GiehenerKmnlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1937 Zreitag, den 21. Mai Nummer 38 Der «Stechlin Roman von Theodor Fontane 31. Fortsetzung. „Aber trotzdem eine tolle Geschichte, dies Pfäffers. Soweit es nämlich als Bad in Betracht kommt, ist es nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen, in den man hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die Indianer hocken, und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten herauf. Wer da nicht wieder zustande kommt, der kann überhaupt einpacken. Uebrigens will ich für meine Person gleich mit hineinkriechen. Denn das darf ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig Jahre lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein Gliederreißen ehrlich verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf meine Frau gefallen ist." „Ja, Spanholz, in einer christlichen Ehe ..." „Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit .christlicher Ehe' auch immer bloß soso ist. Da hatten wir, als ich noch Militär war, einen Kompaniechirurgus, richtige alte Schule, der sagte, wenn er von so was hörte: ,Ja, christliche Ehe, ganz gut, kenn ich. Js wie Schinken im Burgunder. Das eine is immer da, aber das andere fehlt.'" „Ja", sagte Dubslav, „diese richtigen alten Kompaniechirurgusse, die hab ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker, jetzt leider ausgestorben ... Und in solchem Pfäfferschen Backofen wollen Sie sechs Wochen zubringen?" „Nein, Herr von Stechlin, nicht so lange. Bloß vier, höchstens vier. Denn es strengt sehr an. Aber wenn man nu doch mal da ist, ich meine in der Schweiz und da herum, wo sie stellenweise schon Italienisch sprechen, da will man doch schließlich auch gern in das gelobte Land Italia hineingucken. Und da haben wir denn also, meine Frau und ich, vor, von diesem Psäffers aus erst noch durch die Biatnala zu fahren, den Splügen hinauf oder auf irgendeinen andern Paß. Und wenn wir dann einen Blick in all die Herrlichkeit drüben hineingetan haben, dann kehren wir wieder um, und ich für meine Person ziehe mir wieder meinen grauen Mantel an (denn für die Reise hab ich mir einen grauen Paletot bauen lassen) und kutschiere wieder durch Kreis Gransee." „Na, Spanholz, das freut mich aber wirklich, daß Sie mal rauskommen. Und bloß wenn Sie durch die Biamala fahren, da müssen Sie sich in acht nehmen." „Waren Sie denn mal da, Herr Major?" „Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, lagen immer nur zwischen Berlin und Stechlin. Höchstens mal Dresden und ein bißchen ins Bayerische. Wenn man so gar nicht mehr weiß, wo man hin soll, fährt man natürlich nach Dresden. Also Biamala nie gesehen. Aber ein Bild davon. Im allgemeinen ist Bilderangucken auch nicht gerade mein Fall, und wenn die Museums von mir leben sollten, dann täten sie mir leid. Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht man doch so was, und war da auf dem Biamala-Bilde ne Felsenschlucht mit Figuren von einem sehr berühmten Malermenschen, der, glaub ich, Böcking oder Böckling hieß." „Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin." „Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar sehr wahrscheinlich. Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also auf diesem Bilde diese Biamala, mit einem kleinen Fluß unten, und über den Fluß weg lief ein Brückenbogen, und ein Zug von Manschen, (es können aber auch Ritter gewesen sein) kam grade die Straße lang. Und alle wollten über die Brücke." „Sehr interessant." „Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben dem Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit einem Male der Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Loden aufmacht und nachsehen will, roie’s Wetter ist. Der aber, der an dieser Brücke da von ungefähr rausguckte, hören Sie, Spanholz, das war kein Spießbürger, sondern ein richtiger Lindwurm oder so was Aehnliches aus der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß selbst der älteste Adel (die Stechlins mit eingeschlossenj nicht dagegen ankann, und dies Pisst, als der herankommende Zug eben den Fluß passieren wollte, war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen und die Brücke heran, und ich kann Ihnen bloß sagen, Spanholz, mir stand, als ich das sah, der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nu noch einen Augenblick, dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung is weg." „Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die Saurier, soviel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau roiu. ,c*) diese Geschichte doch lieber nicht erzählen: die kriegt nämlich mitunter Ohnmächten. In Doktorhäusern ist immer was los." Dubslav nickte. „Und nur das eine möcht ich Ihnen noch sagen, Herr von Stechlin, mit der Digitalis immer ruhig so weiter, und wenn der Appetit nicht wiederkommt, lieber nur zweimal täglich. Und nie mehr als zehn Tropfen. Und wenn Sie sich unpaß fühlen, mein Stellvertreter ist von allem unterrichtet. Er wird Ihnen gefallen. Neue Schule, moderner Mensch: aber doch nicht zuviel davon (so wenigstens hoff ich) und jedenfalls sehr gescheit. An seinem Namen — er heißt nämlich Moscheles — dürfen Sie nicht Anstoß nehmen. Er ist aus Brünn gebürtig, und da heißen die meisten so." Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus, auch mit dem Namen, trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen weckte. Schon vor etlichen fünfzig Jahren habe er Musikstücke spielen müssen, die alle auf den Namen Moscheles liefen. Aber das wolle er den Jnsichtftehenden nicht weiter entgelten lassen. Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich Spanholz und fuhr zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft hinein. Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen Eheleute von Gransee nach Psäffers hin auf; die Frau, sehr leidend, war schweigsam, er aber befand sich in einem hochgradigen Reisefieber, was sich, als sie draußen auf dem Bahnhof angelangt waren, in immer wachsender Gesprächigkeit äußerte. Mehrere Freunde (meist Logenbrüder) hatten ihn bis hinaus begleitet. Spanholz kam hier sofort vom Hundertsten aufs Tausendste. „Ja, unser guter Stechlin, mit dem steht es soso ... Baruch hat ihn auch gesehn und ihn einigermaßen verändert gefunden ... Und Sie, Kirstein, Sie schreiben mir natürlich, wenn der junge Burmeister eintritt; ich weiß, er will nicht recht (bloß der Bater will) und soll sogar von .Hokuspokus' gesprochen haben. Aber dergleichen muß man leicht nehmen. Unwissenheit, Verkennungen, über so was sind wir weg; viel Feind, viel Ehr ... Nur, es noch einmal zu sagen, der Alte drüben in Stechlin macht mir Sorge. Man muß aber hoffen; bei Gott kein Ding unmöglich ist. Und zu Moscheles hab ich Vertrauen; ihn auskultieren zu sehn ist ein wahres Vergnügen für nen Fachmann." So klang, was Spanholz noch in letzter Minute vom Coupefenster aus zum Besten gab. Alles, am meisten aber das über den alten Stechlin Gesagte, wurde weitergetragen und drang bis auf die Dörfer hinaus, so namentlich auch bis nach O.uaden-Hennersdorf zu Superintendent Koseleger, der seit kurzem mit Ermyntrud einen lebhaften Verkehr unterhielt und, angeregt durch die mit jedem Tage kirchlicher werdende Prinzessin, einen energischen Vorstoß gegen den Unglauben und die in der Grafschaft überhandnehmende Laxheit plante. Kofeleger sowohl wie die Prinzessin wollten zu diesem Zwecke beim alten Dubslav als „nächstem Objekt" einsetzen und hielten fein Asthma für den geeigneten Zeitpunkt. In einem Briefe der Prinzessin an Koseleger hieß es dementsprechend: „Ich will die gute Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln; außerdem hat er etwas ungemein Affables. Ich bin ihm menschlich durchaus zugetan. Aber fein Prinzip, das nichts Höheres kennt, als .,leben und leben zu kaffen', hat in unsrer Gegend alle möglichen Irrtümer und Sonderbarkeiten ins Kraut schießen lassen. Nehmen Sie beispielsweise diesen Krippenstapel. Und nun den Lorenzen selbst! Katzler, mit dem ich gestern über unfern Plan sprach, hat mich gebeten, mit Rücksicht auf die Krankheit des alten Herrn wenigstens vorläufig von allem Abstand zu nehmen, aber ich hab ihm widersprechen müssen. Krankheit (soviel ist richtig) macht schroff und eigensinnig, aber in bedrängten Momenten auch wiederum ebenso gefügig, und es sind wohl auch hier wieder gerade die Auferlegungen und Bitternisse, daraus ein Segen für den Kranken und jedenfalls für die Gesamtheit unseres Kreises entspringen wird. Unter allen Umständen aber muß uns das Bewußtsein trösten, unsre Pflicht erfüllt zu haben." Es war eine Woche nach Spanholz' Abreise, daß Ermyntrud diese Zeilen schrieb, und schon am anderen Vormittage fuhr Koseleger, der mit der Prinzessin im wesentlichen derselben Meinung war, auf die Stechliner Rampe. Gleich danach trat Engelke bei Dubslav ein und meldete den Herrn Superintendenten. „Superintendent? Koseleger?" „Ja, gnäb’ger Herr. Superintendent Koseleger. Er sieht sehr wohl aus, und ganz blank." „Was es doch für merkwürdige Tage gibt. Heute (du sollst sehn) ist wieder so einer. Mit Moscheles fing's an. Sage dem Herrn Superintendenten, ich ließe bitten." „Ich komme hoffentlich zu guter Stunde, Herr von Stechlin." „Zur allerbesten, Herr Superintendent. Eben war der neue Doktor hier. Und eine Viertelstunde, wenn's mit dem .praesente medico' nur ein ganz klein wenig auf sich hat, muß solche Doktorgegenwart doch wohl noch nachwirken." „Sicher, sicher. Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein. Die Wiener und Prager verstehn es; namentlich alles, was nach der Seite hin liegt." „3a", sagte Dubslav, „nach der Seite hin", und wies auf Brust und Herz. „Aber, offen gestanden, nach mancher andern Seite hin ist mir dieser Moscheles nicht sehr sympathisch. Er faßt seinen Stock so sonderbar an, und schlenkert auch so." „3a, so was muh man unter Umständen mit in den Kauf nehmen. Und dann heißt es ja auch, der Major von Stechlin habe mehr oder weniger einen philosemitischen Zug." „Den hat der Major von Stechlin auch wirklich, weil er Unchristlichkeiten nicht leiden kann und Prinzipienreitereien erst recht nicht. Ich gehöre zu denen, die sich immer den Einzelfall ansehn. Aber freilich, mancher Einzelfall gefällt mir nicht. So zum Beispiel der hier mit dem neuen Doktor. Und auch mein alter Baruch Hirschfeld, den der Herr Superintendent mutmaßlich kennen werden, auch der gefällt mir nicht mehr so recht. Ich hielt große Stücke von ihm, aber — vielleicht daß sein Sohn Isidor schuld ist — mit einemmal ist der Pferdefuß rausgekommen." „Ja", lachte Koseleger, „der kommt immer mal raus. Und nicht bloß bei Baruch. Ich muh aber sagen, das alles hat mit der Rasse viel, viel weniger zu schaffen als mit dem jeweiligen Beruf. Da war ich eben bei der Frau von Gundermann ..." „Und da war auch so was?" „In gewissem Sinne, ja. Natürlich ein bißchen anders, weil es sich um etwas Weibliches handelt. ,Stütze der Hausfrau.' Und da