GjehenerZainilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Hreitag, -en 24. September Nummer 7< Eugenik Hmndei ROMAN von Honore de Balzac 3. Fortsetzung. » „Fräulein Gugenie", sagte Adolph zu seiner Nachbarin, „das wird sicherlich Ihr Vetter Grandet sein, ein sehr hübscher junger Mann, den ich auf einem Ball bei Herrn von Nucingen gesehen habe." Adolph fuhr nicht fort, denn seine Mutter trat ihm auf den Fuß; dann forderte sie laut zwei Sous für seinen Einsatz von ihm, während Sie ihm leise zuflüsterte: „Wirst du still sein, großes Kamel." In diesem Augenblick kam Grandet ohne die lange Nanon zurück, während deren und des Gepäckträgers Schritte im Treppenhaus widerhallten; ihm folgte der Reisende, der während der paar Minuten so sehr die Neugierde aufgestachelt und so lebhaft die Einbildungskraft beschäftigt hatte, daß man sein Ankommen in diesem Haus und sein Hereinplatzen in diese Gesellschaft vielleicht mit dem einer Weinbergschnecke in ein Raupennest vergleichen könnte oder mit dem Auftreten eines Pfauen in einem gewöhnlichen dörflichen Hühnerhof. „Setzen Sie sich ans Feuer", sagte Grandet zu ihm. Ehe er Platz nahm, grüßte der junge Mann mit großem Anstand die Versammelten. Die Männer erhoben sich, um ihm mit einer höflichen Verbeugung zu danken, die Damen verneigten sich zeremoniell. „Sicher ist Ihnen kalt, mein Herr", sagte Frau Grandet. „Sie kommen vielleicht von . . ." „So sind die Frauen immer!" sagte der alte Winzer und unterbrach die Lektüre eines Briefes, den er in der Hand hielt. „Laßt doch den Herrn sich ausruhen." „Aber Vater, er braucht vielleicht irgend etwas", sagte Gugente. „Er hat einen Mund", antwortete streng der Winzer. Der Unbekannte allein war von dieser Szene überrascht. Die andern alle waren an die despotischen Manieren des Alten gewöhnt. Jedenfalls erhob sich der Unbekannte, als diese beiden Fragen und Antworten sich kreuzten, stellte sich mit dem Rücken gegen das Feuer, hob den einen Fuß aus, um seine Schuhsohlen zu erwärmen und sagte zu Gugenie: „Ich danke Ihnen, Cousine, ich habe in Tours gespeist. Und", fügte er mit einem Blick auf Grandet hinzu, „ich brauche nichts, ich bin nicht einmal müde." „Sie kommen aus der Hauptstadt?" fragte Frau des Grassins. Als Herr Charles, so hieß der Sohn des Pariser Herrn Grandet, sich angeredet fand, nahm er ein kleines Lorgnon, das an einer Kette um seinen Hais hing, führte es an sein rechtes Auge, um zu mustern, sowohl was auf dem Tisch war, wie die Personen, die rundherum saßen, lorgnettierte höchst keck Fran des Grassins, und nachdem er alles betrachtet hatte, sagte ey: „Ja, gnädige Frau." — „Sie spielen Lotto, Tante", fügte er hinzu; »ich bitte Sie, spielen Sie weiter, das ist zu amüsant, um unterbrochen zu werden." Ich war sicher, daß es der Cousin sein würde, dachte Frau des Grassins und sah ihn kokett an. „Siebenundvierzig", rief der alte Abbe. „Melden Sie sich doch, Frau des Grassins, ist das nicht Ihre Nummer?" Herr des Grassins setzte eine Spielmarke auf das Blatt feiner Frau, die, von düsteren Vorgefühlen ergriffen, abwechselnd den Vetter ans Paris und Gugenie beobachtete, ohne ans Lotto zu denken. Bon Zeit zu Zeit warf die junge Erbin verstohlene Blicke auf ihren Beiter, und die Fran des Bankiers konnte in ihnen leicht ein crescendo be§ Staunens und der Neugierde erkennen. Herr Charles Grandet, der ein schöner junger Mann von zweiundzwanzig Jahren war, bildete in diesem Augenblick einen seltsamen Kontrast zu diesen guten Provinzlern, die feine aristokratischen Manieren ziemlich aufbrachten, und die ihn alle genau beobachteten, um sich über ihn luftig zu machen. Dies verlangt eine Erklärung. Mit zweiundzwanzig Jahren stehen die Wagen Leute dem Kindesalter noch so nahe, daß sie sich Kindereien hm- geben. Daher wird man vielleicht unter hundert von ihnen gut neunundneunzig treffen, die sich so aufgeführt hätten, wie sich Charles Gründet aufführte. Einige Tage vor diesem Abend hatte ihm fein Vater gesagt, daß er für einige Monate feinen Bruder in Saumur besuchen solle. Vielleicht dachte Herr Grandet aus Paris an Eugenie. Charles, der zum erstenmal 1n die Provinz schneite, hatte die Absicht, dort mit der Ueberlegenheit eines Modernen jungen Mannes aufzutreten, den ganzen Umkreis durch seinen Luxus totzuärgern, Epoche zu machen und die Errungenschaften des Pariser Lebens einzuführen. Kurz, um alles mit einem Wort zu sagen, er wollte in Saumur noch mehr Zeit damit zubringen, seine Nägel zu polieren, als in Paris, und gerade da die äußerste Gesuchtheit in seinem Anzug herauskehren, die ein eleganter junger Mann zuzeiten mit einer reizvollen Nachlässigkeit vertauscht. Charles brachte daher fein hübschestes Jagdkostüm mit, das hübscheste Gewehr, das hübscheste Messer, die hübscheste Messerscheibe von Paris. Er brachte eine Anzahl seiner fabelhaftesten Westen mit: er hatte graue, weiße, schwarze, skarabäusfarbene, goldglänzende, mit Füttern besetzte, buntgewebte, gefütterte, mit Schal- oder geradem Kragen, bis oben zugeknöpfte, welche mit goldenen Knöpfen. Gr brachte alle die verschiedenen Sorten von Kragen und Krawatten mit, die zu dieser Zeit beliebt waren. Gr brachte seinen hübschen goldenen Toilettekasten mit, ein Geschenk seiner Mutter. Er brachte all seine Kinkerlitzchen eines Dandys mit, nicht zu vergessen ein entzückendes kleines Schreibzeug, das ihm von der liebenswürdigsten Fran — wenigstens für ihn — geschenkt worden war, von einer großen Dame, die er Annette nannte, die mit