Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1937 Montag, den 22. März • Nummer 23 Der Stechlin Roman von Theodor Zontane (16. Fortsetzung.) „Ich werde das meine tun", sagte Koseleger mit einer Mischung von Pathos und Wohlwollen. Aber Lorenzen hatte dabei den Eindruck, baß sein Ouaden-Hennersdorfer Superintendent bereits ganz andern Bildern nachhing. Und so war es auch. Was war für Koseleger diese traurige Gegenwart? Ihn beschäftigte nur die Zukunst, und wenn er in die hineinsah, so sah er einen langen, langen Korridor mit Oberlicht und am Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift: Doktor Koseleger, Generalsuperintendent. So ziemlich um dieselbe Stunde, wo die beiden Amtsbrüder „auf bessere Zeiten" anstießen, hielt Katzlers Pürschwagen — die Sterne Sterne blinkten schon am Himmel — vor seiner Oberförsterei. Das Blaffen der Hunde, das, solange der Wagen noch weit ab war, unausgesetzt Über die Waldwiese hingeklungen war, verkehrte sich mit einemmal in winseliges Geheul und wunderliche Freudentöne. Katzler sprang aus dem Wagen, hing den Hut an einen im Flur stehenden Ständer (von den ewigen „Geweihen" wollte er als feiner Mann nichts wissen) und trat gleich danach in das an der linken Flurseite gelegene, matt erleuchtete Wohnzimmer seiner Frau. Das gedämpfte Licht ließ sie noch blasser erscheinen, als sie war. Sie hatte sich, als der Wagen hielt, von ihrem Sofaplatz erhoben und kam ihrem Manne, wie sie regelmäßig zu tun pflegte, wenn er aus dem Walde zurückkehrte, zu freundlicher Begrüßung entgegen. Ein als Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester bestimmtes Batisttuch, in das sie eben die letzte Zacke der Ippe-Büchsensteinschen Krone hineinstickte, hatte sie, bevor sie sich vom Sofa erhob, aus der Hand gelegt. Sie war nicht schön, dazu von einem sympathisch-sentimentalen Ausdruck, aber ihre stattliche Haltung und mehr noch die Art, wie sie sich kleidete, ließen sie doch als etwas durchaus Apartes und beinahe Fremdländisches erscheinen. Sie trug, nach Art eines Morgenrockes, ein glatt herabhängendes, leis gelbgetöntes Wollkleid und als Eigentümlichstes einen aus demselben gelblichen Wollstoff hergestellten Kopfputz, von dem es unsicher blieb, ob er einen Turban oder eine Krone darstellen sollte. Das Ganze hatte etwas Gewolltes, war aber neben dem Auffälligen doch auch wieder kleidsam. Es sprach sich ein Talent darin aus, etwas aus sich zu machen. „Wie glücklich bin ich, daß du wieder da bist", sagte Ermyntrud. „Ich habe mich recht gebangt, diesmal nicht um dich, sondern um mich. Ich muß dies egoistischerweife gestehen. Es waren recht schwere Stunden für mich, die ganze Zeit, daß du fort warst." Er küßte ihr die Hand und führte sie wieder auf ihren Platz zurück. „Du darfst nicht stehen, Ermyntrud. Und nun bist du auch wieder bei der Stickerei. Das strengt dich an und hat, wie du weißt, auf alles Einfluß. Der gute Doktor sagte noch gestern, alles sei im Zusammenhang. Ich seh' auch, wie blaß du bist." „O, das macht der Schirm." „Du willst es nicht wahr haben und mir nichts sagen, was vielleicht wie Vorwurf klingen könnte. Ich mache mir aber den Vorwurf selbst. Ich muß hier bleiben und nicht hin zu dieser Stechliner Wahlversammlung." „Du mußtest hin, Wladimir." „Ich rechne es dir hoch an, Ermyntrud, daß du so sprichst. Aber es wäre schließlich auch ohne mich gegangen. Koseleger war da, der konnte das Präsidium nehmen so gut wie ich. Und wenn der nicht wollte, so konnte Torfinspektor Etzelius einfpringen. Oder vielleicht auch Krippenstapel. Krippenstapel ist doch zuletzt der, der alles macht. Jedenfalls liegt es so, wenn es der eine nicht ist, ist es der andre." „Ich kann das zugeben, wie könnte sonst die Welt bestehen? Es gibt nichts, was uns so Demut predigte wie die Wahrnehmung von der Entbehrlichkeit des einzelnen. Aber darauf kommt es nicht an. Worauf es ankommt, das ist Erfüllung unsrer Pflicht." Katzler, als er dies Wort hörte, sah sich nach einem Etwas um, das ihn in den Stand gesetzt hätte, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Aber, wie stets in solchen Momenten, das, was retten konnte, war nicht zu finden, und so sah er denn wohl, daß er einem Vortrage der Prinzessin über ihr Lieblingsthema „von der Pflicht" verfallen sei. Dabei war er eigentlich hungrig. Ermyntrud wies auf ein laburett, das sie mittlerweile neben ihren Sofaplatz geschoben, und sagte: „Daß ich immer wieder davon sprechen muß, Wladimir. Wir (eben eben nicht in der Welt um unfert-, sondern um andrer willen. Ich will nicht sagen, um der Menschheit willen, was eitel klingt, wiewohl es eigentlich wohl so sein sollte. Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht ..." „Gewiß, Ermyntrud. Wir sind einig darüber. Es ist dies außerdem auch etwas speziell Preußisches. Wir sind dadurch vor andern Nationen ausgezeichnet, und selbst bei denen, die uns nicht begreifen oder übet» wollen, dämmert die Vorstellung von unsrer daraus entspringenden Ueberlegenheit. Aber es gibt doch Unterschiede. Grade. Wenn ich statt zu der Stechliner Wählerversammlung lieber zu Doktor Sponholz ober zur alten Stinten in Kloster Wutz (die ja schon 'früher einmal dabei war) gefahren wäre, so wäre das doch vielleicht das Besiere gewesen. Es ist ein Glück, daß es noch mal so vorübergegangen. Aber darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen." „Nein, darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen. Aber man darf darauf rechnen, daß, wenn man das Pflichtgemäße tut, man zugleich auch das Rechte tut. Es hängt so viel an der Wahl unseres alten trefflichen Stechlin. Er steht außerdem sittlich höher als Kortschädel, dem man, trotz feiner siebzig, allerhand nachsagen durfte. Stechlin ist ganz intakt. Etwas sehr Seltenes. Und einem sittlichen Prinzip zum Siege zu verhelfen, dafür (eben wir doch recht eigentlich. Dafür lebe wenigstens i ch." „Gewiß, Ermyntrud, gewiß." „In jedem Augenblicke feiner Obliegenheiten eingedenk fein, ohne erst bei Neigung oder Stimmung anzufragen, das hab ich mir in feierlicher Stunde gelobt, du weißt, in welcher, und du wirst mir das Zeugnis aus» stellen, daß ich diesem Gelöbnis nachgekommen ..." „Gewiß, Ermyntrud, gewiß. Es war unser Fundament .. „Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt, wie doch heute ganz offenbar wie hält ich da sagen wollen: bleibe. Ich wäre mir klein vorgekommen, klein und untreu." „Nicht untreu, Ermyntrud." „Doch, doch, es gibt viele Formen der Untreue. Das Persönliche hat sich der Familie zu bequemen und unterzuordnen und die Familie wieder der Gesellschaft. In diesem Sinne bin ich erzogen, und in diesem Sinne tat ich den Schritt. Verlange nicht, daß ich in irgend etwas diesen Schritt zurücktue." „Nie." Das kleine Dienstmädchen, eine Heideläufertochter, deren starres Haar, von keiner Bürste gezähmt, immer weit abstand, erschien in diesem Augenblicke, meldend, daß sie das Teezeug gebracht habe. Katzler nahm seiner Frau Arm, um sie bis in das zweite, nach dem Hof hinaus gelegene Zimmer zu führen. Als er aber wahrnahm, wie schwer ihr das Gehen wurde, sagte er: „Ich freue mich, dich so sprechen zu hören. Immer du selbst. Ich bin aber doch in Unruhe und will morgen früh zur Frau schicken." Sie nickte zustimmend, während ein halb zärtlicher Blick bett guten Katzler streifte, der, solange das ihm nur zu wohlbekannte Gespräch über Pflicht gedauert hatte, von Minute zu Minute verlegener geworden war. 19. Kapitel. Und nun war Wahltagmorgen. Kurz vor acht Uhr erschien Lorenzen auf dem Schloß, um in den in Dubslav schon auf der Rampe haltenden Kalesch- roagen einzusteigen und mit nach Rheinsberg zu fahren. Der Alte, bereits gestiefelt und gespornt, empfing ihn mit gewohnter Herzlichkeit und guter Saune. „Das ist recht, Lorenzen. Und nun wollen wir auch gleich aufsteigen. Aber warum haben Sie mich nicht an Ihrem Pfarrgarten erwartet? Muß ja doch dran vorüber" — und dabei schob er ihm voll Sorglichkeit eine Decke zu, während die Pferde schon anrüst Ermyntrud nicht zufrieden: sie verlangt ihrer Natur nach zu dem Dynastisch-Genealogischen auch roch etwas poetisch Märchenhaftes. Und das kompliziert die Sache ganz erheblich. Sie können das sehen, wenn Sie ine Katzlersche Kinderstube durchmustern oder sich die Namen der bisher Getauften ms Gedächtnis zurückrufen. Die Katzlersche Kronprinzeß heißt natürlich auch Ermyntrud. Und dann kommen ebenso selbstverständlich Dagmar und Thyra. Und danach begegnen wir einer Inez und einer Maud und zuletzt einer Arabella. Aber bei Arabella können Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit wahrnehmen. Ich würde ihr, wenn sie sich wegen des Jüngstgeborenen an mich wendete, was Altjüdisches vorschlagen; das ist schließlich immer das Beste. Was meinen Sie zu Rebekka?" Lorenzen kam nicht mehr dazu, Dubslav diese Frage zu beantworten, denn eben jetzt waren sie durch das Stück Bruchland hindurch und rasselten bereits über einen ein weiteres Gespräch unmöglich machenden Steindamm weg, scharf auf Rheinsberg zu. Dubslav war in ausgezeichneter Laune. Das prachtvolle Herbstwetter, dazu das bunte Leben, alles hatte seine Stimmung gehoben, am meisten aber, daß er unterwegs und beim Passieren der Hauptstraße bereits Gelegenheit gehabt hatte, verschiedene gute Freunde zu begrüßen. Von der Kirche her schlug es zehn, als er vor dem als Wahllokal etablierten Gasthause „Zum Prinzregenten" hielt, in dessen Front denn auch bereits etliche mehr oder weniger verwogen ausfehende Wahlmänner standen, alle bemüht, ihre Zettel an mutmaßliche Parteigenossen auszuteilen. Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange. Hinter der Urne präsidierte der alte Herr von Jühlen, ein guter Siebziger, der die gro- teskesten Feudalanfichten mit ebenso grotesker Bonhomie zu verbinden wußte, was ihm, auch bei feinen politischen Gegnern, eine große Beliebt- beit sicherte. Neben ihm, links und rechts, saßen Herr von Storbeck und Herr van dem Peerenboom, letzterer ein Holländer aus der Gegend von Delft, der vor wenig Jahren erst ein großes Gut im Ruppiner Kreise gekauft und sich seidem zum Preußen und, was noch mehr sagen wollte, zum ,Grafschaftler' herangebildet hatte. Man sah ihn aus allen möglichen Gründen — auch schon um seines ,van' willen — nicht ganz für voll an, lieh aber nichts davon merken, weil er der bei den meisten Grafschaftlern stark ins Gewicht sollenden Haupteigenschaft eines vor so und soviel Jahren in Batavia geborenen holländisch-javanischen Kaffeehändlers nicht entbehrte. Seines Nachbarn von Storbeck