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Wenn sich in Berri oder Anjou ein junges Mädchen verheiratet, muß ihr die eigne oder des Gatten Familie eine Börse geben, in der sich, je nach Vermögen, ein Dutzend oder zwölf Dutzend oder zwölfhundert Gold- oder Silbermünzen befinden Das ärmste Hirtenmädchen wird sich nicht ohne ihr Dutzend verheiraten, und wenn es aus bloßen Sous bestünde. Man spricht noch in Jssoudun von irgendeinem Dutzend, das einer reichen Erbin mitgegeben wurde, und das hundertvierundvierzig portugiesische Goldstücke enthielt. Papst Clemens VII., der Onkel von Katharina von Medici, schenkte ihr, als er sie mit Heinrich II. verheiratete, ein Dutzend antiker Goldmedaillen von aröb- tem Wert. Beim Essen hatte der Vater höchst vergnügt darüber, seine Eugenie so hübsch in einem neuen Kleid zu sehen, ausgerufen: „Weil heute der Geburtstag von Eugenie ist, wollen wir Feuer machen. Das ist ein gutes Vorzeichen." „Unser Fräulein wird sich in diesem Jahr verheiraten, das ist mal sicher", sagte die lange Nanon, als sie die Reste einer Gans abtrug, des Fasans der Böttcher. „Ich wüßte keine Partie für sie in Saumur", antwortete Frau Gründet, wobei sie ihren Mann mit furchtsamer Miene ansah, die, bedenkt man ihr Alter, die völlige eheliche Unterjochung verriet, unter der die arme Frau seufzte. Grandet sah seine Tochter an und rief heiter aus: „Sie wird heute dreiundzwanzig Jahre alt, das Kind; man muß sich bald mit ihr beschäftigen." Eugenie und ihre Mutter warfen sich heimlich einen Blick des Einverständnisses zu. Frau Grandet war eine dürftige, magere Frau, quittengelb, linkisch und langsam; eine von den Frauen, die dazu gemacht scheinen, tyrannisiert zu werden. Alles an ihr war derb: Knochen, Nase, Stirn, Gesicht, und sie erinnerte aui den ersten Blick an solche schrumpfigen Früchte, die weder Saft noch Süße haben. Ihre Zähne waren schwarz und spärlich, ihr Mund war runzelig, ihr Kinn nach oben gekrümmt. Sie war eine ausgezeichnete Frau, eine echte la Bertelliöre. Der Abbe Eruchot hatte ihr öfters zu verstehen gegeben, daß sie gar nicht so übel ausgesehen hätte, und sie glaubte es. Eine engelhafte Milde, die Resignation eines von Kindern gequälten Insekts, eine seltene Frömmigkeit, eine unerschütterliche Gemütsruhe, ein ^gutes Herz erwarben ihr allgemein Mitleid und Achtung. Ihr Gatte gab ihr nie mehr als sechs Franken auf einmal für ihre winzigen Ausgaben. Bei der Lächerlichkeit ihrer äußeren Erscheinung war diese Frau innerlich so, daß sie, die Herrn Grandet durch ihre Mitgift und ihre Erbschaften mehr als dreihunderttausend Franken eingebracht hatte, ihre Abhängigkeit und Knecht- ichaft als eine so tiefe Demütigung empfand — gegen die ihr sanfter Charakter doch sich aufzulehnen verbot—, daß sie nie einen Pfennig verlangte, noch eine Bemerkung über die Urkunden machte, die ihr der Notar Eruchot ?um Unterzeichnen vorlegtc. Dieser törichte heimliche Stolz, diese Vornehmheit der Gesinnung, die beständig von Grandet verkannt und verletzt wurde, beherrschten das Benehmen dieser Frau. Frau Grandet zog tagaus, tagein 'in Kleid aus grünlicher Halbseide an und brachte es fertig, daß es fast em Jahr hielt; sie trug ein großes Fichu aus weißem Baumwollstoff, einen genähten Strohhut und hatte fast immer eine schwarze Tassetschürze um. ~a sie wenig ausging, verbrauchte sie wenig Schuhe. Kurzum, sie bean- chruchte nie etwas für sich selbst. Weil Grandet doch manchmal Gewissens- »lsse fühlte, wenn er sich erinnerte, wie lange es schon her war, daß er seiner Frau sechs Franken gegeben hatte, machte er immer beim Verkauf seiner Fahresernte ein Taschengeld für seine Frau aus. Diese vier oder fünf Louisdor von dem holländischen oder belgischen Käufer der Grandetschen Weinernte bildeten das Hauptjahreseinkommen von Frau Grandet. Aber 1Denn sie ihre fünf Louis erhalten hatte, sagte ihr Mann oft zu ihr, wie Venn sie gemeinsame Kasse hätten: „Kannst du mir vielleicht ein paar Pfennige leihen?", und die arme Frau, glücklich, etwas für den Mann tun M können, den ihr Beichtvater ihr als ihren Herrn und Meister hinstellte, iab ihm im Laufe des Winters einige Taler von ihrem Taschengeld zurück. p>enn Grandet das Fünf-Frankenstück aus der Tasche nahm, das er monatlich Ur die bescheidenen Ausgaben, das Nähzeug und die Kleidung seiner Tochter ausgesetzt hatte, unterließ er es niemals, nachdem er seinen Geldbeutel zugemacht hatte, zu seiner Frau zu sagen: „Und du, Mutter, brauchst du etwas?" „Mein Lieber", antwortete Frau Grandet in einer Aufwallung von mütterlichem Stolz, „das hat Zeit." Verschwendete Vornehmheit! Grandet hielt sich für sehr freigebig zu seiner Frau. Haben die Philosophen, die eine Nanon, eine Frau Grandet, eine Eugenie antreffen, da nicht recht, die Ironie für den Hauptcharakterzug der Vorsehung zu halten? Nach dem Essen, wo zum erstenmal von der Verheiratung von Eugenie die Rede gewesen war, sollte Nanon eine Flasche ^ohannisbeerlikör aus Herrn Grandets Zimmer holen und wäre beim Herunterkommen beinahe gefallen. „Dumme Trine", sagte ihr Herr zu ihr, „fällst du wie die erste beste?" „Das hegt an Ihrer Treppenstufe, Herr, die nicht mehr hält." „Sie hat recht", sagte Frau Grandet, „du hättest sie längst ausbessern lassen sollen. Gestern hätte sich Eugenie fast den Fuß verstaucht." „Na", sagte Herr Grandet zu Nanon, als er sah, daß sie ganz blaß ge« worden war, „weil es Eugeniens Geburtstag ist und du fast gefallen wärst, trinke ein Gläschen Likör, um dich zu erholen." „Weiß Gott, ich hab's auch verdient", sagte Nanon. „Mancher hätte an meiner Statt die Flasche zerbrochen; aber ich hätte mir lieber den Arm gebrochen, nur um sie in die Höhe zu halten." „Die arme Nanon", sagte Grandet, während er ihr den Likör eingoß. „Hast du dir weh getan?