GietzeimZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Hreitag, den 22. Oktober Nummer 82 neun H «5 et ir f t, ms e n nur, ß n um* n buntei um Wij agen D folgen rnil I zu W rau fal) ii rrzlich, «i, rregt Str Wann oil „Und was?" fragte Charles. „Und Ihre Pläne, die Notlvendigkeit für Sie, eine Summe .. „Liebe Cousine ..." „Scht! Scht! nicht so laut, wir Ivollen niemand aufwecken. Hier", sagte sie und öffnete ihre Börse, „die Ersparnisse eines armen Mädchens, das nichts braucht. Charles, nehmen Sie sie an. Heut morgen wußte ich noch nicht, was Geld ist. Sie haben es mich gelehrt, es ist nichts als ein Mittel, das ist alles. Ein Vetter ist fast ein Bruder, Sie dürfen wohl von der Börse Ihrer Schwester borgen." Eugenie, die ebenso Frau war wie junges Mädchen, hatte Weigerungen nicht vorhergesehen; aber ihr Vetter blieb stumm. — „Ach Gott, Sie weisen es zurück?" fragte Eugenie, deren Herz hörbar klopfte mitten in diesem tiefen Schweigen. Das Zögern ihres Vettern demütigte sie; aber die Notlage, in der er sich befand, kam ihr noch lebhafter zum Bewußtsein, und sie fiel aus die Knie. „Ich werde nicht eher wieder aufstehen, als bis Sie dies Gold genommen haben", sagte sie. „Lieber Vetter, um Gottes willen, eine Antwort! — womit ich weiß, ob Sie mich so achten, ob Sie hochherzig sind, ob ..." Als er diesen Aufschrei einer edlen Verzweiflung vernahm, ließ Charles Tränen auf die Hände seiner Cousine fallen und umfaßte sie, um sie am Knien zu verhindern. Als sie diese heißen Tränen fühlte, sprang Eugenie nach ihrer Börse und schüttete sie ihm auf den Tisch aus. „Und nun, ja, nicht wahr?" sagte sie, weinend vor Freude. „Seien Sie unbesorgt, Vetter, Sie werden reich werden. Dies Gold wird Ihnen Glück bringen; eines Tages werden Sie es mir zurückgeben; übrigens tun wir uns zusammen; mit einem Wort, ich will auf alle Bedingungen eingehen, die Sie mir auferlegen. Jedoch dürfen Sie dieser Gabe nicht zu viel Wert beimessen." Charles konnte endlich seinen Gefühlen, Ausdruck geben. „Ja, Eugenie, ich müßte eine sehr kleine Seele sein, wenn ich es nicht annehmeu würde. Jedoch Gleiches für Gleiches, Vertrauen gegen Vertrauen !" „Was meinen Sie?" sagte sie erschreckt. „Hören Sie, liebe Cousine, ich habe da ..." Er unterbrach sich, um ihr einen viereckigen Kasten auf seiner Kommode zu zeigen, der in einer Lederhülle steckte. „Ich habe da, sehen Sie, einen Gegenstand, der mir so kostbar ist wie mein Leben. Dieser Kasten ist ein Geschenk meiner Mutter. Seit heute morgen dachte ich, daß sie, wenn !ie aus dem Grab heraufsteigen könnte, selbst das 'Gold verkaufen würde, das ihre Liebe an diesem Necessaire verschwenderisch anbringen ließ; aber wenn ich es täte, würde mir diese Handlung wie eine Entweihung vorkoinmen." Eugenie drückte krampfhaft die Hand ihres Vetters bei diesen letzten Worten. „Nein", sagte er nach einer kurzen Pause, während der alle beide sich mit einem feuchten Blick ansahen, „nein, ich will es weder zu Schaden noch in Gefahr bringen auf meinen Reisen. Liebe Eugenie, Sie sollen es ausheben. Niemals hat ein Freund eine heiligere Sache einem Freund anvertraut. Urteilen Sie selbst darüber." Er nahm den Kasten, zog ihn aus seinem Lederbezug, öffnete ihn und zeigte traurig seiner staunenden Cousine ein Necessaire, bei dem die Arbeit dem Gold einen weit höheren Wert gab, als es seinem Gewicht nach hatte. „Was Sie bewundern, ist nichts", sagte er und drückte auf eine Feder, die einen doppelten Boden aufspringen ließ. „Das ist es, was für mich die ganze Welt aufwiegt." Er nahm zwei Porträts heraus, zwei Meisterloerke von Frau von Mirbel, in reichem Perlenrahmen. „Oh, die schöne Frau! Ist das nicht die Dame, der Sie geschrie ...“ „Nein", sagte er lächelnd. „Diese Frau ist meine Mntter, und das bier ist mein Vater, die Ihre Tante und Ihr Onkel sind. Eugenie, ich möchte Sie auf den Knien anslehen, mir diesen Schatz zu hüten. Wenn ich umkommen sollte un: Ihr kleines Vermögen verlieren, wird Sie dies Gold schadlos halten; und Ihnen allein kann ich diese beiden Bilder überlassen. Sie sind würdig, sie aufzuocwahren. Aber vernichten Sie sie, damit nach Ihnen sie nicht in andre Hände fallen." Eugenie schwieg. „Nun ja, nicht wahr?" setzte er mit Anmut hinzu. Als sie die Worte hörte, die ihr Vetter soeben gesagt hatte, warf sie ihm den ersten Blick der liebenden Frau zu, einen der Blicke, in denen fast ebensoviel Koketterie lvie Tiefe liegt; er ergriff ihre Hand und küßte sie. „Engel von Reinheit! zwischen uns, nicht wahr, sökl das Geld nie etwas bedeuten. Das Gefühl, das erst etwas daraus macht, soll von jetzt ab alles sein." „Sie ähneln Ihrer Mutter. Hatte sie auch eine so sanfte Stimme wie Sie?" „Oh, eine viel sanftere ..." „Ja, für Sie", sagte sie und schlug die Augen nieder. „Jetzt, Charles, legen Sie sich schlafen, ich will es, Sie sind müde. Auf Morgen." Sie befreite sanft ihre Hand aus denen ihres Vetters, der sie zurück- n - Ä aus, ur iu in eine ahn?' ü im W Was W ugmre VJraniM ROMAN von Honore de Balzac 11. Fortsetzung. Dort zog sie, nicht ohne ein lebhaftes Gefühl der Freude, die Schublade eines alten Eichenmöbels auf, eines der schönsten Werke der sogenannten «enaissancezeit, auf dem noch, halb verwischt, der berühmte königliche Salamander zusehen war. Sie nahm ci te große Börse aus rotem Samt mit goldenen^luasten heraus, die mit stumpf gewordenen Goldfäden »estickt war, und aus dem Nachlaß ihrer Großmutter stammte. Und