Lebensgeschichte war durchschnitt^ mäßiger. Unter denen, die sonst noch am Komiteetisch saßen, befand sich auch Katzler, den Ermyntrud (wie Dubslav ganz richtig vermutet) mit der Bemerkung, „daß im modernen bürgerlichen Staate Wahlen so gut wie Kämpfen fei", von ihrem Wochenbette fortgeschickt hatte, ,I)as Kind wird inzwischen mein Engel fein, und das Gefühl erfüllter Pflicht soll mich bei Kraft erhalten." Auch Gundermann, der immer mit dabei fein mußte, faß am Komiteetifch. Sein Benehmen hatte etwas Aufgeregtes, weil er — wie Lorenzen bereits angedeutet — wirklich im geheimen gegen Dubslav intrigiert hatte. Daß er selber unterliegen würde, war klar und beschäftigte ihn kaum noch, aber ihn erfüllte die Sorge, daß sein vorausgegangenes doppeltes Spiel vielleicht an den Tag kommen Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben. Er trat deshalb, nachdem er sich draußen mit einigen Bekannten begrüßt und an jeden einzelnen ein paar Worte gerichtet hatte, vom Vorplatz her in das Wahllokal ein, um da so rasch wie möglich seinen Zettel in die Urne zu tun. Es traf ihn bei dieser Prozedur der Blick des alten Zühlen, der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit und Ulk sagen zu wollen schien: „Ja, Stechlin, das hilft nu mal nicht; man muh die Komödie mit durchmachen." Dubslav kam übrigens kaum dazu, von diesem Blicke Notiz zu nehmen, weil er Katzlers gewahr wurde, dem er sofort entgegentrat, um ihm durch einen Händedruck zu dem siebenten Töchterchen zu gratulieren. An Gundermann ging der Alte ohne Notiznahme vorüber. Dies war aber nur Zufall; er wußte nichts von den Zweideutigkeiten des Siebenmühlners, und nur dieser selbst, weil er ein schlechtes Gewissen hatte, wurde verlegen, und empsand des Alten Haltung wie eine Ab- fage. Als Dubslav wieder drauhen war, war natürlich die große Frage: „Ja, was jetzt tun?" Es ging erst auf elf, und vor sechs war die Ge- schichte nicht vorbei, wenn sich s nicht noch länger hinzog. Er sprach dies auch einer Anzahl von Herren aus, die sich auf einer vor dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen und hier dem Likörkasten des „Prinz- regenten", der sonst immer erst nach dem Diner SUftauchte, vorgreisenü zugesprochen hatten. Es waren ihrer fünf, lauter Kreis- und Parteigenossen, aber nicht eigentlich Freunde, denn der alte Dubslav war nicht sehr für Freundschaften. Er sah zu sehr, was jedem einzelnen fehlte. Die da saßen und aus purer Langeweile sich über die Vorzüge von Allasch und Chartreuse stritten, waren die Herren von Wolchow, von Krängen und von Gnew-. kow, dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der Nonne, den die Natur mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt zu haben schien. Er trug eine hohe schwarze Krawatte, daraus ein kleiner vermickerker Kopf faß, und wenn er sprach, war es, wie wenn Mäuse pfeifen. Er war die komische Figur des Kreises und wurde gehänselt, nahm es aber nicht übel, weil seine Mutter eine schlesische Gräfin auf „inski" war, was ihm in feinen Augen ein solches Uebergewicht sicherte, daß er, wie Friedrich der Große, jeden Augenblick bereit war, „die sich etwa ein» stellenden Pasquille niedriger hängen zu lassen." „Ich denke, meine Herren", sagte Dubslav, „wir gehen in den Park. Da hat man doch immer was. An der einen Stelle ruht das Herz des Prinzen, und an der andern Stelle ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide zu Häupten, wie wenn er Sesostris gewesen wäre. Ich würde gern einen andern nennen, aber ich kenne bloß den." (Forts, folgt.) das will was sagen. Ja, Lorenzen, so ist es ... Na, lassen wirs Sie wissen ja auch Bescheid Und dann sind das schließlich auch keine Betrachtungen für heute, wo ich gewählt werden und den Triumphator spielen soll. Uebrigens geh ich einem totalen Kladderadatsch entgegen. Ich werde ^Sörensen wurde verlegen, denn was Dubslav da zuletzt sagte, das stimmte nur zu sehr mit (einer eigenen Meinung. Aber er mußte wohl oder übel, so schwer es ihm wurde, das Gegenteil versichern. „Ihre Wahl, Herr von Stechlin, steht, glaub ich, fest; in unsrer Gegend wenigstens. Die Globsower und Dagower gehen mit gutem Beispiel voran. Lauter QlltC ßßlltc Diellei'cht. Aber schlechte Musikanten. Alle Menschen sind Wetterfahnen, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger. Und wir selber machen s auch so. Schwapp, sind wir auf der andern Seite." „Ja schwach ist jeder, und ich mag mich auch nicht für all und leben verbürgen. Aber in diesem speziellen Falle ... Selbst Koseleger schien mir voll Zuversicht und Vertrauen, als er am Donnerstag noch mit mW plauderte." , ._ . .. m ... Koseleger voll Vertrauen! Na, bann geht es gewiß in die Bruche. Wo Koseleger Amen sagt, da ist schon so gut wie letzte Delung. Er hat keine glückliche Hand, dieser Ihr Amtsbruder und Vorgesetzter. „Ich teile leider einigermaßen Ihre Bedenken gegen ihn. Aber was vielleicht mit ihm versöhnen kann, er hat angenehme Formen und durch- auch etwas Verbindliches." ,Das hat er. Und doch, so sehr ich sonst für Formen und Verbindlichkeiten bin, nicht für seine. Man soll einen Menschen nicht feinen Namen vorhalten. Aber Kofeleger! Ich weiß immer nicht, ob er mehr Kose ober mehr Leger ist; vielleicht beides gleich. Er ist wie ne