SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, -en 20. Dezember Nummer 99 Die Insel öer fünf Millionen Pinguine Von Lherrg Kearton Deutsch« Recht« durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten 4. Fortsetzung. Sechstes Kapitel. Mauserleiden. — Er kann nicht mehr tauchen. — Hunger. — Mit einem Fuß im Grab. — Die Federinsel. — Der raffinierte Kniff. — Genesung. Opfer der Mauserung. Vieles im Leben haben wir mit den Pinguinen gemein — doch etwas, was ihrer alljährlichen Mauser entspräche, kennen wir nicht, und dafür können wir nur herzlich dankbar sein. Danach zu urteilen, wie sie die Pinguine packt, muß sie jedenfalls etwas äußerst Unerfreuliches fein, da sie die Unannehmlichkeiten einer langen Hungerzeit mit denen eines schweren nervösen Zusammenbruchs verbindet; im schlimmsten Fall aber ist es eine wirkliche Tragödie. Sicherlich wird später irgendwann einmal die Pathologie der Pin- guine wissenschaftlich genau erforscht werden, und dann werden wir vieles verstehen, wovon wir jetzt nur die unerklärlichen Wirkungen sehen. Heute wissen wir zum Beispiel wohl, daß die Pinguine gleich andern Vögeln mausern, wir wissen aber weder, warum die Mauserung zu einer bestimmten Zeit mehr als zur anderen eintritt, noch warum, während die Mehrzahl im Dezember mausert, ein paar Tausend dies zu andern Zeiten tun — und mit verheerenden Folgen. Ebensowenig ist uns bekannt, woran ein Pinguin spürt, daß seine Mauserperiode herannaht. Das ist aber unzweifelhaft der Fall, denn er bereitet sich darauf vor. Er geht dann häufiger auf Fischfang, bleibt länger dabei aus und tut tatsächlich alles, was er nur kann, um sich in guten Stand zu setzen und einen Fettvorrat aufzuspeichern. Die Wirkungen dieser Ueberernährung werden bald augenscheinlich. Zwar ist es, wie ich schon erwähnte, etwas Alltägliches, daß Pinguine dick vollgefressen von der See heraufgewatschelt kommen, allein das gibt sich rasch. Bei den Vögeln aber, die wissen, daß ihre Mauserperiade naht, gibt es sich nicht. Sie gleichen Weihnachtsmastgänsen — nur daß die Mast ganz freiwillig geschieht. Sie werden fetter und immer fetter — bis eines Tages das erste unverkennbare Zeichen des Mauserns erscheint. Von diesem Augenblick an ist alles mindestens sechs Wochen lang grauestes Elend — und unter diesen Umständen kann niemand es dem mausernden Pinguin verdenken, wenn er übellaunig und verstimmt ist. Wenn er die schlimme Zeit zum erstenmal durchmacht, begreift er sicher überhaupt nicht, was mit ihm vorgeht. Obwohl ein Vorgefühl ihn gewarnt hat, versucht er fein normales Leben weiterzuführen. Er watschelt zum Strand hinunter mit der Absicht, ins Wasser zu gehen, paddelt auch hinein, läßt sich von den ersten Wellen mitnehmen und macht dann die gewohnten Anstalten zum Tauchen. Aber daraus wird nichts! Er bleibt über Wasser. Es ist unerklärlich, und er versucht es wieder und wieder, bis er sich gezwungenermaßen mit der Tatsache ab find en muß, daß er die Kraft zum Tauchen verloren hat. . Er selber kann sich freilich keinen Vers darauf machen — wie sollte auch ein Pinguin Ursache und Wirkung ergründen können? — wir aber wissen, daß ihn fein aufgeplustertes Gefieder wie ein Kork an der Oberfläche hält, so daß er sogar jedesmal, wenn er mit aller Kraft ein paar Zentimeter tief taucht, sofort wieder aufgetrieben wird. Was das für einen Pinguin heißen will, wird man verstehen, sobald man daran denkt, daß er ausnahmslos unter Wasser schwimmt und auf Nahrungssuche geht. Ein Pinguin jedoch, der seine Tauchkrast verloren hat, kann nicht ins Meer hinausschwimmen — und wird jedenfalls keinen einzigen Mch fangen, so daß er sich völlig durchhungern muß, bis er wieder tauchen kann. . . Ein Glück nur, daß er — obwohl er offenbar nicht ahnte, daß er seine Tauchkraft verlieren würde — durch den Instinkt dazu getrieben wurde, sich zum voraus mit Nahrung vollzustopfen und so eine Kraftreserv anzulegenl In den letzten Tagen muh er zweifellos em unangenehm überladenes Gefühl gehabt haben, aber ohne das vermochte er es mchi einmal drei bis vier Tage auszuhalten, geschweige denn so viele, wie e nun vergehen lassen muß, bis er wieder einen Fisch zu schmecken bekommt. Doch obwohl er sich dank dieser Reserve am Leben erhält, in der Art? etwa wie ein Kamel in der Wüste ohne Wasser auskommt, ist fein Leben während dieser Zeit doch nur ein langsamer Auszehrungsprozeß mit der begründeten Hoffnung, daß er durchhält, bis er genesen sein wird. Während der ersten vierzehn Tage tritt keine nennenswerte Veränderung seines Umfangs ein, obwohl die Federn rasch ausfallen: nachts bildet sich, wenn er auf einem Fleck stehen bleibt, auf dem Boden ein ganzer Federring um ihn her. Dann aber wird er von Tag zu Tag merklich dünner. Während der ersten Mausertage, solange er noch rund ist, sieht er meist recht sonderbar aus mit seinem lockeren wie gesträubten Gefieder, das nichts mehr von der gewohnten ordentlichen Glätte hat. Die Mauser vollzieht sich nicht in irgendwelchem regelmäßigen Ablauf, etwa vom Kopf abwärts den Körper entlang, sondern die Federn fallen fleckweise an den Stellen aus, wo gerade neue Federn durchkommen. Das gibt den Pinguinen ein etwas scheckiges Aussehen, das keineswegs zu ihrer Schönheit beiträgt. In der Regel ähneln sie alten Juden in abgetragenen und verschossenen Pelzmänteln, die von Tag zu Tag mit wahrhaft erschreckender Schnelligkeit immer schäbiger werden. Eines der ersten Dinge, die die meisten Pinguine tun, wenn das Mauserelend über