“ jagte Eugenie und sah sie teilnahmsvoll an. „Nein, weil ich mich noch gehalten habe, denn ich habe mich auf die Seite geworfen." „Also, weil es Eugeniens Geburtstag ist", sagte Grandet, „will ich euch eure Stufe ausbessern. Ihr versteht es eben nicht, ihr alle, den Fuß in die Ecke zu setzen, auf die Stelle, wo sie noch fest ist." Grandet nahm die Kerze, ließ Frau, Tochter und Magd ohne anderes Licht, als das vom Kamin, der helle Flammen ausstrahlte, und ging ins Waschhaus, um Bretter, Nägel und Handwerkszeug zu holen. „Soll ich Ihnen helfen?" rief Nanon, als sie ihn im Treppenhaus hämmern hörte. „Nein, nein, fo was verstehe ich", antwortete der ehemalige Böttcher. Im Augenblick, als Grandet eigenhändig seine wurmstichige Treppe ausbesserte und dazu in Erinnerung an seine jungen Jahre aus vollem Halse pfiff, klopften die drei Cruchots an die Haustür. „Sind Sie es, Herr Eruchot?" fragte Nanon und blickte durch das kleine Gitter. „Ja", antwortete der Präsident. Nanon öffnete die Haustür, und der Feuerschein vom Kamin, der sich an der Deckenwölbung widerspiegelte, machte es den drei Cruchots möglich, den Eingang zum Saal zu finden. „Ah, Sie sind Gratulanten", sagte Nanon zu ihnen, als sie die Blumen roch. „Entschuldigen Sie, meine Herren", rief Grandet, als er die Stimme seiner Freunde hörte, „ich komme gleich. Ich bin nicht stolz, ich bessere eigenhändig eine Stufe meiner Treppe aus." „Recht, recht so, Herr Grandet. Jeder ist Bürgermeister in seinem Hause", entgegnete der Präsident anzüglich und lachte ganz allein über diese Anspielung, die niemand verstand. Frau und Fräulein Grandet erhoben sich. Der Präsident machte sich die Dunkelheit zunutze und sagte zu Eugenie: „Erlauben Sie, Fräulein, daß ich Ihnen heute zu Ihrem Geburtstag eine Reihe glücklicher Jahre und den beständigen Genuß Ihrer Gesundheit wünsche?" Er überreichte einen großen Strauß von in Saumur seltenen Blumen, bann faßte er die Erbin an den Armen und küßte sie quf beide Seiten des Halses mit einem Behagen, das Eugenie rot machte. Der Präsident, der einem großen verrosteten Nagel glich, dachte, er mache ihr auf diese Weise den Hof. „Tun Sie sich keinen Zwang an", sagte Grandet und trat ein. „Wie Sie sich aber ins Zeug legen an Festtagen, Herr Präsident." „Aber mit Fräulein Eugenie", sagte der Abbe Eruchot, mit seinem Bukett bewaffnet, „würden für meine Neffen alle Tage Festtage fein." Der Abbe küßte Eugenie die Hand. Der Notar Eruchot küßte das junge Mädchen ganz einfach auf beide Wangen und sagte: „Wie das schmeckt, was? Das möchte man alle Jahre zwölf Monate!" Indem er das Licht wieder vor die Wanduhr stellte, sagte Grandet, der nie von einem Scherz herunterkam und ihn bis zum Ueberdruß wiederholte, wenn er ihm witzig schien: „Da es Eugeniens Geburtstag ist, wollen wir die Lichter anzünden." Er nahm sorgfältig die Zweige von den Armleuchtern ab, setzte auf jedes Fußgestell die Lichtmanschette, nahm aus Nanons Händen eine neue, mit einem Stück Papier umwickelte Kerze, steckte sie in das Loch, drückte sie fest, zündete sie an und setzte sich neben feine Frau; abwechselnd schaute er seine Freunde, seine Tochter und die beiden Kerzen an. sagte Vater Gründet, „die beiden Kinder sollen mitspielen." Der alte Böttcher, der niemals irgendein Spiel Spielte, zeigte auf feine Tochter und einschlagen?" „Wer zum Teufel ist da?" schrie Grandet. Nanon nahm eine der beiden Kerzen und ging öffnen, von Grandet begleitet. . , „Grandet, Grandet", rief seine Frau, und von einem unbestimmten Gefühl von Angst getrieben, stürzte sie zur Tür. Alle Spieler sahen sich an. „Ob wir nachgehen?" sagte Herr des Grassins. „Dieser Hammerschlag erscheint mir unheimlich. . Ungefähr konnte Herr des Grassins das Gesicht eines jungen Mannes erkennen, sowie den Gepäckmeister der Post, der zwei ungeheure Koffer trug und Reisetaschen schleppte. Grandet drehte sich heftig zu seiner Frau um und sagte: „ „ ,, .. „Frau Grandet, gehen Sie zu Ihrem Lotto. Lassen Sie mich mit dem Herrn reden." , . Dann zog er schnell die Tür des Saales zu, in dem die aufgeregten Spieler ihre Plätze wieder einnahmen, aber ohne im Spiel sortzusahren. „Ist es jemand von Saumur, Herr des Grassins,"' sagte seine Frau. „Rein, ein Reisender." „Dann kann er nur aus Paris kommen." „Wahrhaftig", sagte der Notar und zog seine altmodische zwe, Fmger dicke Uhr, die wie ein holländisches Kuss aussah, „es ist neune. Potztausend, die Post vom Grand Bureau verspätet sich nie." „Jst's ein junger Herr?" fragte der Abbä Cruchot. „Ja", antwortet Herr des Grassins. „Er führt Gepäck nut, das mindestens dreihundert Kilo wiegen muß." „Nanon kommt nicht wieder", sagte Eugenie. „Das kann nur ein Verwandter von Ihnen sem", sagte der Präsident. „Wollen wir einsetzen?" rief Frau Grandet leife. „An seiner Stimme habe ich gemerkt, daß Herr Grandet ärgerlich war, vielleicht wird er es nicht gern sehen, daß wir uns mit seinen Angelegen heiten befassen." (Fortsetzung folg •) Der Abbö Cruchot, der ein kleiner, rundlicher, fetter Mann mit einer i roten ,lachen Perücke und dem Gesicht einer alten fröhlichen ^rau war streckte seine wohlbeschuhten Füße aus, die in festen Schuhen mit silbernen I Schnallen steckten, und sagte: „Die Grassins sind nicht gekommen?' Nock nickt", sagte Grandet. „ . , . "Aber sie werden tommen?" fragte bet Nck^ undverzog sein Gesicht, das von Pockennarben wie em Schaumlöffel durchlöchert war. ..Ich glaube es", antwortete Frau Grandet. »3st Ihre Weinernte beendigt?" fragte der Präsident de Bonsons Q Ganz und gar!" antwortete ihm der alte Winzer und stand auf, um im Saal auf und ab zu gehen, wobei er die Brust mit einer Bewegung hob, die so voll Stolz war, wie seine Worte: ganz und gar! Daraus sah er durch die Tür des Ganges, der zur Küche führte, die lange Nanon, die bei ihrem Feuer saß mit einem Licht vor sich und sich dort zu spinnen anschickte, um sich nicht unter das Fest zu mischen. Nanon", sagte er, indem er den Gang hmunterschritt, „willst du wohl das "Feuer und Licht auslöschen und zu uns kommen. Himmel, Herrgott! der Saal ist groß genug sür uns alle." Aber, Herr, Sie erwarten vornehmen Besuch. „Bist du ihrer nicht würdig? Sie stammen von Adams Rippe, ganz wie du." „, ... ., Grandet ging zum Präsidenten zurück und sagte zu ihm. „Haben Sie Ihre Ernte verkauft?" . . Nein, behüte, ich behalte sie. Wenn der Wem jetzt gut ist, wird er in zwei Jahren noch besser sein. Die Weinbergbesitzer haben sich, tote Sie ja toiiien, geschworen, an den verabredeten Preisen festzuhalten, und in diesem Jahr sollen die Belgier nicht die Oberhand über uns gewinnen. Wenn s,e Weggehen, schön, so können sie wiederkommen." , . „Ja, aber halten wir auch gut zusammen," sagte Grandet in einem Ton, der den Präsidenten zittern machte. „Sollte er verlausen wollen?" dachte Cruchot. In diesem Augenblick kündigte ein Schlag des Hammers die Familie des Grassins an, und ihre Ankunft unterbrach eine Unterhaltung, die zwischen Frau Grandet und dem Abbe begonnen hatte. Frau des Grassms war eine dieser kleinen lebhaften, molligen, weiß und rosa Frauen, die dank der klösterlichen Lebenshaltung der Provinz und einem tugendhaften Leben noch mit vierzig Jahren jung erscheinen. Sie sind wie die letzten Rosen des Nachsommers, deren Anblick Freude macht, aber deren Blüte eine gewisse Kälte besitzt, und deren Duft erlischt. Sie zog sich ziemlich gut an, ließ ihre Kleider aus Paris kommen, war in der Stadt Saumur tonangebend und veranstaltete Abendgesellschaften. Ihr Gatte, ehemaliger Quart,ermeister in bet kaiserlichen Garde, der bei Austerlitz schwer verwundet und pensioniert worden war, benahm sich noch, trotz seinem Respekt vor Grandet, nut der zur Schau getragenen Freimütigkeit des Soldaten. „Guten Tag, Grandet", sagte er zum Winzer, indem er ihm bte Hand reichte und eine Art von Ueberlegentjeit annahm, mit der er bte Cruchots jebesmal erdrückte. — „Mein Fräulein", sagte er zu Eugenie, nachdem er Frau Grandet begrüßt hatte, „Sie sind immer schön und gut, ich wußte wahrhaftig nicht, was man Ihnen wünschen könnte." Daraus überreichte er eine kleine Schachtel, die sein Diener trug, und die eine Blume von der Kapkolonie enthielt, die erst kürzlich nach Europa verpslanzt und sehr selten war. , . Frau des Grassins umarmte Eugenie sehr liebevoll, druckte ihr die Hand und sagte: „Adolph hat es übernommen, Ihnen mein kleines Angebinde *U Eck großer blonder junger Mann, von bleichem schwächlichen Aussehen und ziemlich guten Formen, der dem Anschein nach schüchtern war, aber soeben in Paris, wo er Jura studierte, acht- oder zehntausend Franken mehr ausgegeben hatte, als sein Wechsel betrug, schritt auf Eugenie zu, küßte sie auf beide Wangen und überreichte ihr ein Arbeitskästchen, dessen sämtliche Utensilien aus vergoldetem Silber waren; in Wirklichkeit geringe Ware, obwohl das Namensschild, auf das ein gotisches E. G. ziemlich gut eckgraviert war, den Eindruck einer sehr gewählten Arbeit erwecken sollte. Als sie es öffnete, hatte Eugenie eine unverhoffte und reine Freude, die junge Mädchen erröten, zittern, vor Freude beben läßt. Sie warf ihrem Vater einen Blick zu, wie um zu fragen, ob ihr die Annahme erlaubt fei, und Herr Grandet jagte: „Nimm nur, mein Kind", mit einem Ton, der einen Schauspieler berühmt gemacht hätte. Die drei Cruchots standen bestürzt, als sie den frohen und aufgeregten Blick sahen, den Adolph des Grassins von der Erbin empfing, der solche Reichtümer unerhört schienen. Herr des Grassins bot Grandet eine Prise Tabak an, nahm selbst eine, klopfte den Staub vom Band der Ehrenlegion, das im Knopfloch feines blauen Rocks befestigt war, und fah darauf die Cruchots mit einer Miene an, die zu jagen schien: „Pariert mir diesen Stoß." Frau Grassins richtete ihre Blicke auf die weitbauchigen blauen Gefäße, in denen die Sträuße der Cruchots standen, und suchte deren Geschenke mit der gespielten Treuherzigkeit einer mokanten Frau. In dieser heiklen Sage ließ der Abbe Cruchot die Gesellschaft im Kreis um das Feuer fitzen und spazierte mit Grandet im Hintergrund des Saales auf und ab. Als die beiden Alten in der von den Graffins am weitesten entfernten Fensternische waren, flüsterte der Priester dem Geizhals zu: „Diese Leute werfen das Geld zum Fenster hinaus." „Was fchadet das, wenn es in meinen Keller fällt?" antwortete der alte Winzer. „Wenn Sie Ihrer Tochter goldene Scheren geben wollten, hätten Sie dazu wohl die Mittel", sagte bet Abbö. „Ich geb ihr Besseres als Scheren", antwortete ihm Grandet. Mein Nesse ist ein Dummkopf, dachte der Abbö, während er den Präsidenten ansah, dessen struppige Haare noch den unschönen Eindruck seines braunen Gesichts verstärkten. Hätte et sich nicht einen kleinen Unsinn aus- denken können, der Wert gehabt hätte? „Wollen wir ans Spiel gehen, Frau Grandet", sagte Frau des Grassms. „Da wir alle versammelt sind, reicht es für zwei Tische —" „Da heut' Eugeniens Geburtstag ist, spielt euer Lotto gemeinsam", Adolph. „Los, Nanon, stell' die Tische auf." Wir wollen Ihnen helfen, Fräulem Nanon , sagte Frau des Grassms lustig, nur zu froh über die Freude, die sie Eugenie gemacht hatte. „Ich habe mich noch nie im Leben so gefreut", tagte bte Etbm zu ihr. „Ich habe nirgenbs je etwas fo Hübsches gesehen." „Abolph hat es aus Paris mitgebracht, und er hat es ausgesucht, flüsterte ihr Frau bes Graffins ins Ohr. . Mach', mach' nur fo weiter, verbammte Intrigantin, bachte ber Präsident; wenn du jemals einen Prozeß hast, du oder dein Gatte, fo wtrd eure Sache ichwerlich gut ausgehen. ., . Der Notar faß in feiner Ecke, sah den Abbö gletchmüttg an und dachte bei sich: Die Grassins mögen tun, was sie wollen, mein Vermögen, das meines Bruders und meines Nefsen beläuft sich zusammen auf elfhunbert« taufend Franken. Die Graffins befihen höchstens dte Hälfte, und sie haben eine Tochter; sie können schenken, was sie wollen. Erbm samt Geschenken, alles wird eines Tages uns gehören. Um halb neun Uhr abends waren zwei Spielti^>e ausgestellt. Der hübschen Frau des Grassins war es geglückt, ihren Sohn an Eugemens Seite zu bringen. Die Spieler in dieser bedeutungsvollen, wenn auch scheinbar alltäglichen Szene hatten sich mit bunten numerierten Papp- stückchen und Spielmarken aus blauem Glas versehen und schienen den Scherzen des alten Notars zuzuhören, der keine Nummer zog, ohne eme Bemerkung zu machen; aber alle dachten an die Millionen von Herrn Grandet. Der alte Böttcher betrachtete selbstgesälUg d,e rosa Federn, das neue Kleid von Frau des Grassins, den Soldatenschädel des Bankiers, den von Adolph, den Präsidenten, den Abbö, den Notar, und sagte zu sich selbst: Sie sind hier meiner Taler wegen. Sie langweilen sich hier meiner Tochter wegen. He, meine Tochter kriegen weder die einen noch die andern, und Rese Leute dienen mir alle nur als Fischaugeck. Diese Familienheiterkeit in dem altmodischen grauen Salon, der durch die beiden Kerzen mangelhaft erhellt War; dies Gelächter, das vom Geräusch des Spinnrads der langen Nanon begleitet und nur auf den Sippen von Eugenie ober ihrer Mutter aufrichtig war; biefe an fo große yntereflen geknüpften Kleinigkeiten; biefes junge Mäbchen — ben Vögeln ähnlich, bie Opfer bes hohen Preises werben, besten man sie für Wert ha t, und von bem sie nichts wissen — bas sich umstellt, erbrückt von Freunbschasts- beweisen sah, burch bie es umgarnt würbe: alles bas trug bazu bei, biefe Szene mit einer traurigen Komik zu erfüllen. Ist das übrigens nicht eine Szene ans alten Zeiten und von alten Orten, hier nur auf ihre einfachste Form zurückgeführt? Das Gesicht Grandets, der bie falsche Anhanglichckit der beiden Familien ausnutzte und riesige Vorteile aus ihr zog, beherrschte dieses Drama und warf Schlaglichter darauf. Ist das mcht der einzige moderne Gott, an den man glaubt, das Geld in feiner ganzen Macht, m einem einzigen Gesicht ausgeprägt? Die zarten Gefühle des Lebens nahmen hier nur ben zweiten Rang ein; sie beseelten brei reine Herzen, bas von Nanon, von Eugenie unb ihrer Mutter. Aber toiebtel Unwissenheit noch m ihrer Unbefangenheit! Eugenie unb ihre Mutter wußten mchts von Granbets Reichtum, fie schätzten bie Dinge bes Lebens nach bem Abglanz ihrer schwachen Vorstellungen bation unb konnten bas Gelb Weber achten noch verachten, ba sie baran gewöhnt waren, es zu missen. Ihre, ohne ihr Wisten in Fesseln gelegten, aber lebhaften Gefühle mit bem Geheimnis tn ihrem Dasein, machten aus ihnen eine gar seltsame Ausnahme in diesem Kreis von Leuten, beten Leben rein materiell War. Schrecklicher Zustanb bes Menschen I Es gibt für ihn kein Glück, bas nicht aus irgenbeiner Unwissenheit stammt! Gerabe als Frau Graubet ein Los von sechzehn Sous gewann, den beträchtlichsten Satz, der jemals in diesem Zimmer gespielt worben war, und bie lange Nanon vor Freube lachte, als sie ihre Herrin biche große Summe einfteden sah, ertönte ein Hammerschlag an ber Tür und machte einen solchen Spektakel, baß bie Frauen von ihren Stühlen aufsprangen. „Das ist niemanb von Saumur, ber so klopft", jagte ber Notar. „So was, fo draufzuhauen", sagte Nanon. „Wollen sie unsere Tür Abendlied. Bon Paul Gerhardt. Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Stadt und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf! Ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgesällt. Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sterne prangen Am blauen Himmelsfaal: Also werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen, Mein Gott aus diesem Jammertal. Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit. Das Haupt, die Fütz und Hände Sind froh, daß nun zu Ende Die Arbeit kommen sei: Herz, freu dich, du sollst werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei. Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heute nicht betrüben Ein Unfall noch Gefahr! Gott laß euch ruhig schlafen, Stell euch die güldnen Waffen Ums Bett und seiner Helden Schar! Zhr Name über der Stadt. Von Otto Brües. Wir entnehmen diese Geschichte dem anmutigen Fahrtenbuch „Zarte Weisen von bunten Reisen" von Otto Brües (geb. RM. 1,75. Hesse und Becker Verlag, Leipzig). Wir wollten von Rotterdam nach Amsterdam fliegen, im Zickzack, versieht sich, denn links und rechts von dieser Strecke liegen die Kostbarkeiten Hollands. Als wir unter den Flügeln der blau und weißen Fokkermaschinen standen, wurden wir mit unserm Flieger bekannt gemacht, einem in den Luftwirbeln Niederländisch-Jndiens bewährten und in feinem Fach berühmt gewordenen Mann. Er hieß Bierum, nach jenem am Dollart gelegenen Städtchen; genauer gesagt, war es ein andres in der Nähe, nach dem r r hieß; aber ich will seine Geschichte, will sogar die Geschichte seiner Liebe erzählen, und da muß ich schon die Namen tauschen. Bierum riß unsern Vogel in zwei Kurven aufwärts; der Zeiger der tzöhenuhr zeigte achthundert Meter. Wir stiegen. Und seltsam! — das Meer lieg mit uns und schob feinen Horizont höher und höher, es war unser Stuber geworden. Noch genossen wir das Kinderglück der einschrumpsenden Dinge; die Häuser wurden zu Würfeln, die Kühe und ihr Schatten zu Pünktchen, die bunten Tulpenbeete zu kleinen Stossläppen und -flicken. Über bald achteten wir der Einzelheiten nicht mehr, die Landschaft, wenn euch die Luft diesig war und den Blick immer wieder von der erahnten Ferne auf die Nähe zurückzog, erschloß sich in ihrem Bau. Man konnte die »ielgerühmte Geschichte Hollands gleichsam mit den Fingern betasten; das üetz der Kanäle, Singel und Grachten entfaltete sich; ihre Figuren hatten rttoaS Anheimelndes, Vertrautes, weil sie die Mitte hielten zwischen dem strengen Zweck, den die Menschen mit ihnen verbinden, und der absichts- dsen Natur. Durch ein weites Schachmuster von Poldern, die sich, Viereck in Viereck, zehntausend Meter aneinanderfügten, lief eigenwillig in kräu- Irlnder Kurve ein Flußarm. Ein Fächerwerk von Kanälen wurde plötzlich >wn einem Halbkreis beschnitten und befchlossen, in defsen Schutz sich eine Stadt entfaltete. Ein wirres Bündel von Straßen und Grachten erhielt Mötzlich seinen Sinn durch einen Meeresarm, der wie ein Trichter hinein- sueß. Und wir begriffen: Holland ist eine Haut, die auf dem Wasser schwimmt! !rn ihren Falten und Fältchen drmgt es noch nach oben. Warum heißt das itand nicht Land der Venus? Denn es ist wie sie aus den Wassern geboren. Was übrigens Venus betrifft: das Mädchen, das unser Flieger Bierum **bte, hieß Antje und war aus Wildervank in der Provinz Groningen. Er lebte sie, wie uns ein Fahrtbegleiter erzählte, aber er war zu schüchtern, fyt seine Liebe zu gestehen. Mit seinem metallnen Vogel wußt' er Bescheid; IE riß ihn vom Boden hoch, so stürmisch, als ob er sich jedesmal der Sonne lsrmählen wollte, und setzte ihn so sanft nieder, als ob die neunhundert- Ifetbige Maschine ein Rosenblatt wäre. Es gab keine Art zu fliegen, m der >E sich nicht bewährt hätte; er lenkte, als Reserveoffizier der holländischen Wehrmacht, die schweren Bombenflugzeuge, und als Führer der Luft- tmkehrsgesellschast die geschwinden Fokkermaschinen; er trudelte als Sport- l>eger in den kühnsten Wendungen und Windungen über den Flugplätzen, tab malte im Dienst holländischer Firmen ihren Namen mit wetßer Nauch- lyrift an den Himmel. Aber die Liebe ist ein Fach sür sich, man ist darin > cht aus einen Schlag Meister, und die kleinen Gefälligen smd aus d,e * nichts für einen Mijnheer Bierum. Antje Vaar aus Wildervank, das war etwas andres, etwas Blondes tnd Weißhäutiges, und frisch wie der Tau auf den Haarlemer Tulpen, -mtje Vaar aus Wildervank, das war der gute Geist des Lebens und ein ’®Wb und Sinnbild der holländischen Heimat. Antje Vaar trug am Sonntag 'nch ein weißes Spitzenhäubchen mit vergoldeten Spangen, und wenn lie lachte, hatte sie Zähne wie ein Raubtier. Antje Vaar trug eine Blüte zwischen den Zähnen, solange es überhaupt Blumen gab im Jahr, und man hat in Holland schöne, breite Gewächshäuser. Antje Vaar war eine Frau und ergab sich nicht leicht und meinte, sie müsse den Männern trotzen, und als sie mit Bierum die Oude Gracht entlang ging und Bierum etwas stammelte und stotterte, was eine Frau immer versteht, auch wenn es noch so verstümmelt herauskommt, da ließ sie den Flieger von Niederländisch-Jndien stehen und lief über die Brücke auf die andere Seite. Und, soll ich es sagen, Antje Vaar aus Wildervank machte ihm eine lange Nase. Das haben die meergeborenen Frauen so an sich. Meergeboren, um das noch zu erzählen, sind nicht nur die Blumenpolder, meergeboren sind auch die Städte — wie anschaulich begriff sich das, als uns Bierum über den Haag steuerte, der sich um seinen Binnenweiher, dem Vijver, herumlegt wie um ihren Kern die Zwiebelschalen; als wir Haarlem überflogen, das gewiß eine Stadt, gewisser aber der Knotenpunkt weiter Gärten ist, und über Amsterdam kreisten, einer Siedlung, die in aller Fülle und Mannigfaltigkeit die Regel und Ordnung eines Kaleidoskops behält. Man'weiß es ja aus Büchern, daß diese Städte auf Pfählen gelagert sind; aber nun schauten wir mit den Augen, daß sie wie riesige, reiche Schiffe auf dem Wasser schwammen. Bierum steuerte uns in stolzen Bogen über die königliche Stadt Amsterdam, dann sanken wir zu dem freundlichen Flughafen von Schiphol nieder, der uns mit feinem weißgestrichenen Verkehrsturm und der glatten Steinfläche vor der Reihe der Bauten entgegenzudringen schien. Wir standen, wir brauchten nur noch an die Halle heranzusahren, der Flug war beendet, aber nicht die Geschichte des Fliegers Bierum. Also los! sagten wir dem Fahrtbegleiter. Also los! hatte auch Bierum gesagt, als ihm Antje Vaar aus Wildervank die lange Nase drehte, fuhr nach Amsterdam, holte sich ein Sportflugzeug aus dem Schuppen und sauste in die Provinz Groningen zurück. Als das Städtchen unter ihm lag, in dem das trotzige Mädchen wohnte, stieg er aus 2000 Meter Höhe empor, ließ den weißen Rauch aus der Büchse knattern und schrieb ihren Namen an den Himmel. War sie da nicht geehrt vor allen andern Frauen, mußte sie nicht stolz