GiehMrZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, den 23. August Nummer 65 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL (Schluß) Josepha blätterte in den Zeichnungen, Entwürfen und Skizzen, mit denen meine Werkstätte überschwemmt war. Sie hatte sich nie viel um meine Kunst gekümmert, die Geringschätzung ihres Bruders hatte ihre eigene Meinung beherrscht. Ich merkte, daß sie sich nun Mühe gab, den Weg des Verstehens zu gehen. Sie wußte nichts davon, baß ich Martina verloren hatte. Vielleicht saß die Furcht vor dieser Liebe wie ein nagender Wurm in ihrem Herzen, aber sie bot mir dennoch ihre eigene Liebe. Eine arme, graue, schattenhafte Liebe, aber sie gab mir, so viel sie eben geben konnte. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und sie erbebte unter-dieser ungewohnten Zärtlichkeit, die gleichfalls nur ein Schatten war. Mit furchtsamem Erstaunen sah sie mich an und schmiegte sich an mich. „Ach, Francesco, wenn du doch endlich deine Ruhe finden wolltest", flüsterte sie schüchtern. Da beschloß ich, nichts von dem zu tun, was ich hatte tun wollen, um das Schicksal nicht herauszüfordern. Meine Aufgabe war nicht Mord und Kamps, meine Pflicht war die Vollendung meiner selbst. Vielleicht erwartete Josepha die Aufforderung, bas Stadthaus zu verlassen und zu mir zu ziehen. Aber so weit war ich noch nicht. Ich ließ sie gehen, betrübt und doch getröstet, abgewiesen und doch von einer fernen Hoffnungsahnung erhoben. Am Abend dieses Tages kam Siebold. Er war die ganze Zeit über fitester, düster und wie unschlüssig gewesen, heute sah ich ihn entschlossen und aufgerichtet. „Nun bist du wieder fest in dir, Francesco", sagte er, „nun hast du dich wieder gefunden!" Woher wußte er es schon, daß ich, mir selbst zur Verwunderung, ein Gefühl der Sicherheit und Erhellung in mir trug? „Nun ist auch mir die Kraft gekommen, sie zu überwinden. Nun sollst du deine Rache haben." „Meine Rache? Wofür?" „Für Martinas Tod. Und alles. Und all das andere. Komm mit mir." Wir schritten der Stadt zu. „Wohin gehen wir?" fragte ich. r Siebold blieb stumm. Es war eine stürmische Herbstnacht, der Wind bog die Baumkronen wie Grasbüschel nach einer Seite, pfiss um die Dächer der niederen Vorstadthütten, und immer, wenn er ein Stück des Himmels freigelegt hatte, brach ein greller, heftiger Mondschein hervor. Unsere Wanderung war kurz. Das Haus, vor dem Siebold stehen blieb, lag am selben Ufer des Manzanares, es war das Haus der Isabel Calderana, in dem sie mich einst empfangen hatte. Was wollte Siebold noch einmal in diesem verlassenen Haus, dessen Besitzerin verschwunden war? Unter seinen Händen knackte das Schloß der Tür, wir traten in die stickige, unfreie Lust lang verichloisen gewesener Häuser. Siebold sandte das Strnh- lenbüudel seines Laternenauges auf unseren Weg. Wir öffneten jede Tür und sahen in jeden Raum, und nachdem wir uns überzeugt hatten, daß alles leer war, kehrten wir in das Zimmer zurück, in dem ich einst Isabel gegenübergestanden hatte. Es war alles noch genau so wie damals. Der gotische Christus hing mit verrenkten Gliedern und schmerzzerwühltcn Zügen an der Wand, und gegenüber hob das gehetzte Mondlicht für einen Augenblick meine Zeichnung des Grabmals der Caecilia Metella aus der Finsternis. Siebold befahl mir die Laterne zu halten und zog mit Kohle einen schwarzen Kreis auf dem Steinpflaster des Bodens. Dann legte er behutsam in seinen Mittelpunkt ein dunkles Etwas, das wie ein Büschel Haare aussah. „Was ist das?" fragte ich. «Eine Locke Martinas." Eine Locke Martinas? Wann hatte sich Siebold einer Locke der Geliebten bemächtigt? Ich wußte nichts davon. „Schweig, Francesco!" kam Siebold meiner Frage zuvor, „schweig! Die Zeit ist da, mit Belisa endgültig abzurechnen." Er ließ das Laternenauge erlöschen, nun standen wir im Dunkeln, nur Hetzen des Mondlichtes wehten ab und zu in das Zimmer. In diesem Schwei- ren, das mich von allen Seiten umklammerte, entfernte sich meine Seele cus meinem Körper. Sie schwebte frei im Raum! hellsichtig trotz der Finsteriris, sah ich die zwei an der Wand lehnen, den Maler Goya und den Mann, ber den Dämon herbeizwang, indem er sich in die leichenhafte Starre verätzte, in der ich ihn schon einmal erblickt hatte. Damals als wir den Freund lerettet hatten, der daun zn meinem Feind geworden war. In welches Zwischenreich hatte er sich begeben, wo weilte er, während er seinen Kampf mit ber Singdogmo aufnahm? Und war ich nicht auch auf dem Weg, ihm dahin zu folgen, wenn ich so außer mich getreten war, daß ich mich selbst vor mir erblickte? ' Die Zeit war wesenlos geworden. Plötzlich hörte ich, wie sich die Tür öffnete. Es waren keine Schritte zu vernehmen gewesen, kein anderes Geräusch als das Aechzen des Windes und das Fegen der Baumäste. Aber nun ging eine Tür, und plötzlich wieder in mich selbst zurückgekehrt, sah ich mit den Augen meines Leibes die Pastrana inmitten des plötzlich herbeigerufenen harten Lichtkreises aus Siebolds Laterne. Sie war aus dem Nebenraum getreten, aus Jsahels Schlafzimmer, das wir vorher leergefunden hatten. „Belisa!" rief sie Siebold an. „Belisa!" „Ach, die Pastrana! Die arme, alte Pastrana! Die Hexe Pastrana", nickte die Alte. Das Weib stand in seiner ganzen Häßlichkeit vor uns, triefäugig, mit verwirrtem Haar. Mit schleppenden Beinen und stoßenden Hüften näherte sie sich dem Kreis und bückte sich, um die Locke Martinas