sie kommt, ist, daß sie ihr Nest verlassen. Der Grund dafür ist nicht recht klar. Man sollte doch meinen, daß der Pinguin sich gerade in seinem geschwächten und mangelhaft bekleideten Zustand so tief wie möglich in die Wärme des Nistlochs verkriechen würde, statt dessen aber „kampiert" er im Freien auf irgendeinem Sandfleck. Ich kann es mir nur so erklären, daß er das Bedürfnis nach Gesellschaft hat — nach der Gesellschaft anderer Wesen, denen es ebenso jämmerlich geht wie ihm. Jedenfalls ist dieses Verhalten im allgemeinen die Regel*. Der Vogel verläßt das Nistrevier und begibt sich nach den offenen Sand- und Felsgebieten, wo er Stunde um Stunde in der erbarmungswürdigsten Haltung auf einem Fleck stehen bleibt ohne sich zu rühren. Tausende von Pinguinen kann man so auf einem dieser freien Plätze engversam- melt stehen sehen, und einer sieht immer kläglicher aus als der andere. Ab und zu zeigt einer der im Anfangsstadium begriffenen Mauferer, daß er noch über Kräfte verfügt, indem er einen Felsbrocken erklimmt. Dort bleibt er ein paar Minuten lang stehen, und wenn er wieder hinuntergekletiert ist, nimmt ein anderer feinen Platz ein. Es ist genau, als ob vor einer großen, aber ziemlich gelangweilten und unaufmerksamen Zuhörerschaft ein Redner nach dem andern die Tribüne bestiege. Zweifellos verspüren die Pinguine während der Mauser ein beträchtliches Unbehagen, ganz abgesehen von dem Gefühl langsamer Aushungerung. Das bedrückt sie ungeheuer und macht sie in mafidjen Fällen sogar recht bissig. Ich beobachtete zwei Pinguine, die auf der Insel ankamen und sich sofort nach ihrem vorjährigen Nest aufmachten. Kaum waren sie eingerichtet, als das Weibchen zu mausern begann. Da das Männchen dabei war, verließ das Weibchen das Nest nicht, sondern blieb wie ein Häuschen Unglück sitzen. Für den Herrn Pinguin war das natürlich ein Vorteil infofern, als damit die Frage, wer das Haus hüten sollte, von vornherein entschieden war und er somit jederzeit nach Belieben auf Fischfang gehen konnte. Ich muß aber sagen, daß er sich seine Freiheit nicht ungebührlich zunutze machte. Er bezeigte feiner Frau sehr viel Zärtlichkeit, küßte und umarmte sie häufig, warf den Kopf zurück, um ihr etwas zuzurufen oder zu gurren. Auch knabberte er an den kurzen Federn um ihre Brauen und ihren Schnabel, denn sicherlich verursachten die neu- fprießenden Federn ein Jucken, das durch feine Fürsorge etwas behoben wurde. Allein Frau Pinguin litt zu jener Zeit an Reizbarkeit. Sobald ein anderer Pinguin nur an ihrem Nest vorbeikam, beugte sie sich vor, tim, wie es den Anschein hatte, „gehörig anzugeben". Sie war aufgeregt und reizbar und mit dem Aussehen ihres Hauses unzufrieden. Einmal ums andere hujchte sie unversehens ins Innere, pickte ein Stäubchen auf, das hineingeweht war, und kehrte dann ins Freie zurück, wo sie sich — ein wahres Bild des Jammers — mit hochgezogenen Schultern und ein- gezogenem Kopf hinfetzte, bis sie von neuem der Putzteufel packte, worauf die Sache von vorn anfing. Und die ganze Zeit wurde das bedauernswerte Geschöpf gleich Tausenden anderer nicht minder bedauernswerter Geschöpfe ringsum Immer magerer und magerer, bis es schien, sie würde an Auszehrung zugrunde * Freilich gibt es hier wie bei jedem Naturgesetz auch Ausnahmen. Bei der großen Mehrzahl der Fälle vermag zwar nicht einmal das Vorhandensein von Jungen den mausernden Pinguin daheim zurückzuhalten, hin und wieder einmal aber bleibt doch einer, wie in der nächsten Episode, die ich erzähle, ober es kommt auch wohl ein Weibchen, das das Nest schon verlassen hat, au» purer Mutterliebe zurück. unvermeidlich. Siebentes Kapitel. ft« !el sammeln können. Dann ist in den Fütterstunden die Speisekammer leer und jede Hoffnung, sie frisch zu füllen, vergeblich. Dl« Kücken schreien am Schnabel der Mutter — doch sie kann ihnen nichts geben und verlaßt sie bald, um sich jammervoll im freien Lande hinter den Mstftatten oder am Strande aufzustellen. . . Vielleicht mausert nur eines der Eltern, dann widmet sich der ander« Teil ganz und gar der Fürsorge für die Brut; mausern aber beide zugleich, dann besteht nicht die geringste Hoffnung, daß die Jungen am Leben bleiben. In manchen Fällen sind dies« gezwungen — wie ich es an anderer Stelle beschreib« — außerhalb des Nesis nach Futter zu suchen- aber selten nur finden sie welches. Dann ist das ttaurrg« Ende Di« Feinde. — Möwen. — Jbiffe. — Der Gassenkehrer der Insel. — Der Polyp. — Der Haifisch. — Die Einbeinigen. — Geheimnis der Natur. gehen. Das, was ich den „Humpelrock" nannte, verschwand vollkormnen, und statt dessen zeigte sich ein Paar ziemlich enger Hosen. Der Bauch war eingezogen, alles hing an chr, und die Flossen schienen viel weiter als gewöhnlich vom Körper abzustehen, was aber nur jo aussah, weil der Leibesumfang stark abgenommen hatte Es siel mir auf, daß ich nie einen Pingum an feiner Mauser M- grundeaehen sah, wenngleich eine Menge schon mit einem Fuß 'm Grab zu stehen schienen. Vielleicht hält eine geheime Hoffnung, daß eines Tages all das Elend doch einmal ein End« nehmen muß, sie am Leben. Auf dem Höhepunkt der Mauserzeit könnte man die Insel der Pinguine mit vollem Recht die Federinsel nennen. Es ist wirklich em ganz merkwürdiger Anblick, und für jeden Federbett-Großindustriellen mußte es ein wahres Augenlabsal sein. Federn bedecken ringsum den ganzen Boden und fliegen bei jedem Windhauch umher. Alle Bodensenkungen sind bald mit Federn gefüllt; ich habe mitten in Federhaufen