sein aus den, der sie verehrte? Ach, er schrieb zwar Antje, aber dazu schrieb er auf den blauen Grund: Bierum, geb. Vaar (ich habe das hier schon aus der holländischen Sitte in die deutsche Gepflogenheit übertragen), und alle Männer und Frauen in Wildervank reckten die Hälfe und lasen die seltsame Anzeige einer unvollzogenen Hochzeit. In Holland weht viel Wind von See zu See, und die Buchstaben standen denn auch nicht alle kerzengrade, aber ein Kind konnte sie lesen, und wenn etwas so deutlich an den Himmel geschrieben steht, kann es niemand rückgängig machen, und so kam es denn, daß nach einem elterlichen Donnerwetter der Flieger einen Tag später sein Mädchen in den Arm nahm und ein paar Wochen danach vor den Altar führte. So geschehen zu Wildervank in der Provinz Groningen im Jahre 1927 und so berichtet in der Fokkermaschine des Fliegers Bierum (der aber nicht Bierum hieß) am 28. April 1930. Dichtung am Nhein. Von Erich Langenbucher. So vielgestaltig die Landschaften sind, die der Rhein durchströmt, so verschiedenartig sind die dichterischen Kräfte, die aus jenen Landschaften erwachsen sind. Von der geheimnisvollen Sagenwelt des Schwarzwaldes über die fröhliche Heiterkeit der großen Städte an den Ufern bis zu dem schweren Ringen in den Orten der Industrie und aus dem kargen Boden des Hunsrücks und der Eifel hören wir hier die Stimmen deutscher Dichter, finden wir die Welt eingefangen und gestaltet in ihren Büchern. Doppeltes Erbe trägt in sich einer der jüngsten Dichter Heinz Stegu- weit, der seit Jahren kulturpolitische Arbeit in deutschen Zeitungen und Zeitschriften leistet. Die Ahnen des Vaters kommen aus Ostpreußen: „Geschlechter hindurch hatten sie das Vieh gemolken und Brot gebaut, hatten auch bluten müssen, wenn ein Nachbar feindliche Verwüstung warf über die Sieder des Fleißes." Die Familie der Mutter kommt aus dem Westen, „stammt von rheinischen Reedern, Winzern und Buchbindern ab, die gleich den Ahnen des Vaters Erarbeitetes und Verdientes im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verloren". So „vermählten fich die Grenzen von Ost und West, und ich habe mich damit abzufinden, ein Kind dieser Ehe zu fein: am Rhein baut man den Wein, int Osten brachte der Urahn das Brot in harter Arbeit zur Reise, doch zwischen dem Freudigen und Verpflichtenden dieser Sinnbilder schwingt das Aus und Nieder eines Grüblers, der den Kampf ungleicher Grenzländer ruhelos im Blute spürt". Doch ist viel Heiterkeit und Besinnlichkeit in seinen Werken, besonders in seinen Spielen; auch die Menschen seiner Romane sind rheinische Menschen in fröhlichem Mut zum Leben. Da ist der Musketier Manes Himmerrod aus dem Roman „Der Jüngling im Feuerofen", der nach dem Weltkrieg in die Heimat am Rhein zurückkehrt und die Heimat in Gefahr fieht, den die Pflicht bestimmt, den Kampf wieder aufzunehmen, so lange Soldat zu sein, wie das innere Gesetz es ihm befiehlt. Erwin Urland ist ein Bruder des Manes, beide könnten sie die tragende Gestalt des Werkes „Heilige Unrast" sein. Dieser Erwin Urland liebt seine Heimat am Rhein, liebt den Fluß und die Wiesen und die Städte mit ihren Kirchen und Giebeln, diese Liebe gibt ihm die Kraft, den Weg zu gehen in eine neue deutsche Zukunft, für sie ein junges Geschlecht auszubauen. Erinnern der Jugend und Erlebnis des reifenden Mannes find Heinz Steguweits Geschichten in dem Band „Narren und Schelme". Der Niederrhein ist die Heimat des Dichters Erich Brautlacht. Das erste Buch, das er seiner Lesergemeinde schenkte, hieß „Die Pöppelswpcker", ein Werk, in dessen Mittelpunkt zwei kleine rheinische Städtchen stehen. Man spürt in diesem Buch den Schalk, der in Brautlacht steckt und der uns bei anderen deutschen Dichtern so bekannt ist: ein wenig Spott, viel Humor, ein wenig Besinnlichkeit und ein bißchen Schildbürgerei, in allem aber eine versöhnende Heiterkeit und ein tiefer Kern. Nennen wir „Pöppel- ftot)der" ein vergnügliches Werk, so ist „Einsaat" erfüllt von Ernst und weittragenden Gedanken, ein Werk männlicher Kameradschaft. Am stärksten wirkt sein Roman „Das Testament einer Liebe". Hier hat sich Brautlacht aanz dem Gesetz der Landschaft, aus der er stammt, unterstellt: dem Gesetz der Grenze. Die Schicksale der Menschen aus dem Spyckethos smd Grenzschicksale. Nach dieser Probe dichterischer Gestaltungskraft erwarten wir mit Spannung sein Werk „Magda und Michael". Hunsrücker Schicksale und Geschehnisse, tote sie tn Zwang und Not der kleinen Verhältnisse in jedem Bauernhause vorkommen", ließen die Bücher des Dichters Albert Bauer entstehen. Er wurde im letzten ^ahr für sein Buch „Folkert, der Schösse" mit dem Westmark-Preis ausgezeichnet, nachdem zwei Jahre vorher das Werk „Das Feld unserer Ehre" entstanden war, ein eindringliches Bild Hunsrücker Bauern- und Dorslebens. Treten in diesem Buch Einzelschicksale zurück und erfährt das Leben des Dorfes eine Deutung, so tritt in den Mittelpunkt des ersten Werkes die Gestalt Folkerts, des Schössen, der seinem Hunsrücker Dorf Führer war. Bauer ist eine Gestalt, wie fie uns in anderen deutschen Landschaften ähnlich begegnet: gewöhnt an die harte Arbeit des Feldes und doch erfüllt von enter grüblerischen Sehnsucht. Bauer glaubt, daß er das Gesuchte in Büchern gefunden habe, die es auf dem Hof seines Onkels gibt, bis er erkennt, daß zuerst das Leben seinen Anspruch stellt. So ist Bauer auch heute zuerst nur Bauer, er ist Dichter, wenn ihm die Tagesarbeit dazu Zeit läßt. Anton Gabele ist ein Zugewanderter. In einem schwäbischen Dörfchen geboren, lebt er heute in