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Der Anlaß zur nachfolgenden Erzählung war der, daß „der General", fo lang er war — nämlich über zwei Meter —, zu meiner Schwester igelaufen kam, weil seine Kuh kalbte, seine einzige, eine Pinzgauer Kostbarkeit. Sie hieß Ariadne. Schwester bewirtschaftete damals, nach dem Tode ihres Mannes, «allein den schönen, auf der westlichen Höhe über dem bayrischen Simssee gelegenen Bauernhof, den sie geerbt hatte. Ihr Mann war zwar von Beruf Maler, aber ein Bauernsohn — ein Glück für sie und ihn in einer Zeit, wo die schönen Künste zu darben haben. Ich war ihr Feriengast. Der General war unser Onkel. Unsere ganze Gegend am See nannte ihn so: General. Einst war er Premierleutnant in einem preußischen Ulanenregiment, nahm aber den Abschied und machte den Burenkrieg init, der 1899 begann, und aus dem er im Jahre 1902 ohne feine linke Sjanb zurllckkehrte. Dieser Verlust hinderte ihn indes nicht, wenig später □1s Instruktor in die bulgarische Armee einzutreten, die er erst nach beendetem Balkankrieg mit dem Range eines Generals (wie die Titulatur Dort vom Brigadekommandeur aufwärts kurzweg lautet) wieder verließ. Das war 1913. Er legte die in jenen Feldzügen gemachten Erfahrungen in einer Schrift nieder, die er betitelte: „Die Tschataldschalinie, eine Mahnung für Europa". Aber auch seine Beobachtungen des Russisch- Japanischen Krieges wurden in diese Schrift einbezogen, mit der er sich nn preußischen Heere indes nicht lauter Freunde gewann. Im bald darauf misbrechenden Weltkrieg verhallte ihre Stimme ganz — obwohl sie anderseits durch ihn gerechtfertigt wurde. Denn sie gipfelte in der Mahnung an die europäischen Rationen, daß kaum ein Preis hoch genug l’ein dürfte, um einen Krieg der großen Mächte zu vermeiden, dessen Opfer ungeheuerlich sein würden, dessen Entscheidung aber auf keinem Schlachtfelde erfochten werden könne. Seine mit unzähligen Beispielen aus der Geschichte der Völker belegte Ansicht war die: daß in Jahrtausenden des kriegerischen Geschehens die Kriegskunst keine wesentliche Aenderung erfahren habe — die erheblichste Dagegen die Mittel der Kriegführung, Umfang und Bewaffnung der Heere. Und er zog aus diesen beiden, für ihn unwiderleglichen Tatsachen Den besagten Schluß: daß der europäische Raum nicht ausreiche, um mit den Mitteln der neuen Armeen und der alten Kunst eine Feld- >chlachi siegreich zu enden. Sein Beweis dieser Theorie war die Schlacht an der Marne. Die Kölker hatten, unbekümmert freilich um die einsame kleine Verlautung Mnes für fie Namenlosen, das Schicksalsgesetz, nach dem sie angetreten waren, erfüllt. Er hatte sie nicht belehren und retten können und hielt äch nun grollend zurück, zumal ihm ein Plast, wie er ihn beanspruchen durfte, infolge der Tendenzen seiner Schrift nicht geboten wurde. Doch betätigte er sich im Sanitätswesen, und das furchtbare Eintreffen seiner Korherfagungen stimmte ihn zuletzt wohl versöhnlich — womit ich sagen will, daß sein während der Kriegsjahre fast verdüsterter Geist seine ur- ipriingliche Klarheit und Milde wiedergewann. Wenigstens fand ich ihn als Schwester und ich ihn näher kennenlernten — früher hatten wir ihn ja kaum gesehen —, da er sie kurz nach ihres Mannes Tod besuchte, «Iber auf der Suche nach einem sonnigen kleinen Erdenplatz für das Snbc seiner Tage. Sein erheiratetes Vermögen — ursprünglich ein Gut, bas er nach lern Tode feiner Frau, als er zu den Buren ging, seinem Schwager ''erkaufte — hatte er fast ohne Rest verloren. Auf seine bulgarische Ge- neralspenfion verzichtete er gleich nach dem Ausscheiden dieser Nation us dem Krieg, die er übrigens nur bemitleidete, weil er sie als tüchtig nb schlicht, preußenähnlich kennengelernt hatte. So hatte er weiter nichts Is seine preußische Leutnantspension, seine Erfahrungen und die volle öenbliche Zufriedenheit, daß es für ihn genug war. Im öommer 1)24 egte er [ein weniges Erspartes im Erwerb eines kleinen Hofes an, uier hohen alten Eschen, meiner Schwester zu Füßen, wie er ritterlich 39*e, dicht an der Südspiste des langhin nach Norden gestreckten Sees, '°r ihm mit seinen fast unbesiedelten Ufern, in der Weite des Alpen- i°rlanbes sehr gefiel. Von der Landwirtschaft verstand er aus Jugend- uhren genug, um meine Schwester beraten zu können. ®r felber vergeb sich die Zeit im Sommer mit der Zucht von Rosen, Dahlien und -delobst, mästete auch ein Schwein, hielt Hühner, Enten — dazu die ^uh was alles nebst einem kleinen Gemüseacker ihn mit seiner alten Aagb eben ernährte. Im Winter schrieb er an seinem Werk über Die Kriegskunst von Marathon bis zur Marne. Vor einem Jahr