Baiser- torte, süß, aber ungesund. Nein, Lorenzen, da bin ich doch mehr für Sie Sie taugen auch nicht viel, aber Sie sind doch wenigstens ehrlich. , Vielleicht", sagte Lorenzen. „Uebrigens hat Koseleger inmitten seiner Verbindlichkeiten und schönen Worte doch auch wieder was Freies, beinah Gewagtes, und ist mir da neulich mit Bekenntnissen gekommen, fast wie ein Charakter." ... Dubslav lachte hell auf. „Charakter. Aber Lorenzen! Wie können Sie sich so hinters Licht führen lassen. Ich verwette mich, er hat Ihnen irgendwas über Ihre .Gaben' gejagt; das ist jetzt so Lieblingswort, das die Pastoren immer gegenseitig brauchen. Es soll bescheiden und unversöhnlich klingen und sozusagen alles auf Inspiration zurückführen, für die man ja, wie für alles, was von oben kommt, am Ende nicht kann. Es ist aber gerade dadurch das Hochmütigste ... War es so was? Hat er meinen klugen Lorenzen, eh er sich als .Charakter' ausspielte, durch solche Schmeicheleien eingefangen?" „Es war nicht so, Herr von Stechlin. Sie tun ihm hier ausnahmsweise unrecht. Er sprach überhaupt nicht über mich, sondern über sich, und machte mir dabei feine Konfession^. Er gestand mir beispielsweise, daß er sich unglücklich fühle." „Warum?" „Weil er in Quaden-Hennersdorf deplaciert fei." „Deplaciert. Das ist auch solch Wort; das kenn ich. Wenn man durchaus will, ist jeder deplaciert, ich, Sie, Krippenstapel, Engelke. Ich müßte Präses von einem Stammtisch oder vielleicht auch ein Badedirektor fein. Sie Missionar am Kongo, Krippenstapel Kustos an einem märkischen Museum und Engelke, nun der müßte gleich selbst hinein, Nummer hundertdreizehn. Deplaciert! Alles bloß Eitelkeit und Größenwahn. Und dieser Koseleger mit dem Konsistorialratskinn! Er war Galopin bei ner Großfürstin; das kann er nicht vergessen, damit will er's nun zwingen, und in seinem Aerger und Unmut ,spielt er sich auf den Charakter aus und versteigt sich, wie Sie sagen, bis zu Konfessions und Gewagtheiten. Und wenn er nun reüssierte (Gott verhüt es), so haben Sie den Scheiterhaufenmann comme il laut. Und der erste, der rauf muß, das find Sie. Denn er wirb sofort das Bedürfnis spüren, feine Gewagtheiten von heute durch irgendein Brandopfer wieder weit» zumachen." Unter diesem Gespräche waren sie schließlich aus dem Walde heraus und näherten sich einem beinah meilenlangen und bis an den Horizont sich ausdehnenden Stück Bruchland, über das mehrere mit Kropfweiden und Silberpappeln besetzte Wege strahlenförmig auf Rheinsberg zuliefen. Alle diese Wege waren belebt, meist mit Fußgängern, aber auch mit Fuhrwerken. Eins davon, aus gelblichem Holz, das hell in der Sonne blinkte, war leicht zu erkennen. „Da fährt ja Katzler", sagte Dubslav. „Ueberrascht mich beinah. Es ist nämlich, was Sie vielleicht noch nicht wissen werden, wieder was einpassiert; er schickte mir heute früh einen Boten mit der Nachricht davon, und daraus schloß ich, er würde nicht zur Wahl kommen. Aber Ermyntrud mit ihrer grandiosen Pflichterfüllung wird ihn wohl wieder fortgeschickt haben." „3ft es wieder ein Mädchen?" fragte Lorenzen. „Natürlich, und zwar das siebente. Bei sieben (freilich müssen es Jungens fein) darf man, glaub ich, den Kaiser zu Gevatter laben. Uebrigens sind mehrere bereits tot, und alles in allem ist es wohl möglich, daß sich Ermyntrud über das beständige .bloß Mädchen' allerlei Sorgen und Gedanken macht." Lorenzen nickte. „Kann mir's denken, daß die Prinzessin etwas wie eine zu leistende Sühne darin sieht, Sühne wegen des von ihr getanen Schrittes. Alles an ihr ist ein wenig überspannt. Und doch ist es eine sehr liebenswürdige Dame." „Wovon niemand überzeugter ist als ich", sagte Dubslav. „Freilich bin ich bestochen, denn sie sagt mir immer das Schmeichelhafteste. Sie plaudre so gern mit mir, was auch am Ende wohl zutrifft. Und dabei wirb sie bann jebesmal ganz ausgelassen, trotzbem sie eigentlich hochgradig sentimental ist. Sentimental, was nicht überraschen darf; denn aus Sentimentalität ist doch schließlich die ganze Katzlerei hervorgegangen. Bin übrigens ernstlich in Sorge, wo Hoheit den richtigen Taufnamen für das Jüngstgeborene hernehmen wird. In diesem Stücke, vielleicht dem einzigen, ist sie nämlich noch ganz und gar Prinzessin ge- Oie Worte des Glaubens. Bon Friedrich Schiller. Drei Worte nenn’ ich euch, inhaltsschwer, sie gehen von Munde zu Munde; doch stammen sie nicht von außen her, das Herz nur gibt davon Kunde. Dem Menschen ist aller Wert geraubt, wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt. Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd’ er in Ketten geboren, laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei, nicht den Mißbrauch rasender Toren; Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen erzittert nicht! Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall, der Mensch kann sie üben im Leben, und sollt’ er auch straucheln überall, er kann nach der göttlichen streben; und was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt. Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt; wie auch der menschliche wanke! Hoch über der Zeit und dem Raume webt lebendig der höchste Gedanke; und ob alles in ewigem Wechsel kreist, es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist. Die drei Worte bewahret euch, inhaltsschwer, sie pflanzet von Munde zu Munde, und stammen sie gleich nicht von außen her, euer Inneres gibt davon Kunde; dem Menschen ist nimmer sein Wert geraubt, solang er noch an die drei Worte glaubt. Oer schöne Frauentag. velrachlung eines Grünewald-Dildes. Von Nikolaus Schwarzkopf. Die Stadl Mergentheim, wo Mörike eine Zeit lang Pfarrer war, sinkt zwischen chren Hügeln in den Schatten der Nacht, und die fröhlichen Giebel ihrer naseweisen Bürgerhäuser heben ihre verwitterten Adelswappen mühselig empor. Zu Füßen einer roten Maria plätschert ein Brunnen hinter mir drein. Ich schlage vorm Tor den Weg nach Stuppach ein, das ist zur Bauernmaria des Matthias Grünewald. Die dörflichen Glocken winken mir fchon; die eine hat einen tiefen Baß, der mit mächtigen Schlägen über Land geht, und zwei kleinere ranken sich wie an einer Kreuzblume an ihr empor und purzeln zwischen den Sternen herum. Ich komme gerade noch recht zum Schluß des Gebets, fehe hinter den brennenden Kerzen die Himmelskönigin sitzen, empfange den Segen des Priesters und singe mit dem Volk: Wunderschön prächtige Große und mächtige, Liebreich holdselige. Himmlische Frau. Ich will sie nicht stören, die holdselige Frau, auch die Bauern nicht, den Herrn Pfarrer nicht und den Glöckner nicht und komme am Morgen wieder, wenn die Sonne dabei fein wird. Tritt man ins Kirchlein ein, so sieht man das Altarbild blau überflutet vom Tageslicht und ist bestürzt. Man vergißt die Tür zu schließen und tappt auf das Bild zu, mitten in die vollerblühte feierliche Natur. Und wenn man gewohnt ist, bei solchen Gelegenheiten heimlich zu fingen, so weiß man sich plötzlich in eine pastorale Musik versetzt, die man schon gehört hat. Man sieht Bienen um chre Stocke schwirren, hort Lerchen singen, riecht Balsamin und Osterluzei. Seide hört man knistern, Wasser fließen, ein Kind jauchzen. Man spürt den kühlen Hauch eines Windes, aus der nahen Kirche bringen Orgeltone. Da sitzt Maria im freien Feld und hält ihrem Knaben einen Granatapfel hin. Wahrlich: eine schöne Frau, diese Bauernmaria, eine Gräfin aus oem Schloß, eine Königin in Samt, Seide, Brokat und Spitze. Das Haar hangt goldblond über die Schulter, sorgsam gekräuselt, man furchtet, der Wind könnte es aufwirbeln lassen. O, wenn sie sich jetzt erhöbe, diese vornehme Frau, ich wette: es stürzten von allen Seiten bte Pagen herbei, der Regenbogen über ihrem Haupte zerspränge, die Bienen ordneten sich im Kreis und umschwebten ihren Scheitel, und die Vogel des Himmels ^^Was°tu'?sie^hier im freien Feld? Schickt sie sich etwa an, die Gläubigen, die hinter ihrem Rücken zur gotischen Kirche aufsteigen, heute mit ihrem Kindlein während des Gottesdienstes zu überraschen? ... Oder ist sie gerade aus der Kirche gekommen, aus der Kirche, die man ihr genommen hat? Ist der Geist der Reformation eingezogen in Liefe Kirche und hat er Maria verstoßen? Sie fitzt so traurig da und kann wahrhaftig das Lächeln ihres Kindes nicht recht erwidern! .. Oder hat sie soeben vom greifen Simeon die Prophezeiung vernommen, daß dieser ihr Sohn gesetzt sei zum Fall? So daß also der sprühende Heiligenscheln um des Kindes Haupt ihr Lächeln könnte versengt haben? ... Oder ist sie freiwillig aus der nahen Stadtkirche hierher geeilt, weil heitte der schone Frauentag ist, der höchste Marientag der Bauern dort? Der Tag, an dem sie Sträuße binden auf den Feldern, Strauße, die sie in die Kirche schleppen, daß die Kirche fast birst vor Wohlgeruchen, die sie segnen lassen, um das Vieh und sich vor Unheil zu bewahren? Der Tag, tot dem die Kirchen so eng werden, an dem Maria lieber auf dem Felde verehrt sein möchte als zwischen den Mauern? Wie ich so allein am Altar stehe, senkt sich ein braunes Marien- käserchen über die weihe Platte, legt die Flügel ein und läuft so dahin. Ich meine, es kommt aus dem braunen Brokat, wo es vielleicht seit Jahrhunderten heimisch ist, und wolle mich grüßen von der großen Mutter der Mütter. Ich lege den Finger in des Käferchens Bahn; aber es stutzt einen Augenblick und wendet sich ab, hebt die Flügel, surrt leise davon und läßt sich auf dem schlecht geschreinerten Bildrahmen nieder. Drüben im Pfarrhaus schlägt eine Kuckucksuhr, in den verästelten Fenstersteinen des Chörchens zwitschern die Schwalben; sie haben sich einen seinen Nistplatz gesucht. Da erkenne ich auf dem Bilde ein kleines, hinter Laubwerk geschickt verstecktes Kreuz. Wie ein stummer Diener steht es neben der Maria. Ohne das Kreuz geht es nun einmal bei Grünewald nicht. Naive Maler heften das Kreuz selbst über die Schwelle des bethleheinitischen Stalles. Kein Wunder also, daß Maria so traurig dasitzt, obgleich ringsum alles jubelt. Das ist (o seltsam: wenn man im Frankenland wandert, da begegnet man so vielen Marien, aber alle sind sie schmerzhafte Marien, die zu Dieburg, die zu Buchen, die zu Dettelbach, die sogenannte schwarze Maria. Die Franken haben ja das Kreuz nach Deutschland gebracht ... Mich dünkt, diese unsagbare Traurigkeit wolle nicht in den Frauentag passen. Fest steht ja, daß an dem Bilde vieles übermalt wurde, und vielleicht bricht eines Tages aus der Uebermalung ein ganz anderes Angesicht hervor. (Das Bild befindet sich augenblicklich in Stuttgart.) Der Maler findet aber auf