Eichener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, den 24. Mai Nummer 39 Der GieOSin Roman von Theodor Kontane 32. Fortsetzung. „Gewiß. Aber es gibt der Deuter so viele." „Ja", lachte Dubslav, „und wer die Wahl hat, hat die Dual. Aker ich persönlich habe keine Wahl. Denn genau so wie mit dem Körper, so steht es für mich auch mit der Seele. Man behilft sich mit dem, was man hat. Nehm ich da zunächst meinen armen, elenden Leib. Da sitzt es mir hier und steigt und drückt und quält mich und ängstigt mich, und wenn die Angst groß ist, dann nehm ich die grünen Tropfen. Und wenn es mich immer mehr quält, dann schick ich nach Gransee hinein und dann kommt Spanholz. Das heißt, wenn er gerade da ist. Ja, dieser Spanholz ist auch ein Wissender und ein .Deuter'. Sehr wahrscheinlich, daß es klügere und bessere gibt; aber in Ermangelung dieser besseren muß er für mich ausreichen." Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung ausdrücken zu wollen. „Und", fuhr Dubslav fort, „ich muß es wiederholen, genau so wie mit dem Leib , so auch mit der Seele. Wenn sich meine arme Seele ängstigt, dann nehm ich mir Trost und Hilse, so gut ich sie gerade finden kann. Und dabei denk ich dann, der nächste Trost ist der beste. Den hat man am schnellsten, und wer schnell gibt, der gibt doppelt. Eigentlich muß man das lateinisch sagen. Ich rufe mir Sponholz, weil ich ihn, wenn benötigt, in ziemlicher Nähe habe; den andern aber, den Arzt für die Seele, den hab ich glücklicherweise noch näher und brauche nicht mal nach Gransee hinüberzuschicken. Alle Worte, die von Herzen kommen, find gute Worte, und wenn sie mir Helsen, (und sie helfen mir), so frag ich nicht viel danach, ob es sogenannte .richtige ®orte‘ sind oder nicht." Ermyntrud richtete sich höher aus; ihr bis dahin verbindliches Lächeln war sichtlich in raschem Hinschwinden. „Ueberdies", so schloß Dubslav seine Bekenntnisrede, „was sind die richtigen Worte? Wo sind sie?" „Sie Haden sie, Herr von Stechlin, wenn Sie sie haben wollen. Und Sie haben sie nah, wenn auch nicht in Ihrer unmittelbarsten Nähe. Mich persönlich haben diese Worte während schwerer Tage gestützt und aufgerichtet. Ich weiß, er hat Feinde, voran im eigenen Lager. Und diese Feinde sprechen von .schönen Worten'. Aber soll ich mich einem Heilswort verschließen, weil es sich in Schönheit kleidet? Soll ich eine mich segnende Hand zurückweisen, weil es eine weiche Hand ist? Sie haben Sponholz genannt. Unser Superintendent liegt wohl weit über diesen hinaus, und wenn es nicht eitel und vermessen wäre, würd ich eine gnädige Fügung darin zu sehn glauben, daß er an diese sterile Küste verschlagen werden mußte, gerade mir eine Hilfe zu sein. Aber was er an mir tat, kann er auch an andern tun. Er hat eben das, was zum Siege führt; wer die Seele hat, hat auch den Leib." Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem Stuhl an Dubslav herangetreten und neigte sich über ihn, um ihm, halb wie segnend, die Stirn zu küssen. Das Elfenbeinkreuz berührte dabei seine Brust. Sie ließ es eine Weile da ruhen. Dann aber trat sie wieder zurück, und sich zweimal unter hoheitsvollem Gruß verneigend, verließ sie das Zimmer. Engelke, der draußen im Flur stand, eilte vorauf, ihr beim Emsteigen in den kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu sein. Als Dubslav wieder allein war, nahm er das Schüreisen, das grab vor ihm auf dem Kaminstein lag, und fuhr in die halb niedergebrannten Scheite. Die Flamme schlug auf und etliche Funken stoben. „Arme Durchlaucht. Es ist doch nicht gut, wenn Prinzessinnen in Oberförsterhäuser einziehn. Sie sind bann aus ihrem Fahrwasser heraus und greifen nach allem möglichen, um in der selbstgeschaffenen Alltäglichkeit nicht unterzugehn. Einen besseren Trostspenber als Koseleger konnte sie freilich nicht finben; er gab ihr den Trost, bessen sie selber bedürftig ist. Im übrigen mag sie sich aufrichten lassen, von wem sie will. Der Alte auf eansfouci, mit seinem .Nach der eignen Fasson Seligwerden' hat's auch darin getroffen. Gewiß. Aber wenn ich euch eure Fasson lasse, so laßt mir auch die meine. Wollt nicht alles besser wissen, kommt mir nicht mit Anzettelungen, erst gegen meinen guten Krippenstapel, der fein Wässerchen trübt, und nun gar gegen meinen tluaen Lorenzen, der euch alle in die Tasche steckt. An ihn persönlich wagen sie sich nicht ran, und da kommen sie nun zu mir und wollen mich umstimmen und denken, weil ich krank bin, muß ich auch schwach sein. Aber da kennen sie den alten Stechlin schlecht, und er wird nun wohl seinen märkischen Dickkopf aufsetzen. Auch |ogar gegen Jppe-Büchsenstein und die Elfenbeinkugeln, die ja schon der reine Rosenkranz sind. Und es wird auch noch so was. Eigenllich bin ich übrigens selber schuld. Ich habe mir durch den prinzeßlichen Augenaufschlag und die vier Kindergräber im Garten zu sehr imponieren lassen. Aber es fällt doch allmählich wieder ab, und ein Glück, daß ich meinen Engelke habe." Bor Erregung war er aus feinem Rollstuhl aufgestanden und brückte aus ben Klingelknops. „Engelke, geh zu Lorenzen und sag ihm, ich ließ' ihn bitten. Der soll bann aber heut auch der letzte sein ... Denke dir, Engelke, sie wollen mich bekehren!" „Aber, gnadger Herr, das is ja doch das beste." „Gott, nu sängt der auch noch an." 38. Kapitel. Lorenzen kam nicht; er war nach Rheinsberg, wo die Geistlichen aus dem östlichen Teil der Grafschaft eine Konferenz hatten. Aber statt Lorenzen kam Doktor Moscheles und sprach von allem möglichen, erst ganz kurz von Dubslavs Zustand, ben er nicht gut unb nicht schlecht fand, bann von Koseleger, von Katzler, auch von Sponholz (von dem ein Brief eingetroffen war), am ausführlichsten aber von Rechtsanwalt Katzenstein und von Torgelow. „Ja, dieser Torgelow", sagte Moscheles. „Es war ein Mißgriff, ihn zu wählen. Und wenn es noch nötig gewesen wäre, wenn die Partei keinen Bessern gehabt hättet Aber da haben sie denn doch noch ganz andre Leute." „Dubslav war davon wenig angenehm berührt, weil er aus der persönlichen Niedrigstellung Torgelows die Hochstellung der Torgelawschen Partei heraushörte. Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert. Als Moscheles wieder fort war, sagte Dubslav: „Engelke, wenn er wiederkvmmt, so sag ihm, ich sei nicht da. Das wird er natürlich nicht glauben; weiß er doch am besten, daß ich an mein Zimmer und meinen Rollstuhl gebunden bin. Aber trotzdem; ich mag ihn nicht. Es war eine Dummheit von Sponholz, sich grabe diesen auszusuchen, solchen Allerneuesten, der nach Sozialdemokratie schmeckt und dabei seinen Stock so sonderbar ansaht, immer grab in ber Mitte. Und dazu auch noch neu roten Schlips." „Es sind aber schwarze Käfer drin." „Ja, die sind drin, aber ganz kleine. Das machen sie so, damit es nicht jeder gleich merkt, wes Geistes Kind so einer ist und wohin er eigentlich gehört. Aber ich merk es doch, auch wenn er an Kaiser Wilhelms Geburtstag mit ner papiernen Kornblume kommt. Also du sagst ihm, ich sei nicht da." Engelke widersprach nicht, hatte jedoch so seine Gedanken dabei. „Der alte Doktor ist weg, und den neuen will er nicht. Un den aus Wutz will er auch nid), well der so viel mit der Domina zusammenhockt. Un dabei kommt er doch immer mehr runter. Er denkt: ,Es is noch nich fo schlimm.' Aber es is schlimm. Is genau so wie mit Bäcker Knaack. Un Kluckhuhn sagte mir schon vorige Woche: .Engelke, glaube mir, es wird nichts; ich weiß Bescheid.'" Das war am Montag. Am Freitag fuhr Moscheles wieder vor und verfärbte sich, als Engelke sagte, der gnädige Herr sei nicht da. „So, so. Nicht da." Das war doch etwas stark. Moscheles stieg also wieder auf seinen Wagen unb bestärkte sich, während er nach Gransee zurückfuhr, in feinen durchaus ablehnenden Anschauungen über den derzeitigen Gesellschafts- zustand. „Einer ist wie der andre. Was wir brauchen, is ein General- kladderabatsch, Krach, tabula rasa." Zugleich war er entschlossen, von einem erneuten Krankenbesuch abzustehen. „Der gnädige Herr auf, von und zu Stechlin kann mich ja rufen lassen, wenn er mich braucht. Hoffentlich unterläßt er’s." Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch. Dubslav ließ ihn nicht rufen, wiewohl guter Grund dazu gewesen wäre, denn die Beschwerden wuchsen plötzlich wieder, und wenn sie zeitweilig nachließen, waren die geschwollenen Füße sofort wieder da. Engelke sah das alles mit Sorge. Was blieb ihm noch vom Leben, wenn er seinen gnäbgen Herrn nicht mehr hatte? Jeder im Haus mißbilligte des Alten Eigensinn, und Martin, als er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene niedrige Stube trat, wo feine Frau Kartoffeln schälte, sagte zu dieser: „Ick roeet nich, Mutter, roorüm he den jungschen Dokter rutgrulen däd. De Jungsche is doch klüger, as de olle Spanholz is. Doa möt man blot de Globsower über Sponholzen hären. ,Joa, oll Sponholz', so seggen se, ,be is joa so miet gang goob, awers he [eggt man ümmer: Kinnings, krank is he egentlich nid), he bruft man blot ne Supp mit en beten wat in!' Joa, Sponholz, de kann fo wat (eggen, de hett wat da to. Awers de Globsower! Wo salln be ne Supp herkregen mit en beten wat in?" So verging Tag um Tag, unb Dubslav, bem herzlich schlecht war, sah nun selber, daß er sich in jedem Punkt übereilt hatte. Moscheles war doch immerhin ein richtiger Stellvertreter gewesen, unb wenn er jetzt einen andern nahm, so traf das Sponholzen auch mit. Und das macht er nicht. In dieser Notlage sann er hin und her, und eines Tages, als er mal wieder in rechter Bedrängnis unb Atemnot war, rief er Engelke und sagte: „Engelke mir is schlecht. Aber rede mir nich von dem Doktor. Ich maq unrecht haben, aber ich will ihn nicht. Sage, wie steht das eigentlich mit der Buschen? Die soll ja doch letzten Herbst uns Kossat Rohrbeckens Frau wieder aus die Beine gebracht haben." „Ja, die Buschen ..." „Na, was meinst du?" m ,Ja die Buschen, die weiß Bescheid. Versteht sich. Man bloß, daß sie ne richtige alte Here is, und um Walpurgis weih keiner, wo he ts. Und die Mächens gehen Sonnabends auch immer hin, wenn's schummert, und Uncke hat auch schon welche notiert und beim Landrat Anzeige gemacht. Aber sie ftryten alle Stein und Bein: und ein paar haben auch schon geschworen, sie wüßten von gar nichts." „Kann ich mir denken, und vielleicht was auch nid; so schlimm. Und dann, Engelke, wenn du meinst, daß sie so gut Bescheid weiß, da rodr’s am Ende das beste, du gingst mal hin oder schicktest wen. Denn deine alten Beine wollen auch nid) mehr so recht, und außerdem es Schlackerwetter. Und wenn du mir auch noch krank wirst, so hab ich ja keine Katze mehr, die sich um mich kümmert. Waldemar is weit weg. Und wenn er auch in Berlin wäre, da hat er ja doch seinen Dienst und seine Schwadron und kann nich den ganzen Tag bei seinem alten Vater sitzen. Und außerdem, Krankenpflegen ist überhaupt was Schweres; darum