also wurde auch diese ohne Besinnen angenommen und der Junge sprang m5^“bieiem Augenblick fiel Jakob ein, wie sehr ich mich für ungewöhnliche Vorkommnisse interessierte. Als mir am Strand anlangten, blickte ich über die schimmernde Waiserfläche, aber nichts war zu sehen. Ich wandte mich an den dritten Jungen, der ganz gelassen auf die Bucht hlnausschaute. „Wo ist er?" fragte ich. Die Antwort, die in gleichmütig ruhigem Tonfall kam, war schauerlich Der Schwimmer war zur Hälfte hinübergelangt. Dann war er am scheinend ganz plötzlich in rechtem Winkel abgeidjroentt und sehr schnell geschwommen. Und gleich darauf hatte er den einen Arm hochgeworfen 1 und war dann im Walser verschwunden. „Haifisch ihn fressen", schloß der Junge. Haifische sind mir zuwider. Für mich gehören sie in eme Klasse mü Krokodilen, Hyänen und Schlangen. Sie erfüllen mich nut Ekel und ich bekenne, daß ich sie fürchte. 3um Teil ist natürlich ihr abscheuliches Aeuheres daran schuld: das schembar formlose häßliche Maul, die bedrohlichen Kiefer mit ben starken breieckigen Zähnen, bas schimmernbe Gelb ihrer Augen und dic^unheimliche Art und Weise, wie sie plötzlich aus dem Nichts ?ufzutauchen scheinen mit einer einzigen dunklen Bewegung ihr räuberisches und mörderisches Handwerk verrichten und wieder verschwinden. Bei allem herrscht aber eine furchtbare Ungewißheit über die Hme. Manche davon sind ganz harmlos. Em amerikanischer Zolooge erzählt wie er in Badeanzug und Taucherhelm auf dem Meeresgrund fast und friedlich von Haien umschwommen wurde, die so nahe kamen, daß sie säst seine Schultern streiften. Und doch mußte in Durban eine Hufeisen förmige Barrikade aus schweren Eisenpfahlen errichtet werden um das Leben der Badenden zu schützen, nachdem viele davon diesen Raubfischen zum Opfer gefallen waren. Man kann eben hier natürlich (o wenig verallgemeinern wie in andern Dingen. Manche Haifische sind nur neunzig Zentimeter lang, andere nicht weniger als neun Meter. Sie kommen sowohl im tpoptzchen wie im subarktischen Gebiet vor. Einige sind grau, andere grün und weiß. Die meisten Arten haben scharfe dreieckige Zahne, andere stumpfe. Es gibt Haie die unzweifelhaft von verhältnismäßig kleinen Fischen leben oder von Äas — andere aber sind so raubgierig, daß man ihnen den Namen „Tigerhaie" gegeben hat*". (Fortsetzung folgt.) * William Beebe in „The Arcturus Adventure“. * * Sogar der vorgenannte Zoologe, der nichts von der landläufigen • Ansicht über den Haifisch wissen will und ihn ats .erV.t?^er!! ’'' ,n°olc"’ i ten linkischen kinnlosen Feigling" bezeichnet, suhlt sich bewogen zu , erklären, bah biefe Art „von unsicherem Charakter ist, „für gewöhnlich zwar recht ungefährlich, aber doch besser hinter einem eisernen Gitter zu | interviewen". Die Insel Üec fünf Millionen Pinguine Von Lheccg Keaclon Deutsche Rechte durch I. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten 5. Fortsetzung. Ein kläglicher Anblick waren auf der Insel immer bie Vögel, die vom f>ai ersaßt wurden und sich retten konnten — auf Kosten eines Beines. Man stelle sich nur vor, was ein solches Gebrechen bei dem “"jlrengenben Geben der Pinguine besagen willl Diese Krüppel lebten oft gleich den andern einen Kilometer weit von der See entfernt und wußten tagtäglich, wollten sie nicht verhungern, die lange Strecke hm urD her hovsend zurücklegen. Ab und zu benutzte einer eine der Flossen sosusagen alsP Krücke, trotzdem aber war das Vorwärtskommen offensichtlich eine mähre Mühsal, die viele Ruhepausen unterwegs erforderte. Manche hatten