gestanden, die über einen Viertelmeter hoch waren. Und natürlich dringen sie auch in die Nistlöcher — zum großen Abscheu der Insassen, denn ,m stZegen- saß zur Eiderente oder zur gemeinen Wildente betrachtet der Pmgmn abgeworsene Federn niemals als gutes Polstermaterial für fein Nest. Doch Gott sei Dank nimmt alles einmal ein Ende, und so kommt nach sechs bis sieben Wochen auch der Tag, an dem die Genesung der Pingum« vollzogen ist und sie im Glanz eines völlig neuen Gefieders erstrahlen. Daß sie diesen Tag nicht geduldig abwarten, versteht sich von selbst Sobald sie sich etwas munterer fühlen und merken, daß tms Ende der Henn- fuchung nahe bevorfteht, machen sie sich auf den Weg zum Strand hinab. Zwar find sie noch nicht in der Verfassung, ohne weiteres zu tauchen, aber sie haben sich immerhin genügend erholt, um es mit etwas künstlerischer Nachhilfe sertigzubringen. Darin sind sie außerordentlich raffiniert. Ich kenne in der Tat kaum irgendeinen Kniff wildlebender Tiere, der so sehr meine Bewunderung hervorrust. Das Gegenmittel für all- zustarken Auftrieb ist Vergrößerung des Gewichts bei gleichem Volumen __ mit andern Worten die Aufnahme von Ballast. Man würde kaum erwartet haben, daß die Pinguine das wissen. Und doch ist es so, und jo werden die Vögel nach beendeter Mauser ihrer Schwierigkeiten Herr, indem sie — Steine verschlucken! Man kann sie nun die Küste entlang wandern und einen Kiesel nach dem andern prüfen sehen, wobei sie manche liegen lassen (die wahrscheinlich zu groß sind oder nicht glatt genug, um sich leicht schlucken zu lassen), während sie andere hinunterschlingen, bis sie genügend Ballast an Bord genommen zu haben glauben. Es ist schwer zu sagen, wieviele Steine ein Pinguin durchschnittlich schluckt, denn das kommt natürlich sowohl aus die Größe der Stein« als auf die Größe des Vogels an; eines aber ist sicher: daß ein Tier, das sich bei Windstille mit einem halben Dutzend etwa murmelgroßer Steine begnügt, bei bevorstehendem Sturm Sorge trägt, sich mit einigen weiteren zu versehen. Gleich den Möwen und anderen Vögeln besitzen die Pinguine ein Vorgefühl für schlechtes Wetter lange vor dem Austauchen sichtbarer Zeichen, und man kann auf der Insel sogar eine Wetterprognose erhalten, indem man lediglich die Zahl der Steine feststellt, die sie verschlucken. Natürlich kann sich der Pinguin wie jeder andere Marineingenieur gelegentlich verrechnen und, nachdem er schon in See gestochen ist, genötigt sein, noch einmal kehrtzumachen, um Verbesserungen vorzunehmen. Doch sobald er sicher festgestellt hat, daß Tauchen und Unterwasserschwimmen wieder möglich sind, bricht er nach den Jagdgründen des Ozeans auf, sicherlich in der Hoffnung, auf einen guten Fifchschwarm zu stoßen, ehe allzuviele Meilen zurückgelegt sind. Sobald er solchen Schwärmen begegnet, bleibt er in ihrer Mitte und stellt dadurch seine Kraft und Leistungsfähigkeit wieder her. Das dauert bis zur nächsten Brutperiode, zu welcher Zeit er mit seinem Ehegenoffen von neuem auf der Insel landet. Natürlich geht das Männchen nicht immer zugleich trat dem Weibchen zur See, da die Mauser bei beiden ost zu verschiedener Zeit beendet ist; es ist aber erwiesen, daß der Pinguin im nächsten Jahr fast ausnahmslos mit der gleichen Gefährtin zum Nisten zurückkehrt. Also müssen di« Tiere sich im Fischrevier wieder zusammenfinden. Wie ihnen das freilich bei einer so ungeheuren Wasserfläche möglich ist, weih ich nicht. Die Natur hat es so eingerichtet, daß die Mauser mehr oder weniger im Dezember anfängt und im Februar zu Ende ist, so daß die Brutzeiten völlig frei gehalten werden. Allein nicht immer werden die Gesetze der Natur befolgt, selbst von den wilden Geschöpfen nicht. Ich bin mir Übrigens nicht sicher, ob sich jedermann diesen Punkt klarmacht. Manchmal hört man sagen, alle Leiden, die scheinbar das Erbteil der Menschheit seien, beruhten auf dem Widerstreit der Kultur mit der Natur, und wären überhaupt nicht vorhanden, wenn wir im vollkommenen Naturzustand lebten. Es ist nicht meine Aufgabe, für oder gegen diese Auffassung zu kämpfen; Tatsachen aber bleiben Tatsachen. Unter den Pinguinen gibt es nichts, was man Zivilisation nennen könnte, und der Zustand, in dem sie leben, ist gewiß ihr Naturzustand. Und doch mausern aus einem unbekannten Grunde viele Tausend« zu einer Zeit, wo sie wegen ihrer körperlichen Untauglichkeit ihre Jungen nicht ernähren können —■ das heißt, statt in dem dafür bestimmten Zeitraum zu mausern, mausern sie mitten in der Brutzeit, was den kläglichsten und elendesten Tod der Jungen nach sich zieht. Ich meine schon gezeigt zu haben, daß die Pinguine gute Eltern sind. In Krisen wie dieser aber opfern sie sich bis zum äußersten aus. Sie wissen wohl, daß jetzt die Zeit da ist, in der sie für sich selber sorgen sollten, indem sie so viel Nahrung in sich hineinstopfen, wie sie nur aufnehmen können. Statt dessen aber füttern sie ihr« Jungen immer weiter und lassen die jetzt dreifach kostbare Nahrung in den Schnabel zurückfließen, so daß sie, wenn die Mauser einsetzt, selbst in elendem Zustand sind und sehr wenig Widerstandskraft gegen di« Schrecken dieser Zeit haben. Doch ist nur zu oft selbst dieses Opfer vergeblich. Mütter und Väter mögen sich die nötige Vorbereitung verfagen, einmal aber kommt doch der Tag, an dem sie weder für sich noch für di« Kücken mehr Speise Wenn ich auch nicht so weit gehen kann zu behaupten, daß dl« Schwarzfußpinguine im Aussterben begriffen sind, so kann doch