bändelt sich denn leicht was an. Eben diese .Stütze der Hausfrau' war bis vor kurzem noch Erzieherin, und mit Erzieherinnen, alten und jungen, hat's immer einen Haken, wie mit den Lehrern überhaupt. Es liegt im Beruf. Und der Seminarist steht obenan." „Ich kann mich nicht erinnern", sagte Dubslav, „in unserer Gegend irgendwas gröblich Verletzliches erlebt zu haben." „O, ich bin mißverstanden", beschwichtigte Koseleger und rieb sich mit einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten Hände. „Nichts von Vergehungen aus erotischem Gebiet, wiewohl es bei den Gundermanns (die gerade in diesem Punkte viel heimgesucht werden) auch diesmal wieder, ich möchte sagen diese kleine Nebenform angenommen hatte. Nein, der große Seminaristenpferdefuh, an den ich bei meiner ersten Bemerkung dachte, trägt ganz andere Signaturen: Unbotmäßigkeit, Ueberschätzung und infolge davon ein eigentümliches Bestreben, sich von den Heilsgütern loszulösen und die Befriedigung des inneren Menschen in einer falschen Wissenschaftlichkeit zu suchen." „Ich will das nicht loben; aber auch solche .falsche Wissenschaftlichkeit' zählt, dächt ich, in unserer alten Grafschaft zu den allerseltensten Ausnahmen. „Nicht so sehr, als Sie vermuten, Herr Major, und aus Ihrer eigenen Stechliner Schule sind mir Klagen kirchlich gerichteter Eltern über solche Dinge zugegangen. Allerdings Altlutheraner aus der Globsower Gegend. Indessen, so lästig diese Leute zuzeiten sind, so haben sie doch andrerseits den Ernst des Glaubens und sinden, wie sie sich in einem Skriptum an mich ausgedrückt haben, in der Krippenstapelschen Lehrmethode diesen Ernst des Glaubens arg vernachlässigt." Dubslav wiegte den Kops hin und her und hätte trotz allen Respekts vor dem Vertreter einer kirchlichen Behörde wahrscheinlich ziemlich scharf und spitz geantwortet, wenn ihm nicht alles, was er da hörte, gleichzeitig in einem heiteren Licht erschienen wäre. Krippenstapel, sein Krippenstapel, er, der den Alten Fritzen so gut wie den Katechismus, aber den Katechismus auch reichlich so gut wie den Alten Fritzen kannte, — Krippenstapel, sein großartiger Bienenvater, fein korrespondierendes Mitglied märkischhistorischer Vereine, die Seele seiner „Museums", sein guter Freund, dieser Krippenstapel sollte den „Ernst des Glaubens" verkannt haben, bei ihm sollte der Seminaristenhochmut zu gemeingefährlichem Ausbruch gekommen sein. Wohl entsann er sich, in eigenster Person (was ihn in diesem Augenblick ein wenig verstimmte) gelegentlich sehr Aehnliches gesagt zu haben. Aber doch immer nur scherzhaft. Und wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht mehr dasselbe. Traf dieser Satz je zu, so hier. Er erhob sich also mit einiger Anstrengung von seinem Platz, ging auf Koseleger zu, schüttelte ihm die Hand und sagte: „Herr Superintendent, so wie Sie's da sagen, so kann es nicht fein. Von richtigen Altlutheranern gibt es hier überhaupt nichts, und am wenigsten in Globfow; die glauben sozusagen gar nichts^ Ich wittere da was von Intrige. Da stecken andere dahinter. Bei meinem alten Baruch ist der Pferdefuß rausgekommen, aber bei meinem alten Krippenstapel ist er nicht rausgekommen und wird auch nicht rauskommen, weil er überhaupt nicht da ist. Meinen alten Krippenstapel, den kenn ich." Koseleger, Weltmann, wie er war, lenkte rasch ein, sprach von Kon- ventiklerbeschränktheit und gab die Möglichkeit einer Intrige zu. „Natürlich wird es einem schwer, in diesem Erdenwinkel an derlei Dinge zu glauben, denn .Intrige' zählt ganz eminent zu den höheren Kulturformen. Intrige hat hier in unserer alten Grafschaft, glaub ich, noch keinen Boden. Aber anderseits ist es doch freilich wahr, daß heutzutage die Verwerflichkeiten, ja selbst die Verbrechen und Laster, nicht bloß im Gefolge der Kultur austreten, sondern umgekehrt ihr voran- f(breiten, als beklagenswerte Herolde falscher Gesittung! Bedenken Sie, was wir neuerdings in unfern Aequakorialprovinzen erlebt haben. Die Zivilisation ist noch nicht da, und schon haben wir ihre Greuel. Man erfcbnuert, wenn man davon lieft, und freut sich der kleinen und alltäglichen Verhältnisse, in die der Wille Gottes uns gnädig stellte." Nach diesen Worten, die was von einem guten Abgang hatten, erhob sich Koseleger, und der Alte, seinerseits feinen Arm in den des Superintendenten einhakend, „um sich", wie er sagte, „auf die Kirche zu stützen", begleitete feinen Besuch bis wieder auf die Rampe hinaus und grüßte noch mit der Hand, als der Wagen fchon über die Bohlenbrücke fuhr. Dann wandte er sich rafch an Engelke, der neben ihm stand, und sagte: „Engelke, schade, daß ich mit dir nicht wetten kann. Lust hätt ich. (teilte kommt noch wer, du wirst es sehn. Eine Woche lang läßt sich keine Katze blicken, aber wenn unser Schicksal erst mal nen Entschluß aefaßt hat, dann kann es sich auch wieder nicht genug tun. Man ge- ’innt dreimal das große Los, oder man stößt sich dreimal den Kopp. '"tb immer an derselben Stelle." Es schlug zwölf, als Dubslav vom Portal her wieder den Flur passierte. Dabei fah er nach dem Hippenmann hinauf und zählte di« Schläge. „Zwölf", jagte er, „und um zwölf ist alles aus, und dann fängt der neue lag. Es gibt freilich zwei Zwölfen, und die Zwölf, die da oben jetzt schlägt, das is die Mittagszwölf. Aber Mittag! ... Wo bist du, Sonne, geblieben!" All dem weiter nachhängend, wie er jetzt öfter tat, kam er an feinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die Hand. Er sah jedoch kaum