ihrem Ehemann höchst langweilig in Schottland herumreiste, als Opfer irgendeines Argwohns, dem man im Augenblick fein Glück drangeben mußte; ferner viel hübsches Briefpapier, um ihr alle vierzehn Tage einen Brief zu schreiben. Kurzum, diese Ausrüstung von Pariser Kleinigkeiten war fo vollständig, wie sie nur irgend gemacht werden konnte, und, von der Reitpeitsche, die dazu dient, ein Duell anzufangen, bis zu den schönen ziselierten Pistolen, die es beenden, besanchsich in ihr sämtliches Handwerkszeug, dessen ein junger Müßiggänger sich bedient, um das Leben zu meistern. Da fein Vater ihm gesagt hatte, er Solle allein und bescheiden reifen, war er in einer für ihn allein belegten Kutsche der Post gekommen, und es war ihm ganz recht, daß er nicht den köstlichen Neisewagen zu verderben brauchte, der bestellt war, um vor feiner Annette herzufahren, der großen Dame, die . . . usw. und die er im nächsten Juni in Baden-Baden wieder treffen wollte. Charles rechnete darauf, hundert Personen bei seinem Onkel vorzufinden, an Parforcejagden in den Wäldern seines Oheims tellzunehmen, kurzum, das Leben auf einem Schloß bei ihm zu leben; er hatte nicht gedacht, ihn in Sanmnr anzutreffen, wo er sich nach ihm erkundigt hatte, um den Weg nach Froidfond zu erfragen, aber als er erfuhr, er sei in der Stadt, stellte er ihn sich in einem vornehmen Hause vor. Um sich geziemend bei seinem Onkel einzuführen, gleichviel ob in Saumur oder in Froidfond, hatte er die koketteste Reisetoilette von der allergesuchtesten Einfachheit gemacht, die allerliebenswürdigste, um das Wort zu gebrauchen, das zu dieser Zeit die besonderen Vollkommenheiten einer Person ober einer Sache zusammenfaßte. In Tours hatte ihm ein Haarkünstler noch einmal seine schönen kastanienbraunen Haare frisiert, er hatte die Wäsche gewechselt und eine Krawatte aus schwarzer Seide umgelegt, die mit einem runden Kragen kombiniert war, um gefällig fein weißes und fröhliches Gesicht einzurahmen. Sein Reiseüberrock, der ihm wie angegossen saß, ließ, halb zugeknöpft, eine Kaschmirweste sehen, unter der sich eine zweite weiße Weste befand. Seine Uhr, die sich nachlässig in irgendeiner Tasche verlor, war an einer kurzen Goldkette in einem der Knopflöcher befestigt. Seine grauen Beinkleider wurden an den Seiten geknöpft, wo Stickereien in schwarzer Seide die Nähte verzierten. Er hantierte gewandt mit einem Stock, dessen getriebener Goldknopf seine neuen grauen Handschuhe nicht verdarb. Schließlich war auch seine Mütze von außerordentlichem Geschmack. Ein Pariser, nur ein Pariser aus den höchsten Kreisen, konnte sich so herausputzen, ohne lächerlich zu wirken, und alle diese Albernheiten in eine Harmonie von Stutzer- haftigkeit bringen, die sich im übrigen mit einer kühnen Miene vertrug, der Miene eines jungen Mannes, der gute Pistolen hat, eine sichere Hand und Annette. Um die wechselseitige Ueberraschung der ©aumutaner und des jungen Parisers recht zu verstehen, um Sich den Glanz vorzustellen, den die Eleganz des Reisenden mitten zwischen die grauen Schatten des Saales warf und auf die Gesichter, die das Familienbild zusammensetzten, versuche man, sich die Cruchots vorzustellen. Alle drei schnupften und dachten längst nicht mehr daran, schwarze Nasenlöcher und die kleinen schwarzen Flecken zu vermeiden, die das Jabot ihrer groben Hemden zierten, mit den zerknitterten Kragen und vergilbten Falten. Ihre weichen Krawatten rollten Sich zum Strick auf, sobald sie um den Hals gelegt wurden. Da ihr riesiger Vorrat an Wäsche sie instand setzte, nur alle sechs Monate waschen zu lassen und die Wäsche in der Tiefe ihrer Schränke zu verwahren, prägte ihr die Zeit ihre alte graue Farbe ein. So begegneten sich bei den Cruchots in vollkommenem Einvernehmen unschönes Aussehen und Greisenhastig- teit. Ihre Gesichter, die fo verwelkt waren, wie ihre Röcke fadenscheinig, ebenso faltig, wie ihre Hosen, erschienen abgenutzt, verknöchert und verzerrt. Die durchgehende Vernachlässigung bei den übrigen Kleidern, denen allen etwas fehlte, und die verlegen aussahen, wie es die Toiletten der Provinz sind, wo man unvermerkt dahin kommt, sich nicht für die andern anzuziehen, und den Preis von einem Paar Handschuh ängstlich berechnet, paßte zu der Ungepflegtheit der Cruchots. Der Abscheu vor der Mode war der einzige Punkt, in dem die Grassinisten und die Cruchotisten sich vollkommen verstanden. Nahm der Pariser fein Lorgnon auf, um die sonderbaren Requisiten des Saals zu mustern, die Balken der Decke, die Farbe der Täfelung oder die Punkte, mit denen die Fliegen fte bedruckt hatten, und deren Zahl genügt hätte, die Encyclopedie methodique oder den Moniteur zu inter- pungieren, io hoben die Lottospieler augcnbücks die Nase und betrachteten ibn mit der Neugierde, die sie sür eine Girasse an den Tag gelegt hatten. Herr des Grassins und sein Sohn, denen das Aussehen eines Jüngers der Mode nicht unbekannt war, machten nichtsdestoweniger das Staunen der andern mit, weil entweder durch seinen Einfluß das allgemeine GesuP sie bestimmte oder sie ihm beistimmten, indem sie ihren Landsleuten durch ironisches Augenzwinkern zu verstehen gaben: „Ja, jo sind die in Paris. Alle konnten übrigens Charles in Muße betrachten, ohne Furcht, dem^Hausherrn zu mißfallen. Gründet war tn einen langen Brief vertieft, den er in der Hand hielt, und hatte, um ihn zu lesen, dre einzige Kerze vom Tisch genommen, ohne sich um seine Gäste oder ihr Vergnügen zu kümmern. Eugenie, der das Bild einer solchen Vollkommenheit der Kleidung sowohl wie der Person gänzlich unbekannt war, glaubte tn ihrem Vetter ein aus seraphischen Sphären herabgestiegenes Wesen zu schauen.