nicht der leiseste Zweifel darüber herrschen, daß ihr« Zahl nicht zunimmt; und ich neige zu der Ansicht, daß sie tatsächlich abnimmt. Aus den ersten Blick scheint das kaum glaubhaft, da sie zweimal rm Jahre brüten und in jeder Brutzett zwei Eier legen, und da ihr Leben zehn bis zwölf Jahr« währt und fie während dieser ganzen Zeit fort- p^Doch^e^Natur geht ja allenthalben mit einer unglaublichen Per» schwendung vor. Welch ungeheure Menge Eicheln trägt oft ein einziger s&nun — und doch ist die Welt nicht über und über mit Eicheln bewachsen. Wie unzählige Samenkörner enthält eine Schote ... Wohin man sich auch wenden mag in der Natur; überall herrscht dieselbe Boraiw- setzung, daß der weitaus größte Teil alles Samens nie zur Befruchtung gelangen wird. Beim Pinguin ist das schlimmste die ständige Lebensgefahr; st« beginnt in dem Moment, wo das Ei gelegt ist. Ich erwähnte schon Möwe und Ibis, die gemeinsam dafür sorgen, daß nicht allzuviel« Eier ms zum Ausbrüten im Nest bleiben. Der Kampf zwischen diesen Vögeln und dem Pinguin ist natürlich von Anfang an höchst ungleich, denn dem Pinguin, der nicht fliegen kann, stehen ja nur sehr gering« Nerteidigungs- Möglichkeiten zu Gebote. Hoch aus der Lust herab stoßen Ibis oder Möwe, und wenn di« Eltern auch nur einen kurzen Augenblick zu weit vom Nest weg find, um ihre Schnäbel brauchen zu können, ist im Nu das Ei geraubt. Di« Möwen sind überdies verschlagen und wenden alle möglichen Listen an, um die Alten vom Nest fortzulocken — so rütteln ie zum Beispiel an nahen Büschen oder stellen sich flügelschlagend hm, ns eine aufgeschreckte Mutter den Kopf verliert und. chr« dringendste Verantwortung vergißt. m , .. So fetten sind die Angreifer erfolglos m chren Raubzugen, daß si ganz furchtlos geworden sind und sich als rechtmäßige Herren der Inst zu betradjten scheinen. Sie scheuen sich nicht, mitten in einen Pinguin- Hausen hineinzufliegen und frech hindurchzuspazieren, um rechts und links Ausschau nach unbewachten Eiern zu halten, wobei sie die Eltern offen- sichtlich mit völliger Verachtung behandeln. Und nicht nur von Eiern ernähren sie sich, auch neugeborene Kucken gelten ihnen als leckeres Mahl. Ja die Möwen reißen manchmal den Pinguinen buchstäblich di« Nahrung aus dem Schnabel. Um das zu bewerkstelligen, pflegt ein Möwenpaar ganz unverhofft vor dem Pinguin niederzugehen, während er oder sie auf dem Heimweg vom Fischfang mühsam den Abhang heraufkllmmt, und ihm die Flügel ins Gesicht zu klatschen. Panischer Schrecken ist die Wirkung dieses Manövers der verhaßten Feinde. Der Pinguin bleibt stehen und im nächsten Augenblick erbricht er den Inhalt seines Magens, der mit Fischen zur Oelbereitung für die Jungen angesüllt ist. Die Möwen packen darauf die Beute und fliegen damit auf und davon. Wieder ist dem Gegner ein Beutestück ab- genommen. Die Ibisse machen es manchmal ebenso, nur führen sie chren Stteich beim Nest felber — just in dem Augenblick, wo der Pinguin seinen Mageninhalt zurückfließen läßt. Der 3bis ist der Gassenkehrer der Insel, ein abscheuliches Geschöpf — Dieb, Mörder und Aasfresser. Eigentlich nennt man ihn ja wohl den ,/heiligen Ibis". Ich kenn« kein Wesen, ttos seinen Namen weniger verdient. Natürlich könnte jeder Parteigänger der Ibisse und Möwen sagen, die Pinguine seien ganz allein schuld, weil sie ihre Eier unbehutet lassen. Nun ja, bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Die Pinguine eilen tatsächlich an sehr heißen durstigen Tagen manchmal rasch an den Strand, um zu trinken; Mütter, die Dienst haben, lassen sich zuweilen in Auseinandersetzungen, ja sogar Kämpfe verwickeln; beide Alten fallen hin und wieder zu leicht auf Listen ihrer Gegner he rem, von denen sie wissen dürften, daß sie nur den Zweck haben, ihre Aufmerksamkeit abzulenken. Allein welches Elternpaar selbst unserer hochkultivierten Rasse wendet nie im Leben einmal den Blick von seinen Kindern ab? Und wer möchte stets auf der rechten Hut vor einem Feinde zu fein, der in diesem Augenblick unsichtbar hoch in den Lüften schwebt, im nächsten aber mit mörderischen Absichten auf dem Böhen steht? Der junge Pinguin, der diese ersten Lebensgefahren Übersicht, lernt seine nächsten Feinde kennen, sobald er aufs Meer hinauskommt. Der erste ist der Polyp. Er liegt mit ausgestreckten Fangarmen in einem Felsbecken und lauert auf alles, was in Reichweite kommen mag. Der junge Pinguin, der vermutlich übers Wasser hintreibt und noch kaum schwimmen kann, macht sich von der mütterlichen Führung los und begibt sich aus dem tieferen Wasser in di« Nähe der Felsen, di« den verlockendsten Tümpel beschatten. Da — ein schraubstockartiges Zupacken nach den hängenden Beinen — ein plötzlicher Ruck, gegen den er machtlos ist — und wieder ist ein Pinguin verschwunden. Danach kommt der Haifisch, der die Fischreviere unsicher macht, plötzlich zwischen ein« Gruppe von Pinguinen hrneinschieht. sie jagt und den packt, der hinter den anderen zurückbleibt. (Forffetzung folgt.) Christnacht. Volksweise. Zu Bethlehem waren einst Hirten zur Nacht, Die hüteten dort ihre Herde, Da sahn sie den Himmel in glänzender Pracht, Und Engel stiegen zur Erde. Der himmlischen Scharen froher Gesang Bei Bethlehem aus der Flur erklang: Ehre sei Gott in der Höhei Der Engel des Herrn zu den Hirten spricht: „Der Heiland ist heute geboren! O freuet euch, Menschen, und fürchtet euch nicht, Gott hat ihn euch selber erkoren. Nun eilet alle nach Bethlehem hin. Zu sehen das Kind mit liebendem Sinn: Friede, Friede auf Erden!" Zum Stalle eilten die Hirten nun, Zu sehen das göttliche Kind. Sie finden's in einer Krippe ruhn. So lieb und freundlich gesinnt. Ihr Herze entbrennt, als das Kindlein sie sehn. Was ist doch in dieser Nacht geschehn? Den Menschen ein Wohlgefallen! Das Kindlein, wisset, heißt Jesus Christ, , Das hat uns gar Schönes gebracht. Die Nacht, das liebe Weihnachtsfest ist, — Das hat uns das Christkind gemacht. O Christkind, wie bist du so himmlisch gut! Ach, was es doch an uns Menschen tut: Es hat uns den Himmel erschlossen! Schneegestöber im Harz. Weihnachtserzählung von Ernst Kreuder. Draußen war es schon fast dunkel, ich saß am Fenster und hatte kein Licht im Zimmer und sah in den flockig fallenden Schnee hinaus, aber dann wurde es wieder Heller und das Licht bekam etwas zwielichthaft Fremdes, als wäre es nicht von der Erde. Ohne daß ich das Fenster öffnete, wußte ich, daß der Schnee draußen immer lautloser siel und die Stille dichter wurde in einer wehmütigen und versunkenen Feierlichkeit. Ich war auf einer Reise in diesem abgeschiedenen Harztal länger geblieben als ich beabsichtigt hatte, und nun muhte ich mich von diesem stillen Waldwinkel wieder trennen. Zuletzt war dieser Brief noch gekommen, ich konnte ihn nicht beiseite schieben, trenn ich war nun einmal mit Fräulein von Wild verwandt, denn mein Bruder hatte vor einem Jahr ihre Schwester Helene geheiratet. Ich hatte Josephine von Wild eines Abends bei meinem Bruder kennengelernt, und wahrscheinlich mochten wir uns vom ersten Augenblick an beide nicht. Sie war für mich eme sogenannte kühle Schönheit, klug, bestimmt, sehr entschieden, ich konnte über ihren Verstand nichts Nachteiliges feststellen, aber ihre schmalen grauen Augen und ihre klugen Reden erschienen mir kalt und unver- fnhnfirfi Nun hatte es inzwischen in der Ehe meines Bruders einige »eine Konflikte gegeben, ich kannte meines Bruders aufbrausende 2Irt, jedoch war er nicht nachtragend und sich seiner Schwächen bewußt. Nun war schon einmal ein Brief von Fräulein v. Wild gekommen, worin sie mich um Rat für ihre Schwester bat. Ich hatte damals nicht geantwortet, denn ich wollte unparteiisch bleiben und wußte, daß mein Bruder genügend Einsicht und Versöhnlichkeit besaß. Aber nun war dieser zweite Brief da und ich muhte ihn endlich öffnen. . . ~ .. . . Lieber Himmel, dachte ich dann, muß das wirklich !em? Fraukin v. Wild schrieb, sie sei untröstlich, daß ich nicht geantwortet hatte, denn nun sei alles noch schlimmer geworden und chre Schwester erwöge schon die Trennung. Ich sei der einzige, der Einfluß aus me-nen Bruder hätte, deshalb mühte sie mich jetzt unbedingt „sprechen Um mir tede Mühe zu ersparen, würde sie mich morgen m diesem entlegenen Harz- dörschen aufsuchen, denn sie sei ohnehin aus der Re-lse zü einer Freundin nach Hannover begriffen. . . _ . Am nächsten Morgen sah ich auf meinem Spaziergang von einer Anhöhe in dem dichten Schneetreiben den Omnibus mit großer^ Verspätung vor dem Gasthof halten und eine große lunge Dame aussteigere Als ich zurück kam und die Treppe hinausstreg, horte ich st« unruhig in meinem Zimmer auf- und abgehen. Die Begrüßung war freundlich und kühl. Ich bat sie, am Ofen Platz zu nehmen, denn sie sah lehr verfroren aus. Während sie die hohen Russenstiefel gegen dst Kacheln stemmte, klopfte es, und das Mädchen aus der Küche dinchte einen Eilbrief. Er kam von meinem Bruder, uchoffnete da schrieben nun die beiden jungen Ehegefahrten daß sie sich wl-eder ver söhnt und das Kriegsbeil so tief begraben hatten, ba& f1««? wieder finden könnten. Und somit wünschten sie mir frohe Weih ch, Paket wäre unterwegs. , ... . . „ < Wieso Weihnacht? dachte ich ahnungslos, es ist doch noch mau M weit, aber dann sah ich den Poststempel und wußte daß esletzt tetber zu spät war, um noch Geschenke zu besorgen und Bnese zu sch Aber nun hatte Fräulein v. Wild umsonst kalte Fuße bekommen, vi junge Ehe war wieder heil, sie hatte das nicht erwartet, und nun blieb ihr doch etwas der Atem weg. Es gab nichts mehr zu .Besprechen", der Omnibus war weg und kam erst wieder am Abend hier durch auf dem Weg zu dem zwei Stunden entfernt liegenden Bahnhof. Ich sah, wie unangenehm es ihr war, fo lange hier warten zu müssen und schlug deshalb einen Spaziergang vor, sobald sie etwas burchgewärmt war. Ich machte Tee und gab Rum hinein, sie fühlte sich bald wieder bester, aber ich fetzte gegen ihre gewandte und bestimmte Art des Gespräches unentwegt eine ebenso bestimmte Einsilbigkeit. Nach dem Tee gingen wir hinaus, es schneite nicht mehr und war kälter geworden, auf der Anhöhe hatten wir einen wunderbaren Ausblick über das zugeschneite Tal. Das schmale, blasse Gesicht meiner Begleiterin bekam ein frisches, gesundes Rot, nach einer Stunde war sie schon stiller geworden, der tiefe, schweigende Frieden in dem verschneiten Forst mußte auch sie einnehmen, dieses unvermittelte, zugewehte Aus- der-Welt-sein lösend und verändernd auf sie einwirken. Nach der Rückkehr beim Mittagessen in der leeren Gaststube war Fräulein v. Wild dann müde und völlig still geworden. Und da ich draußen noch einiges zu tun hatte, schlug ich ihr vor, über mein Zimmer zu verfügen und sich etwas hinzulegen. Das tat sie denn auch, und ich brachte die nächste Stunde damit zu, mir aus dem Wald mit der Erlaubnis des Försters eine schöne junge Tanne zu holen. Dann ging ich ins Dorf hinunter und kaufte verschiedenes für den Abend ein, den ich in meinem Zimmer oerbringen wollte. Ich