GieheimZaiiMenbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, -en 21. Juni Nummer 47 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KAR!. HANS STROBL 2. Fortsetzung. Während der ganzen Zeit, da Isabel von Spanien und Napoleon sprach, hatte ich mich im Hintergrund meines Bewußtseins mit jener alten Zeichnung beschäftigt. Mit ihr war ein Stück meiner Vergangenheit lebendig geworden, ein Gespenst war aufgestanden und strich mit kühlem Hauch an mir vorüber. Und nun war es, als hätte diese Frau darum gewußt. Im Ton ihrer scheinbar gleichmütigen Bemerkung lag etwas, das mich zittern machte. Ich mußte mir Zwang antun, um ein Wort zu sagen: „Eine Jugendarbeit ... mit vielen Schwächen", brachte ich endlich hervor. „Und doch ein echter Goya", lachte Isabel, „immer ist in so einem Gaya mehr darin, als dem oberflächlichen Blick scheinen mag. Immer etwas Zweites, Drittes, ein Geheimnis, ein Stück Schicksal." Das Lächeln, das Isabel jetzt von der Zeichnung wegwandte, um es auf mich zu richten, war bedrohlicher als das Messer eines wütenden, gereizten Stierkämpfers. Diese Frau spielte nicht um irgendeines belanglosen Einsatzes oder einfach um der Lust der Erregung willen, anstatt mit Karten mit politischen Dingen. Ich war mir darüber klar, daß sie eine gefährliche Feindin sein konnte, ihr Lächeln kündigte Furchtbares an. „Wissen Sie", sagte Isabel, „daß ich glaube, hinter das Geheimnis dieser Zeichnung gekommen zu sein? Ist es nicht, wenn Sie den Kopf neigen und sie seitlich betrachten, als ergäben diese Linien hier den Umriß eines Frauenkopfes?" Ich nahm mich zusammen, um mich nicht durch das Zittern meiner Stimme zu verraten. Aber ich weiß nicht, ob es mir ganz gelungen ist, als ich fragte: „Von wem haben Sie dieses Bild?" „Ich sagte es Ihnen schon: es ist ein Geschenk, das Geschenk einer Sterbenden. Ach einer armen beklagenswerten Frau, einer Unglücklichen, die von ihrem elenden Verführer verlassen worden ist. Sie ist Nonne gewesen in einem römischen Kloster, Braut Christi, zum Schleier gezwungen, aber nun schon ganz mit ihrem Schicksal zufrieden, ergeben und himmelsnahe. Aber da kam ein Mann, einer von jenen Draufgängern, die glauben, überall ihre Beute machen zu können. Wie es zugegangen ist, weiß ich nicht, er sah ihre Jugend und Schönheit, machte sie dieser wieder bewußt und gewann sie zu Helfern. Sie willigte darein, sich von ihm entführen zu lassen. Aber wie es die Art solcher Schurken ist, war er ihrer nach kurzer Zeit satt und verließ sie. Sie stand auf der Straße schutzlos, preisgegeben, in Gefahr, gefangen und bestraft zu werden." „Woher wissen Sie das?" forschte ich, unfähig mich zu beherrschen und zu bedenken, was ich durch solche Anteilnahme preisgab. „Von ihr. Von der Sterbenden. Meine Eltern hatten ein kleines Landhaus bei Genua. Eines Morgens lag das sterbende Weib vor der Tür, zerlumpt, fiebernd, mit blutigen Füßen. Sie hatte sich zu Fuß ausgemacht, um ihrem Geliebten zu folgen. Er soll ein Spanier gewesen sein. Bei uns ist sie gestorben. Ich war ein Kind damals und habe nicht viel von der ganzen Geschichte verstanden, erst später hat mir dann die Mutter alles erzählt." „Und dieses Bild?" fragte ich, in der Hoffnung, daß die beginnende Dämmerung meine Züge unkenntlich machen würde. „Sie hatte es zusammengerollt in einer Blechbüchse und trug es als einzigen kostbaren Besitz in ihrem Bündel bei sich. Mir, dem Kind, hat sie es geschenkt." „Und den Namen ... den Namen dieses Mannes hat sie nicht genannt?" Ich sah von Isabel gegen das hellere Fenster nur den dunkeln Schattenriß. Sie stand unbewegt und ließ sich Zeit zur Antwort. „Nein!" sagte sie dann ruhig. Und wieder nach einem Schweigen, in dem ich mich bemühte, mein heftiges Atmen zu unterdrücken: „Sie hat wohl gewußt, daß sie seinen Namen nur zu nennen brauchte, um die Inquisition auf seine Fersen zu setzen. Mein Vater war so empört, daß er wohl dazu imstande gewesen wäre. Und die Kirche versteht ja keinen Spaß in solchen Dingen. Ein Raufhandel, eine Messerstecherei oder zwei, bei denen Menschen auf dem Platz bleiben — was liegt daran? Nach ein paar Jahren fragt niemand mehr darnach. Aber die Kirche läßt nicht gerne etwas verjähren und ungesühnt. Eine Nonne ist aus dem Kloster entführt worden, und der Verbrecher ist bis heute seiner Strafe entgangen. Die Inquisition hält solche Fälle in Vormerkung, und der Fall der Schwester Blandina liegt gewiß noch bei den offenen Akten. Sie würde noch heute zugreifen, wenn sie dahinterkäme, wer der Entführer gewesen ist." Es war Feindschaft zwischen mir und dieser Frau, drohend hing ihr Wissen über mir, so viel war mir unzweifelhaft. Wie hatte die Pastrana gesagt, als sie mich hierherführte: ich würde es bedauern, wenn ich nicht käme!? So war das gemeint gewesen, jetzt verstand ich, wie das gemeint war. Aber ich fürchtete mich nicht vor einem anstürmenden Stier, nicht vor dem Messer eines Raufbolds, ich war auch nicht gesonnen, mich von dieser Frau ins Bockshorn jagen zu lassen. „Die Franzosen haben die Inquisition abgeschafft!" sagte ich. Isabel lachte: „Halten Sie damit ihre Macht für gebrochen? Kennen Sie Spanien so schlecht?" Die silberne Kette, die Isabel um den Hals trug, klirrte leise, es war ein Kettenklirren, ganz leise, eine entfernte Mahnung. „Noch eines hat uns die Sterbende anvertraut. Ihr