haben die Katholiken auch neu eignen Segen dafür. Ja, die verstehn es. So was verstehn sie besser als wir." „ „Nei, gnädger Herr, besser doch wohl nid).' „Na, lassen wir's. So was is immer schwer festzustellen, und weil heutzutage so vieles schwer festzustellen ist, haben sich ja die Menschen auch das angeschasft, was sie ne ,Enquete' nennen. Keiner kann sich freilich fo recht was dabei denken. Ich gewiß nicht. Weiht du, was es ist?" „Nei, gnädger Herr." , Siehst du! Du bist eben ein vernünftiger Mensch, das merkt man gleich, und haft auch Einsehen davon, dah es eigentlich am besten wäre, wenn ich zu der Buschen schicke. Was die Leute von ihr reden, geht mich nichts an. Und dann bin ich kein Mächen. Und Uncke wird mich wohl nicht cmfsd)reiben." Engelke lächelte: „Na, gnädger Herr, dann werd ich man unten mit unse Mamsell Pritzbur sprechen; die kann die lütte Marie rausschicken. Marieken is letzten Michaelis erst eingesegnet, aber sie war auch schon da." Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen im Herrenhause. Sie hatte sich für den Befuch etwas zurecht gemacht und trug ihre besten Kleider, auch ein neues schwarzes Kopftuch. Aber man konnte nicht sagen, daß sie dadurch gewonnen hätte. Fast im Gegenteil. Wenn sie fo mit nem Sack über die Schulter oder mit ner Kiepe voll Reisig aus dem Walde kam, sah man nichts als ein altes, armes Weib; jetzt aber, wo sie bei dem alten Herrn eintrat und nicht recht wußte, warum man sie gerufen, sah man ihr die Verschlagenheit an, und daß sie für all und jedes zu haben sei. Sie blieb an der Tür stehen. „Na, Buschen, kommt man ran oder stellt Euch da ans Fenster, dah ich Euch besser sehn kann. Es ist ja schon ganz schummrig." Sie nickte. „Ja, mit mir is nicht mehr viel los, Buschen. Un nu is auch noch Spanholz weg. Und den neuen Berlinfchen, den mag ich nicht. Ihr sollt ja Kossät Rohrbeckens Frau damals wieder auf die Beine gebracht haben. Mit mir is es auch so was. Habt Ihr Courage, mich in die Kur zu nehmen? Ich zeig Euch nicht an. Wenn einem einer hilft, is das andre alles gleich. Also nichts davon. Und es soll Euer Schaden nicht sein." „Ick weet joa, jnädger Herr ... Se wihren joa nich. Un denn de Lüd', de denken ümmer, ick kann hexen und all so wat. Ick kann awer joar nix un hebb man blot en beten Liebstöckel un Wacholder un Allermannsharnisch. Un alles blot, roie’t sinn muh. Un de Gerichten können mi nix dohn." „Is mir lieb. Und geht mich übrigens auch nichts an. Mit fo was komm ich Euch nich. Kann .Gerichte' selber nich gut leiden. Und nu sagt mir, Buschen, wollt Ihr den Fuh sehn? Einer is genug. Der andre sieht ebenso aus. Oder doch beinah." „Nei, jnädger Herr. Loaten's man. Ich weet joa, wi dat is. Jhrst fitt e hier up de Bost, un denn sackt et sich, un denn sitt et hier unnen. Un is all een un dat fütmige. Dat möt allens rut, un wenn et rut is, denn drückt et nich mihr, un denn tonnen Se wedder gapfen." „Gut. Leuchtet mir ein. ,Et muh ruf, sagt Ihr. Und das sag ich auch. Aber womit wollt Jhr's ,ruf »bringen? Das is die Sache. Welche Mittel, welche Wege?" „Joa, de Mittel hebb ick. Un hebben wi ihrft de Mittel, denn sinnen sich ook de Weg. Ick schick' hüt noch Agnessen mit twee Tüten; Agnes, dat is Karlinen ehr lütt Deern." „Ich weiß, weih." „Un Agnes, de fall denn unnen in den Küch goahn, to Mamsell Pritzbur, un de Pritzburn de fall denn den Tee moaken för'n jnädgen Herrn. Morgens ut de witte Tüt, un abends ut de blue Tüt. Un ümmer man nen geftridjnen Eßlöffel vull un nich to veel Woater; awers bullern möt et. Un wenn de Tüten all sinn, denn is et rut. Dat Woater nimmt bat Woater weg." „Na gut, Buschen. Wir wollen das alles so machen. Und ich bin nicht bloß ein geduldiger Kranker, ich bin auch ein gehorsamer Kranker. Nun will ich aber bloß noch wissen, was Ihr mir da in Euern Tüten schicken wollt, in der weihen und in der blauen. Is doch kein Geheimnis?" „Nei, jnädaer Herr." „Na also."' „In de witte Tüt is Bärlapp un in be blue Tüt is, wat be Lüb hier Katzenpoot nennen." „Versteh, versteh", lächelte Dubslao, unb bann sprach er wie zu sich selbst: „Nu ja, nu ja, bas kann schon Helsen. Dazwischen liegt eigentlich die ganze Weltgeschichte. Mit Bärlapp zum Einstreuen fängt bie süße Gewohnheit des Daseins an und mit Katzenpfötchen hört es auf. So Der» läuft es. Katzenpfötchen ... bie gelben Blumen, braus sie bie letzten Kränze machen ... Na, wir wollen jehn." An demselben Abend kam Agnes unb brachte die beiden Tüten, und es geschah was beinah über alles Erwarten hinaus lag: es wurde wirklich besser. Die Geschwulst schwand, und Dubslao atmete leichter. „Dat Woater nimmt bat Woater", an biefem Hexenspruch — ben er, wenn er mit Engelke plauderte, gern zitierte — richteten sich seine Hoffnungen und seine Lebensgeister wieder auf. Er war auch wieder für Bewegung und ließ wenn es das Wetter irgendwie gestattete, seinen Rollstuhl nicht bloß auf die Veranda hinausschieben, sondern fuhr auch um das Rundell herum unb sah dem kleinen Springbrunnen zu, der wieder sprang. Ja, es kam ihm vor, als ob er höher spränge. „Findest du nich auch, Engelke? Vor vier Wochen wollt er nich. Aber jetzt geht es wieder. Alles geht wieder, unb es ist eigentlich dumm, ohne Hoffnung zu leben; wozu hat man sie beim?" Engelke nickte bloß unb legte bie Zeitungen, bie gekommen waren, auf einem neben bem Frühstückstifch stehenben Gartenstuhl, zuunterst bie .