aufzunehmen. „Totenhaar!" sagte sie mit dem spöttischen Lächeln, das mir immer Grauen erregt hatte, „Totenhaar, das dir gehört, Francesco!" Sie reichte die Locke mir, und ich nahm aus den Händen der Hexe das Haar der Geliebten. „Du bist es gewesen, Belisa! Lang hast du mich getäuscht." Siebold stand groß und gebietend vor der Alten und seine Worte hatten eine Wucht wie Schläge gegen Metall. „Du hast diese Frau getötet." „Sie hat mir genommen, was einmal mein gewesen ist." „Du hast Francescos Freund gemordet." Die Alte kicherte: „Er war der Freund meines Feindes." „Du hast Francesco nach dem Leben getrachtet." «Ja! Ja! Ja!" „Du hast dich gegen deinen Meister empört, Belisa. Du, Geschöpf meines unheilvollen Willens, hast dich abgespalten von deinem Schöpfer." „Unheilvoller Wille empört sich immer gegen seinen Entsender." „Es ist genug. Ich zerbreche dich. Ich vernichte dich. Ich werfe dich dorthin zurück, woher ich dich ries." Siebold wuchs noch mehr empor. War es wirklich so, wie es mir im Augenblick erschien, daß Siebolds Füße die Steinplatten nicht berührten und daß er sich in die Lust erhoben hatte? Die Laterne war zu Boden gefallen und ihr gesammelter Strahl erhellte mit ganzer Kraft einen abgelegenen Winkel neben dem Gekreuzigten. Siebolds Linke war mit geballter Faust aufgereckt, die Rechte streckte die gespreizten Finger furchtbar gegen die Pastrana. An jedem von ihnen flammte ein blaues Licht. „Geben Sie sich keine Mühe, Meister!", sagte die Pastrana sanft und mit weicher Stimme, „Ihre Künste sind unnötig, meine Zeit ist um. Ich weiß es. Ich habe es gewußt, ehe Sie gekommen sind. Ich gehe, weil ich zu Ende bin, nicht weil Sie das große Nein gegen mich schleudern." War das noch die Pastrana, die da sprach, mit einer Stimme, die alle Schärfe verloren hatte? Der Klang ihrer Worte war bescheiden, ja demütig, sie kamen fast behutsam daher, als wollten sie niemandem weh tun. Ja — war das noch die Pastrana, die widerwärtige alte Vettel, meine grimmige Feindin von Anbeginn an, die uns alle, Martincho, Miguel, Martina und mich, ja vielleicht sogar Siebold benebelt und verhext hatte? Ich sah sie im wieder eindringenden milchig geronnenen Mondlicht, aber das waren nicht mehr die abstoßend häßlichen Züge der alten Bettlerin. Eine verborgen gewesene Schönheit kam unter ihnen zum Vorschein, ein Wunder geschah, es war, als würde eine entstellende Schminke von unsichtbarer Hand fortgewischt, das Hexengesicht wandelte sich, und aus den geglätteten Falten blühte ein Lächeln hervor. Weiß Gott, die Pastrana lächelte ... aber es war ja gar nicht mehr die Pastrana, die mich da still, traurig, ergeben und rätselbaft anlächelte, es war ... ich schaute in ein bekanntes Gesicht, in das der Isabel Calderana. Und zugleich wandelte sich auch die Gestalt, der verkrümmte Rücken streckte sich gerade, die verrenkten Glieder wurden straff. Mit einer leisen, anmutigen Bewegung strich sie das Zottelhaar aus der Stirn und hob den Kopf. Das dauerte jedoch nur das Vorüberhauchen weniger Sekunden, dann stieß die Frau einen Seufzer aus. Ich sah sie taumeln und wanken, ihre Glieder wurden wieder schlaff, sie sank in sich zusammen. Siebold sprang auf seine Laterne zu und ließ das Bündel des geschliffenen Lichtauges auf das Gesicht der daliegenden Frau fallen. „Gift? Gift, Isabel?", murmelte er, „es ist Isabel!" „Ja, auch Isabel", lächelte die Frau. Was für eine Schauspielerin war doch diese Frau, was für eine unvergleichliche Künstlerin der Verwandlung, daß sie es verstanden hatte, in zwei Gestalten zu erscheinen, so verschieden voneinander wie die stolze herbschöne Isabel und diese Hexe Pastrana. Ich (ob aber auch, daß eS wirklich mit ihr zu Ende ging, das Lächeln, I das fie nun mir voll zuwandte, war das einer Sterbenden ,,Du bist stärker gewesen, Francesco , sagte sie lerse, „das hecht. Dem Gott war stärker als mein Teufel/' Aber noch immer war die Verwandlung nicht beendet, wahrend ste sprach, drängte wie ans den Abgründen ihres Wesens noch em drittes- Gesicht empor, ichob die Züge der Isabel beiseite und nahm mit, immer bekannter L 3t* !-«-n... - * w N-b. I-IItzm-, u»->g>°»d«ch- »-»II in ch--m Blick, der die letzten Schleier zu zerreißen schien. Es war als streiche em Nachdenken über die reingewordene Stirn. , I ,Fann man jemals anshören zu lieben", hauchte he, wenn man einmal %et Hauch glitt von ihrem Mund und der Blick aus ihrem Auge. Ihr I Gesicht oisenbarte mir die letzte Wahrheit. . Die Frau, die verstummt und sich selbst zuruckgegeben vor mir lag, war ! Blandina, wieder jung und schön geworden wie damals, da ich he aus I dem Kloster geraubt und an mein heißes, sündiges Herz gerissen hatte. * Den Ausgang des großen Kampfes hast du, mein Freund Endeslant, I in Spanien nicht mehr milerlebt. Dein Regiment ist abgezogen worden, kurz nachdem Zaragoza durch eine zweite Belagerung zu Fall gebracht worden war, aber lang, ehe, nach sieben Jahren der Greuel über dem blu -- getränkten Boden des Vaterlandes wieder bte Fahne der Freiheit sich ent* ^"?lber"E kannst ermessen, welcher Jubel mich selbst beglückt hat, als Spanien den Spaniern wiedergegeben war, mich, den sie den Asrancesado, I den Franzosensreund nannten, weil ich mich damit abfinden mußte, auch I Josephs Hofmaler zu werden und weil ich die Bilder meiner Landsleute I ausgewählt habe, die der Kaiser für würdig sand, in sein Museum zu Paris gebracht zu