SietzenerZaniilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1937 Freitag, den 20. August Nummer 64 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 19. Fortsetzung. Eine Rakete der Franzosen war aufgestiegen, eine lodernde Fackel riß eine blutende Wunde in die Dunkelheit. Und gleich darauf begann im Umkreis der Stadt das Feuer der feindlichen Geschütze mit einer bisher unbekannten Heftigkeit. Zaragossa hatte die Frist zur Ergebung verstreichen lassen, die Franzosen erneuerten den Sturm gleichzeitig von allen Seiten. Ich starrte noch wie alle andern empor, da fühlte ich meine Beine von hinten umklammert und mich vom Gerüst herabgezerrt. Und gleich darauf stieß mich jemand vorwärts, zwischen Balken und Latten, hinter das Tuch, das zwischen dem Pflaster und dem Bretterboden des Gerüstes ausge- fpannt war. „Auf die Wälle, alle auf die Wälle!" hörte ich die Stimme des Saniago Sas. Ich rannte im Dunkeln mit dem Schädel gegen einen Balken, die französische Rakete war in mein Hirn gesaust und drehte sich zwischen seinen Windungen wie ein irrsinniger Kreisel. Die Bretter über mir dröhnten vom Stampfen und Trampeln laufender Menschen, Wut und Empörung kreischten durcheinander und fegten wie ein Höllenorkan dahin. Keuchend stand Siebold neben mir: „Was ist dir eingefallen, Francesco?" Ja, was war mir eingefallen? Ich wußte es nicht mehr, was mich plötzlich überkommen hatte. Ich entsinne mich nur, daß mich Siebold hatte zurückhalten wollen und daß ich ihn fortgestoßen hatte, und dann hatte ich vergessen, daß ich auf dem Weg zu Martina gewesen war, und hatte mich und sie durch meine Torheit in Gefahr gebracht. „Ach, Francesco", sagte Siebold, „ich sehe, daß sie auch über dich Macht gewonnen hat. Du bist schwach geworden in dir. Jetzt hast du uns die ganze Bande auf den Hals gehetzt." Ich stand gebückt unter dem Bretterboden des Gerüstes, und das Feuerwerk in meinem Kopf beraubte mich fast der Besinnung, so daß ich nicht antworten konnte. Nach einer Weile war es über und um uns still geworden. Siebold hob das Tuch der Bespannung und spähte vorsichtig hinaus. „Wir sind ihr noch einmal entkommen", wandte er sich zurück, „aber nun nimm dich zusammen, jetzt geht es ums letzte." * Das Kloster Santa Engracia steht im äußeren Umkreis der Stadt und war gleich dem Kloster San Jose eines der bestbefestigten Bollwerke gegen den Feind. Die Stärke seiner Mauern, der Umstand, daß die Franzosen anfänglich dort keinen ihrer Stürme angesetzt hatten, ließen es geeignet erscheinen, als Lazarett zu dienen, nachdem die anderen Hospitäler im Innern der Stadt längst überfüllt waren. Aber nun lag es ebenso unter Feuer wie alle anderen Festungswerke. Zwei Minen hatten Lücken in die Doppelwälle gerissen und einen Teil »er Umfassungsmauern zum Einsturz gebracht, in den umliegenden Häusern wurde gekämpft. Es ist mir nicht in der Erinnerung geblieben, wie es Siebold und mir gelungen ist, bis zu dem Kloster vorzudringen. Das Tosen in meinem Zchädel hatte mir Blick und Gehör zum Teil genommen. Es schwamm mir «lies durcheinander zu einem Wirrwarr von Lärm und seuergefleckter Finsternis. Zuletzt mußten wir uns durch einen Knäuel von Karren drängen, luf denen offenbar die Verwundeten sortgeschafft wurden. Ich sah Schatten »on Menschen laufen, die von einem Flammenwind gejagt schienen, ab und zu flatterten Nonnengewänder vorbei. Der Schutt einer Bresche bröckelte unter meinen Füßen, ich glaube, ton einer ansehnlichen Höhe fast kopfüber hinabgerutscht zu sein. „Bleib hier!" rief mir Siebold zu, „bis sie kommt, dann gleich fort. 8n Diegos Haus. Ich gebe acht." Er war verschwunden, und ich stand in einem engen Hof allein, umringt tom Getöse des Kampfes. Es kam aus dem Gemäuer um mich, es scholl snterirdflch empor und setzte sich über meinen Kopf fort. Ich sah Männer ’n französischen Uniformen auf dem flachen Dach des Gebäudes, sie warfen schwarze, schwere Gegenstände durch die Kamine in das Innere des Hauses, rnd jedem Wurf folgte innen ein Krachen und Bersten der Mauern. Aber sw fielen einer nach dem andern, denn über ihnen aus den Galerien und aus ien Fenstern des Glockenturmes blitzten Schüsse, dort schienen sich Spanier festgesetzt zu haben, Stockwerkweise rangen Feinde und Freunde miteinander. In dem ungeheuerlichen Getöse eines Weltunterganges hatte ich Martina nicht kommen gehört. Sie stand plötzlich vor mir, das Aufzüngeln einer Flamme in einem hohen Doppelfenster machte fie mir überraschend sichtbar. Ich riß sie an mich, und sie lag stumm in meinen Armen; während rings um uns alle Dämonen des Krieges losgelassen waren und die französischen Trommeln den Sturmmarsch schlugen, zitterte eine Strähne ihres dunkeln Haares an meiner Wange. Zu unserem Wiedersehen machte die Vernichtung ihre jauchzende Musik. „Warum bist du nicht gekommen, Francesco?" Martinas erstes Wort war ein Vorwurf, den ich nicht verstand. „Wußte ich denn, wo du bist, Martina?" „Hast du es nicht gewußt? Zwanzig Botschaften habe ich gesendet."' „Keine Botschaft habe ich erhalten, Martina!" „Keine Botschaft? Und nun bist du gekommen, da ich dir nicht gehören darf." „Warum nicht? Warum nicht? Ich werde dich in Sicherheit bringen. Der Talisman beschützt dich. Er hat dich bis heute beschützt, ich glaube an ihn, er wird dich weiter beschützen. Der Feind wird geschlagen werden, dann führe ich dich fort." „Mein Talisman vermag nichts gegen das, was du getan hast. Ach, warum hast du es getan, Francesco?" „Was habe ich getan? Was habe ich getan?" „Warum hast du ihn getötet? Mord steht zwischen uns, mein Liebster ...