ist er acht» undsechzigjährig zu unserm großen Kummer gestorben. Der General war zwei Meter und einige Zentimeter hoch und sehr hager, aufrecht bis in seine Sterbestunde. In einer langen, schwarzen Lodenpelerine, die er außer in der wärmsten Jahreszeit vorwiegend trug, eine weithin fabelhafte Erscheinung, wenn er über die Höhen am See wandelte, und Ehrfurcht gebietend aus der Nähe. Sein Heines, immer sauber rasiertes, faltig hageres Gesicht war erdbraun in einem Kranz weißer Haare, die er sommers und winters barhaupt trug. Mein Erstaunen erregte immer wieder seine Stirn, die eine fast vollkommene Halbkugel war, glatt wie Bein und braun wie schön angerautster Meerschaum. Unter ihr ruhten zwei große blaue Augen von so leuchtender stiller Milbe, daß sie kaum zu ertragen war und einem den Atem verschlug, wenn sie sich unverhosft aus ihrer Höhe senkte. Seine Oberlippe war lang, mehr zum Schweigen gebraucht als zum Reden. Er war ein Feldherr, der nie eine Schlacht geführt hatte. Er hatte im Leben nichts gewonnen als eine Erkenntnis und hatte fie ausgesprochen mit der Geradheit und Gewissenhaftigkeit seines niedersächsischen Stammes, obwohl sie niemand willkommen war, am wenigsten ihm felber. Ich erinnere noch gut fein letztes monologisches Gespräch mit uns, da wir die Rede aus die Möglichkeit eines neuen Krieges — wegen der Unmöglichkeit des vorhandenen Friedens — gebracht hatten; und er sagte: „Bei Kunaxa war es so — wie es immer bis heute war: linker Flügel, rechter Flügel und Zentrum. Denn eine Armee ist von Gott fixiert wie ein Mensch — Rumpf und die beiden Arme. Auf dem rechten Flügel siegte Klearchos mit den Griechen — wie Kluck — so weit, daß zwischen ihm und dem weichenden Zentrum, wo Kyros fiel, kein Gott mehr eine Verbindung Herstellen konnte. Schliessens letztes Wort war: Macht mir den rechten Flügel stark! — und was haben sie getan? Sie haben ihn zu stark gemacht, und die Folge war — wie bei Kunaxa." Nun fragte meine Schwester nach Schlieffens Plan und — nachdem sie ihn kurz erklärt bekommen — ob dieser Plan wirklich der beste gewesen sei. Daraus sagte er trübe: „Die besten Pläye sind nur ein unvermeidbares Uebel. Schlieffens Plan war der beste — aber nur für Schlieffen. Denn daß ein Feldherr den Plan eines anderen übernimmt, ist so menschenunmöglich, wie daß ein Mann die Liebe eines anderen Mannes übernähme. Ader", fuhr er erregter fort, „mit den Plänen ist heute weniger getan als je. Friedrich ober Napoleon machten vielleicht auch Pläne, aber bann machten sie so viel Fehler, bis sie nicht mehr wußten, wo ihnen ber Kopf ftanb. Durch Fehlerlosigkeit siegten sie nicht, fonbern den Sieg erfocht ihre große Natur mit dem Geist ihrer Truppe. Heute aber ist es so gemorben, baß ein einziger und geringster Fehler unabsehbar sich auswirkt; denn die Massen von heute sind nach Plänen nicht mehr zu regeln." Zweifelnd und leise wiederholte meine Schwester: „Eine große Natur..." „Ja", sagte er blau aufleuchtend, „eine große Natur, die immer nur sein kann, wenn die des Volkes in der sieghaften Schwingung ist: im Steigen. Da kommt mir", fuhr er fort, „gleich einer in den Sinn, der mir oon jeher besonders lieb war, obwohl sein Name unter den großen Heerführern kaum genannt wird — der Engländer Cromwell Seine Nation hat ihm noch immer nicht verziehn, daß er aus dem geraden Entwicklungsgleis eine große Kurve hinausfuhr. Und doch war sein Geist zu seiner Stunde ganz eins mit dem Geiste Englands. Darum brauchte er keinen Plan; er hatte nur eine Idee, die freilich — bei Licht betrachtet — nichts anderes war als er selbst. Ich habe", schloß er leicht lachend, „als Sekundaner einen Aufsatz darüber verfaßt, den ich, glaub ich, noch besitze." „Und was war seine Idee?" fragte ich; er versetzte: „Angriff. Dieses war sie zuerst. Und in der Ausführung war sie bann weiter: Eingreifen rechter ober linker Hand mit allem Elan, den Feind schlagen — aber nur bis zum vollen Erfolg. Dann sich ablösen voll seiner Flucht und rechts ober links gewanbt einhauen aufs feindliche Zentrum. Letztlich aber, nach erfochtenem Sieg: nicht abtaffen, nicht ablaffen, nicht ablaffen — bis zum letzten Hauch der Verfolgung. Mit solchen Flügelschlägen erhob sich Englands Stern, der schon fast am Erlöschen war — aber wir? Nun", schloß er sich sammelnd, „sind wir untergegangen, so können wir immer noch wieder aufgehn. Die große Sonne tut es ja auch." Den erwähnten Aufsatz, die Drei-Tage-Schlacht bei Preston behan- belnd, sand ich im Nachlaß des Generals. Er trägt den roten Vermerk: „Eine musterhaft klare Arbeit, bis auf die Orthographie. Warum fo nicht immer?" Auch davon