Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, -en 22. November Nummer Iut, sie gruppierten sich zu immer neuen Lebensformen von Schlachten, die ich anlegte, gewann oder verlor. Diese winzigen Rechtecke — uh begriff sie sogleich, sie waren mein Erbbesitz, ich malte sie überall hin, ich fing an zu träumen, was meine Mutter in mich hmemgetraumt hatte. Aber das war mein Geheimnis, von dem ganz wenige wußten. Ich hatte ja kaum einen Freund — selbst dazu fehlte die Zeit oder ich hatte zu viele Freunde, aber nicht in der Schule. Dort war ich zwar gern gesehn — lange dumme Riesen sind immer beliebt: ein Riese war ich, für dumm galt ich, sogar mir selber, an Beliebtheit konnte es nicht fehlen. Aber die Freunde, die ich meine, waren geschwänzt unD bemüht, mit vier Beinen, die Rösser nämlich im Marstall. Die Wohnung, die meine Mutter wählte, mußte ja in der Nähe der Ulanenkaserne liegen, die ihr grauer, innen goldener Traumpalast war. In unserer kleinen stillen Straße mit ihren Vorgärte» und Säulenveranden wohnten viele Offiziere des Regiments: in ihren Ställen bei ihren Burschen wa ich wie im Marstall bei Wachtmeistern und Bereitern em immer willkommener Gast, so daß ich mich auf das vollkommene Striegeln, Futtern und Aufzäumen und die Geheimnisse der Reitvorschrift, lange bevor ich !>e zu erlernen hatte, verstand. Ach, diese spärlich ergatterten SU >m Stallduft und beim Mannschaftsreiten in der herrlich nach Lohe riechenden braunen Bahn! Da zeigte sich mir ganz zu Dank auch em Vorzug, der sonst der unnützeste von der Welt war - für einen wie ich, für den die Berufe eines Preisringers oder Athleten außerhalb aller Möglichkeit standen —, und, ach Gott, wie hab ich doch hundertmal alles zerschmeißen mögen und zerfledern, um zu einem Zirkus zu rennen oder nach Texas als Cowboy, da es keine noch so borstige Remonte gab, die unter meinen Schenkeln nicht den bösen Geist aufgegeben hätte. Meine Körperkraft, eine pure Naturverschwendung, ein humoristisches Göttergeschenk zum Nichtsnutz, sie war nämlich beinahe übernatürlich. Das Unheil, das sie in den raufenden Flegeljahren anrichtete, fchrie zum Himmel, und ich weiß nicht, welcher Engel die Hand über mich oder die Opfer meiner Kraft hielt, so daß es immer mit Beulen, Striemen und Quetschungen glimpflich abging. Da ich damals nichts Besseres hatte als sie, rettete mich nur der Uebergang der Natur in gesetzteres Alter vor dem Störrischwerden als der zu nichts verwendbare dumme Rübezahl- Goliath, für den ich galt. Nur einmal — und später erst wie eine Nachgeburt — gab es einen Ausbruch, den ich schildern möchte, weil er besonders hell vor mir stehengeblieben ist bis heute. Unter meinen Lehrern war einer, bei dem ich das Griechische lernen sollte — ein höchst überlegener, wahrhaft geschulter, trockener zwar, aber doch klarer Geist von der Schärfe alpiner Lüfte: ein ganz schneeiger Rabe als solcher unter seinesgleichen, die so starr waren und greis, daß ihre Verachtung gemeinhin an mir abglitt. Aber die seine, die sich zumeist in Schweigen, aber mitunter in Sarkasmen äußerte, die. kunstvoll zugespitzt und vergiftet wie Pfeile sich einhakten — die tat weh. Und da einmal, nach langem Schwären, wirkte der eine so — daß ich ruhig und langsam in meiner Bank aufstand, so in meiner Länge bis vor das Katheder schritt, wo er klein und bärtig mit dem goldenen Kneifer mich anäugte, dann den Tisch vor ihm ergriff und ohne weiteres über ihn hinweg auf die Wandtafel warf, so daß alles ein Krach und Ge- spliiter war. Da bewies der Mann seinen größeren Geist. Nur leicht zurückgefahren, blieb er so ruhig sitzen wie Zeus. Er nahm seinen Kneifer ab, prüfte mich eine Weile still, und auch ich sah ihn tief und ruhig an — vielleicht aber auch schmerzlich. Ich weiß es nicht: aber er sagte dann weiter nichts, als: „Setzen Sie sich wieder hin." Er fuhr in feinem Text fort. Das Zerbrochene bezahlte er selbst: verletzt hat er mich nie mehr; durch das Examen hat er mich mit unbekümmertem Zuflüstern an dem prüfenden Schulrat freundlich vorübergeschoben. Ehre feinem Gedächtnis! Er war einzig in feiner Art. Von meiner geistigen Minderwertigkeit noch überzeugt — wenn auch ■in Träumen gleich großen blitzenden Seufzern Völkerschlachten anordnend vom hohen Hügel —, ein unnützer Goliath von Leib, treuherzig, gut- -herzig, unbesonnen — so sehe ich mich armen Jungen heut: trotz Mutter- güte und Muttersorge ungeliebt, innerst einsam und freubenarm — ein langer Balken von zuwenig Holz, um ein Bildnis daraus zu schnitzen. Aber ich atmete auf. Ich trat ja hinaus in die Freiheit. Begegnung und Aufschwung. Ich weih nicht, ob Körperbau einen Charakter zu bilden vermag. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut": ein Wort, an das ich glaube; allein Geist und Charakter sind nicht ein und dasselbe. Weil aber Seele und Leib in einer ursprünglichen und unzerreißbaren, sich gegenseitig immer befruchtenden Wechselbeziehung stehen, so könnte ich mir denken, daß zeitweilig der Körper allein eine Aufgabe übernimmt und durchführt, indem er" die schlafende Gesellin nur trägt und nährt, bis sie einmal erwachend sich selber erkennt und ihn, und nun souverän geworden, die ihr gebührende Lenkung und Wirkung anfängt. Also könnte ich mir denken, wenn ich mich nun aus der Altersferne als Jugendlichen dahingehen sehe, meiner körperlichen Uederlegenheit in einem Dämmer immer bewußt und immer über alle Mitwelt hinweg- ragend (ich war bei meiner Geburt schon so lang, daß unser sehr kurzsichtiger Hausarzt, nach seinem entfallenen Kneifer tastend, erschrocken gerufen haben soll: „Herrje, da hängen ja zwei aneinander!,"), immer Ferne im Blick und nirgends für ihn Widerstand findend, da jedermann beklemmt ober respektvoll zu mir aufsehen mußte: ich glaube, daß ich hierdurch doch die innerste, wenn auch mir noch so wenig bewußte lieber» legenheit gewonnen habe, die mich Erwachsenden rettete und dem Erwachsenen zur inneren Ruhe verhalf. Ueberbies hatte ich mein Geheimnis — die kleinen Rechtecke —, und ein Geheimnis solcher Art ist ein Schatz, der feinen Hüter veredelt. Ja, ich sah doch auf alle gelassen herab, sah immer alles von oben, erschaute fernhin, was niemand schaute, mir war die Weite vertraut und die Nähe nicht Enge — immerhin: in Geist und Charakter nicht klein und gar kleinlich zu werden, dazu ward mir die Größe. ♦ Ich trat in die Freiheit, sagte ich,"hinaus. Wie, fragt ihr, jahrelang gedrillt zu werden und zu drillen, von morgens bis abends im Zwang des Kasernenhofs befehlend — aber In einen Panzer geschnallt des Gehorchens — das nennst du Freiheit? Nun, meine Lieben, jedes Urteil hängt ab vom Standort. Mir war Gehorsam Natur: mein Geist war noch schlafend, der Verstand reichte grad zum Gehorchen aus. Der Zwang der Kaserne, in dem ich nun das nächste halbe Lebensjahr meiner Avantageurszeit verbrachte, war für meine Robustheit keiner Etwas anderes konnte mir bitterer werden, nämlich die Armut. In Ziffern genannt, betrug das Gehalt eines Sekondeleutnants der Kavallerie 70 Mark, wovon er aber so gut wie nichts zu sehen bekam, denn es wurde für die Kleiderkasse, Mittagsmahl im Kasino, Regimentsmustk und so weiter und weiter einbehalten. Von der Mama erhielt ich 30, von >hrE Sater 20, vom Großvater Krosigk noch 50, zusammen einhundert Mark, dazu ein Reitpferd von der Domäne. Und war ich auch arm gewesen bis dahm — auf der Schulbank mit mir sahen Aermere, und was galt uns Geld in dem Alter? Ueppigkeit galt nun zwar in dem alten feudalen Rament nicht als guter Ton; allein außer mir gab es einen einzigen, der nicht, wie es damals hieß, „in guter Assiette" saß, Landjunker von großen Gütern die sie meistens waren, und von denen eine große Zahl nur Sitte halber ein paar Jahre dem König dienten, ehe sie ihr Eigentum bewirtschafteten. Wie ich mich da durchschlängeln sollte, war ems von den Lebensrätseln, die unlösbar scheinen, und an denen deshalb auch niemand zu raten anfängt. . , Nein, darin bestand nun die Freiheit, daß es von jetzt an nur Dinge für mich gab, die ich leisten konnte. Nichts mehr, was ich mußte und sollte und trotz aller Mühen nicht konnte; sondern nur das noch gab es, was ich vermochte oder selber vollbringen wollte — und dann auch konnte. In dem halben Jahr auf Kriegsschule war ich Erster in allen Fächern, ein Lumen in Mathematik, in Kriegsgeschichte und Taktik ein kleiner Stern. Oh, wie schwoll mir die Brust! Wie sah ich von Anwartschaft auf den Generalstab mein« Hosenbeine bereits sich röten ... Aber ich habe ihn nie gesehen. Das Leben trat hindernd, zunächst auf die holdeste Weise dazwischen. Ich will aber noch erwähnen, bevor ich dieses neue Lebensstück anschneide, daß ich mir mit dem Cromwell-Aufsatz und als anerkannter Sachverständiger im Kriegswesen seitdem — einen Uebernamen verdiente der mich auf mir verborgene Weise zum Regiment begleitete. Er lautete .General"; ich selber schätzte ihn nicht, aus Genauigkeit, weil es den Titel ohne irgendeinen Zusatz bei der Armee nicht gibt. Und wenn es eine freundliche Prophezeiung sein sollte, so blieb sie unerfüllt. Denn General bin ich nie gewesen, auch in der Bulgare! war ich nur Oberst und bekam den Generalstitel nur als Abschiedsgeschenk. Nun, wo ich mich Heimat und Jugend ferne im Alpenland wieder mit dem frühen Titel geschmückt finde, nahm und trage ich ihn mit andrer Bedenklichkeit zum Zeichen eines in fünfzig Jahren nicht weiter gekommenen Lebens. ♦ Ms den jüngsten General der Armee stellte mein Kommandeur auf einem bei ihm stattfindenden Tanzsouper mich zweiundzwanzigjährigen Degenfähnrich einer jungen Dame vor, die grauäugig und kühl zu mir aufsah. . . ... .,, , , . Das weibliche Geschlecht kannte ich bis dahin nicht. Nicht in feiner Eigenart. Tanzstunden hatte ich gehabt, schlecht und recht; ich war auch dafür zu lang und stark, faßte vor Angst nicht zu. Weiterhin war es damals so, daß es für die drei oberen Klaffen in jedem Jahr einen Ball gab — den Abschiedstanz der Abiturienten — und im Sommer das (»genannte Schulfest mit sportlichen Wettkämpfen unö abendlichem Tanz in einem lämpchengeschmückten Zelt. Das waren im Jahr die beiden Gelegenheiten, weibliche Wesen zu berühren — wofern es einer nicht darauf anlegte und Freundschaften schloß mit Brüdern von Schwe- ftem. Ich tat dies nicht, sondern zog — muß ich leider sagen? — den Pferdestall dem Frauenzimmer vor. Uebrigens — daß es in meiner Gesellschaftsklasse richtige Liebeleien gegeben hätte, kann ich mich kaum entsinnen. Wie sollten sie