werden. , , , r , . . ... . Siebold habe ich in jener Nacht zum letztenmal gesehen, m der sich der Kamps gegen die entschied, der er den Namen Löwengejicht gegeben hatte. Er hat seither nichts mehr von sich hören lassen, und wenn du nicht fernen Aufenthalt kennst, ich weiß nichts von ihm. Auch Josepha ist von mir gegangen, wie em stiller, grauer Schatten ist I sie aus meinem Leben gewichen. Aber meinen Sohn Francesco Javier habe ich wiedergewonnen, seine Liebe mag ihm wieder erwacht sem, als er 1 sah, daß seine Mutter und ich uns, in Verzicht und Eintracht versöhnt, ge- I funden haben. . , . , _ . , I Und so hat sich mir auch die Sippe der Gorcoechea wieder zugewendet. Martino, von seinen Leiden wie durch ein Wunder wiederhergestellt, hat I mich in lein Haus in Bordeaux ausgenommen, wo er als Verbannter ge- I lebt hat. Warum ich Madrid verlassen habe? Eines Tages stand der Riese vor mir. Ungeheuerlich aufgereckt, mit Glotzaugen und wildem Greisenhaar hielt er einen nackten Men chen in den Klauen, dem er schon den Kops abgebissen hatte und an dessen Arm er schmatzend kaute. ., „ .. „ . . . o . Ich habe ihn bezwungen, indem ich ihn an die Wand meineS Land- ^Äen traf ich zwei Kerle, die, obivohl sie schon bis zu den Knien tn den Boden eingesunken waren, mit Knüppeln wie Irrsinnige aufemanber losschlugen, als hätten sie ben entscheibenben Kampf zwischen Recht und Unrecht untereinanbet auszutragen. Ober waren he zu biesem Zweck aus dem Boben ausgestiegen, zwei Kämpfer aus bet Saat bet Drachenzähne ? Ich htztte Schreie unb sah eine Frau in ben Hänben wüstet Mannet, die sich anschickten, he mit auseinandetgezertten Gliedern auf ein Kreuz zu nageln. War es die Wahrheit? War es Spanien? Nachts klopfte es an mein Fenster, und wenn ich öffnete, kam es in Scharen herangeslattert, die dichten Schwärme der Lammen, die Vögel der Nacht mit Eulengehchtern und Geierkrallen, die, von den Leichen der Gehenkten angezogen, um die Galgen flattern. Sie zogen durch mein Haus hin und her, gierige Schreie ausstoßend, zu Klumpen geballt, |ie erfüllten alle Räume, bis sie durch ein anderes Fenster wieder abzogen. In meiner Küche überraschte ich die Pastrana dabei, wie sie zusammen mit einem Dämon aus meinem Suppennaps eine stinkige Brühe löffelte, einem üblen Gesellen, dem um das gelbe Knochengerüst des Schädels das verweste Fleisch in Fetzen hing. Sie luden mich grinsend zur Mahlzeit ein; gusta usted!, aber ich dankte, ich käme eben vorn Essen. Nachts erwachte ich und sah Isabel mit gezücktem Messer über mir stehen; bereit, es mir ins Herz zu stoßen, während sie sich in ihrer anderen Gestalt als Pastrana selber zwischen den hohlen Händen dazu das Licht hielt. Alle habe ich sie überwunden, indem ich sie sesthielt und an die Wand meines Landhauses bannte. Wenn ich sie einmal so weit hatte, so konnten sie mir nicht mehr entrinnen, und ich brauchte sie nicht mehr zu fürchten. Die Leute haben mich gefragt, was das alles bedeuten solle. Sie haben es mich gefragt in der Sprache der Finger unb inbem fie es auf bie Schiefertafel schrieben, bie ich nun immer bei mir trug. Denn nachbem es zur Zeit meines letzten Ringens gegen bas Löwengesicht ben Anschein gehabt hatte, als solle es mit meinem Gehör besser werben, war völlige Taubheit Über mich verhängt worben. Ich ließ sie mit ben Fingern fragen unb aus bie Tafel schreiben unb behielt bie Antwort für mich. Sie haben mich auch gefragt, wer bie halb verhüllte Frauengestalt ist, bie ich so anmutig unb schwermütig, so ergeben unb geheimnisvoll lockenb gleich an bie Tür bes Saales im Erbgeschoß hingemalt habe. Was brauchen sie es zu wissen, wer bamit gemeint sein soll? Aber bir, Enbeslant, will ich es sagen, baß biese Frau an bet Tür, mein erster Anblick beim Eintritt unb mein letzter Gruß beim Ausgang, meine Martina ist. Ich habe mein Lanbhaus verlassen, nicht weil ich mich vor ben Gestalten 'Ürchte, bie mich barin umbrängen. Ich kann mit ihnen fertig werben, benn le hnb ja nur Gewesenes, ich stehe mit ihnen aus Du unb Du, sie verwirren mich nicht mehr. Aber ich muß doch mit ihnen kämpfen, ich muß unablässig auf dem Posten lein, sie nehmen mir Zeit, die ich zu noch anderen Dingen brauche. . , _ m ,, Die Nacht ist ja nur die eine Seite bet Welt. Datum habe ich mein Lanbhaus verlassen und bin nach Botbeaux 9ei®enn ich habe noch viel zu tun, ich muß bie ganze Fülle bieses Daseins burch mich hinbutchgehen lassen. . Ich bin ja auch noch jung, erst zweiundachtzig Iahte, mein Pinsel ist jung und meine Beine sind jung, wie ein Wiesel laufe ich hier wieder die Treppe hinauf unb hinab, nachbem es mir in meinem Lanbhaus zu steigen manchmal schon mühsam würbe. , ... morbm Unb ich gebenle wie Tizian neununbneunjtfl Jahre alt zu werden. Nachschrift von bet Hanb Melchior Enbeslants. Am Tage nach bet Beenbigung bieset Nwberfchrift, am 26. April 1828 ist bet Malet Francesco Goya von bet Treppe fernes Hauses in Botbeaux gestürzt unb nachts herauf einem Schlaganfall erlegen. Das Goldringlein. Volksweise. Balb gras' ich am Neckar, Balb gras' ich am Rhein, Balb hab ich ein Schätzet, Balb bin ich allein. Was hilft mir bas Grasen, Wann bie Sichel nicht fchneidt, Was hilft mit ein Schätze!, Wenns bei mit nicht bleibt. Unb soll ich bann grasen Am Neckar, am Rhein, So werf ich mein golbigeS Ringlein hinein. Es fließet im Neckar Unb fließet im Rhein, Soll schwimmen hinunter Ins tiefe Meer nein. Unb schwimmt es bas Ringlein, So frißt es ein Fisch, Das Fischlein soll kommen Aus's Königs sein Tisch. Der König tat fragen, Wem's Ringlein foll sein? Das tat mein Schatz jagen, Das Ringlein g'hört mein. Mein Schätzlein tät springen Bergauf unb bergein, Tät mir roieberum bringen Das Golbtinglein fein. Kannst grafen am Neckar, Kannst grafen am Rhein, Wirf bu mir nur immer Dein Ringlein hinein. Oie Grabrede. Von Wilhelm Schäfer. In Altenkirchen auf bem Westerwalb weiß man von einem Bürget- I meister zu erzählen, bet fich am offenen Grab bie eigene Leichenrede hielt. Et wat vordem Soldat gewefen, und zwar fo, baß er im Iahte siebzig tapfere Taten verrichtet hätte, wenn er nicht gleich nach Weißenburg bei einem kühnen Ritt zur Nacht in einen Fanggraben unb baburch m Die Jöänbe bet Franzosen geraten wäre, bie ihn mit wenig Artigkeit und vieler Vorficht an bie Pyrenäen verschickten. Da saß bet Hauptmann, bet fich ein Leben lang auf Schießen unb Schlagen gefreut hatte unb webet m Schleswig noch gegen bie Bayern so recht herangekommen wat, viele Monate lang an einer wunbetschönen Küste, aß gebackene Fische unb tränt ben bc|te Rotwein; nicht anbei« als ein Spezeteihänblet, bet auf feinen zufammen- gekratzten Gtofchen in einem Babeörtchen ben Rentner fpielt. Unterbeffen würbe Mac Mahon bei Seban fo ins Bein geschahen, datz er die Schlacht nicht felber zu verlieren brauchte, Napoleon sah m Wuheim. höhe die Wafferkünste fpringen, Giambetta konnte aus Paris Nicht anöcra als im Luftballon verreisen, unb Bismarck spielte eine Schachpartie, wovc> bie Franzosen den König unb bie Königin verloren. Von allem hörte oct Hauptmann auf seiner weißen Terrasse am blauen Wittelmeer nicht meyi, wie wenn bei einem Selbstmord die Dienerschaft dem Haus bte Deputation bewahren will. .... . Erst als bie Einzugsfeier im Holzfchniit eingerahmt schon an ben ^anaen bet beutfchen Stuben hing unb er nicht anbei« als ein Dibietabummier mit bem Schnellzug nach Koblenz kam, wo feine Flau wbeffen bie Kricys iiachtichten, Tag für Tag zu vierzehn Diefenbünbeln eingeklebt. Wie ü" wanbballen auf ben Kleibetfchtank gestapelt hatte: ba las bet Hstuptm von bem Krieg, in ben et feinen Helm mit Eichenlaub fo stolz 1),nc*,'0etra2 jc hatte. Nun mags für einen Lahmen ein Hetzensjammet fein zu hören, bie Gefunben mit tot unb braun gebrannten Backen von Gletfcherfali stolz erzählen: ber Hauptmann aber hatte ©lieber stark unb lang wie ein Flügelmann. Als er zu Ende wat mit Kefen, es waren einige Wocy hingegangen, gingen die Fakten über seiner schönen Nase, nur zum Versuch hineingesetzt, nicht mehr fort. Es fehlte nicht an solchen, die sein Mißgeschick begriffen; auch legten sie ihm nahe, daß man in seinem Unglück die Tapferkeit nicht unterschätze Er aber mochte nicht nach Knabenart den Krieg nur spielen, nachdem die andern einen harten Ernst daraus erfahren hatten. Wenn sie bei ihren Liebesmahlen mit mannhafter Fröhlichkeit dasaßen und nicht anhalten konnten, vom großen Kampf zu reden, dann sah er feine Finger zart auf dem weißen Seinen liegen. Er mochte nicht erwarten, daß seine Kameraden ihm die gutgenährten Glieder und den starken Bauch bespötteln würden- nach einem verdrossen hingeschleppten Vierteljahr nahm er den Abschied setzte Frau und Tochter auf einen Wagen und ritt leibmütig dahinkerher, zum Westerwald hinauf nach Altenkirchen, wo die Regierung ihm für seinen Hauptmannsrock ein Bürgermeisteramt eintauschen wollte, und wo et noch von seiner Mutter her ein Haus besaß mit hohen Lebensbäumen vor der Tür und Haferfeldern hinterm Garten. Da ritt er manches Jahr noch über die Landstraßen, die mit Eschen, manchmal mit Tannen eingefaßt auf kahle Höhen, durch dichte Wälder führen, oft aber auch an Wiesenbreiten und lustigen Bächen mit Huflattich und Erlengebüsch vorbei um eine Mühle schlängeln oder sich durch Enten und nassen Lehm in ein Dorf verlieren, um oben an dem Kirchhof wieder in den Wald hinaufzusteigen. So wie ein halbes Stündchen von Altenkirchen der Turm von Almersbach abseits auf einem Hügel steht. Die Kirche hängt daran nicht größer als sonst wohl eine Sakristei; der Turm steht weiß gekalkt und dick mit einer stumpfen Schieferhaube, wie wenn ein weißer Mönch da überm Wiesental in Träumerei geraten wäre. Von der Straße geht der Weg zu ihm hinunter durch einen Kirchhof, wo die Heckenbeeren roter und leckerer sind als weit herum. Auf diesem Kirchhof hielt der abgedankte Hauptmann sich als Bürgermeister von Altenkirchen die eigene Leichenrede, und das war so: Als er an einem Herbsttag, klar und kühl wie Moselwein, vorn Wald herunter an den Hügel von Almersbach geritten kam — er hielt sein Pferd im Schritt, seitdem ihm seine Frau gestorben war, wie wenn er traben und galoppieren nicht mehr vertragen könnte, und war doch trotz dem weißen Schnurrbart noch ein kräftiger Kerl — trappelte von der Seite auf den Weg ein Leichenzug, an dem alles in der Ordnung war: der Leiterwagen mit dem ©arg, die weißen Taschentücher in den Händen der Leichenträger, Männer und Frauen in Umschlagtüchern, auch Kinder genug, um eine schöne Predigt anzuhören, nur der sie halten sollte, war nicht da; und weil es ohne Pfarrer keine Christenleiche ist, so sah es traurig aus, wie sie mit ihrem Toten gefahren tarnen. Der Bürgermeister hielt mit seinem Pferd seitwärts im Gras, und alle kannten und grüßten ihn. der wie auf feine Kompanie hinuntersah. Als sie durch das