“ Wir sprachen uns zum erstenmal nach langer Zeit, und eine ungeheuerliche Beschuldigung schlug mich nieder und lähmte mich. Wie gebannt konnte ich die Füße nicht regen, ich starrte Martina an und wir verloren Zeit, die Zeit, die uns zum Schicksal wird. „Ach, nein ..." schrie Martina auf, „du hast es nicht getan. Mag dis Pastrana sagen, was sie will, es ist kein Mord zwischen uns." Mit einem Satz sprang Siebold aus dem Dunkel. „Fort! Sie kommen." Noch zögerte ich in unbegreiflicher Benommenheit, unfähig, das Notwendigste zu erfassen. Und dann war es zu spät. Gesichter, Fratzen drangen an, Fuentes, die Pastrana, das zahnlose Maul des Martincho, Waffen und Fackeln versperrten den Weg zur Flucht, Krallen streckten sich nach uns aus. Wohin? Wohin? Die Lähmung wich aus meinen Gliedern, ich packte Martinas Hand, riß sie mit, eine Treppe empor, Windungen drehten sich um uns, es war die Wendeltreppe zum Glockenturm, die wir blindlings emporrasten. Auf einmal standen wir vor einem brodelnden Abgrund, die Treppe war abgerissen, eine der Haubitzgranaten mochte sie zerstört haben. Unter uns in einem Zimmer sahen wir, von Flammen umgeben, verkrallte Kämpfer, die einander abwürgten. Einige Stufen über uns, unerreichbar dem gewagtesten Sprung, knieten spanische Schützen, die in den Klumpen hinein- seuerten. Ich beugte mich über die Brüstung der Wendeltreppe, die Fratzen quollen unten empor, ein Brei von Fratzen, auf verdrehten Hälsen uns zugekehrt. Sie waren hinter uns her. Inmitten des allgemeinen Gemetzels waren sie darauf aus, uns zu fangen. Im letzten Augenblick bemerkte ich ein dunkles Loch zur Seite, eine Bresche in der Mauer. „Da hinein!" Wir konnten uns gerade hindurchzwängen, standen irgendwo im Dunkeln, tasteten vorwärts, dann kam durch einen Riß ein blutiges Lichtgerinsel, in dem wir weiterwateten. Ich hörte das Kreischen der Pastrana: „Dort drinnen sind sie!" Seltsam genug mag es wohl scheinen, daß ich im Grund wenig Furcht empfand. Das Vertrauen auf Martinas einst bespötteltes Amulett war groß genug, um mir einen glücklichen Ausgang gewiß zu machen. Ich sei geführt worden, hatte Siebold gesagt. Ja, ich war geführt und beschützt worden, durch die innige Wunschkraft der Liebe Martinas und diesen Talisman, durch den wir nicht vereinigt worden waren, um jetzt unseren Feinden zu erliegen. Es beunruhigte mich nicht einmal, daß Siebold nicht bei uns war. Er war irgendwie von uns getrennt worden, aber ich zweifelte nicht, daß er in diesem Augenblick um unsere Rettung bemüht war. Der Ausweg würde sich uns zeigen, sobald es den guten Mächten gefiel, in deren Händen ich unser Schicksal wußte. So folgte ich denn blind meiner Eingebung und lief mit Martina durch das zusammenbrechende Kloster, Einsturz und Brand. Minen sprangen auf und rissen Mauern hinweg, Balken krachten neben uns nieder, ich sah eine Stiege, die sich unten in Dunkelheit verlor. Wir ließen uns hinabgleiten, es ging in immer schwärzere Finsternis. Wir fühlten uns mit Händen und Füßen in die Tiefe, bis uns wieder ein sanfter, rötlicher Schimmer entgegenglomm. Es war die Unterkirche, in der wir uns jetzt befanden, die Krypta der Märtyrer. Ein halbes Dutzend gedrungener Säulen stützte das Gewölbe. Ueber dem Altar im Hintergrund brannte ein ewiges Licht; während über uns im Kloster der Kampf tobte und Menschen einander schlachteten, schwamm hier ein kleines stilles Flämmchen ohne zu zittern in rötlicher Glasmuschel, in bescheidener, abseitiger Heiligkeit, seit Jahrhunderten von frommen Händen sorglich behütet. Es beleuchtete zwei große Marmorsärge, geziert mit frühem, christlichen Bildschmnck, mit Lamm und Fisch und Kreuz und dem rebentragenden Weinstock, den Sinnbildern aus der Kinderzeit des einst einfach gewesenen Glaubens. „Es iind die Särge der heiligen Engracia und ihrer Genossinnen im Märtyrertod", flüsterte mir Martina zu. Das ewige Licht beleuchtete auch uns, und ich sah Martinas süßes Gesicht in einer unsagbar verklärten Schönheit. Nie war sie so schön gewesen, wie geläutert und gereinigt durch all die Sehnsucht und Qual und das Märtyrertum, die ihr um unserer Liebe willen auferlegt worden waren. Ich atmete auf. Ich glaubte uns gerettet, wir waren in einer anderen Wett, der Lärm des Kampfes war nur ein dumpfes Rumoren über unseren Köpfen. Die Feinde hatten unsere Spur verloren. „Hast du deinen Talisman?" fragte ich. Martina zog den blauen Stein an feiner silbernen Kette aus ihrem Nonnengewand und küßte ihn. Dann reichte sie auch mir die kostbare Kapsel, die das Stück von Christi Hemd umschloß, zum Kuß. Und als wären untere Lippen durch diese Berührung von allem entsündigt und neu geweiht, vereinigten sie sich nun selbst zu unserm ersten Kuß seit unserem Wiederfinden. — Zu unterem letzten! Stimmen drangen zu uns hinab, Tritte polterten auf der Treppe zu unserem Versteck. Da waren die Feinde wieder, die Hartnäckigkeit ihres Hasses hatte sie geführt. „Sie find dort unten!" trieb die Pastrana an. „Wir haben fie." Sie kamen im Dunkeln herab, sie mochten die Fackeln verloren haben, die Träger waren vielleicht gefallen. Sie dursten uns nicht sehen, unsere Rettung lag in der Finsternis. „Gib