auch zustande kommen? Schwimmbad und Tennis und Wandervogel — für Gymnasiasten und höhere Töchter gab es dergleichen nicht; und wenn eine solche zu Besuchen ober Einkäufen in die Stadt zu gehen hatte, fo tat sie das in Begleitung einer Verwandten oder Freundin — und auch mit einer solchen die Gesellschaft eines Kavaliers anzunehmen, war fo wenig vorstellbar wie nackend zu gehen. Notabene, weil mir in den Sinn kommt, wie anders dazumal vieles war, so preßten wir uns tanzend nicht an die Leiber und segelten so verschlungen dahin. Unsere Tänze — die Polkas, Rheinländer, Mazurkas und auch der Walzer wurden alle gehüpft. Lämmerhüpfen — fo hieß man's darum. Ja, merkwürdig, wenn ich das heut« von weitem sehe, so lache ich drüber. Auch waren Tänzer und Tänzerin sorgfältig mit weißen Handschuhen bekleidet, und während er sie auf Armlänge von sich hielt, hatten ihre Hände nur federleicht auf feiner Achsel und feiner Linken zu schweben. Aber nun, es ändert sich die Zeit, ich war also Degenfähnrich geworden, — und seht mich da nun in dem langen blauen Jnterimsrock, durch seine Länge und Bläue noch verlängert, in die offen« Flügeltür des noch leeren kleinen Saales treten, dessen Mobiliar an die Wände gerückt war. In meiner Gewissenhaftigkeit tarn ich zu früh; mitten stand allein mein Kommandeur mit der jungen Dame. Es war der Abtanz der Saison, der sie auch zum Heile des Aermsten mit der Verlobung von einer feiner vier Töchter planmäßig beschloß. Dazu waren sie ja, diese Bälle, aber die Tochter war, wie immer, die jüngste. Nun, Kinder, auf mich Unerfahrenen wirkte der Lichterschimmer jenes kleinen Saals, den das nackte Parkett spiegelte, ähnlich wie au den unbewanderten Telemach der Goldglanz in Menelaos' Haus zu Mykene. Damals wurden in Deckenkronen und Stehleuchtern noch Kerzen gebrannt; in den Nebenräumen verbreiteten Petroleumlampen mit rosigen oder gelben Seidenschirmen ein sanftes Dämmerlicht. Wie ich da also, säst geblendet, in blauer Ueberlänge und mit rotem Angesicht wie Geranienblüte hineinschwanke, da war es durchaus kein Wunder, daß die erwähnte Graugeäugte bei meinem Anblick erschrak und staunte. Sondern das war ich gewohnt, und es diente mir nicht zur Freude. Daß ferner der Oberft mich chr — einer zugereisten Nichte- Vetterstochter — als den jüngsten General und als ihren Namensvetter vorstellte, drückte mir zwei Beschämungen aus einmal in die Augen. Denn bas eine war Dummheit, und das andere führte nur zur gefprachs- weisen Aufdeckung meiner aristokratischen Fragwürdigkeit, die — an» onften mir keine Pein — in diesem Falle mich fteudlos stimmte. Denn ie war ja ein holdes Geschöpf, mit dem ich freudig hatte verwandt sein möaen Allein sie stammte nun gar von der Lippeschen Linie, bie frei- herrlich war, so alt wie Noah, an Grundbesitz mehr als reich, und ihr Vater war Kammerherr beim Fürsten. Ich atmete daher auf, als ich die Oberstin aus einem SR ebenraum in die Tür treten sah und hingehen mußte, um sie zu begrüßen. Doch dreht« ich mich um, sobald es schicklich zu machen war, der Saalmitte zu; da stand auch sie hergewandt. Nicht daß sie mich angeblidt hatte; hre Augen standen in meiner Richtung, und das gab mir innen ein Zucken. Leider noch vor Tische — denn an der Tafel kam ich durch ich weih nicht welche plötzliche Platzverschiebung an ihre rechte Seite zu sitzen — ersuhr ich auf Erkundigung, daß sie — Ulrike Sofie — zu allem ihrem Prunk und Sibel auch noch fo gut wie verlobt war. Es war noch nicht publik, der Erkorene mar Rittmeister im Regiment, damals gerade durch ein Kommando abwesend, ich kannte ihn nur vom Sehen, wenn er seinen Dogcart in schöner Haltung und Fahrt durch tue Straßen lenkte. Ja einer der schönsten und schneidigsten Offiziere des Korps, innerlich aber ganz faul, Spieler und ein Schinder von Mensch und Tier. Aber das wußte sie nicht. Da faß sie an meiner Seite, ahnungslos, blaß, ruhig und kühl. Sie hatte die durchsichtig zarte Haut alter Geschlechter, chr« bloßen Schultern waren wie Perlen gerundet, chr Haar war rötlich und reich. Gesprochen habe ich nicht mit chr; meine Gesprächsfähigkeit, die nie geübte, wurde aus Beklommenheit kaum dem an meine Rechte gefetzten Wesen gerecht. Allein an deren Stelle ist für mein heutiges Auge nichts als Leere; um so deutlicher dagegen noch heute die Gesichterreihe gegenüber, Uniformen wechselten mit Dekolletes, die Armleuchter brennender Kerzen, die Tafelaufsätze; und am leibhaftesten und unbeweglich in dem Geflimmer und der Bewegung des Lachens und Sprechens — zu meiner Linken bas längliche zarte Profil, Nase und Kinn und der ruhige, kühl- graue Blick unter langen, langsamen Wimpern. Sie war wie ein kühler Märztag. Blühend an ihr war nur ihr Mund. Aber das wußte sie kaum. Ihr« Augen hatten den Blick von 1887 — der sicher war, gefestigt durch Erziehung, Geburt, Ueberlieferung; besonders aber gesichert, weil er vieles überhaupt nicht sah, sehr vieles nicht sehen wollte. Mädchenaugen, die ich heute nirgends mehr erblicke — still, kühl und beschränkt. Ganz geöffnet, völlig verwandelt konnten sie einmal fein; dann waren sie Frauenaugen. Sie war während dieses Mahls neben mir wie ein Bild. Ich sprach nicht mit ihr; ich hatte so wenig Beziehung zu ihr wie ju einem Bild. Aber von diesem Bildwerk ging «in furchtbar geheimer Atem des Lebens aus, der mich anblies mit Eiseskälte; von den Füßen herauf ward ich kalter Nebel. Langsam sog der mich auf; statt meiner wurde da Eis, mein« Brust verhärtete sich zu Stein, mein Herz ging nicht, mein Hirn dachte nicht mehr. Am Ende hatte ich keinen Atem mehr und war stumm. ♦ $um Dessert gab es wie damals üblich die Knallbonbons, wenn ihr wißt, was das ist; beschreiben kann ich sie nicht — lange Dinger aus Buntpapier mit Fransen. Wenn man an den Enden zog, Dame und Herr je an einem, zerriß innen eine Zündschnur mit einem Knall. Aus dem aufgewickelten Ding tarnen farbige Mützen aus Seidenpapier zum Vorschein, mit denen junge und alte Häupter sich zierten. An jenem Abend bildete die muntere Jugend um den Tisch eine Kette, rechter und linker Hand jenen Knallbonbon haltend, um auf Kommando auf einmal zu ziehen. Es knatterte überall, außer zu meiner Linken — aus Ued«rangst vor meiner Kraft zog ich oder drückte zu schwach. Wir versuchten es noch einmal, es mißlang wieder, aber nun war ich Überzeugt, daß es an ihr lag oder an dem Ding. Nahm alfo mein Ende aus der linken Hand in die Rechte, umschloß mit meiner Linken und mit meiner vollkommenen Bewußtlosigkeit ihre Rechte und zog. Es knallt«, sie fuhr leicht zurück, zwinkerte mit den Lidern, lächelte zu mir auf und wendete sich. (Fortsetzung folgt.) St. Nepomuks Vorabend. Von I. W. v o n G o e t h e. Lichtlein schwimmen auf dem Strome, Kinder fingen auf der Brücken, Glocke, Glöckchen fügt vorn Dorne Sich der Andacht, dem Entzücken. Lichtlein schwinden, Sterne schwinden; Also löste sich die Seele Unsres Heilgen, nicht verkünden Durst er anvertraute Fehle. Lichtlein schwimmetl spielt ihr Kinder! Kinder-Chor, oh! singe, sing«! Und verkündiget nicht minder Was den Stern zu Sternen bringe. Oie Schmiedin. Don Hans Sittenberger. Nicht umsonst hieß sie Ursula, di- Schmiedin zu Mauthen im Gailtal. Ursula bedeutet zu deutsch soviel wie Bärenweiblein. Aber zu ihrer Zeit, was freilich schon recht lang, schon an die 130 Jahre her ist, war sie immerhin ein sehr hübsches Bärenweiblein. Die Männer wenigstens pflegten wohlgefällig zu schmunzeln, wenn sie ihrer ansichtig wurden. Als blutjunges Ding hatten die Eltern sie dem Bachschmied, einem angehenden Fünfziger, zum Weibe gegeben. Nach Liebe war sie nicht gefragt worden und hatte auch selbst nicht darnach gefragt. Der Schmied war kein übler Ehemann, und sie tat ihre Pflicht als brave, sorgsame Hauswirtin. Kinder, nach denen sie sich manchmal heimlich sehnte, waren ihr zwar versagt, aber sonst konnte sie nicht klagen, sie war mit ihrem Los zufrieden. Dabei wäre es wohl ihr Lebtag verblieben, wenn die Ehe nicht im siebenten Jahre ihres Bestandes ein plötzliches Ende gefunden hätte. Die Napoleonischen Kriege hatten unruhige Zeiten ins Land gebracht, bei einem Zank mit französischen Soldaten war ein Schuß losgegangen und hatte den Schmied mitten in die Stirne getroffen, so daß er auf der Stelle tot hinfiel. Ursula ließ ihn mit allen gebräuchlichen Ehren bestatten und tat auch, was gefchicklich war, ihn als Witwe zu betrauern, ohne daß freilich ihr Herz dabei eine besondere Leere verspürte. Im Dorf zerbrach man sich die Köpfe, was sie nun beginnen werde. Sie selbst war bald mit sich einig. Die Schmiede gehörte jetzt ihr, die wollte sie nicht aus der Hand geben. Wenn kein Schmied mehr da war, so mußte eben eine Schmiedin das Geschäft weiterführen. Warum auch nicht? Das Handwerk verstand sie. Ost genug hatte sie ja ihrem Gatten bei der Arbeit geholfen und an Muskelkraft der Arme nahm sie's mit jedem Mannsbild auf. Wenn sie den Michel behielt, der schon etliche Jahre Geselle auf der Bachschmiede war, und vielleicht, des Geredes wegen, ihre alte Muhme zu sich nahm, so mußte es gehen. Und es ging wirklich. Frohgemut hantierte sie bald im Haus, bald in der Werkstatt, daß die Funken stoben und die Leute vor Verwundern die Mäuler nicht zubrachten. Es konnte natürlich nicht fehlen, daß das ledige Mannsvolk begehrlich zu werden anfing. Die Schmiedin aber lachte Sie wußte, daß ein großer Teil der Begehrlichkeit dem schönen Schmiedeanwesen galt, und wies alle ab. Der Schneider als der Zudringlichste von allen lernte zuerst das Fliegen. Und da er unverschämt genug war, aus Rachsucht allerlei Uebles über sie zu klatschen, bekam er eine Schmiedische hinter die Ohren, daß ihm das höllische Feuer vor den Augen tanzte. Der Krämer und der Wirt „Zum blauen Stern" verdrehten zwar auch die Hälse nach der riegelsamen Witwe, allein sie besaßen doch ein richtigeres Gefühl für die Witterung als der Schneider und zogen sich vorsichtig zurück, bevor es zum Blitzen kam. So war eine Weile Ruhe. Da aber fing Michel an, .Augen zu machen. Er ivar nicht sehr viel älter als Ursula und dachte wohl, wo er solange zur Zufriedenheit Geselle gewesen, könne er endlich auch Meister werden. Ursula verwies ihm seine Anspielungen zuerst lachend, dann in allem Ernste, und als auch dies nicht half, sagte sie eines Tages kurz und bündig: „Du kannst gehen." Nun versuchte sie's, um nicht im eigenen Hause belästigt zu werden, mit dem alten Balthasar. Es zeigte sich aber bald, daß er seiner Sache nicht gewachsen war. Nach Jahresfrist mußte sie sich, schon um der Schmiede willen, doch entschließen, wieder einen starken, tüchtigen Burschen einzustellen. Sie wählte lange. Endlich kam einer, der ihr Vertrauen einflößte. Leonhard hieß er und überragte sie, die doch auch nicht klein gewachsen war, schier um Haupteslänge. Dabei schien er ein ernster und bescheidener Mensch zu sein. Wirklich lieh er sich auch gut an. Die Arbeit flitzte ihm unter den Händen, als ob sie Kinderspiel wäre. Ursula war also mit ihrer Wahl zufrieden. „Wenn er nur nicht auch zu rappeln anfängt!" dachte sie. Davon war nun allerdings nichts zu merken. Er blieb gleichmütig und gelassen wie am ersten Tag, und nur manchmal schien es ihr, als ob sich ein scheuer Blick aus seinen Augen zu ihr hinstehle. Sie konnte aber durchaus nicht erraten, was dieser Blick etwa verberge. Verliebtheit? Nein. Eher ein bißchen Spott. Das machte sie seltsam verlegen und sie fing an, ihn zu belauern. Bisweilen, wenn sie gemeinsam in der Schmiede hantierten, hielt sie in der Arbeit inne und schaute ihm zu. Cs gefiel ihr, wie er den Hammer schwang. Er achtete nicht weiter darauf und schien ihre Anwesenheit kaum zu merken. Da wurde sie rot und ärgerte sich über sich selbst. Mehr und mehr nahm sie ein launisches Wesen an, das eigentlich gar nicht zu ihr paßte. Es war, als ob etwas sie triebe, ihr Mütchen an dem starken Gesellen zu kühlen, ihn irgendwie zu kränken und herauszufordern. Sie begann an ihm herumzunorgeln, jetzt hatte sie das, dann jenes auszusetzen und bald konnte er ihr gar nichts mehr recht machen. Wenn sie so war, schaute er sie ^>ur groß an, mit einem Blick, aus dem sie nicht klug wurde, zuckte die Achseln und schwieg. Eines Tages kam es wieder zu einem solchen Geplänkel. Diesmal aber, es handelte sich um eine wichtigere Sache, widersprach er ihr. Innerlich war ihr das fast lieb, sie bekam aber doch einen roten Kopf. „Wer ist Herr im Haus, du oder ich?" fragte sie hart. — „Herr >m Haus bin weder ich noch bist du's. Ich aber schaff', wie s der Schmiede zum besten ist", antwortete er gelassen und nahm sein Werkzeug wieder auf. Sie sah, daß eine mächtige Erregung in ihm arbeitete, die er mühsam niederhielt. Noch nie hatte er ihr so gefallen w,e in diesem Augenblicks Das machte sie ganz wirr. „Wer hier nicht tut, wie ich will, der kann lein Bündel schnüren", funkelte sie ihn an. Da wandte er sich langsam nach ihr um, legte den Hammer hin, nahm zwei große, dicke Hufeisen, schob sie auseinander und brach sie mitten entzwei. „Nur damck du weißt, daß du keinen Lappen vor dir hast", fugte er und schritt 31g Jur■ t) •• Mit großen Augen blickte sie ihm nach, lieber sie, das Barenweib em, war beinahe so etwas wie Zittern gekommen. Sie wußte, " machte ernst. In den Flur ging sie und horchte. Oben in der Kammer packte er lein Felleisen. Es dauerte nicht lange, so kam er die Treppe herab. Sie trat ihm in den Weg: „Willst mir's wirklich antun? „Ich dir? Bin ich selbst gegangen ober hast du mich s geheißen? „So heiß ich dich fetzt halt bleiben." ,/ßa6 sein, es tut da kein gut mehr für mich." „Warum?" „Weil... Das geht niemand was an.' Ursula würgte: „Willst mehr Lohn?" „Nein." „Und wenn ich dir versprech', daß ich nimmer so sein werd' ... st! wie heute?" Er schüttelte nur den Kopf. Da überwand sie sich zum letzten. „Leom Hard —1? Wenn ich aber jag’: bleib ... nicht bei der tochmiebin bleib bei mir?" „Ursel —I" Der baumlange Bursche riß gewaltig die Augen auf. Ihr aber schoß das Blut in die Wangen, sie nickte und lächelte befreit: „Ja." So bekam die Schmiede zur Meisterin wieder einen Meister. Alte und neue Eindrücke aus Mexiko. Von Colin Roß. Vor 25 Jahren ritt Colin Roß, der bekannte deutsch« Reiseschriftsteller, mit dem Freiheitshelden und Banditenhäuptling Poncho Villa durch Mexiko, erlebte den Eroberer in seiner ganzen Wildheit und wurde Zeuge von Totschlag. Plünderung, Sieg und Niederlage. Jetzt sah er das wilde Land wieder; es hat sich äußerlich nicht viel verändert, aber im politischen Geschehen haben sich in den letzten Jahrzehnten unaufhörlich die größten Umwälzungen vollzogen. Seine alten und neuen Eindrücke hat Colin Roß in einem neuen Buch „Der Balkan Amerikas. Mit Kind und Kegel durch Mexiko zum Panama-Kanal" niedergelegt, das demnächst bei F. A. Brockhaus in Leipzig erscheint und das in der krassen Her- ausarbeituna der gegeneinander kämpfenden politischen Kräfte außerordentlich fesselt. Wir entnehmen dem Buche folgend« Schilderung: Wilder Krieg vor 25 Jahren. Der Dillasche Krieger hatte selbstverständlich feine Soldadera und infolgedessen auch seine Chamacos mit. Ohne Soldadera, Soldatenfrau, geht der Mexikaner nicht in den Krieg. Die braucht er nicht nur für Herz und Sinne, sondern sie hat auch unersetzliche militärische Aufgaben. Sie kocht, sie wäjcht und flickt, ist der Train und sorgt für die Bagage. Da es in Mexiko noch keine Geburtenkontrolle gibt, wenigstens damals bei den Indianern noch nicht gab, so wimmelte es auch von Chamacos, kleinen nackten, braunen Soldatenkindern. Ein mexikanisches Heer ähnelt daher, was den Troß von Weibern und Kindern anbetrifft, einem aus dem Dreißigjährigen Kriege. Natürlich war das bei uns nur der Fall, wenn wir per Bahn vorrückten. Dann kam natürlich alles mit. Die, Wagen wurden freilich restlos für die Pferde, Geschütze und Stäbe gebraucht. Alles übrige reifte auf 6en Dächern. Sobald das Laden begann, fetzte ein wildes Klettern auf dis Dächer ein. Dort hockte alles durcheinander: Soldaten, Offiziere, Weiber und Kinder. Wie viele Hunderte von Kilometern bin ich selber so gefahren, eng gepreßt zwischen dem Busen einer Soldadera und dem Patronengurt eines Soldaten. Für die eigentlichen Operationen blieben jedoch Weiber und Troß zurück. Das machte das Heer Villas so außerordentlich beweglich. Es war restlos beritten. Anfang befaß es auch keinerlei Artillerie. Erst mit der Zeit wurden aus den eroberten föderalen Geschützen etliche Batterien zu- sammengestellt. Ihre Bedienung bestand fast ausnahmslos aus ehemaligen Huertaschen Kanonieren, die mit ihren Kanonen gefangengenommen worden waren. Nur an Offizieren bestand Mangel. Es war nun einmal Kriegsbrauch, daß nur die gefangenen Soldaten ins eigene Heer gesteckt, di- Offiziere jedoch standrechtlich erschossen wurden. Im Heer Villas befand sich ursprünglich nur ein Artillerieoffizier —> wahrscheinlich war er überhaupt der einzige Berufsoffizier —, General Felipe Angeles. Er hatte Saint Cyr l'Ecole besucht, und er war auch der eigentliche Erfinder der beförderen Taktik Villas, die das Jndianer- heer io lange unbesiegbar machte. Aehnlich wie seinerzeit Gustav Adolf und Friedrich der Große eine neue Kavallerietaktik schufen, die der ihrer Gegner weit voraus war, so auch Felipe Angeles. Er führte in der Epoche des Mehrladers und Maschinengewehrs die Kavallerieattacks wieder ein. Als ich zum erstenmal die Reiterscharen Villas im Gelände sah — jede Schwadron um ihre rotweihgrüne Standarte versammelt —, traute ich freilich meinen Augen nicht. Es schien eine Kleinigkeit für einen mit modernen Waffen ausgerüsteten Gegner, diese Reiterregimenter zu- sammenzuschießen. Allein, Angeles hatte eine sehr wesentliche taktische Neuerung eingeführt, den nächtlichen Angriff zu Pferd. Für das Gelingen war freilich erforderlich, daß er völlig unerwartet erfolgte. So war die Doraussetzung für das Gelingen der Nachtattacke nicht nur der Nacht- marsch sondern die Truppen Villas waren stets woanders, als man sie gerade'vermutete. Wenn sie dann eine Stadt oder ein feindliches Lager angriffen, fo brachen sie wie der Teufel urplötzlich aus dem Dunkel heraus. Unter gellendem Geschrei — das gehörte dazu und war für den Erfolg unerläßlich — sowie andauerndem Abfeuern von Karabinern und Pistolen jagten die wilden Reiter durch die nächtlichen Straßen oder Lagergassen. Das genügte, um eine allgemeine Panik und Flucht aus- ^Allerdings waren solche nächllichen Kaoallerleangriffe nur mit ausgezeichneten Reitern durchführbar, die weder Tod noch Teufel fürchteten. Der Ritt allein über unbekanntes Gelände, oft genug durch Drahthmder- niffe hindurch und über Feldbefestigungen hinweg, war an sich eine hals- brecherische Sache. Aber diese ehemaligen Viehhirten und Banditen machten sich ja nicht viel aus dem Leben. Wenn Streit entstand, fo waren sie auch untereinander rasch mit der Waffe bei der Hand ... Das ewige Rad. Unwillkürlich kommt mir das alles wieder, als ich jetzt pach so langer Zeit zum drittenmal in Torreön bin und mit dem deutschen Saufmann, dec mich damals zu Villa gebracht hatte, friedlich bei einem Glas Mer sitze. Es ist alles so seltsam, so jeder Vorstellung und Erinnerung widersprechend, daß ich anfangs meinte, ich träume. Dabei hat sich Torreön in seinem Stadtbild kaum verändert, und als ich meinen Freund hinter seinem Ladentisch aufsuchte, hätte man meinen können, die Zeit wäre stehengeblieben. Manchmal dünkt es mich selber so', sagt der deutsche Kaufmann nachdenklich. „Wenn ich die bald vierzig Jahre zuruckblicke, die ich lm Lande lebe, und die dreißig, die ich dieses Geschäft führe, mit dem ewigen Einerlei des Alltags, den Indios, die stundenlang die Ware zwischen den Fingern hin und her drehen, ehe sie sich zum Kauf entschließen, so könnte mitunter alles scheinen wie am ersten Tag. Allein, we^ch unsagbare Veränderungen habe ich in den vier Jahrzehnten miterlebt, Pvr- firio Diaz ging und Madera kam. Villa schoß die Haziendados ab und versprach den Peonen Land. Seine Versprechungen wurden nicht Ungelöst genau so wenig wie die von Juarez. Er selber wurde ermordet, nicht anders als Madero. Zapata kam und ging. Carranza wechselte von Reaktion zur Revolution und wieder zur Reaktion. Er wurde Rebell, Präsident und ermordet, wie so viele vor ihm und nach ihm. Immer wieder wurden die Waffen für die. landlosen Peone erhoben, und zum Schluß wurden sie immer wieder von ihren eigenen Führern verraten und preisgegeben. Ein ewiges Rad scheint sich in diesem Lande zu drehen, das das zunterst Gedrehte immer wieder nach oben bringt. Und doch, glauben Sie mir, etwas hat sich geändert. Unsere Zeit ist vorbei! Die Zukunft der Indios. Wenn Sie ins Land hinausfahren, so sehen Sie, daß die Indios auch heute nicht besser leben als vor 25 Jahren, trotz all dem Blut, das sie vergossen. Und trotzdem! Wenn die Landverteitung auch immer wieder Hintertrieben wurde, wenn aus dem landlosen Peonen landfressende Großgrundbesitzer wurden, sobald sie an di» Macht gelangten, nicht anders als die von ihnen