^reuzzeitung" als Fundament, auf diese dann die „Post" unb zuletzt bie Briefe. Die meisten waren offen, Anzeigen und Anpreisungen, nur einer war geschlossen, ja sogar gesiegelt. Poststempel: Berlin. „Gib mir mal das Papiermefser, daß ich ihn manierlich aufschneiden kann. Er steht nach was aus, und die Handschrift is wie von ner Dame, bloß ein bißchen zu dicke Grundstriche." „Is am Ende von der Gräfin." „Engelke", sagte Dubslav, „du wirst mir zu klug. Natürlich is er von der Gräfin. Hier is ja die Krone." Wirklich, es war ein Brief von Melusine, samt einer Einlage. Melu- sinens Zeilen aber lauteten am Schluß: „Unb nun bitt ich, Ihnen einen Brief beilegen zu bürfen, ben unsre liebe Baronin Berchtesgaden gestern aus Rom erhalten hat, und zwar von Armgard, deren volles Gluck ich aus diesem Brief und allerhand kleinen, ihrem Charakter eigentlich fern» liegenden Uebermütigteiten erst so recht ersehn habe." Dubslav nickte. Dann nahm er die Einlage und las: „Rom, im März. Teuerste Baronin! An wen könnt ich von hier aus lieber schreiben als an Sie? Vatikan unb Lateran unb Grabmal Pio Nonos, unb wenn ich Glück habe, bin ich auch noch mit dabei, wenn am Gründonnerstag der große Segen gespendet wird. Man muß eben alles mitnehmen. Von Rom zu schwärmen ist geschmacklos und überflüssig dazu, weil man an die Schwärmerei seiner Vorgänger doch nie heranreicht. Aber von unserer Reise will ich Ihnen statt dessen erzählen. Wir nahmen den Weg über den Brenner und waren am selben Abend noch in Verona. ,Torre di ßonbra/ Was mich andern Tags in der Capuletti- und Monteechi-Stadt am meisten interessierte, war ein großer Parkgarten, der .Giardino Giusti', mit über zweihundert Zypressen, alle fünf» hundert Jahre alt und viele beinah so hoch wie das Berliner Sck;loß. Ich ging mit Waldemar auf unb ab, unb dabei berechneten wir uns, ob wohl bie schöne Julia hier auch schon auf unb ab gegangen fei? Nur eins störte uns. Zu solcher Prachtavenüe von Trauerbäumen gehört als Abschluß notwendig ein Mausoleum. Das fehlt aber. Im .Giardino Giusti' trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten Garderegiment, der, von Neapel kommend, bereits alle Schönheit Italiens gesehen hatte. Wir fragten ihn, ob Verona, wie einem beständig versichert wird, wirklich die .italienischste der italienischen Städte' sei? Hauptmann von Gaza lachte. .Von Potsdam', fo meinte er, .könne man vielleicht sagen, daß es die preußischste Stadt sei. Aber Verona die italienischste? Nie und nimmer.' lieber bas vielgefeierte Venedig an dieser Stelle nur das eine. Unser Hotel lag in Nähe einer mit Barock überladenen Kirche: San Mose. Daß es einen Sankt Moses gibt, war mir fremd und verwunderlich zugleich. Aber gleich danach dacht ich an unsere Gendarmentürme und war beruhigt. Moses geht doch immer noch vor Gendarm. Florenz überspring ich und erzähle Ihnen dafür lieber vom Trasi- menischen See, den wir auf unserer Eisenbahnfahrt passierten. Wolde- mar, ein ganz klein wenig .Taschen-Moltke', mochte nicht darauf verzichten, den großen Hamnbal auf Herz und Nieren zu prüfen, und so stiegen wir denn in Nähe des Sees aus, an einer kleinen Station, die, glaub ich, Borghetto-Tuoro heißt. Es war auch für einen Laien über Erwarten interessant, und selbst ich, die ich sonst gar keinen Sinn für derlei Dinge habe, verstand olles, und fand mich leicht in jeglichem zurecht. Ja, ich hatte das Gefühl, daß ich in diesem hochgelegenen Engpaß ebenfalls über die Römer gesiegt haben würde. Der See hat viele Zu- und Abflüsse. Einer dieser Abflüsse (mehr Kanal als Fluß) nennt sich der .Emissarius', was mich sehr erheiterte. Noch interessanter aber erschien mir ein anderer Flußlauf, der, weil er am Schlachttage von Blut sich rötete, der .Sanguinetto’ heißt. Das Diminutiv steigert hier ganz entschieden die Wirkung. Der See ist übrigens sehr groß, zehn Meilen Umfang, und dabei flach, weshalb der erste Napoleon ihn auspumpeif lassen wollte. Da hätte sich bann ein neues Herzogtum grünben lassen ..." „Schau, schau", sagte ber alte Dubslav, „wer ber blassen Komtesse bas zugetraut hätte! Ja, reifen unb in ben Krieg ziehen, ba lernt man, ba wirb man anders." Unb er legte ben Brief beiseite. Zugleich aber war ein stilles Behagen über ihn gekommen, und er überdachte, wie manche Freude das Leben doch immer noch habe. Vor ihm, in ben Parkbäumen, schlugen bie Vögel, und ein Buchfink kam bis auf den Tisch unb sah ihn an, ganz ohne Scheu. Das tat ihm ungemein wohl. „Etwas ganz besonders Schönes im Leben ist doch das Vertrauen, und wenn's auch bloß ein Piepvogel is, ber’s einem entgegenbringt. Einige haben eine schwarze Milz unb sagen: alles sei von Anfang an auf Morb unb Totschlag gestellt. Ich kann es aber nicht finden." (Sortierung folgt.) n L I. it t n a, ? ü n, ie ie et al ch |u m u- en m ich n> e? M itr an an an ■en ie. nd en, nf« »6. ns, ei? ien 3m de- >ns er« ei? ine ma ine. jan ief en- rnt asi' ide- ier< die, iber für jem neu hat :uB) ter« am imi' euer das M d «r bis nei” Jlth ins*: auf Das bucklicht Männlein. Volksweise. Will ich in mein Gärtlein gehn. Will mein Zwiebeln gießen. Steht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu niesen. Will ich in mein Küchel gehn. Will mein Süpplein kochen. Steht ein bucklicht Männlein da, Hat mein Töpflein brachen. Will ich in mein Stüblein gehn. Will mein Müslein essen. Steht ein bucklicht Männlein da, Hat's schon halber gessen. Will ich auf mein Boden gehn, Will mein Hölzlein holen. Steht