dachte auch einmal daran, daß die Gesellschaft Fräulein v. Wilds inzwischen sehr viel angenehmer geworden sei, ober es war ja kein Kunststück, in dieser weltverlassenen Einsamkett am Weihnachtstage von einem eleganten jungen Mädchen beeindruckt zu werden. Nach meiner Rückkehr aus dem Dorf war es plötzlich Zeit, Fräulein v. Wild zu wecken. Sie mutzte wie ein Murmeltier geschlafen haben, ich mutzte laut klopfen, und dann sah sie ganz verschlafen und recht untüchtig und hilflos aus. Es war keine Zeit mehr, Tee zu trinken, der kleine Omnibus hielt schon norm Haus, «s schneite wieder, als ich sie hinunter brachte und dann wünschte ich ihr alles Gute und frohe Festtage und war bestürzt über die stille und herzliche Art, mit der sie sich von mir verabschiedete. Es hatte chr hier gut gefallen, konnte man spüren, der Motor brummte schon, ich warf die Tür zu, und während der klein« rote Omnibus mühsam in dem hohen Schnee anfuhr, beugte Fräulein von Wild ihr Gesicht gegen die beschlagene Scheibe, wischte über das Glas und blickte zu mir hinaus, ich grüßte, aber sie sah mich unbeweglich an, angespannt und forschend, mb dabei war chr schmales Gesicht über dem blauen Wollschal leicht verzerrt wie von einer ungewissen Angst und einem tiefen, schmerzlichen Ernst. Ich wollte etwas rufen, aber da war das Gesicht schon im Schneetreiben verschwunden. Nun hatte ich doch noch gehörig etwas abbekommen. Mir ging dieser Blick nicht mehr aus dem Sinn, er hatte mich getroffen und mit meiner Gelassenheit war es jetzt vorbei. Es war gut, daß ich jetzt eine Menge zu tun hatte, ich brachte die Tanne hinauf und schmückte sie mit Aepfeln und Nüssen, steckte die dünnen roten Kerzen auf, hinter den Scheiben wurde es schon dunkel, und ein kräftiger Wind heulte ums Haus, und dann mußte ich doch meinen Vorsatz brechen, es heute Abend bei Tee und Rum bewenden zu lasten. Ich konnte mir bei einer Flasche Kognak besser meine Gedanken über ein gewisses blasses, ernstes Gesicht hinter einer beschlagenen Scheibe im Schneetteiben machen, und da mir das dünne Zeug des Wirtes nicht schmeckte, zog ich den Mantel an, um mir im Dorf etwas Kräftigeres zu holen. Der Wind pfiff und tobte draußen, die Schneeflocken klatschten mir brennend ins Gesicht und ich fand, daß dieses wirbelnde Schneetteiben das richtige Wetter war für empfindsam« Träumer. Im Dorf brannten schon hinter den Fenstern die glitzernden Weihnachtsbäume, und bei diesem stillen, festlich schimmernden Anblick brannte auch mir das Herz, kindheitsverloren, aber dann wurde ich von einer tiefen Erregung gepackt, als ich entdeckte, daß sich vor mir durch den wütenden Schnee- sturm jemand verzweifelt voran kämpft«, der in der ungewissen Dunkelheit in Gestalt und Bewegungen ganz Fräulein v. Wild glich. Als sie mir dann in dem Toben und Heulen etwas entgegen schrie, erkannte ich sie und arbeitete mich zu ihr hin, packte sie am Arm und schleppte sie mehr, als ich sie führte, über den dunklen, leeren Marktplatz in ein Haustor. Sie zitterte und fror, und dann warfen wir uns wieder gegen den Sturm, der alle Augenblicke drehte, den Kognak konnte ich mir später holen, ich hiell sie fest an den Schultern, und nach ausdauernden Anstrengungen erreichten wir völlig erschöpft den Gaschof. Während ein Zimmer für sie hergerichtet wurde, flößte ich ihr in meinem Zimmer, wo heißes Wasser im Ofen stand und die Rumflasche aus dem Tisch, einen ftärtenöen Trank ein. Sie l*üttelte sich, aber es erwärmte sie sofort, und dann konnte sie in dem bequemen Sessel am Kachelofen berichten, was vorgefallen war. Der Omnibus, der sie zu dem abgelegenen Bahnhof bringen sollte, war unterwegs wiederholt im Schneetteiben stecken geblieben und zuletzt wegen eines Motorschadens nicht mehr weiter gekommen. Fräulein v. Wild hatte zuerst versucht, den Bahnhof zu Fuß zu erreichen, aber dann merkte sie bald, eafj es schon SU Gät war und kehrte verzweisett um. Sie wäre beinahe von der Landstraße abgekommen, denn ttotz des Schnees war es immer dunkler geworden. So hatte ich sie dann im Dorf getroffen, es ging heute Abend fein Zug mehr, sie konnte erst am nächsten Morgen weiter fahren. Sie hatte die ganze Zett den geschmückten Baum in der Ecke an- acfefwn das Zimmer war mit Tannenzweigen und Misteln geschmückt und auf dem Tisch lagen kleine Pakete. Nun wollte sie sich in ihrem Zimmer etwas ausruhen und ich sagte chr, daß ich mich sehi freuen würde wenn sie vor dem Abendessen noch einmal herüber kommen wurde. Ich holte mir bann sogleich Rotwein und Gewürze vorn Wut, netz mir eine Art Bowlenschiistel und Gläser geben und unterrichtete bas Mädchen in der Küche wegen des Abendessens. Dann braute ich einen kräftigen Glühwein, zündete etwas Räucherwerk an, inzwischen »rächte das Mädchen zwei dampfende, ländliche Abendessen aus Braten und Klötzen, ich zündete die Lichter am Baum an und als sie hell und strahlend brannten, knipste ich das Licht aus. Ich lieh Fräulein o. Wild sagen, sie möchte gerade noch auf einen Augenblick herüber kommen und meinen Glühwein versuchen Als sie ins Zimmer trat, stand sie einen Augenblick völlig verwundert und in den Anblick des strahlenden Christbaums versunken. „Darf ich Ihnen nun wünschen, daß Ihnen dieser vertauschte Weihnachtsabend hier gefallen wird?" sagte ich Sie dankte etwas mühsam und zaghaft, ich bat sie, am Tisch Platz zu nehmen und dann verzehrten wir gemeinsam das ländliche Mahl. Ich füllte öfter die Gläser, und Fräulein v. Wild sagte einmal lachend, so hungrig sei