Kind —" Ein Kind! Mein Gott, ein Kind war da, Schwester Blandina hatte dem Verführer, der sie ins Elend gebracht hatte, ein Kind geboren! Ich tat mir äußerste Gewalt an: „Ein Kind?" fragte ich. , „Ja ... sie hat einen Sohn geboren und das Kind vor einer Kirchen« tür ausgesetzt, um weiterwandern zu können." „Wo ist dieses Kind?" Isabel hob die Achseln, ich sah die Gebärde vor dem hellen Fensterl „Vielleicht ist es gestorben! ... Vielleicht lebt es noch ... Und sucht seine» Vater ..." fügte sie nach kurzem Schweigen hinzu. Der ferne Knall eines Schusses schlug in Isabels letzte Worte. „Hören Sie, man schießt", sagte ich, froh darüber, ablenken zu können. „Es sind wohl unsere Leute, die nach den französischen Posten schießen« die vor Godoys Palast stehen. Das heißt vor dem, was von seinem Palast übrig geblieben ist, als ihn das Volk erstürmt und ausgeräumt hat- Ach, ich erzähle. Ihnen da alte Geschichten, die uns nichts angehen, und draußen schießen unsere Leute auf die Franzosen, oder die Posten schießen auf Spanier. Das sind die Dinge, die uns jetzt angehen« Ich dachte, Sie würden es begreifen und uns helfen." Ich überlegte eine Weile, oh, ich wußte jetzt sehr genau, um was es für mich ging. „Welche Botschaft soll Ferdinand überbracht werden?" fragte ich. „Haben Sie sich besonnen? Darf Spanien auf Sie rechnen?" sagts Isabel schnell. „Welche Botschaft soll ich Ferdinand bringen?", wiederholte ich. Isabel tat ein paar Schritte zu dem kleinen Schreibtisch zwischen den Fenstern, zog eine Lade auf und nahm ein versiegeltes Schreiben heraus. „Diesen Brief. Und Sie sollen ihm mündlich noch seinen Inhalt einschärfen: auszuharren, auf keinen Fall sich Napoleon zu fügen und unter keinen Umständen abzudanken." „Gut, ich reife", sagte ich. „Morgen?" • I „Morgen!" „Alle Heiligen seien mit Ihnen und die Wünsche des ganzen fpanU schen Volkes." Im Allgemeinen halte ich Reue für ein unfruchtbares Gefühl und habe mich- ihrer zumeist zu erwehren gewußt. Nur an die Zeit meines römischen Aufenthaltes und die Dinge, die sich damals ereignet hatten« konnte ich nicht ohne ein gewisses Unbehagen denken, das mich unsicher machte und immer eine Verwirrung in mir zurückließ. Ich suchte deshalb Erinnerungen an jene Zeit möglichst zu vermeiden und riegelte fiel in meiner Seele ab wie einen gefährlichen Brandherd. Nun aber hatten die gefangenen Flammen ihre Hast durchbrochen und brannten sich qualvoll durch mein Gewissen. Bilder haben ihr eigenes Leben — wer wüßte das besser als ich — und das Leben dieses heute wiedergefundenen Bildes schien darin zu bestehen, hervorzutreten und gegen mich zu zeugen. Während ich mich noch jo mit meiner Vergangenheit herumschlug« sah ich mich plötzlich einer französischen Patrouille gegenüber. Sie tarn, Gewehr im Arm, in einer Kette über die ganze Straßenbreite von Godoys halbzerstörtem Palast her. Ganz Spanien war einmütig in der Verwünschung dieses Emporkömmlings, der sich den Friedensfürften nennen ließ. Der ehemalige Leutnant des Gardekorps, der später für seine Leistungen als Liebhaber der Königin und angeblich zugleich auch Buhlknabe "des Königs zum Marquis von Alvarez und Herzog von Alcudiq erhoben worden war, und dem die Königin, um ihn dauernd zu fesseln, die Tochter des Jn- fanten Don Luis vermählt hatte, war für die Spanier, was das rote Tuch für die Toros ist. Er hatte die Geistlichkeit durch feine freisinnigen Neuerungen gegen sich aufgebracht, er hatte den Adel zum Feind weil er gegen seinen Widerstand zum Granden erster Klotze gemacht und über die Granen aus altem Geschlecht erhöht worden war. Das Volk war überzeugt, daß er das Land auf die schamloseste Weise ausgebeutet hatte Seine Politik hatte Spanien im Kampf gegen England bei Tra- falgar die ganze Flotte gekostet. Man sagte ihm nach daß man um etwas von ibm zu erreichen, entweder seine Buhlerin, diese Bestie Josepha Tudo, bestechen oder ihm selbst Frau, Schwester oder Tochter ins Bett bringen müsse. m .. .., Beim Anmarsch der Franzosen hatte sich der Haß des Volkes nicht mehr zügeln lassen. Es hatte sich vor seinem Palast zusammengerottet, ein Bauer, der in Wirklichkeit der verkleidete Graf Montijo war, hatte es durch wild« Reden ausgehetzt. Man hatte sein Haus erstürmt,„geplündert, ausgebrannt. Die kostbaren Bilder waren herabgerissen und mit Messern kreuz und quer zersetzt worden. Aus den zerschnittenen Polstern der Stühle und Ruhebetten quollen die Eingeweide von Rotzhaaren und Seegras. Das Sveisegeschirr zerklirrte vor den Fenstern aus dem Pflaster, die nackten Marmorfrauen brachen Arme und Beine zwischen den Trümmern von Glas und Porzellan ein Scheiterhaufen nährte seine Flamme von Godoys Büchern. Ich verstand den Zorn dieses gedemütigten und ausgesogenen Volkes, aber ich konnte ihm eines nicht verzeihen. Der Brand hatte auch meine Wandgemälde, die ich für Godoys Palast gemalt hatte, zerstört. Vor diesem kostbaren Schatz hätte auch die entfesselte Furie des Do kes zur Besinnung kommen müssen. Manchmal ist mir, als seien die schweren Jahre, die nun über Spanien kommen sollten, die Vergeltung für diese Godoy selbst hatte sechsunddreihig Stunden der Todesangst hinter einem Stoß Schilfmatten versteckt zugebracht. Das Volk brüllte nach seinem Tod Er war entdeckt und beinahe in Stücke gerissen worden, man hatte ihn verhöhnt, seinen