Siebener tfcmiilienblüttcr Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang |93Z Freitag, -en 23. Juli Nummer 56 Wir schritten zu dritt durch dunkle Güssen: Siebold, der Bruder Barnabas und ich. Noch hatten wir kein Wort gesprochen, ich war müde, nichts als müde, als hätte ich unzählige schlaflose Nächte hinter mir. An einer Straßenecke wandte sich Siebold nach links in ein Gäßchen, das, wie ich mich undeutlich entsann, in einem Bogen zur Hintermauer des Klosters Monserrat zurückführte. Eben wollte ich meine Verwunderung über diese unerwartete Aen- Derung der Richtung aussprechen, als der fromme Bruder neben mir leife aufseufzte wie ein Erwachender und mit einer matten Bewegung »ie Kapuze vorn Kopf zurückschob. „Bist du es, Francesco?" fragte er. Es war Miguels Stimme, die da fragte, und es war Miguels Gekocht, das ich im blassen Monddämmern erkannte. Es war Miguel, der Da neben mir ging, Miguel, den wir soeben am Galgen hotten auf- knllpfen sehen. Es war vielleicht mein Glück, daß die Empfindungslosigkeit, in der ich mich befunden hatte, noch als schwere Müdigkeit der Seele in mir nachwirkte, denn sonst wäre ich wohl einem jähen Ansprung des Wahn- 1 inng erlegen. „Was ist denn geschehen?" fragte der Mensch, der Miguels Stimme und Gesicht besaß. Ich betastete ihn, ich fühlte einen Körper unter der Ftutte, die Hand, die ich ergriff, war warm, es war wirklich ein Mensch Bon Sleifd) und Bein, den ich vor mir hatte. Was geschehen war? Ja, was war geschehen? Der Mensch, der so nagte, war vor einer Viertelstunde vor unseren Augen gehenkt roor= wn! Wie sollte man ihm das sagen? Welche Worte reichten dazu aus, 15 'hm oder mir verständlich zu machen? „ „Es ist mir", sagte der Mann, „als ob ich geschlafen hätte." Er chlcn sich mit Anstrengung erinnern zu wollen, die Gedankenarbeit zog gine Stirn zusammen. „Das Letzte ... ja das Letzte war doch meine 'D^ue ... Ja, du warft bei mir, Francesco ... und dann kam Siebold imd brachte mir einen Bruder. Es war seltsam. Der Mensch sprach nchts und stand regungslos neben der Tür. Ich redete ihn an, er gab GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 11. Fortsetzung. Der Zug ging über den Hof und durch ein Torgewölbe in dem niebrigen Berdindungsflügel zwischen dem Vorder- und dem Hintergebäude des Klosters. Aus einer dahinterliegenden Säulenhalle traten mir in einen wüsten Grasgarten hinaus. Unweit eines Haufens von Scherben und Kllchenabfällen stand ein starker Pfahl mit einem Quer- arm aufgerichtet: der Galgen. Alles vollzog sich nun ohne Hast und ohne Zögern und ohne Zwischenfall. Die Soldaten formten ein Viereck, in dessen Mitte, dem Galgen gegenüber, Miguel, der Pater und die Offiziere standen. Noch einmal verlas der Generalauditor das Urteil des Kriegsgerichtes, während dazu, unsichtbar, irgendwo im Dunkeln der Tambour ganz leise die Trommel rührte. Dann legte der Prosoß das Seil über den Querarm, der wie cm Wegweiser ins Dunkel starrte, ein Wegweiser ins ewige Dunkel und knüpfte die Schlinge. Der Gehilfe schob einen Tritt von drei Stufen darunter. Wir hatten den Misthaufen erklommen und sahen von unserem Platz alles sehr deutlich. Es war ein Schauspiel, von dem ich mir — ohne Schmerz, ohne Verzweiflung, ohne Teilnahme — nichts entgehen ließ, nur von einer kühlen, gläsernen Neugierde ohne Empfindung er= fafjt. Miguel stieg die drei Stufen hinan, der Profoh steckte ihm den Kopf in die Schlinge und zog sie um den Hals an. Noch immer suchte mich Miguels Blick nicht, es war, als hätten feine Augen überhaupt keinen Blick. Er wehrte sich nicht, er fügte sich ohne Zwang, er sprach fein Wort, auch kein Abschiedswort für mich. Der Generalauditor gab Endeslant einen Wink, und Endeslant senkte den erhobenen Degen. Da zog der Gehilfe des Profoßen den Tritt unter Miguels Füßen weg, und mit einem Ruck hing jein Kopf in der Schlinge. Ein rascher Griff des Profoßen brach ihm die Halswirbel. Der Körper zuckte noch einmal im Krampf und streckte sich bann lang aus. Mein Freund Miguel Fuentes war hinweggenommen aus der Welt der Lebenden. h sic ch i« '(6o p°ch. ftä W St 1 uni> tl, Uhm bas ; inshchy wer 61* ylauliia UNd ®d[, getanbet, I "Greife An Dh irben W, uknlsmk 5 °°n A »ater hch »oerfonttin t Stefaj nvmM arbeit uij wurde h ur 30 )ichi Hindi fritaner ii )ie Pfv* simile w der Ne» (berg mz , $ur|d)ft und schlij e mich k die Sjänii rie tonnli gungsfM auch gejti exogen, uh Njenbeh» dabei ■ n älngniü li und w ml soideb! t. Jnmili» »er FW", ne Sei»)«) n|el,* mwarj Ai suchten ft die &)• Gefecht f [türtne* noch n!^ Wucht 1 w je oöM1*: die N* igen ' is d>-ik ■>0 rt< ieren inehr"' >in ®l(i trüber, i“» keine Antwort ... wozu war er dann in meine Zelle gekommen? Ich !"