acht, Martina", raunte ich der Geliebten zu, „wenn sie hier brinnen find, dann links an der Wand entlang zur Treppe und hinaus." „Was willst du tun?" fragte Martina. Ich stand schon auf dem Altar und streckte die Hand nach dem ewigen Licht aus. „Verlösch das Licht nicht!" schrie Martina aus. Es war zu spät, ich hatte das Licht schon zwischen meinen Fingern erdrückt. Aber fein letztes Flackern hatte mir noch das Gesicht Miguels gezeigt, der am Treppenende stand und die Pistole nach mir erhob. Der Schuß krachte fchon ins Dunkel. Für einen Schützen wie Miguel wäre ich, tote ich mich da auf dem Altar als Ziel bot, selbst in dem sekundenkurzen letzten Lichtschein nicht zu fehlen gewesen. Aber ich fühlte mich nicht getroffen, ich hörte unter mir, dort wo Martina gestanden hatte, einen leisen Aufschrei und dann, als der Widerhall des Schusses verrollt war, ein schwaches Stöhnen. Ich sprang vom Altar herab, tappte nach Martinas Gestalt und sand sie nicht. Mein Fuß stieß an einen Körper. Ich wars mich über ihn: „Martina! Martina!" Sie antwortete nicht, meine Hand tastete in klebrige Feuchtigkeit. Und nun waren sie über mir, Finger verkrampften sich in mein Haar und rissen mich zurück, mit Fäusten und Knien und Zähnen kämpfte ich gegen die Wuchtenden Körper, die mich niederdrückten. Da schlug der Donner einer Sprengung in die Finsternis, der Boden hob sich in kurzem Stampfen, Mörtel und Steine fielen. Durch die klaffende Mauer neben mir drang Licht, Menschen wimmelten aus der Mauer, ich sah bayrische Uniformen, Mündungsseuer aus Büchsen, Kolben geschwungen, Bajonette im Stoß. Ich hatte mich auf die Knie erhoben, das Ringen um mich war zu Ende. Ein Gesicht beugte sich über mich, ein besorgtes, trauriges Gesicht. Ich erkannte es erst mit einiger Anstrengung. Es war dein Gesicht, mein junger Freund Endeslant. Und noch ein zweites Gesicht erkannte ich jetzt. Siebold stand neben mir. Er bot mir die Hand. „Zu spät, armer Freund!" sagte er. „Und die Pastrana ist entkommen." Sie wollten mir helfen, aber ich richtete mich selbst auf. Tote lagen umher. Fremde Kerle; nahe dem Eingang zur Krypta hatte Martincho eine Kugel empfangen, am Fußende des Sarges der heiligen Engracia lehnte Miguel, genau so wie er damals im Kloster San Jose an der Wand gelehnt hatte. Aber er lächelte mit nicht entgegen, er konnte nicht lächeln, sein Kopf war von einem Kolbenhieb zerfchmettert. Aber Martina lächelte. Ein kleines, füßes, etwas wehes Lächeln, ein Abschiedslächeln für mich. Aus der Wunde in ihrer Brust wand sich wie ein dünnes Schlänglein das silberne Kettchen ihres Talismans. Die Kugel hatte den blauen Stein, die Kapfel des Heiligtums ins Herz mitgerisfen. Da wußte ich auf einmal, daß nicht mein unglücklicher Freund Miguel es gewesen war, der sie getötet hatte, sondern ich selbst. Das ewige Licht über dem Altar in der Krypta des Klosters Santa Engracia war es gewesen, an dem die Wunderkraft ihres Amuletts gehangen hatte. Und ich selbst hatte dieses Licht verlöscht. * Ich habe damals mein Heimatsdorf Fuentedotos wiedergesehen. Siebold und Endeslant haben mich dahin gebracht. Das Regiment Prinz von Thurn und Taxis lag darin. Es war wie alle Dörfer in der Umgebung von Zaragosfa gründlich ausgeplündert und verbrannt, die Polen hatten das besorgt, die vor den Bayern darin gehaust hatten. Auch das Gehöft meines Vaters war nur ein Wal! von Schutthaufen um einige stinkende Jauchepfützen. Von meinen Brüdern und sonstigen Verwandten wußte niemand etwas. Sie trieben sich wohl in den Wäldern und Bergen herum oder standen in Waffen gegen die Franzosen. Langsam fand ich mich in der Welt und dem Leben und den äußeren Zusammenhängen zurecht. Ich erfuhr, daß Siebold meinen Freund Endeslant herbeigeholt hatte. Er hatte die Bayern einen unterirdischen Gang geführt, der das Kloster bei Salvador unter dem Flußbett des Huerva hinweg mit Santa Engracia verband. Sie hatten die vermauerte Tür in die Krypta gesprengt, aber sie waren zu spät gekommen. Nun ja, sie waren zu spät gekommen, niemand trug Schuld daran als ich, es war mir wohl so bestimmt. Aber Siebold machte kich Vorwürfe: „Ich hatte kein anderes Mittel, Francesco, alles wie vernagelt, alles im Kreis eurer sichtbaren Ursachen und Wirkungen wie festgebannt. Dem, was ihr das Natürliche nennt, dieser lächerlichen Flachheit, habe ich nicht entkommen können. Das war die furchtbarste Waffe der Singdogmo, daß sie mir alle andern Wege versperrt hat." Ich hatte es gewußt, daß Siebold auf unsere Rettung bedacht gewesen war, es hatte nicht sein sollen, daß sie gelang, er brauchte darum den Kopf nicht hängen zu lassen. Der französische Sturm war, nachdem man den Singriff fast bis in die innere Stadt vorgetragen hatte, zuletzt doch noch an der zähen Wut der Verteidigung zerschellt. Es war Befehl gekommen, die Belagerung einstweilen aufzugeben und erst wieder aufzunehmen, wenn Vorbereitungen getroffen waren, die den Erfolg unzweifelhaft machten. Die Truppen wurden langsam abgezogen. Die deutschen Regimenter, die zur Beobachtung zurückgeblieben waren, folgten als die letzten. Ich kam mit ihnen nach Madrid, ohne Besorgnis um mein Schicksal. Wenn man wußte, daß ich gegen die Franzosen gekämpft hatte, so war mir wohl jetzt trotz meines Namens Kriegsgericht und Todesurteil gewiß. Napoleon hatte die spanischen Armeen hinweggefegt, den Uebergang über die Guaderrama erzwungen