fie wog fehr stolz diese Börse in der Hand und freute sich, den vergessenen Betrag ihrer kleinen Barschaft festzustellen. Sie sonderte zuerst vierund- i wanzig noch neue Portugiesen heraus, unter der Regierung von Johann V. f 1725 geschlagen, die einen wirklichen Wechselwert von fünf Lissabonnern i'Utten, oder jede Münze von hundertachtundsechzig Frauken vierundsechzig Centimes, wie ihr Vater ihr sagte, aber deren Konventionswert hundert- l chzig Frauken betrug, in Anbetracht der Seltenheit und Schönheit besagter | Stücke, die wie Sonnen glänzten. Ferner fünf Genueser oder Stücke von i unbert Frauken von Genua, eine andre seltene Münze, die beim Wechseln nnen Wert von siebenundachtzig Franken hakte, aber von hundert Franken i iir Liebhaber von Goldmünzen. Sie hatte sie von dem alten Herrn de la | gertelliere bekommen. Ferner drei spanische Gold-Quadrupel von Philipp V., i ?729^geschlagen, Gaben von Frau Geukillek, die, wenn sie sie ihr schenkte, immer denselben Satz zu ihr sagte: „Dieser liebe Kanarienvogel hier, dieser tone Gelbling, ist neunzig Franken wert. Hebe ihn gut auf, meine Kleine, « wird die Krone deines Schatzes sein." Ferner, was ihr Vater am meisten I 'Hatzte (das Gold dieser Stücke hatte dreiundzwanzig Karat und einen i Bruchteil), hundert holländische Dukaten, im Jahr 1756 geprägt, die jeder inst dreizehn Franken wert waren. Ferner eine große Seltenheit, eine Art ■ Medaillen, Kostbarkeiten für die Geizhälse, nämlich drei Rupien mit dem I Z.eichen der Waage und fünf Rupien mit dem Zeichen der Jungfrau, alles "ines vierundzwanzigkarätiges Gold, das herrliche Geld des Groß-Moguls, ion dem jede Münze siebenunddreißig Franken vierzig Centimes dem I Gewicht nach werk war, aber mindestens fünfzig Franken für die Kenner, Ke gerne Goldstücke in der Hand fühlen. Ferner den Napoleon von vierzig 1 ranken, den sie am vorgestrigen Abend bekommen und achtlos in die rote Börse geworfen hatte. Dieser Schatz bestand aus neuen, jungfräulichen Stücken, wirklichen ■ unftgegenftänben, nach denen sich der Vater manchmal erkundigte und :üe er wieder ansehen Ivollte, um seiner Tochter die wesentlichen Vorzüge | Imran im einzelnen zu erklären,' wie die Schönheit des Münzrandes, den st Schimmer der Fläche, die reiche Ausschmückung der Buchstaben, deren IJiatfe Kanten noch nicht zerritzt waren. Aber sie dachte nicht an diese I Seltenheitswerte, nicht an das Steckenpferd ihres Vaters, noch an die U kefahr, die sie lief, wenn sie sich von einem Schatz entblößte, der ihrem l| '»ter teuer war; nein, fie dachte nur an ihren Vetter, und kam schließlich, | wch einigen Rechenfehlern, zu dem Resultat, daß sie ungefähr fünftausend- I achthundert Franken dem nominellen Wert nach besaß, die aber nach dem II iwnventionswert sich für nahezu zweitausend Taler verkaufen ließen, i beim Anblick ihrer Reichtümer klatschte sie vor Begeisterung in die Hände | i»e ein Kind, das seinem Uebermaß von Freude in naiven Körperbcwe- S fangen Luft machen muß. So hatten Vater wie Tochter ihr Vermögen | kchählt: Grandek, um fein Gold zu verkaufen, Eugenie, um ihres m ein || --ßet von Liebe zu werfen. Sie legte die Stücke in die alte Börse zurück, sie und ging ohne zu zögern nach oben. Die heimliche Not ihres Otters ließ sie die Nacht und die Schicklichkeit vergessen und fte war stark ö ihr Gewissen, durch ihre Opferfreudigkeit und ihr Glück. Iw Augen- I M, als fie auf der Türschwelle erschien, in der einen Hand das Licht, m ß andern ihre Börse, erwachte Charles, sah seine Cousine und blieb sprach- t vor Ueberraschung. Eugenie kam heran, setzte den Leuchter auf den ff Ich und sagte mit bewegter Stimme: „Lieber Vetter, ich muß Sie um Verzeihung bitten für ein großes I knrecht, das ich gegen Sie begangen habe; aber Gott wird mir die isunbe I r “rrgeben, wenn Sie sie vergessen wollen." „Was ist's denn?" sagte Charles und rieb sich die Augen. »Ich habe diese beiden Briefe gelesen." Charles wurde röt. , »Wie das zugeaanaen ist?" fuhr fie fort. „Warum ich heraufgekommen : Wahrhaftig? jetzt weiß ich es selbst nicht mehr. Aber iühle mich versuch^ I allzusehr zu bereuen, daß ich diese Briefe gelesen habe, weil sie mich | 'l|!t Herz kennen lehrten, Ihre Seele und.. / ih; en miebtt . Sehtlit ?en, tat Men & d'i ieb« lb« fei reu 58a * ich s, Wnch linistenW en |o Höfen uj märe. 6 sehr |ttj, »ollen dn ich nrt chl einmal mit Äg für bieji gut. M ige 6rt. , Leute s ir in M uni) W nadjen i um p in auch II" betam 15 betF n kenuin-l iir uns'M ber btn le A eß •*\ en BZ geleitete und ihr leuchtete. Als iie beide auf der Schwede ihrer Tür waren, 1 , sagte er: I , „Ach, warum bin ich ruiniert?" Bah! mein Vater ist reich, glaube ich", antwortete fle. "Armes Kind", sagte Charles und setzte emen Fuß in das Zimmer und lehnte den Rücken an die Wand, „dann hatte er nicht meinen Vater I sterben lassen, dann würde er Sie nicht solchen Mangel leiden lassen, mit I ( einem Wort, dann würde er anders leben." 