Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Montag, den 22. Februar Nummer |5 Jahrgang 1931 Der GiechSirs Roman von Theodor Kontane 9. Fortsetzung. Eine Gesamtantwort wurde nicht laut, aber während man sich unmittelbar danach erhob, küßte Czako der Schmargendorf die Hand und sagte mit einem gewissen Empressement: „Unter dem Holunderbaum also." Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten, auf was es sich bezog. Aber das war Czako gleich. Ihm lag lediglich daran, sich ganz privatim, ganz für sich selbst, die Schmargendorf auf einen kurzen, aber großen Augenblick als „Käthchen" vorstellen zu können. Im übrigen zeigte sich's, daß nicht bloß Czako, sondern auch Rex und Waldemar für den Holunderbaum waren, und so näherte man sich denn diesem. Es war derselbe Baum, den die Herren schon beim Einreiten in den Klosterhof gesehen, aber in jenem Augenblick wenig beachtet hatten. Jetzt erst bemerkten sie, was es mit ihm auf sich habe. Der Baum, der uralt sein mochte, stand außerhalb des Gehöftes, war aber, ähnlich wie der Pflaumenbaum im Garten, mit seinem Gezweig über das zerbröckelte Gemäuer fortgewachsen. Er war an und für sich schon eine Pracht. Was ihm aber noch eine besondere Schönheit lieh, das war, daß sein Laubendach von ein paar dahinterstehenden Ebereschbäumen wie durchwachsen war, so daß man überall neben den schwarzen Fruchtdolden des Holunders die leuchtenden roten Eberefchenbüschel sah. Auch das verschiedene Laub schattierte sich. Rex und Czako waren aufrichtig entzückt, beinahe mehr als zulässig. Denn so reizend die Laube selbst war, so zweifelhaft war das unmittelbar vor ihnen in großer Unordnung und durchaus ermangelnder Sauberkeit ausgebreitete Hofbild. Aber pittoresk blieb es doch. Zufammengemörtelte Feldsteinklumpen lagen in hohem Grase, dazwischen Karren und Düngerwagen, Enten- und Hühnerkörbe, während ein kollernder Truthahn von Zeit zu Zeit bis dicht an die Laube herankam, sei's aus Neugier oder um sich mit der Triglaff zu messen. Als sechs Uhr heran war, erschien Fritz und führte die Pferde vor. Czako wies darauf hin. Bevor er aber noch an die Domina herantreten und ihr einige Dankesworte sagen konnte, kam die Schmargendorf, die kurz vorher ihren Platz verlassen, mit dem großen Kohlblatt zurück, auf dem die beiden zusammengewachsenen Pflaumen lagen. „Sie wollten mir entgehen, Herr von Czako. Das hilft Ihnen aber nichts. Ich will mein Vielliebchen gewinnen. Und Sie sollen sehen, ich siege." „Sie siegen immer, meine Gnädigste." Neuntes Kapitel. Rex und Czako ritten ob; Fritz führte Waldemars Pferd am Zügel. Aber weder die Schmargendorf noch die Triglaff erwiesen sich, als die beiden Herren fort und die drei Damen samt Waldemar in die Wohnräume zurückgekehrt waren, irgendwie beflissen, das Feld zu räumen, was die Domina, die wegen zu verhandelnder diffiziler Dinge mit ihrem Neffen allein sein wollte, stark verstimmte. Sie zeigte das auch, war steif und schweigsam und belebte sich erst wieder, als die Schmargendorf mit einem Male glückstrahlend versicherte: jetzt wisse sie's; sie habe noch eine Photographie, die wolle sie gleich an Herrn von Czako schicken, und wenn er dann morgen mittag von Cremmen her in Berlin einträfe, dann werd er Brief und Bild schon vorfinden und auf der Rückseite des Bildes ein „Guten Morgen, Vielliebchen". Die Domina fand alles so lächerlich und unpassend wie nur möglich; weil ihr aber daran lag, die Schmargendorf loszuwerden, fo hielt sie mit ihrer wahren Meinung zuruck und saate: „Ja, liebe Schmargendorf, wenn sie so was vorhaben, darin ist es allerdings die höchste Zeit. Der Postbote kann gleich kommen. Und wirklich, die Schmargendorf ging, nur die Triglaff zurucklassend, deren Auge sich jetzt von der Domina zu Waldemar hinüber und dann wieder von Woldemar zur Domina zurückbewegte. Sie war bei dem allen ganz unbefangen. Ein Verlangen, etwas zu belauschen oder von ungefähr in Familienangelegenheiten eingeweiht zu werden, lag ihr völlig ferm und alles was sie trotzdem zum Ausharren bestimmte, war lediglich der Wunsch, solchem historischen Beisammensein eine durch ihre Trrglaffg^en- wart gesteigerte Weihe zu geben. Indessen schließlich ging auch sie, Man hatte sich wenig um sie gekümmert, und Tante und Reffe ufßen sich, als. sie jetzt allein waren, in zwei braune Plüschfauteuils (Erbstücke noch vom Schloß Stechlin her) nieder, Woldemar allerdings mit äußerster Vorsicht, weil die Sprungfedern bereits jenen Altersgrad erreicht Hattern wo sie nicht nur einen dumpfen Ton von sich zu geben, sondern auch zu stechen anfangen. Die Tante bemerkte nichts davon, war vielmehr froh, ihren Neffen endlich allein zu haben, und sagte mit rasch wiedergewonnenem Behagen: „Ich hätte dir schon bei Tische gern was Besseres an die Seite gegeben; aber wir haben hier, wie du weißt, nur unsre vier Konventualinnen, und von diesen vier sind die Schmargendorf und die Triglaff immer noch die besten. Unsre gute Schimonski, die morgen einundachtzig wird, ist eigentlich ein Schatz, aber leider stocktaub, und die Teschendorf, die mal Gouvernante bei den Esterhazys war und auch noch den Fürsten Schwarzenberg, dessen Frau in Paris verbrannte, gekannt hat, ja, die hätt ich natürlich solchem feinen Herrn wie dem Herrn von Rex gerne vorgesetzt, aber es ist ein Unglück, die arme Person, die Teschendorf, ist so zittrig und kann den Löffel nicht recht mehr halten. Da hab ich denn doch lieber die Triglaff genommen; sie ist sehr dumm, aber doch wenigstens manierlich, soviel muß man ihr lassen. Und die Schmargendorf..." Woldemar lachte. „Ja, du lachst, Woldemar, und ich will dir auch nicht bestreiten, daß man über die gute Seele lachen kann. Aber sie hat doch auch was Gehaltvolles in ihrer Natur, was sich erst neulich wieder in einem intimen Gespräch mit unferm Fix zeigte, der trotz aller Bekenntnisstrenge (die selbst Koseleger ihm zugesteht) an unserrn letzten Whistabend Aeuße- rungert tat, die wir alle tief bedauern mußten, wir, die wir die Whist- partie machten, nun schon ganz gewiß, aber auch die gute, taube Schimonski, der wir, weil sie uns so ausgeregt sah, alles auf einen Zettel schreiben mußten." „Und was war es denn?" „Ach, es handelte sich um das, was uns allen, wie du dir denken kannst, jetzt das Teuerste bedeutet, um den .Wortlaut*. Und denke dir, unser Fix war dagegen. Er mußte wohl denselben Tag was gelesen haben, was ihn abtrünnig gemacht hatte. Personen wie Fix sind sehr bestimmbar. Und kurz und gut, er sagte: das mit dem .Wortlaut*, das ginge nicht länger mehr, die .Werte* wären jetzt anders, und weil die Werte nicht mehr dieselben wären, müßten auch die Worte sich danach richten und müßten gemodelt werden. Er sagte .gemodelt'. Aber was er am meisten immer wieder betonte, das waren die .Werte* und die Notwendigkeit der .Umwertung*." „Und was sagte die Schmargendorf dazu?" „Du hast ganz recht, mich dabei wieder auf die Schmargendorf zu bringen. Nun, die war außer sich und hat die darauffolgende Nacht nicht schlafen können. Erst gegen Morgen kam ihr ein tiefer Schlaf, und da sah sie, so wenigstens hat sie's mir und dem Superintendenten versichert, einen Engel, der mit seinem Flammen finger immer auf ein Buch wies und in dem Buch auf eine und dieselbe Stelle." „Welche Stelle?" „Ja, darüber war ein Streit; die Schmargendorf hatte sie genau gelesen und wollte sie hersagen. Aber sie sagte sie falsch, weil sie Sonntags in der Kirche nie recht aufpaßt. Und wir sagten ihr das auch. Und denke dir, sie widersprach nicht und blieb Überhaupt ganz ruhig dabei. ,Ja*, sagte sie, ,sie wisse recht gut, daß sie die Stelle falsch hergesagt hätte, sie habe nie was richtig hersagen können; aber das wisse sie ganz genau, die Stelle mit dem Flammenfinger, das sei der .Wortlaut* gewesen.*" „Und das hast du wirklich alles geglaubt, liebe Tante? Diese gute Schmargendorf! Ich will ihr ja gerne folgen; aber was ihren Traum angeht, da kann ich beim besten Willen nicht mit. Es wird ihr ein Amtmann erschienen sein ober ein Pastor. Dreißig Jahre früher wäre es ein Student gewesen." „Ach, Woldemar, sprich doch nicht so. Das ist ja die neue Fasson, in der die Berliner sprechen, und in dem Punkt ist einer wie der andre. Dein Freund Czako spricht auch so. Du mokierst dich jetzt über die gute Schmargendorf, und dein Freund, der Hauptmann, soviel hab ich ganz deutlich gesehen, tat es auch und hat sie bet Tische geuzt." „Geuzt?" „Du wunderst dich über das Wort, und ich wundere mich selber darüber. Aber daran ist auch unser guter Fix schuld. Der ist alle Monat mal nach Berlin rüber, und wenn er dann wiederkommt, dann bringt er so was mit, und wiewohl ich's unpassend finde, nehme ich'? doch an und die Schmargendorf auch. Bloß die Triglaff nicht und natürlich die gute Schimonski auch nicht, wegen der Taubheit. Ja, Woldemar, ich sage .geuzt*, und dein Freund Czako hätte es lieber unterlassen sollen. Aber das muß wahr (ein, er ist amüsant, wenn auch ein bißchen auf der Wippe. Siehst du ihn oft?" „Nein, liebe Tante. Nicht oft. Bedenke die weiten Entfernungen. Von unsrer Kaserne bis zu seiner, ober auch umgekehrt, bas ist eine kleine Reise. Dazu kommt noch, daß wir vor unserem Halleschen Tor eigentlich gar nichts haben, bloß die Kirchhöfe, bas Tempelhofer Felb und das Rotherstift." „Aber ihr habt doch die Pferdebahn, wenn ihr irgend wohin wollt. Beinah muß ich sagen leider. Denn es gibt mir immer einen Stich, wenn ich mal in Berlin bin, so die Offiziere zu sehen, wie sie da hinten stehen unb Platz machen, wenn eine Madamm aufsteigt, manchmal mit nem Korb und manchmal auch mit ner Spreewaldsamme. Mr immer ein Horreur." „Ja, die Pferdebahn, liebe Tante, die haben wir freilich, und man kann mit ihr in einer halben Stunde bis in Czakos Kaserne. Der weite Weg ist es auch eigentlich nicht, wenigstens nicht allein, weshalb ich Czako so selten sehe. Der Hauptgrund ist wohl der, er paßt nicht so ganz zu uns und eigentlich auch kaum zu seinem Regiment. Er ist ein guter Kerl, aber ein Aequivokenmensch und erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten. Wenn man ihn allein hot, geht es. Aber hat er ein Publikum, dann kribbelt es ihn ordentlich, und je seiner das Publikum ist, desto mehr. Er hat mich schon ost in Verlegenheit gebracht. Ich muß sagen, ich hab ihn sehr gern, aber gesellschaftlich ist ihm Rex doch sehr überlegen." ,^Ia, Rex; natürlich. Das hab ich auch gleich bemerkt, ohne mir weiter Rechenschaft darüber zu geben. Du wirst es aher wissen, wodurch er ihm überlegen ist." „Durch vieles. Erstens, wenn man die Familien abwägt. Rex ist mehr als Czako. Und dann ist Rex Kavallerist." „Aber ich denke, er ist Ministerialassessor." „Ja, das ist er auch. Aber nebenher, oder vielleicht noch darüber hinaus, ist er Offizier, und sogar in unserer Dragonerbrigade." „Das freut mich da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad von dir." „Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht. Denn erstens rst er in der Reserve, und zweitens steht er bei den zweiten Dragonern." „Macht das nen Unterschied?" „Gott. Tante, wie man's nehmen will. Ja und nein. Bei Mars-la- Tour haben wir diese Attacke geritten." „Und doch ..." „Und doch ist da ein gewisses je ne sais quoi." „Sage nichts Französisches. Das verdrießt mich immer. Manche sagen jetzt auch Englisches, was mir noch weniger gefällt. Aber lassen wir das; ich finde nur, es wäre doch schrecklich, wenn es so bloß nach der Zahl ginge. Was sollte denn da das Regiment anfangen, bei dem ein Bruder unserer guten Schmargendorf steht. Es ist, glaube ich, das hundertfüns- undvierzigste." Ja, wenn es so hoch kommt, dann vertut es sich wieder. Aber so bei der Garde ..." Die Domina schüttelte den Kopf. „Darin, mein lieber Waldemar, kann ich dir doch kaum folgen. Unser Fix sagt mitunter, ich sei zu exklusiv, aoer so exklusiv bin ich doch noch lange Nicht. Und solch Verstandesmensch, wie du bist, so ruhig und dabei ,so abgeklärt', wie manche jetzt sagen, und, Gott verzeih mir die Sünde, auch so liberal, worüber selbst dein Vater klagt. Und nun kommst du mir mit solchem Vorurteil, ja, verzeih mir das Wort, mit solchen Ueberheblichkeiten. Ich erkenne dich daran gar nicht wieder. Und wenn ich nun das erste Garderegiment nehme, das ist ja doch ein erstes. Ist es denn mehr als das zweite? Man kann ja sagen, soviel will ich zugeben, sie haben die Blechmützen und sehen aus, als ob sie lauter Holländerinnen heiraten wollten ... Was ihnen schon gefallen sollte." „Den Holländerinnen?" „Nun, denen auch", lachte die Tante. „Aber ich meint« jetzt unsre Leute. Mißversteh mich übrigens nicht. Ich weiß recht gut, was es mit den großen Grenadieren auf sich hat; aber die andern sind doch ebensogut, und Potsdam ist doch schließlich bloß Potsdam." „Ja, Tante, das ist es ja eben. Daß sie noch immer in Potsdam sind, das macht es. Deshalb ist es nach wie vor die ,Potsdamer Wachparade'. Und dann das Wort .erstes' spielt allerdings auch mit. Ein alter Römer, mit dessen Name ich dich nicht behelligen will, der wollte in seinem Potsdam lieber der Erste, als in seinem Berlin der Zweite sein. Wer der Erste ist, nun, der ist eben der Erste, und als die andern aufstanden, da hatte dieser .Erste' schon seinen Morgenspaziergang gemacht und mitunter was für einen! Sieh, als das zweite Garderegiment geboren wurde, da hatten die mit den Blechmützen schon den ganzen Siebenjährigen Krieg hinter sich. Es ist damit wie mit dem ältesten Sohn. Der älteste Sohn kann unter Umständen dümmer und schlechter sein als sein Bruder, aber er ist der älteste, daß kann ihm keiner nehmen, und das gibt ihm einen gewissen Vorrang, auch wenn er sonst gar keinen Vorzug hat. Alles ist göttliches Geschenk. Warum ist der eine hübsch und der andere häßlich? Und nun gar erst die Damen. In das eine Fräulein verliebt sich alles, und das andre spielt bloß Mauerblümchen. Es wird jedem seine Stelle gegeben. Und so ist es auch mit unserm Regiment. Wir mögen nicht besser sein als die andern, aber wir sind die ersten, wir haben die Nummer eins." „Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit, Waldemar. Was in unsrer Armee den Ausschlag gibt, ist doch immer die Schneidigkeit." „Liebe Tante, sprich, wovon du willst, nur nicht davon. Das ist ein Wort für kleine Garnisonen. Wir wissen, was wir zu tun haben. Dienst ist alles, und Schneidigkeit ist bloß Renommisterei. Und das ist das, was bei uns am niedrigsten steht." „Gut, Woldemar; was du da zuletzt gesagt hasts das gefällt mir. Und in diesem Punkte muß ich auch deinen Vater loben. Er hat vieles, was mir nicht zusagt, aber darin ist er doch ein echter Stechlin. Und du bist auch so. Und das hab ich immer gefunden, alle, die so sind, die schießen zuletzt doch den Vogel ab, ganz besonders auch bei den Damen." Dies „bei den Damen" war nicht ohne Absicht gesprochen und schien auf das bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema hinüberführen zu sollen. Aber ehe die Tante doch eine direkte Frage stellen konnte, wurde der Rentmeister gemeldet, der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam. Die Domina wandte sich dann auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar und sagte: „Soll ich ihn fortschicken?" „Es wird kaum gehen, liebe Tante." „Nun denn." Und gleich danach trat Fix ein. 10. Kapitel. — Während Woldemar und die Domina plauderten, erst im Tete-a-Tete, dann in Gegenwart von Rentmeister Fix, ritten Rex und Czako (Fritz mit dem Leinpferd folgend) auf Cremmen zu. Das war noch eine tüchtige Strecke, gute drei Meilen. Aber trotzdem waren beide Reiter übereingekommen, nichts zu übereilen und fich's nach Möglichkeit bequem zu machen. „Es ist am Ende gleichgültig, ob wir um acht oder um neun über den Cremmer Damm reiten. Das bißchen Abendrot, das da drüben noch hinter dem Kirchturm steht ... Fritz, wie heißt er? Welcher Kirchturm ist es ..." „ ,, „Das ist der Wukowsche, Herr Hauptmann!" — „... Also, das bißchen Abendrot, das da noch hinter dem Wulkowschen steht, wird ohnehin nicht lange mehr vorhalten. Dunkel wird's also doch, und von dem Hohenlohedenkmal, das ich mir übrigens gern einmal näher angesehen hätte (man muß so was immer auf dem Heimwege mitnehmen), kommt uns bei Tageslicht nichts mehr vor die Klinge. Das Denkmal liegt etwas ab vom Wege. Schade", sagte Rex. . „Ja, man kann es beinah sagen. Ich für meine Person komme schließlich drüber hin, aber ein Mann wie Sie, Rex, sollte dergleichen mehr wallfahrtartig auffassen." „Ach, Czako, Sie reden wieder tolles Zeug, diesmal mit einem kleinen Abstecher ins Lästerliche. Was soll .Wallfahrt' hier überhaupt? Und dann, was haben Sie gegen Wallfahrten? Und was haben Sie gegen die Hohenlohes?" „Gott, Rex, wie Sie sich wieder irren. Ich habe nichts gegen die einen, und ich habe nichts gegen die andern. Alles, was ich von Wallfahrten gelesen habe, hat mich immer nur wünschen lassen, mal mit dabei zu sein. Und ad vocem der Hohenlohes, so kann ich Ihnen nur sagen, für die hab ich sogar was übrig in meinem Herzen, viel, viel mehr als für unser eigentliches Landesgewöchs. Oder, wenn Sie wollen, für unsre Autochthonen." „Und das meinen Sie ganz ernsthaft?" „Ganz ernsthaft. Und wir wollen mal fünf Minuten wie vernünftige Leute darüber reden. Wenn ich fage ,wir', so meine ich natürlich mich. Denn Sie sprechen immer vernünftig. Vielleicht ein bißchen zu sehr." Rex lächelte. „Nun gut; ich will's Ihnen glauben." „Also die Hohenlohes", fuhr Czako fort. „Ja, wie steht es damit? Wie liegt da die Sache? Da kommt hier fo Anno Domini ein Burggraf ins Land, und das Land will ihn nicht, und er muß sich alles erst erobern, die Städte beinah und die Schlösser gewiß. Und die Herzen natürlich erst recht. Und der Kaiser sitzt mal wieder weitab und kann ihm nicht helfen. Und da hat nun dieser Nürnberger Burggraf, wenn's hoch kommt, ein halbes Dutzend Menschen um sich, schwäbische Leute, die mit ihm in diese Mördergrube hinabsteigen. Denn ein bißchen so was war es. Und geht auch gleich los, und die Ouitzows und die, die's sein wollen, rufen die Pommern ins Land, und hier auf diesem alten Cremmer Damm stoßen sie zusammen, und die paar, die da fallen, das sind eben die Schwaben, die's gewagt hatten und mit in den Kahn gestiegen waren. Allen vorauf aber ein Graf, so ein Herr in mittleren Jahren. Der fiel zuerst und versank in den Sumpf, und da liegt er. Das heißt, sie haben ihn raus- geholt, und nun liegt er in der Klosterkirche. Und dieser eine, der da voran fiel, der hieß Hohenlohe." „Ja, Czako, das weiß ich ja alles. Das steht ja schon im Brandenburgischen Kinderfreund. Sie denken aber immer, Sie haben fo was allein gepachtet." „Immer vorsichtig, Rex; im Kinderfreund steht es. Gewiß. Aber was steht nicht alles — vom Kinderfreund gar nicht zu reden — in Bibel und Katechismus, und die Leute wissen es doch nicht. Ich zum Beispiel. Und ob es nun drin steht oder nicht drin steht, ich sag« nur: so hat es angefangen, und so läuft der Hase noch. Oder glauben Sie, daß der alte Fürst, der jetzt dran ist, daß er zu seinem Spezialvergnügen in unser sogenanntes Reichskanzlerpalais gezogen ist, drin trie Bismarckschen Nachfolger, die sich wahrhaftig nicht danach drängten, ihre Tage vertrauern? Ein Opfer ist es, nicht mehr und nicht weniger, und ein Opfer bringt auch der alte Fürst, gerade wie der, der damals am Cremmer Damm als erster fiel. Und ich sage Ihnen, Rex, das ist das, was mir imponiert; immer da sein, wenn Not am Mann ist. Die Kleinen von hier, trotz der .Loyalität bis auf die Knochen' die mucken immer bloß auf, aber die wirklich Vornehmen, die gehorchen, nicht einem Machthaber, sondern dem Gefühl ihrer Pflicht." Rex war einverstanden und wiederholte nur: „Schade, daß wir so spät an dem Denkmal vorbeikommen." „Ja, schade", sagte Czako. ,,Wir müssen es uns aber schenken. Im übrigen, denk ich, lassen wir in dem, was wir uns noch weiter zu sagen haben, die Hohenlohes aus dem Spiel. Andres liegt uns heute näher. Wie hat Ihnen eigentlich die Schmargendorf gefallen?" „Ich werde mich hüten, Czako, Ihnen darauf zu antworten. Außerdem haben Sie sie durch den Garten geführt, nicht ich, und mir war immer, als ob ich Faust und Gretchen sähe." Czako lachte. „Natürlich schwebt Ihnen das andere Paar vor, und ich bin nicht böse darüber. Die Rolle, die mir dabei zufällt, — der mit der Hahnenfeder ist doch am Ende ne andre Nummer wie der sentt- mentale ,Habe-nun-ach-Mann' —diese Mephistorolle, sag ich, gefällt mir besser, und was die Schmargendorf angeht, fo kann ich nur sagen: Don meiner Martha lass' ich nicht." „Czako, Sie münden wieder ins Frivole." „Gut, gut, Rex, Sie werden unwirsch, und Sie sollen recht haben. Lassen wir also die Schmargendorf so gut wie die Hohenlohes. Aber über die Domina ließe sich vielleicht sprechen, und sind wir erst bet der Tante, so sind wir auch bald bei dem Neffen. Ich fürchte, unser Freund Woldemar befindet sich in diesem Augenblick in einer scharfen Zwickmühle. Die Domina liegt ihm seit Jahr und Tag (er hat mir selber Andeutungen darüber gemacht) mit Heiratsplänen in den Ohren, mutmaßlich weil ihr die Vorstellung einer Stechlinlosen Welt einfach ein Schrecknis ist ... (Fortsetzung folgt.) Am Geburtstag. Von Theodor Storm. Es heißt wohl: Vierzig Jahr ein Mann! Doch Vierzig fängt die Fünfzig an. Es liegt die frische Morgenzeit Im Dunkel unter mir so weit, Daß ich erschrecke, wenn ein Strahl In diese Tiefe fällt einmal. Schon weht ein Lüftlein von der Gruft, Das bringt den Herbst-Resedaduft. Gang ins Unbekannte. Von D. H. S a r n e tz k i. Wer vermag auch nur zu ahnen, geschweige zu wissen, was sich im geheimnisvollen Unterbewußtsein eines Menschen vollzieht, aus dem wie aus ozeanischen Tiefen unbegreiflich und unvorbereitet plötzlich längstoer- gessene Erinnerungen aufsteigen: Dinge, die nicht einmal mehr wie in einem Dunstnebel nur verhüllt waren, Erlebnisse, völlig dem Gedächtnis entschwunden, ein Gesicht ohne Namen, ein Name ohne Gesicht, woran nie mehr gedacht wurde, unwesentliche Handlungen, ein Haus, ein Garten, von denen man nicht weiß, wo sie gestanden haben, ein Stück Landschaft, irgendwo in eine versunkene Ferne gebettet! Es ist einfach da, nicht einmal angestoßen von einem verwandten Begebnis, zufällig und doch wieder nicht sinnlos, wie von einem Dämon emporgetrieben zu neuer Lust, Nachdenklichkeit oder Angst. Es ist vielleicht nur die Geste eines Mannes, die dem inneren Auge sichtbar wird, ohne den Streitfall wieder ins Leben zu rufen, eine Wiese voll der buntesten Blütenfarben in einem Nirgenüwoland, das aber einst Wirklichkeit war, ein Mensch, den man nicht kennt, vor Jahrzehnten flüchtig an einer Wegecke und nie wieder gesehen hat, ein bedeutungsloses Wort in einem Gespräch, von dem weder Umriß noch Inhalt erhalten geblieben sind. Da stockt wohl das Herz — woher? Der Tag liegt mit allen Pflichten und Kümmernissen in den Gedanken, die Nacht mit einer ruhesuchenden Rückschau, und wie eine Wolke steigt plötzlich der Schatten einer solchen Erinnerung auf und beherrscht auf Augenblicke den Raum alles Lebens, um wieder ins Geheimnis zu entgleiten, aus dem es gekommen. Wie wurzelt gerade dies im Gedächtnis, warum wurde dies verwahrt, was uns früher nicht erregt, nicht einmal beschäftigt hat, wenn daneben die wahrhaft erschütternden Erlebnisse verwirrend blaß und unwirklich geworden sind, und warum taucht es empor zu dieser Stunde, gerade dies, was uns ferner lag als der Mond und die Sterne ...? Wie unendlich muß der Raum unsrer Seele sein, daß sie auch das winzigste Erlebnis dauernd in sich aufnimmt, und wie sonderbar, daß sie nicht wertet nach der Stärke des Eindrucks, und wie rätselhaft, daß wir nicht Herr sind über die Bilder des Vergangenen. Was also wissen wir schließlich von uns selbst ...? * Das, wovon ich sprechen will, geschah — oder überfiel mich — an einem spätsommerlichen Tage; die Lust war klar und bewegt, die Sonne hatte gleichsam metallischen Glanz, gelbe und braune Blätter wurden schon vom Winde vereinzelt von den Bäumen gestreift; ich tos", um mich für Stunden von den Angelgenheiten der Zeit zu entfernen, in Jean Pauls „Titan". Der Rausch der unerschöpflichen Sprache trug mich auf die Borromäischen Inseln im Lago Maggiore, in eine blühende Wildnis der Gefühle, eine romantische Verwirrung der Seelen, in eine halb unwirkliche Welt. Dichterworte haben eine seltsame Tragkraft, uns auf den Flügeln ihres Klanges in Reiche zu entführen, die nur dem tnnern Auge zu fehen vergönnt sind. Und während ich mich dem hingab, und gleichzeitig immer wieder das krause und doch irgendwie berückende Wortgestrüpp durchwanderte, fiel es wie ein Schatten über mich und das Buch; es war plötzlich, als wäre die Sonne weggesunken, eine Landstraße fiel in mein Gedächtnis, und dann eine namenlose Dunkelheit, in der ich mein Herz mit starken Schlägen von einem jäh aufkommenden, Schrecken klopfen hörte. Aber noch ehe ich zu denken begonnen hatte, war alles wie vorher, vor dem Auge stand noch der Satz, den ich halb gelesen hatte und gleichsam ohne Unterbrechung zu Ende las, die Gedanken waren lückenlos ineinandergefügt. Dieser Schatten war doch gewesen? Wie war das: nichts war geschehen, der Lago Maggiore hatte noch sein zauberhaftes Leuchten, ich hatte mich froh und erleichtert dorthin begeben und selbst an den verworrenen Leidenschaften des Buches Anteil genommen, und nun ich aufsah, glänzten die Blätter der großen Pappeln über mir wie Silber, und ein Vogel äugte neugierig auf mich herunter. — Doch es w a r etwas geschehen ... * Ich las nicht weiter. Etwas Fremdes, Fernes war in meine Ruhe gefallen, die ich gewünscht und gefunden hatte, und die nun zerstört war. Die Verzauberung war zu Ende; ich fühlte jetzt auch die Mängel des Romans, und mir fehlte mit einmal der Antrieb, mich noch weiter in den Verschlungenheiten des Stils und den formlos-phantastischen Weitschweifigkeiten der Handlung zu ergehen. Aber gleichzeitig hoben sich wie aus einem verschwommenen Chaos erinnernde Vorstellungen, gewannen langsam Umriß, wenn auch nicht Gestalt, und es blieb haften und gewann Ausdehnung, aber immer auf einem unbestimmbaren Untergrund einer unerklärlichen Angst. Das war damals in den bösen Tagen jugendlicher Verwirrung, wo so viele Wege ins Leben führen und jeder Schicksal bedeutet und keiner ohne Gefahren ist. Ich war, benommen, unentschlossen, in einen falschen Zug gestiegen, der sich im Lande verlief und der am späten Abend auf einem einsamen Bahnhof sein Ziel fand. Eine dürftige Helle war da, nur von einem Oellämpchen erleuchtet, ein mürrischer Beamter, der mir sagte, der nächste Zug fahre in drei oder vier Stunden, der Warteraum werde geschlossen. Ein Gasthof? Nein. Aber wenn ich der Landstraße nachginge, käme ich an einen Ort, den Namen verstand Ich nichk, nicht, ob es ein Dorf sei, ein