und war in Madrid eingezogen. Sein Bruder Joseph folgte ihm einige Tage später und nahm von feiner Hauptstadt wieder Besitz, dieser Stadt der Not, des Hungers und der Krankheit, zu der sie geworden war. Ich hatte mein Stadthaus gar nicht ausgesucht, ich war außerstande, eine der französischen Uniformen anzusehen, ohne daß mich ein Zittern des Zornes überkam. Die Franzosen versuchten Ordnung zu machen, die Inquisition war wieder aufgehoben und machtlos geworden, ich hatte nichts mehr von ihr zu fürchten. Aber ich wollte nicht anerkennen, was mit den Franzosen Gutes kam, ich wollte nicht gerecht sein. Es war, als hätten die Ereignisse der letzten Zeit nur diesen Zorn gegen die Fremden als einzig lebendiges Gefühl in mit übriggelassen. Ich fürchtete, daß ich fähig war, mich zu Unbefonnenheiten hinreißen zu taffen. In meinem Landhaus wartete ich ab, was mir verhängt fein würde. Eines Tages kam eine Einladung des Kaisers, mich zu einem Ordensfest der Ehrenlegion einzufinden. Ich erwiderte mit der Meldung, daß ich erkrankt sei. Ich wollte nicht gefeiert, ich wollte verurteilt fein. „Laß nur", sagte Siebold, „sie wissen nichts davon, daß du gegen sie gekämpft hast. Oder fie wollen es nicht wissen. Sie wissen nur, daß du in Zaragolsa für die Uebergabe gebrochen hast und daß du dafür von deinen eigenen Leuten beinahe in Stücke gerissen worden bist. Wenn du nicht aus der Straße einen Franzosen niederstichst, so werden sie dir nichts tun." , War das nötig, um die Feinde gegen mich aufzubringen, nun gut, das konnte ich ja tun. Hatte ich nicht das Sakrament darauf genommen, einen Franzosen umzubringeu, und hatte nicht vielleicht Saniago Sas doch damit recht gehabt, daß ich damals nicht den rechten Willen in mit gehabt hatte, zu töten? Ich bedachte nicht, daß ich es viel einfacher gehabt hätte, die Rache der Franzosen aus mich herabzuziehen, indem ich offen meine Teilnahme am Kampf bekannte. Aber es scheint, daß mir damals die Fähigkeit folgerichtigen Denkens vollständig abhanden gekommen war. In solcher Verwirrung befand sich mein Kopf, als mich Josepha auf» suchte. Sie hatte wohl schon längst gewußt, daß ich wieder daheim war, aber sie hatte nicht gewagt, zu kommen, ehe ich sie rief. Nun hatte ich ihr Nachricht gesandt, und sie kam noch am selben Tag. Sie war verhärmt, mager und alt, eine müde Greisin, aber ihre Augen strahlten Freude. Lange hielt sie meine Hand mit ihren knochigen Fingern fest. „Glücklich zurück", stammelte fie, „glücklich zurück?" Sie hatte wohl große Angst um mich gehabt, vielleicht hatte fie mich ganz verloren gegeben. Gott mochte wifsen, welche Gerüchte über mich zu ihr gedrungen waren. „Du bist in Zaragofsa gewefen?" fragte fie. Das war wohl durch die Sippe der Goicoecheas überbracht worden, und Josepha bestätigte es mir sogleich, indem sie hinzusügte: „Francesco Javier ist wieder in Madrid. Er hat gute Geschäfte gemacht. Und auch seine Frau ist wieder aus Zaragossa gekommen." „Sie haben mich nicht sehr freundlich ausgenommen", sagte ich, „wie giftige Spinnen haben sie mich angesehen. Sie mögen von Bayeu schöne Dmge über mich erfahren haben." Josepha senkte den Kopf: „Mein Bruder ist tot." Nun erst bemerkte ich, daß sie wieder die Trauermantille trug, das unvermeidliche Kleidungsstück, das sie beim Tod eines jeden unserer Kinder angelegt hatte, diese schwarzen Fledermausflügel des Unheils. Also Bayeu war tot, dieser Kampfhahn, dieser ewige Nörgler und Widersacher hatte das Feld geräumt. Nun hätte ich ja frohlocken können, daß der Feind meines Herzens und meiner Liebe erledigt war. Aber es siel mir nichts dergleichen ein, denn wo war die irdische Gegenwart dieser Liebe, die er so heftig bekämpft hatte? Und bann: die arme, verhärmte Frau vor mir, die in ihre Mantille hineinschluchzte, tat mir leid. Also Bayeu war gestorben. Und ich erfuhr, daß er am gleichen Tag und zur selben Stunde gestorben war, da sich vor meinen Augen inmitten des hellen Sonnenscheins seine Fresken mit Schatten bedeckt und versinstert hatten. War das ein Gruß an mich gewesen, trotz aller Feindschaft ein Gruß an mich? Hatte diese Feindschaft vielleicht eine geheime Liebe in sich 0e' borgen, war seine Mißgunst vielleicht nur eine Maske für eine Bewunderung, die er nicht sehen lassen wollte? Ach, ich wünschte, er hätte sehen können was ich jetzt schuf. Unselig, zerklüftet und innerlich verbrannt, aber empvrgerifsen zu nie vorher erreichter Meisterschaft. Vielleicht hätte ihn das bezwungen, (eine Maske abzulegen und mir zu geben, was er m»r immer verfügt hatte, die Huldigung vor dem Größeren, dem Größten in unserer Kunst. (Schluß folgt.) Don den heimlichen Rosen. Von Christian Morgenstern. O, wer um alle Rosen wüßte, die rings in stillen Gärten stehn — o, wer um alle wüßte, müßte wie int Rausch durchs Leben gehn. Du brichst hinein mit rauhen Sinnen, als wie ein Wind in einen Wald — und wie ein Duft wehst du von hinnen, dir selbst verwandelte Gestalt. O, wer um alle Rosen wüßte, die rings in stillen Gärten stehn — o, wer um alle wüßte, müßte wie im Rausch durchs Leben gehn. Der Blinde. Eine Liebesgeschichte von Paul Ernst. Gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts lebte in einem Dorf ein armer Korbflechter, ein Witwer, mit seinen beiden erwachsenen Töchtern. Die Mädchen waren sehr schön gewesen; in einer Pockenepidemie erkrankte die ältere, welche