werben wir etwas hören. Ich muß aber sehr um Entschuldigung bitten, wenn auf den folgenden Blättern — zunächst eine Kuh und auch später ganz andere Dinge erscheinen werden und ein ganz anderer Mensch als der General — nämlich ein Bild feiner Jugend. Das Bild feines Alters davorzustellen — und auf diese Weise das mir vertraute und teure zu erhalten —, schien mir doch gut, damit es, mählich dem Hintergrund zurückend, mit Ernst und Ansehen von dorther schatte. * Wir also standen an jenem Sommermorgen in dem halbdunklen kleinen Stall, dessen andere Hälfte das Schwein bewohnte, in der glühen- den von Mistgeruch schweren Luft, hinter dem riesigen weißgelben Leib des' Tieres, das eben seine harte Arbeit begann: wir — meine noch jugendlich blühende, kluge und tüchtige Schwester, ich, die alte Magd des Generals und er selber, zwei Häupter über uns mit dem weißen 5>aar an die niedrige Decke rührend. Im Halbkreis standen wir still, und nichts als das angstvolle Keuchen des Rindes, ab und an auch em unbekümmerter Grunzlaut des Schweins war hörbar. Auf einmal dann gackerten die Hennen draußen hell auf. Rufe schollen, junge, heitere Stimmen und Gelächter. Der offenen Stalltür am nächsten sah ich aus flimmerndem Weidengebüfch hellfarbige Kleider schimmern und nun auf dem vom See her führenden Wiesenpfade eine Schar junger Menschen nach und nach in die Morgensonne hervorkommen: halbflugge Jungens und Mädchen, mit Rucksäcken und Faltbooten hinter sich, braun und rot gebrannt an Gesichtern und Armen. Schüler eines unfernen Landschulheims die ich schon öfter an und auf dem See gesehn hatte. Em paar kamen neugierig näher und fragten; und da sie vernahmen, was vorging liefen sie nicht davon. Rein, sie versäumten die Gelegenheit nicht, einem mächtigen Naturgeschehen beizuwohnen und die Beobachtung vielleicht bei Gelegenheit eines Aufsatzthemas zu verwenden, wenn es hieß: Der Begriff der Größe, angewandt auf die Natur. Ich vermute, daß es erst die hohe Erscheinung des Generals war, die sie still machte. Seins von ihnen ließ jedenfalls mehr als ein Flüsterwort Horen, während sie an der tapferen Not des großen Mitgefchöpfs teilnahmen, dessen Augen und Maul sich im Schmerz verzerrten, dessen gewaltiger Leib sich krümmte, da es mit gutem Verstände, den die Magd rühmte, die notige Mitarbeit leistete. So ging alles rasch und glücklich vonstatten, nach kaum einer Viertelstunde Verlauf lag das Geborene mit allen fertigen Gliedern wollig und weih und großäugig vor der Mutter, die es mit lan^ leckender rosiger Zunge rundumher selber wusch. Die Jugend brach nach tiefem Ausatmen in hundert Rufe der Bewunderung und Zärtlichkeit aus und löste sich alsbald in das sonnige Freie, mit schweißnassen glücklichen Stirnen, um ein ernstes Erlebnis reicher. * Arn kühleren Abend nach dem' glühenden Tage saßen Schwester und ich mit dem General auf der hölzernen Plattform unseres Bootshauses über dem See, in dessen glatter Flut das Gold des Abends zu dunkeln begann und die lichten Sterne erschienen, während wir das freudige Ereignis des Tages mit einer im See gekühlten Flasche vom vortrefflichen Stachelbeerwein des Generals begingen. Wir sanken aber nach kurzem Gespräch mit unfern Augen und bald allen Sinnen in das feierliche Schweigen der Landschaft ein, bis das Dunkel sie unfern Blicken entzog, und der hinter uns ausgehende Mond eine entfremdete, dämmersanfte statt ihrer erscheinen ließ. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit", war die Stimme des alten Herrn halblaut zu hören, mehr für ihn selber, schien es, als für uns. Aber er hatte es doch gesagt, und so wagte ich nach einer Weile die Frage, warum er es sagte. Er blieb erst wieder still, ehe er etwas unwirsch äußerte: „Diese jungen Menschen ...ich habe mich doch gewundert. Aus mir, aus der Kuh, aus sich selber machten sie nichts Vesonderes; sie nahmen den Vorgang auf." „Und", ergänzte ich, „mit Andacht." , Wir schwiegen. Der lang vor uns liegende See fing tm Mondlicht zu schimmern an. .. „Wenn aber nun", sprach wieder der General, „über euch heutige junge Leute die Neigung kommt? Wie wird es dann fein? Ich sage Neigung; zwei neigen sich gegeneinander über eine Tiefe. Und ihr, die ihr beim Schwimmen und Turnen, Skifahren und Bobfahren, euch durch- und übereinander tummelt — am Leibe nichts als Hofe und Hemd, Hemd und Kleidchen, nicht einmal Strümpfe —, wenn da keine Grenzen find zwischen euren Körpern — kennen eure Seelen noch solche? Ich weiß es nicht; ich frage. Aendert sich wirklich die Zeit? Ist es so, daß ihr vielleicht so schnell, so übergangslos mit euch fertig werdet, wie ihr vom Leib nur