^Sie atmete: mit Entzücken den Duft feiner Haare em, dieso glanzten und so schon gelockt waren. Sie hätte das seidige Leder dieser hübschen feinen Hand chuhe anfassen mögen. Sie wünschte sich die schmalen Hande von Charles, seinen Teint, die Frische und die Feinheit seiner Züge. Kurzum, wenn allenfalls dies Bild den Eindruck zusammenfassen kann, den der junge Stutzer auf em weltfremdes Mädchen ausübte, das immerfort damit beschäftigt wurde, Strümpfe zu stopfen und die Garderobe ihres Vaters zu flicken, dessen Leben zwischen diesen verschmutzten Paneelen verflossen war, tn der stillen Straße, wo sie nie mehr als einen Passanten in der Stunde sah, so durchrieselte der Anblick des Vetters ihre Adern nut dem feinen Wonnegefühl, das bei einem jungen Mann die phantastischen Frauengestalten von Westall tn den englischen Sammlungen verursachen, die von den Finden mit so zarter Nadel radiert sind, daß man Furcht hat, durch einen Hauch aus das Papier diese himmlischen Erscheinungen zu verscheuchen. Charles zog em Taschentuch heraus, das von der großen Dame, die m Schottland reiste, gestickt war Als Eugenie diese hübsche Arbeit sah, die von der Liebe m müßigen Stunden sür die Liebe gemacht worden war, blickte sie ihren Vetter gespannt an ob er es wohl wirklich benutzen würde. Die Manieren von Charles, seine Bewegungen, die Art, wie er sein Lorgnon hob, seine gesuchte Keckheit, seine Verachtung sür das Kästchen, das soeben noch der reichen Erbin soviel Vergnügen gemacht hatte, und das er augenscheinlich wertlos oder lächerlich fand, kurz, alles das, was die Cruchots und Grafsins ärgerte, gefiel ihr so sehr, daß sie vor dem Einschlafen noch lange in Gedanken diesem Phömx von'Vetter nachhängen mußte. Die Nummern wurden sehr langsam gezogen, und bald hörte man mit dem Lotto auf. Die lange Nanon trat ein und sagte laut: „Madame muß mir Wäsche rausgeben, um für den Herrn das Bett zu machen." Frau Gründet folgte Nanon. Da fügte Frau des Graffins leise: „Sparen wir unsere Pfennige, und laffen wir das Lotto fein." Jeder nahm feine zwei Sous wieder aus der alten bestoßenen Untertasse, in die sie gelegt waren, dann setzte sich die ganze Gesellschaft in Bewegung und machte eine Viertelschwenkung zum Feuer. „Sind Sie fertig?" fragte Grandet, ohne mit seinem Brief auszuhören. „Ja", sagte Frau des Grassins und setzte sich neben Charles. Eugenie, von Gedankengängen bewegt, wie sie int Herzen von jungen Mädchen entstehen, wenn sich da zum erstenmal ein Gefühl emnistet, verließ den Saal, um ihrer Mutter und Nanon zu helfen. Wenn sie von einem geschickten Beichtvater ausgefragt worden wäre, hätte sie ihm ohne Zweifel gestanden, daß sie weder an ihre Mutter noch an Nanon dachte, sondern von dem unwiderstehlichen Wunsch getrieben wurde, das Zimmer ihres Vetters zu besichtigen, um sich dort mit ihrem Vetter zu beschäftigen, irgend etwas hinzustellen, einem Vergessen vorzubeugen, sür alles Vorkehrungen zu treffen, um es so elegant und nett wie möglich herzurichten. Eugeme glaubte bereits, daß nur sie imstande fei, den Geschmack und die Anschauungen ihres Vetters zu begreifen. Und wirklich kam sie gerade im richtigen Augenblick, um ihrer Mutter und Nanon zu beweisen — die schon in dem Glauben weggingen, alles getan zu haben — daß noch alles zu tun sei. Sie brachte die lange Nanon auf den Gedanken, die Bettwäsche an der Kohlenglut zu wärmen; sie legte selbst auf den alten Tisch eine Decke und band Nanon aus die Seele, jeden Morgen eine frische hinzutun. Sie überzeugte ihre Mutter von der Notwendigkeit, ein tüchtiges Feuer int Kamin zu machen, und bewog Nanon, einen großen Stapel Holz, ohne dem Vater etwas davon zu sagen, in den Korridor heraufzubringen. Sie holte schnell aus einem der Eckschränke im Saal ein altes Lacktablett, das aus der Erbschaft des verstorbenen alten Herrn de la Bertelliöre stammte, nahm ebenfalls von dort ein sechskantig geschlissenes Kristallglas, einen kleinen Löffel mit verblichener Vergoldung, eine altmodische Karaffe, auf der Amoretten eingraviert waren, und stellte das alles triumphierend auf eine Ecke des Kamins. Es tauchten mehr Gedanken in einer Viertelstunde in ihr auf, als sie gehabt hatte, so lange sie aus der Welt war. „Mama", sagte sie, „mein Vetter kann unmöglich den Geruch eines Talglichtes aushalten. Wenn wir eine Wachskerze kauften? ..." Sie hüpfte fort, leicht wie ein Vogel, um aus ihrer Börse das Fünf- srankenstück zu holen, das sie für ihre monatlichen Ausgaben bekommen hatte. „Hier, Nanon", sagte sie, „lauf schnell." „Aber was wird dein Vater sagen?" Dieser schreckliche Einwand wurde von Frau Gründet erhoben, als sie ihre Tochter mit einer Zuckerdose aus altem Sövresporzellan bewaffnet sah, die Grandet aus dem Schloß von Froidfond mitgebracht hatte. „Und wo willst du den Zucker hernehmen? Bist du toll?" „Mama, Nanon soll den Zucker zusammen mit der Kerze kaufen." „Aber dein Vater?" „Würde es sich gehören, daß sein Neffe nicht einmal ein Glas Zuckerwasser trinken kann? Uebrigens wird er es nicht merken." „Dein Vater merkt alles", sagte Frau Grandet kopfschüttelnd. Nanon stand zögernd, sie kannte ihren Herrn. „Aber so lauf doch, Nanon, weil mein Geburtstag ist." Nanon lachte schallend auf, als sie den ersten Scherz hörte, den ihre junge Herrin je gemacht hatte, und gehorchte ihr. Während