nur einen Fuß eingebüßt, andere ein ganzes Bem, einer, der beide Füße ober Beine verloren hatte, ist mir nie zu Gesicht gekommen. Sicherlich kommen auch solche traurigen Falle vor — leden- falls führen sie aber rasch zum Hungertod oder machen es dem Vogel unmöglich, je wieder an Land zu gehen. . , , < Wenn ich derartigen Krüppeln zuschaute, konnte ich^ bemerken, daß ich nicht der einzige teilnahmsvolle Beobachter war. Oft geschah es, daß andere Pinguine, die jene Aermsten mit Leichtigkeit auf dem Weg über holten, einen Augenblick innehielten, ehe sie roeitergmgen --genau roie Menschen, die von Mitleid für einen Krüppel erfaßt werden. Und obwohl ich sicher bin, daß bei solcher Gelegenheit feine hörbare Verständigung zwischen Pinguinen stattfindet, habe ich doch die Ueberzeugung, daß sie ihre Gefühle - in diesem Fall also Anteilnahme - dem andern irgend- wie deutlich zu machen verstehen. . ., . ai Hier bin ich bei einem Gegenstand angelangt, vor dem «si aus meinen Reisen stets ratlos dastehe und der darum vielleicht eine Abschweifung rechtfertigt. Was ist das Geheimnis der Verständigung der Tiere untereinander ? Die Pinguine schreien einander zu, wie ich bereits gesagt habe, besonders nachts: im übrigen sind sie stumme Geschöpfe. Dennoch scheinen sie einander ihre Gedanken zu übertragen. Vollkommen stumme Tiere sind die Giraffen; niemand hat sie le den teifeften Laut Am sich | geben hören. Und doch merkt eine einzelne Giraffe, felbft roenn sie durch eine Anhöhe von ihrer Herde getrennt ist, es augenblicklich, wenn diese durch irgendetwas aufgeschreckt wird, und galoppiert zu chr hm. Ich glaube nicht, daß bas durch eine möglicherweise vorhandene Tonvibration zu erklären ist, aus die unsere Ohren nicht abgeftmimt sind. Wir müssen hier vielmehr anscheinend auf die Theorie irgendeiner Gedankenwelle zurückgreifen, deren sich gewisse „niedrigere" Tiere bedienen, obzwar sie solche ^Annahme, die bas Geheimnis bei der ®iraffe ertlären könnte, mag natürlich in dem angeführten yalle unter den Pinguinen Überflüssig sein; es ist möglich, daß diese Vogel einander Empfindungen der Sympathie, und Liebe lediglich durch ihren Busdruck zu vermitteln verstehen. Ich weih es nicht. Tatsächlich, je mehr Jahre hingehen und je länger ich das Tierleben studiere, desto mehr staune ich über die Zahl der Dinge, deren Ursachen mir wie jedem anderen unbekannt sind, wenn wir auch die Tatsachen als solche wohl kennen Die ®°he'wmsse der Natur bleiben Geheimnisse. Wir mögen eine noch so große Reihe von Tatsachen studieren und untersuchen und wissen; fragen mir aber nach dem Wie und Warum, bann stellt sich alsbald heraus, daß nur geringe Kenntnis und viel Staunen unser Teil ist und bleibt. Um aber zu den Pinguinen und ihren Feinden zuruckzukehren, so habe ich mir als letzten den ausgespart, dessen Wirken aus diesem Ge- biet ich am tiefsten verabscheue: den Menschen. Der Pingmn dient nicht zur menschlichen Ernährung; dennoch sind beträchtliche Mengen dieses schönen und interessanten Vogels in Netzen gefangen worden zu.demi — sicherlich unwürdigen — Zweck, bas Pinguinfleisch als Koder für Fluß- Jch^ muß "sagem^ daß mich Empörung ergreift bet dem Gedanken, daß aus einem so unzureichenden Grunde ein besonders reizvoller Vogel bingemorbet worden ist. Zu meiner großen Freude aber kann ich zugleich berichten, daß die menschlich empfindende Regierung von Südafrika jetzt dieser Tätigkeit ein Ende bereitet hat Ich wünschte, alle Regierungen zeigten ebensoviel Interesse an der Erhaltung wildlebender Geschöpft!