das Kleid streift, um in der Badehose und vom Lande im Wasser zu fein? Denn ihr hattet kein Hemd, sondern die Badehose schon drunter." e- „Und wenn es so wäre", fragte ich dagegen, „was wäre damit verloren?" Der General erwiderte nichts, aber meine Schwester, erst spät und kaum hörbar: „Etwas Zartes." Ihr zuliebe verhielt ich mich eine Weile still, ehe ich sagte: „Aendert die Zeit sich nicht? Wenn du, Onkel, in deiner Jugend bei Nacht heimkamst, suchtest du erst die Streichholzschachtel. Hattest du sie gefunden, so zündetest du eine Kerze an. Bei ihrem Schein konntest du sehn, wo die Lampe stand, und die gab, nachdem du Kuppel und Zylinder abgenommen und wieder über den entzündeten Docht aufgesetzt hattest, einen milden, aber längst nicht so hellen Schein, wie wenn ich jetzt neben der Tür knipse, und viermal sechzig Kerzen flammen auf einmal auf." „Geschwindigkeit und Verschwendung", sagte der General. „Mühelosigkeit und Helle", erwiderte ich. Schwester rief: „Es ist entsetzlich, wenn man es so hört." „Aber fo ist es nicht", rief ich, „wie man es hört! Denn eben das eine ist heut, das andre vor vielen Jahren. Die Spanne umfaßt nur ihr Alten, wir Jungen sehen sie gar nicht." Da nun Schwester grollte: „Wir Alten?" begütigte sie der General: „Er hat ganz recht. Denn es ist in der Menschenwelt so: Etwas geht immer verloren — und etwas wird immer gewonnen. Und nur das Alter spürt den Verlust, den Gewinn nur die Jugend." 8$Uif nun Schwester sarkastisch fragte: „Welchen Gewinn?" mußte ich ohne dies sein — dieses Fremde und dieses Zarte und Geheime, me|c Unbekanntheit und diese Dämmerung? Welche Freude könnt ihr nur haben — an dem blendend raschen Erhellen, dem zu schnellen Sichfmden, zu frühen Erkennen?" , „ „Nun, Luise, wenn du immer ,zu vor die Worte setzest... ,Ach wieviel voller von innigem Leben war es doch — das lange langsame Aus- und Zueinanderdümmern, die Unwissenheit und das zag- hafte Ahnen, das immer bangere Sichbegegnen — taufend Zauber und ohne Schwüle goldene Reize —, wo ist euer Gewinn?" Ich entgegnete — nichts, weil ich sah, daß der alte Mann rasch das Gesicht mit der Hand bedeckte. Auch Schwester nahm es wahr, und sie wagte nach einiger Zeit die behutsame Frage, ob ihm nicht gut [et. Darauf nahm er die Hand fort und sagte freundlich nur: „Du hast mich erinnert..." wohl antworten und sagte: „Geradheit, Aufrichtigkeit, Unverdecktheit. Keine Schwüle, kein Zwielicht, kein Mondlicht." „Nun, Junge, was tut dir der Mond?" Onkel, schau über den See hin und die Ufer. Kenntest du sie nicht vom Tage her — du würdest sie nicht erkennen. Er täuscht ein Land vor, das es nicht gibt." „Und du möchtest", fing Schwester beinah mitleidig an, „wahrhaftig - _ triefes Fremde und dieses Zarte und Geheime, diese In jener Nacht sprachen wir nicht mehr, sondern brachen bald auf. Aber gegen Ende des folgenden Winters empfing ich durch Luise vom General ein Manuskript, zu dem er mir schrieb, ich könne es verwenden, auch bearbeiten, wenn es mir nötig fcheine, falls ich — wie er — der Meinung fei, daß es sich Herausstellen ließe als Bild einer getroffen, nicht mehr vorhandenen Zeit. Je-doch bitte, erst wenn er tot fei. Zu bearbeiten fand ich nichts, als hier und da die Einflechtung einiger tatsächlicher, zur Kenntnis des Lesers nötiger Dinge. Und hier ist es. Herkunft und Bildung. Wenn ich jetzt versuche, für dich, Luise, und für dich, Wolfgang, RAe Kinder — Kinder einer Hellen, scharfen, kriegerischen Zeit — ein Swck Vergangenheit aufzuzeichnen, aus zwei enge zusammenhängenden, ohne einander nicht denkbaren, obschon höchst verschieden gearteten Grlebniifen eines Jugendtages bestehend, so sehe ich, daß ich zu ihrem Verständnis weiter vorn anfangen, also zu den zwei Teilen einen dritten gesellen muß, folgendermaßen: , , Mein Großvater Berthold von Krosigk — ob chr Kinder euch noch erinnert? — war Amtmann und Pächter einer königlichen Domäne zu Lachen im Hannöverschen. Seinen Sohn, der mein Vater wurde, beseelte von Kindheit an die Leidenschaft, Reiteroffizier zu werden, und zwar beim I. hannöverschen, dem nachmals 13. preußischen Regiment der sogenannten Königs-Ulanen, das er vom Schulbesuch in Hannover kannte. Dies zu erreichen, soll nicht leicht gelungen sein; denn das Regiment war feudal aber der Stand seines Dakers als Domänenpachter war bürgerlich und fein Adel fragwürdig. Bei Licht befchen, wußte niemand fo recht, woher er stammte. Es war nicht unwahrfcheinlich, daß ein Bor- fahr sich das „von" wegen des Namensgleichklangs mit wirklich adligen Krosigks beigelegt und es bestätigt erhalten hatte. 