keinem seiner anderen erhaltenen Bilder diese Fröhlichkeit wieder, diese Freude an der Schöpfung, diesen unbändigen Jubel. Ich wende mich zu den kleinen Dingen des Bildes, die der Maler in bunter Fülle hereingeholt hat aus der Natur. Hinter den Bienenstöcken, wo der Regenbogen aufsteht, erhebt sich eine Stadt, hinter ihr der Wald, hinter dem Wald der Berg, und über dem Berg öffnet sich der Himmel, denn Gottvater möchte mit seinen Engelscharen dem Jubel seiner glorreichsten Tochter beiwohnen. Zwei irdene Töpfe stehen mit Blumen gefüllt, hier, eine irdene Schüssel, in der ein Rosenkranz aus Bernstein liegt, seitab, und ein irdener Krug dabei. Vielleicht war der Maler der Sohn eines Töpfers. Bestellt wurde das Bild im Jahre 1517 von dem Kanoniker Retzmann aus Seligenstadt, der an die Stiftskirche von Aschaffenburg einen Chor hatte anbauen lassen zu Ehren des Schneewunders in Rom. Ein reicher Römer wollte der Gottesmutter eine Kirche bauen und wußte nicht, wohin. Da träumte ihm und dem Papst gleich- e: dorthin solle er die Kirche stellen, wohin während der heißen stnacht Schnee fallen werde. Der Schnee fiel auf den Esguilinhügel, und die Kirche wurde gebaut. Grünewald sollte das große Altarbild malen. Aus einem Seitenflügel, der noch echalten ist und in Freiburg K, stellte er das Schneewunder dar mit getreuer italienischer Land- t; das Mittelstück des Altars wurde der „Schöne Frauentag", der andere Flügel ist verloren. Es muh ein großer Reiz gewesen sein, die üppig erblühte deutsche Landschast neben den italienischen Winter $u stellen! Wo das Bild gemalt wurde, ob in Seligenstadt, Aschaffenburg, Mainz oder Halle, das entzieht sich unserer Kenntnis. 1517 war Grünewald Hofmaler des Mainzer Kurfürsten Albrecht von Brandenburg. Nach Mainz berufen wurde er von dem Vorgänger Albrechts, dem Erzbischof Uriel von Gemmingen. Die Nachrichten, die wir von ihm haben, sind spärlich und wahrscheinlich unzuverlässig. Sein ganzes Dasein scheint künstlich übermalt zu sein; und nicht einmal der Name steht einwandfrei fest; wahrscheinlich hat er den Namen Matthias Gotlhari-Neichart geführt, aber sicher ist das nicht. Und dabei hat der Maler in einer so erhellten Zeit gelebt, in einer so aufrührerischen Stadt, gleichzeitig mit Dürer und Sucher. Man kennt am Mainzer Hos noch einen Maler, mit dem man nicht recht weih, woran man hält, und den nannte man den Pseudogrünewald. Vielleicht muh man über kurz oder lang den Namen Grünewald fallen lassen. Dr. Z ü 1 ch in Frankfurt ist fest davon über» zeugt. Nach dessen Angaben ist der Maler im Jahre 1529 gestorben. Sicher steht fest, dah der seltsame Fremdling seelisch sehr belastet war mit den Schmerzen seines Jahrhunderts, dah er sich in die Menschen nicht schicken konnte, dah er den sähen Uebereinfünften feindlich gegenüber* stund. Es ist doch wahrhaftig mehr als befremdend, dah ein Genie dieses Ausmaßes von seinen Zeitgenossen, von seiner Kirche, von seiner Station so fast gänzlich vergessen werden konnte. Das Werk, das er hinterlassen hat, ist groß und erhaben und steht vollgültig neben den größten Aeußerungen Der Menschenseele schlechthin. ®r ist die aufgezehrte deutsche Seele seines Jahrhunderts, und wenn man ganz große Maßstäbe anlegt, so verschwinden ja die kleinen Zuverlässigkeiten: was verschlägt schließlich, daß man nichts von diesem Menschen weih, wo er geboren ist, nicht wann, nicht wer seine Eltern waren, nicht wo, nicht wie er lebte, daß man nichts von Freunden weiß, nicht von Frauen, die um ihn waren? Vergißt man bei ihm Denn leichter als bei einem anderen, was uns sonsthin menschlich teuer und wissenswert ist? t ... Ich gehe im Dorf Stuppach umher, besuche Ställe, wo dreißig Kühe sich anschicken, auf die Weide zu gehen. Gänse stehen am Ende der Straße und steigen schwerfällig in die Luft empor, streifen an die Telegraphendrähte und sinken. Alte Frauen erzählen mir von ihrem Bild, junge Mädchen erzählen, daß chr Bild nachgemalt worden sei, und daß man hinter der Nachbildueg hergezogen sei, weil man immer gefürchtet habe, man entführe das eigentliche Bild. ~ Ich habe Sehnsucht nach dem Bild, sehe im Geist die ganze Natur feierlich überflutet, möchte selber überflutet sein und eile zum fünften Male in die Kirche. Da steh ich nun wieder seitlich neben der weißen Altardecke und nehme teil am göttlichen Licht, als ob sich das so gehöre. Der Abend bricht herein, die rote Ampel schwebt vor mtr wie ein Glücksstern Ich weiß nicht, was es ist: in mir strömt es von Liedern, die noch'kein Mensch gelungen hat. Ist es Jubel, ist es Schmerz um den Meister? Das Veilchen. Von 3. d o n Goethe. Ein Veilchen auf der Wiese stand Gebückt in sich und unbekannt: Es war ein herzig'? Veilchen. Da kam eine junge Schäferin, Mit leichtem Schritt und munterm Sinn, Daher, daher, Die Wiese her, und sang. „Ach!" denkt das Veilchen, „mär' ich nur Die schönste Blume der Natur, Ach, nur ein kleines Weilchen, Bis mich das Liebchen abgepslückt Und an den Busen matt gedrückt. Ach nur, ach nur Ein Viertelstündchen lang!" Ach! Aber ach! Das Mädchen kam Und nicht in acht das Veilchen nahm, Ertrat das arme Veilchen. Es sank und starb und freut' sich noch: Und sterb' ich denn, so sterb' ich doch Durch sie, durch sie, Zu ihren Füßen doch. Der Theatervorhang. Von