drauf hin und beschäftigte sich, während er zu lesen schien, eigentlich nur mit der Frage, „wer wohl heute noch kommen könne", und dabei neben andren Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen denkend, tarn er zu dem Schluhresultat, daß ihm Lorenzen „mit all seinem neuen Unsinn" doch am Ende lieber sei als Koseleger mit feinen Heilsgütern, von denen er wohl zwei-, dreimal gesprochen hatte. „Ja, die Heilsgüter, die find ganz gut. Versteht sich. Ich werde mich nicht so verfllndigen. Die Kirche kann was, is was, und der alte Luther, nu, der war fchon ganz gewiß was, weil er ehrlich war und für feine Sache sterben wollte. Nahe dran war er. Eigentlich kommt's doch immer bloß darauf an, daß einer sagt: .Dafür sterb ich'. Und es dann aber auch tut. Für was, is beinah gleich. Daß man überhaupt fo was kann, wie sich opfern, das ist das Große. Kirchlich mag es ja falsch sein, was ich da so sage; aber was sie jetzt .sittlich' nennen (und manche sagen auch .schönheitlich', aber das is ein zu dolles Wort), also was sie jetzt sittlich nennen, so bloß auf das hin angefehn, da is das persönliche Sicheinsetzen und Fürwassterbenkönnen und -wollen doch das Höchste. Mehr kann der Mensch nicht. Aber Koseleger. Der will leben." Und während er noch vor sich hin seinen Faden spann, war sein gutes, altes Faktotum eingetreten, an das er denn auch ohne weiteres und bloß zu feinem Ergötzen die Frage richtete: „Nich wahr, Engelke?" Der aber hörte gar nichts mehr, fo sehr war er in Verwirrung, und stotterte nur aus sich heraus: „Ach Gott, gnädger Herr, nu is es doch so gekommen." „Wie? Was?" „Die Frau Gemahlin von unjerm Herrn Oberförster ..." „Was? Die Prinzessin?" „Ja, die Frau Katzler, Durchlaucht." „Alle Wetter, Engelke ... Da haben wir's. Aber ich hab es ja gejagt, ich mußt es. Wie so'n Tag anfangt, fo bleibt er, so geht es weiter ... Und wie das hier durcheinanderliegt, alles wie Kraut und Rüben. Nimm die Zudecke weg, ach was Zudecke, die reine Pferdedecke; wir müssen eine andre haben. Und nimm auch die grünen Tropfen weg, daß es nicht gleich ausfieht wie ne Krankenstube ... Die Prinzessin ... Aber rasch, Engelke, flink ... Ich lasse bitten, ich lasse die Frau Oberförsterin bitten." Dubslav rückte sich, so gut es ging, zurecht; im übrigen ober hielt er's in feinem desolaten Zustande doch für besser, in seinem Rollstuhl zu bleiben, als der Prinzessin entgegenzugehn oder fie durch ein Sicherheben von seinem Sitz mehr oder weniger feierlich zu begrüßen. Ermyn- ttud paßte sich seinen Intentionen denn auch an und gab durch eine gemessene Handbewegung zu verstehen, daß sie nicht zu stören wünsche. Gleich danach legte fie den rechten Arm auf die Lehne eines nebenstehenden Stuhles und sagte: „Ich komme, Herr von Stechlin, um nach Ihrem Befinden zu fragen; Katzler (fie nannte ihn, unter geflissentlichster Vermeidung des allerdings plebejen „mein Mann", immer nur bei seinem Familiennamen) hat mir von Ihrem Unwohlsein erzählt und mir Empfehlungen aufgetragen. Ich hoffe, es geht besser." Dubslav dankte für so viel Freundlichkeit und bat, das um ihn her herrschende Uebermaß von Unordnung entschuldigen zu wollen. „Wo die weibliche Hand fehlt, fehlt alles." Er fuhr so noch eine Weile fort, in allerlei Worten und Wendungen, wie fie ihm von alter Zeit her geläufig waren; eigentlich aber war er wenig bei dem, was er sagte, sondern hing ausschließlich an dem halb Nonnen-, halb Heiligenbildartigen ihrer Erscheinung, das durch einen großen, aus mattweißen Kugeln bestehenden Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde. Sie mußte jedem, auch dem Kritischsten, auffallen, und Dubslav, der — so sehr er dagegen ankämpst« — ganz unter der Vorstellung ihrer Prinzessinnenschast stand, vergaß auf Augenblicke Krankheit und Alter und fühlte sich nur noch als Ritter seiner Dame. Daß sie stehenblieb, war ihm im ersten Augenblicke störend, bald aber war es ihm recht, weil ihm einleuchtete, daß ihr „Bild" erst dadurch zu voller Wirkung kam. Ermynttud selbst war sich dessen auch voll bewußt und Frau genug, auf diese Vorzüge nicht ohne Not zu verzichten. „Ich höre, daß Doktor Spanholz, den ich als Arzt sehr schätzen gelernt habe, seine Kranken, während er in Pfäffers ist, einem jungen Stellvertreter anvertraut hat. Junge Aerzte sind meist klüger als die alten, aber doch weniger Aerzte. Man bringt außerdem dem Alter mehr Vertrauen entgegen. Alte Doktoren sind wie Beichtiger, vor denen man sich gern offenbart. Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht voll ersetzen, der in jeder ernstlichen Krankheit doch das eigentlich Heilsame bleibt. Aerzte selbst — ich hab einen Teil meiner Jugend in einem Diakonissenhause verbracht — Aerzte selbst, wenn fie ihren Beruf recht verstehn, urteilen in diesem Sinne. Sogenannte Medikamente sind und bleiben ein armer Notbehelf; alle wahre Hilfe fließt aus dem Wort. Aber freilich, das richtige Wort wird nicht überall gesprochen." Dubslav sah etwas unruhig um sich her. Es war ganz klar, daß die Prinzessin gekommen war, seine Seele zu retten. Aber woher kam ihr die Wissenschaft, daß seine Seele dessen bedürftig sei? Das verlohnte sich doch in Erfahrung zu bringen, und so bezwang er sich denn und sagte: „Gewiß, Durchlaucht, das Wort ist die Hauptsache. Das Wort ist das Wunder; es läßt uns lachen und meinen; es erhebt uns und demütigt uns, es macht uns krank und macht uns gesund. Ja, es gibt uns erst das wahre Leben hier und dort. Und dies letzte höchste Wort, das