Eugenie und ihre Mutter sich bemühten, das von Herrn Grandet für feinen Neffen bestimmte Zimmer zu schmücken, war Charles das Ziel von Frau des Graffins Aufmerksamkeiten, d,e sich durch scherzhafte Herausforderungen liebenswürdig zu machen suchte: „Sie find sehr mutig , sagte sie zu ihm, „daß Sie die Vergnügungen der Hauptstadt mitten int Winter verlassen, um in Saumur Ihr Zelt aufzuschlagen. Aber roenn wir Ihnen nicht einen allzu großen Schrecken einjagen, werden Sw sehen, daß man es auch hier fertig bringt, fich zu amüsieren." Sie schickte ihm einen koketten Seitenblick zu, der echt Kleinstadt war, wo die Frauen gewöhnt find, mit soviel Zurückhaltung und Vorsicht ihre Augen zu bewegen, daß ihre Blicke dadurch dieselbe begehrliche Lüsteniheit bekommen, wie die der Geistlichen, denen jedes Vergnügen em Raub scheint oder eine Schuld. Charles sand sich dermaßen verloren in diesem Saal, so himmelweit entfernt von dem großen Schloß und der pompösen Lebensführung, die er bei seinem Onkel erwartet chatte, daß er, als er Frau des Grassins aufmerksam betrachtete, schließlich ein halb verwischtes Bild von Pariser Zügen in ihr entdeckte. Er antwortete verbindlich auf die Art Einladung, die er bekommen hatte, und es entspann sich zwanglos eme Unterhaltung, bei der Frau des Grassins nach und nach die Stimme senkte, um sie dem Charakter ihrer vertraulichen Mitteilungen anzupassen. Sw und Charles fühlten gleich stark das Bedürfnis, zueinander Vertrauen zu haben. Daher konnte nach einigen Minuten koketter Plauderei und bedeutsamer Scherze die geschickte Kleinstädterin int Glauben, von den andern nicht ver- standen zu werden, die vom Weinverkauf sprachen, der zurzeit ganz Saumur beschäftigte, zu ihm sagen: Wenn Sie uns die Ehre antun wollen, uns zu besuchen, werden Si» ganz bestimmt meinem Mann und mir das größte Vergnügen machen. Unser Salon ist der einzige in Saumur, wo Sie die Spitzen der Kauf- Mannschaft und den Adel vereinigt finden: wir gehören beiden Gesellfchasts- kreisen an, die sich nur bei uns treffen, weil man sich da amüsiert. Mem Mann, kann ich mit Stolz sagen, ist in beiden in gleicher Weise geschätzt. So können wir versuchen, die Langeweile Ihres hiesigen Aufenthalts zu beheben. Denn wenn Sie bei Herrn Grandet blieben, was sollte aus Ihnen werden, lieber Himmel! Ihr Onkel ist ein Filz, der an nichts denkt, als an die Ableger seiner Weinstöcke. Ihre Tante ist bigott und kann sich nicht zwei Begriffe zufammenreimen; Ihre Cousine ist em Dummchen, ohne Erziehung, gewöhnlich, ohne Mitgift, die ihr Leben damit zubrmgt, Betttücher zu flicken." „Diese Frau ist doch sehr nett", dachte Charles Gründet bei sich, während er auf die Redensarten von Frau des Grassins antwortete. „Mir scheint, Hebe Frau, du willst Herrn Grandet mit Beschlag belegen", sagte lachend der Bankier. An diese Bemerkung knüpften der Notar und der Präsident mehr oder weniger boshafte Reden; ober der Abb« sandte ihnen einen listigen Blick zu und faßte ihre Gedanken zusammen, während er eine Prise Tabak nahm und seine Dose herumgehen ließ: „Wer könnte besser", sagte er, „als die gnädige Frau dem Herrn die Honneurs von Saumur machen?" „Na, wie meinen Sie das, Herr Abk>6?" fragte Herr des Grafsins. „Ich meine es, Herr des Grassins, in dem schmeichelhaftesten Sinn für Sie, für die gnädige Frau, für die Stadt Saumur und für den jungen Herrn", fügte der durchtriebene Greis hinzu und wandte sich an Charles. Ohne ihr dem Anschein nach die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, hatte der Abbe Cruchot die Unterhaltung zwischen Charles und Frau des Grassins zu erraten gewußt. „Mein Herr", sagte jetzt Adolph zu Charles mit einem Ton, der recht leicht klingen sollte, „ich weiß nicht, ob Sie noch irgendeine Erinnerung an mich haben; ich hatte das Vergnügen, Ihr Visavis auf einem Ball des Herrn Baron von Nucingen zu fein und ...“ „Aber ganz gewiß", antwortete Charles und sah sich zu seiner Verwunderung als Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeiten. „Das ist Ihr Sohn?" fragte er Frau des Grassins. Der Abt>6 sah die Mutter boshaft an. „Jawohl", sagte sie. „Dann müssen Sie sehr jung nach Paris gekommen fein", versetzt« Charles und wandte sich an Adolph. „Was wollen Sie", sagte der Abb6, „wir schicken sie nach Babylon, sobald sie entwöhnt sind." Frau des GrassinS warf dem 81666 einen merkwürdig forschenden '„Man muß in die Provinz kommen", fuhr er fort, „um Frauen von einigen Dreißig zu finden, die so frisch sind wie die gnädige Frau, und dabe, einen Sohn Haden, der schon 6alb (ein juristisches Examen macht. Mw ist, als wäre heute noch der Tag, an dem die jungen Leute und die Damen auf die Stühle stiegen, um Sie auf dem Ball tanzen zu fehen, gnädige Frau", wandte sich der A666 an seinen weiblichen Widersacher. „Für mich sind Ihre Erfolge immer noch wie von gestern . . ." „Oh, der alte Bösewicht", dachte Frau des Grassins bei sich, „hat er mich wirklich durchschaut?" m ... „Mir scheint, ich werde viel Erfolg in Saumur haben", dachte Charles, er knöpfte feinen Rock auf, steckte die Hand in die Weste und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen, um die Pose nachzuahmen, in der Chantrey Lord Byron dargestellt hat. Die Unaufmerksamkeit des alten Grandet oder, besser gesagt, feine völlige Versenkung in die Lektüre seines Briefs entging dem Notar uno dem Präsidenten nicht, die auf den Inhalt aus den unmerklichen Zuckungen in dem von der Kerze hell beleuchteten Gesicht des Alten Schlüsse zu zieh versuchten. Der Winzer bewahrte mühsam die gewöhnliche Ruhe seine Ausdrucks. (Fortsetzung folgt.) sinkt sie eiten zu „ , . , „ fröstelnd vom kalten Anhauch, der vom Meere herausweht, zieht er die Toga höher. Agrippa bemerkt es und bittet: „Komm in das Haris, Octavian. Und Ausllang. Don Erna Blaas. Der Wind treibt Blätter, kraus und welk; Bis unters braune Dachgebälk Brennt wilder Wein in Garben, Da Königinnen starben: Die Winde siechte hin am Zaun, Die Malve raschelt, dürr und braun, — Zerfiel nicht auch die Rose? D Tag der Herbstzeitlosei Am Seidennetz ein Spinnlein webt, Mein Herz im goldnen Winde schwebt; Kein Leid kann es erlangen. Ich selbst bin ganz vergangen. Octavian, der 18jährige Nesse Caesars, geht mit Agrippa durch den Garten des Landhauses, das die beiden gemeinsam mit Salvidienus bewohnen. Die Freunde blicken zur Sonne hinüber. Brandig si hinter Wolkcnmassen, die Ost und West in zwei feindliche Wei trennen scheinen. „Kein gutes Zeichen' , sagt Octavian. Frösteln Oie Berufung. Zum 2000. Geburtslage des Kaisers Augustus. Bon Günther Birkenfeld. Octavian (der später den Beinamen Augustus erhielt) übernahm das Erbe Caesars, verhinderte neue Bürgerkriege im kaum geeinten römischen Reich und brachte es zur größten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Machtentfaltung. Welch harte Kämpfe er dabei zu bestehen hatte, zeigt der Augustus-Roman von Günther Birkenfeld (Cotta-Verlag, Stuttgart), dem die folgende Schilderung entnommen ist. Salvidienus wird ja nun fertig sein." Der dritte der Freunde hatte darauf bestanden, das Abschiedsfest ausrichten zu dürfen, das am Abend beginnen und kaum vor Sonnenaufgang enden sollte. Morgen mußte K werden. Und übermorgen schlief man vielleicht fchon unter dem ,elt im Feldlager. Die beiden übergeben den Sklaven ihre Togen und betreten den Speisesaal, den Salvidienus mit Rosen und Efeuranken reich ausge- schmückt hat. Die Gäste sind bereits versammelt: die Kommandeure der vierten und der berühmten Marslegiou und die Freundinnen der Jünglinge. Gleichzeitig mit den Vorspeisen erscheinen Wandermustkanten mit einer griechischen Sängerin. Sie halten Flöte, Aicher und Harfe bereit und erwarten das Zeichen des Salvidienus. Schon will der ihnen zunicken, als der Türhüter hereinkommt und hinter Octavian tritt. „Was gibt es, Gripus?" .Julius Marathus wünscht dich zu sprechen, Herr." Betroffen blickt Octavian in das Ungefähre. Die Gesellschaft verstummt. Der Sekretär der Atia, der Mutter des Freundes, hier fo plötzlich in Apollonia? Das kann nichts gutes bedeuten. Octavian steht auf. Er ist blaß geworden. Seine Stimme jedoch klingt nicht anders als sonst, indem er die Gäste bittet, sich nicht stören zu lassen, er werde gleich wieder da sein. Er selbst gibt den Spielleuten das Zeichen zum Beginn. Begleitet vom Gedudel der Flöten, vom Gezirp der Saiteninstrumente und vom eintönigen Verssang der Griechin geht er in das Atrium. Dort steht Marathus. Im Flackerlicht der Oellampen. Octavian erwidert kaum seinen Gruß. Seine Augen wollen dem vertrauten Gesicht des Freigelassenen, der daheim neben ihm heranwuchs, mit dem ersten Blick die Botschast ablesen. Elend sieht der Junge aus, elend und abgehetzt. Wer das kann ja auch von den Anstrengungen der Reise sein. „Lebt meine Mutter?" fragt Octavian, indem er stch zwingt, langsam zu sprechen. „3a. Sie grüßt dich sehr, Octavian." Octavio?" „Deine Schwester ist wohlauf, Octavian." Des Jünglings Züge lösen sich. „Wie kommst du denn so plötzlich hierher, Marathus? Es war doch heute kein Schiff fällig? fragt Oc- iavian, schon beinahe im Plauderton. „Deine Mutter befahl mir, im Notfall in Brundisium einen Schnell- Jetz?stt"di/Angst wieder da. Schweiß erglänzt auf des Jünglings Stirn. Plötzlich bemerkt er, daß Marathus sich den Bart wachsen ließ. — „Du trägst ja einen Bart, Marathus? ... Um wen trauerst du? In des Boten Augen drängen sich Tranen. Er stt nicht sah'g zu sprechen und deutet nur auf den Bries in seiner Rechten. Octavian miinmt den Brief, reißt hastig das Siegel seiner Mutter von der Kreuz ischnur und — muß unvermittelt daran denken, daß der Vater des Marathus ein Freigelassener Julius Caesars war. ... h „Wann kommt der Diktator?" fragt zur Erde hin Octavian, wahrend l,r die Briestaseln auseinanderleqt. . . Keine Antwort. Dann weint Marachus auf. Und geht, das Schluchzen Hm Aermel Des Reisemantels erstickend, in eine der finsteren Ecken des ^Octavian stürzt in fein Studierzimmer, heißt d-n Sklaven die Lampen «n den Aesten des Bronzebaums entzünden und schickt chn hinaus, er läuft durch den Raum und raunt nur immer wieder: „Caesar tot, Caesar tot ..." Dabei schüttelt er den Kopf. „Das kann nicht sein .. das ist ja ganz unmöglichI" Octavian hatte den Großoheim nicht nur geliebt als den väterlichen Freund, er hatte ihn geliebt und verehrt als den von den Göttern Gesandten, als den Schützer der Stadt und den Hüter der römischen Herrschaft. Caesars Glück, das war Roms Glück. Und Caesars Fall ... Welcher Gott konnte so grausam sein, ihn sortzurufen vor der Vollendung seines Werkes, ihn zu entreißen den Völkern, die er durch seinen Welt- zug vereinen wollte zum einzigen Friedensreich unter dem Regiment seiner Weisheit und Güte? „Wer, wer war das?" ruft Octavian. „Wer wagt es, einen Julius Caesar zu verdammen zur ewigen Ohnmacht der Elysäischen Felder?" Er tritt vor den Ampelbaum und hält die Brief- tafeln in das Ächt. Die Schrift der Mutter, — wie fchön geschwungen sonst, wie zittrig heut! Octavian küßt das rote Wachs, als spürten seine Lippen der Mutter Hand. Dann liest er: „Lieber Octavian! Der beste Juppiter und alle hohen Götter mögen bei Dir [ein. Etwas schreckliches ist geschehen. Faße Dich, lieber Junge. Julius Caesar ist nicht mehr, wurde hingemordet in der Pompejanischen Kurie, hingemordet von den beiden Brutus und Casus Cassius. Und von vielen anderen noch, denen er nur immer Gutes erwies. Ihrer an die sechzig. Ich bin nicht fähig, Dir das Nähere zu fchildern. Laß Dir von Marathus berichten ..." Octavian vermag nicht weiterzulefen. Die Buchstaben verschwinden in seinen Tränen. Er wirst sich zu Boden und schreit, wälzt sich in maßlosem Schmerz und Zorn, reißt an seinen Haaren und hämmert gegen die Brust, — er trommelt mit den Fäusten auf das Polster des Lesesosas, daß die Briestaseln hochschnellen und auf die Fliesen fallen. Und mit jedem Faustfchlage brüllte Octavian: „Brutus, Cassius, Brutus, Cassius!" Seine Augen, die klarblau sonst lind, werden dunkel und starr, ein Gesicht ist kreidig und überschwemmt von immer neuen Tränen- trömen. Mit ingrimmigen Worten zürnt der Kniende den Göttern, die »lesen „viehischen Meuchelmord" duldeten. Dann schwinden ihm die Kräfte. Stöhnend lehnt er sich an das Sofa. Leere ist in ihm. Und inmitten wächst ein Wirbel, Der den Schädel sprengen will und der das Zimmer samt den Stühlen und Tischen, den Vasen und Bücherrvllen in sein Kreisen reißt. Mit letzter Kraft ruft Octavian den Diener: „Wasser!" Der Kammersklave siitzt auf feinen nackten Sohlen hin und her. Er reicht dem Herrn den Becher. Octavian trinkt und schickt den Sklaven hinaus. Von fern bringt Musik durch die Sammetvorhänge. Die Griechin scheint etwas zu deklamieren, — hin und wieder wird ihre singende Stimme vernehmlich. Die Freunde! Octavian will aufstehen. Aber er ist noch zu schwach. Er bemerkt die zerstreuten Briestaseln, nimmt sie auf und lieft die letzte. er weiß, daß feine Stirn in feinen Augen ist und bis er ganz erfüllt ist Hirn und leiht Klar- !enem weiten gleich- n Hammer auf die Verstand stch auf das durchfpielt. Er schaut zu Apollo aus. So lange, bis wieder rein sich wölbt, daß wieder Glanz jeder Muskel seinem Willen folgt, — so ' von der Gelassenheit des Gottes. Sie er' sicht feinen Gedanken. Sie stimmt fein mäßigen Takt, in dem der Rudermeist Zinnpfanne klopft. Mit nüchterner Entschlossenheit richtet sein erste und größte: Julius Caesars verwaistes Werk. „Du mußt jetzt tapfer fein, mußt ein Mann fein mit Deinen achtzehn Jahren. Wir alle, die Caesar angehören, sind in Gefahr. Bitte, Octavian komm sofort nach Rom! Und laß Dich zu nichts hinreißen. Sei mein kluger, bedachtsamer Junge! So leb denn wohl. Deine Mutter." Dann folgt noch eine kurze Nachschrift: „Zieh nur Ja drei Tuniken unter. Es ist aus dem Meere noch so garstig" Octavian senkt den Kopf. Abbiitend gleiten seine Fingerspitzen über die Tafeln. Er schämt sich seiner Wildheit und erschrickt in Erinnerung an die Worte, mit denen er die Unsterblichen angeklagt hat. Und Apollo war Zeuge gewesen! Octavian tritt vor den Gott hin, der vom Bücherschrank aus ihn nicderblickt. Der Jüngling betrachtet das Ebenmaß dieser Züge, um ber eigenen Maßlosigkeit recht inne zu werden. Wie fern war er diesen Augen gewesen, die, allen Ungestüm verachtend, nach innen blicken — wie fern ber Befonnenheit der sanft gewölbten Stirn, der weit geschwungenen Brauen, die nie ein Zorn verengen wird, — wie fern dem Lächeln, das aus dem Einklang aller Kräfte steigt und licht die Haut Geptembermorgen. Von Hermann Claudius. Komm mit mir in den Garten, Frau. Auf allen Blättern blinkt der Tau. Der Morgen Hub erst an den Lauf. Die Blumen tun die Augen auf. Ist alles still und feierlich. Und alles nur für dich und mich. Ist alles stumm und atmet kaum. Ist alles noch in halbem Traum. Und hinter uns bei jedem Schritt, Als ging' der Herrgott selber mit. Krammeisvögl. Von Dr. Ludwig Gebhards Wer weiß etwas von den Krammetsvögeln und ihrem Schicksal? Leider und Gott sei Dank heute eigentlich nur noch der Vogelkundige! Leider, weil die meisten unter uns aus unserer Vogelwelt kaum mehr kennen als Spatz, Amsel, Star und Buchfink. Gott sei Dank, weil die Krammetsoögel in unseren Tagen nicht mehr die recht beklagenswerte Rolle auf der Speisekarte der Feinschmecker spielen wie in früheren Zeiten. Richt allzu lange ist es her (die Aelteren unter uns wissen es noch), da sah man die kleinen Vogelleichen in den Wildbret- und Feinkosthandlungen reihenweise an Schnüren aufgehängt oder in Kästchen zusammengepreßt. Tausende und aber Tausende wurden alljährlich ihres zarten Fleisches wegen auch in Deutschland verzehrt, so wie man Rebhuhn, Schnepfe oder Fasan sich heute noch gutschmecken läßt. Der Name Krammetsvogel war nur ein Sammelbegriff. Der von der Wissenfchaft so genannte Vogel ist eigentlich nur die Wacholderdrossel (Turdus pilaris). Für die Bratpfanne waren aber auch ihre Verwandten, die Sing-, M i st e l - und Schwarzdrosseln die begehrten Krammets- vögel. In den Kreisen der Jäger, Fänger, Händler und Käufer rechneten dazu ferner noch unser farbenprächtiger Dompfaff, unser liebliches Rotkehlchen und der zart rötlich-graue Seidenschwanz, der als nordischer Wintergast nicht jedes Jahr bei uns weilt. Alle die eben genannten Vertreter unseres gefiederten Völkchens sollen im Herbst durch den Genuß von Beeren ein besonders schmackhaftes Fleisch haben. Deshalb wurden sie, durch Lockvögel oder Ebereschenbeeren