ein bucklicht Männlein da, Hat's schon halber g'stohlen. Will ich in mein Keller gehn. Will mein Weinlein zapfen. Steht ein bucklicht Männlein da. Tut mir ’n Krug wegschnappen. Setz ich mich ans Rädlein hin, Will mein Fädlein drehen, Steht ein bucklicht Männlein da, Läßt mir 's Rad nicht gehen. Geh ich in mein Kämmerlein, Will mein Bettlein machen. Steht ein bucklicht Männlein da. Fängt als an zu lachen. Wenn ich an mein Bänklein knie, Will ein bißlein beten, Steht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu reden: Liebes Kindlein, ach, ich bitt, Bet fürs bucklicht Männlein mit! Theater im Dorf. Von Karl Heinrich Waggerl. Es ist eine Truppe von Schauspielern angetommen. Der Direktor erschien persönlich, um mich einzuladen. Er ist entschieden ein feiner Mann, ich schäme mich, daß ich gleich auf den Gedanken kam, er trinke vielleicht zuviel, weil er ständig bas nne Auge zukniff. Aber jedenfalls bestellte ich für den Abend drei platze, zwei nebeneinander und den dritten davor. Davor! wiederholte der Direktor und schloß verständnisvoll auch das andere Auge. Er drückte es abermals zu, als ich ihn bat, diese dritte Sorte beim Nachbar Michael abzugeben, für den Sommergast. Weiter tein Wort, keinen Namen, nichts. Jawohl, das würde besorgt werden, erklärte der Direktor, in solchen Dingen wüßte er Bescheid. Und gleichsam in einer Vorahnung, hatte er auch das Stück auf das passendste gewählt, tr brauchte mir nur den Titel zu nennen: Treu bis in den Tod. Das erwähnte er nebenbei, für den Fall, daß ich etwa Lust hätte, den Liebhaber persönlich auszustatten, das sei nämlich eine besondere Einrichtung feines Unternehmens. Er trüge zum Beispiel meinen Mantel in dem Ctück, einen Schlips oder sonst ein Kleidungsstück von tieferer Bedeutung, »nd er mache sich erbötig, damit jede Wirkung hervorzurufen, von der firteften Anspielung bis zur völligen Lebenstreue. Vor allem der große Auftritt in der Gewitternacht, wenn der Förster Konrad entdeckt, daß feine Braut vom jungen Grafen in bas Jagdhaus gelockt worden mar, nenn er unter heftigen Blitzen zum Himmel schwört, daß er die Unschuld rachen werde, und zwei Kugeln in die Büchse stößt, eine für den Grafen imö eine für sich, dieser Auftritt, meinte der Direktor, würde durch die grüne Jacke, die ich eben trug, bedeutend an Wirkung gewinnen. Kein Zweifel. Eine solche Szene konnte unmöglich im Gehrock gezielt werden. Ich zog die Jacke augenblicklich aus und übergab sie ihm. 3um Abschied aber gönnten mir uns noch einen rechtschaffenen Schnaps. Öir hoben die Gläser auf Kunst und Liebe, und ich kniff auch meiner- fiits ein Auge zu. Scharfe Schnäpse soll man nur einäugig trinken. Ich gehe also und suche Klaus in der Kammer auf. Er ist eben mit iiner Arbeit fertig und schiebt etroas in die Tasche, ich kann nicht genau i il)en, mas es ist, ein glänzendes Ding, ein Armreifen vielleicht. Wir 'äfften noch einmal unsere Schuhe im Flur und dann schlendern wir jus Dorf hinunter. Es regnet nicht mehr. Ein zarter Wasferdunst hängt Iiöer den Wiesen, die Lust schmeckt frisch und säuerlich. Dann und wann shütielt ein Windstoß rauschende Tropfenschauer aus dem Laub der Säume, es tommt-eine dunkle Nacht. In der großen Scheune neben der Schenke hat man die Bühne auf* 8-schlagen, wir zeigen dem Burschen am Tor unsere Karten und drängen ii UNS hinein. Klaus hat unsere Plätze gefunden, er schickt mir einen Pfiff herüber, | i«, ich komme schon. Der Sommergast ist da und auch Michael, sieh an! haben wir da etwas versäumt, wäre es vielleicht schicklicher gewesen, bis Fräulein abzuholen? Nun hat sie den Alten mitgenommen und auf 'Iren Platz gesetzt, da hockt er, stemmt die Fäuste auf die Knie und schaut finster und mißtrauisch unter seinem runden Hut heraus. Und nun klingelt es hinter ber JBüljne, der Lärm legt sich, bas letzte Schneuzen und Niesen, und die Stille wäre vollkommen, wenn nicht hinten eins von Christoss Kindern ein kleines Mißgeschick zu melden hätte. Aber dafür ist jetzt keine Zeit mehr, schon schlägt der Vorhang rasselnd auseinander. Zunächst steht man beinahe gar nichts, ein dunkles Loch. Etliche Bäume stehen auf dem Bretterboden herum und vorn ein Wegkreuz unö eine Bank. Im ganzen ist es eine recht öde Gegend, und trotzdem muß da irgendwo jemand sitzen, dem sie gefällt, weil er so munter auf [einer Zither spielt. *3etjt aber trippelt ein Mädchen herein, eine engelschöne Jungfrau, ihr Anblick allein preßt den Zuschauern sörmlich die Luft aus dem ßeibe. Es ist die Försterdraut, aber das weih nur ich, sie selber verrät es noch mit keiner Miene. Sie huscht umher und pflückt Beeren und legt sie einzeln in ihr Körbchen, obwohl doch gar keine Beeren auf dem Fußboden wachsen. Der alte Michael läßt ein verächtliches Schnauben hören; alles Schwindel, er hat es ja gleich gewittert. Die Jungfer scheint fremd in der Gegend zu [ein oder schwachsichtig, es dauert ein« ganz Weile, bis sie das Kreuz unter der Fichte entdeckt. Und vielleicht ist sie auch sonst nicht ganz bei Trost, aber bas muß man ihr zugutehalten, denn wie sie sich nun selber erzählt, ist sie eine Waise namens Luise, ein armes Waisenkind. Ihr Vater, der Gärtner in gräflichen Diensten war, hat ihr nichts vererben können als ein frommes Gemüt. So etwas kann einen schon rühren. Obendrein kniet dieses verlassene Geschöpf auch noch hin und fängt zu beten an, und nun wird sogar der verstockte Michael unruhig und rutscht aus seinem