faubere Tor tm Kirchhof waren, den fie mit ihren Köpfen in der hohen Hecke wie einen grünen Korb mit schwarzen Kirschen füllten, als das Geschwätz aushörte und einige Befehle tarnen, wie wenn nun eine Uebung auf dem Exerzierplatz anfangen sollte, stand er mit seinem Fuchs noch still beiseit im Gras. Danach — der Sarg war schon ins Grab gelassen, die Leute standen schweigend da und warteten auf ihre Gewohnheit, wo sonst die Rede des Pfarrers tommen mußte — stieg er bedachtsam von seinem Pferd und band die Zügel an den ersten der schlanten Tannenstämme vor dem Tor, steckte die Reitpeitsche in den Stiefel und ging hinein. Zuhinterst quengelten zwei Weißtöpfe, die sich nicht mehr vordrängen tonnten; die fragte er gleichmütig nach dem Pfarrer. Der eine hatte rote Augenränder und einen offenen Mund; der andere war trotz seinem Alter noch ein harter Kerl und fing nach Bauernart moralisch an zu ntäteln: daß, wer sich selber vom Leben brächte, keinen Leichenspruch verdiene wie ein Christenmensch. Indessen hatten sich die Köpfe der andern nach ihm umgewandt; fo fragte er im kurzen Hauptmannston: warum dem Mann das Leben leid geworden sei? Und weil der alte Kerl nur albern lachte, wobei der mit den Augenrändern nach Kräften half, drängte er sich durch an eine Frau, die ehrlich weinte und ihm mit dem Vergnügen einer rechten Traurigkeit erzählte, wie ihrem Bruder „voricht Woch" der Hof verkauft und danach das Leben leid geworden wäre. Das wurde eine Erzählung, daß sie alle die Hälse reckten. Und weil dem Bürgermeister war, als ob die vielen Augen etwas von ihm wollten, auch weil er nicht gewohnt war, hinter den Leuten herumzustehen, ging er mitten durch bis an das Grab, wo er sie alle wie zur Parole um sich versammelt hatte. Da stand er mit geschlossenen Hacken, sah in das steinichte Loch und auf den schwarz gestrichenen ©arg darin, dann in den Himmel, der an keinem Tag des Jahres so blau gestanden hatte hinter rotem Laub und dunkelgrünen Tannen, nahm seinen Hut wie einen Helm in feine Reithandschuhe und fing die Grabrede an. Nicht im Namen Gottes und des Königs, fonbern dessen, der da unten lag in offener Erde, auf der die andern noch mit lebendigen Füßen standen. Er mochte anfänglich nur ein paar Menschenworte gewollt haben, für die Ohren, die in Gewohnheit darauf warteten. Doch wie er davon sprach, daß diesem Mann sein Haus und seine Aecker mehr gewesen wären als Besitz: als er den Boden verlassen mußte, den seine Väter für ihn bereitet hatten, mit dem Geruch blühender Kornselder, als er ihn hergeben mußte, wie wenn sie ihm den Rock vom Leibe zögen — der Bürgermeister wußte gar nichts von dem Mann, er brachte das nur vor, um diesen Leuten recht ons Herz zu gehen — aber bei dem Rock war es ihm selber in die Brust gefahren. In seine Worte, die recht in breiten Psarrersätzen hingeslossen waren, kam auf einmal der kurze Hauptmannston. Der machte feine Stimme scharf und hell, daß aus der Leichenrede ein Bekenntnis wurde unter sonnigem Herbsthimmel vor einem offenen Grab: von einem Menschen, der in feiner Sache gewesen wäre wie ein Hammer auf dem Amboß, den man hinausgeworfen hätte aus den blauen Schmiedefunken, wie man ein nasses ©eil ins Gras zum Trocknen legt. Es wurde ein Bekenntnis mit Worten wie geworfene Messer, und alle flogen auf ihn selbst zurück: Und wem der Herrgott seinen Platz sortnahm, hat auf der Welt nichts mehr zu suchen! Als er das sagte, der nun breitbeinig in seinen Reiterstiefeln stand, fuhr er mit feinem Arm in einem mächtigen Schwung sich an den Hals, wie wenn er den ganzen Himmel hätte durchschneiden wollen, sah über den Ellbogen wohl eine Minute lang in das braune Loch, indessen ihm ote weißen Schnurrbartsüden naß auf den Aermel hingen; nahm danach sacht die Hacken auseinander und ging mit kurzer Wendung hinaus zu feinem Pferd. Die meisten drängten nach und sahen ihn versunken stehen bei feinem Sier, bis er noch zitternd mit den Händen den Zügel losband und in den Sattel stieg. Das erste Stuck im Schritt tote sonst, danach, toie wenn es aus dem Gaul von leider käme, aus kurzem Trab übersetzend in einen prachtvollen Galopp. Gleich bei den ersten Sätzen verlor er feinen Hut; und so, bloß- kopstg und die Peitsche gleich einem Säbel in der Faust, sahen ihn die Bauern durch die Eschenallee hinunterjagen. Es war zum letztenmal, daß et sein Pferd bestieg; nicht so, als ob er an d" Grabrede gestorben wäre. Er lebte noch sehr viele Jahre als stiller alter Herr m seinem Garten an den Haferfeldetn. Nur war er nicht mehr Bürgermeister. Als ihm so etwas wie ein Verweis zukam, daß er als bürger- liche Behörde einer Kirche Aergernis gegeben habe, entledigte er sich seines Amtes, das ihm solch ein Papier auf feinen Schreibtisch bringen konnte. Seitdem ging jeden Abend einmal wohl die grüne Haustür auf, wenn feine Tochter schwarz und schweigsam mit ihrer Tasche kam, um einzuholen. 