“6te .ihn immerfort ansehen ... immer ansehen, ich konnte meinen »Itrf nicht wegwenden. Und bann ... ja, so war es ... bann begann [eine Gestalt vor meinen Augen zu zerfließen. Und zugleich war cs mir, ms werde etwas aus mir herausgepumpt, als habe man irgendwo eine Pumpe angesetzt, die an mir saugte und saugte. Und auf einmal lrv bann nicht mehr auf meinem Bett — nein, ich stand neben der Xur ... und ... und auf meinem Bett saß ein anderer .. das . . das war das Letzte ..." Ich sah Siebold an, er nickte mir zu, als wolle er dieses Unbegreifliche, das Miguel erzählte, bestätigen. H „Ja und dann nichts mehr", sagte der Graf, „und jetzt? ... hak man mich freigelassen?" 0 ' „Sie sind gerettet, Gras", erwiderte Siebold mit einer dunkeln Stimme, „ich hatte es Francesco versprochen." . '-Mein Gott", rief Fuentes, „was ist das?" Er hatte jetzt erst ent- deckt, daß er eine Kutte trug, feine Hände zitterten über die Falten des groben Stoffes, sie erfaßten den Gürtel, das elfenbeinerne Kreuz das an einer stählernen Kette um feinen Hals hing. „Wo ist der Bruder der in meiner Zelle war?" Ja, wo war der Bruder, der Miguel zum Galgen begleitet hatte? Wo war er hmgekommen? Wie kam Miguel hierher? Wenn ich nicht annehmen wollte, daß mir der Verstand in Verlust geraten sei, so durfte ich nicht daran zweifeln, daß in meiner Gegenwart, im Beisein der dazu befohlenen Gerichtskommission und der Wachmannschaft jemand gehenkt worden war. Und wenn es nicht Fuentes war, wer hing dann am Galgen? Wir waren indessen wie im Traum an der Hinterwand des Klosters Monserrat angelangt. Sie war an vielen Stellen verfallen und an einer fo gründlich eingestürzt, daß man die Trümmer un chwer überklettern konnte. „Wir müssen noch einmal zurück", sagte Siebold, als gäbe er damit Antwort auf alle Fragen, die wir an ihn richten wollten und doch nicht laut werden zu lassen wagten. Er flieg uns über den Schutt voran und wir folgten ihm. Verkrüppelte Oelbäume und ein paar magere, kranke Palmen standen ba im Hintergrund des oben Klostergartens herum. Als wir das Wäldchen verließen, hatten wir die Fläche vor uns, die von wucherndem fast manneshohem Unkraut bedeckt war. Und als wir uns durch das Gestrüpp Bahn gebrochen hatten, da konnten wir auch schon den Galgen sehen. Er war nicht leer, wie ich zuletzt noch plötzlich in einer Verwirrung meines Geistes zu hoffen begonnen hatte. An dem Galgen hing ein Mensch. Wir stolperten durch Gruben und über Pflanzengewirr, wir liefen faft; aber als wir ganz nahe waren, verlangsamten wir wieder unsere Schritte, als wollten mir die letzte Erkenntnis nun doch noch einmal hinausschieben. ,Zch wollte es anders", sagte Siebold leise, als wir am Galgen angekommen waren, „ich wollte es anders. Sie hat mich dazu gezwungen. Ein Opfer mußte gebracht wenden. Und besser er als Sie, Fuentes" Ein grauenhaftes erstes Begreifen hemmte Miguels Schritt. Ich ging vorne um den Galgen herum, das Unerträgliche zu beenden und dem Gerichteten ins Gesicht zu sehen. Der Mann, der da hing, war Gil Argensola. — „Wer ist der Mensch?" fragte Miguel, der ihn nicht kannte. Am ganzen Leib bebend, stammelte ich eine kurze Auskunft. Siebold litt nicht, daß wir von unserem Entsetzen überwältigt wurden. „Wir haben keine Zeit zu verlieren", sagte er hart und bestimmt, „der Köder ist ausgelegt. Das Wild ist in der Nähe. Da sie mich nun einmal dazu gezwungen hat, so wollen wir es für uns nützen." „Von wem spricht er ba?", flüsterte mir Miguel zu „Von einer Frau, der er alles Böse zuschreibt, das uns zugestoßen ist " Was er aber mit dem Köder und dem Wild meinte, blieb auch mir unverständlich. Mir war zu Mut, ich kann es nicht anders sagen, wie im Traum, in dem man auch die seltsamsten Dinge geschehen lassen muß, ohne sie sich erklären zu können. Gewiß war auch Siebold augenblicklich gar nicht gesonnen, Erklärungen zu geben, er wies uns an, ihm zu folgen und uns vollständig still zu verhalten. Wir gingen um den Hausen von Scherben und Abfällen herum, auf dem wir vorhin der Hinrichtung zugesehen hatten. Als mein Fuß zufällig an eine leere Blechbüchse stieß, knurrte Siebold wütend über meine Ungeschicklichkeit. Hinter dem Misthaufen war wieder ein Dickicht von Sträuchern und Unkraut, und hier brachte uns Siebold in Deckung. „Wen erwartest du?" konnte ich mich nicht enthalten zu fragen. „Sie wird kommen. Ich spüre sie schon", murmelte Siebold. „Wer? Die Calderana?" Das Löwenqesicht ... der Körper des Gehenkten ist eine Lockspeise, die weUbin duftet Es sind die Zähne des Gehenkten, die sie anzlehen. Wenn die Singdogmo nicht die anderen verscheucht hätte, weit sie starker ist als sie so konntest du die Lamien jetzt von allen Seiten heranilattern ieden Weithin wittern diese Nachtvögel einen Galgen mit einem Gerichteten darauf Die Zähne des Gehenkten sind bn ihnen überaus begehrt, sie wollen sie ihm ausbrechen, sie brauchten solche Galgenzahne für ihre schwarzen Praktiken. Zum Glück für uns ... denn dann, daß sie solcher Dinge bedürfen, sind sie schwach ... schwacher als ich. , Was willst du tun?" fragte ich, bemüht, das Klappern meiner Kinn- ' laden nicht laut werden zu kaffen. „Die Stunde ist da, ihr die Maske herabzureißen, Ihr Kommen enthüllt sie. Und sie ist machtlos, wenn sie einmal durchschaut ift Ich kannte Siebold nun. schon seit Jahren, seit jenem Tag,an dem er in meine Werkstatt gekommen war, um mir zu sagen, daß mich meine Phantasie gefährliche Wege führe, aus denen mir leicht Uebles begegnen könne. Ich habe mich in Bereiche vorgewagt, wo ich leicht Mächte herausfordern könnte, die besser meinem Dasem ferngehalte ro ;Xn Es war der Tag nach dem Erscheinen meiner Caprichos ge- welen in denen ja in der Tat genug tolle Ausgeburten meiner Em- blldungskrait ihr Wesen treiben. Damals hatte ich daruoer oAacht denn ich hielt diese Dinge für ein freies Spiel meiner künstlerischen Saune und hotte darum auch meinen Blättern den Vorspruch neu: „Auch dem Vernünftigen zeigt der Traum ^"lleheuerllchke ten. Aber sonst stand ich ja mit beiden Beinen fest ln der Wirklichkeit, so fehr daß mir meine Mitbewerber, die glaubten, die Wirklichkeit schon herausputzen zu müssen, dies zum Vorwurf machten. Siebold aber ließ durchblicken, daß ich allzu leichtfertig sei, und daß er sich berufen fühle, mich zu beschützen ...... .. Wundersame und höchst absonderliche Dinge hatte ,ch seither mit ihm erlebt, aber nie vorher war er mir fo unheimlich gewesen wie in dieser Stunde, da wir in unserem Versteck auf das Wild lauerten, von dem er sprach. Seine finstere Entschlossenheit, die Zusammenballung eines furchtbaren Willens, die Ich in ihm fühlte, flößten nur Grauen ""Miguel, der neben mir lag, konnte feine Erregung nicht unterdrücken und stöhnte auf: „Das halte ich nicht aus. „Schweig!" flüsterte ich und legte ihm die Hand auf den Mund. Denn ich muß gestehen, trotz meines eigenen Grausens hatte mich selbst eine Art von Jagdleidenschaft gepackt, das unbezwingbare Begehren, endlich einmal wenigstens in einer Art zur Klarheit zu kommen. Längst hatten die Uhren der Nachbarjchaft Mitternacht geschlagen, und wir lagen noch immer regungslos in unserem Hinterhalt. Aus der weiten Fläche des öden Klostergartens quoll ein leichter Bodennebel, der halbmannshoch wie verdünnte Mondmilch alles übergoß, zwischen das Gestrüpp kroch und unsere Kleider durchfeuchtete. Was ich zuerst gehofft hatte: daß niemand kommen würde, begann ich nun zu besorgen, und die Spannung meiner Nerven wollte Nachlassen. Da rührte Siebold meinen Ellenbogen an und flüsterte mir ins Ohr: „Sie kommt!" Die Gestalt einer Frau, die auch ich unmittelbar daraus erblickte, kam lautlos durch den Nebel heran. Es machte den Eindruck. als schwebe sie oder schwimme aufrecht in den dünnen Schleiern der Mond- mit$Bir hielten den Atem an und sahen, wie die Gestalt sich dem Galgen näherte, an dem der dunkle Körper hing, bis zu den Knien in den Nebel getaucht. , . , , .. o, Die Frau glitt dicht an den Gehenkten heran und hob die Arme zu dem Strick, der den Körper an den Ouerarm knüpfte ... Ein fürchterlicher Schrei gellte durch die Nacht, ein einziger Schrei, jäh und grell beginnend und in einem winselnden "Heulen endend. Siebold war ausgesprungen und stand mit einigen Sätzen von tier- haster Geschmeidigkeit neben der Frau. Wir rannten hinterdrein, und eben als wir ankamen, lüftete Siebold den Hut und sagte: „Cs hat sich ein bedauerlicher kleiner Irrtum ereignet, Sennora!" Die Frau fuhr herum. Sie hielt die Hände an die Schläfen gepreßt, und es mar wirklich das Gesicht der Isabel Calderana. das uns zwischen diesen Händen nnftarrte. Aber ein Gesicht, so gräßlich verzerrt, zu solcher abgründigen Wildheit aufgepeitscht, wie eine der Fratzen men- schenfressenden Todesgötter, die von unseren Seeleuten aus fernen Landern heimgebracht werden. Ein Haß fletschte uns aus diesem Gesicht entgegen, in dem die blutigsten Wünsche tausendfacher Martern für uns pestbauchend sprühten. Aber dann nahm Isabel die Hände von den Schläfen fort, fuhr mit ihnen über die Wangen, und es war, als wische sie mit dieser Bewegung alle Verzerrung weg, unter den herabgleitenden Händen kam das strenge und geheimnisvolle schöne Gesicht jener Isabel Calderana zum Vorschein, das ich kannte. Das ist Ihr Werk. Doktor Siebold!" sagte sie. Siebold zuckte die Achseln: „Man muß sich verteidigen, so «gut es geht Und ich denke, in manchen Fällen sind alle Mittel erlaubt." „Nur, daß manche Mittel auch nebenher einen .Schaden stiften, der nicht bedacht und vorgefehen war." Siebold zog die Brauen zusammen, und ich merkte, daß sich seiner eine Unruhe zu bemächtigen schien, gewiß verwirrte ihn, ebenso wie mich der gelassene Spott, der in Jfabels Worten irrlichterte. Sie schienen irgendein feines Gift zu enthalten, das mir ätzend in unseren Herzen spürten. , , . Nun, Sennora", sagte Siebold, sich zusammennehmend, „Ich denke nicht, daß dieser Hieb daneben gegangen ist." Aber mancher Hieb trifft auch den. der ihn fuhrt , erwiderte Isabel leise, und man hätte fast glauben können, mit einem inneren L-"hen. „An dem Mann, der da hängt, verliert Spanien und die Menschheit wenig" Das innerliche Lachen quoll ln Isabel empor es hob ihr- Schul- tem, es brach endlich ihre Lippen auseinanb- und kam mit bluterftar. rendem Laut aus ihrem Mund. „Sie haben keine gute Meinung von dem armen Gil Argenfola." Sie schaute sich in unserem kleinen Kreis unu und ihr Blick fand mich. „Ich will Ihnen nicht einmal ganz un- recht geben", sagte sie, „ach ja, der arme Gil war kein Ausbund von Tugenden eher das Gegenteil von allem, was man o im allgemeinen für® gut und anständig hält. Aber das Lustige daran ist, und das glaube ich Ihnen nicht vorenthalten zu dürfen, der Mann, der da hangt, ist der Sohn des Mannes, der hier steht." Ihre Hand stieß vor, ihr ausgestreckter Zeigefinger deutete auf meine Brust. .. . , Sie lügen", schrie Siebold wütend. Isabel schüttelte ruhig den Kopf, hob die Arme und legte sic! über dem Scheitel mit den Handgelenken aneinander, als nwlle sie sich in dieser Stellung fesseln lassen. „Sie wissen ganz genau, Doktor daß ich eßt nicht lüge. Gil ist der Sohn dieses Mannes. Sie ließ die Arme sinken. „Dieser Mann weiß, daß ich das Vermächtnis einer Sterbenden übernommen habe. Nicht bloß eine Erinnerung an eine ungern« Schuld und ein Bild, sondern auch ein lebendiges Vermächtnis. Ein Kind rein und unschuldig wie alle Kinder, fähig zum Guten und Lichten. Nun ich habe es erzogen, daß es das werden muhte, was es geworden ist Stark genug und ohne Bedenken, so daß es einmal feinem Vater in den Weg gestellt werden konnte. Daß sie einanber einmal, ohne von ihrem Band zu wissen, von ganzem Herzen Abneigung und Feindschaft Ken könnten. So glaube ich, den letzten Willen einer S erbenden er- füllt zu haben, diefen Willen, der nichts war als ein Fluch für biefen TOann. Und Sie, Sennores — Sie haben mir dabei geholfen. Nun darf ich wohl gehen, Doktor?" Siebold nickte. Gute Nacht, Sennores!" sagte Isabel und schritt, ohne sich zu beeilen, im höher anschwellenden Nebel davon. Siebold zeigte mir ein ganz verfallenes, uraltes Gesicht. „Warum hast du mir nie etwas davon gesagt, Francesco? Ja warum hatte ich ihm nie etwas davon gesagt? Warum hatte ich ihm alles andere anvertraut und gerade dieses eine verschwiegen? Was war es, daß mir in den aufgeschlossensten Stunden unserer Freundschaft wenn ich nahe daran gewesen war, davon zu sprechen, das Wort, wie mit Fäusten in die Kehle zurückgestoßen hatte? Und warum habe ich es nicht selbst gewußt?" setzte Siebold laut die Fragen fort, die in dieser Stunde über uns Hers,eiern „Warum Habich es nicht durchdringen können? Warum mußte mir das hinter dem gelben Nebel bleiben? Armer Freund, du kannst nicht daran zweifeln, daß sie die Wahrheit gesagt hat. Sie hat es mit dem Tarot be schworen." . Ich zweiselte nicht daran. Ich hatte selbst die Gewißheit, daß esJo mar. Dieser Mensch, der mir so widerwärtig gewesen war, dem meine stärkste blutmäßige Abneigung 6°" war mein Sohn gewesen. Nein, die Stimme des Blutes hatte für diesen Menschen nicht gesprochen. Siebold hob den gesunkenen Kopf und ruckte die Schultern gerade. „Da ist nun nichts zu ändern", sagte -r. „Wie dern auchjei, wir haben ihr die Maske herabgerissen. S,e ift nun machtlos Wir haben ihr das Kreuz zertreten. Sie hat die Zahne des Gehenkte" "tcht nehm « tönnen, aber ihr selbst, dem Löwengesicht, sind die Zahne ausgebrochen. Nach längerem Erwägen schien es uns am sichersten, Fuentes einstweilen in meinem Landhaus jenseits des Manzanares unterzubr.ngen. Es fiel weiter nicht auf, daß ich auch Heuer wie alliahrlich für Die Sommermonate mein Landhaus bezog. Meine großen Plane redjtfer. tiqten es, daß ich allen Verkehr aufgab und die Einsamkeit suchte. Es fiel aucki nicht auf, daß ich keinen Besuch annahm, und daß mein Diener den Auftrag hatte, niemand vorzulasfen. Ich hatte an Stelle des im Straßenkampf gefallenen Pablo einen neuen Diener einfteUen müssen. Dieser Diener war der Graf Miguel de Fuentes. ..... Er spielte feine Rolle ganz vortrefflich. Ich erleichterte sie ihm, indem ich sein Aussehen mit wenigen und ihm nicht lästigen Mitteln so ver- änderte daß man schon mit bestimmtem Verdacht hatte zusehen müssen, um in meinem neuen Mozo einen Grasen zu erkennen. Nicht umsonst hotte ich also seinerzeit viel mit dem Bühnenvölklein verkehrt und hatte mich darin geübt, den Schauspielern und Schauspielerinnen die Masken zu machen, deren sie in besonders schwierigen Fällen bedurften. Die ersten Tage vergingen uns in großer Unruhe. Wir sagten uns, daß die Entdeckung des Betruges immerhin möglich fei wenn bei der Abnahme und Beerdigung des Gerichteten fest- gestellt'werden sollte, daß ein anderer als der Verurteilte am ©algen hing. Siebold schien unsere Besorgnisse nicht zu teilen, er war über- zeugt, daß zur Beseitigung des Körners ein anderes Kommando befohlen worden fei, Leute, die den Grafen Fuentes nicht kannten und Argenfola ruhig für ihn nahmen und fortfdjafften. Oft genug versuchte ich es, mir alles klar zu machen, was in Jener schrecklichen Nacht geschehen war, und welche dunkeln Künste Siebow angewandt hatte, um uns alle zu täuschen und für unsere Augen oi- äußeren Gestalten der beiden Männer gegeneinander zu verwanDein. Miguel der mit Siebolds geheimen Wissenschaften weit unbekannter war als ich, stand dem wunderbaren Geschehen noch fassungsloser gegenüber. So sehr er mich aber auch bestürmte, es ihm verständlicher zu machen, ich vermochte es ihm nicht faßbar zu deuten. Und wenn man Siebold darum anging, die Zusammenhänge unserem wachen Verstanu zugänglich zu machen, so wich er aus oder lehnte es barsch ab er sprach offenbar nicyk gern davon, fein Sieg über die Singdogmo |anc ihm keine volle Befriedigung zu gewähren. Cr war verschlossener aw vorher, und es war, als lausche er aus dieser Verschlossenheit noaj wachsamer als zuvor in unteren Lebenskreis hinaus. (Fortsetzung folgt.) Abendlied. Don Matthias Claudius. Der Mond ist aufgegangen. Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold! Als sine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? — Er ist nur halb zu sehen. Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder, Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste, Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. Gott, laß uns dein Heil schauen. Auf nichts Vergänglichs trauen. Nicht Eitelkeit uns freu'n! Laß uns einfältig werden. Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich sein! Wallst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod! Und, wenn du uns genommen, Laß uns in Himmel kommen. Du unser Herr und unser Gott. So legt euch denn, chr Brüder, In Gottes Namen nieder; Kalt ist der Abendhouch. Verschon uns, Gott! mit Strafen, Und laß uns ruhig schlafen! Und unfern kranken Nachbar auch! Königin Luise stirbt. Von Walter von Molo. Vorsichtig, den sorgenvollen Blick der alten Augen beobachtend auf !«m ermatteten Gesicht ihrer Königin, die im Leidensbette wieder in fas erschreckende Schwächeschlummern verfallen war, schritt die hohe Gelalt der Oberhofmeisterin im morgendlichen Dämmerlicht zum Fenster, farch das stumm der Park hereinstarrte. Sie sah zum grauen Himmel auf. 1 Arm lag die Königin, kurz und ungleichmäßig ging ihr schwacher i lern. Dunkle Fieberröte war aus den eingefallenen Wangen. Konnte . ^ott so hart sein, dies« Frau dem Lande und den Ihren wegzunehmen? Lenn nur die schrecklichen Brustbeklemmungen nicht wiederkamen! Wenn Jur der König endlich da wäre! Wie sie gestern über den Brief ihrer rinder geweint hatte! Traurig blickte die Oberhofmeisterin in den mißmutig aussteigenden ommermorgen, der sich trüb über dem Park emporhob. Im oberen Stockwerk war etwas umgefallen, Barmherziger! Srau Voß fuhr herum. Luise hatte die Augen geöffnet und lächelte. „Was M ich tun, Majestät?" Voll ängstlicher Spannung beugte sich di« alte Dame zum rühr«nd rjmakn Gesichte nieder, aus dem di« großen, schönen Augen nachdenk- M)=ernft sie ansahen. „Gleich geht die Sonne auf! Es bleibt heute kühl! ^vll ich die Kissen höher rücken?" . Luise hob langsam den schlanken Zeigefinger und sagte nachdenklich, l'ft unhörbar: ,Zch glaube, jetzt ist es so weit — ich sterbe ... „ Die Voß wehrt« ab „Meinen Majestät, Gott weiß nicht, was seine Nicht ist? Erst müssen Sie noch einmal so recht glücklich sein, wie Sie s "wdienen ..." Eine kaum bemerkbare Abwehrbewegung der Kranken ließ die Ob«r- Psmeisterin verstummen _. ....... „ Luisens Finger suchten auf der Decke herum. Mit glücklichem Zufriedensein fand sie den Brief ihres Mannes. Sie umschloß das Papist und drückt« es zusammen. Die Augen schlossen sich wieder Eiliges Wagenrollen erscholl aus der Holzbrücke im Park. Jäh verstummte es. Der Morgenwind ließ die Birken vor den Fenstern wehen, die Buchen rauschten. Die tief hängenden Regenwolken des nächtlichen Gewitters zogen über den fernen Kiefernwäldern ab. Gott fei Dank! Die hohe Gestalt des Königs schritt hastig. Das ist gescheit, daß er den Kronprinzen und den Prinzen Wilhelm gleich mitbringt! Wie der arme König die Fenster abguckt! Doktor Heim trat aus dem Portal des Schlosses Sie mußte dabei fein, fönst sagte der Alte womöglich die schrecklichsten Dingel Der König stand mit gesenktem Kopf, die Augen tief bewegt zu Boden gerichtet, die ängstlich mit ihm lauschenden Söhne zur Rechten und Linken, und hörte dem zu, was der Arzt mitteilte: ,Lch würde für alle Fälle raten, den Versuch zu machen, von Ihrer Majestät zu erfahren, ob sie noch einen Wunsch hat .. " Friedrich Wilhelms Finger krampften sich zusammen. „Wir wissen ja nicht, Majestät, was Gottes Ratschluß über uns verhängt." Aufbegehrend, in furchtbarem Schmerz, hob der König seinen verstörten Blick. „Es ist dringend nötig", warnte Doktor Heim, „daß sich Majestät die Schwere der Stunde nicht anmerken läßt!" Wie gelähmt stieg Friedrich Wilhelm die Stufen der Freitreppe hinan. Bedrückt kamen zwei Bediente im Park zum Vorschein. Der eine trug des Königs Landwehrmütze, die diesem beim Aussteigeri aus dem Wagen entfallen war. Wortlos umarmte im Vestibül Luisens greiser Vater den König. „Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, Gott kann noch helfen." Friedrich Wilhelm schüttelte den Kopf „Luise stirbt!" stieß er hervor. „Sie ist ja meine Frau; da hilft Gott nicht!" „Ihre Majestät wird sich sehr freuen, Majestät und die beiden Prinzen um sich zu wissen", sprach die Voß. Seife öffnete sie die Tür und blickte vorsichtig ins Krankenzimmer. ,Zhre Majestät ist wach!" Friedrich Wilhelm trat ein Ein Schein unaussprechlich schöner Freude leuchtete auf Luisens Antlitz. Die Totenfarbe des geliebten Gesichtes versetzte den König in die wildeste, in die äußerste Angst. „Mein lieber, lieber Freund", hauchte Luise, sehnsüchtig nach ihres Mannes Hand tastend, „welche Freude, daß du da bist!" Er neigte sich nieder, seine Lippen empfingen den mühsamen Kuß der Sterbenden. Der verzweifelte Händedruck verriet des Königs Angst. Scheu wich Luise mit dem Kopf zur Seite; bang und traurig sah sie ihren Mann an. Sie sagte unruhig: „Bin ich denn so krank?" „Wie kommst du aus den Gedanken?" stammelte er. ,Zch bin froh, daß ich da bin." Nachdenklich drehte sie feine Hand, die sie sesthielt, von sich ab und betrachtete sie forgfam; plötzlich bewegte sie sich herum, und ehe er es hindern konnte, küßte sie sie lebhaft, zwei-, dreimal mit zärtlichster Inbrunst. Friedrich Wilhelm schluchzte auf. Sie wich zurück; her König, nicht mehr Herr seiner Fassung, wendete sich ab und murmelte: „Ich will die Kinder holen!" Mit tastenden Füßen ging er zur Türe. Prüfend ließ Luife ihren ernsten Blick über die teilnahmsvollen Gesichter derer gehen, die eintraten. Ein Schauer überfiel sie; ihre Zähne schlugen im Frost der geängstigten Seele auseinander. Hastig kam der Arzt näher. „Der König ist gut", lispelte Luise, „aber er soll mich nicht bedauern", stieß sie hervor, „sonst sterbe ich gleich." In bitterer Nachdenklichheit drehte sie ihren Kopf der Wand zu. „Er soll sich nicht ... fürchten." Die Kinder sanken vor dem Bette ihrer Mutter auf die Knie nieder. Gütig strich sie der Weinenden Köpfe. Sie versuchte ein Lächeln. „Ist Papa ... in der kalten Nacht ... ohne ... Mantel von Berlin ... hierher ... gefahren?" „Wir waren ja so verzweifelt, Mütterchen, als die Stafette kam ..." sagte der Kronprinz. Sein Bruder zog ihn mahnend am Rock; er verstummte. „Die jungen Herrschaften gehen in den ©arten", schlug die Oberhofmeisterin vor. Die Knaben gehorchten — wie magere Zicklein, die sich ihrer Mutter entführt sehen. „Was befiehlt Majestät?" fragte die Voß. „Mein Mann ... soll ... mir ... keine solche ... Szene mehr machen, sonst ... sterbe ich", bettelte Luise. Schweiß trat ihr auf die Stirn. Sie begann um Luft zu ringen. „Mein Vater soll sich nicht aufregen, sonst wird er auch ... krank." „Majestät!" flüsterte Doktor Heim dem König zu, „es kann jeden Augenblick aus sein." Luisens Augen lächelten, abbittend, daß sie soviel Leid verursache. Der König kniete nieder. Sie nzbm [eine Hand und preßte sie auf ihr Herz. Er biß die Zähne aufeinander, um seine Fassung nicht zu ver- lieren; sein Blick nahm Abschied. „Ich lieg' in Vadderchens Bett", hauchte Luise mit dem letzten Versuch, noch einmal zu scherzen. Er nickte. Die Spitzen ihrer Finger erkalteten, ihre Stirn und die Wangen wurden weiß. „Dein Glück — und die Kinder." „Breiten Eure Majestät die Arme aus!" forderte mit heiserer Stimme der Arzt. „Ich ... kann ... nicht .. Noch einmal versuchte sie den König anzusehen; sie bewegte die Lippen; doch es formte sich kein Wort mehr. Der Glanz ihrer Augen erlosch; ihr Kops lag reglos. Sie war tot. Der vergessene Donner. Von Christian Morgenstern. Ein Gewitter, im Vergehn, ließ einst einen Donner stehn. Schwarz in einer Felsenscharte stand der Donner da und harrte — scharrte dumpf mit Hals und Hufe, daß man ihn nach Hause rufe. Doch das dunkle Donnerfohlen — niemand kam's nach Hause holen. Sein Gewölk, im Arm des Windes, dachte nimmer seines Kindes — flog dahin zum Erdensaum und verschwand dort wie ein Traum. Grollend und ins Herz getroffen läßt der Donner Wunsch und Hoffen ... richtet sich im Felsgestein, wie ein Bergzentaure ein. Als die nächste Frühe blaut, ist sein pechschwarz Fell ergraut. Traurig sieht er sich im See sahl, wie alten Gletscherschnee. Stumm verkriecht er sich, verhärmt: nur wenn Menschheit kommt und lärmt, äfft er schaurig ihren Schall, bringt Geröll und Schutt zu Fall ... Mancher Hirt und mancher Hund schläft zu Füßen ihm im Schrund. Ein Tag in Donauwörth. Von Wilhelm Hausen st ein. Diese Stadt gehört zu denen, die schon durch die musikalische Schönheit ihres Namens anziehen: welches tönende Relief, welche farbige Fülle des Klanges, welche gestufte Tiefe des Tones in diesem Wort „Donauwörth" ... Der Name scheint wie eine Glocke zu läuten und herzurufen, und siehe, man kommt. Und ehe man eintritt, hat man schon ein Zweites empfunden: den ungewöhnlichen Reiz des Grundrisses dieser Stadt. Hat man auch nur ein bißchen von der Leidenschaft für Grundrisse in sich (denn wirklich und wahrhaftig vermögen Grundrisse zur Leidenschaft zu werden, und ich für meine Person habe diese Passion), so erblickt man fasziniert aus die schwarzweiße Fläche, die, in Häusergevierte und Wasserläufe, in Landflächen und Gassenzüge und Plätze geteilt, ein graphisches Kunstwerk zu sein scheint, das anzublicken, nachzuzeichnen, zu entziffern und wiederum nur einfach anzuschauen man nicht müde wird! In der Tat: man braucht den Grundriß nicht einmal zu lesen; man braucht ihn nicht einmal zu enträtseln; denn allein schon an sich vermag dies schwarzweiße Gebilde aus Linien, Flächen, Schraffierung zu bezaubern. Allein schon diese reiche und feine Entwicklung der Lineamente auf dem Papier entzückt. Kommt man nun näher, so bestätigt die leibhaftige Wirklichkeit der Lage, was nach dem Plan erwartet werden mußte, und was zu einem guten Teil ja auch schon im Namen angemeldet ist: das Wasser spielt für diese Stadt eine große Rolle. Das Wasser.der Donau aber nicht allein. Denn da ist auch noch, die Stadt halb umschlingend und unmittelbar an ihrer Wurzel in die Donau einströmend, der bald seenhast breite, bald in schmale Arme zerfaserte Fluß Wörnitz — fo daß zwei Seiten des anmutig gezeichneten Triangels der Stadt vom Wasser begleitet sind. Indessen hat der Plan dies von vornherein verraten können, so hat er doch eines nicht vermocht — er hat nicht sagen können, wie diese Stadt sich von den Ufern ihrer Flüsse erhebt. Wie sie auf einen sanft geschwungenen Geländerücken hinaufwächst: wie das Land um sie her als Wiese, Feld und Wald das Altersgraue des Steins naturgrün rahmend, ansteigt und absinkt, und wie die Kirchtürme, die Chöre, die Dächer und Giebel ins Körperlich-Aufrechte ragen. Jetzt sind wir da, und setzt also wissen wir auch dies, jetzt steht das Bild des Ganzen, zwar erst von außen her genommen, mit aller deutlichen Leibhaftigkeit in unseren Augen. Kommt man von Neuburg her, so betont sich schon für den ersten Anblick von außen her, aber noch mehr beim Eintritt ins Innere der Unterschied eines reichs städtischen, eines bürgerlichen Donauwörth vom höfischen Wesen Nauburgs. Die große Straße, die ins Herz hinaufleitet, heißt denn auch „Reichsstraße" (womit Erinnerung an eine große reichsstüdtische Bürgerzeit sich aussprechen mag), und die stattliche Weite, in die der sanft gebogene Zug der Reichsstrahe sich empordehnt, heißt recht bürgerlich-geschäftig „Markt". Sofort wird auch empfunden, daß dieser in Reichsstraße und Markt gefaßte bürgerliche Lebensstrom entscheidet: dies hier ist recht eigentlich Donauwörth. Erker scheinen ins Bild des bürgerlichen Nürnberg hinüberzuspielen; starke Giebel, einer neben dem anderen, scheinen einigermaßen an das bürgerlich-prächtige Augsburg und Landshut zu gemahnen — denn Landshut, so sehr es Residenz gewesen ist, war doch und bleibt ebensosehr eine stolze Bürgerstadt! Augsburgisch muten die einzelnen kirchlichen Baubildungen an, wie bas zwieblige Kapellentürmchen hinter der Stadtpfarrkirche; augsburgisch mutet, wie sich versteht, das mächtige Fuggerhaus an — das Fugger- Haus mit dem schräg ansteigenden Schartengiebel rechts droben am Markt- ende, zwischen der Pfarrkirche und der Hejligkreuzkirche aus dem Scheitel der Stadt. Freilich fühlt man zugleich, daß dies schöne Donauwörth in der Familienähnlichkeit mit Augsburg eben doch nicht beschlossen wird. Der Name Nürnberg schob sich ja schon auf die Lippen. Nun gewahrt man, ben leichten Bogen ber Reichsstrahe roieber hinabfolgenb zum Querbau bes Rathauses hin, bas gleichsam ber tragenbe Sockel ber ganzen Straß« ist — nun also gewahrt man das „Baudrexlhaus". Es ist ein Fachwerk- bau mit Vorkragungen der oberen Stockwerke: es ist eine ausgesprochen fränkische Erscheinung. Man beginnt, besser zu empfinden, daß dies« Stadt, wenn sie eine schwäbische Schwerkraft hat, wenn sie, mit Landshut fernhin verwandt, im Bayn des Bayrischen steht, doch auch eine Wendung ins Fränkische hat finden müssen. Der Name des Flusses, der hier in di« Donau geht, bestätigt die fränkische Verbindung: Wörnitz heißt er (es wurde schon gesagt), und er ist, wie er da drunten fließt, von ber Frankenhöhe herabgekommen, aus der Gegend von Schillingsfürst. Weltliche Monumentalbauten, wie das Rathaus, das Fuggerhaus, das Übrigens eine