Hut eingetrieben und ihn mit Messern zerstochen. Er war aus einem stinkenden Loch von Gefängnis ins andere geschleppt worden, jede Stunde hätte seine letzte sein können. Bis ihn die Franzosen auf Befehl des Kaisers befreit und nach Bayonne gebracht ^Nun standen französische Posten vor den Ruinen von Godoys Haus. Drei von ihnen hatte man schon, von zünftigen Messerstichen getötet, auf ihrem Platz gefunden. Aus dem Dunkel der Nacht pfiffen oft Kugeln an ihren Köpfen vorüber. Dann schritten Patrouillen die Straßen ab und ergriffen, wen sie fanden. Ich sah Bajonette gegen meine Brust gerichtet, etn Sergeant machte Miene, mich festzunehmen. Aber der junge Offizier senkte ehrerbietig den Segen vor mir. „Passiert!" sagte er. , „ „ . Dieser junge Offizier warst du, Melchior Endcslcmt, Neffe meines Freundes, des deutschen Doktors Siebold, Leutnant im bayrischen zweiten Chevaurlegersregirnent Prinz von Thurn und Taxis, mir bekannt und lieb von manchem Besuch in meiner Werkstatt und von Gesprächen über meine Kunst. m < .... Ich durste nach einigen Worten meinen Weg fortsetzen, wahrend dich . dein Dienst weiterführte. Plötzlich schritt, wie von meinen Gedanken herbeigerufen, der Doktor Siebold neben mir. Ich hatte ihn nicht kommen gesehen, mein Freund verstand die Kunst, plötzlich da zu sein, er war auf einmal da, wie aus einer unsichtbaren Tür heroorgetreten. „Die Pastrana hat dich zu dieser Isabel Halberana gebracht? sagte er. Er wußte es schon. Er war mir vielleicht gefolgt oder er wußte es auf jene unerklärliche Weise, auf die er vieles wußte, was ihm nach dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge nicht bekannt fein konnte. Ich gab ihm zunächst keine Antwort. Wir schritten durch die menschenleeren Straßen, in denen die Anrufe der Posten und Patrouillen verhallten. Dann sagte ich, ich hätte ihm noch dafür zu danken, daß er mich heute vor der Mesferstecherei behütet habe. Ich hätte wirklich einen großen Zorn in mir und alle Lust gehabt, diesem Einfaltspinsel von Marlincho eine Lehre zu geben. „So was macht immer nur Unannehmlichkeiten, Francesco , jagte Siebold gleichmütig, „es hätte schief gehen können. Dein Messer ist noch immer sehr rasch und sicher besser als das des Martincho. Aber was bann? Unb ich meine, du könntest von früher her gewarnt fein; cs ist wohl genug an den dreien, denen du es so gründlich gezeigt hast, daß du dir nichts gefallen läßt." „Ich weiß nicht, was das mit mir war", erwiderte ich nachdenklich, „ich habe wieder wie damals in Zaragoffa und hier nur Rot vor den Augen gesehen. Es war eine dumme Geschichte, wirklich eine Gefahr." „Ach was Gefahr! Ich sehe eine andere und weit größere, in der du dich befindest." Wir waren am Ufer des Manzanares angelangt. Dunkel floß der Strom zu unseren Füßen längs der Uferböschung hin, Knarren und Schlag der Ruder eines unsichtbaren Bootes glitt in der Nacht vorbei. Langsam gingen wir der Brücke zu. „Die Isabel schickt dich aus Madrid fort. Sie führt etwas gegen dich im Schild!" Siebold wußte es. Auch das wußte er. „Ich sehe nichts besonders Gefährliches darin", sagte ich ruhig. „Aber ich wittere es. Es ist mir nicht alles klar. Immer weiß dieses Weib Schleier um sich zu legen, die nicht zu durchbringen sinb. Aber das Eine weiß ich, Francesco, du hast keine ärgere Feindin als dieses Weib." „Ich kenne die Isabel nur von flüchtigem Begegnen", erwog ich, „warum lallte sie meine Feindin [ein?* „Die Wurzeln ihres Hasses liegen hinter den Schleiern, die ich nicht durchdringe. Ich kann sie nicht genau erkennen, sie trägt Masken, sie Hal nicht bloß ein Gesicht, aber immer, wenn ich an sie denke, steigt der gelbe Nebel auf, gegen den ich machtlos bin." „Auch ,ch hatte ja dieses Gefühl, an Isabel eine Feindin zu haben. Irgendwie hing das mit jenem Bild zusammen und mit ihrem Wissen um Schwester Blandina. Aber waren das nun bei Ihr Gewißheiten ober bloß Vermutungen? Vielleicht tastete sie im Dunkeln, unb es war nur mein eigenes Schuldbewußtsein, das mich in diese Verwirrung gestürzt hatte. Wie dem auch sein mochte, irgendetwas verschloß mir den Mund, und nun hatte ich einmal zugesagt, nach Bayonne zu gehen und wollte mich darin nicht beirren lassen. „Ich weiß nicht, was du willst?", sagte ich. „Diese Calderana ist eine Abenteuerin, sie spielt, sie hat Liebschaften, sie betreibt ihre Geschäfte — was weiter?" Der Doktor hielt mich am Ellenbogen zurück. Wir waren auf der Brücke angelangt, unter uns zog das dunkle Wasser dahin, die Sternbilder glühten in der klaren Sierraluft, aber im Wasser zerflossen sie zu zitterndem gestaltlosem Flimmern. „Was w-jter? Ich will dir sagen, was weiter! Sie ist eine Singdogmo, ein Löwengesicht. „Ach was nicht gar!" warf ich spöttisch ein. „Etn Löwengesicht?" Du würdest nicht lächeln, Freund Francesco, wenn du genau wüßtest, was bas heißt. Das Blut würbe dir zu Eis erstarren. Ich kann auch dir nicht alles sagen. Nur so viel, wie du in biefem Augenblick fasten unb ertragen kannst. Du weißt, daß ich Sanitätsoffizier beim meber» limbischen Heer in Jnbien gewesen bin. Dann tarn meine Reise nach Tibet. Die Lamas dort wissen um Geheimnisse, von denen dieses alberne Europa auch nicht eine entfernte Ahnung hat. Hier kann ich darüber sprechen, über fließendem Wafser. Sieben Jahre bin ich Schuler eines Einsiedlers gewesen. Dann