geködert, gerade zu dieser Jahreszeit das Opfer menschlicher List und Jagdgelüste. Die Netze der Vogelherde, die Bügel der Dohnenstiege und die Tücke der Leimruten beendeten das leichtbeschwingte Vogelleben der Ahnungslosen, die ein mächtiger Trieb nach der Sonne südlicher Breiten zog, und die größtenteils bei uns nur Durchzugsgäste aus nördlichen Brutgebieten waren. Den Hauptbestandteil des für die Ruten benutzten Vogelleims lieferten einstmals die Beeren der Mistel. Diese Früchte frißt besonders gern die Misteldrossel, die mit einem Gewicht von 120 bis 160 Gramm die größte unserer Drosselarten ist. Durch ihren Kot trägt sie die noch keimfähigen Samen weiter. Sie liefert so einen ungewollten Beitrag zür Verbreitung der Schmarotzerpflanze und damit zum eigenen Unheil. Als bekannte Feinschmecker schätzten die Römer natürlich auch das Fleisch der Drosseln. Doch war es nicht nur der Drosselbraten, der die Gaumen der Alten kitzelte. Zu den begehrtesten Leckerbissen zählte die zarte Gartenammer oder der Ortolan. In besonderen, nachts durch Lampenschein erhellten Vogelhäusern wurden die Tierchen mit Reis und Hirse gemästet. Dasselbe Verfahren soll noch um die Jahrhundertwende in fast allen Mittelmeerländern angewendet worden sein. In Massen wurden die Ammern eingefangen, feist gefüttert und dann in Fäßchen zu 200 bis 400 Stück mit Essig und Gewürz eingelegt. Aus Cypern sollen jährlich 100 000 derartige Fäßchen mit marinierten oder in Fett eingebetteten Ammerleichen versandt worden sein. Besonders berüchtigte Vogelfänger waren die Bewohner der Insel Capri. A. E. B r e h m berichtet in seinem „Tierleben", daß man dort zür Zugzeit den Wachteln mit Schlinge, Netz und Falle nachstellte: „Frühere Bischöfe, zu deren Sprengel das Eiland gehörte, hatten einen bedutenden Teil ihres Einkommens dem Wachtelfang zu danken. In Rom sollen zuweilen an einem Tage 17 000 Stück unserer Vögel verzollt w.erden!" Wie mag es heute in dieser Beziehung in den Ländern des Mittelmeeres aussehen? Wir müssen leider fürchten, daß es nicht viel besser geworden ist, trotz gesetzgeberischer Versuche. Das wird so bleiben, solange die Einstellung des Südländers zum Tier überhaupt sich nicht grundlegend geändert hat. In Deutschland ist der Massenvogelfang zu Speisezwecken schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts immer mehr zurückgegangen. Der große Johann Friedrich Naumann, der Begründer unserer deutschen Ornithologie, schreibt 1820, sein Vater habe schon in seiner Kindheit von alten Vogelstellern Klagen darüber gehört, daß die „kleinen Waldvögel" immer mehr abnehmen. Er, der für seine wissenschaftlichen Zwecke alle Vogelarten fangen und schießen mußte, findet diese Klage auf Grund seiner eigenen Beobachtungen berechtigt und fügt hinzu: „Vor fünfzig und mehr Jahren gab es in einem kleinen Bezirke um meinen Wohnort (gemeint ist Ziebigk im ehemaligen Herzogtum Anhalt-Köthen) noch viele Vogelsteller, denen ihr Vogelherd den Herbst hindurch recht gemächlichen Unterhalt verschaffte; aber alle diese Herde gingen, da alle Jahr weniger Vögel gefangen wurden, nach und nach ein, so daß jetzt nur der meinige, in einem Umkreis von sieben Meilen, noch der einzige ist, welcher auch das Schicksal jener in kurzem erleben wird, da er durchaus nicht mehr die Mühe lohnt. Also scheint es doch, als wenn die Anzahl mancher Gattungen und Arten, wie z. B. die der Herdvögel, nämlich der Drosselarten, Finken, Ammern u. a. m von Jahr zu Jahr geringer würde." Wir hören denn auch bald von Versuchen der Vogel- und Tierfreunde, dem althergebrachten Fang der kleinen Sänger ein Ende zu bereiten. Trotz allmählich einsetzender bundesstaatlicher Einschränkungen und Verbote gab es aber noch in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts Gegenden, in denen Singvögel massenweise in den Netzen der Fänger endeten. Man glaubte dort, ein altes geschichtliches Recht der Jägerei nicht willkürlich aufheben zu dürfen. Daher wendet sich z. B. der Ornithologe Karl Ruß in den sechziger Jahren mit Feuereifer dagegen, daß in der weiteren Umgebung von Leipzig immer noch während der Monate September, Oktober und November schätzungsweise 1 200 000 bis 1500 000 Lerchen gefangen und als „Leipziger Lerchen" überall hin versandt wurden. Heinrich Seidel, der ein großer Vogelfreund war, in der Frage des Vogelfanges aber eine wenig'gefühlsbetonte Stellung einnahm, erzählt 1888 von den im Herbst in den Feinkostläden zu sehenden kleinen Kistchen, „aus welchen die sauber gerupften Hinterteile fetter Lerchen hervorragen". Angesichts solch verführerischer Auslagen und Angebote hält er den Kampf gegen den Vogelfang für ziemlich aussichtslos. Schließlich meint er, man müsse auch der Wahrheil die Ehre geben und emge- stehen daß die Lerchen „delikat" schmecken. Wir dürfen uns indessen freuen, daß der Dichter sich hier geirrt hat: Seit 1908 darf in Deutschland kein Vogel mehr zu Speisezwecken gefangen werden. Der Vogelfang war aber nicht nur eine Angelegenheit gewerbsmäßiger Vogelsteller. Er war auch eine von Arm und Reich, Groh und Klein gern geübte Liebhaberei. Der Thüringer Vogelpastor Ehr. L. B r e h m gab daher noch 1855 em besonderes Buch über die verschiedenen Methoden des Fanges heraus. Sein großer Zeitgenosse Johann Friedrich Naumann rühmte 1820 „das Anziehende dieser Ergötzlichkeit", tadelte aber scharf, daß „viele Jagdliebhaber bloß zum Zeitvertreib und zum Vergnügen die unschul- digsten Vögel kaltblütig morden, ohne im mindesten einen