3bn selber aber sah man nicht mehr zwischen den hohen Lebensbäumen, auch hinter den gebuckelten Scheiben nicht. Und nut die Nachbarn wußten von der scheuen Art des alten Herrn, den langen Mittelweg in seinem ©arten auf und ab zu gehn und zu verschwinden, wenn eine Menschenstimme tn die Nähe kam. So wäre das Gedächtnis seiner Grabrede still mit ihm vergangen, wenn nicht sein Testament eigen daran erinnert hätte. Seit dem Tod von feiner Frau wat schon int Erbbegräbnis Platz für ihn und seinen Namen auf einer breiten Matmotplatte. Da forderte fein letzter Wille, daß fie ihn drüben bei dem Turm von Almersbach begraben möchten. Richt Kreuz noch Grab- stein durften sie auf feine Stätte fetzen, toie toenn er auch in dieser Einsamkeit fein Leben als überflüssig noch verschweigen wollte, nur einen Felsblock, unbehauen und ohne Schrift auf feinen Hügel wälzen. Der ist nun längst daran, in Gras und Glockenblumen zu versinken. Gleich ihm ein kleiner Stein vom selben Fels, bet wie ein Kind bei seinem Vater daneben auf dem Grab der Tochter liegt. Dichtung im deutschen Süden. Von Erich Langenbucher. Vielfältig sind die dichterischen Stimmen des deutschen Südens, und es ist ein weiter Weg von Hermann Eris Busse zu den Werken Hans Catossas oder Karl Benno von Mechows. Aber alle ihre Bücher klingen zusammen zu einem mächtigen und vielgestaltigen Lied, das uns stolz macht. Die Stadt Bonn ist die Heimat Karl Benno von Mechows. Seine Mutter ist Süddeutsche: so mag es kommen, daß Süddeutschland die Heimat des Dichters geworden ist, aus ihr kommen auch seine Bücher, soweit sie nicht andere Inhalte haben, wie z. B. sein Reiterroman vom großen Krieg. Heute lebt der Dichter in Oberbayern. Den dichterischen Niederschlag seiner Arbeits- fahre als Landwirt finben wir in bem Werk „Das ländliche Jahr", das, wie wenig andere Bücher, das Geschehen des bäuerlichen Jahres dichterisch ersaßt hat. Diesem Werk folgte das Kriegsbuch „Das Abenteuer". Dieses Werk ist das Ehrenbuch des Reiters im großen Krieg, es gestaltet den „Reiterkrieg einer Schwadron im Osten". Die Darstellung des Zusammenwachsens von Mensch und Pferd in Not und Gefahr ist bis jetzt so schön nur unseren großen Tierschilderern gelungen, und auch hier aus ganz andere Art, weil die Geschehnisse des Krieges so verschieden von dem üblichen Erleben sind. Sein schönstes Buch schrieb Mechow in dem Roman „Vorsommer". Er erzählt die Geschichte eines sehr jungen Mädchens und die eines Heimkehrers behutsam und zart, aber doch erfüllt von menschlicher Kraft und verhaltener Leidenschaft. Eine Melodie, die lange nachschwingt. • Mechow verbindet eine gute Kameradschaft mit Paul Alverdes, der seit Jahren in München lebt. Geboren wurde er im Elsaß, die entscheidenden Einflüsse für fein Schaffen empfing er im Kriege. So wird es kaum Der» wundern, daß et nur dieses Erlebnis in seinen Büchern gestaltete. In neuer Ausgabe liegt jetzt wieder vor das erste Buch von Alverdes „Reinhold oder die Verwandelten". Erzählungen vereinigt er in dem Bändchen „Novellen". Wesensmäßig gehört zu seinem ersten Buch die Erzählung „Kilian". Das Erlebnis einer Reise nach der Schweiz und Italien legt er in dem Bändchen „Kleine Reise" nieder. Seinem neuen Werk, an dem er seit langer Zeit arbeitet, kann man nach diesen ersten Proben mit Spannung entgegen» sehen. ♦ Ebenfalls in München lebt der Dichter Josef Magnus Wehner, der mit seinem Roman „Sieben vor Verdun" den Kriegsroman einer kleinen Gemeinschaft schrieb. Es ist vielleicht das Buch des Krieges, das neben den Werken Beumelburgs am meisten von der deutschen Jugend gelesen wird. Das Tagebuch einer Reise nach Griechenland nennt er „Das Land ohne Schatten". Inhalt und Form erhalten darin eine würdige einheitliche Ausgestaltung, die zur Bewunderung zwingt. Ein Bändchen von eigen» artigem landschaftlichem und menschlichem Reiz ist der Roman einer jungen Liebe „Die Hochzeitskuh". Zwei Schwaben, die eigenwillige und eigenartige Gestalter sind, besitzen wir in Karl Götz und Hans Heinrich Ehrler. Götz steht am Anfang seines Schaffens. Der Dorfschulmeister hat mit seinem ersten Buch „Das Kinder» schifs" großen Erfolg errungen. Zwar ist es nicht die engere Heimat, die wir in seinem Buch finden. Aber durch das Werk gehen ihre Menschen: die Kinder schwäbischer Siedler aus Palästina, die er als Lehrer für Wochen in die beutiche Heimat führt. Götz erzählt heiter, froh, aber immer mit tiefem Ernst vor dem Geschehen, bas seiner Kinberschar bei den Landsleuten begegnet — Reicher an Umfang und vielseitiger ist das Werk Heinrich Ehrlers.Der Geburt nach ist er Franke, geboren in Mergentheim. Von seinen Werken seien nur genannt: der Roman vom ,Lahr eines Jünglings", „Wolfgang" und der andere „Die Frist". Die Erlebnisse eines schwäbischen Provinzmannes zeichnete er auf in dem Werk „Meine Fahrt nach Berlin". Land- schasllich bestimmt sind das Buch „Die Reife ins Pfarrhaus" und der Roman Briefe vom Land", und die in den Bändchen „Elisabeths Opfergang" und , Der Hof des Patrizierhauses" gesammelten Novellen. Seine Gedichte finden sich in den schmalen Bändchen „Die Lichter schwinden im Licht", „Frühlingslieder" und „Gedichte". ♦ Umfassender sind die Werke von Hans Carossa und Ludwig Friedrich Barthel, zweier Dichter aus dem deutschen Süden. Bei ihnen wird die Landschaft zum Hintergrund, vor dem sich menschliches Geschehen entwickelt und abwickelt. Bei beiden zart, behutsam, jene Tiefen und Gründe berührend, die nur immer von großen Gestaltern erreicht werden. Dichtung aus deutscher Landschaft — so verschieden alle die sind, die in unseren Arbeiten Darstellung sanden, so gleich ist doch der Ausgangspunkt ihres Schaffens, so ähnlich ihr Ziel: Landschaft und Menschen zu deuten und sie als Einheit vorzustellen, den einen den anderen verstehen zu lassen, sie aufrufend zu einem gemeinsamen Werk und Ziel. Seit vielen Jahren lebt still und zurückgezogen in Freiburg im Breisgau der