hatte ich allerlei erlernt, Kunststücke unb Fertigkeiten, Blenbwerk ber ersten Stufe. Nach abermals sieben Jahren hatte ich bie zweite erklommen: die Erschauung. Und nach wieder sieben Jahren stand ich auf ber dritten: Versenkung und Gestaltung. Genug an bem für bich. Aus meinem Innern konnte ich Mächte rufen unb Gestalt werben lassen: gute unb böse, Götter unb Dämonen. Aus meinem Unbewußten gebar ich einen weiblichen Dämon, ben ich Belisa nannte. Wir lagen im Kampf, mein Geschöpf unb ich, es war das furchtbarste, grimmigste und gierigste Wesen, das je aus Gedanken hervorgegangen ist. Ich hatte meinen Meister übertreffen wollen, der sich nie an weibliche Dämonen gewagt hatte. Unbotmäßig, herrisch und zerstorungswutig wollte er mir nicht gehorchen. Unb eines Tages, in einem Augenblick ber Schwäch« übennanb er mich, er spaltete sich von mir ab unb entwich mir. Belisa verbarg sich hinter bem gelben Nebel, sie begann durch bie Welt zu schweifen, um sich an Unheil zu erfreuen. Es liegt etn Kloster mitten in ber tibetanischen Wüste, vom Sand halb verweht, bas Kloster Samye, bas auch bas Haus des Lebensobems genatpit wirb. Traumwanbelnbe Seelen, bie Ugs, lauern auf bie Seelen ©terbenber, angen sie unb bringen sie nach bem Kloster Sankara, zum Fraß für bie Singbogmos, bie Löwengesichter, die furchtbarsten Dämonen zwischen Himmel unb Hölle. Rings um das Kloster Samye ist die Nacht von Heulen, Schreien, Stöhnen und Klagen erfüllt. Es find die Schreie der gemarterten Seelen, die von den Löwengesichtern mit Stricken zerschnitten, in Mörsern zerstampft, mit glühenden Sägen zersägt, mit rostigen Messern zerfleischt werden." Meine eigene Phantasie war ja im Reich der Hexen, Zauberer und Dämonen daheim. Klar lagen mir die Gipfel des Lebens im Licht ber Vernunft, ich konnte über den abgeschmackten Aberglauben ber Mönchs unb alten Weiber lächeln. Gott unb (eine Heiligen waren mir in manchen Stunden ein Uebereintommen ber Herrschenben, um bas Volk nieberzuhalten; ich machte mir nichts baraus, meine Himmel mit gefallsüchtigen unb wollüstigen Engeln zu bevölkern, für bie mir galante Schauspielerinnen als Mobell gebient hatten. Aber unter ben hochgelegenen Pfaden des Geistes, unter den Brücken von Gipfel zu Gipfel lagen, wie hier das schwarze Wasser unter der Manzcmaresbrücke, Abgründe des Grauens, dunkle Gestaltlosigkeiten des Daseins. Rauschen ber Finsternis, das, wenn es emporstieg, in meinen Blättern Leben gewann, Gelächter, Lästerung, Verneigung der Vernunft. Was für eine verrückte Geschichte erzählte mir ber Doktor da, von Löwengesichtern unb begleichen Unsinn? Aber eben, weil biefe verrückte Geschichte jetzt in der Nacht doch eine unheimliche Macht über mich gewinnen wollte, hielt ich an meiner spöttischen Abwehr fest: „Du meinst also, die Calderana ist eigentlich ein Löwengesicht?" Siebold zuckte die Achseln: „Nein, da ist nichts zu lachen! Ich möchte schwören, daß es so ist. Der Dämon, der mir entkommen ist, hieß Belisa. Aus Belisa ist Isabel geworden. Sie hat sich vielleicht des Körpers einer Sterbenden bemächtigt ..." „Einer Sterbenden?" Seltsam traf mich dieses Wort. „Nun, wir sind immer von ihnen umlauert, lebend unb besonders im Tod. Sie warten nur auf einen Augenblick der Schwäche." „Wie geht bas zu?" „Ich kann bir nichts weiter fugen." Wir standen nicht mehr auf der Brücke über fließendem Wasser, wir gingen am Ufer stromaufwärts. „Es ist ein gelber Nebel da, den ich nicht durchdringe. Sie könnte sich mir nicht entziehen, wäre sie nicht Kraft von meiner Kraft. Aber hinter bem Nebel spüre ich ben löblichen Haß. Gegen mich, unb weil bu mein Freund bist, auch gegen dich. Ich bin in Sorgen um dich." Hatte ich nicht ähnliches selbst verspürt? War es nicht klüger, sich darüber klar zu werden? „Und nun schickt sie bich zu Napoleon nach Bayonne", sagte Siebold. „Ja!" gestund ich. „Zeig mir ben Brief, den sie dir mitgegeben hat." Nach kurzem Zögern reichte ich bem Freunb das versiegelte Schreiben, unb ber Doktor wog es in ber Hand. „Wenn bu mir folgst, fo bleibst bu daheim", sagte er. „Ich habe versprochen, zu reifen." , „Du kannst es bir überlegt haben, bu kannst krank geworden sein. „Ich muh mein Versprechen halten." „Du mußt? Du stehst unter einem Zwang, Francesco? Wodurch ba- sie dich dazu gezwungen?" ... Alles hätte ich bem Freund sagen können. Nur dies, gerade dies nicyy darüber glaubte ich schweigen zu müssen. (Fortsetzung folgt.) Die Nachtigall. Von Theodor Storm. Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen; da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen. Sie war doch sonst ein wildes Blut, nun geht sie tief in Sinnen, trägt in der Hand den Sommerhut und duldet still der Sonne Glut, und weiß nicht, was beginnen. Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen; da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen. Oie Birnen des Bürgermeisters. Von Otto Freiherrn v. Taube. Die Fürsten von Altaoilla besahen im Garten ihres Palermitaner Palastes einen Birnbaum, von dem die Sage ging, daß seine Früchte von einzigartiger Süße und Saftigkeit seien und ihr Genuß so köstlich, daß er beinahe Seligkeit bedeute. Allein — es ging eben nur die Sage; — denn seit Menschengedenken hatte weder ein Mitglied des sürstlichen Hauses noch jemand vom Gesinde je von diesem Baum zu essen Gelegenheit gefunden, weil alljährlich jedesmal, wenn der zum Abernten rechte Sommertag kam, die Birnen bis auf die letzte bereits verschwunden waren. Doch je mehr der enttäuschenden Jahre also verstrichen, desto heftiger steigerte sich im Geschlecht der Altaoilla die Sehnsucht, endlich zu dem ihm rechtmäßig zustehenden Genuß zu gelangen und, als das derzeitige Familienoberhaupt, Fürst Ruggiero, zum Bürgermeister von Palermo erwählt worden war, beschloß er, diese seine Machtstellung zu nutzen, um — koste es, was es wolle und sei es auch nur ein einziges- mal — sich an den berühmten Früchten gütlich zu tun. Nach Erwägung verschiedener Möglichkeiten erschien es ihm hierzu am zweckmäßigsten, sich mit dem seit dem Mittelalter gefeierten, in der Stadt gewaltigen Verbrecherorden der Maffia, in Verbindung zu setzen, und zwar mit derjenigen seiner Abteilungen, die für die angesehenste galt, der „Maffia zu den Kerkern", so benannt, weil ihre Hauptwerbestelle im großen Palermitaner Staatsgesängnis amtierte. So schicke denn Fürst Ruggiero nach Giuseppe Gioioso, einem als entschlossenes und zuverlässiges Bundesmitglied gut beleumundeten, wohlgelittenen und allgemein geachteten Jüngling. Geschniegelt und gebügelt erschien der wohlerzogene junge Mann vor dem Stadtvater, mit dessen Vorgängern er schon des öftern hatte verhandeln und Verträge schließen können. Der Fürst bedeutete ihm, Platz zu nehmen, und begann ohne Umschweife vom bekannten Birnbaum, gab seinem Wunsche Ausdruck und schloß mit der Frage, ob es nicht der „ehrenwerten Gesellschaft" — so lautete des Bundes anerkannter Titel — möglich märe, zu bewirken, daß wenigstens bei der heurigen Obsternte jene Früchte dem Eigentümer verblieben. ,,Exzellenz«", gab Giuseppe Gioioso Bescheid: „Unsre Gesellschaft würde sich? zwar zur Ehre anrechnen, das Jahr, an dem Sie den ehrenvollen Posten in unserer lieben Vaterstadt angetreten, dadurch auszuzeichnen, daß sie Ihnen den Genuß jener stets entgangenen Früchte verschafft, welche, wie ich zu erfahren das Glück gehabt, ihres außerordentlichen Rufs tatsächlich würdig sind. Aber auch sie ist nicht der liebe Gott. Exzellenz« verstehen: Grenzen sind gesetzt auch ihrer Fähigkeit und Macht. Wie die Verhältnisse heute liegen, könnte sie nichts für Sie erreichen. Sie ist beraubt ihrer tüchtigsten Kraft. Der einzige, der Ihren Wunsch erfüllen könnte, unser Hauptmann Gianni Caca- razzo — wie es Ihnen wohl sicher bekannt sein dürfte -—sitzt. „Freilich ist mir's bekann, daß er sitzt", erwiderte der Fürst „das ist für Sie und unter den obwaltenden Umständen auch mich sehr bedauerlich." „ „Dann eben", griff Giuseppe Gioioso auf, „wozu sind Exzellenza hier Bürgermeister? Sie stellen etwas vor, Sie verfugen über öffentliche Kräfte Sie gelten beträchtlich bei den Staatsbehörden. Bieten Sie Ihren Einfluß auf, daß unser unglücklicher Hauptmann frei werde. Dann werden wir imstande sein, Ihren Wunsch zu erfüllen, und wir werden ihn erfüllen. Die ehrenwerte Gesellschaft weih zu danken. Gioioso verabschiedete sich. Der Fürst verspürte einige Bedenken. Allein, nachdem er sie überwunden, kam es bereits in weniger denn Wochenfrist dazu, daß dank feiner Bemühungen Gianni i^acarazzo die Cs bedurfte keiner weiteren Verhandlungen. Noch am selben Tage, da Gianni das Hauptwerbegeschäft an das im Range nächstalteste gefangene Bundesmitglied übergeben hatte, hielt den Bürgermeister, ;uft als er allein fein Zweigespann durch eine entlegene Allee des Favorita- Gartens lenkte, ein Unbekannter an, der sich ihm gegenüber als Beauftragter der ehrenwerten Gesellschaft auswies und ihm nut dem Dank für den ihr geleisteten Dienst das totbefdjroorene „große Versprechen überbrachte, der Fürst solle diesen Sommer seine Fruchte selbst verzehren können. Die Birnen hatten das Frühjahr prächtig geblüht. Sie setzten nor- züglich an. Sie gediehen, so unbeschädigt von Wetter und Ungeziefer, als hätten Gebete der ehrenwerten Gesellschaft, die auch im Himmel zweifellos viel gilt, die Gabe betätigt, alle bösen Einflüsse von den Früchten fernzuhalten. Schon schwoll ihre Gestalt; schon vergoldete sich ihr Grün; schon setzte leicht bräunliches Rot auf ihrer Sonnenseite an. Die Reife stand bevor; drei Tage noch, bann war es Zeit, sie abzunehmen; zwei Tage noch; ein Tag. Wie wird die ehrenwerte Gesellschaft ihr Versprechen halten? Daß sie es halten werde, daran hätte niemand, der sie kannte, gezweifelt. Man war im Palast Altaoilla, obwohl in Spannung, getrost. Als am entscheidenden Morgen der Fürst in den Garten hinaustrat und durch die immergrünen Buchs- und Laubgänge den Weg nach dem Baume zu nahm, konnte er schon aus der Ferne dessen Kuppe fruchtbedeckt schauen und sich darüber freuen, was ihm bevorstand. Allein, um die letzte Buschgruppe biegend, die ihm den vollen Anblick des Baumes benahm, gewahrte er etwa Mißoergnügliches, Widriges ... An einem der Aeste ausgeknüpft, hing — ein Mann. Der Bürgermeister schüttelte sich. Allein es hals nichts; und die Birnen waren ja schließlich gerettet. Der Mensch, der noch um Mitternacht gelebt haben mochte, wurde abgeknüpst und fortgetan; die Früchte wurden abgeerntet. Sie mundeten in der Tat wunderbar, ja so wunderbar, daß Fürst Ruggiero größte Lust verspürte, die wonnigen auch im nächsten Jahre einzuheimsen. Er sandte nach Giuseppe Gioioso, sprach der