Koblenz. Der Vater war Bauer: „Für mich Spät- geborenen blieb kein Acker mehr. Man beschloß, mich Gott zu opsern." Gabele sagt selbst, daß er das Priestergewand nie habe anziehen können, seine Liebe gehörte dem bäuerlichen Leben; da er selbst nicht Bauer sein konnte, wurde er Gestalter des Lebens. Von seinen verschiedenen Romanen seien hervorgehoben der Roman deutscher Jugend „Psingsten", das Werk „Der arme Mann", ein Buch aus dem Bauernkrieg, und die Erzählungen „Mittsommer". Es ist in diesem Zusammenhang auch hinzuweisen auf Peter Weber, der mit feinem ersten Buch „Götter über den Menschen" von sich reden machte. Dieses Buch wächst aus Hunsrücker Bauerntum. Im Mittelpunkt steht ein junger Bauer, der sich gegen die ungeschriebenen Gesetze der Gemeinschaft stellen will: et versucht, sich der Heirat mit der Mutter seines Kindes zu entziehen, ein Vorgang, der in einem solchen Dorfe nicht persönlich entschieden werden kann, sondern den Gesetzen der Gemeinschaft untersteht. Peter Weber schuf mit diesem Erstlingswerk ein starkes Buch. Ebenfalls Hunsrücker ist Jakob Kneip. Wie Gabele sollte auch dieser Sohn eines Hunsrückbauern Priester werden, aber schon während des Theologiestudiums suchte er einen anderen Weg: mit Wilhelm Vershofen und Josef Winkler schuf er eine Werkgemeinschaft, deren Arbeit im schriftstellerischen Schassen seiner Heimat nicht ohne Wirkung blieb. Kneips Werk ringt um die Vereinigung einer echten Frömmigkeit und einer bäuerlichen Lebenshaltung. Der erste Kreis findet Ausdruck in seinem lyrischen Schaffen, während seine Romane erkennen lassen, wie schwer dem Dichter die Vereinigung der beiden Stofsgebiete fällt. Von urwüchsigem Leben erfüllt ist der Roman „Hampit der Jäger", in dem er von den Abenteuern eines Hunsrückers erzählt. Dieser Roman ist ein Volksbuch im besten Sinne geworden. Später erschien Kneips zweiter Roman „Porta Nigra" mit dem Untertitel „Die Berufung des Martin Krimkorn", ein Werk, das mit dem jetzt erschienenen „Feuer vom Himmel" und einem kommenden Band die für Kneips Schaffen entscheidende Romantrilogie bilden soll. Martin Krimkorn ist der Bauernsohn, der Priester wird, Porta Nigra ist Symbol für die Kirche, der dieser Bauernsohn dient. Ob es dem Dichter gelingen wird, das Ziel zu erreichen, das er sich gesteckt hat, muß der noch fehlende dritte Band beweisen. Wer Jakob Kneip als Lyriker kennenlernen möchte, sei hingewiesen auf den neuen Gedichtband „Bauernbrot". Otto Brües, am Niederrhein ausgewachsen, stand während des Krieges an der Westfront. Nach dem Kriege nahm er sein Studium in Bonn wieder auf, aber „jede größere Arbeit, die ich unternahm, geriet mir, statt zur Doktor- oder Examensarbeit, zu Gedichten, Dramen und Erzählungen; der Trieb, zu gestalten, war so übermächtig, daß er jede andere Bemühung aüfschluckte". Am Anfang des schriftstellerischen Schassens stehen einige Dramen, so ein Versuch, „im Schicksal der Baltikumer das aller Heimkehrer zu versinnbildlichen" („Heilandsflur"), dazu kamen „Die Füchse Gottes" und „Der Prophet von Lochau". Bon seinen Prosaarbeiten wäre zu erwähnen die Erzählung „Das Mädchen von Utrecht", „in der ein Vorgang aus dem Leben eines Ahnen behaglich ausgesponnen wird", es folgte der Roman „Die Fahrt zu den Vätern", in dem der große Nansen das Vorbild des kleinen Eike Bosch wird. Einen seltsamen Titel führt das Flamenbuch von Brües', er nennt es „Fliegt der Blausuß?"; ein Bericht über eine Nord- und Südlandreise heißt „Licht von Thule". Beschauliche 2Reife nach Tilsit. Von Margarete von Olfers. Es ist schon lohnend, sich einmal Zeit zu nehmen, und von Königsberg aus, statt mit der Bahn ostwärts in die Provinz hinein zu fahren, den Wasserweg zu wählen. Auf diese Weise kann man die östlichste Stadt Ostpreußens, die an der Memel liegt und deren Namen für die meisten einer» feits mit einem unglücklichen Friedensschluß in Verbindung steht, anderseits die Erinnerung an einen sehr schmackhaften „Vollsetten" Käse erweckt, bequem und in beschaulicher Ruhe auf einem schmucken kleinen Dampfer erreichen. Pregelabwärts geht es durch Deime, Haff, Seckenburger Kanal und Memel. Und ich muß sagen, daß ich es nicht bedauere, den Tag drangegeben und fern aller Hast und Unruhe, ja ganz wundervoll nervenerholend auf dem Wasser und zwischen dem Grün der Flußwiesen verbracht zu haben. Wir schifften uns allerdings erst in Labiau in die kleine weiße „Elisabeth" ein, da die Stunde der Abfahrt aus Königsberg fünf Uhr morgens etwas sehr früh ist. Während wir am Labiauer Hafen warteten, begann es natürlich zu regnen, und schutzsuchend flüchteten wir in eins der kleinen niedrigen Spielzeugfchachtel-Häuser, die dort stehen. Es befand sich da eine Bäckerei, deren Auslagen uns anlockten, näher zu treten. In dem Laden entdeckten wir nicht nur einen merkwürdigen alten Ofen mit einer Kachel, die den königlichen Adler und die Initialen Friedrichs des Großen trug, sondern auch eine Bäckersfrau mit wunderbar schönen träumerischen Augen, die sließend französisch und englisch sprach, jahrelang in Nizza gelebt hatte und kostbares altes Porzellan besaß. Was für ein Schicksal diese Frau, die einem Fontaneschen Roman entstiegen zu sein schien, hierher in das winzige Städtchen am Deimestrand verschlagen hatte, blieb dunkel und unserer eigenen Phantasie überlassen. Die Bäckerin sührte uns in ihr Wohnzimmer, brachte uns selbst den bestellten Kaffee und die Spezialität ihres Geschäftes, „Schweinsohren", fo rösch und locker, tote man sie sonst nirgends erhält. Hier konnte man schon den Regen abtoarten, bis