Gestürzten, etwas ist anders geworden. Der Indio wird sich nie wieder völlig unterdrücken lassen. Er wird nicht Ruhe geben, ehe er nicht das Land tatsächlich wieder in seinen Besitz gebracht. Und nicht nur das Land! Als ich dieses Geschäft übernahm, da war es eine Selbstverständlichkeit, daß alle Fereterias, alle Eisenhandlungen, Deutschen gehörten, alle Textilgeschäfte Franzosen. Die Spanier beherrschten den Getreidehandel, und sämtliche Minen und Oelquellen waren in den Händen der Amerikaner und Engländer. Dieses reichste Land der Welt gehörte uns Fremden, der Indio war gut genug, für uns zu arbeiten. Jetzt sind wir im Grunde fertig. Wir arbeiten noch weiter, aber man legt uns Jahr für Jahr größere Schwierigkeiten in den Weg, auch wenn wir längst Mexikaner wurden, wie fast alle von uns. Niemand weiß, was wird. Ich bin es herzlich satt, aber was soll ich tun? Es chleidt uns nichts übrig als auszuhalten und zu hoffen, daß sich das Verhängnis noch eine Weile verzieht!" Oie Katze aus dem Niemandsland. Von Rudolf Kreutzer. Im Sommer 1917 lagen wir in dem Wäldchen von Ailly, in einem Birkenwäldchen, was man damals so „Birkenwäldchen" nannte, es war nicht mehr viel zu sehen von den Birken, denn es war viel hinein- gefchoffen worden in dem Winter vorher, aber jetzt war es eine schöne und gut ausgebaute Stellung mit tadellosen Unterständen, und es war nicht mehr viel los dort oben. Nur in den Nächten mußte man scharf aufpassen, denn seitdem unser Fähnrich Kitzing seinen „Stemmklub" aufgemacht hatte und wir uns schon ein paarmal einen Posten geholt hatten vom Franzmann, war es nicht mehr recht geheuer in den Nächten, sie nahmen uns drüben die gelegentlichen Streiche, die wir ihnen spielten, übel und suchten sich an unseren Posten schadlos zu halten, aber es war ihnen bisher nicht geglückt; wir paßten zu gut auf. Einmal, in einer mondlosen Julinacht, standen wir, der Gefreite Hvlz- lechner und ich, auf Horchposten, es war ein vorgeschobener Posten, einen guten Steinwurf weit von unserem Graben entfernt, der Himmel war verhangen und ohne Sterne, es war das richtige Patrouillenwetter, und wir dachten beide, daß sie heute wohl wieder kommen würden und legten uns, vorsorglich wie wir waren, ein paar Handgranaten zurecht. Es dauerte auch wirklich gar nicht lange, da hörten wir es draußen im Drahthindernis leise klirren, wir stießen uns warnend mit den Ellenbogen an und griffen zu den Handgranaten, aber wir warfen sie noch nicht, sondern warteten ab, was weiter geschehen würde. Es war wieder eine Weile still, und dann begann es noch einmal zu klirren, diesmal schon näher und deutlicher, und der Gefreite Holzlechner hatte schon den einen Fuß auf die Berme gesetzt, um aufzuschnellen, aber da geschah etwas so Seltsames und Unheimliches, daß es uns für Augenblicke den Atem verschlug und wir es, weiß Gott, mit der Angst zu tun bekamen. Vor uns, aus dem dornigen Gewirr des Drahtverhaues kam etwas geschlichen, zwei glühende, grünlich schillernde Lichter bewegten sich und kamen immer näher auf uns zu, es war etwas, das wir noch nie erlebt hatten, man wußte nicht, was man davon halten sollte. Ich schaute den Gefreiten Holzlechner an, er blickte mit starren Augen auf das Ding, und ich sah trotz der Dunkelheit, wie sein Adamsapfel auf und nieder ging, als ob er immerfort schluckte, es war aber auch zu unheimlich und gespenstisch, das grünlich schillernde Teufelsding, aber auf einmal war es da, und es glühte und fchillerte nicht mehr, sondern schnurrte ganz behaglich vor sich hin, und es war — wir wußten nicht, was wir dazu sagen sollten — wirklich eine Katze. Wir redeten ihr leise und schmeichelnd zu, sie sprang zu uns in das Postenloch herein und rieb zutunlich und immer noch schnurrend ihren großen runden Katzenkopf an den gamaschenumwickelten Beinen des Gefreiten Holzlechner. Wir freuten uns schon auf die Ablösung und auf die überraschten Gesichter unserer Kameraden im Unterstand, und damit es uns nicht wieder entlaufe, hoben wir das Katzentier auf unsere Arme und hielten es abwechselnd fest, indes wir wieder über den Drahtverhau ins Vorfeld horchten. Nach einer Stunde kam die Ablösung, wir nahmen die Katze mit zurück in den Unterstand, und dort sahen wir, daß es ein großes, silberqraues Tier war, ein Prachtstück von einer Katze. Die Kameraden waren aus dem Schlafe aufgewacht und kletterten von ihren Drahtbetten herab ein jeder suchte in seinen Vorräten nach einem Leckerbissen, aber sie schnupperte kaum ein wenig hin und fraß nichts, fraß nur ein Stückchen Schokolade von dem Fähnrich Kitzing, das genäschige Katzentier. Es vergingen mehrere Tage, wir wußten immer noch nicht, wie denn das Tier in unseren Drahtverhau hatte kommen können — es war im weiten Umkreis nirgendwo ein bewohntes Dorf —, aber dann erfuhren wir es doch noch, und das kam so; Einmal, mitten in der Nacht, kam der Fähnrich Kitzing zu uns in den Unterstand herunter und sagte, er brauche sofort drei Mann, man könne vielleicht wieder einmal dem Franzmann eine Patrouille absangen, der Horchposten draußen habe etwas Verdächtiges gehört. Wir sprangen rasch auf, die drei Mann, die wir gerade waren, die anderen standen auf Posten, und gingen mit dem Fähnrich zu der Sappe vor, und dann legten