Gebrauch davon machen zu können". Wer also für die Vogelleiber Verwendung hatte, wer sie verspeiste, hatte nach der Anschauung jener Tage durchaus das Recht zu Fang und Jagd. Johann Friedrichs Bruder, der herzogliche Förster Karl Andreas Naumann, wußte z. B. die von ihm geschossenen und gefangenen Vögel in seiner Küche mit vollendeter Kunst zu verwerten. Er war nach dem Urteil des Theologen und Ornithologen B a l d a m u s (des Biographen der Familie Naumann) vielleicht der größte aller Vogelbeobachter. Daneben aber besaß Ka l Andreas einen so verwöhnter Gaumen, daß er für seine gefiederte Beute eine besondere Systematik erdachte. Er teilte sie, wie er einmal seinem Jagdgenossen erzählte, ein in Herren-, Grafen-, Fürsten-, Königs- und Kaiserbraten. Die Krone der Kochkunst, in der zudem seine Frau Meisterin war, aber waren für ihn die Jägerbraten. Das waren nicht etwa Bekassinen, Schnepfen, Lerchen, Krammetsoögel oder Wachteln, sondern die Dlltchen, d. h. die Goldregenpfeifer. Im deutschen Schrifttum finden wir mannigfache Belege, die uns ahnen lassen, wie verbreitet die Neigung zur Vogelstellerei gewesen war. Bekannt ist die schöne Sage, daß „Herr Heinrich", der König des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, in der entscheidendsten Stunde seines Lebens am Vogelherde saß. Von Goethe wissen wir, daß er dem Knaben August Kotzebue erlaubte, im Garten am Stern den Vogelfang in Sprenkeln auszuüben. Als der Dichter wenige Tage vor der Schlacht von Jena und Auerstedt beim Höchstkommandierenden des preußischen Heeres in Jena zu Gast war, wurden zur Mittagstafel gebratene Lerchen aufgetragen. M ö r i k e teilt uns im „Alten Turmhahn" mit, daß der Pfarrer zu Cleversulzbach im Unterland einmal einen ganzen Samstagnachmittag hindurch seinem Fritz einen Meisenschlag zimmerte. Gerade der Fang der munteren Meisen — einige Arten dieses lebendigen Völkchens find eigentlich nur Federbällchen — galt als „der angenehmste für den Vogelsteller". Das betont ausdrücklich Johann Matthäus Bech- ft e i n , der 1784 Lehrer an der Salzmannfchen Erziehungsanstalt in Schnepfental wurde, und den Chr. L. Brehm in seinen Briefen stets den Vater der Naturgeschichte nannte. Und K. Th. Liebe in Gera, der große Vorkämpfer für den Vogelschutz, schreibt 1877, daß etwa bis zum Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts in Thüringen die Jagd auf Meisen für ein harmloses Vergnügen gehalten wurde, dem zur Zugzeit Tausende der Vögelchen in den „Meisenhütten" zum Opfer fielen. Von sich selbst sagte er, daß er sich in seiner Jugend an der Seite seines Oheims, eines hochgebildeten Arztes und Naturfreundes, der Aufregung des Fanges hingegeben habe, ohne von der Verderblichkeit dieser Beschäftigung eine Ahnung zu haben. Eine Verringerung des Meisen« bestandes war nach Liebes Bericht in jenen Jahrzehnten kaum wahrzunehmen. Der Mensch gestattete damals ja auch den Geschöpfen in Gottes schöner Natur, sich noch wesentlich ungestörter der Erhaltung der Arten zu widmen, als in unseren von der Technik beherrschten Tagen. So erklärt sich auch, daß der Meisenfang nicht früher von den Einsichtigen verworfen und durch Gesetze unterdrückt wurde. Der bereits erwähnte Heinrich Seidel ging, wenn er als Kind bei seinem Onkel auf Gut Kneese bei Gadebusch zu Besuch war, besonders gern mit dem Förster nach den Dohnenstiegen im herbstlichen Wald. Regungen des Mitleids ober bet Empörung kannte er nicht angesichts der kleinen Krammetsvogelleichen, die in den dreieckigen Dohnen wie am Galgen hingen. Er meinte, „wer in seiner Kindheit mit Jägern und Landleuten umgeht, der wird nicht zur Sentimentalität erzogen, und so dachte ich mir dabei weiter nichts, als: das wäre nun einmal so". Die trefflichste Schilderung der urwüchsigen, an Grausamkeit grenzenden Jagdlust, die auch den Vogelfreund zum Dohnenstieg führte, hak uns Ernst W i e ch e r t in „Wälder und Menschen" gegeben. Durch Menschen und menschliche Schmerzen in der tiefsten Seele erschüttert, kehrt der Försterssohn in der Ferienzeit des letzten Schuljahres nach dem einsamen masurischen Elternhaus zurück. Dort wird er ganz wieder zum Jäger und Waldläufer. Schon die Vorbereitungen zum Dohnenstieg lehren ihn „die Tugend der Geduld, die die Welt nicht lehrt, aber die der Wald zu jeder Stunde dem geöffneten Auge zeigt". Das Biegen der Hunderte von Wacholderzweigen, das Flechten der Schlingen aus Pferdehaar bedeckt die Hände mit Blasen. Aber die Arbeit läßt keine törichten Gedanken aufkommen, weil sie die letzte Aufmerksamkeit erfordert. Und welch besonderer Glanz erfüllt in der Erinnerung des Dichters noch heute die frühen Morgenstunden jener Tage, als er hinauszog, um die Ernte aus den Bügeln an den dunkeln Stämmen einzuholen: „An den Waldrändern brennt der wilde Birnbaum in glühendem Rot, und die Ahornbäume leuchten in ihrem herrlichen Gold. Niemals ist der Wald wunderbarer als im Herbst, in seinen Farben, seinem Geruch, seiner fast atemlosen Stille ... Der Dohnenstieg läuft am Waldrand entlang, so daß der Blick sich ab und zu öffnet auf das still beglänzte Feld, den See und ferne blauende Wälder. Es ist nicht so wichtig, ob ich zwei Dutzend Drosseln heimbringe oder nur ein paar ... Das Große ist die Freiheit des Tuns, des Schreitens, des Raumes. Die herrliche Freiheit dessen, der m Einklang mit seiner Erde lebt. Von dem die Wände fortgerückt sind, die Menschen und die Schmerzen, die sie bereiten." Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.