Stuhl hin und her. Die Wahrheit zu sagen, mir geht es auch nicht besser. Ich habe freilich schon mit größerer Kunst meinen und beten gesehen, es wäre leicht, die Beine übereinander zu schlagen und nachsichtig zu lächeln. Aber im tiefsten Innern bin ich ja doch bewegt, angerührt von der magischen Macht des Gleichnisses, die von jedem Spiel ausgeht, vom erhabenen so gut wie vom lächerlichen. Es nützt auch wenig, eine Weile gar nicht hinzuschauen, dadurch läßt sich das Schicksal keineswegs aufhalten. Das Schicksal naht unerbittlich, zunächst in Gestalt des jungen Grafen. Vorhin nahm er uns an der Tür die Karten ab, aber jetzt will er uns nicht mehr kennen, weil er Reithofen trägt und ein Glas ins Auge geklemmt hat. Ein unangenehmer Bursche, kaum hat er sich recht umgesehen, da macht er sich schon an das Mädchen heran, mit seinem zudringlichen Geschwätz. Oh, flüstert Luise betreten, heißet mich nicht schön! Sie ist zwar einfacher Leute Kind, sagt sie, aber es steht auch dem größten Herrn nicht an, Spott mit der Armut zu treiben. Das unschuldige Kind, es findet treffende Worte. Der Graf müßte sich schamrot in die Büsche schlagen, wenn es hier nicht wie überall in der Welt zuginge, daß nämlich die Tugend blind ist und bas Laster taub. Ja, wüßte Luise, was ich weiß! Ahnte sie, daß der Förster hinter der Bühne schon die Kugel des Verhängnisses in der Hosentasche trägt, sie wäre vorsichtiger und verschwiege wenigstens den Namen des Geliebten. Schlüge Luise nur ein einziges Mal die Augen auf statt nieder, dann könnte sie sehen, daß der Graf förmlich zurücktaumelt und einen häßlichen Fluch zur Seite flüstert, sobald er nur den Namen des Försters hört. Ich aber sitze da wie Gottvater selbst, ich durchschaue alles. Leicht könnte ich hintreten und dem Schurken etwas ins Ohr sagen: Haltet ein, Graf Wolkenburg, oder Ihr habt keine Stunde mehr zu leben! Dann ginge er heim auf fein Schloß und das Mädchen auch in feine Hütte, und alles wäre gut, der Vorhang könnte fallen. Aber ich tue das nicht. Ich mische mich so wenig hinein wie der liebe Sott und vielleicht «tfs dem gleichen Grunde. Inzwischen ändert sich das Bild, Luise eräugt plötzlich den Förster in der Ferne. Dort, sagt sie, naht mein Bräutigam, sie kann bas besser sehen als wir. Dem Verführer kommt der Förster jedenfalls sehr ungelegen. Verdammt! sagt er in die Faust hinein, und dann hat er eben noch Zeit, nach der anderen Seite zu verschwinden. Nun begreifen wir ja alle, daß sich Luise nicht stehenden Fußes in den Grafen verlieben konnte. Aber wenn man ihn mit dem Förster vergleicht, dem sie sich jetzt ohne Umstände an den Hals hängt, bann muh man wieder einmal fragen, nach welchen Grundsätzen eigentlich die Mädchen ihre Gunst verteilen. Daß der Mann mit einem Auge zwinkert, möchte für einen Förster noch hingehen, und auch die grüne Jacke sitzt ihm nicht übel, aber sonst hat er wenig Anziehendes, jedenfalls nicht die geringste Aehnlichkeit mit mir. Er küßt seine Braut vor allen Leuten und umarmt sie kunstgerecht, und dabei wirft er mir hinter ihrem Rücken bedeutungsvolle Blicke zu, ich wage gar nicht mehr Hinzusehen. Ein Glück, daß bald der Vorhang fällt, ich weiß nicht, aus welchem Grunde. Man kann endlich ein wenig Luft schöpfen und ein Gespräch anfangen, es ist drückend heiß in der Scheune. Und dazu der Geruch, sagt das Fräulein, sie mußte die ganze Zeit in das Taschentuch beißen, um nicht zu ersticken. Nun ja, das läßt sich nicht ändern, hier duftet jeder, wie er muß. Aber es lohnt den Schweiß, darin sind wir alle einer Meinung, Michael ausgenommen. Es ist mehr eine Sache für die Weiber, meint er. Aber rechne nur einmal, ich einen Schilling, du einen und jedes, das sind schon vier, dafür kannst du einen Gaul nagelneu beschlagen lassen. So nüchtern denkt das Fräulein nicht, sie betrachtet alles von einer anderen Seite her. Die Menschen tun ihr leid, es ist doch gewiß ein bitteres Brot. Immer auf der Wanderschaft, immer von der Hand in den Mund zu leben! Dieses Mädchen zum Beispiel, wie alt könne es fein, und dabei schon so welk, so kümmerlich und blutleer unter der Schminke! Hübsche Haare hat sie, sagt Klaus dazwischen. Wenn sie echt sind, fügt er hinzu, und dann geht er nachdenklich hinaus, er will sehen, ob er ein Glas Bier auftreiben kann. Inzwischen führe ich die Unterhaltung weite« Das Fräulein sehe die Dinge vielleicht ein wenig zu schwarz, erkläre ich, dergleichen Leute seien gar nicht unglücklich, sondern mitunter förmlich besessen von ihrer Arbeit, vom echten Drang zur Kunst. Nur sei dieser Drang leider nicht selten größer als die Gaben. Darüber wäre noch manches zu sagen, aber das Fräulein ist nicht mehr so gesprächig wie vorher. Wollen wir auch etwas trinken? fragt sie plötzlich und schaut nach der Tür. Gern, sage ich. Wenn ich sie einladen dürfe? Aber im selben Augenblick will das Fräulein wieder bleiben. Sie meint, wir hätten nicht mehr genug Zeit, auch Klaus käme ja schon zurück. Ich bin verstimmt. Keineswegs aus Eifersucht, nein, diese Schwäche sagt man mir zu Unrecht nach. Es ist gekränkter Stolz oder verletztes Feingefühl oder was immer, jedenfalls nehme ich mir vor, an diesem Abend kein Wort mehr zu sagen. Mag das Fräulein zusehen, ob Klaus ein besserer Gesellschafter ist als ich, so ein junger Dachs, der nach allem schnuppert, was ihm in den Weg kommt. Oh, ich habe mich in der Hand! Keine Rede davon, daß ich mich etwa so gebärde, wie der Förster es jetzt in Luisens Stube tut. Er donnert in seinen Stiefeln hin und her und drückt das Mädchen förmlich an die Wand mit seiner Heftigkeit, und warum? Weil er sich einbildet, sie träfe den Grafen heimlich im Wald. Kein Mensch traute ihm so viel Leidenschaft zu, dieser Förster ist ein wahrer Unband von einem Mann. Da helfen weder Schwüre noch Tränen, sie finden keinen Glauben. Es ist ja auch ein Verhängnis, jedermann hat den Hergang mit angesehen, nur der Förster nicht. Aber wenn man richtig auslegt, was er sagt, dann ist es auch wieder manchem von uns aus dem Herzen gesprochen. Ja, treue Liebe und ein gerader Sinn, das zählt nicht bei den Weibern! Sowie einer kommt, der eine glatte Larve hat und die Worte schön setzen kann, gleich laufen sie ihm zu. Und Luise? Erzittert sie? Weist sie mit dem Vannblick der Unschuld diese Schmach zurück? Nein, sie lächelt. Das wäre weiter nicht sonderbar, ich habe öfter erlebt, daß Frauen das Verkehrte für passend halten. Aber diese Luise steht so merkwürdig entrückt da oben, so losgelöst von allem um sie her. Vielleicht müßte sie jetzt die Hände vors Angesicht schlagen oder laut aufweinen, der Förster scheint so etwas zu erwarten. Er wiederholt seine Vorwürfe noch eindringlicher, er flüstert, er zischt, aber Luise ist nur eine stumme Hülse, und wie ich nun ihrem Blicke folge, finde ist das Lächeln auf einem andern Gesicht wieder, aus dem vom Klaus. So. Darum also kam er vorhin mit nassen Hosenröhren zurück, mit einem Holundersternchen im Haar! Wie ist das nur möglich, denke ich voll Bewunderung, wie stellt er es an? Ich wäre gar nicht auf den Gedanken geraten, daß die Försterbraut, dieser Ausbund von Standhaftigkeit, hinten im Krautgarten eine ganz andere sein könne, ein Mädchen aus Fleisch und Blut, das sich in die Büsche treiben und schnell ein wenig drücken und küßen läßt ... Das Garienquartett. Von Otto Nebelthau. Eine Wiese mit Apfelbäumen wird von einem breiten Kiesweg durchschnitten, an dessen Rändern Cdelrosen gepflanzt sind. Es gibt abwechslungsreichere, es gibt buntere, es gibt Stellen in einem Garten, die ausgewogener, lieblicher und listiger sein mögen, aber ich weiß mir kein echteres Gartenwerk zu denken, auch keins, das in einem solchen Maße die Sinne anspricht. Die Wiese, die Rosen und die Aepsel ZU pflegen, ist eines Mannes wert. Sie sind ein Trio von nie verlöschender Eindringlichkeit. Sie werden im Lauf der Zeit zu einem Quartett, denn der Mensch, der sie pflegt, schaltet sich ein. Ich halte die Wiese nicht säuberlich kurz, sondern schneide sie wie die Landleute, drei- bis viermal im Jahr. So wachsen bis zur Reife die Gräser und Blumen des ersten, des zweiten, des dritten und manchmal auch des vierten Schnittes in den Reichtum ihrer Abwechslung. Der erste, über und über bunte Schnitt fällt mit der Blüte der Apfelbäume zusammen, der zweite, schon ernstere, mit dem vollendeten Fruchtansatz: ich gebe die beiden frisch zum Verfüttern. Die letzten beiden Schnitte, in denen der rötliche Sauerampfer vorherrscht und die weißen Margeriten, lasse ich zu Heu werden: dann stehen die Haufen unter den früchtebeladenen Bäumen, und es kömmt eine satte Schönheit von ihnen, wenn ich auf dem mit Rosen bestandenen Weg zum Haus gehe, di« fast beklemmend ist, so stark ist das Bild von Fruchtbarkeit und Ernte, so stark ist auch der Duft. Apfel und Rose halten mich vom frühesten Frühjahr bis spät in den Winter. Mich? Sie haben die Menschen gehalten, seitdem der Schöpfer es gestaltete, den Wildling beider Arten nicht Wildling bleiben zu lassen, seit er durch einen Fingerzeig darauf hinwies, daß jener nicht Wildling zu bleiben brauche. Ein einziges Mal gab er in einen Baum und in einen Strauch die Ahnung von einer edlen Frucht, die Ahnung von einer vollkommenen Blume, dann überließ er sie den Menschen, damit sie damit täten, was ihnen zur Lust sei. Zu anderen Blumen, zu anderen Baumfrüchten mag der Drang des Menschen erlahmen, zum Apfel und zur Rose nie, weil sie sein Werk, weil sie der Spiegel seiner Seele sind. Denn wenn ich im Frühiahr, um die Rinden zu säubern, und zur Herbstreit, um die Früchte zu brechen, in meine Apfelbäume steige, gewahre ich an den Zweigen die Pfropfstellen. Mein Fuß steht in einer Gabelung des W'ldlingsstammes, meine Hand hält sich an dem Zweige fest, der einstmals nicht zu ihm gehörte, der aufgepsropft wurde, als Reis von einem wiederum an einem anderen Baum aufgepfropften Zweige geschnitten. Die Frucht, die dieser mein Zweig trägt, an dem ich mich halte, ist das Gebilde des Menschen durch die Jahrtausende, nie wieder zu gewinnen auf dem sonst allen Pflanzen vorgezeichneten Wege, aus dem Samen. Wenn ich von meinem „Oloire de Dijon“ ober „Mevrouw von Rossem“, die an meinem Weg vom Juni bis Weihnachten blühen, die mir, darf ich wählen, die erwähltesten Rosen sind, Früchte reifen lasse und deren Samen aussäen würde, es würden mir Wildlinge wachsen, vergleichbar mit denen, deren Samen ein Wind an den Waldesrand oder in eine Mauerritze trug. Die Geschichte der bewußten Züchtung des ersten edlen Apfels und der ersten edlen Rose ist in Dunkel gehüllt. Es ließen sich allerlei Märchen erfinden, etwa von einem urzeitlichen kaukasischen Siedler, der in Wäldern wilder Apfelbäume die erste süßschmeckende Frucht fand, sie vergeblich versuchte, aus Samen zu vermehren, und endlich auf den Weg der Pfropfung verfiel; man könnte mit einiger Berechtigung das Bild eines chinesischen Züchters viele Tausende von Jahren vor Christi Geburt entwerfen, der in einem unsagbaren Glücksfall die mehrblättrige, duftende Rose fand, die eine unter Hunderttausenden. Es ließe sich erzählen, wie er mit einem Messer ein Auge von einem Stück dieser Rose abschnitt, es unter die Rinde eines Wildlings einschob und es mit Bändern daran befestigte: ein ohne Zweifel von feinen Göttern ihm eingegebener Einfall. Nicht ins Dunkel gehüllt aber ist die weitere Geschichte des Apfels und der Rose, sie ist bis in alle Einzelheiten bekannt, es geschieht das Merkwürdige, daß sich an ihr, an der Pflege des Apfels und der Rose ablesen läßt, ob die Menschheit auf Höhen wandelte ober eine Zeit bes Verfalls burchlitt, ob Frieben ober Ruhe herrschte ober bie Erbe von Haß unb Krieg bebroht war. Alle großen Herrscher nahmen sich bes Obstbaues an: Karl ber Große, Friebrich Barbarossa, Friebrich ber Große. Als bie Renaissancestäbte zu blühen begannen, waren es bie Verwaltungen dieser Städte, die große Anbauungen von Apfelbäumen durchsetzten und genaue Vorschriften für ihre Pflege Herausgaben. Es ist genau zu verfolgen, wie starke Zeiten und starke Manner sich'um den Obstbau kümmerten. Der Große Kurfürst verbrachte feine Mußestunden beim Pfropfen der Apfelbäume, Friedrich Wilhelm I. von Preußen nicht minder. In der Rose spielt Eros, und zwar der niedrige sowohl als auch der höchste. Sie ist das Werk des Menschen, das unter seinen Händen wieder- gibt, was im geheimsten in ihm ist. Hellas unb Rom! Wie spiegeln sich biese Welten in ihr roieber! Im alten Athen würbe die Rose bei den Mysterien zu Ehren des Dionysos in das nächtliche Fest geworfen; die Blätter der Centifolia fielen über bie Tanzenden, die vom Geist des Gottes und ber Frucht, in ber er lebenbig, dem Weine, trunken waren, bamit sich alles vermische: die Frucht, die Blume, der Mensch zu Ehren des Gottes. — Um bas verenbende Rom ber Cäsaren dehnten sich Rosenfelder von unvorstellbarer Größe aus, fo daß bem Bauern kein Raum für [ein Getreide mehr blieb. Auch diese Rosen dienten für Feste, und es waren Feste, wo aus der Weihe leere Nachahmung wurde und maßlose Verschwendung! Knietief wateten die Gäste in den Palästen der Riesenstadt in Rosenblättern, die Kissen, auf denen sie lagen, waren mit Rosenblättern ausgeftopft, mit Rosenöl die Leiber gesalbt; es wurden nach einem Fest beim Kaiser Heliogabalos Gäste erstickt von den Rosenblättern aufgefunden, die von den Galerien in den Saal geworfen waren. Während das geschah, kam nach Hellas und Rom ein drittes auf, größer als beide. Auch diesem wurde die Rose sogleich zum Ausdruck seines innersten Wesens. Von den frühesten Christen wurde sie zum Sinnbild des liebenden Herzens der Mutter Gottes erhoben, sie, die gefüllte Rose, die mit ihrem dichten Stamm von Blütenblättern die Staubgefäße unb ben Fruchtboden verhüllte unb also gleich dem Kinde Marias aus unbefleckter Empfängnis hervorgeaangen war. Rosengärten, ehemalige Friedhöfe, gaben den frühesten Versammlungen deutscher Fürsten den Hintergriind. Inmitten von Rosengärten fanden die Turniere ber Ritter statt vor Tausenben von blühenden Herzen, die zwar nicht mehr allein das Herz der Mutter Gottes bedeuteten. Wo immer eine langhin währende Tat, ob im Bösen, ob im Guten, geschab, da wurden die Rosen gepflegt, die untrennbar non Glanz und Größe sind. Im rosen- reichen Thüringen stand Luthers Wiege. Sein Wappen war ein Herz, darin eine erblühte Rose, daraus ein Kreuz. Auch bas 19. Iahrhunbert schwelgte in ihr unb brachte zugleich mit Anbruch bes technischen Zeitalters bie ungeheuer schönen Sorten der Teerosen und Teehybriden hervor, darunter Marechal Niel, La France, Souvenir de MaJmaison. Das erste Drittel des 20. Jabrhunderts ist zu Ende. Nach der Kiinst'ich- keit allen Lebens regt sich ein Drang zur Schlichtheit und Einfachheit, der dennoch den ßurus nicht entbehren will. Er findet sofort in der Rose feinen Widerhall. Nach der unsagbaren Künstlichkeit aller Kreuzungen wird bie Gartenrose gezogen, die bas Wesen ber Wilbrose ausweist. Der Hochstamm, auf dem die verweichlichten, „vermenschlichten" Rosen blühen, verschwindet mehr und mehr. Die Rose darf wieder in Büschen wachsen ober darf klettern. Der klare Blütenaufbau wird wieder hergeftellt unb ber lockere Wuchs, dennoch treibt bie Pflanze Knospen durch sieben Monate hindurch, ist iebe Blüte gefüllt, duftend und so verlockend wie immer. Auf meinem Sompofthaufen sammelt sich die Weltgeschichte in Gestalt von welkenden Rosenblättern und faulenden Aepfeln an. Einige Tage bleibt er ganz bunt und leuchtet weithin. Das mit der Maschine ums fmus herum geschnittene Gras kommt dazu, das noch rafcher matt wird. Bald treibt alles durcheinander, es erhitzt sich, löst sich aus und weckt Milliarden von Bakterien, es wird zu lockerer, duftender Erde. Die kommt bann wieder an die Wurzeln der Rosen, sie wird in die Gräben geschüttet, die über den Hauptwurzeln meiner Apfelbäume gegraben werden und da, wo die nabrunasaufnebmenben Svitzenwurzeln unter ber Regentraufe ber Krone liegen. Sie wirb üb->r die Wiese gestreut. Ich mache mich selbst an die Arbeit, schneide die Wildlingssprossen ab, fege den Bäumen bie Fanggürtel für bas Ungeziefer um, wende das Gras, das an der Oberfläche schon grau und trocken wurde. Das Quartett ist beisammen. Verantwortlich Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- unb Sieindruckerei, R. Lange, Gießen.