Marie hieß; sie wurde wieder gesund, aber ihr Gesicht war mit Narben bedeckt und hatte alle Farbe verloren, die Augen waren glanzlos; von aller Schönheit war nur das wundervolle kastanienbraune Haar geblieben, das ihr bis an die Kniekehlen ging, wenn sie es kämmte, und auch ihre schöne Stimme hatte sich nicht verändert. Die jüngere, Elise, hatte ihre Schönheit behalten. Das Häuschen des Korbmachers war das letzte im Dorf. An einem Abend klopfte ein fremder junger Mann und bat um ein Nachtlager. Er erzählte, daß er seit einem Jahr erblindet sei und nun sein Handwerk, er war Schlosser, nicht mehr ausüben könne. Nun sei er seit langer Zeit auf der Wanderschaft, um zu suchen, ob er nicht irgendwo eine Beschäftigung finde. Der Vater verlangte dem bescheiden und anständig wartenden Jüngling seine Ausweispapiere ab. Die Angaben waren richtig. Marien tat der schöne, schlank gewachsene Mann leid, und sie sah den Vater bittend an; der sagte: „Wir sind die Letzten im Dorf, so müssen wir Euch wohl beherbergen. Ihr schlaft aber in der Scheune, wir haben keinen anderen Raum." Der junge Mann dankte herzlich und legte seinen Ranzen ab. Nach dem Abendessen räumten die beiden Mädchen ab, holten ihre Spinnräder vor und begannen zu spinnen. Der Fremde erzählte von seiner Wanderschaft, von Menschen, welche er getroffen, auch von feinem früheren Handwerk. Marie hörte bald mit Spinnen auf und fah in das belebte, geistvolle Gesicht des Jünglings, indem sie seinen verständigen Reden lauschte. Gegen halb neun befahl der Vater allen, zu Bette zu gehen. Am andern Morgen sprach er zu dem Blinden, er habe sich in der Nacht überlegt, daß er vielleicht ein Unterkommen für ihn wisse. Er könne das Korbflechten bei ihm lernen und könne bleiben, so lange er wolle. Das Flechten sei eine Arbeit, welche Blinde bewältigen können; und da er noch jung sei und wahrscheinlich noch geschmeidige Finger habe, so könne er bald die feine Arbeit übernehmen, die bei ihm jetzt nicht mehr recht vorwärts wolle. So blieb denn der junge Mann bei der Familie, in sehr kurzer Zeit hatte er die Handgriffe gelernt, und nach einigen Wochen schon konnte ihm der Alte einen kleinen Lohn auszahlen. Etwa ein Jahr lebten die Leute dergestalt zusammen. Marie hatte sich immer mehr mit dem Gehilfen angefreundet, und die beiden hatten schon darüber gesprochen, wie es möglich wäre, daß sie sich heiraten könnten. Der Mann meinte, einen Blinden könne doch kein Mädchen lieben; sie antwortete: „Wenn einer ein ordentlicher Mensch ist, und man hat ihn einmal gern, so sieht man darüber fort." Er stellte sie sich als sehr schön vor, indem er sich nach ihrer Stimme und ihren Haaren ein Bild machte, und sprach oft von ihren Augen und ihrer Hautfarbe, und feine größte Freude war, wenn sie ihr Haar auflöste, und er durfte es streicheln. Dann sagte er: „Die Stimme und das Haar find deine einzige Schönheit, die ich kenne." Sie sagte nichts gegen seine Vorstellungen und scherzte nur; aber sie mußte sich bei diesem Scherzen oft zwingen, daß sie nicht in Tränen ausbrach. Der Vater bemerkte die Vertraulichkeit der beiden; er nahm seine Tochter mit auf das Feld hinaus und sprach mit ihr, daß der junge Mann ja ein gutes Wesen habe, aus einer ordentlichen Familie sei und tüchtig arbeiten könne, aber was wolle sie denn mit einem Krüppel anfangen! Die Jugend vergeht, und die erste Liebe kann nicht bleiben, da hatte fie denn einen blinden Mann, und wenn dann die Kinder kamen, so war Sorge und Not da. Das verständige Mädchen sah das ein und sprach, daß sie beide das wüßten und sich gesagt hätten, daß sie nicht heiraten könnten, denn sie wollten kein Bettelvolk werden und fremden Leuten zur Last fallen; aber manches Mal, wenn die Dämmerstunde fei, dann wollten sie das alles vergessen und wollten sich vorstellen, das Unglück sei nicht da. Und sie selber wisse ja auch von sich, daß so eine Häßliche, wie sie sei, kein Mann heiraten möge, nur der Blinde habe sich in sie verliebt, weil er eben ihr Gesicht nicht sehen könne. Dabei weinte sie, und der Vater tröstete sie. Nun wurden damals die ersten Staroperationen gemacht, nicht von eigentlichen Aerzten, sondern von Leuten, welche man gegenwärtig als Kurpfuscher bezeichnen würde. Die beiden Mädchen standen immer am Samstagmarkt in der Stadt mit ihren Körben aus, und weil die Leute von dem Blinden wußten, so erzählten die ihnen, daß ein Mann in die Stadt gekommen sei, welcher den Star stechen könne. Marie ging zu dem Manne hin. Dieser fragte sie nach allem und sagte dann, nach der Be- ichreibung sei der Geliebte allerdings wieder sehend zu machen; und da fie arme Leute seien, so wolle er mcht viel für die Operation verlangen, ober zwanzig Gulden müsse er bekommen. Das Mädchen erschrak über die Höhe der Summe; dann sagte der Mann, daß er nur noch eine Woche in der Stadt bleibe, deshalb müsse sich der Blinde schnell entschließen. Marie hatte fünfzehn Gulden in ihrer Sparbüchse, und sie wußte, daß ihr Geliebter zwei Gulden ge-spart hatte. Es seblten alko nodj drei Gulden. In einer versteckten Straße der Stadt wohnte eine alte Frau, welche die vornehmen Damen in der Dämmerung besuchten. Sie kauften bei ihr Schönheitswasser, Schminke, auch Liebestränke. Marie ging zu der Alten, löste ihr Haar und fragte, ob sie ihr drei Gulden sür das Haar geben wolle. Die Alte schlug die Hände über dem Kopf zusammen über