haben wir in der Bibel. Daher nehm ich's. Und wenn ich manches Wort nicht verstehe, wie wir die Sterne nicht verstehn, so haben wir dafür die Deuter." (Qortjefcung folgt.) Löwenzahn. Von Josef Weinheber. Keine Vase will dich. Keine Liebe wird durch dich erhellt. Aber deines Samens reine weiße Kugel träumt wie eine Wolke, wie der Keim der Welt. Lächle! Fühl dich gut gedeutet! Blüh! So wird aus Schweigen Huld. Bitt re Milch und Flaum, der gleitet: O, nicht Haß — den Himmel weitet Weisheit. Stillesein. Geduld. Wärst du auf der Höh geboren, ferne, selten, früh empor: Teilnahmslosem Gang der Horen blühtest ruhmvoll, unverloren, groß, dein Wunder vor. Der Schwalbenschwanz. Von Georg von der Bring. Jedes Jahr, sobald Rosina zur Tante Kahlbek in die Ferien kam, erblickte sie hinter der Hecke einen Knaben. Sie lief den Kiesweg hinunter, bog die Fliederbüsche auseinander, und schon, als ob er auf sie gewartet hätte, stand er da. Der Knabe hieß Biktor. Rosina fand ihn wunderschön. Sie hatte ihn ein ganzes Jahr lang nicht vergessen, nicht ihn und vor allem seinen prächtigen Matrosenanzug nicht. Die Jacke war blau und hatte goldene Knöpfe. Auf dem Aermel zeigte sich ein gelb gestickter Anker. Die Mütze schmückte ein schwarzes Seidenband, auf dem über der Stirn eine goldene Schrift zu lesen war, und das hinterm Kopfe auf dem Kragen niederhing. Viktor seinerseits bewunderte Rosina. Sie war so flink, und sie wußte die schönsten Spiele; außerdem konnte sie schwatzen wie eine Starenmutter. War er bei ihr, so brauchte er nur feine Mützenbänder flattern zu lassen, das andere besorgte diese Rosina schon selbst. In jenem Sommer waren die Kinder acht Jahre alt. Sie spielten Verstecken oder „Vater und Mutter". Zuweilen pflückten sie sich Blumen von den Beeten, verteilten sie auf die Gartenstühle, und nun begann das Spiel: Lehrer und Schulinspektor. Alle Blumen hatten Menschennamen bekommen und waren kleine Schüler geworden. Rosina war Schulinspektor und Viktor der Lehrer. Aber die hübschen kleinen Schüler wurden, da ihnen der Unterricht zu lange dauerte, schlaff und krank. Und manchmal geschah es, daß Tante Kahlbek in den Garten geschnauft kam und wegen der abgepflückten Blumen schalt. Sie sagte mit ihrer rauhen Stimme: „Elendig ermordet habt ihr sie!" Alsdann raffte sie die Blumen zusammen und nahm sie mit; sie würde sie drinnen im Haus in eine Vase stellen. Tante Kahlbek war eine Lehrerswitwe und konnte keine Unordnung leiden. Rosina und Viktor waren dann eine Zeitlang recht betrübt. Sie schlichen sich davon und warteten, bis Tante Kahlbek den Garten wieder verlassen hatte. Dann gingen sie ins Gartenhaus. Sobald man dort Platz genommen hatte, gab es für Rosinas Zunge kein Halten mehr. Viktor hörte ihr gern zu. Wovon erzählte Rosina? Von den Leuten in ihrem Dorfe, wo sie aufwuchs. Waren das seltsame Leute dazuland! Da gab es den blinden Geerd, der die Fiedel spielen konnte, und die Schneiderin Lina, die mit dem Revolver in ihren Schrank schoß, um die Geister zu beschwören. Am unheimlichsten aber wurde es, wenn Rosina von Peter Hunzelmann erzählte, der ihres Vaters Okuliermesser gestohlen hatte, und von dem sie grausigerweise behauptete, daß er sicherlich einmal in ein Gefängnis kommen würde. Erwähnte sie bann noch den verrückten Heinrich, der sich einen Besenstiel zwischen die Beine klemmte und sich einbildete, auf einem „Baluziped" zu fahren, so wurde es dem Viktor doch zu bunt. Vielleicht rauschte es ihm auch schon in den Trommelfellen vor lauter Gespräch. Jedenfalls, er stand auf und rief: „Alles ist gelogen!" Und dann lief Rosina davon, ins Haus, zu Tante Kahlbek, und sie weinte vor Erbitterung, weil sie nichts als die lautere Wahrheit gesprochen hatte; und sie schwor sich, nie wieder an die Fliederbusche zu gehen und nie mehr den blauen Matrosen zum Spielen herüberzuholen. Am nächsten Morgen aber hatten die Zwei den Streit vergessen. Eines Tages fanden die Kinder eine braune Schmetterlingspuppe, eine wahre Wundergestalt, zum Fürchten groß und spitzig. Viktor getraute sich nicht, sie zu berühren. Aber Rosina, die schon Frösche und Hirschkäfer angefaßt hatte, trug sie auf ihrer Handfläche. Als Tante Kahlbek durch den Garten kam, zeigte sie ihr die Puppe. Die Tante schnaufte begeistert und ließ sich das braune Wesen abliefern. Sie erklärte den Kindern, daraus würde einmal ein Schmetterling. Rosina und Viktor durften zufchauen, wie die Puppe in ein Einmacheglas gesperrt und das Glas im Gartenhaus auf die Fensterbank gestellt wurde. Die^ante sagte ihnen voraus, daß die Puppe demnächst in allen Farben schillern würde. Sobald das geschähe, wäre es Zeit, achtzugeben, denn dann käme der Schmetterling zum Vorschein. Damit er nicht davonfliegen konnte, verschloß Tante Kahlbek bie. Deffnung bes Glases mit Papier; alsbann burchlächerte sie bas Papier mit einer Radel zu einem Sieb, denn die Puppe brauchte ja Luft. Den Schmetterling, erklärte sie den Kindern weiter, wenn er erst heraus wäre, würde man mit Schwefel töten und dann auffpannen. Kluge Kinder wurden daran zu lernen misten. , Rosina und Viktor hatten schon aufgespannte Schmetterlinge gesehen, sie befanden sich in Kasten und leuchteten so bunt, als wären sie noch am Leben. Viktor glaubte zwar nicht daran, daß in einer fo häßlichen Hulse em Schmetterling stecken sollte. Aber Rosina wußte es besser. Die Tage gingen. Die Puppe rührte sich nicht. Dann, an einem klaren Morgen, als die Kinder ins Gartenhaus kamen, hatte sie über Nacht eme blaurot!uf)e Färbung angenommen; zum Fürchten sah sie aus; und es schien, als bewegte sie sich ein wenig. «vJRotyla [e^te s'ch.auf die Bank und schaute zu. Ihr klopfte das Herz. Biktor stand neben ihr. Seine seidenen Mützenbänder hingen unbeachtet nieder. Er wartete, was Rosina sagen würde. 