1851 Sekondeleutnant, 1863 zum Rittmeister befördert: tm Jahr Darauf 1864, tat mein Vater bei einer Geländeübung einen unglücklichen Stürz mit dem Pferde und starb an den Folgen, drei Monate bevor ich, im Mai des Jahres, zur Welt kam. Meine Mutter, fo zarten Leibes sie war, ertrug diesen verfrühten Tod eines über alles geliebten Mannes mit starkem Geist und mit un- geheurer Fassung — wegen des neuen Ledens in ihr —, so daß weder sie noch es Schaden nahmen. Dennoch muß es über ihre eigentliche Kraft gegangen fein. Denn wenn sie auch körperlich und geistig gesund blieb, so daß sie ein hohes Alter erreichte: an einer Stelle ihres Inneren verkehrte und verhärtete es sich in der Weife, daß sie an das abgebrochene Leben meines Vaters das meine knüpfte und defchloh, ich muffe genau das werden, was mein Vater gewesen — und was er nicht geworden war; also Ulanenoffizier zuerst und später das Höchste m der Armee — Brigadekommandeur, vielleicht Generalinspekteur eines Korps, vielleicht einfach Moltke. In diesen Traum eingewoben, hatte für sie der Untergang des hannöverschen Königreichs keine Bedeutung; die Königs- Ulanen (wenn sie auch damals noch nicht fo hießen) blieben, was sie waren, blau mit weißen Aufschlägen; und zudem stammte sie selber aus einem alten märkischen Geschlecht. So fiel es chr auch nicht schwer, das schon zur Hälfte preußische Blut ihres Sohnes mit preußischem Geist zu ergänzen. ~ m . .. Sie erdichtete also ein ungelebtes Leben meines Vaters — das NY zu erfüllen hatte — bis zur immer häufigeren Vertauschung meines Namens Oswaw mit seinem Namen Hasso. Und wie sie schon früh von meiner Zukunft mit mir sprach, tat sie es in einer nachtwandlerischen Unirrbarteit, die mich die ersten Male beklemmte — später dann ahnen, später erkennen lieh, daß ihr Geist auf dieser Seite in Nacht war. Ich sage euch das, weil es leicht hätte zu Unglück führen können — wie alles krank Ueberfpannte — und weil es wirklich über mich eine Pein vieler schöner Lebensjahre verhängte. Denn es führte zunächst dazu, daß sie mit mir und meiner um fünf Jahre älteren Schwester in der Stadt blieb, damit ich dort das Gymnasium — wie mein Vater — besuchte. Sie hätte bei den Ihren ober bei meinem Großvater leichter leben können; nun muhte sie sich bis zur Dürftigkeit einschränken. M" Witwenrente war gering; ihre Eltern konnten fast nichts, ihr Schwiegervater nur wenig geben; denn die Domäne trug nicht allzuviel ~~ 'n Anbetracht, dah elf Geschwister meines Vaters noch lebten. Sie aber sparte noch — zu einem Zufchuh für mich als Offizier —, und sie z»4 mich also durch eine Jugendzeit der Dürftigkeit zu einem Leben der EM- behrung. Doch aber dachte und lebte sie nur für mich. Meine Schwester muhte sich abfinden und tat es auch, indem sie die ihr gelassene yretijen entschlossen dazu brauchte, möglichst bald und ferne nach Süden zu heiraten, und ward fo eure gute Mutter. (Fortsetzung folgt.) Bauernfriedhof. Bon Georg Schwarz. Ein rostig-altes Eisengittcrtor steht offen. Eine Linde wacht davor. Vergraste Wege irren hin und her. auf Gräbern wächst die Eibe beerenschwer. Die Hügel sehen alle friedlich aus, in bunten Scherben prunkt ein Wiefenstrauß. Die Kreuze sind von Holz, schmucklos und braun und schlicht: nur Zahl und Name ist zu schau'n. Wenn Sonntags von der Kirche Orgelklang herübertönt und schwellender Gesang, schwebt oft ein Falter sanft van Grab zu Grab und läßt sich aus die Blumen still herab, als wollte er die Toten, die da ruhn, ermahnen, aufzustehn und mitzutun. Doch sie vernehmen himmlischen Gesang. Die Ruh ist gut, und ihre Müh war lang. Den Leib verwahrt die Erde braun und schwer — und Friede ist und Schweigen um sie her. Poltawa. Line Erzählung um Karl XII. Don Karlheinz Holzhaufen. Viel hat man von dem großen König der Schweden geschrieben. Die einen verherrlichten ihn als glorreichen Helden, die anderen verschrien ihn als unbändigen Abenteurer, dessen Kriege ohne Zweck und Sinn nur der Lust am Kriege dienten. Karl XII. von Schweden aber lebt in den Herzen feines Volkes fort. Fragt einen Schweden, wer feine größten Männer gewesen seien. Ihr erhaltet die Antwort: Gustav Adolf, Karl XII. und Gustav Wasa. Wir lieben an Karl XII. die heldische Art! Er war ein Junge noch, als er den Thron bestieg und gleich zum Schwert griff. Er hieb denen, die das Wort Treue nicht kannten, ein blutiges Mahnmal in die knechtischen Herzen. Karl XII. war schmal von Wuchs und zierlich gebaut. Aber zäh war er — wie das Hirschleder seines einfachen Wamses, das er gegen den königlichen Purpur eingetauscht hatte. Wie er überhaupt bescheiden lebte und auf seinen Feldzügen wie jeder seiner Krieger mit dem