sie selten gewesen und auch nicht so durstig Dann versuchten wir den Lebkuchen und schauten den brennenden Lichtern am Baum zu, und plötzlich erklang unter uns vielstimmig und fröhlich das Weihnachtslied. Ich sah, wie ihr Gesicht jetzt froh und still und der angespannte Ausdruck darin sanft und erfüllt wurde. Draußen tobte und rüttelte der Wind ums Haus, wir schwiegen, weil wir noch fremd waren und ich füllte wieder die Gläser, wir tranken den heißen, würzigen Trank und dann erloschen die ersten Kerzen am Baum, ich nannte die junge Frau an meinem Tisch in Gedanken ntit lieben und schönen Namen, wir sahen schweigend zu, wie ein Licht nach dem anderen erlosch, wir fühlten, wie unser Schweigen beschwingter wurde, und plötzlich war das letzte Licht am Baum erloschen und im Zimmer Dunkel und Stille. Wir mußten uns gleichzeitig erhoben haben, denn wir trafen im Dunkeln einander, und nun wußten wir in der Tiefe des dunklen, weihnachtlichen Raumes keinen Namen mehr und kein Gesicht, wir standen voreinander und sahen uns nicht und waren doch im Licht jener stem- den, verwirrenden Helle, die uns in Dual und Süßigkeit bannte, in trunkene Nähe und zauberische Stille. Parademarsch im Feldspital. Eine weihnachtliche Geschichte von Heinrich Zillich. An jedem Morgen öffnete der Wärter die Holzladen vor den Scheiben des Feldepidemiespitals in Bielgereuth. Das Licht fiel aus dem Dezembertag blendend auf die Bettreihen, aus denen oft des Nachts ein Leichnam gehoben wurde beim Schein der Kerzen. Durch die Flure hämmerten dann hallend die Stiefel der Träger. Lutz sah die Fieberkurve über dem Bett täglich um einige Zacken steigen oder sinken. Abends, wenn der heiße Tee hereingetragen wurde, pfiff ein Tiroler ein Lied. Mit taumelnden Lauten fielen die Kranken ein. Wild schwemmte Gesang von Stube zu Stube, erstarb jäh, weil die Schwestern zischten'»und die Schwächsten ausstöhnten. Heimlich rauchten die Genesenden nach dem Essen eine Zigarette unter der Decke. Lutz nahm Block und Bleistift und bat gehorsamst Oberleutnant Lit- schel, der im Borkvlnpaß lag, ihm einen Regimentsbefehl zu erwirken, der ihn nach Steyr beordere. Er sei genesen. Dabei atmete er wild. Die Fieberkurve war nicht abgesunken. Zwei Tage vor Weihnachten sagte der Arzt: „Ein Meldereiter von den Vierer Jägern ist mit einem Befehl für dich eingetroffen." „Wo ist er?" schrie Lutz. Der Arzt winkte mit dem Hörrohr ab: „Wir sollen dich in die Offiziersschule schicken, wenn du gesund bist. Na, daran ist nicht zu denken." Lutz fiel zurück. Seinetwegen ein Meldereiter aus dem Borkolapaß! Er lachte hinter dem Arzt her, erhob sich und versuchte zu gehen, tappte durch alle Stuben, und in der letzten hörte er Hammerschläge vom Flur. Da sargten sie einen Toten ein. Er ging bis ins Zimmer der Schwester Rombach. Schwäche kroch ihm über den Rücken durch den Hals in die Augen hinauf. Ganz dumm wurde er vor Hilflosigkeit. „Meine Uniform!" bat er. Die Gräfin umfaßte ihn und setzte ihn auf das Betb Dann brachte sie die Uniform. Er zog das graue Zeug an. Es war zerknittert vorn Entlaufungsdarnpf. Ratten hatten es irn Speicher angefreffen. Steif falteten sich die Schuhe. Ohne die Frau zu , beachten, legte er sich auf ihr Bett und träumte. Ihn quälte ein Bild unsinnig und unerfüllbar; einen Chriftbaum wollte er sehen wie im Vorjahr zu Hause. Gegen Abend kam der Arzt in die Krankenstube. Lutz stand steif am Bett und meldete sich gesund. Der Arzt lachte nicht. In seinem Blick zuckte ein Fünkchen des Verstehens und verebbte wieder. „Wenn du mir einen richtigen Parademarsch vorzeigst, kannst du meinetwegen zu Weihnachen in Steyr sein." Da marschierte Lutz los, zwischen den sechzehn Betten, schlug die Füße auf den Boden und taumelte. Er zog die Zehen nach dem verfluchten österreichischen „Marsch — eins — zwei —* über den geölten Boden, hob den Fuß und schlug ihn wie eine Keule auf. Es krachte nicht. Es dröhnte nicht. Die Kranken sahen zu. Er marschierte und machte Kehrt, Tränen im Auge, marschierte aufs Fenster los, durch das der beschneite Monte dornet leuchtete. Der Arzt schickte ihn zu Bett und setzte stockend mit gesenktem Gesicht hinzu, morgen müße der Marsch besser ausfallen, dann wolle er sich die Sache überlegen. Nachts erhob sich Lutz und probte. Es war finster in der Stube. Seine nackten Sohlen klatschten auf den Boden. Die Türe öffnete sich. Eine Hand faßte ihn an der Schulter und führte ihn hinaus Über den Flur in ein dunkles Zimmer. Arm« lagen um feinen Nacken. Er sank, er lag im Bette einer Frau, zum erstenmal. Der Arzt war nicht zufrieden, am Morgen nicht, am Abend nicht. Lutz schwieg. Der Parademarsch mußte gelingen! Oh, er hatte eine Nacht hinter sich, die wie ein Schleier seinen Sinn noch immer umfing. Durch alle Adern schienen heiße Perlen zu fließen, winzige Schiffe voll Kraft. Mein (Bott, wie ist eine Frau merkwürdig und unheimlichl Was hatte khm die fange Fron zugestüsterN Daß sie Heimweh habe, daß er sie fest umfassen solle, damit sie in Siebenbürgen sei in seinen Armen. Er hatte das Licht anzünden wollen, sie war rascher gewesen: „Nein, kein Licht!" Dann hatten sie still gelegen und das ferne Grummeln der Geschütze vernommen. In der Frühe des Ehristtags stand Lutz wieder an seinem Bett, sogar den Mantel hatte er angezogen. Die Sonne war eben im Aufgehen. Die Kranken und Verwundeten sprachen miteinander. Der Arzt ging diesmal nicht von Bett zu Bett. Er trat gleich zu Lutz: „Da ist dein Befehl!" Lutz faßte ein Papier. Der Arzt