GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957____________________________Zreitag, den 25. April_______________ Nummer 5| Der Gtechlin Vornan von Theodor Fontane 24. Fortsetzung. 27. Kapitel. „Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu", sagte sich Dubslav still in seinem Herzen, als er jetzt Melusine den Arm bot, um sie vom Flur her in den Salon zu führen. „So müssen Weiber sein." Auch'Adelheid bemühte sich, Entgegenkommen zu zeigen, aber sie mar wie gelähmt. Das Leichte, das Heitre, das Sprunghaste, das die junge Gräfin in jedem Wort zeigte, das alles mar ihr eine fremde Welt, und daß ihr eine innere Stimme dabei beständig zuraunte: „Ja, dies Leichte, das du nicht hast, das ist das Leben, und das Schmers, das du hast, das ist eben das Gegenteil davon", — das verdroß sie. Denn trotzdem sie beständig Demut predigte, hatte sie doch nicht gelernt, sich in Demut zu überwinden. So mar denn alles, was über ihre Lippen kam, mehr oder weniger verzerrt, ein Versuch zu Freundlichkeiten, die schließlich in Herbigkeiten ausliefen. Lorenzen, der erschienen war, half nach Möglichkeit aus, aber er war kein Damenmann, noch weniger ein Causeur, und so kam es denn, daß Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem Oberförster ausblickte, trotzdem er doch seit Mittag wußte, daß er nicht kommen würde. Das jüngste Töchterchen war nämlich gestorben und sollte den andern Tags schon auf einem kleinen, von Weihnachtsbäumen umstellten Privatsriedhofe, den sich Katzler zwischen Garten und Wald angelegt hatte, begraben werden. Es war das vierte Töchterchen in der Reihe, jede lag in einer Art Gartenbeet und hatte, wie sinSamenkorn dessen Aufgehen man erwartet, ein Holztäfelchen neben sich, drauf der Name stand. Als Duslavs Einladung eingetroffen war, war Ermyntrud, wie gewöhnlich, in Katzler gedrungen, der Einladung zu folgen. „Ich wünsche nicht, daß du dich deinen gesellschaftlichen Pflichten entziehst, auch heute nicht, trotz des Ernstes der Stunde. Gesellschaftlichkeiten sind auch Pflichten. Und die Barbyschcn Damen — ich erinnere mich der Familie — werden gerade wegen der Trauer, in der wir stehen, in deinem Erscheinen eine besondere Freundlichkeit sehen. Und das ist genau das, was ich wünsche. Denn die Komtesse wird über kurz oder lang unsre nächste Nachbarin fein." Aber Katzler war festgeblieben und hatte betont, daß es Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten, und daß er durchaus wünsche, daß dies gezeigt werde. Der Prinzessin Auge hatte während dieser Worte hoheitsvoll auf Katzler geruht, mit einem Ausdruck, der sagen zu wollen schien: „Ich weiß, daß ich meine Hand teinem Unwürdigen gereicht habe." Katzler also fehlte. Doch auch Koseleger, trotz seiner Zusage, war nach nicht da, so daß Dubslav in die sonderbare Lage kam, sich den Ouadekl- Hennersdorfer, aus dem er sich eigentlich nichts machte, herbeizuwünschen. Endlich aber fuhr Koscleger vor, sein verspätetes Kommen mit Dienst- lichkeiten entschuldigend. Unmittelbar danach ging man zu Disch, und ein Gespräch leitete sich ein. Zunächst wurde von der Nordbahn gesprochen, die, seit der neuen Kopenhagener Linie, den ihr von früher her anhaftenden Schreckensnamen siegreich überwunden habe. Jetzt heiße sie die „Apfelsinenbahn", was doch kaum noch übertroffen werden könne. Dann lenkte man auf den alten Grafen und seine Besitzungen im Graublln- dischei, über, endlich aber auf den langen Aufenthalt der Familie drüben in England, wo beide Töchter geboren seien. Dies Gespräch war noch lange nicht erledigt, als man sich von Tisch erhob, und so kam es, daß sich das