bescheidensten Lager und Essen vorlieb nahm. Aus seinem Siegeszug durch halb Europa wurde der große König von einem Schatten begleitet. Das war ein deutscher Prinz, Max Emanuel von Württemberg. Die Geschichtsbücher schwelgen ihn tot oder tun ihn mit belanglosen Sätzen ab. Man will nichts von der heldischen Freundschaft des Schwedenkönigs wissen. „Den kleinen Prinzen" nannten sie ihn im schwedischen Lager und liebten den Jungen, der mit vierzehn Jahren zu ihnen gekommen war und nahezu sieben Jahre mit ihnen zog, von Polen noch Sachsen, von Pommern nach Rußland, gegen Zar Peter den Großen, der sein Wort gebrochen hatte und plötzlich gegen Karl XII. aufstand. — Und eines Tages steckte das schwedische Heer mitten in den ukrainischen Sümpfen vor Poltawa. Der Befehl des Königs hatte diesen Weg gewiesen. Das Wort des Königs war der Glaube der Soldaten geworden. Oft murrten welche, da sie verschimmeltes Brot essen mußten, da Ujncn dle Uniformen wie Lumpen am Leibe hingen — doch wenn der König kam und der Blick seiner ernsten Augen auf ihnen ruhte, war es wie ein stärkendes unb aufrüttelndes Erlebnis. An ihm, dem Mann und Führer, richteten sich die Verzagten wieder auf und glaubten an den Sieg über das russische Heer. Es waren keine 20 000 Soldaten mehr, mit denen Karl einem übermächtigen Gegner entgegentreten, den er schlagen wallte. Mit Hunderttausend lag der Zar auf dem anderen Ufer der Warskla, einem schmalen Fluß, dessen Ufer versumpft waren. Aber er wagte keinen Angriff, er holte nicht zu einem entscheidenden Schlag aus, um das letzte Heer des Schwedenkönigs zu vernichten. Erst als sie ihm meldeten, daß Karl XII. von einer Kartätschenkugel am Fuß getroffen sei, atmete er auf und setzte seine Heeresmassen in Bewegung. Und während dieser Eine drüben auf einer Bahre lag und mit zusammengebissenen Zähnen zusah, wie sie die Kugel herausschnitten und nicht einen Laut der Klage von sich gab, jagte der Zar auf feinem weißen Zelter zwischen den Heeresmassen auf und ab und zeigte auf Poltawa, die belagerte Stadt, die bisher noch von den Russen gehalten worden war. — Sie hatten den König in die Trümmerhalle eines alten Klosters getragen und feine Bahre nahe an eines der scheibenlasen Fenster gestellt. Bon da hatte der König einen guten Ueberblick über das Schlachtfeld. Er hatte den obersten Befehl an Rehnskjöld gegeben, und die Schlacht war bereits im vollen Gang. Die Infanterie unter Lewenhaupt griff an, und auf dem anderen Flügel sollte Oberst Roß mit feiner Reiterei eine Bresche in die Reihen der Feinde schlagen, in die dann das Fußvolk Nachdringen sollte. — Das Gesicht des Königs war bleich und schmal geroorben. Die Augen brannten rote im Fieber, und die Hände irrten über die Decke. Der Kammerdiener las mit eintöniger Stimme aus dem großen Sagenbuch der Schweden vor, in dem stand, daß sich einst die Volker des Nordens rind Ostens tief in Rußland zu einem letzten entscheidenden Kampf treffen 2lm Fenster lehnte der kleine Prinz und jein Blick hing starr am Antlitz des Königs. Er hatte die Hände auf das Schwert gelegt und seine Lippen zuckten. Da polterte plötzlich draußen ein Pferd heran und nach kurzer Zeit wurde die Tür aufgerifjen. Taumelnd hielt sich ein Reiter an den Pfosten: „König — sie fliehen — die Russen kommenI" Dann verlor er den Halt und fiel schwer auf die Steine nieder. Karl XII. hob die Hand und zeigte zum Fenster, dann winkte er den kleinen Prinzen zu sich heran: „Axel —" So nannte er den Prinz, wenn sie allein waren, wenn sie viel miteinander sprachen, von Schweden, von Deutschland — Zögernd kam Max Emanuel heran und trat vor die Bahre hin. „Es ist alles zu Ende — Axel — meine Schweden fliehen — nie wurden wir geschlagen. Es ist alles zu Ende. Keine Klagen — ich werde sterben —" Der König redete im Fieber, seine Hände tasteten zu dem verwundeten Bein, in dem der Brand fraß, und suhren dann zu dem großen Buch, das der Kammerdiener Huitmann liegengelassen hotte. Da war es um die Haltung des kleinen Prinzen geschehen. Er sank vor seinem König in die Knie und legte den Kops auf die Bahre. Erstaunt hatte Karl dies gesehen und war befremdet zurückgeroichen, dann strich er dem Prinzen über dos Haar. „Königf Du mußt fliehen!" schrie Lewenhaupt in die Halle. Jäh riß sich Axel auf und stürmte aus der Hatte, schwang sich draußen auf jein Pferd und ritt dorthin, wo das ärgste Getümmel wogte. Da war sein Reiterregiment, das ihm der König anvertraut hatte. Während er die fliehenden Schweden um sich sammelte, hoben sie den König auf ein Pferd und jagten dem Dnjepr zu, gefolgt von den Resten des geschlagenen schwedischen Heeres. Der