Marktslecken oder eine Stadt. Und so trat ich auf die Landstraße hinaus, die im letzten grauen Zwielicht vor mir lag und als ein seelenloses Band sich in Nebel und Dunkelheit auflöste. Niemand begegnete mir. Es war, als ob alles Leben mit dem Licht i)es Tages allmählich in die Nacht versänke. Weiße Wegsteine gaben noch einen leichten Schein, die Bäume standen stocksteif und finster, und das Blattwerk war ohne Bewegung. Nirgendwo im Lande — ich ahnte Wiesen- oder Feldweite — kam ein ßeudjten auf, und nur die Land-' straße, auf der ich ging, war das, woran ich mich halten konnte ohne innere Verbindung mit ihr, weil ich nicht wußte, wohin sie mich führte. Ich ging ihr willenlos nach ... Solche Stunden sind von einer unfaßbaren Traurigkeit. Es wird Schritt vor Schritt gesetzt, eine halbe, eine ganze Stunde, aber es gibt keinen Widerhall; die Lust, die geatmet wird, ist leer, der Raum, in dem sich bewegt wird, ist ohne Leben; der Himmel ist tot und stumm. Und dann ist es so, als müßten da Häuser stehen, und sie sind auch wirklich da, aber es ist auch hier, als sei alles dem Tode verfallen, kein Laut tönt auf, kein Licht dringt aus der Verschlossenheit — da mag ein wandernder Mensch, wenn er diese Straße geht, wohl darüber nachdenken, ob er nur verlassen oder, dem Härtern Grad der Verdammung verfallen, ob er verstoßen sei. Es ist so gut wie nichts zu erkennen. Immer weiter geht die Straße; ich weiß es, daß diese Straßen nie zu Ende gehen, daß sie sich fortsetzen wie Tage und wie diese in die Ewigkeit münden ... Nun werden die, Häuser wieder spärlicher, ich trete auf eine Brücke, unsichtbares Wasser rauscht unter mir. Einen Augenblick denke ich daran, umzukehren, aber es ist noch Zeit. So dringe ich weiter in das Dunkel ein. Vis ich mit einmal fühle, daß ich die Straße nicht mehr unter meinen Füßen habe. Es ist ein weicher Boden, nicht Mess, nicht Acker, er ist feucht und moorig. Das Band der Straße läuft nun anderswo, läuft in die Welt, vor und zurück, und es ist das einzige Band, an dem ich mich durch die Nacht zu leiten vermochte. Und während ich mich drehe, ist nichts um mich als schwarze Finsternis, tief und undurchdringlich; gnadenlos sind Himmel und Erde nicht unterschieden, und nun wird mir auch plötzlich bewußt, daß ich nicht mehr weiß, aus welcher Richtung ich gekommen bin. Ich fühle mich verloren in einem unendlichen Raum ... Das war der Augenblick, in dem mich eine grenzenlose Angst überkam, ein jäher Schrecken, der den Herzschlag stocken machte. Wenn mir uns in das Unendliche gestellt fühlen, ist es, als trieben wir hilflos in ozeanischen Weiten, im Sandmeer der Wüste, in polarischen Zonen, und die Nacht ist mir ein unendliches Meer, allein dem vergleichbar, von dem sie jetzt ein Teil ist: dem ewigen All, das in solcher Nacht lag, ehe das Schöpsungswort ertönte. Wie lange ich wie ein Blinder umhergetastet bin, mit Händen und Füßen den Weg zu erkunden, weiß ich nicht mehr. Es war eine sinnlose Hoffnung, die mich vorwärts trieb in das Unbekannte hinein, um daraus zu entkommen. Ich stieß an ein Gatter, ging daran entlang, an Buschwerk, das ich vorsichtig umschritt, an Bäumen, die wohl zu einem Walde gehörten und an denen ich, Stamm an Stamm, mich weiterführte. Und so wie mir jedes Gefühl für den Raum abhanden gekommen war, hatte ich auch den Begriff für die Zeit verloren. Eine Ewigkeit mußte vergangen sein, seit ich in der Urwelt dieser Finsternis gefangen war ... Dann hörte ich einen Laut; es war wie leise glucksendes Wasser. Ging dem angestrengt lauschend nach, stand endlich aufatmend vor dem, was da unten strömte, lief, stürzte einem Wege nach und kam an die Brücke und auf die Straße zurück. Gerade noch erreichte ich den Zug und fuhr in den frühen Morgen hinein. Und damit war schon alles vergessen, ein neuer Tag kam herauf, und Jahrzehnte deckten es vollends zu. Was war auch geschehen? Nichts, was im Grunde wert war, bewahrt zu werden ... Und nun tauchte jäh die Erinnerung wieder empor. Nichts weiß ich von dem Bahnhof, der Landsttaße, dem Ort, den ich durchwanderte — keine greifbare Vorstellung hat sich engeprägt, kein Name, kein Bild der Landschaft. Aber das Grauen eines Augenblicks in abgründiger Nacht, der geschwinde Herzschlag der Angst; sie waren tief unten in' der Welt der Seele geblieben, stumm, überschattet von einem ganzen Geben und wie mystische Zeichen der Ewigkeit in Gedankenschnelle ans Licht getreten und verloschen ... Längst schon steht der „Titan" wieder neben dem vergnügten „Schulmeisterlein Wuz", dem „Quintus Fixlein" und dem „Siebenkäs und wartet geduldig, zu gelegener Stunde wieder hervorgeholt zu werden. Die aufgerüttelten Gefühle sind verebbt, das alte neue Erlebnis hat sich vom Tag zum Abend fast unmerkbar verwandelt. Und der Stift zeichnet nachdenkliche Verse aus einer Stimmung auf, die sich auch schon verwandelt hat und deren Ursprünge schon wieder Vergangenheit find: Der Schatten. Vor meinem Fenster weht ein Schatten her Und, halb erschreckt, hob ich den Blick sogleich. Vielleicht war's ein vom Wind berührter Zweig, Die Schwinge eines Vogels, abendschwer. Vielleicht im Dämmerrot von ungefähr Ein Wolkenhäuflein, zart und silberbleich, Das überdunkelte das Sonnenreich Und flügelte den großen Himmel leer. Hauch der Sekunde — wieder ist es hell Und rot. Doch ist's, als wär' der Schatten nun. Nicht Ahnung mehr, genährt