Plaudern über eben dasselbe Thema beim Kaffee, der im Garteusalon und zwar in einem Halbzirkel um den Kamin herum, eingenommen wurde, fortfetzte. Dubslav sprach sein Bedauern aus, daß ihn in seiner Jugend der Dienst und später die Verhältnisse daran gehindert hätten, England kennen zu lernen: es sei nun doch mol das vorbildliche Land, eigentlich für alle Parteien, auch für die Konservativen, die dort ihr Ideal mindestens ebensogut verwirklicht fänden wie die Liberalen. Lorenzen stimmte lebhaft zu, während andrerseits die Domina ziemlich deutliche Zeichen von Ungeduld gab. England war ihr fein erfreuliches Gesprächsthema, was selbstverständlich ihren Bruder nicht hinderte, dabei zu verharren. „Ich möchte mich", fuhr Dubslav fort, „in dieser Angelegenheit an unfern Herrn Superintendenten wenden dürfen. Waren Sie örüben { „Leider nein, Herr von Stechlin, ich war nicht drüben, sehr zu meinem Bedauern. Und ich hält es so leicht haben können. Aber es ist immer wieder die alle Geschichte: was man in ein paar Stunden und mitunter in ein paar Minuten erreichen kann, das verschiebt man, eben weil es so nah ist, und mit einemmal ist es zu spät. Ich war Jahr und Tag im Haag, und von da nach Dover hinüber war nicht viel mehr als nach Potsdam. Trotzdem unterblieb es, oder richtiger gerade deshalb. Daß ich den Tunnel oder den Tower nicht aesehn, das könnt ich mir verzechn. Aber das Leben drüben! Wenn irgendwo das viel zitierte Wort von dem ,in einem Tag mehr gewinne» als in des Jahres Einerlei' hinpaßt, so da drüben. Alles modern und zugleich alles alt, eingewurzelt, stabilisiert. Es steht einzig da: mehr als irgendein andres Land ist es ein Produkt der Zivilisation, so sehr, daß die Neigungen der Menschen kaum noch dem Gesetze der Natur folgen, sondern nur »och dem einer verfeinerten Sitte." Die Domina fühlte sich von dem allem mehr und mehr unangenehm berührt, besonders als sie [ah, daß Melusine zu dem, was Koseleger aus» führte, beständig zustimmend nickte. Schließlich wurde es ihr zu viel. „Alles, was ich da so höre", sagte sie, „kann mich für dieses Bolk nicht einnehnien, und weit sie rundum von Wasser umgeben sind, ist alles so kalt und feucht, und die Frauen, bis in die höchsten Stände hinaus, sind beinah immer in einem Zustand, den ich hier nicht bei Namen nennen mag. So wenigstens hat man mir erzählt. Und wen» es da»» neblig ist, dann kriegen sie das, was sie den Spleen nennen, und fallen zu Hunderten ins Wasser, und keiner weiß, wo sie geblieben find. Denn, wie mir unser Rentmeister Fix, der drüben war, aufs Wort versichert hat, sie stehen in keinem Buch und haben auch nicht einmal das, was wir Einwohnermeldeamt nennen, so daß man beinah sagen kann, sie sind so gut wie gnr nicht da. Und wie sie kochen und braten! Alles säst noch blutig, besonders das, was wir hier .englifche Beefsteaks' nennen. Und kann auch nicht anders fein, weil sie so viel mit Wilden umgehn und gar keine Gelegenheit haben, sich einer feineren Gesittung anzuschlteßen." Koseleger und Melusine wechselten verständnisvoll Blicke. Die Domina aber sah nichts davon und fuhr unentwegt fort: „Fix ist ein guter Beobachter, auch von Sittenzuftünden, und einer ihrer Könige, worüber ich auch schon als Mädchen einen Aufsatz machen mußte, hat fünf Frauen gehabt, meist Hofdamen. Und eine hat er köpfen lassen, und eine hat er wieder nach Hause geschickt. Und war noch dazu eine Deutsche. Und sie sollen auch keinen eigentlichen Adel mehr haben, weil mal ein Krieg mar, drin sie sich umschichtig enthauptete», und als alle weg waren, habe» sie gewöhnliche Leute rangezogen und ihnen die alten