1 „Aber er besitzt Froidfond." „Und was ist Froidfond." „Ich weiß nicht, aber er besitzt Noyers. „Irgendeine unbedeutende Farm." Er hat Weinberge und Wiesen." . "Lappalien", sagte Charles geringschätzig. „Wenn Ihr ^er nur achtzigtausend Franken Rente hätte, würden Sie dieses kalte und kahle Z'mmer bewohnen?" fügte er hinzu und setzte den linken Fuß vor. „Da werden also meine Schätze liegen", sagte er und deutete aus d,e alte Truhe, um seinen Gedanken zu verschleiern. , . ... „Gehen Sie schlafen", fagte sie und hinderte chn, m em Zrmmer etn» ?U^Char'les°zog'ftch"urück"und^ie1agten sich durch ein gegenseitiges Lächeln Gute Nacht. Mle beide schliefen fte mit demselben Traum ein, und Charles begann von da an, ein Paar Rosen aus seine Trauer zu streuen. Am nächsten Morgen fand Frau Gründet ihre Tochter vor dem Frühstück m Charles Gesellschaft 1 auf und ab gehen. Der junge Mann war noch traurig, wre es em Unglücklicher, aus allen Himmeln Gestürzter, wie man fügen könnte, mmitten seines Kummers sein mußte, nachdem er m die Tiefe des Abgrunds, m den er gefallen war, ausgemessen und die ganze Schwere semes künftigen ! Lebens empfunden hatte. „ . . „ . Der Vater wird nicht zum Eisen zurückkommen, sagte Eugeme, als sie die Unruhe sah, die sich aus dem Gesicht ihrer Mutter malte. Es war leicht, im Benehmen und dem Gesichtsausdruck von Eugenie und in der besonderen Sanftheit, die ihre Stimme annahm, eme Ueber- einstimmung der Gedanken zwischen ihr und ihrem Vetter zu bemerken. Ihre Seelen hatten sich feurig vermählt, vielleicht noch ehe sie die Starke der Gefühle wohl geprüft hatten, durch die fie zueinander geführt wurden. Charles blieb im Saal, wo man seine Schwermut achtete. Alle drei Frauen hatten zu tun. Da Gründet seine Geschäste hatte hegen lasten, kamen ziemlich viel Leute an, der Dachdecker, der Bleiarbeiter, der Maurer, die Erdarbeiter, der Zimmermann, die Meier, die Pächter, die emen, um Aufträge Über Reparaturen abzuschließen, die andern, um Pacht zu zahlen oder Geld zu cmpsaugen. Frau Gründet und Eugenie mußten daher kommen und gehen und aus die endlosen Reden der Arbeiter und Landleute antworten. Ranon nahm die Abgaben in ihrer Küche m Empfang. Sie I wartete immer aus die Besehle ihres Herrn, um zu wissen, was sur das I Haus behalten und was auf dem Markt verkauft werden sollte. Es war bte Gewohnheit des Alten, wie die einer großen Zahl von Landjunkern, fernen schlechten Wein zu trinken und seine angestoßenen Früchte zu essen. Gegen süns Uhr abends kam Grandet aus Angers zurück; er hatte vierzchntanfend Frauken von seinem Gold mitgenommen und brachte in (einer Brieftasche königliche Schatzanweisungen zurück, die ihm Ziuien gaben bis zu dem Tag, wo er seine Renten bezahlen mußte. Er hatte Cornoiller m Angers I gelassen, um die halblahmen Pserde zu Pflegen und sie langsam zurück- zuführen, nachdem sie sich gut ausgeruht hatten. „Ich komme aus Angers zurück, liebe Frau", sagte er, „ich habe Hunger." Nanon rief ihm aus der Küche zu: „Haben Sie etwa seit gestern nichts gegessen?" „Nein, nichts", antwortete der Alte. . „ Nanon brachte die Suppe herein. Des Grassms kam, um die Auftrage seines Klienten zu hören, gerade als die Familie bei Tisch saß. Der alte. Grandet hatte seinen Ressen noch nicht einmal wahrgenommen. Essen Sie ruhig weiter, Grandet", sagte der Bankier. „Wir können dabei reden. Wissen Sie, was das Gold in Angers wert ist, wo Leute hm- gekommen find, um es für Nantes zu kaufen? ich werde welches hin- schicken." . „Schicken Sie keins hin", antwortete der Alte, „es ist schon genug da. Wir sind zu gute Freunde, als daß ich Ihnen nicht einen Zeitverlust ersparen sollte." , = „ „Aber für Gold bekommt man da dreizehn Franken fünfzig Centimes. „Sagen Sie, bekam." „Zum Teufel, wo kann es denn hergekommen fein?" „Ich bin in dieser Nacht nach Angers gefahren", antwortete ihm Grandet mit leiser Stimme. . Der Bankier zuckte überrascht zusammen; dann begann eme geflüsterte Unterhaltung zwischen den beiden, während welcher des Grasflns und Grandet mehrmals zu Charles hinsahen. Wahrscheinlich im Moment, wo der ehemalige Böttcher dem Bankier fagte, er falle ihm Renten im Betrag von hunderttausend Franken kaufen, entfuhr des Grafsins wieder eine Bewegung des Staunens. „Herr Grandet", sagte er zu Charles, „ich reise nach Paris, und falls Sie Aufträge für mich haben ..." „Nein, teige, ich danke Ihnen", antwortete Charles. „Bedanke Dich ein bißchen mehr, Neffe. Herr des Grafsins geht hin, um die Angelegenheit des Hauses Guillaume Grandet zu ordnen." „Gäbe es denn da noch irgendwelche Hoffnung?" fragte Charles. „Aber", rief der Böttcher mit gut gescheitem Stolz aus, „bist du nicht mein Nesse? Deine Ehre ist meine Ehre. Heißt du nicht Grandet?" Charles stand auf, umfaßte den Vater Grandet, küßte ihn, erbleichte und ging hinaus. Eugenie fah ihren Vater mit Bewunderung an. „Also adieu, mein guter des Grafsins, viel Erfolg, und machen Sie mir die Leute da gut kirre." Die beiden Diplomaten drückten sich die Hand; der ehemalige Böttcher geleitete den Bankier bis zur Tür. Nachdem er sie geschlossen hatte, kam er zurück und sagte zu Nanon, wobei er sich in feinen Sessel fallen ließ: „Bring mit den Cassis." Aber zu aufgeregt, um auf feinem Platz zu bleiben, stand er auf, toi das Porträt von Herrn de la BerteMre an und begann zu singen, Wobei I er machte, was Nanon Tanzschritte nannte: „Bei der französischen Garde Haft' ich einen guten Papa." Nanon, Frau Grandet und Eugenie sahen sich gegenseitig fchweigeid I an. Die Freude des Winzers erschreckte sie immer, wenn s»e ihren H° e. punkt erreichte. Der Abend wurde bald beschlossen. Erstens wollte Vai» Grandet zeitig zu Bett, und bei ihm mußten alle Wafert gehen, wenn ei sich niederlegte; so wie, Wenn August der Starke trank, Polen berauscht w-r, Dann waten Nanon, Charles und Eugenie nicht weniger ntube als tu Hausherr. Und Frau Gründet schlief, aß, tränt, ging aus, ganz nach da» Wunsch ihres Mannes. Aber noch während der zwei Vetdauungsstund-i, gab der Böttcher, übermütiger als man ihn je gesehen hatte, besonders vulr von seinen eigentümlichen Kernsptüchen zum besten, von denen einer seine ganze Stimmung beleuchtete. Et trank feinen Likör aus, fah M Glas an und sagte: , „Kaum hat man die Lippen an das Glas gesetzt, so ist es schon len, Das ist unser Schicksal. Man kann nicht sein und gewesen sein. Die TM können nicht tollen und in deiner Börse bleiben, sonst Wäre das Leb:» i Er war fröhlich und milde. Als Nanon mit ihrem Spinnrad kam, fach et zu ihr: , _ . „ „Du mußt müde sein, laß demen Hanf. „ . . .. ™ . „Ach was! . . . wozu, ich würde mich langweilen , sagte die JJia|b, ','Arme Nanon, willst du einen Cassis?" ; Ach, zum Likör sage ich nicht nein; Madame macht ihn viel besser tli die Apotheker. Was die verkaufen, ist das reine Gifft" „Sie tun zuviel Zucket rein, dann schmeckt er nach nichts , sagte der Ulte, Am nächsten Morgen bot die Familie, die um acht Uhr zum FrüM versammelt war, das Bild von wirklicher inniger Vertraulichkeit. Das Unglück hatte schnell Frau Grandet, Eugenie und Charles in- Beziehung p bracht selbst Nanon sympathisierte mit ihnen, ohne es zu wissen. Alle bei begannen eine Familie zu bilden. Und der alte Winzer wat, infolge en« I befriedigten Habgier und der Gewißheit, den Stutzer bald abreifen zu feM, ohne daß er ihm mehr zu bezahlen brauchte als seine Reise bis NaM fast gleichgültig gegen seine Anwesenheit im Hause. Er ließ den beiden «m dern, so nannte er Charles und Eugenie, Freiheit, sich zu benehmen, wie ft wollten, unter den Augen von Frau Grandet, zu der er übrigens volle- Vertrauen in Punkten bet öffentlichen und religiösen Moral hatte. M Abstecken seiner Wiesen und Gräben an der Straße, das Pflanzen sei«« Pappeln an der Loire und die Winterarbeiten in seinen Weingarten uiw in Froidfond beschäftigten ihn ausschließlich. Jetzt begann für Eugeme Frühling der Liebe. Seit der nächtlichen Szene, da iie dem Vetter ihm Schah gegeben hatte, War ihr Herz dem Schatz nachgefolgt; beide triifti sie dasselbe Geheimnis mit sich herum, sie sahen sich gegenseitig mit w ständnisinnigen Blicken an, was ihre Gesühle vertiefte und fle gernetnm lieber, inniger Werben ließ, ba sie nun beide sozusagen außerhalb Des। * wöhulichen Lebens standen. Rechtsertigte nicht zudem diej Verwandt,« einen besondern sanften Ton der Stimme, eine Herzlichkeit der BM« Und Eugenie Wollte so gerne die Kümmernisse ihres Vetters nut den lu» ließen Freuden einer jungen Siebe einlullen. Gibt es doch anmutige Aehni- leiten zwischen den ersten Stadien der Liebe und den ersten Stadien « Lebens. Man wiegt ja ein Kind mit sanften Melodien unb hebreiö Blicken ein. Man erzählt ihm ja Wunberbare Geschichten, bie ihm dre ZuüM Bergolben. Seinethalben entfaltet ja unaufhörlich bie Hoffnung ihre straft» den Flügel, unb vergießt es nicht abwechselnb Tränen ber Freude und Kummers? Zankt es sich nicht um Kleinigkeiten, um bie Kiesel, mit beifl es ich ein unbestänbiges Haus zu bauen versucht, um bte Blumenstrauß so schnell vergessen wie abgepftückt? Ist es nicht begierig, bie Zeit zu «' fassen, vorwärtszustürmen im Leben? Die Liebe ist eine zweite Umbuow Die Kinbheit unb bie Liebe waren ein unb basselbe für Eugeme undClMb es war bie erste Leidenschaft mit all ihren Kindereien, um so wohltue« für ihre Herzen, als sie von Schwermut umhüllt Waren. Dadurch, daß Liebe sich bei ihrer Geburt in Tränenschleiern regte, befand sie sich »1 um so mehr im Einklang mit der kleinstädtischen Einsachheft dwses m fallenen Hauses. Wenn er einige Worte mit seiner Cousme am Rand Ziehbrunnens in diesem stummen Hof wechselte, wenn he in dem Gar ou I auf einer bemoosten Bank bis zur Stunbe des Sonnenuntergangs blieben, um sich eifrig tausend Wichtigkeiten zu sagen, ober wenn sie w schweigende Ruhe, die zwischen dem Bollwerk und dem Haus herria^ eingesponnen waren, wie man es unter den Bogengängen einer Stu j findet, bann begriff Charles bie Heiligkeit ber Liebe. Denn bei seiner flWi Dame, seiner lieben Annette, hatte er von ber Liebe nur bie ftürrnW Unruhen kennengelernt. Er gab in diesen Augenblicken die Pariser loi-ao eitle, blendende Leidenschaft zugunsten einer reinen und wahren Liebe Er liebte dieses Haus, dessen Sitten ihm nicht mehr so lächerlich vortam , Er ging schon srüh am Morgen herunter, um mit Eugenie ein paar .Vatu- < zu plaudern, bevor Grandet die Lebensmittel herausgab, und wenn - Schritte des Alten auf der Treppe zu hören Waren, flüchtete er in ; Garten. Das kleine Verbrechen dieses allmorgendlichen Stelldicheins, selbst Eugeniens Mutter verheimlicht wurde und bei dem Nanon tat merke fie es nicht, gab der unschuldigsten Liebe von der Welt den feum j Reiz der verbotenen Freuden. Wenn dann nach dem Frühstück der . j Grandet ausgegangen war, um nach seinen Weinbergen und seinen trieben zu sehen, blieb Charles bei Mutter und Tochter und empfand ■ . geahnte Glücksgesühle, wenn er ihnen den Faden zum Slbwiaein w ihnen beim Arbeiten zusah und ihrem Plaudern zuhörte. Die hmtacr - dieses säst mönchischen Lebens, bie ihm bie Schönheit bie,er Seelen eni^, denen die große Welt unbekannt War, machte lebhaften Eindruck am Er hatte solche Sitten in Frankreich für unmöglich gehalten und ßow. • noch in Deutschland ihr Vorhandensein zugegeben, aber auch nwo : Dichtung Wie in den Romanen von Auguste