aus dunklem Quell Im Zimmer lastendgroß, geschäfttg Tun Einhüllend in ein kühles Traumgewell. Und alle Pulse fühl' ich schaudernd ruhn. MauSkaKen-Gprüchlein. Von Eduard Mörike. Das Kind geht dreimal um die Falle und spricht: Kleine Gäste, kleines Haus. Liebe Mäusin oder Maus, Stell dich nur kecklich ein Heut nacht bei Mondenscheinl Mach aber die Tür sein hinter dir zu, Hörst du? Dabei hüte dein Schwänzchen! Nach Tische singen wir, Nach Tische springen wir Und machen ein Tänzchen: Witt! Witt! Meine alte Katze tanzt wahrscheinlich mit. Klaus entwirft die Festrede mit meiner Unterstützung, und Bob deckt die Tafel. Der Disch dünkt ihm zu klein, so legt er einen gespannten Keilrahmen auf zwei niedere Malhocker und bedeckt ihn mit einem viel zu großen damastenen Wappentuch, das ehedem bet Teddys 2agdd,ners auf der Tafel geprangt hatte. Und darauf stellt er, was er an Pracht findet. Rennpreis? Becher zumeist, aus denen wir unseren Tee trinken sollen, Silberbestecke aus Grohväterzeiten, und die Renommierstücke, von ruhmreicheren Ahnen ererbt: die prunkvollen Wappenteller von Friedrich dem Großen und für die Blumen Die schwere Jardimere der Ka^rm Mana Theresia, sie stehen einträchtig nebeneinander, Friede zu Hubertusburg auch hier! Alles was Teddys Haushalt an Glanz auszuweisen hat, befindet sich auf dem'Keilrahmen; gebe Gott, daß ihn Karl und Joy nicht urnsturzenl Und statt der Stühle Kissen aus dem Boden, wie bei den römischen Gast- mablen Welch ein Fest! Wir lagern strahlend um die gedeckte Tafel und Uinken uns mit den Rennpreisen zu. Karl serviert mindestens so feierlich, wie seinerzeit Fritz der Esel, Klaus läßt den rätselhaften Amerikaner leben, und Bob hält die Rede auf die Damen, die ,a wohl mich angeht. Ioy sitzt selig bei seiner Leberwurst, er kaut und beißt, er reißt und fchlmA und wedelt mit dem kurzen Schwänzchen vor Verzuckung O, wie es koMch nack Rum duftet und nach Oelfarbe, nach Tee und nach Terpentin! An den Wänden hängen Teddys Pferdestudien und Brider von seinem ehemaligen Schlößchen, Büchsen und Geweihe hangen dort, der fabelhafte Lampion, nun erhellt, wirft weiche, bunte Lichter über unser Fest, die Rosen atmen hold — sind wir jemals früher bei unseren Iagddiners und unseren Reiterfesten fröhlicher gewesen? Aber da stellt Bob, von Rum und unerwartetem Glück genußsüchtig geworden, die unvernünftige Frage: „Wenn ihr euch nun alle etwas wünschen dürftet, was wünschtet ihr euch? Er denkt wohl an Sekt oder Kuchen und an seine allmächtigen hundert Mark' aber Klaus, von der warmen Stimmung im Innersten aufgeruhrt, leat leidenschaftlich los: „Ah, ich wünschte mir wieder eigene Erde, weite Felder weite Wiesen, alles mein, Wälder mit viel Wild m ihren^dunklen Gründen und Seen und ein niederes, langgestrecktes, saulengeschmucktes Haus alles mein — und aus den Wiesen, seht ihr, da wurde ich alte Gäule weiden lassen, die die Menschen und die großen Städte zugrunde gerichtet haben, die würde ich von ihren elenden Sielen loskaufen und daher stellen, damit sie noch einmal Hoffnung m ihren stumpfgewordenen Augen bekämen und eine Erinnerung an den Galopp ihrer Jugend in ihre^n alten Knochen. Und dort, zwischen Waldern und Tieren wurde ich versuchen ein Buch zu schreiben, das die Herzen der Menschen bewegt - , und er fährt sich leidenschaftlich in die Haare und schweigt. Nein, das hätte Klaus nicht sagen sollen, damit trifft er uns alle ms Herz damit legt er das geheime Leid des Klubs „Ueber den Wolken mitten auf den Tisch. Das ist ja unser aller stilles Heimweh: eigene Erde wieder haben Macht, der gequälten Kreatur zu helfen, deren Wert wir inniger kennen als irgendwer, und ein Werk schaffen, das die Kerzen der Menschen bewegt, davon träumen wir alle in schlaflosen Stunden. Hatte Klaus lieber geschwiegen! Einen Augenblick sind wir still, und in dem dämmerbunten Raum steht die Vergangenheit riesengroß. | Aber dann retten wir uns und Klaus, indem wir ihn furchtbar' verhöhnen. Teddy stürzt an die Staffelei und entwirft mit Kohle em Vortrat von ihm, wie er einen armen, alten Klepper mit einer Schleife um den Hals an einem Seidenband spazieren führt und Karl und Bob inszenieren aus dem Stegreif ein Theaterstück, das Klauschens unsterbl ches Werk darstellen soll, Joy stimmt mit wildem Gekläff tn unser Gelachter ein, wird sind alle unsagbar töricht, und Klaus versichert uns aus Herzensgrund daß wir die bemerkenswertesten Idioten des Jahrhunderts seien, und daß er in unserem Interesse lebhaft bedauere, daß es noch keine Olympiade für Dummheit gibt, einige Goldmedaillen wurden uns gewiß sein. Aber die Stimmung ist gerettet, und wir beschließen, zu tanzen. Musik?! O wir haben alles. Der Hausherr stürzt hinaus und kommt im Frack wieder er malt sein Gesicht und Hände schwarz und vermittelst einiger Finger im Munde, eines Blechhafens und aufgeblasener Backen, zaubert er uns eine Negerjazzband vor, die sich, sehen lassen kann. Er macht Krach für zehn, und wir legen los: „Yes Sir, thats my baby . Aber nun seht euch bitte Joy an! Er ist völlig rasend geworden, er kann nicht stille sitzen, wenn wir tanzen, und so hat er sich aus einer Schublade einen alten Mallappen gezogen, und indem er ihn sich wild um die Ohren schlägt, tobt er durch den Raum, die Staffele, fliegt, die Teppiche rutschen in alle Ecken, er tanzt einen urwüchsigeren Charleston als