ehrenwerten Gesellschaft und ihm Lob und Dank aus, wiederholte den Wunsch, fügte jedoch seinem Anliegen folgendes zu: „Könnten Sie's aber beim nächsten Male einrichten, daß am bewußten Baume kein derartiges — mir schließlich peinliches — Warnungszeichen angebracht werde?" „Exzellenz«", entgegnete Gioioso, „ick sage es Ihnen als Ehrenmann: Ohne den Ausgehängten geht es nicht." Knabenleben im großstädtischen Wildgelände. Von Hans Reetz. Auf den Trümmern der Vergangenheit. Auch der Verfasser gehört mit zu den Leuten, die die Stadtplanungen, nach der heute der Boden der Städte dem ordnenden Gesetz des Städtebauers unterworfen ist, durchaus begrüßen. Heute ist alles hübsch nach Zonen eingekeilt; Wohn-, Industrie- und Geschäftsviertel sind getrennt. Tausende Hektar Grüngelände dienen der Erholung. Und vor den unzähligen Spielplätzen geht uns bas Herz auf, besonbers im Sommer, wenn es auf ihnen von fröhlichen Kindern wimmelt. Wer wollte diese schöne Planwelt missen? Keiner. Und wenn es nun einmal so weit sein wird, und die Planwelt ist Wirklichkeit geworben, bann werden viele von uns, die ihre Jugend in der Zeit verlebten, als die Städte, insbesondere an der Peripherie, ins Regellose wucherten, etwas verloren haben, was es nie wieder geben wird: das Wildgelände mit seinen Schutthalden, Sandgruben, Ziegeleien, verfallenen Häusern und den Müllabfuhrgruben. Hier gab es alles, was ein Knabenherz braucht, um selig sein zu können: zunächst selbstverständlich Freiheit, das hieß, die Möglichkeit, die Erde angraben zu können, wo man wollte und so tief man wollte. Die Ausübung der Kräfte sand ihre Grenzen lediglich in der Natur, nicht aber in gepflegten Gartenanlagen, Verbotstafeln und Wärtern. Sodann gab es angemessene Mengen 'Baumaterialien: Bretter, Balken, Bohlen, Kleinholz, Dachpfannen ufw., vor allem so viele Steine, daß man eine ganze Stadt damit hätte errichten können. In den Schuttbergen zerbröckelten und zerstäubten die abgebrochenen alten Stadtviertel. Oft konnte man noch fein behauene Steinmetzarbeiten aus der Weihe des Kalkstaubes bergen: gotische und barocke Konsolen, Türstütze, Treppenpsosten und manchmal sogar Wappen. So saßen wir buchstäblich auf den Trümmern der Vergangenheit. Indessen waren wir weder sehnsüchtige Romantiker noch ahnende Seher, sondern Knaben, die in der schönen Gegenwart den vielfältigen Drang ihrer Herzen verwirklicht vor sich sehen wollten. Von dem Schacht zu den Antipoden und von wilden Kämpfen. Dort haben mir oft den berühmten Schacht durch die Erde zu den Antipoden zu graben versucht. Da wir die Arbeiten grundsätzlich erst bann einfteUten, wenn die Grubenwände ins Rutschen geraten waren, haben wir manchen von uns erst umständlich wieder herausbuddeln müssen. Erst als Hein unser Freund, Führer und Oberschachtmeister über alle Tiefbauarbeiten wurde, kam technische Vernunft hinzu. Von nun an, da wir die Wände verschalten und mit Balken verstrebten, erreichten wir eine wahrhaft unermeßliche Tiefe, zu der der Verkehr von Personen und Material mit Hilfe eines Aufzuges (ein geklauter Korb an einem geflauten Schiffstau), der über den obersten Balken lief, bewirkt wurde. Nach beendigtem Ausbau wurde die Grubenöffnung getarnt, d. h. mit Brettern bedeckt, die durch Sand und Erde der Umgebung angeglichen wurden. Nachher hockten wir tief auf dem Grunde des Schachtes beim blakenden Lichte einer meist zylinderlofen Petroleumlampe oder einer Kerze und lauschten einem von uns, der mit deutlicher Stimme „Die Schlacht von Colorado Springs" oder den „Geheimnisvollen Mord von Rockaway Beach" vorlas. Und wenn wir später die Verwirklichung dieser Kriegszüge, Derbrecherjagden, Urwaldexpeditionen betrieben, wenn es allenthalben in unserm wüsten Niemandsland sich regte von schleichenden Kundschaftern, plötzlich aufspringenden Indianern, die mit wehendem Federschmuck triumphierend auf dem niebergemorfenen Feinb knieten; wenn Olb Surehanbs Laffofchlinge pfeifenb burch bie Luft sich drehte und von oben herab über den Häuptling „Weißer Bär" sich senkte, um ihn angesehen. Vulkanlandschaft. r*eranttoottlic6 Dr. Hans Tbvriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Giebe«- zu einem hilflosen Paket verschnürt auf die Erde herunterzureißen, dann war ein Höhepunkt unseres Knabenlebens erreicht. In den Mulmbergen. Da es damals noch keine industrielle Müllverwertung gab, karrte man den Abfall der Großstadt in die ausgeleerten Sandgruben. Da zeigte es sich, daß wir Jungens auch recht eindringlich realistisch sein konnten. Denn w»nn einmal ein paar von den vielfachen, so oft insgeheim und öffentlich beredeten Wünschen unserer Herzen erfüllt werden sollten, dann konnten wir uns immer auf die unerschöpfliche Fülle des in den Mulmbergen steckenden Altmaterials verlassen. Dabei wurden aus uns mit der Zeit gewiegte Metallurgen, die, ausgerüstet mit einer Hacks zum Ausreißen der Schutthaufen und mit einem Magneten und einer Feile zum Bestimmen der Metalle, die kreuz und die quer das längst dem Modern Anheimgegebene mit der Zähigkeit ihrer Zwölf Jahre aufstöberten und alles, was Eisen, Kupfer, Messing, Zink, Gummi usw. war, an uns brachten, um es schließlich fein sortiert dem Altmaterial,en- händler anzubieten. — Nicht zur Freude der Eltern, sondern stets zum Schrecken, insbesondere der Mütter. Indessen waren wir bei der Ankunft zu Hause, zunächst wenigstens, vor den gegen uns vorzubrlngenden Zurechtweisungen tätlicher Art dadurch geschützt, weil der Staub, nut dem unsere Kleider vollgesogen waren wie ein Schwamm, mit Wasser, bereits bei der leisesten Berührung unserer Person zu entweichen br0®enn danach die sauer erworbenen Münzen in den herrlichsten Allotria umgesetzt wurden, wenn die schreiend geschilderten neuesten Taten Sherlock Holmes und Buffalo Bills unser Eigen waren, wenn unsere Münder schwarz und braun aussahen von Lakritzensaft und von der Schokolade, und unsere Finger klebten von Karamellen, wenn schließlich abends die Bürger erschrocken hinter der Zeitung auffuhren über den Detonationen der „Kanonenschläge", die wir ihnen durch die Hausflure vor die Türen schmetterten, und wenn mit den Schwärmern und Ra- ' Feten zischend und sprühend das leuchtende Licht und das gleißende Gold des Feuers in den Nachthimmel fuhr, dann hätte es keiner wagen dürfen, uns den Mulm und Moder, den Dreck und Kehricht der Großstadt verächtlich zu machen. Wir hätten ihn nur groß und verwundert Ueberhaupt gehörte das Niemands- und Schatzgräberland uns, uns allein. Denn diese weglose Landschaft trotzte jeder Ordnungs- und Ber- ordnungsabsicht mit Erfolg, und zwar einfach dadurch, daß niemand dieses ewig dünstende, schwelende und staubende oder bei nassem Wetter grundlose Chaos zu betreten wagte — außer uns und den Müllfuhrleuten. Mit denen standen wir uns denn auch leidlich gut, bis auf einen Punkt, nämlich auf den, da unq der Dämon des Feuers dazu verleitete, hin und wieder alles brennbare Strandgut zu einem riesigen Scheiterhaufen zu türmen und kurzerhand in Brand zu setzen. Gott mag wissen, was wir uns dabei dachten. Da das bereits öfters vorgekommen war, waren die zu erwartenden Wirkungen stadtbekannt, und sobald der brenzelig riechende Qualm sich den ersten Häusern näherte, verschlossen die Leute die Fenster und schimpften fürchterlich. Ein paarmal geriet die ganze Abraumlandschaft mit in Brand, indem die brennbaren Stoffe, die nach und ndch einen nicht unerheblichen Teil der aufgeschütteten Massen ausmachten, Glut gefangen hatten und schließlich sogar die inneren Tiefen des Mulms glühten. Es schwelte und dampfte tagelang wie aus einem Kohlenmeiler. In jenen Tagen, da kein Mensch sich in diese gleichsam -Vulkanlandschaft hineinwagte, waren wir, Gott sei Dank, allein. Mit Latten bohrten wir den glimmenden Mulm an und entfachten mit Hilfe von Säcken, die wir im Kreise durch die Luft schwangen, immer auf’s neue das Feuer. Es war in manchem Betracht ein toller Zustand; und die Verbissenheit und besorgte Geschäftigkeit, mit der wir auch die innersten Tiefen heraufzuholen und aus dem bloßen Glimmen und Glühen endlich zum schönsten Entflammen zu bringen trachteten, läßt sicher auf unsere innigste Anteilnahme schließen. In der Dunkelheit konnte es uns vollends verzaubern. Dann glommen ringsum die langsam einsinkenden Schuttkuppen; dann glühte unter rosagrauer Asche das Rot des Feuers auf; dann leckte plötzlich eine spitze züngelnde Flamme empor und glänzte unsere Gesichter an, daß unsere Augen aufschimmerten. Da standen wir in längst angekohlten Schuhen, mit versenkten Haaren und aschengrauen Gesichtern und lauschten dem Knistern und Rumoren der Glut, während das Nachtgeziefer hereinschwärmte und in seltsamen Tänzen vagierte. Die Ferne aber war nichts als dunkel, geziert mit leuchtenden Borden schimmernder Laternenreihen, und die brünstige Glut fraß alles, was es außer der nackten Erde und dem kahlen Gestein zu fressen gab. Das Lied, das aus der Kehle dringt... Bon Felix Riemkasten. Wenn ich singe, freuen sich alle Leute im Hause. Es bereitet ihnen so großes Vergnügen. Meine Frau bittet mich immer, etwas leiser zu singen, aber ich singe viel lieber laut. Wenn ich nämlich leise singen will, bleiben mir manche Töne unten im Halse stecken und können nicht hoch, aber wenn ich recht viel Lust hintersetze, dann kommen sie alle oben aus dem Munde heraus und füllen die ganze Wohnung mit ihrem Schall. Besonders gern singe ich in der Badestube; ich will gar nicht, aber es macht sich so, und man ist dort so schön allein. Es mag wahr sein, daß ich nicht richtig singen kann, möglicherweise kann ich überhaupt nicht singen, aber ich singe ja nicht für die Leute und auch nicht für die Kunst, sondern nur für mich allein. Und für mich singe ich gut genug, ich stelle da keine Ansprüche. Das ist meine Meinung über meinen Gesang. Von der wissenschaftlichen Seite der Musik, von der Theorie, Der- tefje ich so wenig wie von der Praxis. Kann ich etwas dafür, daß ich mit zwölf Jahren in der Schule aus dem Klassenchor hinausgetan wurde als heillos unheilbarer Patzer? Die Zeit, die ich damals durch meinen Nichtgesang erspart habe,,habe ich wertbeständig in Laubsägearbeiten angelegt. Ich habe es zu großer Vollkommenheit gebracht in der Laub- ägerei, allerdings auf Kosten dessen, was Gesang heißt. Ich bin selig, laß ich heute noch nicht weiß, was halbe und viertel Töne sind. Wenn ich nur laut genug einsetze (mit viel Luft dahinter), dann sind bei mir alle Töne volle Töne und niemals nur halbe oder viertel Töne. Wenn ich mich gerührt fühle oder betrübt oder voll Sehnsucht oder dergleichen, wie das so vorkommen kann ab und zu, dann finge ich in Mall, indem ich die