König sprach mit keinem Menschen. Nur als sie ihn aus der Hatte getragen hatten, hatte er „Schweden — mein Schweden!" gerufen und sich geweigert, zu fliehen. Erst auf das innige Bitten Lewenhaupts und der anderen Offiziere hin hotte er es zugeloffen, daß sie ihn in die Mitte nahmen unv über die Ebene davonritten. In dichten Scharen umb rängt en die Russen das immer kleiner werdende schwedische Häuflein, in deren Mitte der kleine Prinz verzweifelt um sich schlug und wie ein Tobsüchtiger kämpfte. Ein Schlag auf die Schulter betäubte ihn und warf ihn vom Pferd. Da ergaben sich die letzten Schweden und wurden zum russischen Lager gesührt. Als Axel erwachte, lag er zwischen vielen gefangenen schwedischen Offizieren. Da waren Rehnskjöld und Lewenhaupt, Roh und andere mehr darunter. Auch der ©taatsminifter Piper war In die Hände des Feindes geraten und stand mit spitzem Gesicht an eine Wand gelehnt Man führte sie in ein großes Zelt, und plötzlich war der Zar der Russen da und rief: „Wo ist mein Bruder Karl?!" Als er den kleinen Prinzen sah, stürzte er auf ihn zu und umarmte ihn, da er meinte, den Schwedenkönig vor sich zu haben. Enttäuscht wich er zurück, als sie ihm seinen Irrtum sagten. — Der kleine Prinz Axel wurde einige Tage später von einem schweren Fieber gepackt und wälzte sich in seiner Kerkerzelle in irrem Traum umher. Zuweilen schrie er und tobte wie ein Wilder gegen die Mauern, daß sich sogar die Wächter vor ihm fürchteten. Als er endlich etwas ruhiger geworden war, schickte Ihm der Zar einen Offizier: „Jcy frage dich, ob du ein Regiment in meinem Heer führen willst!" Mit starren Augen sah Axel den Russen an, bann warf er ihm den irdenen Wasserkrug vor die Füße und fiel in einen neuen Fieberwahn. Das war dem Zaren zu viel, und er schickte einen zweiten Offizier, der dem kleinen Prinzen mit eintöniger Stimme ein Urteil vorlas, das den Tod durch Erschießen bedeutete. Grell lachte der Prinz da auf und schrie: „Zu viel der Gnade!" Mit Gewalt hielt er sich aufrecht, als er den Gang zum Hof des Petersburger Gefängnisses entlanggeführt wurde. Dumpfer Trommelwirbel hallte auf, und die Soldaten nahmen Ausstellung. Sie wollten dem Prinzen die Augen verbinden, und als er sich weigerte, taten sie es mit Gewalt. Das Urteil wurde noch einmal verlesen, dann kam das Kommando: „Fertig!" Mit letzter Kraft riß sich der kleine Prinz auf und rief: „Es lebe Schweden — es lebe fein großer König!" — Warum schießen sie nicht?! Der Prinz läßt die Hand sinken. — Eine Stimme berichtete eintönig: ,Hch, Zar aller Reußen, Peter I., begnadige den Prinzen Emanuel von Württemberg zur Freiheit und Rückkehr in seine Heimat. Karl XII, von Schweden Ist auf der Flucht nach der Türkei gefallen!" Das war eine Lüge, mit der der Zar den Prinzen zu sich und in eine Dienste zwingen wollte. Aber sie erfüllte ihren Zweck nur schlecht. Der kleine Prinz konnte sie nicht verwinden. Es war aus mit ihm. Das Fieber hatte seine Kraft verzehrt, unb ein paar Tage später, auf dem Wege nach seiner deutschen Heimat, starb der Prinz. Irgendwo in Schleien liegt sein Grob. — Er war 21 Jahre alt, als er (eine Treue mit dem Tode bezahlte. Sein König aber. Karl XII., weilte fünf lange Jahre in der Türkei unb ritt bann in zwölf und einem halben Tag von der Türkei nach Stral- und — nicht um feinem Land den ersehnten Frieden zu bringen, sondern um Norwegen in die Knie zu zwingen. Vor Fredrikshall traf Karl XII. eine Kugel, von der man heute noch nicht weiß, ob sie ein verräterischer Schwede abgegeben hat — auf feinen großen König — den heldischsten aller Schweden. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universttätsdruckerei «.Lange, Dieben. Es würde natürlich viel zu weit führen, hier die Kantische Ernennt, nislehre ins einzelne zu verfolgen. Die grundsätzliche Leistung Äa' ts mirh Qßpf mnh( deutlich geworden fein. Es war eine doppelte Leistung. Erstens erbrachte Kant den erschütternden Nachweis, daß wir die.Dinge niemals so erkennen, wie sie sind, sondern nur so, wie sie uns erscheinen, und wie wir sie zu denken vermögen. Zweitens gelangte er auf diesem Wege ganz folgerichtig zu dem sensationellen Satz: Unser Verstand und Witte schreibt der Statur ihre Gesetze vor! Er befreite damit den Menschen von dem Wahn, von irgendwelchen übersinnlichen Wahrheiten oder von den Dingen abhängig zu sein. Er zeigte dem Menschen die Macht und die Grenzen seiner Vernunft und forderte von ihm, danach sein Leben zu sühren. Auch vor den Gottesbeweisen machte dabei Kant nicht Halb Doch keineswegs wollte er mit feiner Kritik an ihnen die Gl au- benswahrheit überhaupt zerstören. Er vollbrachte