wir alle. Und wir stehen und sehen ihm mit Hochachtung zu wab'end Teddy unentwegt und mit Rage dudelt: „Yes Sir. that’s my baby“. Mehr kann er nicht. Durch den großen Ausschnitt des Fensters, vor dem sanft schaukelnd der göttliche Lampion hängt, schaut nun schon lange die dunkle Nacht. Wir stecken alle unsere Köpfe hinaus, um uns abzukühlen, Joy vor uns auf der umgitterten Fensterbank, die wir für ihn gezimmert haben. Jeder hat seine Hand auf ihm, der eine hält ihn am Ohr, und der andere am Schwanz, wir wollen alle etwas von seiner guten, warmen Tierheit spüren Aber er ignoriert uns und hebt sein feuchtes Näschen mit einer wilden Gebärde in die Nachtluft Gott mag wissen, was er für herrliche Katzen wittert, draußen aus den Dächern! Nun ziehen keine Wolken mehr vorbei, ein blasser, friedlicher Sternenhimmel spannt sich weit; und es tut uns wohl und weh zugleich, zu denken, daß es derselbe ist, der über unseren Feldern und über unseren Pferdeställen stand. Das Fest im Klub „Ueber den Wolken". Von Sofie von Uhde. Unser Klub besteht - keine Ballotage der Welt wird dies ändern - aus fünf Mitgliedern, nicht eines mehr; und dies find Bob und Teddy, die Maler Karl, der Bildhauer, Klauschen und ich, die Schriststeller. Wir kommen alle aus Selbstherrlichkeit und Freiheit, aus Waldern und von den Rücken der Pferde herab. Aber wir haben schon damals, als wir noch über unsere Felder preschten und junge Hunde dressieren, die Kunst in irgendeiner Form im Herzen getragen. Und nun versuchet wir, uns mit ihrer Hilfe ein neues Leben aufzubauen. Wir haben schon tmmer, auch als wir noch Gäule zwischen den Schenkeln hatten, em wenig über den Wolken geschwebt — die Name unseres Klubs lag auf der Hand. Und überdies hat er noch einen ganz realen Sinn: denn unser Klublokal ist Teddys Maleratelier; aus seinem großen, schrägen Dachfenster, das uns nichts als den Himmel schauen laßt, sehen wir Abend- und Morgenwolken kommen und gehen. Ein sehr vornehmes Klublokall Denn wenn es auch nur ein mittelmästiges Atelier, ein Zimmerchen und ein kleiner Vorraum ist, es sind elamuier Wände, utfb sie sind mit Zeugen einstigen Glanzes yerrlich ausstaffiert und bilden eine köstliche Mischung aus Boheme und Herrentum Und überdies besitzt Teddy eines, worum mir ihn alle aus tiefstem Herzen beneiden, und das allein schon genügen wurde, uns zu häufigen Güsten in diesen Räumen zu machen: Joy, den Foxterrier. Wir sind alle schwer mit ihm befreundet; in diesem 'wpulsl^n. lnstlnktscharfen, natur- nahen Geschöpf besitzen wir alle noch ein Stückchen unserer Walder, unserer Pferde, unserer Hunde, unserer braunen Erde. Hier also versammeln wir uns alle acht Tage, und sever stiftet sein Teil zum Souper, nach der jeweiligen Vermögenslage, bald italienischen Salat, bald Limburger Käse; meistens letzteren. Jeden Montag, pünktlich um halb sechs Uhr abends, treten wir an; so auch heute. Kaum öffne ich die Tur, hangt ww^on Joy mit wildem Gekläff am Hälfe. Er hat eine ganz verdammte Manier sich mit allen vier Pfoten in die Luft zu schnellen, einem direkt an die Kehle, da hangt er nun und gräbt mir unter heiseren und gurgetnben Lauten ferne Schnauze ins Haar. Ich kann mir eine wohltuendere Begrüßung denken aber nun: andere Völker, andere Sitten, man muß sie astlmieren, und während ich ihn umklammere, damit er nicht abstürzt, begrüße ich meine Klubgenossen. Noch fehlt Bob- doch fchon ertönt ein wohlbekannter Pfiff, und ein Gedröhne erhebt sich im Treppenhaus: Bob, der vier Stufen auf einmal nehmend, die Höhe erstürmt. Schon reißt er die Tur auf, schon hangt ihm der unvermeidliche Joy am Halse, und atemlos nach Luft ringend, schreit er- Könnt ihr euch s o w a s vorstellen!? Ich habe heute em Bild verkauft! Einen kolossalen Mist! An einen rätselhaften Amerikaner, er hat anstandslos hundert Mark dafür bezahlt! Könnt ihr das verstehen? Nein, wir verstehen es auch nicht. Immerhin, die hundert Mark sind da und wir beginnen zu begreifen, daß heute das fliegende Gewand des Glücks den K>ub „Ueber den Wolken" gestreift hat. Nun, das wollen wir aber feiern, Dünner noch eins! Bob wird sofort wieder hmabgeschickt, um (Bänfeleber und Rollschinken zu holen, eine Wurst für Joy, einen Lampion und Rum zum Tee, und er verschwindet mit demselben Gedröhne, mit dem er erschien. Nach langer Zeit erst kommt er wieder, und nun zeigt es sich, daß er im Begriffe steht, seine hundert Mark aufs reizvollste zu vergeuden. Er bringt nicht nur fabelhafte Genüsse zum Souper, er hat sich auch eine selten prachtvolle Krawatte gekauft, er hat Joy einen Gummiball nut« gebracht und mir Rosen, er zieht aus seiner Rocktasche den ältesten Rum der Welt, und am Arme hängt ihm ein wahrer Luxuslampion aus rotem Lack und zartem Japanpapier, den wir mit Hallo vor das große Dachfenster hängen. Dort soll er leuchten, wenn die Nacht kommt. Eine imm-nle Geschäftigkeit hebt an. Karl, der Bildhauer, gruppiert die kalten Sveisen auf herrliche alte Fayeneeplatten, indem er des öfteren selia nusruft: „Gott sei Dank, daß der Fritz nicht da ist, dieser Esel!" So oft er sich einer häuslichen Beschäftigung hingibt, pflegt er sich dergestalt stines ehemaligen Dieners zu erinnern. Teddy der Hausherr, hat sich hingesetzt und malt eine Menukarte. Verantwortlich: vr. Hans Tbyrtot. - Druck und Verlag: Drüdl'fche UntverNtäts-Vuch- und Steindruckerei. «.Lange, Gieße».