2ll>er sie sprach diesmal nicht, sie schaute nur; so schaute auch er. Unb plötzlich sahen die Kinder, wie an der Puppe eine Deffnung entstand und etwas zum Vorschein kam. Es war ein Köpfchen mit Fühlern. „Er beißt sich durch", sagte Rosina. Sie beobachteten weiter. Minuten gingen hin, ein Stück Jugend, lang wie eine Ewigkeit, rann vorüber, und der Wind rauschte in den Gartensträuchern, und die Kinder schwiegen und hielten den Atem an. Unb bann sahen sie, wie sich der Schmetterling, ein langgestrecktes helles Wesen, herausarbeitete. Unb noch einmal eine Ewigkeit und eine lange Stille; bann war er frei von feiner Hülfe, und nun rührte er die zerfalleten fylügel, ganz zaghaft ... Plötzlich fiel Rosina die Tante ein, und sie lief ms Haus, sie zu holen, denn dieses Wunder hätte sie allen Menschen zeigen mögen. Nach einer Weile kam Tante Kahlbek herausgeschnauft. Sie sah den fertigen Schmetterling, erklärte den Kindern, daß es ein Schwalbenschwanz geworden fei, und daß sie jetzt rasch Schwefel holen würde, um ihn zu ersticken. Damit begab sie sich ins Haus zurück. „Kann man ihn denn mit Schwefel totmachen?" fragte Viktor ungläubig. Rosina nickte. Sie sah jetzt, wie der Falter seine Flügel glättete. Die waren gelb wie Schwefel, und lauter schwarze Streifen durch zo gen sie- Auch einen blauen Punkt gab es auf ihnen und sogar einen roten. Immer beweglicher wurde der schöne Schwalbenschwanz. Viktor fragte, ob Schwefel Gift sei. Rosina nickte. Ihre Mutter pflegte ihn beim Einmachen der Gartenfrüchte zu brauchen. Sie dachte nach. Ihr war erst eingefallen, baß er ja außerdem noch auf eine Nadel gespießt werden sollte, der Schwalbenschwanz. Sie kannte diese schönsten Schmetterlinge von den Wiesen ihrer Heimat her. Ihr war, nun sie den Neugeborenen ansah, als sei er ihr schon einmal begegnet. Schwalbenschwanz ... sie wartete jetzt nur noch daraus, daß er seine hübschen kleinen Schwänze an den hinteren Flügeln nach links unb nach rechts ausstrecken würde, sie wartete ... unb jetzt geschah es: er breitete fein gelb und schwarz gezeichnetes Flügelpaar aus unb wiegte es samt den beiden Schwänzen, dem blauen Punkt und dem roten Punkt. Seine volle Schönheit ward offenbar. „Kommt sie jetzt mit ihrem Schwefel?" fragte Viktor ungeduldig und spähte zum Hause hinüber. „Noch nicht", erwiderte Rosina zornig. Sie soll überhaupt nicht kommen, du!" Ihr war, als hätte sie Schwefeldampf im Munde, und als müßte sie husten. Das beste würde sein, wenn Tante Kahlbek inzwischen krank- geworden wäre und gar nicht mehr käme, und man dürfte den Falter behalten und ihn lebendig, wie er war, sich wiegen lasten. Sie hatte Angst vor Tante Kahlbek. ÜBenn sie nun käme und Rosina ausschetten müßte? Das würde arg fein! Warum aber sollte sie schelten? Da Rosina doch nichts Schlimmes getan hatte! Plötzlich ergriff sie das Glas mit beiden Händen, drückte es gegen die Brust und lief davon, zu den Fliederbüschen hinüber. Viktor folgte ihr. Sie versteckten sich unter den tiefen Zweigen und fetzten sich nieder. Hier war es wie in einer grünen Höhle. Sie lauschten Nach war nichts von der Kahlbek zu hören. Vielleicht mar ihr der Schwefelfaden ausgegangen, unb sie mußte erst neuen besorgen? Die Zeit ging hin, eine Ewigkeit nach ber anderen Rosina stellte bas Glas auf ben Boden Sie drückte das Gesicht ins vorjährige Laub und sah, daß der Schwalbenschwanz zu Hügeln versuchte. „Wollen wir ihn lieber selbst totmachen?" erkundigte sich Viktor. „Wie dumm du bist!" schalt Rosina den prächtigen Matrosen. Noch schöner als dieser Matrose erschien ihr der Falter, nur kleiner..« fo klein und fo leicht war er wie ein buntbemalter Windhauch. „Wie dumm du bist!" wiederholte sie nach einer Weile. Jetzt löste sie die Papierdecke vom Glas und legte ihre Hände auf dir Oefsnung. Noch stand die große Tante Kahlbek in einem Winkel ihres Kopfes, noch hatte Rosina ein wenig Angst. Dann schwand auch dieser Rest von Angst dahin. Sie hob die Hände vom Glas und gab die Deffnung frei. Der Schwalbenschwanz hätte fortfliegen können. Aber er tat es nicht. Vielleicht dachte er an die Kahlbek. Und auch Rosina dachte wieder an sie und deckte rafch beide Hände auf die Deffnung und begann zu schluchzen. Sie meinte leise, nur Viktor härte das leise Mückengesumm ihrer Stimme. Er ahnte, roarum sie meinte. Töten mollte sie den Falter mohl nicht. Wenn aber die Tante kam, mürbe sie bestimmt Schelte bekommen. Dafür fürchtete sich ber Matrose. Er schlich sich, ohne ein Wort zu sagen, durch die Büsche davon, in den elterlichen Garten hinüber. Rosina mar allein. Die Tränen liefen ihr über die Backen und kitzelten sie. Plötzlich hatte sich der Falter unter ihre Hand gesetzt, und dies kitzelte auch und noch viel mehr als die Tränen. Und roeil es sie so sehr kitzelte, hob sie die Hände, und an ihren Händen hob sie ihn aus dem Glase heraus. Er hing wie ein heller Schmuck. Er ließ sich von Rosinas Hand fallen. Er kreiselte vor ihrem Gesicht wie eine kleine Windmühle. Darauf, als traute er seinen Flügeln noch nicht, setzte er sich an eins ihrer Löckchen, Rosina ließ ihre feuchten Augen zur Seite gehen, sie sah ihn nahe vor sich und sah seine kleinen stolzen Schwänze; und