setzte fort: „Es ist Weihnachten!" Seine Stimme war so einfach, als käme sie nicht aus einer Kehle, um die ein Kragen mit Sternen lag. Vielleicht hatte er noch etwas Angst um den Einjährigen, denn er sagte: „Du mußt mit einem Auto nach Ealiano fahren. Erkundige dich bet den Lastfahrern!" Lutz reichte den Kranken die Hand. Den Sack mit seinen Habseligkeiten, Briefen und Wäsche, unter dem Arm trat er auf den Flur, wo die Gräfin stand, leise lachte und weinte. Eine Tür knallte. Er schritt in die Wintersttaße, deren starke Luft ihn fast umblies. Noch einmal sah er zurück und las über dem Eingang des Hauses: „Feldspital Vielgereuth . Dann erblickte er in der Tiefe das Etschtal. Dort unten mußte er noch heute sein, am Bahnhof Ealiano. Er fragte bei den Lastfahrern an, ob einer zu Tal fahre. „Heute ist Rasttag!" antwortete ein Feldwebel. Lutz ging wieder am Feldspital vorbei und blickte in die Fenster nicht hinein. Er wanderte die Straße bergab. Hoch im späten Vormittag kehrten Flieger von der Front zurück. Ein italienischer Eindecker zog bald darauf nach Süden. Von den Hängen warfen ihm Abwehrgeschütze ihre Schneebälle nach, die im Blau jerflatterten. Schnell, wie das Schießen begonnen hatte, war es vorbei. Lutz schritt von Kehre zu Kehre auf dem fest- gefahrenen Schnee und staunte, daß der Himmel so tief war. Nichts hörte er als das Schleifen der Drahtseilbahn, die Kisten zur Front trug. An Abstürzen schritt er entlang, sah drunten einmal die Etfch. Der Sack wurde schwer. Lutz setzte sich auf einen Prellbock. Seine Füße begannen zu tanzen. Er hielt sie mit der Hand fest Als er sich erhob, glitt ein schwarzes Buch vor seinen Augen nieder. Er wartete, bis der Schwindel wich. Die Sonne sank. Es wurde kalt und blaudämmernd auf dem Schnee. Langsamer ging ef und fühlte sich immer mehr ermatten. Keine Trauer faßte ihn. Still war die Welt, in ihrer Stille unendlich bewegt. Von Schritt zu Schritt schien sie sich zu ändern. Der Himmel wurde lastend und sackte bis zu ihm nieder. Milchig verhüllte sich die Sicht. Weit unten blitzten Lichter auf. Das war Ealiano. Er setzte sich auf einen Stein und fühlte: nun bleibst du hier fitzen; nun kommt die Nacht und die Kälte. Er dachte noch weiter, dachte, daß hier über Ealiano fein Ende fein werde, und er freute sich matt darüber, daß er vorher ein Weib besessen hatte. Aber die Gedanken wurden müde und gleichgültig. * Plötzlich brannte ein Schreck durch seine Adern. Er suchte, sich erhebend, nach einem Halt. Hoch oben vom Berg fuhr etwas bellend heran. Er blickte hinauf. Viele Scheinwerfer drehten sich den Hang abwärts, unwahrscheinlich schnell, Kehre um Kehre. Er lief ihnen entgegen. Der Sack schlug ihm ans Knie. Dann stand er wieder und sah die glühenden Augen sich näher und näher spiralen. Der Lärm der Autös erfüllte die ganze Nacht. Auf einmal sprangen die Häuser weiß aus dem Dunkel. Er trat zurück; der erste Wagen jagte vorbei. Lutz schrie. Da fuhr der zweite vorüber. Lutz schrie deutsch: „Bleibt stehen!" Der dritte rasselte weiter. Der vierte, der fünfte. Und nun waren alle davon, leuchtend den Berg hinab. Kehre um Kehre. Lutz sah ihnen nach. Wie unabwendbar still war es um ihn geworden! Als er das Nahen eines Gedankens spürte, der eigentlich kein Gedanke war, sondern eine Verwirrung, die Verzweiflung, da hörte er es oben am Hang wieder bellen. Ein Nachzügler kam, leuchtend und rasch. Lutz stellte sich auf die Wegmitte, und weil er nicht mehr gerade stehen konnte, beugte er sich nieder. Und dabei schrie er in ungarischer Sprache: „Bleib stehen!" Er wußte nicht, was ihn ungarisch schreien hieß. Das Lastauto fuhr heran, stoppte den raschen (Bang, glitt langsam an ihm vorüber, ein Kops reckte sich aus dem Führertürmchen. Ungarisch antwortete es: „Schnell!" Lutz versuchte zu laufen und stürzte. Der Soldat hielt das Auto vollends an, half Lutz auf die Last hinauf. Kuhhäute hatte der Wagen geladen. Die lagen btutigoereift und stinkend und Lutz auf ihnen., „Ich bin krank", sagte er. Lutz trat nach einer halben Stunde durch die Türe des Soldatenheims in Ealiano, setzte sich an einen Tisch. Der große Raum roch nach frischem Brot und frischem Holz. Er legte den Kopf auf die Arme und schlief. Als er erwachte, hörte er eine Stimme fragen: „Was ist mit dir?" Er war von der Bank gefallen. In [eine Augen fuhr strahlend das Licht eines Ehristbaumes, dessen letzte Kerze ein (Befreiter anfterfte. Lutz nahm das Brot, das man ihm reichte und trank den schwarzen Kaffee, dessen Dust aus der reinen Schale stieg. In der Kaserne hatte der gleiche Dust beruhigend über der Tagesmüdigkeit geschwebt. Der Gefreite legte ein Liebesgabenpaket auf den Tisch. Es enthielt neben allerlei Zeug einen Taschenkalender. Lutz öffnete den Umschlag und las „1. Januar 1917". Freude durchströmte ihn, daß Not und Prüfung des Jahres zu Ende gingen. Zugleich erkannte ei-, daß jede Last einmal ab fällt. Nach der knabenhaften Wirrfal der letzten Monate war dies das erste Erwachen männlicher Gelassenheit. Er schrieb, wieder in kindischem Jubel, auf das Kalenderblatt „Hoch Steyr!", aber da berührte ihn aufs neue das Besinnen. Er betrachtete die rote Schrift „1. Januar 1917", fühlte, wie hinter diesem Worte ein ganzes Jahr mit Blut und Mühsal wartete, dunkel und groß, gefährlich und bewundernswert wie alles Leben. Er strich das Wort „Steyr" aus und ließ nur das eine stehen: „Hoch," Derantworilich: Dr. H«nS Thyrist. — Druck und (Verlag: Drühlfche Univerf itälsdruckerei R. Lange. Wietzen.