das Schiss um zwölf Uhr verspätet einlief. Denn die „Elisabeth" hat oft langen Aufenthalt unterwegs. Sie befördert nicht nur Menschen, sondern auch Frachtgut und alles mögliche Getier, Kälber und Schweine, die meist nur widerstrebend über die Landungsbrücke in das Schiss poltern. Aber diese Fahrgäste behelligen die übrigen Reisenden nicht. Das Schiss hat einen Laderaum, eine erste und zweite Klasse mit breiten Fenstern, bequemen Bänken und Tischen. Man sitzt dort wie im Speisewagen des O-Zuges und kann auch mit guter Hausmannskost, gewöhnlich einer kräftigen Gemüsesuppe mit Rindfleisch, seinen Hunger stillen. Endlich verließen wir Labiau, die Bäckersfrau mit den verträumten Augen stand in der Tür ihres Häuschens und winkte melancholisch. Sehr bald gelangten wir nun in das Kurische Haff. Es war dunkelgrau und bewegt unter fchwer verhangenem Himmel, wie Schatten zogen die hochgebugten Boote der kurischen Fischer in der Ferne an uns vorüber. Die Boote hoben und senkten sich in den Wellen, und auch in der „Elisabeth" war es zuweilen wie in einer Hängematte, die geschaukelt wird. Allmählich hellte sich der Himmel aus, ja, die Sonne blinzelte hervor, es war ein silbernes Licht aus dem dunkelen Wasser. Wir näherten uns dem Ufer und dem Fischerdorf Nemonien, das an der Einfahrt liegt. Der Wind lief durch das Schilf, das sich neigte, und unzählige goldene Mummeln leuchteten auf dem Grün ihrer breiten Blätter. Häuser tauchten aus mit roten Ziegel- oder grauen Schindeldächern. In langer Reihe stehn sie nebeneinander längs des Flusses, der die Verbindung zum Seckenburger Kanal herstellt. Immer zahlreicher wurden die Boote, die bei aufhellendem Wetter zum Fischfang auf das Haff zogen. Nun sahen wir sie dicht an uns vorbeifahren, diese ernsten schwarzen Schiffchen, mit ihren Wimpeln und eigentümlich geschnitzten Zieraten. Zuweilen ist es ein Kreuz, oft ein Adler, darunter der Namenszug der Besitzer, Sterne und andere Muster, die die Spitze des hohen Mastes schmücken. Sehr beliebt ist ein Wagen mit Pferd oder Reiter, die geschickt ausgeschnitzt als zierliche Silhouetten gegen den Himmel stehen. Rechts und links des Kanals breiten sich Wiesen bis in die Unendlichkeit aus. Heuduft erfüllt die Lust, die riesigen Heuhaufen find der Nässe wegen auf sogenannte „Reiter" hochgestellt und sehr oft thront ein Storch in philo« fophischer Ruhe darauf, denn diese Gegend ist ein Paradies für Frofchjäger. An den seltenen Anlegestellen wird endlos ein- und ausgeladen. Wir haben Zeit, wirklich einmal Zeit im Leben! Landfrauen mit grellrosa gemusterten Kopftüchern und ebenso farbigen Schürzen über den ernsten schwatzen Kleidern, steigen mit Geslügelkörben aus und ein, das reibet» fpenstige quiekende Schweinchen wird am Zage! hinterhergezogen. Im übrigen aber geht der Verkehr sehr schweigsam vor sich, rasche Zuruse, die ebenso rasch und kurz beantwortet werden, dann wieder Stille und kein anderes Geräusch als das glucksende Wasser am Steg, bis die Maschine von neuem zu arbeiten anfängt. Nach der geraden Wasserstraße des Kanals gelangen wir in die Gilge, bereit Münbungslaus breit ist unb bie in schönen Windungen durch das Land geht. Aber der Damm ist sehr hoch, man sieht nur hin unb wieder die Kronen der Bäume, die ein einsames Gehöft schützend umstehen unb ben Dachgiebel. Wegen bet Heber» fchwemmungsgefahr währenb bes Schacktarps — bes Eisganges, bet bieses Laub jebes Iaht im Vorfrühling bebroht, muß bet Damm so hoch fein. Baumgtuppen eines großen Parks unb ein behaglich baliegenbes großes Gutshaus erscheinen wie ein SBunber in biejet Einsamkeit. Es ist Rautenburg, bet Besitz bes Grafen Keysetkingk. Erst bei Sonnenuntergang (es wat im Juli) erreichte bie „Elisabeth", bie stromaufwärts eine harte Arbeit hat unb bis sieben Minuten für ben Kilometer braucht, ben Memelsttom. „Strom" bas ist bas richtige Wort für ben stolzen Fluß, bet hier mit Ruß und Gilge ein Delta bildet! Die eintönige Landschaft wird großartig, ebenso unendlich weit wie bisher, ist sie nun übersichtlich, da kein Damm die Aussicht mehr behindert unb von großen Baumgtuppen belebt, bie breit unb dunkel vor dem stammenden Sonnenuntergang stehen. Schwere golbgeränberte Wolken türmen sich am Himmel. Sie passen vorzüglich in ihrer kühnen Form zu bet kühnen unb großartigen Lanbschast. Ein starker Winb reißt bie Wolkenberge aus- einanbet; nun sind sie langgestreckt, zerfasert, goldrot unb lilarosa, wie hingemalt. Die leise zitternben golbgeriffelten Wasser bet Memel werben still unb bämmtig unb tiefblau. Dampfschiffe kommen an uns vorbei unb ein enblofer Zug großer schwatzet Kähne, bie mit Hellem Holz hoch bepackt finb. Viele Kähne bet Art unb Holzstöße lagern schon vor Tilsit, bie eine bet größten Zellulose-Fabriken Europas hat. Die Silhouette bet Stabt taucht vor uns auf, Türme unb bie beiben gewaltigen Brücken, bie zum jenseitigen Ufer — nach Litauen führen. Mitten auf bem Fluß, bet nut noch zur Hälfte unser ist, liegt bie Grenze! Rasch kommt bie Dämmerung, wirb tiefer unb tiefer, Lichter leuchten auf, wie Glühwürmchen hängen bie Laternen an Holzkähnen unb abwärts» ziehenben Flößen. Auf bet „Elisabeth" brängt sich alles zusammen, Mensch unb Vieh, bie Lanbungsbtücke wirb Ijerübergelegt. Wit finb an unserem Ziel angelangt, sehr ausgeruht nach bem langen Tag auf bem Wasser, sehr ersrischt, wind- unb lustburchweht unb wie aus einer weiten Ferne tommenb, in ber östlichsten Stabt unseres Vaterlanbes. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche UniverfttätSdruckerei 2t.Sange, Gießen.