wir uns draußen im Vorfeld auf die Lauer. Wir hatten Glück, wie immer, wenn der Fähnrich Kitzing bei uns war, es dauerte nicht lange, da liefen sie uns wirklich in die Falle, es waren vier Mann, einer davon entwischte uns, die anderen drei wehrten sich verzweifelt, und es muhte sogar ge- schofsen werden, aber wir brachten sie doch glücklich über den Drahtverhau. Im Unterstand sahen wir sie uns dann näher an, es waren junge Kerle wie wir, tadellose Jungens, der eine hatte einen Armschuß, den andern fehlte nichts. Wir verbanden den Verwundeten, es war ein glatter Schuß, Ein- und Ausschuß im Oberarm, schade um den Prachtschuß, es wäre ein Heimatschuß gewesen. Wir redeten noch dies und das, aber aus einmal hob einer von den dreien die Hand, er starrte verblüfft, als sähe er ein Gespenst, in die Ecke, dahin, wo der Gefreite Holzlechner seinen Tornister hatte, und indes sein ausgestreckter Zeigefinger auf unsere Katze wies, die dort auf dem Tornister schlief, rief er mit einer Stimme, die vor Ueberraschung und Verwunderung hell wie eine Knabenstimme klang: „Oh. ia, la, c’est le chat du capitaine!“ Da hoben auch die anderen zwei die Köpfe, ein munteres Grinsen lief über ihr Gesicht, und auch sie sagten ein paarmal verwundert: „Oh, la, la“, und dann lachten sie aus vollem Halse auf und schlugen sich dabei vergnügt auf die Schenkel, und da wir immer noch nicht begriffen und sie mit fragenden Gesichtern anstarrten, da gaben sie uns zu verstehen, daß dies „bijou“ sei, die Katze ihres Kapitäns, der ihre Patrouille gegolten habe, die sie ihm hatten suchen müssen draußen im Niemandsland, und der sie nun auf eine so seltsame und überraschende Weise hier begegneten. Es wurde eine famose Unterhaltung — der mit dem Armschuß hatte vor dem-Krieg ein paar Semester in München studiert und sprach ein fließendes Deutsch —, wir kochten ihnen einen heißen Bohnenkaffee, den sie mit genießerischen Zügen tranken, und sogar die Marmeladebrote, die wir ihnen dazu schmierten, aßen sie auf, obwohl sie ihnen, das sahen wir ganz deutlich, gar nicht fchmeckten, sie taten es wohl aus Höflichkeit und weil sie uns nicht kränken wollten. Sie machten uns Komplimente, die wir uns gern gefallen ließen, launig und aufgeräumt wie wir waren, und auch wir kargten nicht mit Anerkennung und Bewunderung, sie hatten uns allerhand zu schaffen gemacht, gewiß, das hatten sie, und daß wir sie über unseren Drahtverhan hatten mit Gewalt'hinüberwerfen müssen, bas habe sich leider nicht vermeiden lassen, denn sonst wären sie uns noch um Haaresbreite vor unseren eigenen Gräben getürmt. Wir tränten noch einen Kirsch und gaben uns alte Mühe, sie über ihr Pech hinwegzutrösten, aber sie ließen sich nidjü das geringste anmerken, und öfter mußten sie laut auflachen, daß wir ihre- schneeweisien Zähne blitzen sahen; wir meinten, daß zum Glück wohl nicht viele solche Kapitäne an der Westfront herumliefen, die ehrliche Infanteristen! auf die Katzensuche ins Niemandsland hinausschickten. Indessen wir uns so auf das beste unterhielten und die starken französischen Zigarettem probierten, die sie uns anboten, lag die große silbergraue Katze ganz nah« bei uns auf dem Kalbselltornister des Gefreiten Holzlechner, sie schnurrte: behaglich vor sich hin und blinzelte aus halbgeöffneten, gelben Katzenaugen! manchmal zu uns her, unendlich gelangweilt und teilnahmslos, als habe- sie mit allem diefem nichts zu schaffen, und dabei war sie, wenn man es; richtig bedachte, doch eigentlich allein schuld daran, daß drei so taufere und umgängliche Jungens zwischen unsere Fäuste hatten geraten müssen» das verhätschelte Katzenvieh, das „bijou“, der genäschige Kapitänsliebbing.. Nach einer Stunde kamen die Ordonnanzen, um die drei nach hintem abzuholen. Wir gaben uns die Hände und nahmen voneinander Abschied« wie alte Freunde, und indes sie sich schon zum Abmarsch fertiomachten.. versprachen wir ihnen noch, daß wir das vornehme, fiibergraue Katzentiek' in einen Sandsack stecken und bei gegebener Geleaenheit, vielleicht schon morgen Nacht, wenn der Mond ausblieb, in ihre Gräben hinüberwerfen wollten, damit ihr Kapitän feinen Liebling wieder habe und nicht am: Ende noch einmal drei tapfere Poilus den Finderlohn bezahlen müßten. Aber, um unser Versprechen einzulösen, dazu sind wir dann doch nicht: mehr gekommen, denn fchon ein paar Stunden später, da war das Zier verschwunden, spurlos und unauffindbar verschwunden, undankbar und> treulos, wie nun einmal Katzen sind. Wir haben ihm nicht narbqeroeint. dem silberfelligen, gelbäugigen Katzenvieh, dem gelangweilten, teilnahms" losen, mochte es bei seinem Kapitän bleiben, wo es hergekommen war,, und wo es hingehörte, wir machten uns nichts mehr daraus. An die drei graublauen Poilus, die tadellosen Jungens mit den: schneeweißen, blitzenden Zähnen, mit den verwegenen Käppis und den feinen, ritterlichen Manieren aber haben wir uns noch oft erinnert, uns« wenn wir — was selten genug geschah — zurück in ein bewohntes Dorr kamen und eine Katze laufen sahen, so stießen wir uns vergnügt an un»1 fachen zueinander im besten Französisch: „Oh, la, la, c’est le chat du capitaine!“ Verantwortlich: vc. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universttätsdruckerei V. Lange, Gießen.