sie bewegte sich nicht. Sogleich aber schwebte er mit einem einzigen Flügelschlag ins Grün der Fliederzweige hinauf, tuschelte ein wenig zwischen den Blättern und war verschwunden. Einmal aber wird die Tante Kahlbek kommen. Was wirst du ihr bann sagen, kleine Rosina? In meiner Mutier Garten. Von Hermann Claudius. In meiner Mutter Garten eine Kastanie steht. Wenn man darunter geht, breitet sie dunkel die Krone. Durch die dunkle Krone weht ein heimlicher Wind. Ich fühle mich wieder Kind in meiner Mutter Garten. In meiner Mutter Garten — ich vergaß seiner lang — singt ein heimlicher Sang aus der dunkelnden Krone. In meiner Mutter Garten — wie das geschehen mag — ward mein Leben ein Schlag, ein einziger Stundenschlag unter der dunkeln Krone. Schwetzingen. Von Wilhelm Hausen st ein. Die kleine Stadt, die „spargelberühmte", dient dem nicht minder berühmten Schloß, wie ein Vorsaal dem fürstlichen Audienzzimmer dient. So besitzt sie die Prägung der Residenzorte von Erlangen bis Ludwigsburg, von Mannheim bis Potsdam, von Alt-Karlsruhe bis Versailles. In diese Reihe der barocken Fürstenorte eingerückt, ist Schwetzingen wohlgeordnet, übersichtlich und von enthaltsam-bürgerlicher Devotion gegenüber der Hoheit. Schwetzingen ist im Stil des 17. und 18. Jahrhunderts „national" bis zur Nüchternheit. Ja ein wenig bezeugt es den Stil einer kasernierenden Siedlung: den Stil einer prunkios uniformierten Truppe, die vor dem Schloß in Reih und Glied steht als vor ihrem Obersten. Man verspürt auch den mathematischen Sinn des Zeitalters (wie Barock ja das Zeitalter der Kepler, Newton, Leibniz gewesen ist, ein Zeitalter großer Rechner, nicht bloß ein Zeitalter überschwänglich ausschwärmender Einbildungskraft); das Städtchen ist ein Stück barocker Planimetrie und barocker Neigung zum Schach. So steht es da, bescheiden, hellgrau, diszipliniert, und so ist es geeignet, das kurfürstliche Schloß Schwetzingen recht ins Relief zu heben. Das einzige Motiv der Ueppigkeit an diesem oder jenem Hause der kleinen Stadt: das schwere, gleichsam feiste kurfürstliche Wappen in bemaltem Stein über einer Tür. Es sieht aus wie eine vergoldete Epaulette an einem schlichten Waffenrock. So glorreich wie das Bruchsaler Schloß wendet die Stadtseite des Schwetzinger Schlosses sich nicht her. Auch ist das Unbehagen, das man von der schier blutroten Farbe des Mittelbaues empfängt, erst zu überwinden — und überdies scheint das etwas laute Gelb der seitlichen Bauten dem unmittelbären Raumbild der Schloßgestalt einigermaßen Eintrag zu tun. Gleichwohl steht das Ganze kräftig gehalten in dem burgartig aufgemauerten Kernbau, herrschaftlich da; ist der Anblick nicht eben großartig, so ist er doch stark und gebieterisch. Den Mittelbau durchschreitend erblickt man mit einemmal die geregelte Weite eines Schlohgartens, von dessen imponierender barocker Lagerung und Bereitung, Spreizung man sagen darf, sie suche in der Welt ihresgleichen! Ich für meine Person kann nicht finden, daß der Garten von Versailles eine dermaßen glückliche Wirkung tue. Einem Lernenden würde ich das Wesen des barocken Gartens nicht ohne Vorliebe gerade aus dem Schwetzinger Garten beweisen wollen: den kolonisierenden Stil barocker Gartenkunst; das in des Wortes kühnstem Sinn „Unternehmende" daran; das erstaunlich Produktive barocken Gartenbaues (der wirklich „Bau" ist); den Sinn des barocken Gartens für die Ebene, die, in geometrischer Figuration des Risses durchgebildet, das eigentliche Element dieses Kunstbereiches ist; und immer, immer wieder das Verlangen des Barockgartens nach „Dimenfionalität", nach einer Ausdehnung, die mit aller Bestimmtheit und Begrenztheit der Ordnung das Unendliche zu streifen scheint. Die symmetrische Ordnung des Gartenparterres ist völlig klar und leuchtet ein. Noch die natürliche Freibeit der mächtigen Alleebäume zur Rechten und Linken hat an der barocken Ordnung teil, fast alle diese Bäume nehmen, vom Gärtner gezogen, über den Stämmen eine leierförmige Figur an. Doch ist der Garten nicht nur auf die Klarheit der Ordnung gerichtet, sondern auf das Gegenteil: auf das Labyrinthische, aus die Ueberraschung. Mitten im großen Garten findet sich ein besonderer, mit Mauern umhegter Baumgarten. Es ist nicht ourchaus einfach, sich in diesem Verhältnis auszukennen; nicht durchaus einfach, aus diesem Sondergarten heraus- und hineinzukommen, wenigstens das erste Mal. In diesem erwärmten Geruch des Holzes und des Laubes, einem trockenen, herb- süßen Geruch, verlieren sich Gedanken, Sinne, Unterscheidungen. sich mit dem starken, reinen und strengen Aroma des Buchses; die klmgen- )en Wasserstrahlen konzertieren; man fühlt sich in der Einsamkeit dieses Verstecks, in der auch die lebenden Tiere sonderbarer werden, wie in der Sphäre der Verzauberung. , , Dort erhebt sich über einer Anhöhe, deren Grund von Tunnels durchbohrt ist, ein antikischer Rundtempel. Die Gewölbe aus rohem Stein, die den Tempel tragen und mit labyrinthischen Gängen unterkellern, bezeugen die Vorliebe des Barocks zur werdenden Neigung des Rauhen, ja, zum Ruinenhaft-Romantischen; die werdende Neigung zum Verlassenen und Unheimlichen, das der mathematischen Uebersichtlichkeit des Gartenparterres als der andere Pol entgegensteht ... Von diesen Grotten fuhrt die Heimlichkeit der Wege mit magnetischem Zwang zum Badehaus des Sur« ürften, dem dieser Schloßgarten die Mitte seines Lebens gewesen ist; Carl Theodors, des Pfälzers. Die Initialen melden den Eigner und Lieb, Haber