Dichter Emil Strauß, den wir heute neben Hermann Stehr, Wilhelm Schäfer und Friedrich Griese zu den stärksten dichterischen Kräften der Gegenwart zu rechnen haben, wenn sein Werk, äußerlich gemessen, auch nicht groß ist. Seine Novellen und Romane sind künstlerisch vollendet und dürfen mit gutem Recht klassisch genannt werden. Emil Strauß wurde int Jahre 1866 in Pforzheim geboren, er studierte später in Freiburg, Berlin und Lausanne. In Freiburg lernte er den Dichter Emil Gött kennen, in Berlin machte er die Bekanntschaft mit Max Halbe und Gerhart Hauptmann. Den jungen Dichter trieb es dann nach Südamerika, wo er lange Jahre seines Lebens verbrachte. Lassen uns Straußens Dichtungen im allgemeinen erkennen, wie stark er in seiner schwäbischen Landschaft verwurzelt ist, so beweisen es die Werke, die das Leben Deutscher in Südamerika zum Borwurf haben noch mehr, wie groß der Einfluß Volks- und landschaftsgebundenen Wesens aus die Dichtung sein kann. Eine „Schwabengefchichte" nennt er die Erzählung „Der Engelwirt", in ihr ist die ewig alte und ewig junge Wandersehnsucht schwäbischer Menschen eingefangen, ist ihr Schicksal fern der Heimat festgehalten und mit begnadetem Können dargestellt. Seine Novellen sind zusammengefaßt in den Bänden „Hans und Grete" — schon der Titel verrät das Thema, um das es darin geht — und „Der Schleier", deren Titelnovellen zum schönsten gehören, was wir an dichterischen Werken in deutscher Sprache besitzen. Darüber hinaus müssen Emil Straußens Romane „Freund Hein", eine Schülergeschichte, und „Kreuzungen" erwähnt werden; der Stadt seiner Kindheit schrieb er sein Buch „Der nackte Mann", ein Roman mit historischem Hintergrund, sein reifstes und stärkstes Werk schenkte er uns erst vor zwei Jahren in dem Roman „Das Riesenspielzeug". Der Dichter Wilhelm Schäfer begründete seine Stellung im deutschen dichterischen Schaffen mit seinen Anekdoten, obgleich gerade seine Erzählungen und Romane als Ausdruck der Landschaft, in der er geboren wurde und in der er lebt, angesehen werden müssen. Früh schon kam er von Kur- hesjen ins Rheinland; Maler, Pfarrer wollte er werden und wurde — Lehrer. Ein Stipendium des Verlages Cotta ermöglichte es ihm, als freier Schriftsteller zu leben, selten hat ein Stipendium so schöne Früchte getragen, wie bei dem Dichter der innigen Liebesgeschichte „Anckemanns Tristan", des Romanes „Der Fabrikant Beilharz und das Theresle", das dem Buch „Das Haus mit den drei Türen" folgte. Alle diese Werke haben den landschaftlichen Hintergrund des deutschen Südens und des Westens, auch die beiden Erzählungen „Die Mißgeschickten" und „Die unterbrochene Rhein- sahrt" müssen dazu gerechnet werden. Ganz einmalige Leistungen aber schuf Wilhelm Schäfer mit seinen Anekdoten, die zumeist in dem Band „Die Anekdoten" erschienen sind. Wir freuen uns heute schon auf einen neuen Band dieser kleinen Meisterwerke, der im Herbst dieses Jahres erscheinen soll. Nicht vergessen sollen sein Schäfers historische Arbeiten, so der Roman „Huldreich Zwingli", „Lebenstag eines Menschenfreundes" — ein Pestalozzi-Roman — und endlich „Die dreizehn Bücher der deutschen Seele". * Als ein Künder schwäbischer Innigkeit, gleichzeitig einer jener Schwaben, die über die Grenzen hinaus ihr Volk suchen und sehen, gilt uns Ludwig Finckh, der Doktor von Gaienhofen am Bodensee. Nach dem Studium führten den heute über Sechzigjährigen Reisen nach Korsika und Nordasrika. Den Krieg machte er als Arzt mit, und nach dem harten Ende suchte er in unermüdlicher Arbeit, kleine oder größere Kreise des Volkes an die Quellen seines Wesens zurückzuführen. Er hat selbst einmal seine Aufgabe als Dichter mit einigen Sätzen dargestellt: „Und weil der deutsche Baurn seine Zweige über die Welt breitet, so flog der Vogel in alle Aeste: ich erzähle draußen von der Heimat. Was nicht sanft einging, geriet kräftig, und was nicht ernsthaft bleiben konnte, ging spaßhaft. Mir kam es darauf an, alles in kürzester Form zu sagen, bündig, selbstverständlich — in gutem Deutsch, auf einer Seite, wo andere zehne brauchten ..." Das Gesetz, daran unser Schicksal gebunden ist, spüre ich zuzeiten und bin daran, es sichtbar zu machen. Die Auszählung seiner zahlreichen Bücher — Erzählungen, Gedichte, Arbeiten aus deutscher Vergangenheit — würde eine lange Liste ergeben. Sie alle verdienen es, mehr als früher gelesen zu werden. Denn Ludwig Finckhs Werk dient nur einem Ziel: ein Volk in der Gemeinschaft zu sehen, so wie es der Dichter in seinem wohl schönsten Roman „Ein starkes Leben" zum Ausdruck bringt: „Land meiner Väter — länger nicht das meine, so heilig ist kein Boden wie der deine, nie wird dein Bild aus meiner Seele schwinden. Und knüpfte mich an dich kein lebend Band, es würden mich die Toten an dich binden, die deine Erde deckt, mein Vaterlandl O würben jene, die zu Hause bleiben, wie deine Fortgewanderten dich lieben — bald würden wir zu einem Reiche werden, und deine Kinder gingen Hand in Hand und machten dich zum größten Land der Erden, wie du das beste bist, o Vaterland I" ♦ Wer heute Auskunft zu geben hat über Dichter und Dichtung des bayerischen Lebensraumes, darf dabei zwei Dichter und ihre Werke nicht vergessen, obgleich sie nicht mehr zu den Lebenden gehören. Es ist verschiedenen Verlagen zu danken, daß die Werke Lena Christs zum lebendigen Bestand des Gegenwartsschrifttums gehören. Wer sich an die Anstrengungen