die hohe Summe und bot einen Gulden; Marie ging; auf der Straße wurde sie zurückgcrufen; die Alte zählte ihr in allerhand kleiner Münze die drei Gulden auf. Sie setzte sich auf einen Stuhl, flocht ihre Zöpfe auf, die Alte schnitt das Haar dicht an der Wurzel ab. Marie weinte, tat das Geld in ihre Börse und ging. Ihre Schwester erschrak, wie sie zurückkam; sie legte ihr Schweigen auf und band ein Taschentuch über den Kopf, wie die Arbeiterinnen in den Scheunen beim Dreschen tun. Zu Hause klagte sie über Kopfweh, um das Tuch zu entschuldigen. Am Abend zog sie den Blinden zur Seite. „Du mußt mir deine zwei Gulden geben", sagte sie; er ging an den Tischkasten, nahm das Geld aus der Schachtel und gab es ihr. Dann sagte sie ihm, daß er am anderen Tage mit ihr in die Stadt kommen müsse. Die Schwestern gingen mit ihm zum Starstecher. Der Blinde mußte sich auf einen Stuhl setzen, der Arzt prüfte die Augen, bereitete Verbandzeug vor und gab es Marien mit der Weisung, hinter den Blinden zu treten und ihm nach den Schnitten gleich die Binde umzulegen. Dann siel er auf die Knie und betete, die andern beteten lautlos mit zitternden Lippen sein Gebet mit. Dann erhob er sich, nahm sein Messerchen in die Hand, faßte den Kopf des jungen Mannes mit der Linken und schnitt; der Blinde stieß einen lauten Schrei aus, Marie legte ihm von hinten gleich die Binde um. „Ich sehe, ich sehe", schrie er, „es war ein Blitz, ich habe dich ganz in Feuer gesehen, Marie." Es war Elise gewesen, die er gesehen hatte. Die drei gingen zurück nach Hause und erzählten dem Vater alles. Er billigte ihr Tun und streichelte liebevoll Mariens Hand. Nie hatte er seine Tochter geliebkost; Marie wunderte sich über die Liebkosung und den traurigen Blick des Vaters, aber sie sagte nichts. In den nächsten Tagen saßen die Liebenden viel beieinander. Der Kranke erzählte immer, wie er Marien im feurigen Glanze gesehen habe, schön wie die heilige Jungfrau. Zuweilen versuchte sie schüchtern, ihn vorzubereiten, daß er enttäuscht sein werde, wenn er sie sähe. Er lächelte nur aus ihre Reden. Sie sprach von ihrer Krankheit, von den Pockennarben, den erloschenen Augen, daß sie ihr Haar nicht mehr habe. Er lächelte nur still vor sich hin. Nach zehn Tagen durste die Binde abgenommen werden. Wieder saß er auf einem Stuhl; die beiden Schwestern standen vor ihm; der Vater war an seiner Arbeit auf dem Schemel. Langsam, mit zitternden Händen, löste der junge Mann den Knoten, die Binde siel. Er sagte Ah!, stand mit wankenden Knien auf, schritt auf die Mädchen zu und umarmte Elisen. Er hatte Marien gar nicht gesehen. Elise stieß ihn zurück, Marie schrie auf; er sah sich um. „Die ist Marie!" tief Elise, indem sie aus die Schwester zeigte. Er bezwang sein Herz, trat auf fie zu, um sie zu küssen! etwas hielt ihn^zurück, er küßte sie auf die Stirn. Sie schüttelte den Kopf und machte sich mit sanfter Bewegung frei. „Du wirst kein Schurke werden an dem Mädchen", rief ihm der Vater zu. „Nein!" antwortete er und wollte ihre Hand ergreifen; sie entzog sie ihm und ging weinend aus der Stube. Gegen Abend machte fie ihrer Schwester Vorwürfe. „Du hast dein Haar behalten, ich habe es hergegeben. Jetzt nimmst du mir meinen Bräutigam." Elise weinte. „Ich habe dich aufgezogen wie eine Mutter, nun vergiltst du es mir so", fuhr Marie fort. Plötzlich weinte auch sie. „Du hast ja keine Schuld, er ist auch unschuldig", sagte sie. Dann küßte sie ihre Schwester aus die Stirn, und trotz der Dunkelheit machte sie sich auf den Weg in die Stadt; sie wttßte eine Familie, welche ein Dienstmädchen suchte; gegen neun Uhr abends kam fie an, klingelte und fragte, ob man sie wolle; sie wurde gleich angenommen; nachdem sie ihren Mietstaler erhalten, kehrte sie nach Hause zurück, wo alle so ängstlich über sie waren, und erzählte, was sie getan. Die andern schwiegen. Dann legte sie die Hand ihrer Schwester in die Hand des geheilten Blinden und sagte: „Ich gebe ihn dir. Es würde nut ein Unglück, wenn er mich heiratete." An Befinden. Von I. W. von Goethe. Warum ziehst du mich unwiderstehlich, Ach, in jene Pracht? War ich guter Junge nicht so selig In der öden Nacht? Heimlich in mein Zirnrnerchen verschlossen, Lag im Mondenschein, Ganz von seinem Schauerlicht umslossen, Und ich dämmert' ein; Träumte da von vollen goldnen Stunden Ungemischter Lust, Hatte schon dein liebes Bild empfunden Tief in meiner Brust. Bin ich's noch, den du bei so viel Lichtern An dem Spieltisch hältst? Oft so unerträglichen Gesichtern Gegenüber stellst? Reizender ist mir des Frühlings Blüte Nun nicht auf der Flur: Wo du, Engel, bist, ist lieb' und Güte, Wo du bist, Natur. Abenteuer -es OrehorgelmanneS. Ein Märchen Don Hans Friedrich Blunck. Ms der Abend kam und die Bäume dunkel wurden, stand auch der Drehorgelmann aus, packte seinen Kasten sorgfältig in ein altes Tuch und sah sich nach dem Heimweg um. Er hatte draußen im Wald, wo die Stadtleute sonntags lustwandeln, den ganzen Tag aufgespielt, krumm gesessen und mit dem Hut um ein paar Pfennige gebettelt. Jetzt reckte er sich, zählte seine Kupfer- und Nickelstücke, wickelte sein Bein aus und wischte sich den Schweiß aus dem Hut. Ihr dürst nämlich nicht denken, daß es eine Klemrg- keit ist, zehn Stunden lang einmal mit dem rechten, einmal mit dem linken Arm den Schwengel zu drehen; man kann warm dabei werden! Drei große Mücken — Schneiderinnen heißt man sie wohl — flogen um den Leierkasten und summten und sirrten. Sie hatten den ganzen Tag zum Spiel der Drehorgel getanzt; der Mann stand sich gut mit ihnen, er dachte daran, daß in dieser Art Don Tieren 6st kleine, dunkle Mahrfrauen bis zur Nacht einwohnen, und fragte sie höflich, ob ihnen das Drehorgelspiel gut gefallen hätte. Er hielt ihnen sogar noch einmal im Scherz den Hut hin, wie um zu sammeln. — Die Schneiderinnen umflogen ihn, und als der Drehorgelmann Dergnügt noch einmal unterm Tuch drehte, surrten sie näher, setzten sich aus den Orgelkasten und ließen sich mittragen; so Diel Vertrauen hatten sie gefaßt. Danach ist es unserm armen Freund aber nicht mehr so gut gegangen, und das ist so gekommen. Der Leierkastenmann hatte, das Dergaß ich zu sagen, nur einen Stiefel an; er pflegte ja zu tun, als sei er ein Krüppel mu einem Bein. Als er nun aber auf der harten steinigen Landstraße heimging, mußte er mit dem bloßen Fuß arg humpeln und ächzen, und es war noch ein weiter Weg bis zum Bahnhof. Da sah er einen alten Schuh in seinem Weg liegen. Schwupp schlürfte der Drehorgelmann hinein; es fchien ihm ein rechtes Glück, den zu finden. Wenn ihr einen alten Schuh auf der Straße findet, laßt ihn liegen! Dergleichen wird nämlich oft Don dicken Kulenkrögern ausgelegt, um Gäste einzufangen. Zieht man arglos solches Ding an oder schlüpft nur eben hinein, um es auszuproben, wird rnan's nicht mehr los, Derbrennt vor Durst und muß beim Kulenkröger trinken, bis man keinen Pfennig in der Tasche und keinen Rock mehr am Leibe hat und der böse Alte einem den Schuh selbst wieder abzieht. Nein, der Kulenkröger kennt kein Mitleid; es ist sein bester Verdienst, was auf solche Art zu ihm in die Schenke kommt. Nun iagte ich schon, unser Drehorgelmann dachte in dem Augenblick nicht daran, er zog ahnungslos den Schuh über. Fast im gleichen Augenblick meldete sich das Unglück bei ihm. Er schluckte ein paarmal, fuhr mit der Zunge über den (Säumen, feuchtete sich die Lippen und merkte, daß er den ganzen Tag nur eine Flasche Kaffee bei sich gehabt hatte. Oh, was für einen Durst hatte er auf einmal, er legte sich an den Weggraben und wollte Wasser trinken. Aber dergleichen schmeckt nur wie Salz, wenn jemand einmal des Külenkrögers Schuh gefunden hat; dem Drehorgelmann war nicht mehr zu helfen. Als neben dem Weg eine alte Sandkule ausging und ein Stein sich in den Angeln drehte, glitt der arme Mann schon aus dem neuen Schuh in die klingelnde, bimmelnde, schimmerhelle Gästestube des Külenkrögers hinein, den Drehorgelkasten hoch Norm Bauch und die drei Mücken obendrauf. Der Kulenkröger ließ ihn ein; er wedelte gegen die Fliegen mit einem alten Kuhfchweif, schloß die Tür rasch wieder und besah sich den Neuen. Er hätte gern einen besseren Fang getan, aber die kleinen Gäste zehren auch, und die Drehorgel als Pfand gefiel dem Dicken ganz gut; unser armer DurstDogel mußte sich setzen. Hockten auch schon zwei Kumpane auf der Bank; da waren der Bauernoogt, der bei den Menschen nidjt mehr zu trinken bekommt, und der alte Uhu aus der Eiche, unter der die Drehorgel tagsüber gespielt hatte. Gleich mußte der Drshorgelmann eine Runde ausgeben, so freuten sich alle, ihn zu sehen. Ihr könnt euch denken, daß bei solch unholder Trinkerei die Münzen nur so baoonliefen. Der neue Gast sagte ehrlich, daß er bald am Ende sei; der Kulenkröger nahm es jedoch nicht gewichtig, er hatte ja den Drehorgelkasten als Pfand. Der Uhu bemerkte auch, er sei dem Herrn noch einen ganzen Tag Musikgeld schuldig — er sagte es etwas heimtückisch, er hatte kein Auge zutun können. Der Bauernbogt aber schlug Dor, man solle die Zeche zusammentun und dann auswürfeln. Das schien allen am besten; denn jeder hasste, daß der andere Derlöre. Als der Leiermann den Kröger jedoch Dorsichtig fragte, ob er gute Würfel hätte, konnte der seine eigenen nicht finden. Nur der BauernDogt und der Uhu hatten welche bereit. Aber der arme ßeiertaftenmann wußte, daß er mit jenen Würfeln ganz gewiß verlieren würde. Oh, es war eine böfe Gesellschaft, in die er geraten war; er wurde recht traurig. Hätte der Mann jetzt den Mut gehabt, aufzubrechen, so hätte er Dielleicht noch für sich selbst bezahlen können; er hatte, wie viele seines Gewerbes, gut verdient. Aber et bekam Furcht Dor den drohenden Augen der andern, als er nur nach seinem Hut blickte, und er hatte ja auch den Deputierten Schuh an. Der ließ seine Kehle immer noch wie höllisches Feuer brennen, er mußte ein Glas nach dem andern hindurchlaufen lassen. Verzweifelt zog der Gefangene die Beine an, besah sich den guten Stiefel und den argen Schuh und hätte gar zu gern den Kulenkröger gebeten, ihm das Ding abzuziehen. Aber der erriet seine Gedanken wohl und grinste ihn ohne Mitleid an. Nun waren auf dem Leierkastentuch drei ungebetene Gäste in die Stube gekommen, die erhoben sich um die Zeit schwirrend aus ihrem Versteck. Dem Uhu machte das nicht Diel aus, der hatte ja die dichten Federn an. Aber der BaueniDogt kratzte sich schon mißmutig einmal ums andere über den Nacken, klatschte zuweilen mit der einen Hand aus die andere und Der» drehte die Augen, wenn sich etwas mit Summen aufhob, längst ehe et seine feuerroten Knöchel erreicht hatte. Das war aber noch gar nichts gegen das Leiden des Külenkrögers. So schlecht Don Herzen er war, so sehr hielt der Alte auf Ordnung. Er