Töne mehr durch die Nase als durch den Mund herauslasse; aber wenn ich mich obenauf fühle, recht frech, oder wenn der Geldbrief, träger heute kommen muß, oder wenn ich aus einer bösen Sache wieder mal fein gerettet bin, dann finge ich nicht in Moll, sondern anders. Ob dieses andere nun „Dur" ist, oder sonst dergleichen, das ist mir Fleischwurst wie Leberwurst. Von „Sopran" und „Tenor" und „Alt" ober neu verstehe ich rein nichts. Ich habe auch kein Verlangen nach solchem Verständnis, denn wenn jemand singt, so daß es mir wohlgefällt, dann genügt mir das. In diesem Punkte halte ich es mit der Gesangskunst genau wie mit der Koch- fünft: schmecken soll es, weiter nichts als schmeckenl Die Rezepte, das ist Sache der Köchin, das geht mich nichts an. Was nützt mir das Wissen? Ich suche nur das Erleben, das Haben, das Mitschmecken, das ist für mich der Drehpunkt. (Manche sagen ,cher Angelpunkt", aber ich angle nicht.) Manchmal fingen Kinder mit ganz dünnen, schwächlichen, weltver- gessenen Sümmchen, sie fingen, als wären da Süßigkeiten und ganz dünnes Silber mit eingemengt; sie fingen mit einer gottvoll gnadenreichen Gläubigkeit, und wenn in ihrem Liede etwas vorkommt von der Wiese oder den lieben Vöglein, die alle schon da sind, bann fühle ich mich befriebigt, weil alles jebesmal richtig vorhanden ist, bas Wesen aller wirklich wiesigen Wiesen, bas Grün in ber Sonne unb bie Butter- Humen unb ber Waldrand babei mit bem Vogelgezwitscher. Die Vögel, bas ist im Kinbergesang bas morgenfrische, unverdorbene, lebendige Tirilieren unb zugleich bas hohe Hineinschwingen in ein ewig schönes Himmelblau, unb zugleich ist es bas Kleine, bas Rührenbe, bas Bröckchenholen im harten Winter an ber Fensterbank. So etwas können am besten bie kleinen Kinder fingen, bie [ünbentofen, wiffenlofen, die bei Mutti im Schoß sitzen. Da ist es boch ganz egal, baß ihre Sümmchen viel zu hoch unb zu bünn finb? Soll man ba hinterherlaufen als Beckmesser mit ber Stimmgabel? Auch bie Wanbervögel fingen oft schöne Druckstellen ins Herz, aber nur am frischen, herben Morgen, ober am späten, weichen, ruhigen Abend. Sie fingen ihre Wanberfehnsucht unb ihre Tatkraft hinaus, sie fingen bie Weite unb Schönheit ber Welt unb lassen ihren Mut barin mitklingen, ihren marschierenden Mut. Sie gucken nicht zu, sie bewundern nicht nur, sondern sie erwandern sich dies alles in möglichst großen Brocken, denn einmal ist der Mensch nur so jung, unb aus dieser Zeit heraus muß er sich die Scheune vollsammeln von Erinnerungen für später, für bie Zeit, wo er bann auch nicht anbers fein wirb, als alle. Schön ist es auch, wenn eine liebe Mutti ihr liebes Kind bei sich hat unb singt dem Kind allerlei hübschen, kleinen Kram vor. Dann ist ber Gesang auch wieder gar kein Gesang unb hat mit Kunst nichts zu schassen, sondern bie Seele singt etwas hin für bas zulauschende kleine Seelchen, und alle beide wachsen von Herz zu Herz für die Ewigkeit fest zusammen. Wenn sie sich einmal im Nichtverstehen trennen müßten, würden die beiden Herzen anfangen zu bluten. Dann blutete alles wieder heraus, alles von damals, als das Kindchen nicht fchlafen konnte, und Mutti vom Schäfchen auf der Weide fingen mußte, in den blaffen, ver- fchwimmenden Abend hinein. Da hat Mutti gesungen, das Kind hat zugehört, und sie haben es beide kaum gewußt. Es fang sich von selber, und auch das Hören geschah von selber, es schwamm als Inselchen auf dem Spiegel eines unfaßbar ruhigen Seelenfriedens, untermischt von liebenden, wehen Aengsten und untermalt von herzensfrohen Wünschen auf lauter Gutes, viel, viel Gutes. Solcher Gefang, der geht mir zu Herzen. Der gefällt mir, selbst wenn die Töne falsch sind. Dafür merkt man, daß das Herz echt ist. Auch die Soldaten fingen gut, ihre Stimmen sind voll Kraft und einfacher Sinnes- meinung, man kann sich gar nicht irren. Wie aber, wenn der berühmte Kammersänger ober bie noch berühmtere Primadonna ihren goldwerten Kunstgesang anheben. Ich habe immer Angst um sie. Plötzlich steigen sie mit ihrer kostbaren 'Berufs* stimme auf die höchste aller hohen Tonleitern, dann stehen sie überraschend rasch schon oben auf dem spitzen Dach eines musikalischen Bauwerkes, sie ragen förmlich als Silhouette gegen den leeren Himmel, und ich denke immer an das harte Kopffteinpflafter unten auf dem Platz. Ich gäb’ was drum, wenn sie doch endlich wieder herunterkommen wollten, wo es breiter ist, ruhiger, fichererl Aber nein, sie bleiben mit Trotz dort oben, sie machen sogar Handstand auf dem obersten Knopf des Turmes, und ... es ist gräßlich und treibt mir kalten Schweiß heraus. Und dann find sie beileibe immer noch nicht weg, dann heben sie nun erst ihren Haupt- und Generaltriller an, der trillert in Bereichen, die sonst nur dem Adler noch erreichbar sind, und dort — im leeren Luftraum — ziehen sie den Triller hin und dehnen ihn und biegen ihn und ziehen ihn lang und dünn, unb sie fingen ihn hoch hinauf und fingen ihn weit hinweg, so himmeldünn, so hoch, so überangefpannt, so halsbrecherisch, so herzbeklemmenb verwegen, herzabschnürend ... Was der Adler ist, den haben sie längst unter sich und sind jetzt schon so hoch hinausgefchraubt, daß sie von unten her nur sichtbar sind, wenn man die Augen mit der Hand abschirmt. Ein winziger, trillernder, schwarzer Punkt im unendlichen Himmel der Musik.