Herbert Eulenberg. Er gehört schon zu den tückischsten Objekten, der Theatevoorhang. Und wenn der alte grobe Schwabe, der Vau-Vischer, näher mit ihm vertraut gewesen wäre, so hätte er ihn sicher in seiner bekannten Schilderung von der Tücke der Objekte in seinem Roman „Auch einer" eine hervorstechende Rolle spielen lassen. Die alten Griechen und Römer kannten ihn glücklicherweise noch nicht. Und wenn einer fragen sollte: Woher wußten sie denn, wann ein Stück zu Ende war?, so sei ihm zur Erklärung gesagt, daß dies allen Zuhörern, und auch jenen unter ihnen, die erst noch auf einen wirkungsvollen Schluß warten wollten, feierlich angekündigt wurde. Sei es dadurch, daß, wie in Athen der Chor noch einmal weihevoll die Szene umschritt und einen letzten Abgesang anstimmte, oder sei es wie bei den römischen Komödien, daß der Spaßmacher oder gleichfalls ein lustiger Chor das Ende mit den Worten ansagte: „Comoedia finita est". Was der Kaiser Augustus auf seinem Sterbebette mit dem Zusatz: „Plaudite amici!" — Klatscht Beifall, ihr Freunde! — wiederholt haben soll. Denn auch mit dieser Aufforderung ihre Zustimmung zu äußern, wurde sehr oft, wie zum Beispiel in den Lustspielen der spanischen Dichter Lope de Vega und Calüeron, das Ende eines heiteren Spieles angegeben. „Hat euch unser Stück gefallen, möge laut der Beifall schallen!" So und ähnlich schließen, Huldigung und Anerkennung heischend, die meisten Komödien dieser beiden wie auch der anderen Poeten zu jener Zeit. Aehnlich wie in der Kirche durch die Entlassungssormel „Ite, missa est" die Beendigung der Messe «egeben war, halfen sich auch die Alten beim Theaterspiel ohne Vor- ang, indem sie einfach den Anwesenden in irgendeiner Form sagen ließen: „Geht nach Hause! Das Spiel ist zu Ende!" Der Vorhang im Theater ist eine verhältnismäßig neue Erfindung. Erst im Jahre 1519, also kurz nach dem Beginn der Reformation, wird sein Gebrauch in Rom nachgewiesen. Ob sich diese Erneuerung im Bühnenwesen gleich beim ersten Male, da man sich ihrer bediente, ohne Störung einsührte, ist uns nicht überliefert worden. Bei dem arglistigen Wesen des Vorhangs ist aber anzunehmen, daß er von vornherein nicht ganz einwandfrei in die Erscheinung getreten ist. Und es bleibt bedauerlich, daß uns die Zeitgenossen nichts über die Antrittsrolle des Vorhangs verraten und hinterlassen haben. Es wäre sicher mindestens so fesselnd zu lesen gewesen, wie die Berichte über das erste Auftreten einer später berühmt gewordenen Sängerin oder das eines in reiferen Jahren mit Ehren überhäuften Schauspielers. Wir müssen uns also bei dem Vorhang mit dem Wissen von der Jahreszahl seiner Geburt begnügen. Ob er gleich in den frühesten Jahren seiner Entstehung allgemeine Beachtung bei den Zuhörern und sorgfältige Rücksichtnahme seitens der Bühnendichter gefunden hat, erscheint zweifelhaft. Im Gegenteil ist es fast anzunehmen, daß die Stllckeschreiber im Vertrauen auf den Vorhang ihn zunächst nicht allzusehr beachteten. Nun er einmal erfunden war, mochte er selbst wie eine mechanische Uhr den Leuten angeben, wann es aufhörte, oder wann Pause war oder wann geklatscht oder gezischt werden durfte. Die Verfasser brauchten sich nicht mehr darum zu kümmern, dies alles der Menge kund'utun. Das besorgte jetzt alles der Vorhang für sie. In keinem der S'tgenössischen Bühnenwerke des 16. Jahrhunderts werden dem Vorhang on besondere Ehren erwiesen. Shakespeare gestaltet noch selber ohne große Zuhilfenahme der neuen Einrichtung die Schlüsse seiner Dramen, indem er, wie bei „Romea und Julia", einen Trompetenstoß zum Ausgang ertönen läßt, oder wie bei „Coriolan" einen Trauermarsch oder wie im „Hamlet" ein Geschützseuer. Erst nach und nach wächst die Kurtine, wie man das neue Bühnenzubehör in Frankreich nennt, zu größerer Bedeutung. Hundert Jahre nach seiner Einführung geschieht es schon hier und da, daß man ihn anspricht oder mit ins Spiel hineinzieht. Aber diese Artigkeiten, die man ihm erweist, machen ihn auch heimtückischer. Die meisten Theaterbründe des 18. Jahrhunderts entstehen durch den Vorhang, der sich an den offenen Kerzen oder Leuchtern entzündet, die sich damals an der Rampe befanden. Des öfteren ist uns dies aus jenen Zeiten beschrieben worden, wie sich der Vorhang plötzlich rauschend wie ein Flammenmeer im Wind der Glut, die er entfachte, erhob und die Menge dann unter Entsetzen aus dem Theater stob. Wobei sich noch in der unsinnigen Hast die meisten Unglücksfälle ereigneten. Zum Gluck hat man dieser bösartigen Ueberraschung des Bühnenvorhangs m unserer Zeit einen kräftigen Riegel durch den bekannten „Eisernen' vorgeschoben. Allerdings erwies sich erste Vorhang dieser Art noch als ebenso trügerisch wie der aus Leinwand ober Pappe. Es war der im Drury-i Lane-Theater in London im Jahre 1794 angebrachte, der nicht ver- hindern konnte, daß fünfzehn Jahre später das ganze Haus niederbrannte. Infolgedessen kam der Eiserne bei uns in Deutschland erst in den achtziger Jahren zur allgemeinen Verwendung, nachdem Anno em- undachtzig das Wiener Ringtheater ein Raub der Flammen geworden war. Seitdem hat sich diese neue Einrichtung so nützlich erwiesen, daß heutzutage bei jedem größeren Bühnenhaus der eiserne Vorhang geradezu polizeilich verlangt wird. . Inzwischen