Lafontaine. Baio Eugenie für ihn das Ideal von Goethes Gretchen ohne ihren (Fortsetzung folgt.) Das Rosenband. Von Friedrich Gottlieb Klop stock. Im Frühlingsschatten fand ich sie; Da band ich sie mit Rosenbändern. Sie fühlt' es nicht und fchlummerte. Ich sah sie an; mein Leben hing Mit diesem Blick an ihrem fieben I Ich fühlt' es wohl und mußt' es nicht. Doch lispelt' ich ihr sprachlos zu Und rauschte mit den Rosenbändern: Da wachte sie vom Schlummer auf. Sie sah mich an; ihr Leben hing Mit diesem Blick an meinem Leben, Und um uns ward's Elysium. Erste Begegnung. Mela Moller schreibt an den Pfarrer Oiefete*. Anfang April 1751. ---Mein Kläpstock ist jetzt in Hamburg angekommen. Er läßt fragen, wann er mich besuchen darf. Ich sage gleich. Ohne daran zu denken, daß gleich nicht zwei Stunden heißt, und wohl wissend, daß ein Frauenzimmer sich nicht leicht in weniger Zeit ankleiden kann, so fange ich an, mich zu putzen. Kaum aber hatte ich mich an den Nachttisch gesetzt und die Nadeln aus den Haaren genommen, welche nun mit großer Unordnung um meine Stirn hingen, so sagt man mir: der fremde Herr ist da. Ich stecke geschwinde, geschwinde die Haare nur soviel zurück, als nötig war, um sie mir nicht in die Augen hängen zu lassen, werfe ein Neglige über, und weil ich nicht Zeit habe, es zurechtzustecken, so schlag ich ein großes, großes Tuch darüber. Die Schmidt kommt herein, ich springe ein paarmal in die Höhe und freue mich ganz unbeschreiblich, daß ich nun den Verfasser des Messias, den Freund von Gieseke, den Beiträger, sehen soll, wonach mich so sehr verlangt. Ich sehe, wie ich durch das Vorzimmer gehe, noch einmal in den großen Spiegel, sage: ich bin doch auch nicht zu meinem Vorteil gekleidet (und das war ich auch wirklich nicht), ich hätte es für einen Beiträger wohl mehr fein mögen; aber der Verfasser des Messias wird wohl nicht sehr darauf sehen. — Hätte ich gewußt, daß der Verfasser des Messias würde mein Geliebter werden, wieviel mehr wurde ich dann hierüber bekümmert gewesen sein? Nun mache ich die Tür auf, nun seh Ich ihn--ja, hier müßte ich Empfindungen malen können. — Sein Anblick frappierte mich in dem eigentlichsten Verstände. Ich hatte schon so viele Fremde gesehen, aber niemals habe ich einen solchen Schrecken, einen solchen Schauer — ich weiß nicht, wie ich mich ausdrucken soll— empfunden. Ich hatte gar nicht die Meinung, daß em ernsthafter Dichter finster und mürrisch aussehen, schlecht gekleidet sein und keine Manieren haben müsse; aber ich stellte mir doch auch nicht vor daß der Verfasser des Messias so süß aussähe, und so bis zur Vollkommenheit schon «are — Denn das ist Klopstock in meinen Augen, ich kann nicht helfen, daß ich s sage; — aber Ihnen kann ich's sagen. — Er stutzte auch. Wir schwiegen alle beide eine kleine Weile länger still, als man in einem solchen Falle tut. Endlich sagte er: Herr Gise e ha mir gesagt, daß ich die Erlaubnis hätte, Ihnen aufzuwarten. — Ach, Uifete, wie rührte mich der Ton feiner Stimme. Und da sah '4 'r" "L^be vor recht an. Ach, da stand er da, da. In der Schm.d en ihrer Stube vor der Sammertür. Wenn Sie hier waren, so wurde ich S,e an d,e Stelle hinführen und sagen: da roar’s, Gieseke, ba — fa"b- baB ungezwungener vieler Anmut bückte — und ich fmbe : gnaenehm, Was meinen Sie aber, daß ich nun antwortete? I aufbrinqen' Sie kennenzulernen. - Wahrhaftig, ich konnte nichts anderes °ufbr,ngem Und bann geschwinde: Wollen Sie bie Gitte haben, M 8U |e8en t setzte mich ihm gegenüber. Ich habe wich nackch - gesehen, baß er feine Hand mit ber anbern hie t. Ich 9 ' „ von ungefähr. Klopstock hat mir aber gesagt, er habe gezittert - * Der folgenbe Bries ber bamals breiunbzwanzlgjährigen Hamburger Kaufmannstochter Meta (Margarete) Moller an $ ^s' Pfarrer Nikolaus Dietrich Giefeke, fchilbert bie erf e berühmten „Meffias"-Dichters mit feiner spateren Frau bre Jahre nach diesem Brief, am 10. Juni 1754, wurde Meta mit W<* >" er^am burger Petri-Kirche getraut. Der Brief bedarf nur wemg «itlofe er ist ebensosehr Zeugnis des empfindsamen 18.Iahrhun Mi A, ibt Stimme ein s zärtlichen Herzens, dessen Sprache: immer - „Die Schmidt» gehörte wohl zu Metas Hamburger Freundeskre.^intt ber später erwähnten Schmlbt „mit ben blauen ugen f bie er Klopstock- Kusine Marie Sophie Schmibi in Langen alz g ' ohne Gegenli be zu wecken, verehrte und in Gedichten °l- »Fanny be fang. -Beiträger nannte man bie M"°r °'ter (u. a^ Gieseke^unb Gellert) an ben „Bremer Beiträgen , ein« Woche sch h rn; 4. Banbe 1748 die ersten Gesänge des „Messias ersch Friedrich von H., ber heute vergessene Hamburger Lieder- und 6 dichter. — Tour de gorge: Halsausschnitt. mir das Zittern dadurch verbergen wollen. Er hätte sich sehr darüber verwundert, daß er zitterte, weil er’s nicht gewohnt wäre, und auch keine Ursache davon hätte finden können. Den folgenden Tag speiste Klopstock des Mittags mit vieler unwürdiger Gesellschaft bei uns. Ich hatte mich sehr sorgfältig geputzt, ein Umstand,, der bei verliebten Mädchen, und am allermeisten bei denen, die im Begriff sind, es zu werden, sehr oft vorkommt. Ich hatte sogar deswegen meine Trauer mehr erleichtert, als ich eigentlich gesollt hätte. Wie ich ertig war, sagte man mir, Klopstock wäre gekommen. Ich wollte noch geschwinder sein, als ich schon von Natur bin, und zerriß darüber im Laufen die Garnitur meines Kleides. Ich ward sehr böse. Es mußte doch wieder gemacht