des Badehauses, C. T. Innen ist eine wahre Kostbarkeit. Fran- zösische Plafondmalereien entzücken, und Wandbilder von der Hand Ferdinand Kobells bewegen mit ihrer schlichten, unscheinbaren Tiefe das Gemüt, wie sie der Schönheit ihrer Malerei das Auge reizen, beschäftigen und erquicken. Die Luft im weiten Schloßgarten ist heiß und still; noch ist es Sommer, und er liegt auf diesen Gründen, die einmal Sumpf gewesen sind, mit dem ganzen Gewicht seiner dumpfen Glut. Der Himmel droben steht silberblau auch mit Fliedertönen, Veilchentönen zwischen den Baumkronen, die gewaltig starren. Dann und wann kommt aus der Rheinebene ein leichter und lauer Windstoß herüber. Es ist so heiß, daß die Schläfen die Lauheit des Windes als wirkende Kühle empfinden. Die Bassins und die Kanäle sind mit olivbraunem Wasser gefüllt; es steht unbewegt; Schwäne ruhen schwimmend; um ihre unbewegten weißen Wunderleiber schießen ruckweise die funkelnden Libellen. Die Wasser sind mit kleinen Brücken überschlagen, die ein Ufer mit dem andern verbinden — aber sie sind wie Fallen, denn wenn man sie überschritten hat, ist man des Weges, den man sucht, noch ungewisser als vorher. Die kleinen Brucken heißen „chinesisch"; man könnte sie auch venezianisch nennen, denn wie die venezianischen Brücken den Weg, den sie zu erleichtern scheinen, in Wahrheit nur schwieriger machen, so sind die Brücklein im Schwetzinger Garten geeignet, das Labyrinthische noch mehr zu komplizieren, obwohl man meint, die Gartenlandschaft und ihre Ordnung vom Scheitel der Brückchen zu überblicken. So sieht man sie auf die Dauer lieber an, als daß man sie benützt. Aber freilich: sie wollen verwirren; sie sollen es. Auch dies gehört ja zum Wesen des Schwetzinger Gartens. Den Frauen, die an diesen Brücken vor anderthalb Jahrhunderten in reizender Verlegenheit Wege suchten, hat die Galanterie barocker Herren dann die Auskunft gewiesen, die beide finden wollten ... Helle Standbilder, Mythologien aus der schmückenden Hand des Verschaffelt, stehen wie Bäume in alleeartigen Reihen. Aus den Mündern steinerner Hirsche, die weih sind wie Marmor, springen kühlende Brunnen in starkem Strahl. Am Boden, halb im Baumschatten, halb im Licht, schimmert und funkelt die Lackfarbe des Immergrüns. In den Nutzgärten, die an den herrschaftlichen Lurusbezirk des Schloßgartens anstoßen, Zonen des Fleißes, der mühsamen Arbeit, blinken die Blätter der sorgsam gepflegten Obstbäume und wuchern die erlesenen Gemüse. * Vielleicht wird uns eines Tages bewiesen werden, daß die Gotik des Mittelalters mit jenen Westgoten zu tun hatte, die an der Baukunst der spanischen Sarazenen die ersten gespitzten Bogen sehen mochten. Vielleicht wird eines Tages einläßlicher gezeigt sein als jetzt, wieviel das Barock der Levante zu danken hat. Es ist sicher, daß die Barocken das Erotische geliebt haben, und aus dieser Liebe der Barocken hebt sich mitten im Schwetzinger Garten — eine Moschee! Da steht sie. von Carl Theodor besohlen, mit zwei Minaretts und den halben Monden, die das Zeichen der Muselmänner sind! Da steht sie mit den Kielbogen der islamischen Baukunst und mit Sprüchen morgenländischer Weisheit. „Wegen der Rose begießt man die Dornen." „Ein Laster der Weisen gilt für tausend." „Erwirb dir Gold, soviel du brauchst, und Weisheit, soviel du vermagst." „Einsamkeit ist besser als böse Gesellschaft." Wir dürfen nicht daran zweifeln, daß die Barocken in ihrer exotischen Wendung einen mitent- fcheidenden Teil ihres Wesens verwirklicht haben. Freilich: nahe der Moschee verwirklicht das Barock, dessen Herrscher golden waren wie das Morgenland und üppig wie Asien, einen anderen, nicht minder entscheidenden Teil seines Wesens in einem kleinen antikischen Minerva- tempel. Aber keiner dieser Bauten, weder der antike noch der islamische, ist in dieser Sphäre des oberrheinischen Sommers unwahrscheinlich. ♦ Am Rückweg vermißt man von Schritt zu Schritt die Gartenseite des Schlosses. Es ist eine ruhige Schauseite. Die Ockerflächen sind rötlich gerahmt; das Schieferdach, zum Teil barock gewellt, steht darüber mit mattblinkendem Dunkelgrau. Rechts und links greifen Bogen aus: Zirkelviertel, niedrig, eingeschlossen, in Ocker und Steinrot und am barocken Dach mit Schiefer gedeckt. Das Schloß ist auch auf dieser Seite einer zu sich selbst sprechenden, sich selbst fühlenden Repräsentation ziemlich einfach; aber es ist zumal auf dieser Seite schön. Im Innern fast bürgerlich schlicht, atmet es doch heute noch seine — man darf wohl sagen — weltgeschichtliche Bedeutung. Es hat neben Versailles und Aranjuez, neben Saint- Cloud, Sanssouci, Schönbrunn und Nymphenburg seine Rolle gespielt: von dem ehrgeizigen Friedrich V. an bis über den pompösen Earl Tbeodor hinaus, und eine Aufführung in dem angeschlossenen köstlichen Barocktheater möchte man um 1750 wohl erlebt haben. Aber dies ist noch nicht das ganze Schwetzingen. Die letzten Umwege gelten fc?m Grab des geliebten Johann Peter Hebel, der, badischer Prälat und Gymnasiarch, in dieser Stadt, im Bereich dieses Schlosses am 22. September 1826 auf einer beruflichen Fahrt gestorben ist. Die Dinge sind im Parkbezirk absichtlich versteckt. So findet man die „Voliere": das Freiluft-Vogelhaus mit dem leichten Kranz wasserspeiender Vogelbilder droben in der Höhe; der dumpfe Brodem der Tiere mischt Verantwortlich. Dr. Hans Thyriot — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerlitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Giebe«.