Namen gegeben, und wenn man denkt, es ist ein Gras, so ist es ein Bäcker oder höchstens ein Bierbrauer. Aber viel Geld sollen sie haben, und ihre Schisse sollen gut sein und dauerhaft und auch sehr sauber, fast schon wie holländisch: aber tu ihrem Glauben sind sie zersplittert und fangen auch schon wieder an katholisch zu werden." Der alte Dubslav, als die Schwester mit ihrem Vortrag über England einsetzte, hatte sich mit einem „Schicksal, nimm deinen Lauf" sofort resigniert. Waldemar aber war immer wieder und wieder bemüht gewesen, einen Themawechsel eintreten zu lassen, worin er vielleicht auch reüssiert hätte, wenn nicht Koseleger gewesen wäre. Dieser — entweder weil er als ästhetischer Feinschmecker an Adelheids Auslassungen ein aufrichtiges Gefallen fand, oder aber weil er die von ihm selbst angeregte Frage hinsichtlich „Natur und Sitte" (die sein Steckenpferd war) gern weiterspinnen wollte — hielt an England fest und sagte: „Die Frau Domina scheint mir davon auszugehn, daß gerade der mitunter schon an den Wilden grenzende Naturmensch drüben in vollster Blüte steht. Und ich will das auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber daneben begegnen wir einem Lebens- und Gesellschaftsraffinement, das ich, trotz manchem Anfechtbaren, als einen höchsten Kulturausdruck bezeichnen muß. Ich erinnere mich unter andern! eines gerade damals geführten Prozesses, über den ich, als ich im Haag lebte, meiner kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten mußte (Highlife-Prozesse gingen ihr über alles), und der Gegenstand, um den sich's handelte, war so recht der Ausdruck eines verfeinerten ober meinetwegen auch überfeinerten Kulturlebens. So recht das Gegenteil von bloßem Naturmenschentum. Es ist freilich eine ziemlich lange Geschichte ..." „Schade", sagte Dubslav. „Aber trotzdem, — wenn überhaupt erzählbar . ." 0 gewiß, gewiß; bas benfbar Harmloseste ..." „Nun beim, lieber Superintenbcnt, wenn wirklich so harmlos, so mach ich mich ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewiß neugierigen Damen, meine Schweller, bie Domina, mit eingeschlossen. Wie war cs? Wie verlief die Geschichte, für die sich eine kaiserliche Hoheit so lebhaft interessieren konnte?" „Nun, wenn es denn fein soll", nahm Koseleger langsam und wie bloß einer Pression nachgebend das Wort, „es lebte da zu jener Zeit eine schöne Herzogin in London, bie’s nicht ertragen konnte, baß bie Jahre nicht spurlos an ihr vorübergehen wollten; Fältchen unb Krähenfüße zeigten sich. In dieser Bedrängnis hörte sie von ungefähr von einer .plastischen Künstlerin', die durch Auftrag einer Wachspaste die Jugend miederhcrzustellcn wisse. Diese Künstlerin wurde gerufen, unb bie Wieder- Herstellung gelang auch. Aber nun traf eines Tages bie Rechnung ein, bie Bill', wie sie ba brühen sagen. Es war eine Summe, vor der selbst eine Herzogin erschrecken durste. Und da die Künstlerin auf ihrer Forderung beharrte, so kam es zu dem angedeuteten Prozeß, der sich alsbald zu einer cause c616bre gestaltete." bis ich einschlafe." 28. Kapitel. das mein Tod." Armgard lachte. , , , n . „3a, du lachst, aber hast du denn die Augen von ihr gesehn? Und hast du ihre Stimme gehört? Und die Stimme, wie du doch weißt, ist die Seele." „Gewiß. Aber Seele oder nicht, sie kann dir doch nichts tun mit ihrer Stimme und dir auch nicht erscheinen. Und wenn sie trotzdem kommt, nun, so rufst du mich." „Am liebsten wäre es mir, du bliebst gleich bei mir. "Nun gut, nun gut. Ich sehe wohl ein, daß das nicht gut geht. Aber was' anders! Ich habe da vorhin eine Bibel oder vielleicht auch bloß ein Gesangbuch