werden. Das war entsetzlich, daß das Dienstmädchen so langsam war. „Fort, fort, geschwind!" schrie ich bei jedem Stiche, den sie tat. Ich hätte beinahe geflucht; wenigstens stampfte ich mit dem Fuße. Es ward glücklich fertig, und ich flog hinauf. Ich war von Klopstocks Süßigkeit fo überzeugt, daß ich mit der Schmidt gewettet hatte, bie würde Klopstock gleich unter den beiden anderen Fremden (die ich damals selbst noch nicht gesehen hatte) erkennen. Nun machte ich die Tür auf und sah — und sah gleich Klopstock. Er sah noch süßer aus als den vorigen Tag und kam mit einer so sanften Freundlichkeit zu mir, die sich nicht beschreiben läßt. Nun sah ich erst die übrigen in der Geselljchast, deren Unwürdigkeit ich damals noch nicht so kannte als jetzt. Ich sprach mit ihnen und kam wieder zu Klopstock. Ich setzte mich sogar allein mit ihm ans Fenster. „Ich bleibe bis Mittwoch", sagte er mir mit einer Freude, die mir sehr angenehm war. Ich freute mich auch. Er sah meine Kleidung an. „Ist bas Trauer?" fragte er. Es war mir sehr angenehm, daß meine Kleidung bemerkt wurde, weil's Klopstock war. Wir gingen zu Tisch. Klopstock führte mich, welches mir lieb war, obgleich mehr Gesellschaft da war. Ich bot Klopstock den obersten Platz an, wünschte aber, daß er ihn nicht nehmen möchte. „Wo sitzen Sie?" fragte er. — „Ich sitze hier." — „Ich sitze bei Ihnen." — „So setze ein jeder sich, wie ihm gefällig", sagte ich; denn nun halt' ich, was ich wollte. Klopstock sprach immer mit mir allein. Die andern nahmen es übel, ich nicht. Man sprach von schönen Augen. Klopstock sagte, er kenne die schönsten blauen Augen in Deutschland. Das sind der Schmidt ihre, dachte ich und fühlte, daß ich rot wurde. Aber tönnten’s nicht auch die meinen fein? Er sah mich doch so süß an, wie er’s sagte. Nein, das ist doch nicht möglich. — Wenn sie nur recht blau wären! Ein geschwinder Blick nach dem Spiegel, welcher betrübt wieder zurückkehrte. Klopstock, der immer mehr tändelte, tändelte nun endlich Liebe... Einen kleinen Umstand kann ich für Sie unmöglich unterdrücken. Ich reichte Rahm und einen Teller mit Aepfeln, und weil Klop- stock und Hagedorn zwischen uns saßen, fo mußte ich mich fast über Klopstock feinen Schoß legen, um chinzukonnnen. Klopstock sah sehr aufmerksam nach meiner Tour de gorge und seufzte. Ich bemerkte es und wunderte mich; denn ich hatte Klopstock bisher für einen bloßen Geist gehalten. Ich ward aber doch nicht böse darüber, da ich sonst allemal bei einer solchen Gelegenheit gegen eine jede Mannesperson Zorn und Verachtung empfunden habe. Dieses setze ich nicht etwa als einen Beweis meiner Tugend hierher, sondern es ist eine wirkliche Wahrheit. Wir standen vom Tische auf. Klopstock hat mir nachher gesagt, daß er sich selbst gewundert habe, daß ich mit meinen andern Nachbarn fo wenig gesprochen hätte. Bel Tisch hatte man von unfern hiesigen Regenkleidern gesprochen. Ich versäumte die Gelegenheit nicht, jetzt eins bringen zu lassen und cs umzutun, auf daß sie die Mode recht sehen könnten. Ein Nebenumstand ist sonst auch, daß es mir sehr gut steht. Dieser Neben- umstand tat auch die sehr gute Wirkung auf Klopstock, daß er herflog und mich mit vielem Feuer küßte. Nun fing die Gesellschaft an, sich zu zerstreuen, und die meisten fuhren weg. Klopstock trat mit mir an ein Fenster und las einen Bries von Ihnen. Ich, um desto besser in den Brief zu sehen, weil wir ihn doch nicht ganz laut lesen konnten, hatte, wirklich ganz von ungefähr, meine Hand hinter Klopstocks Rücken gelegt. Er drückte sie mir ganz sanft mit feinem Rücken. Dieser Druck erregte bei mir ein Gefühl, das mich aufmerksam machte, das doch aber so süß war, daß ich nicht imstande war, meinen Arm zurückzuziehen (welches ich bei einer andern Mannesperson gewiß gleich getan hätte). Mein Arm blieb also ganz dicht an Klopstocks Rücken liegen, solange er den Brief las. Klopstock hat mir auch erzählt, daß ich, wie er nachher mit mir gefpro» chen und er seine Stirn fo ein bißchen gegen mich geneigt, ich die meinige auch ein bißchen fo hingebogen, daß sie sich ganz sanft einander berührt. Diesen Umstand weiß ich nicht mehr. Ich glaube daher, daß sch'- auch nicht muß gewußt haben, wie ich's getan habe. Klopstock fragte mich, ob ich feine Elegie: Die nur zärtlichen Herzens ufw. kenne. Ich sagte aus einer gewissen Furchtsamkeit, bah ich sie nicht genug kennen möchte, nein. Er rounberte sich unb faate: „So wollen wir sie zusammen lesen." Ich ging besroegen mit ihm nach ber Schmibt ihrem Zimmer. Ich fing an zu lesen, konnte aber nicht fortfahren, weil ich einen zu starken Fluß auf ben Augen hatte. Klopstock las. Er hielt meine eine Hanb. Das Herz fchlug mir gewaltig, unsre Hänbe würben immer heißer; ich fühlte sehr viel, unb ich glaube, Klopstock auch. Er las ein Stück aus betn Messias. Die Schmibt war baiuqetommen. Er fragte, ob er nicht einen Kuß bafur verdient hätte. Die Schmibt sagte ja. Ich sagte, ich küßte keine Mannesperfon. Er bisputierte viel bagegen. Ich bachte, warum küßt ber Affe dich benn nicht9 Du kannst ihm ben Kuß ja nicht geben. Herr Keller kam herauf. Er fragte, ob Klopstock benn noch nicht roegfahren wollte. Er mußte ja zu Olben. „3a, halb", sagte Klopstock, setzte sich unterbeffen hin unb trank mit uns Tee. Die Schmibt war fo gut, Herrn Keller zu unterhalten; ich schwatzte mit Klopstock. Er sagte, ich sollte mit ihm reifen. I-st sagte, ich wollte wohl. „Aber Sie würben zu sehr frieren?" „Wenn ich Ihr Feuer bei mir hätte, wohl nicht", sagte ich mit Lachen. „Ach, Sie haben genug eignes Feuer", sagte er unb küßte mich mit nicht wenigem. Endlich, nachdem Herr Keller lange angemahnt unb bie Glocke neun geschlagen hatte, fuhr mein Klopstock zu Olben.--- Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist... Von 3. W. von Goethe. Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist, Fliehe mit abgewendetem Blick! Wie er, sie schauend, im Tiessten entflammt ist, Zieht sie, ach! reißt sie ihn ewig zurück. Frage dich nicht in der Nähe der Süßen: Scheidet sie? scheid ich? Ein grimmiger Schmerz Fasset im Kramps dich, du liegst ihr zu Füßen, Und die Verzweiflung zerreißt dir das Herz. Kannst du dann weinen und siehst sie durch Tränen, Fernende Tränen, als wäre sie fern: Bleib! Noch ists möglich! Der Liebe, dem Sehnen Neigt sich der Nacht unbeweglichster Stern. Fasse dich wieder! Empfindet selbander Euer Besitzen und euren Verlust! • Schlägt nicht ein Wetterstrahl euch auseinander, Inniger dränget sich Brust nur an Brust. Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist, Fliehe mit abgewendetem Blick! Wie er, sie schauend, im Tiessten entflammt ist. Zieht sie, ach! reißt sie ihn ewig zurück. Oer Pfad zum lachenden Brunnen. Eine Geschichte von Rudyard Kipling. Nimmt man eine große Landkarte zur Hand» so findet man etwa fünfzehn Meilen oberhalb der Stelle, wo sich der Chenabfluß in den Indus ergießt, ein Dorf angegeben, das den Namen Chachuran trägt. — Fünf Meilen westlich von Chachuran liegt der „Pfad zmn lachenden Brunnen" und die Behausung des Gosains oder Priesters von Arthi-goth. Er hat mir Mar den Pfad gezeigt, aber daß ich die Geschichte erzählen kann, verdanke ich ihm wahrhaftig nicht. Fünf Meilen westlich von Chachuran befindet sich ein Stück Land, drei bis vier Meilen breit im Quadrat und bestanden mit gefiebertem Dschungelgras, das sich in Silber verwandelt, wenn der Wind weht, und zehn bis zwanzig Fuß hoch wird. — Im Herzen dieses Landstrichs haust der Gosain des „Pfades zum lachenden Brunnen". Die Dorfbewohner werfen mit Steinen nach ihm, wenn er sich bei Tag blicken läßt, trotzdem er ein Priester ist; und dann rennt er zurück in die dichten hohen Halme wie ein schweifender Wolf. Er hat nur ein Auge und trägt zwischen den Brauen das Brandmal von zwei Kupfermünzen. Es heißt, er sei vor langer, langer Zeit von einem eingeborenen Fürsten gefoltert worden, aber er ist so alt, daß ihn dies Mißgeschick in den Tagen Rundshit Singhs betroffen haben muß. Was er Br Zeit besonders nötig zu haben scheint, ist — außer einer Galgen- linge — der Zugriff der britischen Regierung. Damals stand das Dschungelgras schon hoch, und die Dorfbewohner von Chachuran erzählten mir, eine Herde Wildschweine hätte sich ins Arthi-goth begeben. Wiesen mit Dschungelgras zu betreten, ist immer eine mißliche Sache, aber ich tat es dennoch — einesteils, weil ich nichts von der Wildsaujagd verstand, und anderseits, weil es hieß, der große Eber der Herde trage fußlange Hauer. Es reizte mich, sie zu besitzen, um sie in späteren Jahren zeigen zu können und mich zu brüsten, sie mit eigener Hand erbeutet zu haben. Ich nahm eine Flinte und ging in das heiße, dichte Dschungel hinein, wähnend, nichts sei leichter, als eine Wildsau in einem Gebiet von zehn Ouadraimeilen aufzuspüren. Mister Wardle, mein Terrier, ging mit, denn er war offenbar der festen Ueberzeugung, ich könnte auch nicht eine Stund^ seinen Rat und Beistand entbehren. Ihm war's freilich leicht, zwischen den riesigen Halmen durchzuschlüpfen, ich jedoch muhte mir mit Gewalt einen Weg bahnen. Trotzdem sah ich mich schon nach zwanzig Minuten derart von der Außenwelt abgeschnitten, als befände ich mich mitten im Herzen von Zentralafrika. Ich merkte es erst, als ich bereits so müde geworden war, daß ich nur noch vorwärts stolpern und taumeln konnte, und überdies daran, daß Mister Wardle sich alle Augenblicke niedersetzte und die Zunge so weit herausstreckte, als es nur gehen wollte. — Nichts als Halme ringsum; keine zwei Meter nach irgend einer Richtung hin konnte ich mehr sehen. Dazu glühten die Grasstengel wie Heizkörperröhren. Nach einer halben Stunde war ich so weit, daß ich aus der Tiefe meines Herzens wünschte, den Eber für immer in Ruhe gelassen zu haben, da stieß ich auf einen schmalen Pfad, der sich ansah wie ein Mittelding zwischen Eingeborenenfußsteig und Saufpur. Er war höchstens sechs Zoll breit, aber immerhin geeignet, mir zu meinem Zweck zu dienen. Das Gras wuchs hier ganz besonders dicht und dick, und wo der Pfad stellenweise verschwand, blieb mir nichts Übrig, als mit den Händen vor dem Gesicht mich vorwärts zu zwängen, oder rücklings — um das Gewehr frei zu bekommen —, in das Gestrüpp ja dringen. Aber ich war froh, denn schließlich mußte der Pfad doch irgendwie ins Freie führen. Am Ende eines etwa fünfzig Meter taugen, ein wenig erträglicher gewesenen Weges angelangt, blickte ich mich um, ehe ich mich entschloß, ein besonders dichtes Gestrüpp anzugehen, da bemerkte ich, daß mir Mister Wardle abhanden gekommen war. An sich schon ein ungemein frivoler Hund, hatte er offenbar meine Fährte verloren. Ich rief ihn dreimal an und sagte dann laut: „Wo das kleine Biest nur stecken mag?" — Ich ging ein paar Schritte zurück, da wiederholte, dicht vor meinen Füßen, eine tiefe Stimme: „Wo das kleine Biest nur stecken mag?" — Um richtig