errang sich sein dünnerer, leichterer Bruder immer mehr Be- achtung und Bedeutung. Ja, der Vorhang begann jetzt das ©einige zum Erfolg oder Mißerfolg eines Bühnenwerkes beizutragen. Fiel er zu früh, wie er dies einmal bei der Wiederaufnahme des „Florian Geyer tat so brachte er einen ganzen Aktschluß um seine Wirkung, wie der traurig durch ihn hervortretende Dichter feststellen mußte. Kam er zu spät wie ihm dies auch gelegentlich beifallen kann, so wuchsen dir Darsteller vom aus der Bühne, die längst das letzte Wort gesprochen hatten, vor Ungeduld aus. Und das Publikum im Theater begann unerwünscht heiter zu werden. Kurzum man fing an, den Vorhang als ein höchst wichtiges Mittel in das Schaffen für die Bühne miteinzubeziehen. Und die Aktschlüsse vieler Stücke, die Finales fast aller Opern sind unter Rücksichtnahme auf ihn verfaßt worden. Trotz dieser Unterwürfigkeit gegen den Vorhang blieb er beständig ein Tückebold, dem auch der Monn, der ihn zu bedienen hat, nicht immer gewachsen ist. Denn mal schnellt er ihm wie ein sausender Blitz aus der Hand. Mal will das Aas, wie er dann voll Wut bezeichnet wird, gar nicht aus feiner Höhe herunter- kommen. Bei Liebhaberaufführungen benimmt sich der Vorhang meist am allerhinterlistigsten. Und es gibt kaum eine, wo er sich nicht als Tölpel oder Störenfried, der alle Welt zum Lachen bringt, erweist. Bei solchen Gelegenheiten auf notdürftigen Bühnen rollt er sich entweder schief auf oder nicht ganz ober bleibt, bies ist sein schlimmster Streich, stecken. Richarb Wagner glaubte bem Problem am wirksamsten zu Leide zu rücken, indem er den Faltenvorhang, der sich nach beiden Seiten öffnet, einführte. Er tat dies aus Gründen des guten Sehens, weil nach feiner Meinung das Bühnenbild leidet, wenn es ruckweise von oben nach unten sich öffnet ober umgekehrt verschwindet. Ader die Bosheit des Vorhangs hat er damit nicht aus der Welt geschafft. Denn auch die sog. Wagnersche Gardine hat ihre Rücken und Tücken, indem sie besonders gerne den Sängern und Sängerinnen, zum Schluß rasch sich fallend, fast die Nase abzwickt. Uederhaupt entwickelt der Vorhang auch noch nach der Aufführung feine ausgesuchten Bösartigkeiten. Er fällt dann mit Vorliebe den Künstlern, die sich zum Dank für den Beifall vor den Zuschauern verneigen, ober dem Dichter ober Komponisten, der sich ver- beugt, beinahe auf den Kopf, und häufig rettet nur ein rascher Rückzug die Betreffenden vor einer solchen unsanften Berührung. Der Wiener Lustspieldichter N e st r o y, der Verfasser des „Lumpazivagabundus", der vielfach in seinen Stücken persönlich auftrat, hatte neben anderen krankhaften Zwangsvorstellungen auch diese, eines Abend von dem Vorhang erschlagen zu werden, und behauptete, der Teufel sitze darin und trachte wie die berühmte Köpfrnaschine der französischen Revolution danach, jeden, den er packen könnte, zu enthaupten. Schließlich erweist sich der Vorhang auch als Gradmesser für den Publikumserfolg eines Werkes meistens sehr unzuverlässig. „Siebzehn Hervorrufe habe ich gehabt, und siebzehnmal mußte der Vorhang zum Schluß für mich heraufgezogen werden", behaupten ehrgeizige Schauspieler oder ruhmbegierige Sängerinnen wohl. Während ihre lieben Kollegen oder Kolleginnen bann neidisch bemerken: „Schwindel! Der Vorhang hat sich nur siebenmal für Sie bemüht. Sie müssen sich verzählt haben". Im Wiener Burgtheater wurde früher bei jeder Uraufführung dem Autor zum Schluß ein Aufpasser beigegeben, der mit einem Heft in der Hand genau aufschreiben mußte, wie oft der Dichter vor dem Vorhang gebeten wurde, damit dieser nicht In feinem Größenwahnsinn nachher soundso viele Hervorrufe dazu schwindeln konnte, gin eigenartiger Ehrgeiz mancher Leute, die auf der Bühne wirken, besonders wenn sie ein Gastspiel geben, ist der, daß sie ganz zum Schluß noch durch die Tür des eisernen Vorhangs klettern mögen, um damit die letzten, nicht endenwollenden Beifallskundgebungen entgegenzunehmen. Aber auch dann ist selbst bem im allgemeinen gutmütigeren und menschenfreundlicheren eisernen Vorhang nicht recht zu trauen. Denn manch einer ist schon in bem dann bereits halb verdunkelten Haus über ihn gestolpert ober gar in den düsteren Unterraum für das Orchester hinuntergesaust. Alles in allem genommen, ist der Vorhang eine etwas unheimliche Einrichtung. Nicht zuletzt auch darum, weil man, wenn er sinkt und ein Stück endgültig beschließt, an den Augenblick denken muß, wo für einen jehen von uns der Vorhang fällt und es aus ist mit dieser ganzen bunten irhischen Herrlichkeit, in der wir die uns von unserem Schicksal zugewiesene Rolle gespielt haben. Eine gewisse Slormsche Wehmut kann uns dann beschleichen, wenn mit dem letzten Vorhangfallen das Stück, Has man uns vorgeführt hat, [eine Augen schließt. „Dunkle Zypressen, die Welt ist gar zu lustig: es wird doch alles vergessen." Oder man erinnert sich dabei ein paar anderer Verse des Dichters aus Husum, die er sich in schwerer Krankheit vorgesungen Hal: Nun schließ auch du die Augen zu, Geh Phantasie und Herz zur Ruh! Ein Licht loscht nach dem andern aus — Hier stand vordem ein Schauspielhaus. Berantwortlich Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Uniberlitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße».