Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1937 Freitag, den 22. Januar Nummer b Der EiisOilin Vornan von Theodor Fontane Schloß Stechlin. 1. K a p i t e l. Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme, nur hie und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung. Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt ,,der Stechlin". Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und kaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer eigenen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren. Hie und da wächst ein Weniges von Schilf und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten aus die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit draußen in der Welt, fei’s auf Island, sei's auf Java, zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich's auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das wissen alle, Die den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen, so setzen sie wohl auch hinzu: „Das mit dem Wasserstrahl, das ist nur das Kleine, das beinah Alltägliche: wenn's aber draußen was Großes gibt, wie vor hundert Jahren in Lissabon, dann brodelt's hier nicht bloß und sprudelt und strudelt, dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein." Das ist der Stechlin, der See Stechlin. Aber nicht nur der See führt diesen Namen, auch der Wald, der ihn umschließt. Und Stechlin heißt ebenso das langgestreckte Dorf, das sich, den Windungen des Sees folgend, um seine Südspitze herumzieht. Etwa hundert Häuser und Hütten bilden hier eine lange, schmale Gasse, die sich nur da, wo eine von Kloster Wutz her heranführende Kastanienallee die Gaise durchschneidet, platzartig erweitert. An eben dieser Stelle findet sich denn auch die ganze Herrlichkeit von Dors Stechlin zusammen: das Pfarrhaus, die Schule, das Schulzenamt, der Krug, dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem kleinen Mohren und einer Girlande von Schwefelfäden in seinem Schaufenster. Dieser Ecke schräg gegenüber, unmittelbar hinter dem Pfarrhause, steigt der Kirchhof lehnan, auf ihm, so ziemlich in seiner Mitte, die frühmittelalterliche Feldsteinkirche mit einem aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Dachreiter und einem zur Seite des alten Rundbogenportals angebrachten Holzarm, daran eine Glocke hängt. Neben diesem Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster Wutz her heran- führende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort, bis sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von zwei riesigen Findlingsblöcken flankierten Bohlcnbrücke Haltmacht. Diese Brücke ist sehr primitiv. Jenseits derselben aber steigt das Herrenhaus auf, ein gelbgetünchter Bau mit hohem Dach und zwei Blitzableitern. ‘ . _L Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin, Schloß Stechlin. Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches Schloß, ein Backsteinbau mit dicken Rundtürmen, aus welcher Zeit her auch noch der Graben stammt, der die von ihm durchschnittene, sich >n den ®ee hinein erstreckende Landzunge zu einer kleinen Insel machte. Das ging so bis in dis Tage der Reformation. Während der Schwedenzeit aber wurde das alte Schloß niedergelegt, und man schien es seinem gänzlichen Verfall Überlassen, auch "nichts an seine Stelle setzen zu wollen bis kurz nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I. die ganze Trümmermalle beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde. Dieser Neubau war das chaus, das jetzt noch stand. Es hatte denselben nu-.)- ternen Charakter wie fast alles, was unter dem Soldatenkonig entstand, und mar nichts weiter als ein einfaches Corps de logis, dessen Zwei vorspringende, bis dicht an den Graben reichende Seitenflügel ein a)ui- eisen und innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten, auf dem, als einziges Schmuckstück, eine große blanke Glaskugel sich prafentier . Sonst sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende Rampe, von deren dem Hofe zuqekehrter Vorderwand der Kalk schon wieder av- fiel. Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar, gerade diefe Rampe zu was Besonderem zu machen, und zwar mit Hilfe mehrere Kübel mit exotischen Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die eine noch gut imstande, die andre dagegen krank war. Aber gerade diese kranke war der Liebling des Schloßherrn, weil sie jeden Sommer in einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte stand. Und das hing so zusammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben hatte der Wind vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kübel der kranken Aloe geweht, und alljährlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon ange- gelbten Aloeblätter die weiß und roten Dolden des Wasserliesch ober des Butomus umbellatus auf. Jeder Fremde, der kam, wenn er nicht zufällig ein Kenner war, nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten, und der Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben, der eine Quelle der Erheiterung für ihn war, zu zerstören. Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin führte, so natürlich auch der Schloßherr selbst. Auch er war ein Stechlin. Dubslao von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut Stück über Sechzig hinaus, war der Typus eines Märkischen von Adel, aber von einer milderen Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die „schon vor den Hohenzollern da waren", aber er hegte dieses Selbstgefühl nur ganz im Stillen, und wenn es doch zum Ausdruck kam, so kleidete sich's in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. Sein schönster Zug war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel und Ueberheblichkeit (während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade [ein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten. Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der (einigen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das Gegenteil, Paradoxen waren seine Passion. „Ich bin nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn's andere tun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so find sie langweilig. Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte felber gern. Des alten Schloßherrn Lebensgang war märkisch-herkömmlich gewesen. Von jung an lieber im Sattel als bei den Büchern, war er erst nach zweimaliger Scheiterung siegreich durch das Fähnrichsexamen gesteuert und gleich danach bei den brandenburgischen Kürassieren eingetreten, bei denen selbstverständlich auch schon sein Vater gestanden hatte. Diefer fein Eintritt ins Regiment siel so ziemlich mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. zusammen, und wenn er dessen erwähnte, so hob er, sich selbst persiflierend, gern hervor, „daß alles Große [eine Begleiterscheinungen habe". Seine Jahre bei den Kürassieren waren im wesentlichen Friedensjahre gewesen; nur Anno oierundsechzlg war er mit in Schleswig, aber auch hier, ohne „zur Aktion" zu kommen. „Es kommt für einen Märkischen nur darauf an, überhaupt mit dabei gewesen zu fein; das andre steht in Gottes Hand." Und er schmunzelte, wenn er dergleichen sagte, seine Hörer jedesmal in Zweifel darüber lassend, ob er's ernsthaft ober scherzhaft gemeint habe. Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger Kriegs war ihm ein Sohn geboren worden, und kaum wieder in feine Garnison Brandenburg eingerückt, nahm er den Abschied, um sich auf sein seit dem Tode des Vaters halb verödetes Schloß Stechlin zurückzuziehen. Hier warteten seiner glückliche läge, seine glücklichsten, aber sie waren von kurzer Dauer — schon das Jahr darauf starb ihm die Frau. Sich eine neue zu nehmen, widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn und halb aus ästhe- tifcher Rücksicht. „Wir glauben doch alle mehr oder weniger an eine Auferstehung" (das heißt, er persönlich glaubte eigentlich nicht daran), „und wenn ich bann oben ankomme mit einer rechts und einer links, so is das doch immer eine genierliche Dachs." Diese Worte — wie wenn der Eltern Tun nur allzu häufig der Mißbilligung der Kinder begegnet — richteten sich in Wirklichkeit gegen seinen dreimal verheiratet gewesenen Vater, an dem er überhaupt allerlei Großes und Kleines auszusetzen hatte, so beispielsweise auch, daß man ihm, dem Sohne, den pommerschen Namen „Dubslao" beigelegt hatte. „Gewiß, meine Mutter war eine Pommersche, noch dazu von der Insel Usedom, und ihr Bruder, nun ja, der hieß Dubslao. Und so war denn gegen den Namen schon um des Onkels willen nicht viel einzuwenden, und um so weniger, als er ein Erbonkel war (Daß er mich schließlich schändlich im Stich gelassen, ist eine Sache für sich.) Aber trotzdem bleib ich dabei, solche Namensmanscherei verwirrt bloß. Was ein Märkischer ist, der muß Joachim heißen oder Waldemar. Bleib im Lande und taufe dich redlich. Wer aus Friesack is, darf nicht Raoul heißen." Dubslao von Stechlin blieb also Witwer. Das ging nun schon an die dreißig Jahre. Anfangs war's ihm schwer geworden, aber jetzt lag alles hinter ihm, und er lebte „comme philosophe“ nach dem Wort und Vorbild des großen Königs, zu dem er jederzeit bewundernd aufblickte. Das war fein Mann, mehr als irgendwer, der sich seitdem einen Namen gemacht hatte. Das zeigte sich jedesmal, wenn ihm gesagt wurde, daß er ihm nicht ab." Zweites Kapitel. einen Visrnarckkopf habe. „Nun ja, ja, den hab ich ich soll ihm sogar ähnlich sehen. Aber die Leute sagen es immer so, als ob lch mich dafür i bedanken mühte. Wenn ich nur wüßte, bei wem; vielleicht beim lieben , Gott, oder am Ende gar bei Bismarck selbst. Die Stechlme sind aber auch nicht von schlechten Eltern. Außerdem, ich für meme Per on, ich habe bei den sechsten Kürassieren gestanden, und Bismarck bloß be, den siebenten, und die kleinere Zahl ,st tn Preußen bekanntlich immer die größere; — ich bin ihm also einen über. Und Friedrichsruh, wo alles jetzt hinpilgert, soll auch bloß ne Kate sein. Darm sind wir uns allo gleich. Und solchen See, wie den ,Stechlin, nu den hat er schon ganj gewiß nicht. So was kommt überhaupt bloß selten vor. Ja aus seinen See war Dubslav stolz, aber desto weniger stolz war er aus sein Schloß, weshaw es ihn auch verdroß, wenn es überhaupt io genannt wurde. Von befc armen Leuten ließ er sich s gefallen: „tfur die ist es ein .Schloß', aber sonst ist es ein alter Kasten und weiter nichts." Und so sprach er denn lieber von seinem „Haus , und wenn einer einen Bries schrieb, so stand darüber „Haus Stechlin - Er war sich auch bewußt, daß es kein Schloßleben war, das er führte. Vordem, als der alte Backsteinbau noch stand, mit seinen dicken Türmen und seinem Luginsland, von dem aus man, über die Kronen der Bäume weg, weit ins Land hinaussah, ja, damals war hier ein Schloßleben gewesen, und die derzeitigen alten Stechline hatten teilgenommen an allen Festlichkeiten, wie sie die Ruppiner Grafen und die mecklenburgischen Herzoge Sahen, und waren mit den Boitzenburgern und den Bassewitzens ver- hwäqert gewesen. Aber heute waren die Stechliner Leute von schwachen Mitteln die sich nur eben noch hielten und beständig bemüht waren, durch eine „gute Partie" sich wieder leidlich in die Höhe zu bringen. Auch Dubslavs Vater war auf diese Weise zu seinen drei Frauen gekommen, unter denen freilich nur die erste das in sie gesetzte Vertrauen gerechtfertigt hatte. Für den jetzigen Schloßherrn, der von der zweiten Frau stammte, hatte sich daraus leider kein unmittelbarer Vorteil ergeben, und Dubslav von Stechlin wäre kleiner und großer Sorgen und Verlegenheiten nie los und ledig geworden, wenn er nicht in dem benachbarten Gransee seinen alten Freund Baruch Hirschseld gehabt hätte. Dieser Alte, der den großen Tuchladen am Markt und außerdem die Modesachen und Damenhüte hatte, hinsichtlich deren es immer hieß, „Gerson schicke ihm alles zuerst" — dieser alte Baruch, ohne das „Geschäftliche" darüber zu vergessen, hing in der Tat mit einer Art Zärtlichkeit an dem Stechliner Schlohherrn, was, wenn es sich mal wieder um eine neue Schuldverschreibung handelte, regelmäßig zu heikeln Auseinandersetzungen zwischen Hirschfeld Vater und Hirschfeld d°^,Gott^Jsidor, ich weiß, du bist fürs Neue. Aber was ist das Neue? Das Neue versammelt sich immer auf unferm Markt, und mal stürmt es uns den Laden und nimmt uns die Hüte Stück für Stück, und die Reihersedern und die Straußenfedern. Ich bin fürs Alte und für den guten, alten Herrn von Stechlin. Js doch der Vater von feinem Großvater gefallen in der großen Schlacht bei Prag und hat gezahlt mit feinem Leden." „Ja, der hat gezahlt; wenigstens hat er gezahlt mit feinem Leben. Aber der von heute ..." „Der zahlt auch, wenn er kann und wenn er hat. Und wenn er nicht hat, und ich fuget .Herr von Stechlin, ich werde schreiben siebeneinhalb', dann feilscht er nicht und dann zwackt er nicht. Und wenn er kippt, nu, da haben wir das Objekt: Mittelboden und Wald und Jagd und viel Fischfang. Ich seh es immer so ganz klein in der Perspektiv, und ich seh auch schon den Kirchturm." „Aber Vaterleben, was sollen wir mit’m Kirchturm? In dieser Richtung gingen öfters die Gespräche zwischen Vater und Sohn, und was der Alte vorläufig noch in der „Perspektive" sah, das wäre vielleicht schon Wirklichkeit geworden, wenn nicht des alten Dubslav um zehn Jahre ältere Schwester mit ihrem von der Mutter her ererbten Vermögen gewesen wäre: Schwester Adelheid, Domina zu Kloster Wutz. Die half und sagte gut, wenn es schlecht stand ober gar zum Aeußersten zu kommen schien. Aber sie half nicht aus Siebe zu dem Bruder — gegen den sie, ganz im Gegenteil, viel einzuwenden hatte —, sondern lediglich aus einem allgemeinen Siechlinschen Familiengefühl. Preußen war was und die Mark Brandenburg auch; aber das Wichtigste waren doch die Stechlins, und der Gedanke, das alte Schloß in andern Besitz und nun gar in einen solchen übergehen zu sehen, war ihr unerträglich. Und über all dies hinaus war ja noch ihr Patenkind da, ihr Neffe Waldemar, für den sie all die Liebe hegte, die sie dem Bruder versagte. Ja, die Domina half, aber solcher Hilfen unerachtet, wuchs das Gefühl der Entfremdung zwfichen den Geschwistern, und so kam es denn, daß der alte Dubslav, der die Schwester in Kloster Wutz weder gern besuchte noch auch ihren Besuch gern empfing, nichts von Umgang besah als seinen Pastor Lorenzen (den früheren Erzieher Woldemars) und feinen Küster und Dorfschullehrer Krippenstapel, zu denen sich allenfalls noch Oberförster Katzler gesellte, Katzler, der Feldjäger gewesen war und ein gut Stück Welt gesehen hatte. Doch auch diese drei tarnen nur, wenn sie gerufen wurden, und so war eigentlich nur einer da, der in jedem Augenblick Red und Antwort stand. Das war Engelke, fein alter Diener, der feit beinahe fünfzig Jahren alles mit feinem Herrn durchlebt hatte, seine glücklichen Leutnantstage, feine kurze Ehe und feine lange Einsamkeit. Engelke, noch um ein Jahr älter als fein Herr, war dessen Vertrauter geworden, aber ohne Vertraulichkeit. Dubslav verstand es, die Scheidewand zu ziehen. Uebrigens wäre es auch ohne diese Kunst gegangen. Denn Engelke war einer von den guten Menschen, die nicht aus ^Berechnung oder Klugheit, sondern von Natur hingebend und demütig sind und in einem treuen Dienen ihr Genüge finden. Alltags war er, so Winter wie Sommer, in ein Leinwandhabit gekleidet, und nur wenn es zu Tisch ging, trug er eine richtige Livree von sand- farbenem Tuch mit großen Knöpfen dran. Es waren Knopfe, die noch die Zeiten des Rheinsberger Prinzen Heinrich gesehen hatten, weshalb Dubslav, als er mal wieder in Verlegenheit war, zu dem jüngst ver- ZiemUch um dieselbe Zeit, wo der Telegraphenbote hei Gundermanns vorsprach, um die Bestellung des alten Herrn von Stechlin auszurichten, ritten Waldemar, Rex und Czako, die sich für sechs Uhr angemeldet hatten, in breiter Front von Gremmen ab; Fritz Woldemars Reitknecht, folgte den dreien. Der Weg ging über Wutz. Als sie bis in die Nähe von Dorf und Kloster dieses Namens gekommen waren, bog Waldemar vorsichtig nach links hin aus, weil er der Möglichkeit entgehen wollte, feiner Ponte Adelheid, der Domina des Klosters, zu begegnen. Er stand zwar gut mit dieser und hatte sogar vor, ihr, wie herkömmlich, auf dem Rückwege nach Berlin seinen Besuch zu machen; aber in diesem Augenblick paßte ihm solche Begegnung, die sein pünktliches Eintreffen in Stechlin gehindert haben würde, herzlich schlecht. (Fortsetzung folgt.) torbenen alten Herrn von Kortschädel gesagt hatte: „Ja, Kortschadel, wenn ich so meinen Engelke, wie er da geht und steht, ins märkische Provinzialmuseum abliefern konnte, so kriegt ich ein Jahrgehalt und °^Das°war im Mai, daß der olle Stechlin diese Worte zu seinem Jtreunbe Kortfckädel gesprochen hatte. Heute aber war dritter Oktober und ein wundervoller Herbsttag dazu. Dubslav, sonst empfinblid) gegen uUq hatte die Türen aufmachen lassen, und von dem großen Portal her zog ein erquicklicher Luftstrom bis auf die nut weih und schwarzen Fliesen gedeckte Veranda hinaus. Eine große, etwas schadhafte Markise war hier herabgelassen und gab Schutz gegen die Sonne deren Lichter durch die schadhaften Stellen hindurchschienen und auf den Fliesen ein Schattenspiel aufführten. Garfenstühle standen umher, vor einer Bank aber die sich an die Hauswand lehnte, waren doppelte Strohmatten gelegt Auf eben dieser Bank, ein Bild des Behagens, faß der alte Stechlin in Joppe und breitkrempigem Filzhut und soh wahrend er aus feinem Meerschaum allerlei Rmge bl.es, auf ein Riwdell ,n dessen Mitte, von Blumen eingefaßt, eine kleine Fontane plätscherte. Rechts davon lief ein sogenannter Poetensteig, an dessen Ausgang ein ziemlich hoher, aus allerlei Gebälk zusammengezimmerter Aussichts. türm aufragte. Ganz oben eine Plattform mit Fahnenstange, daran die preußische Flagge wehte, schwarz und weiß, schon ziemlich verschl, en. Engelke hatte vor kurzem einen roten «Streifen annahen wollen, war aber mit feinem Vorschlag nicht durchgedrungen. ,^Lah. Ich bin nicht dafür. Das alte Schwarz und Weiß hält gerade noch; aber wenn du was Rotes dran nähst, dann reißt es gewiß. Die Pfeife war ausgegangen, und Dubslav wollte sich eben von feinem Platz erheben und nach Engelke rufen, als dieser vom Garten- iaal her auf die Veranda heraustrat. . . „Das ist recht, Engelke, daß du kommst ... Aber du hast da ja was roie’n Telegramm in der Hand. Ich kann Telegramms Nicht leiden. Immer is einer dod, oder es kommt wer, der besser zu Hause geblieben wäre." , . . . „ Engelke griente. „Der junge Herr kommt. „Und Das weiht du schon?" „Ja, Brose hat es mir getagt. . „So, so. Dienstgeheimnis. Na, gib her Und unter diesen Worten brach er das Telegramm auf unb las. „Sieber Papa. Bin sechs Uhr bei dir. Rex und von Czako begleiten mich. Dein Woldemar." Engelke stand und wartete. . „Ja, was da tun, Engelke?" sagte Duoslao und drehte das Tel«, aramm hin und her. „Und aus Gremmen und von heute ftuh , fuhr er fort. „Da müssen sie also die Nacht über schon in Gremmen gewesen fein. Auch kein Spaß." „Aber Gremmen is doch soweit ganz gut. Nu gewiß, gewiß. Bloß sie Haden da so kurze Betten ... Uno, wenn man, wie Woldemar, Kavallerist ist, kann man ja doch auch die acht Meilen von Berlin bis Stechlin in einer Pace machen Warum also Nachtquartier? Und Rex und von Czako begleiten mich. Ich kenne Rex nicht und kenne von Czako nicht. Wahrscheinlich Regimentskame- reckten. Haben wir denn was?" .Ich denke doch, gnädiger Herr. Und wovor haben wir denn unfre Mamsell? Die wird schon was finden." Nu gut Also wir Haden was. Aber wen laden wir dazu ein? So bloß ich, das geht nicht. Ich mag mich keinem Menschen mehr vorsetzen. Czako das ginge vielleicht noch. Aber Rex, wenn ich ihn auch nicht kenne, zu so was Feinem wie Rex paff’ ich nicht mehr; ich bin zu altmodisch geworden. Was meinst du, ob die Gundermanns wohl fÖnJ!ld), die können schon. Er gewiß, und sie kluckt auch bloß immer 1 änu Gundermanns. Gut. Und dann vielleicht Oberförsters. Das älteste Kind hat freilich die Masern, und die Frau, das heißt die Gemahlin (und Gemahlin is eigentlich auch noch nicht das rechte Wort), die erwartet wieder. Man weiß nie recht, wie man mit ihr dran ist und wie man sie nennen soll, Oberförsterin Katzler »der Durchlaucht. Ader man tann’s am Ende versuchen. Und dann unser Pastor. Der hat doch wenigstens die Bildung. Gundermann allein ist zu wenig und eigentlich bloß ein Älutentreter. Und seitdem er die Siedenmühlen hat, ist er noch weniger geworden." Engelke nickte. . „ „ _. „Na dann schick also Martin. Ader er soll sich proper machen. Oder vielleicht ist Brose noch da; der kann ja auf seinem Retourgang bei Gundermanns mit rangehen. Und soll ihnen sagen sieben Uhr, aber nicht früher; sie sitzen sonst so lange rum, und man weih nicht, wovon man reden soll. Das heißt mit ihm; sie red't immerzu ... Und gib Brosen auch neu Kornus und fünfzig Pfennig." „Ich werd ihm dreißig geben." „Nein, nein, fünfzig. Erst hat er ja doch was gebracht und nu nimmt er wieder was mit. Das ist ja fo gut wie doppelt. Also fünfzig. Knaps Alles gleich? Von Theodor Fontane. Eigentlich ist mir alles gleich, Der eine wird arm, der andre wird reich, Aber mit Bismarck, — was wird das noch geben? Das mit Bismarck, das möcht ich noch erleben. Eigentlich ist alles fo so, Heute traurig, morgen froh, Frühling, Sommer, Herbst und Winter — Ach, es ist nicht viel dahinter. Aber mein Enkel, soviel ist richtig, Wird mit nächstem vorschulpslichtig. Und in etwa vierzehn Tagen Wird er eine Mappe tragen, Löschblätter will ich ins Hest ihm kleben, Ja, das möcht ich noch erleben. Eigentlich ist alles nichts, — Heute hält's und morgen brichUs, — Hin stirbt alles, ganz geringe Wird der Wert der ird'schen Dinge; Doch wie tief herabgestimmt Auch das Wünschen Abschied nimmt, Immer klingt es noch daneben: Ja, das möcht ich noch erleben. Theodor Fontane und der ^Stechlin". Bon Hans Thyrlot. Wenn wir heute über den Dichter Theodor Fontane einiges sogen wollen, so geschieht es nicht um irgend eines äußeren Anlaßes willen — weder sein Geburtstag noch sein Todestag noch sonst ein Gedenktag steht im Kalender —, auch nicht nur, um in den großen Roman vom Stechlin, mit welchem wir in dieser Nummer beginnen, ein wenig «inzusühren, sondern vor allem deshalb, weil Fontane, wie uns scheint, zum mindesten im Süden und im Westen unseres Vaterlandes, noch lange nicht genügend und nach Gebühr bekannt und erkannt ist, gelesen und gewürdigt wird. Preußentum und Hugenottentum. Fontane, am 30. Dezember 1819 in der märkischen Bilderbogenstadt Neuruppin geboren, am 20. September 1898, ein paar Wochen nach Bismarck, mit 79 Jahren in Berlin gestorben, ist gewiß nächst Heinrich von Kleist -er preußischste unter unfern Dichtern; aber sein Preußentum war doch von einer spezifischen und eigentlich unvergleichbaren Eigenart und gewiß in seiner künstlerischen Form, seiner Ausstrahlung und Reichweite nicht an den Umkreis der weiland schwarzweißen Grenzpfähle gebunden: vor allem um deswillen nicht, weil in Fontanes Werk, st älter, st reifer und weiser er wurde, das Menschliche immer inniger mit dem Preußischen sich verband und Durchsetzte; gerade das sollte ihn über jede landschaftlich eng« Begrenzung hinausheben. Dieses Preußentum Fontanes, mit dem.man ihn vielleicht am charakteristischsten bezeichnet und einführt, war aber noch in einem andern Sinne und mit einer anderen Betonung von besonderer Art. Dieser Märker und Preuße, der Bismarck ebenso verehrte wie er den großen Friedrich und die Seinen liebte — einige feiner bekanntesten Gedichte sind dem König, Ziethen und Seydlitz gewidmet —, dieser Mann aus Neuruppin hatte, worauf schon der Name hindeutet, väterlicher- wie mütterlicherseits französisches Blut in den Adern: er entstammte einer Refugiesamilie; sein Vater war der Apotheker Louis Henri Fontane, di« Mutter eine geborene Labry. Das merkt man, das bestimmt die eigentümliche Mischung seines Wesens das sich in feinen Romanen so wunderbar rein und unmißverständlich ausprägt: der Realismus, — Fontane ist einer unserer größten und nebenbei liebenswertesten Realisten — die Klarheit und Nüchternheit des Denkens und der Beobachtung, die Verhaltenheit in allen Gefühlsdingen, das war ganz preußisch an ihm, der „mangelnde Sinn für Feierlichkeit", das Unpathetische und „Unredensartliche , wovon er selber spricht: oft und deutlich genug sogar mit typisch Berlme- rifcher Färbung. Die Eleganz aber, das Geistreiche und das Anekdotische, das war bestes Erbteil aus der Heimat seiner Vorfahren. Beides zusammen erst, diese eigentümliche und unwiederholbare Mischung, gibt seinen Romanen den eigentlichen Fontane-Ton. Weltoffenheit. Und noch ein Drittes wäre hier zu nennen; Fontane war ursprünglich, wie der Vater und nach dem Willen des Vaters, Apotheker. Das war Ibsen auch, und bei Ibsen hat man, sicher nicht ganz mit Unrecht, behauptet, daß man es seinen Dramen anmerken könne; bei Fontane merkt man das nicht. Aber man merkt etwas anderes: er kam, wie mancher nach ihm, über den Journalismus zur Schriftstellere,; er war, ehe er anfing, Romane zu schreiben, Korrespondent in London, Kriegs berichterstatter in Frankreich, Theaterkritiker in Berlin; dies sogar noch später, bis 1890. lieber seine Zeitungsjahre hat er m selbständigen Büchern Rechenschaft abgelegt, — aber sie wirkten auch weiter bis in fein spätes dichterisches Werk hinein; hier wurzelt zu einem nicht geringen Teile die Weltoffenheit seiner geistigen Haltung seine Beschlagenheit, seine Interessiertheit, die schnelle klare, kritische Stellungnahme zu Menschen, Dingen und Zuständen. Fontane sah seine Umwelt mit wachen Sinnen und offenen Augen, er wußte Bescheid in der Kunst, in der Politik, in der Diplomatie — in allen Fragen, welche seine Zeit bewegten. Er war im Bilde, er kannte sich aus, er konnte mitreden; und was er sagt, das sitzt, nicht bloß so obenhin und unoerbindlich; er n>ar „Causeur", das ist einer seiner Ruhmestitel, ein Anekdotenerzahler von hohen Graden, der selber seine Freude am Geistreichen, Eleganten und Gutpointierten hott«, aber er war kein „Blender"; war er formuliert, ist gesehen, erlebt, erprobt und erfahren. Davon legen fast alle «ine Bücher Zeugnis ab, am reichsten und heitersten vielleicht sein letzter großer Roman, „Der Stechlin". Herz und Heiterkeit. Solche Wesensart schließt fast selbstverständlich etwas Weiteres ein: Humor. Fontane war nicht Humorist schlechthin, etwa wie Busch oder Twain, sondern er war auch Humorist, nebenbei, unter anderem, und dieses „Nebenbei" ist ohne Zweifel eine feiner für den Leser be= glückendsten Gaben, schon deswegen, weil sein Witz stets treffend, aber nie verletzend wirkt. Und es ist damit ein wenig sogar wie mit den Nebenfiguren im Roman, von denen er felber einmal gesagt hat, daß fie eigentlich immer das Beste daran seien. Echter und gesunder Humor aber wurzelt im Gefühl, ist Heiterkeit, die vom Herzen kommt, und es ist nach dem früher Gesagten vielleicht nicht ganz überflüssig, ein Wort darüber zu verlieren. Das Preußische und das spezifisch Berlinerische, das Fontane und die meisten seiner Romane kennzeichnet, bedeutet nicht Nüchternheit und Kälte schlechthin. Er sah, einem bekannten Wort von Wilhelm Busch zum Trotz, die Weste und das Herz. Und nur mit dem Herzen konnte eine so wundervoll schlichte und menschliche Liebesgeschichte wie „Irrungen, Wirrungen" geschrieben werden. Freilich, er trägt es nie und nirgends auf der Zunge; das wäre unpreußisch, unmärkisch und vor allem höchst unberlinerisch. Wenn es ernst wird mit einem echten und starken Gefühl, dann ist Fontane von großer Sparsamkeit, Verhaltenheit, ja Keuschheit in Wort und Gebärde. Ein paar kurze Sätze nur, ein Blick, eine kleine Bewegung — das ist schon alles, damit ist schon alles gesagt, und das macht gerade seine Liebesszenen unvergeßlich. Man denke an „Stine", an „Irrungen, Wirrungen", an „Esst Briest", man lese die paar halben, an deutenden Worte, die das Verlobungs-Kapitel im „Stechlin" ab« schließen: das ist für Fontane, feine menschliche und künstlerische Art, genau so charakteristisch wie seine Kapitelschlüsse und Romanausklänge, die berühmt wurden, weil sie meist, mit einer großartigen Einfachheit der Akzentgebung, in gedrängter Kürze noch einmal das Ganze zu- fammenfaffen und auf eine unwiderlegliche Formel bringen, ehe der Vorhang endgültig fällt. Tafelrunde und Landpartie. Wie diese „Aktschlüsse" (wobei dem Dichter vielleicht unbewußt auch seine jahrelange Theatererfahrung aus der Berliner Kritikerzeü zugute kam) mit knapper Treffsicherheit das Ganze charakterisieren, so wurzelt die Fontanesche Menschenschilderung im Anekdotischen. Man betrachte, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, das Eingangskapitel des Berliner Romans ,,L' Adultera" (1882); wie da der Kommerzienrat Van der ©traaten eingeführt und vorgestellt wird, das ist so sontanesch wie möglich; diesen Mann kennen wir bereits nach den ersten beiden Seiten vollkommen; und nicht nur ihn selber: sogleich fallen auch scharfe und helle Lichter auf sein Haus und auf feine Frau, und von allem Anfang an scheint der Weg vorgezeichnet, den die beiden nehmen werden in ihrer Ehe, bevor noch die Handlung eigentlich eingesetzt hat. Solchem anekdotischen Grundzuge nun und der Handlungsführung Im Fontaneschen Roman entsprechen zwei Lieblingsszenen, in denen sich seine Charakterisierunaskunst, seine Menschenkennerfchaft, sein Humor und feine Erzählergabe zu meisterhafter Vollkommenheit verbinden: Tafelrunde und Landpartie; bei Tisch, in großem oder kleinem Kreise, bei offiziellen oder zwanglosen Anlässen, entfaltet sich in Rede und Gegenrede nicht nur der scharmante und witzige Plauderer und Geschichtenerzähler, sondern hier kennzeichnen und demaskieren sich auch — auf eine ebenso unmittelbare wie unwiderrufliche Weise — seine Menschen. An der Eleganz und mühelosen Leichtigkeit, mit der so ein Tischgespräch angesponnen, verteilt, gegliedert, fortgeführt, gesteigert und abgebrochen wird, mag man die sichere Hand des überlegenen Romanciers bewundern, — wenn man über dem Vergnügen, das solche Szenen bereiten, die Muße dazu findet. Die Landpartie wiederum ist eine richtige Berliner Spezialität, die man in dieser ausgeprägt familiären Form in unserer Gegend kaum kennt; sie dient bei Fontane dazu, das Tischgespräch aus der gewissen Feierlichkeit etwa eines bürgerlichen ober feudalen Salons in die ländliche Un= gebundenheit eines jener vielen beliebten „Lokale" und „Etablissements" rings um Berlin herum zu verlegen, mit Dampferfahrt und Lampionbeleuchtung ins zwanglos Festliche zu erheben, ... meist aber auch, um die Handlung einer Entscheidung zuzuführen ober boch zu nähern: die Verlobung ist erst bie wahre Krönung ber fianbpartie; nicht immer freilich: in „Irrungen, Wirrungen" beispielsweise erleben wir auf jenem unvergeßlichen Äusfluge nach „Hankels Ablage" gerabe bas Gegenteil bavon, ben Abschieb für immer, unb bas gescheite, tapfere unb warmherzige Möbel sagt zuletzt zu ihrem Garbevffizier, ber fie boch niemals heiraten kann: „Du fühlst selbst, baß ich Recht habe ... das war unser letztes Gluck unb unsere letzte schöne ©tunbe." Märkische Spätreife. Taselrunbe unb ßanbpartie —: bas sink» in Fontanes Romanen die „großen Szenen", bie Brennpunkte seiner glänzenben Darstellung unb vielfach bie Schnittpunkte im Hanblungsablauf ... auch im „Stechlin", wie man sehen wirb, wie benn überhaupt alles, was bisher allgemein gesagt würbe, mehr ober minber ausdrücklich auf biefen Roman zu beziehen ist. Es ist (ein letzter, 1898, kurz vor feinem Tobe, vollenbet, bie Krönung eines reichen unb wahrhaft ausgefüllten Lebens, letztes, wohl- gerunbetes, festgefügtes (Stieb in ber Kette feiner Werke, die Frucht des reif unb weife, gütig unb heiter gewordenen Alters. Fontane ist überhaupt ein Mensch ber späten Reife gewesen; man muß sich einmal klarmachen, baß er erst um bie Jahrhunbertmitte überhaupt „zu schreiben anfing, unb baß er mit sechzig, an ber Schwelle zum Greisenalter, feinen ersten Roman herausbrachte, bas heißt also sein Lebenswerk recht eigentlich begann. Von diesem ersten Roman (1878) — „Vor dem Sturm", der historisch den Spuren des Willibald Alrxis folgte — bis zum „Stechlin", zwanzig Jahre später: welch eine Fülle der Gestalten und Gesichte, welch ein Reichtum an Kulturbildern, denn die meisten seiner Romane, soweit sie nicht geschichtliche Stosse behandeln, sind Dokumente ihrer Zeit, waren Romane aus einer Gegenwart, die freilich, von uns aus gesehen, auch längst schon wieder historisch geworden ist. Sie sind fast alle rein handlungsmäßig im eigentlichen Romansinne nicht übermäßig reich, aber sie enthalten eine unglaubliche Fülle des Stoffes, wenn man es recht verstehen will: Erlebnis-, Tatsachen- und Menschen-Material — einmal ganz abgesehen von dem, was ihnen, aus seelischem Reichtum und dichterischer Kraft, ihren dauernden, zeitlosen Wert verleiht. Bücher wie „Irrungen, Wirrungen" und „Effi Briest" sind in dieser langen Reihe künstlerische Leistungen außerordentlichen Ranges, welche Fontane als eine der bedeutendsten dichterischen Persönlichkeiten an der Jahrhundertwende legitimieren und aus der Geschichte des deutschen Romans schlechterdings nicht wegzudenken sind. Spiegelbild an der Jahrhundertwende. Zu diesen beiden stellt sich ebenbürtig am Ende der „Stechlin", der Roman des märkischen Adels, die weit und schön ausgesponnene, aus genauer Kenntnis und großer Liebe geschaffene Schilderung einer eigentümlich in sich geschlossenen Welt. Fontane beherrscht, durchdringt und erschließt diese Welt mit der gleichen heiteren, gelassenen und anschaulichen Souveränität, mit der er zuvor die Welt des Berliner Bürgertums aus der Gründerzeit erschloß; und auch die Welt der sogenannten kleinen Leute: ein Berliner Portier oder Gärtner, beides ausgesprochene Lieblingsfiguren Fontanes, erstehen vor unseren Augen nicht minder plastisch und drastisch als etwa ein wohlsituierter Kommerzienrat im Tiergartenviertel oder eine in den bescheidensten Verhältnissen lebende Offiziersfamilie. Auch im „Stechlin" ist das Personal so reich und vielfäitig gestuft, im Seelischen wie im Sozialen, daß es sich erübrigt, Beispiele dafür vorzubringen. Dieser menschlich-figürliche Reichtum überwiegt hier wie meist die handlungsmäßige Dichte; es geschieht im üblichen Sinne des Romans gar nicht besonders viel, aber wie es geschieht und wie es gesagt wird, darin spiegelt sich unvergleichlich eine ganze, untergegangene Welt. Die eigentliche Hauptgestalt des Romans, der alte Mafor von Stechlin auf Schloß Stechlin am Stechlinfee, gehört zu den feinsten und liebenswertesten Gestalten, die Fontane je geschaffen hat, ein Mensch aus dem Leben, ein Mann von Herz und von Geist, ein echter und untadeliger märkischer Edelmann. Es ist sicher richtig, daß er, in gewissem Sinne, Fontanes Doppelgänger ist, daß aus seinem Munde, wie man bemerkt hat, der alte Dichter selber zu uns spricht, witzig und weise, erfahren und hellsichtig, ein Kind seiner Zeit, wie Stechlin selber, der sehr wohl weiß, daß er an einer Wende steht und einer abschiednehmenden Generation angehört. Beide, Fontane und Stechlin, sehen am Ende ihres Lebens eine andere, neue Zeit mit neuen Zielen, Fragen und Forderungen stürmisch herandrängen. Und was Fontane betrifft, so hat er die neue Zeit begriffen und begrüßt. Wie „historisch" der Roman in feinen Problemen heute auf uns wirkt, braucht nicht betont zu werden. Das wird jeder selbst beim Lesen empfinden, das ist in feiner Entstehungszeit begründet, und darauf beruht auch wiederum zu einem großen Teile feine Anziehungskraft und fein unwiderstehlicher Reiz. Der „Stechlin" ist Roman und Kulturbild in einem; und man mag auch bedenken, wie das Historische im „Stechlin" aus einer größeren Entwicklung, in der wir selber heute stehen, nicht wegzudenken ist. Ueber die zeitgeschichtlichen Bindungen aber erhebt sich, wie in allen Büchern Fontanes, das Menschliche als ein unveräußerlicher Wertbeftand: das hält und bewahrt sich weit über die paar Jahrzehnte hinweg, die uns von ihm trennen. 0?r König und seine Generale. Kleine Geschichten zum 225. Geburtstage Friedrichs des Großen am 24. Januar. Bon O. G. F o e r st e r. Der große Preußenkönig hat durch das Beispiel seiner heldischen Persönlichkeit sein Volk zu einer Kampfgemeinschaft zusammengeschmiedet, die einer Welt von Feinden zu trotzen vermochte. Fridertzianifcher Geist ist damals wie heute ein Begriff, der all die Ideen umfaßt, auf denen soldatische Haltung fußt. Zu ihnen gehört die unbedingte Treue des Soldaten zum Führer und die ebenso unbegrenzte Treue des Führers zu feiner Gefolgschaft. In manchen kleinen Geschichten aus der Zeit des großen Königs leuchtet dieses Treueverhältnis der soldatischen Gemeinschaft auf. Friedrich und Schwerin. Bei Mollwitz errang der Feldmarfchall Graf Schwerin den entscheidenden Sieg in Friedrichs erstem Kriegszug. Für das Leben feines Königs fürchtend, veranlaßte Schwerin den König, bas Schlachtfeld zu verlassen. Neider und Verleumder machten den König glauben, Schwerin habe die Lorbeeren seines Sieges allein ernten wollen. So kam es, daß das Freundschaftsverhältnis zwischen Friedrich und seinem alten General zeitweilig getrübt wurde. Aber der König mochte sich wohl nach einer klärenden Aussprache sehnen und befahl Schwerin eines Tages zu sich. Die Unterredung verlief so, wie man sie von zwei offenen und furchtlosen Soldaten erwarten mußte. Der Kammerhusar des Sonias berichtet biervon: „Seine Majestät ließ den Feldmarschall zu sich führen und empfing khn freundlich. Dann mußte ich das Zimmer verlassen. Im Vorzimmer hörte ich, wie das Gespräch immer lauter und schließlich so heftig wurde, daß mir anfing bange zu werden. Als die Tür sich nach einer Weile öffnete, tarn der König mit Schwerin Arm in Arm heraus ..." Die beiden waren seit diesem Tage wieder treue Kameraden, und Schwerin besiegelte die Treue zu Friedrich und zur Fahne des Königs mit feinem Heldentode bei Prag. An der Spitze feines Regimentes fiel er, die Fahne in der Hand, mit dem Ruf, der die wankende Truppe mit neuem Angriffsgeist beseelte: „Vivat Frldertcusl" Die Trauer über den Tod des Freundes verdunkelte die Freude über den Sieg in des Königs Herz. Beim Schein einer Kerze hielt Friedrich Totenwache an der Bahre Schwerins — ein erschütterndes Bild, das, von Warthmüllers Meisterhand festgehalten, als kostbare Mahnung das Arbeitszimmer des Generalfeldmarfchalls von Hindenburg schmückte. Und in jener Nacht schreibt Friedrich an feinen Bruder: „Wir haben viel verloren, Schwerin ist tot!" Das Gebet d e s Dessauers. Drei preußischen Königen diente der aufrechte und eifern Willensstärke Feldherr Fürst Leopold von Dessau. In der Schlacht bei Kesselsdorf entschied der ungestüme Angriff der von ihm geführten Infanterie nicht nur die Schlacht, sondern zugleich den ganzen Feldzug. Der General wußte, welche Bedeutung der König seinem Angriff beimaß, und ehe er an der Spitze feiner Truppen zum Sturm vorging, sandte er folgendes Stoßgebet zum Himmel: „Lieber Gott, stehe mir bei und meinem König, und wenn du mir diesmal nicht beistehen willst, so hilf doch wenigstens auch den Schurken von Feinden nicht, sondern sieh zu, wie es kommt!" Der König vernahm von diesem sonderbaren Gebet. „Unser Alliierter dort oben ist Euch treu geblieben, Fürst", sagte er nach der Schlacht zu dem Dessauer. „Wer vermöchte Euch auch zu wiederstehen? Ich hasse nur, daß wir auch weiterhin einander gewogen bleiben, denn mit Euch möchte ich nicht gern einen Krieg anfangen ..." Seydlttz h a k keinen Muff! Bei Roßbach übergab der König dem General Seydlitz den Oberbefehl über die gesamte Reiterei. Seit diesem glänzenden Reitersieg stand Seydlitz dem König näher als mancher Minister. Nach dem Kriege wurde er häufig zur Tafel geladen, und mitunter neckten sich die alten Kampfgefährten mit allerlei Erinnerungen aus der vergangenen Kampfzeit. Als Seydlitz sich einmal beim König befand, ging Friedrich ins Vorzimmer und fand dort an einem Kleiderhaken einen prächtigen, modischen Muff. In der Meinung, er gehöre Seydlitz, warf der König den Muff in den Kamin. Dann kehrte er zu dem General zurück und sagte spöttisch: „Ich sehe, lieber Seydlitz, Er wird alt und bequem. Nun trägt Er gar schon einen Weibermuff!" Seydlitz bestritt entrüstet diese Behauptung, die beiden gingen hinaus — und fanden im Vorzimmer den spanischen Gesandten, der wütend die schwelenden Reste feines Muffs betrachtete! Mit großer Mühe beschwichtigte der König ihn und versprach ihm Schadenersatz — zur offen gezeigten Schadenfreude des Generals Seydlitz ... Im Jahre 1773 starb Seydlitz nach langem Leiden. Fast täglich besuchte der König den Freund, und als er einmal, tief gerührt, das Krankenzimmer verließ und der Arzt ein wenig laut redete, 30g der König ihn am Rvckknvpf zu sich heran. „Rede Er nicht fo laut!' flüsterte er zornig, „denn wo Seylltz es in feiner Stube hört, so holt Ihn der Teufel!" Am 8. November 1773 hauchte Seydlitz feine Seele aus. „Ihm ist das edelste Los geworden, das ein Soldat erreichen kann!" sagte der König an der Bahre des Kampfgefährten. „Er lebte unübertroffen, er starb, ohne ersetzt werden zu können!" Tauentzien. 1760 belagerte Laudon mit 50 000 Mann Breslau, das von nur 3000 Mann verteidigt wurde. An der Spitze dieser kleinen Schar aber stand der tapfere General Bogislaw Friedrich von Tauentzien, der mit den Offizieren der königiichen Leibgarde den feierlichen Beschluß faßte, eher bis zum letzten Mann zu fallen, als sich dem Feinde zu ergeben. Tal- sächlim hielt Tauentzien Breslau, bis Prinz Heinrich herbeigeeilt war. Friedrich beförderte ihn zum Generalinspekteur der schlesischen Infanterie und sprach stets voll größter Achtung von ihm. „Wäre ich so unglücklich gewesen, meine Armee unter einem Baume versammelt zu sehen — General Tauentzien hätte gewiß unter diesem Baum gestanden!" Dies Königswort war des Treuen schönster Lohn. Friedrich und Zieten. Nur wenige Monate vor Friedrich wurde fein alter Kampfgenosse Zieten aus dem Leben gerufen. „Nun geht auch der Letzte fort!" sagte der König wehmütig bei der Nachricht von Zielens Tod. „Meine Zeit geht zur Neige, die Stunden, die ich noch habe, gehören nur noch dem Staat." Niemals hat Friedrich vergessen, was Zielen ihm in langen Jahren des Krieges an Treue, Dpferfreubigteit und kämpserischem Einsatz gab. Kaum jemand, der ihm in den Jahren des Alters näher steht, als Zielen. Noch als 80jähriger Greis reitet der General mit seinen Husaren Attacke auf dem Manöverfeld, und der König ruft dem Zielen-Regiment zu: „Wenn ihr jemals vergessen könnt, daß dieser Mann euer Ches war. seid ihr nicht wert, Husaren zu fein!" Mil entblößtem Haupt reitet der König neben feinem alten General. Als Zielen krank ist. läßt Friedrich einen Stuhl auf den Revueplatz stellen. „Ich kann nicht sitzen, wenn Eure Majestät stehen!" weigert sich Zielen. Aber der König befiehlt: „Setz Er sich nur, lieber Zielen, setz Er sich, sonst geh ich weg; ich will Ihm durchaus nicht zur Last fallen!" Und in vielen vertraulichen Gesprächen und Erinnerungen zeigt sich die treue Verbundenheit zwischen Friedrich und Zielen. — Anekdoten und Legenden spinnen sich um den großen König und seine treuen Paladine. Aber diese vom Volk erdachten kleinen Geschichten können nicht überzeugender und schlichter als die historische Wirklichkeit jene tiefe, edle und unverbrüchlich- Treue bezeugen, die einen Führer unserer Nation mit den Besten seiner Gefolgschaft verband. 'fccronttoortlicb' Dr. $iuni Tbyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Eleindruckerei, R. Lange, Gießen.