liegen sehn, da auf dem Brettchen^ wo die kleine Puppe steht Beiläufig auch was Sonderbares, diese Puppe. Sitte, mmm die Bibel von der Etagere fort und lege sie mir hier auf den Nachttisch. Und das Licht laß brennen. Und wenn du im Bett liegst, sprich immerzu, Sehr begreMich", versicherte Dubslav, und Melusine stimmte zu. 1 "Zahlreiche Personen traten in der Verhandlung aus, und als Sach- verständige wurden zuletzt auch K°nkurrent>,inen au d,e em ^ez,alo aebiete der vlasti chen Kunst vernommen. Alle fanden die Forderung erheblich zu hoch, und der Sieg fchien sich rasch der Herzogin juneigen I ,u sollen. Aber in eben diesem Augenblicke trat die sich arg bedrängt . übende Künstlerin an den Vorsitzenden des Gerichtshofes heran und bat । ihn an die erschienenen Fachgenossinnen einfach die Frage nach der I Dauer der durch ihre Kunst wiederhergestellten Jugend und Schönheit richten zu wollen, eine Bitte, der der Oberrichter auch sofort nachkam. Was daraus geantwortet wurde, lautete hinsichtlich der Dauer sehr ver- ichieden Als aber, trotz der Verschiedenheit dieser Angaben, keine der Konkurrentinnen mehr als ein Vierteljahr zu g°s°nUeren wagte wandte «Ä WAS? öS «SÄW.t bof mit, und die Herzogin hatte die Riefensumme zu zahlen. Und wäre dergleichen Hierlandes möglich? fragte Melusine I "Ganz unmöglich" erwiderte der für alles Fremde schwärmende Koseleger „Es kann hier einfach deshalb nicht vorkommen, weil uns der dazu nötige höhere Kulturzustand und die dementsprechende, An^au- una fehlt. In unserm guten Preußen, und gar erst in unsrer Mark, fiphf man in einem derartigen Hergang nur das Karikierte, gunstlgen- salls das Groteske, nicht aber jenes Hochmaß gesellschaftlicher Verfeinerung, aus dem allein sich solche Dinge, die man tm übrigen um ihres Raffinements willen belächeln oder verurteilen mag, entwickeln tonnen. Die meisten waren einverstanden, allen voraus Dubslav, dem der- ateichen immer einleuchtete, während die Domina von „Horreur sprach I Ld sichtlich unmutig den Kopf hin und her bewegte. Waldemar erneue natürlich seine Versuche, die der Tante so mißfällige Konversation auf andres überzulenken, bei welcher Gelegenheit er nach dem Berühren verschiedenster Themata zuletzt auch auf den Coventgardenmarkt und den englischen Gemüsebau zu sprechen kam. Das paßte der Domina. c.Q Gemüsebau", sagt« sie, „das ist eine wunderbare Sache, daran hat "man eine wirkliche Freude. Kloster Wutz ist eigentlich eine Garten- qeqenb- unser Spargel ist denn auch weit und breit der beste, und meine oute Schmargendorf hat Artischocken gezogen so groß wie ne Sonnenblume. Freilich, es will sie keiner so recht, und alle sagen immer: ,es dauert so lange, wenn man so jedes Blatt nehmen muß, und eigentlich hat man nichts davon, auch wenn die Soße noch so dick ist. Vie! mehr Glück hat unsre alte Schimonski mit ihren großen Erdbeeren — ich meine natürlich nicht die Schimonski selber; sie selber kann gar nichts, aber sie bat eine sehr geschickte Person — und ein Berliner Händler kaust ihr alles ab, bloß daß die Schnecken oft die Hälfte jeder Erdbeere wegfressem Man sollte nicht glauben, daß solche Tiere suchen feinen Geschmack haben. Aber wenn es wegen der Schnecken mich unsicher stt Dubslav, du solltest solche Zucht doch auch versuchen. Wenn es einschlagt ist es sehr vorteilhaft. Die Schimonski wenigstens hat mehr davon als von ihren Hühnern, trotzdem sie gut legen. Denn mal sind sie billig, die Eier, und dann wieder verderben sie, und die schlechten werden einem berechnet und abgezogen, und die Streiterei nimmt kein Ende." Kurz vor elf brach das Gespräch ab, und