hatte keine Fliege, keine Assel in der Stube, Schrank und Schapp waren ohne Wurm. Und wenn er mit der rechten Hand Gäste in seine Schankstube einließ, hatte er meist den alten Kuhfchweif in der linken, damit keine Motte in die Tür käme. Er hatte auch heute den Seiet» taftenmann über Rock und Hut gewedelt; wie kamen nur die drei bösen Gäste in seine Stube? Schlimmer noch, der Kulenkröger hatte süßes Blut. Es gibt Leute, denen tut kein fliegend Getier etwas zuleide; sie können Dornt Gewitter angeln und haben nur etwas ferne Musik gehört. Es gibt aber andere, die brauchen am hellen Tag nur ein Blatt zu streifen, unter dem eine Mücke schläft, und das Tier wacht heißhungrig auf und Derläßt sie nicht wieder. Als der Kulenkröger eben drei neue Gläser eingeschenkt hatte, lief fein linkes Auge an — es wat gut, daß kein Spiegel int Raum war. Es rächte sich auch, daß er seine Schuhe draußen auf Fang gestellt hatte. Die Strümpfe waten aus guter Wolle, aber er stand immer mit dem einen Fuß auf dem andern, scheuerte die Schulter am Bierzapfen, klappte mit der Hand auf den kahlen Schädel, rieb das Kreuz an der Tischkante und folgte mit blutunterlaufenen Augen den drei Mücken, die es sich doch nur gut fein lassen wollten, wo alles trank. Der Kulenkröger wat kein Mann, der den Mut Derlot. Et nahm einen alten Lappen und schwappte im schönsten Trinklied plötzlich damit gegen die Lampe ober, platsch, mitten aus ben Tisch zwischen bie brei Gäste. Er brauchte nicht Diel zu erklären; sie wußten alle, warum et es tat. Nur bet arme Leierkastenmann hatte Mitleid; aber er durste bei seiner Zeche nichts mehr einwenden. Traurig besah er noch immer den guten Stiesel und den niederträchtigen Zauberschuh daneben, rieb ein wenig an der Hacke, kitzelte den Uhu unterm Kinn, damit der ihm das Ding auszöge, und schlenderte mit dem bösen Sein; aber niemand hals ihm. Gerade da fing der Kulenkröger wieder zu kollern an. Er konnte das linke Auge nur noch mit Mühe aushalten. Jetzt hatte er, gerade ehe er mit dem nassen Lappen daran rührte, einen Stich unterm rechten Lid bekommen. Der Alte war außer sich Dor Zorn. Er sah die Mücken Dergnügt tanzen und folgte mit der flachen Hand der, die es ihm angetan hatte. Einmal hockte sie oben auf dem Leierkasten. Der Kröger schlug zu, daß sich dem Drehorgelmann das Herz im Leibe umkehrte und alle Register dröhnten. Danach saß die Verfolgte mitten auf dem Tisch zwischen ben Gästen. Langsam kam ber böse Alte näher, blaurot im Gesicht. Er zielte, schlug zu, baß ber Tisch brummte — ba war bas Fräulein längst über ihn hingeflogen, tat einen zierlichen Bogen unb saß schon wieder auf bem gleichen Platz. Der Kröger seufzte Dor Zorn; er kühlte bie heiße Hand, ließ die Mücke nicht aus dem Auge, schielte nach einer Fliegenklappe unb sah plötzlich ben schlenkernben Schuh des Leierkastenmannes dicht neben dem hochbeinigen Fräulein. Im gleichen Augenblick hatte er dem Gast den Schuh abgezogen, zielte und schlug zum letztenmal dröhnend nach der Feindin. Ich sage, zum letztenmal; denn im Augenblick, wo er dem Leierkastenmann das Zauberding abgezogen hatte, war der wie ein Hase aus den Beinen. Der Kulenkröger bückte sich; er wollte dem Gast rasch den Schuh wieder überschieben. Aber unser Freund hatte mit einem Griff die Drehorgel umgehängt, lud sie auf den Bauch, brei heile Gäste obenauf, und fand glücklicherweise die Tür nach draußen. Und so entsetzlich Wirt und Gäste hinterdrein schrien und ihm alles Böse anhingen, er flüchtete schon den Weg nach dem Bahnhos, ein wenig eilig, ein wenig schies und krumm Don den Dielen Getränken, aber glücklich über die gerettete Orgel. Mehr noch, als er recht zusah und alles überlegte und ben Helferinnen banken wollte, lagen brei echte Golbstücke ba, wo bie Fräulein gesessen hatten, im Tuch. Das war wohl zum Dank für bie Musik über Tag. Der Leierkastenmann hat seitbem noch oft int Walb Dor ber Stadt gespielt, er hat den alten Uhu in der Eiche noch manches Mal geärgert und sich häufig genug über die drei langbeinigen Jungfern gefreut, die um seinen Leierkasten tanzten. Wenn er aber auf dem Heimweg einen alten Schuh im Weg liegen sieht, macht er einen Riefenbogen. Und wenn er an der Sandgrube des Külenkrögers Dorbeitommt — wo die ist, will ich lieber nicht sagen — zieht er grinsend seinen alten Speckhut. Der Kulenkröger sieht es wohl, er blinzelt durch eine Ritze nach draußen, ob keine Gäste kommen. Und er ärgert sich blau über den Leierkastenmann, der feine Zeche nicht bezahlt hat; aber er kann ihm ja nicht zu Leibe und hat Dielleicht auch Angst, da könnten wieder drei Ungebetene auf der Drehorgel sitzen. Um Mitternacht. Von Eduard Mörike. Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand; Ihr Auge sieht die goldne Waage nun Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn. Und kecker rauschen die Quellen heroor. Sie fingen der Mutter, der Nacht ins Ohr Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage. Das uralt alte Schlummerlied — Sie achtet's nicht, sie ist es müd'; Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch. Der slücht'gen Stunden gleichgeschwungnes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es fingen die Wasser im Schlafe noch fort Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage. verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlfche Universitätsdruckerei R. Lange. Gießen.