erinnert, die früher von vielen Seiten unternommen wurden, um das Werk dieser Dichterin zur fördern, der darf heute mit Recht sagen, daß die Bücher Lena Christs erst in unserer Zeit wieder zur Geltung gekommen sind. Ein für Menschen und Landschaft des bayerischen Landes gleichermaßen gültiges Werk ist der Roman „Matthias Bichler". Aehnliche Themen haben in anderen Landschaften auch im Buch Niederschlag gefunden, aber nie wurde die Gestalt dieses wandernden Deutschen so lebendig aus der Heimat heraus dargestellt. Ein heiterer Roman ist Lena Christs Buch „Madam Bäuerin", lieber diesem Werk liegt ein feiner Humor, ein wenig Ironie und Spott über die, die da meinen, daß Bauersein leicht sei. Ernste und heitere Geschichten sind gesammelt in dem Band „Bauern". Lena Christ dokumentiert durch dieses Werk, wie auch durch ihren Roman „Die Rumplhanni", um was es ihr in ihren Büchern ging: um die lebensechte und kraftvolle Darstellung des bäuerlichen Manschens und seiner Landschaft, mit der er unlösbar verbunden ist. Umfänglicher und vielseitiger ist das Werk des ebenfalls verstorbenen Dichters Ludwig Thoma, aber seine stärksten und eigenwilligsten Werke sind seine Bauernromane und die Bücher, in denen seine Bauerngeschichten gesammelt sind. Wer über die Jugend und die Herkunft des Dichters lesen will, greife zu dem Band „Erinnerungen". Ludwig Thoma erzählt darin mit heiterem Behagen, mit viel Schalkerei und Witz, aber auch mit Besinnlichkeit und Ernst die Ereignisse, die seine Jugend bestimmten. Die bayerische Landschaft läßt den jungen Thoma selbst künstlerisch reifen. Es ist nicht möglich, in diesem Rahmen einzugehen auf den damaligen „Simplizifsimus"- Kreis, dessen Gestalten uns in Ludwig Thomas Büchern oft begegnen. Seine wesentlichsten Romane seien aber wenigstens angeführt, so z. B. „Andreas Vöst" oder „Der Wittiber", „Der Rnepp", oder die Bauerngeschichte „Der heilige Hies", die Erzählungen „Nachbarsleute", die Novellen „Das Kälbchen", schließlich die heitere Sommergeschichte „Altaich" und die beiden Geschichtenbände „Lausbubengeschichten" und „Tante Frieda". Eindringlicher Schilderer der Landschaft um Regensburg herum ist Georg Britting. Er erzählt nicht gerne von sich selbst, so sind die Lebensdaten über ihn knapp. Als das Wichtigste erscheint ihm selbst, daß er „an den Ufern des geliebten Stromes eine glückliche Jugend erlebte“. Obgleich Brittings erstes Buch „Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß" schon vor Jahren erschienen ist, hat sich sein Werk unterdessen nicht sehr viel verbreitert, hinzugekommen sind die Erzählungen „Das treue Eheweib", die der Dichter Otto Brües einmal „mit den Hinterglasmalereien seiner bayerischen Heimat" verglichen hat. Obwohl gerade diese beiden ersten Bücher Brittings in anderen Landschaften, ja Ländern spielen, verraten sie doch seine dichterische Kraft, die bann in den-Bänden „Kleine Welt am Strom" und „Der irdische Tag" ganz zur Landschaft hinfinden. Diese kleine Welt ist die Donau, die Stadt Regensburg, eine Insel und bann, sich ausweitend, bas Lanb seiner Heimat. In biefer Welt ist er groß geworben, ba bleibt ihm, ber bie Heimat mit hellen Augen sieht, nichts verborgen. Zu ben Erzählern ber Gegenwart, auf bie wir mit berechtigten Hoffnungen sehen, gehört Josef Martin Bauer; er lebt in bet Nähe von München in einem kleinen Dorf. Es mag sein, baß gerabe bieses Jn-bet- Heimat-sein ben Büchern jene Unmittelbarkeit unb Lebenbigkeit gibt, bie wir an ihnen schätzen. Für ben jetzt neu aufgelegten Sieblerroman „Achtsiebei" erhielt Josef Martin Bauer vor sieben Jahren ben Jugendpreis deutscher Erzähler. Unter den Siedlerromanen, die wir gegenwärtig besitzen, ist et bet echteste unb lebenbigfte. Die Geschichte einer Straße unb die Schicksale der an chr wohnenden Menschen stellt Bauer bar in bem Roman „Die Salzstraße"; ein Bauetnbuch voll eigenwilliger Kraft ist fein Roman „Die Notthafften"; eine Erzählung von ber Gemeinschaft zwischen Mensch, Lanbschaft unb Tier schrieb er in bet Geschichte „Simon unb bie Pferde"; von einer neuen, aber nicht weniger liebenswerten Seite lernen wir ben Dichter kennen in bem Roman „Das Haus am Fohlenmarkt". Burg-Kunstabt ist bie Heimat bet Dichterin Kuni Tremel-Eggcrt, „ein Frankenstädtchen im oberen Teil bes Mains, bas fo recht auf bet Sonnenseite liegt". Auf bem Berg staub bie Schuhmacherwerkstatt bes Vaters, bort war ber Spielplatz bet Ttemel-Kinber, von benen bie Kuni bie Jüngste war, bas „Zammktatzig". Die Werke ber Dichterin finb „Heimatbichtung" im besten Sinne des Wortes. Ein Original, wie es jede Stadt und jedes Dorf besitzt, gestaltet sie in dem Buch „Fazer Raps und seine Peiniget"; bie Geschichte einer Kleinstabt in ruhiger unb unruhiger Zeit in ben „Rot- mansteinetn". Ihre „Sanna Spitzenpfeil" ist eine Frau, bie in jedem Jahrhundert gelebt hat und in jedem leben wird. Ebenso gültig ist die Muttergestalt in dem Buch „Die Straße des Lebens". In bem Buch „Barb" geht sie bem Schicksal einer Hanbvoll Mäbel nach, bie bamals ein allgemeines Schicksal erlebten. An bem Werk erfreut bie Darstellung bet Menschen und bes Lebens einer kleinen Stabt, das ehrliche Suchen nach einem Weg. Die Dichterin nennt es selbst ein „erstes gläubiges Geschenk". Kuni Tremel- Eggert ist eine liebevolle Gestalterin ihrer fränkischen Heimat. Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsch« LlniversitätSdruckerei R.Lange, Gießen.