recht reichsdeutsche Erinnerung an den Kaiser der Reichsstädte, an den ersten Max bewahrt, sind Zeugnisse einer großen gotischen Vergangenheit. Zu diesen Zeugnissen nimmt das Auge, indem es das bewegte Bild der Stadt genauer zu ordnen und fester zu verankern sucht, alsbald die Stadtpfarrkirche, deren Chor mit Hohem Dach und hohen Spitzbogenfenstern ganz mittelalterlich hersteht, von der beweisenden Schwere des gleich einem Kampanile herausgebauten Turms nicht erst zu beginnen, denn die nach mittelalterlicher Weise regierende Kraft und Ruhe dieses mächtigen Stumpfes ist völlig offenbar. Im Innern ber brei« fchiffigen Hallenkirche verspürt man ben Abe! gotischer Form auch durch unliebsame Bemalung aus neuer Zeit hindurch, und die schlank auf- wachsende Gestalt bes Sakramentsgehäuses, einer Lärche vergleichbar, bi« mit bem Wipsel nickt, ist nicht minber eines der deutschgotischen Hauptzeichen als das Sakramentsgehäuse des Adam Krafft in Sankt Lorenz zu Nürnberg! Mit Engelsköpfchen, Figuren, Rankenwerk reich ausgebildet, aus feinkörnigem weißen Haustein so kunstreich herausgehauen, daß Aest« und Zweige sich ineinander schlingen: so ist dies Gebilde schon eines jener äußersten Wagnisse, in denen eine eifrig spielende Spätgotik bewußt an die Grenzen ging. (Der Name des Meisters soll nicht verschwiegen werden: das Gehäuse wurde dem Augsburger Gregor Er Hardt in Auftrag gegeben, der es 1503 vollendet hatte.) Des Schönen ist schon soviel gesehen, so im besonderen wie im gesamten, aber das Köstlichste steht noch bevor. Schon stellt sich dem Gast, der den Markt hinaufspaziert und in die Heiligkreuzgasse eintritt, die bizarr imponierende Figur des Turmes der Kreuzkirche in den Blick. Die Stadl wird stiller. Man ist in den geistlichen Bezirk ber Stabt gelangt. Sie Kirche ist Kopf und Krone einer mit starker Einfachheit noch immer dastehenden SBenebittinerabtei, bie 1802, in ber Zeit eines grob säkulari- fierenben Staatsliberalismus von weltlich-zentralistischer Gebe aufgehoben würbe. Die Schönheit ber Gestalt bes Ganzen unb ber Situation ist geblieben. Man tritt in ben Friebhos; man geht zur Rampe vor. Das Laub erstreckt sich auf Wiesengrün unb Waldgrün in mäßigen Steigerungen; bie Wörnitz blinkt über ihre vom Regen genährte Breite hin so still wie ein grauer Metallspiegel, ber wettergraue Himmel macht bie einfache unb großflächige Schönheit der Landschaft für diesmal schwermütig, aber man ahnt die strahlende Heiterkeit, die ihr von der Sonne unb bem blauen Himmel ein anbermal gegeben sein kann, unb man zaudert nicht, die Sicht von der Höhe dieser Friedhofsrampe zu den köstlichsten Ausblicken des ganzen bayerischen Landes hinzunehmen! Das Innere der barocken Kirche, die, im Beginn des 18. Jahrhunderts erbaut, dem Genie des Joseph Schmutzer verdankt wird, begleicht auf triumphale Art, was sie der Schönheit dieser Lage schuldet; die Kirche ist der Zenit dieser Stadt. Das bayerische Barock erreicht seine souveräne Höhe hier im Gesamtbild wie in der Fülle erstaunlicher Altäre, die mit Gold und Silber üppig, nervös entwickelt, durch die Kirche hinglänzen. Im einzelnen muß man zumal die empfindsame Bildung der Hände an den Heiligenfiguren bestaunen, die der barocken Geschmeidigkeit der Modellierung die stärksten Akzente gibt. Seltsam das Schwarze da und dort an Händen und Gesichtern der Engel und Heiligen: Silber, mit dem Fleischteile gefaßt waren, ist nachgedunkelt und fügt dem Zauder des Ganzen die Magie des Rätselhaften hinzu. Man verfolgt die Entwicklung der Stadt bis zur Klassik des Deutsch- ordenshauses, das mit Grau und Rosa dem Rathaus benachbart ist. Aber noch wartet des Gastes, der einen kleinen Ausflug nicht scheut, unweit der Stadt etwas Außerordentliches: die Kirche von Kaisheim. Hier hat, inmitten einer schon abgründigen Einsamkeit, die Gotik kathedralischh Masse angenommen! Schon das Aeußere, wiewohl ohne bedeutenden Raum (denn es besitzt nur den Vierungsturm über der Kreuzung der Schiffe), kündet Ungewöhnliches an; die Massen und Verhältnisse streben durchaus ins Große. Das Innere, schlank, erhaben, ist nicht weniger als die Erscheinung eines noblen Domes meisterlicher Gotik! Wie kommt es, daß man dieser grandiosen Kirche nicht mehr Aufmerksamkeit schenkt? Die Ueppigteit der Ausstattung einer Kirche, die allein schon um der vollendeten Reinheit ihrer gotischen Raumbildung willen eifrig gesucht werden müßte, tut ein übriges: enorme Wandungen unter hochsitzenden Spitzbogensenstern tragen Apostelbilder in phantastischen Goldrahmen einer sozusagen flam’ boyanten Renaissance, und Hochaltar, Kanzel, Orgel, alle drei in Grw und Schwarz, Werke einer überschwenglichen Renaissance auch sie, schenken dem Ganzen eine berauschend-symphonische Fülle. ^eraotwortUch Dr. Hans Tbvriot. — Druck unb ‘Berlag: Drühl'sche Untversitäts-Duch- und 6teinbiudetet, 2L Gange, Vietze*