einschätzen zu können, was es heißt, die Stimme eines unsichtbaren Sprechers zu hören, muß man sich in dem steifen Gras eines Dschungels verirrt haben! Wiederum rief ich Mister Wardle, und jedesmal half mir das unterirdische Echo dabei. Da ließ ich das Schreien bleiben und horchte aufmerksam; siehe da: ich hörte einen Menschen lachen, und zwar in einer geradezu beleidigenden Weise. Die Hitze machte mich schwitzen, das Gelächter aber schaudern. Es ist doch wahrhaftig nicht nötig, daß jemand im dichten Dschungel lacht! Erstens ist es unschicklich und dann eine Anmaßung sondergleichen! Plötzlich verstummte es, und ich faßte Mut und fing wieder an, zu rufen, bis ich mir einbildete, die Stelle unter oder zwischen den Riesenhalmen ausfindig gemacht zu haben, wo das Echo wohnte. Es kam aus dem Gestrüpp, in das ich hatte eindringen wollen, bevor ich Mister Wardle verlor. Ich schob meine Flinte bis zum Drücker nach vorwärts und abwärts gerichtet zwischen die Grasstengel und wackelte damit hin und her. Aber ich konnte keinen festen Boden finden. So oft dabei ein Geräusch entstand, so oft gab es das Echo unter der Erde zurück; stand ich jedoch still, um mir ba=i Gesicht abzutrocknen, so ertönte wieder das tiefe Lachen; ich konnte mich darüber keinem Zweifel mehr hingeben. Das Gesicht voraus, den Mund offen und den Blick gespannt, und auf alles gefaßt, drang ich behutsam, Zoll für Zoll, in das Gestrüpp vor. Als ich den Widerstand des Grases glücklich überwunden hatte, sah ich mich einem tiefen, schwarzen Loch im Boden- gegenüber, das heißt, besser: ich lag auf der Brust, über die Mündung eines Brunnens gebeugt, der so tief war, daß ich kaum das Wasser unten sehen konnte. Dunkle Gegenstände schwammen darauf; und das Wasser selbst war so schwarz wie Pech und stellenweise mit einem blauen Schaum bedeckt. Das lachende Geräusch kam von einer kleinen Quelle, die aus halber Höhe der Brunnenwand hinabsprudelte. Bisweilen, wenn die schwarzen Gegenstände, sich um sich selbst drehend, in die Nähe kamen, fiel der Wasserstrahl auf ihre trommelartig gespannten Häute, und dann ging das Lachen in ein fröhliches Prusten über. Plötzlich sah ich, wie sich eins der schwarzen Dinger auf den Rücken legte, rund um die bemoosten Brunnenwände kreiste, eine Hand und einen halben Menschenarm über die Wasserfläche empor- gestreckt, als wolle mir ein bis zu Tode ermüdeter Führer die Schönheit der Umgebung weisen. Länger als eine halbe Stunde brauchte ich, um den Brunnen zu umkriechen und den Weg auf der andern Seite zu finde». Den Schluß der Reise vollbrachte ich damit, um jeden Fußbreit vor mir vorsichtig abzutasten, mich vorwärts windend wie eine Schlange. Ich trug den wiedergefundenen Mister Wardle im Arm, und er leckte mir rastlos die Nase. Entsetzt war er keineswegs, nur wünschte er sichtlich, wieder freien Grund zu gewinnen, um die Aussicht besser genießen zu können. Mir aber schlotterten die Knie und mein Adamsapfel in der Kehle ließ sich weder aufwärts noch abwärts bewegen. Der Weg jenseits des Brunnens wurde immer besser, wenn er auch noch von dichtem Gras flankiert war, und führte mich schließlich zu einer Priesterhütte, die in einer kleinen Lichtung stand. Als der Gosain mein totenbleiches Gesicht erblickte, heulte er auf vor Schrecke», fiel nieder und umklammerte meine Stiefel. Ich taumelte auf die Lagerstätte zu, die vor seiner Hütte stand, und ließ mich daraufsallen, Mister Wardle sprang ebenfalls hinauf, um mich zu bewache». Ich selbst fühlte mich außerstande, Sorge um mich zu tragen. Als ich aus meiner Betäubung erwachte, befahl ich dem Priester, mich ins Freie zu führen und langsam vor mir herzugehen — hinaus aus dem Arti-goth. Mister Wardle haßt Eingeborene, und der Gosain fürchtete sich vor ihm mehr als vor mir, trotzdem ich grimmig genug dreinschaute. Gan; langsam schritt er vor mir her den schmale» Pfad entlang, der mit einem Mal in drei Richtungen abzweigte; alle drei liefen dem Lachenden Brunnen zu! Einmal, als ich stehen blieb, um Atem zu schöpfen, hörte ich deutlich wieder das höllische Kichern. Am liebsten hätte ich dem Priester die beiden Flintenläufe in den Rücken geschossen, aber ich brauchte seine Dienste zu nötig! Als wir dann ins Freie gelangten, stürzte der Gosain schnell wieder in sein Gestrüpp zurück, und ich ging in das Dorf bei Arti-goth, um mir etwas zu trinken zu verschaffen. Ich fühlte mich überglücklich, wieder den freien Horizont sehen zu können und festen Boden unter meinen Füßen zu wissen. Die Dorfbewohner sagten mir, das ganze Dschungelgrasland sei bewohnt von Teufeln und Geistern, die sämtlich im Dienste des Gosains stünden, und das häufig Männer, Weiber und Kinder verschwänden, wenn sie das Dickicht betreten hätten, um nie mehr wiederzukehren. Der Priester brauche ihre Leber, behaupteten sie, um Hexerei damit zu treiben. Als ich sie fragte, warum sie mir das nicht gleich gesagt hätten, meinten sie, es wäre ihnen bann das Trinkgeld für weitere Nachrichten über den Verbleib der Wildsau entgangen. Bevor ich ging, versuchte ich noch mein bestes, das Dschungel in Brand zu stecken, aber das Gras war noch zu grün. Ein paar heiße Sommertage und ein günstiger Wind, und ich werde mittels einiger Bogen Zeitungspapier und einer Schachtel Streichhölzer das Geheimnis des Pfades zur Lachenden Quelle enthüllen können! Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlfche UntverfitätSdruckerei «.Lange. Gießen.