man zog sich zuruck. Der alte Dubslav ließ es sich nicht nehmen, die Damen persönlich treppauf bis an ihre Zimmer zu führen und sich da unter Handkuß von ihnen zu verabschieden. Es waren dieselben zwei Räume, die vor gerat) einem Vierteljahr Rex und Czako bewohnt hatten, das größere Zimmer letzt für Melusine, das kleinere für Armgard bestimmt. Aber als nun beide vor ihren Reisetaschen standen und sich oberflächlich daran zu tun machten, sagte Melusine: „Dies Himmelbett ist also für mich. Wenn es dir gleich ist, beziehe du lieber dies Ehrenlager und lasse mir das kleine Schlafzimmer. Zusammen sind wir ja doch; die Tür steht auf." 3a Melusine, wenn du's durchaus wünscht, dann natürlich. Aber ich verstehe dich nicht recht. Man will dich auszeichnen, und wenn du es ablehnst. so kann es auffallen. Man muß doch in einem Hause, wo man noch halb sremd ist, alles so tun, wie's gewünscht wird." Melusine ging auf die Schwester zu, sah sie halb verlegen, halb schelmisch an und sagte: „Natürlich hast du recht. Aber ich bitte dich trotzdem darum. Und es braucht ja auch keiner zu merken. Direkte Kontrolle wird ja wohl ausgeschlossen sein, und ich mache keine tiefere Kute »te ou. , Gut, gut", lachte Armgard. „Aber sage, was soll das alles? Du bist doch sonst so leichtlebig. Und wenn es dir hier in dem ersten Zimmer, weil es so nah an der scharfen Flurecke liegt, wirklich etwas ängstlich zumute sein sollte, so können wir ja zuriegeln." „Das hilft nichts, Armgard. In solchen alten Schlössern gibt es immer Tapetentüren. Und was das hier angeht", und sie wies dabei auf das Bett, „alle Spukgeschichten sind immer gerad in Himmelbetten passiert; ich habe noch nie gehört, daß Gespenster an eine Birkenmaserbettstelle herangetreten wären. Und hast du nicht unten den mistle-toe gesehn? Mistelbusch ist auch noch so Ueberbleibsel aus heidnischer Zeit her, bei den alten Deutschen gewiß und bei den Wenden wohl auch, für den Fall, daß die Stechlins wirkliche Wenden sind. Wenn ich Tante Adelheid ansehe, glaub ich es beinah. Und wie sie von den Hühnern sprach und den Eiern. Alles so wendisch. Ich glaube ja nicht eigentlich an Gespenster, wiewohl ich auch nicht ganz dagegen bin, aber wie dem auch sein mag, wenn ich mir denke, Tante Adelheid erschiene mir hier und brächte mir eine Erdbeere, die die Schnecken schon angetnabbert haben, fo wäre 1'^Wahrend dieser Worte waren die Herrschaften an die Gruvpe heran- getreten. „Freut mich, daß ich Sie treffe, Kluckhuhn. Ich denke, Sie begleiten uns ... Frau Gräfin, darf ich Ihnen hier unfern Dorfherrfcher vorstellen? Schulze Kluckhuhn, alter Vierundsechziger." Und nun ordnete sich der Zug. Dubslav und Uncke schlossen ab. Wolde- mar, Armgard und Tante Adelheid hielten die Mitte; Melusine schritt voran, Rolf Krake neben ihr. , . 3ch bin froh", sagte Melusine, „Sie bei dieser Partie mit dabei zu sehn. Der alte Herr von Stechlin hat mir schon von Ihnen erzählt, und daß Sie vierundsechzig mit dabei gewesen. Und ich weiß auch Ihren Namen; bas heißt den zweiten. Und ich darf sagen, ich freue mich immer, wenn ich so was Hübsches höre." Ach Rolf Krake", lachte Kluckhuhn. „3a, Frau Gräfin, wer den Schäden' hat, darf für den Spott nicht sorgen. Das heißt, von .Schaden darf ich eigentlich nicht reden, den hab ich nicht so recht davon gehabt; ich bin nicht mal angeschossen worden. Und doch is so was billig, wenn s erst losgeht." „3a, Schulze Kluckhuhn, unsereinern ist so was leider immer verschlossen oder, wie die Leute hier sagen, verpurrt. Und doch ist das das eigentlich-- Leben. So immer bloß einsitzen und ein bißchen Charpie zupfen, das ist gar nichts. Mit dabei sein, das macht glücklich. Es war aber trotzdem wohl ein eigenes Gefühl, als Sie da so von Düppel nach Alsen r überfuhren, und das unheimliche Schiff, der Rolf Krake, so dicht daneben lag." , , ■ (Fortsetzung folgt.) Am andern Morgen traf man sich zum Frühstück Es war ziemlich spät geworden, ohne daß Dubslav, wie das sonst wohl auf dem-Lande Ge- mohnbeit ist ungeduldig geworden wäre. Nicht dasselbe ließ sich von Tante Adelheid sagen. ,Zch finde das lange Wartenlassen nicht gerabe Dalienb am wenigsten Personen gegenüber, denen man Respekt bezeigen S Oder^ich ge? vielleicht zu weih wenn ich hier vmi Respektbezeigung spreche?" So hatte sich Adelheid zu Dubslav geäußert Als nun aber die Barbyjchen Damen wirklich erschienen, bezwmng sich die Domina und stellte all die Fragen, die man an solchem Begruhungsmorgen zu stellen pflegt 3n aller Unbefangenheit antworten d,e Schwestern, am unbefangensten Melusine, die bei Der; ®*leBenbeit dem alten Dubslav erzählte, daß sie nicht umhin gekonnt harte, sich die Bibel an ihr Bett zu legen. „Und mit der Absicht, drin zu lesen?" Beinah Aber es wurde nichts daraus. Armgard plauderte so viel, freilich auf meinen Wunsch. Ich hörte von der Treppe her immer hie Uhr schlagen und las dabei beständig das Wort Museum. Aber das war natürlich schon im Traum. Ich schlief schon ganz fest. Und heute ftuh bin ich wie der Fisch im Wasser." Dubslav hätte dies gern bestätigt, dabei nach emem Spezif isch suchend, der so recht zum Vergleich für Melusine gepaß haste. Die BI cke einer Schwester aber, die zu fragen schienen „hast du gehört? ließen ibn wieder davon abftehn, und nachdem noch einiges über den großen Oberflur und seine Bilder und Schränke gesprochen worden war, wurde, genau wie vor einem Vierteljahr, wo Rex und Czako äu Besuch da waren, ein Programm verabredet das dem bamahgen sehr ähnlich sah- Aussichtsturm, See, Globsow; dann auf dem Ruckweg die Kwche, vielleicht auch Krippenstapel. Und zuletzt das „Museum .Aber manches davon war unsicher und hing vom Wetter ab Nur den See wollte man unter allen Umständen sehn. Engelke wurde beauftragt, mit Plaids und Decken vorauszugehn und ein paar Leute zum Wegschaufeln des Schnees- mrt- zunehmen, lediglich für den Fall, daß die Damen vielleicht Luft bezeigen sollten, die Sprudel- und Trichterstelle genauer zu studieren. „Und wenn | wir auf unferm Hofe keine Leute haben, so geh ins Schulzenamt und bitte Rolf Krake, daß er aushilft." Melusine, die dieser Befehlserteilung zugehört hatte, war überrascht, in einem märkischen Dorfe dem Namen „Rolf Krake zu begegnen, und erfuhr denn auch alsbald den Zusammenhang der Dinge. Sie «ar ganz enchantiert davon und sagte: „Das ist hübsch. Aller aufgesteifter Pa - tismus ist mir ein Greuel, aber wenn er diese Formen anmmmt und sich in Humor und selbst in Ironie kleidest dann ist er das Beste, was man haben kann. Ein Mann, der solchen Beinamen hast der lebt, der ist in sich eine Geschichte." Dubslav küßte ihr die Hand, Adelheid aber wandte sich demonsttativ ab; sie wollte nicht Zeuge dieser ewigen Huldigungen sein. „Wenn man ein alter Major ist, ist man eben ein alter TOajor und nicht ein junger Leutnant. Dubslav ist zwanzig, aber zwanzig Jahr a. D." Es war gegen zehn, als man aufbrach, um zunächst auf den Ausstch s- turm zu steigen, und nachdem man von der obersten Etage her die Wald- landfchaft, die sich auch in ihrem Schneeschmuck wundervoll ausnahm, ge- bührend bewundert und dann den Abstieg glücklich bewerkstelligt hatte, passierte man den Schloßhof mit der Glaskugel, um über den Dorfplatz I forthin biß n