nur auch hier eine Wendung. Gibt es Gott? Ja, antwortete Kant — aber dieses Ja 'ft nicht ein Akt unserer erkennenden, sondern unserer praktischen Vernunst, die ^Wa"r'Kanten Kopernikus des Denkens? Er war es wirklich! Er hotte innerhalb der Anschauungen seiner Zeit, in der seine --Kritik der reinen Vernunft" wie eine Bombe wirkte, etwas ganz Außerordentliches Zuwege gebracht: er hatte den Schwerpunkt der Erkenntnis m den denkenden Menschen selbst gelegt und ihm damit eine ganze neue Freiheit Verantwortung und Würde gegeben, nicht nur in geistiger, sondern auch in sittlicher Hinsicht. Auch beim praktischen Handeln ging es ,a Kant darum, die dem moralischen Bewußtsein des Menschen von vornherein gegebenen Grundsätze zu finden. 9 Wie sott der Mensch handeln? Er soll, sagte Kant, unabhängig von Liebe oder Abneigung, unabhängig vom Verholten der anderen oder sonst irgendwelchen äußeren Umständen, unabhängig vom eigenen Nutzen oder Nachteil handeln — rein aus der Achtung vor dem Sittengesetz Welchem Sittengesetz? Das, so sührte Kant weiter aus, laßt sich nicht so ohne weiteres bestimmen, denn bestimmte man es, dann wurde man ja gerade damit den Menschen seiner besten und höchsten Kraft und Verantwortung, nämlich seiner sittlichen Freiheit, berauben, ihn also gleichsam „unmoralisch" machen. Der Mensch hätte dann eine nur abgeleitete, eine an erfahrungsgemäß- Bedingungen geknüpfte Sittlichkeit, während es sich doch gerade darum handelt, das unbedingt moralische Verhalten zu finden. _ . , Ich, so folgerte der große Königsberger, kann dir, dem einzelnen Menschen, schließlich nur sagen, d a ß du einen „guten Witten haben sollst — aber worin nun dieser gute Wille besteht, das mußt du, der du >a das moralische Gesetz in dir trägst, selber ausfindig machen. Emen wich- tiqcn Fingerzeig kann ich dir dabei zwar geben. Es ist mein kategorischer Imperativ der Pflicht: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung ge en könne!" Aber auch dieser Satz ist eigentlich ohne greifbaren Inhalt, und o bi ft du eben schließlich immer wieder auf deine eigene Vernunft, deine eigene Kraft, deine eigene sittliche Entscheidung gestellt. Sowohl über die Erkenntnislehre als auch über das Sittengebot Kants ist in der Folgezeit natürlich ungeheuer viel nachgedacht und geschrieben worden, und es befindet sich darunter auch manche kritische Einwendung und manche kluge Ergänzung. Wir stehen auch noch heute in vieler Htm sicht unter dem Einfluß der Kantischen Lehren. In der Tat haben sie I damals in Deutschland einen ganz neuen, schöpferischen Idealismus yer- vorgebracht (man braucht nur an Schiller und Fichte zu denken», 1 haben den Menschen, alles in allem, in eine neue Klarheit über sich lewst und die Welt gesührt und ihn dazu aufgerufen, das Leben im Vertrauen auf die eigene Kraft nach menschlichem Gesetz und menschlicher Beram wortung zu gestalten. ^MAe Menschen "überkommt beim Hören dieser drei berühmten Buchtitel ein gelindes achtungsvolles Grausen, und sie agen td) von vorn- L. nermirtett Aber feine Grundideen lassen sich doch ganz klar verstehen Ä SÄ“ Ä BS MIM = «»«»'* 9 Ne n sagt Kant das hat man nicht: wir erfahren zwar den Baum vermitteis unserer Sinne, wie ja überhaupt alle unsere Erkenntnis mit her '(Erfahrung anhebt aber darum entspringt das, was wir unsere ErkenntnisberDinge nennen, doch eben nicht allein aus solcher sinn- liehen Erfahrung. Für einen Hund etwa kommt aus seiner Wahrneh- mnna des Baumes etwas ganz anderes heraus als für den Menschen. Danut wir Menschen unsere Erfahrungen von dem Baum ober oon irgendeinem anderen Ding überhaupt machen können, muffen, sa sagte sich Kant, von vornherein bestimmte Anschauungsformen in '■'nferem Sein nt bereitliegen vermöge derer wir den Dingen von uns aus gewisser mästen vor schreiben, was und wie sie sind. Welche An chauungs- formen meinte^ er damit? Die in uns selbst gelegenen Anschauungs- fnrmen des Raumes und der Zeit, mit denen wir zum Beispiel den Baum in seiner zeitlichen und räumlichen Beschaffenheit ^erfassen und ihn entsprechend den uns gleichfalls von vornherein elgentuiMichen reinen Stämmbegrisfen unseres Denkens, den „Kategorien", erkennen. Man nannte ihn den „Alleszermalmer", der eine ganze Welt überlieferter Vorstellungen und Meinungen aus den Angeln gehobenund sie Sangen halte, nach neuen Gesetzen zu kreisen So ohne weitere» wird aber wohl niemand, der einem kleinen, schmächtigen, sehr akkurat nach der Mode des 18. Jahrhunderts gekleideten Mann mit gezogener rechter Schulter damals au einem Spaziergang in Königsberg begegnete, daraus gekommen sein, es eben mit diesem Alleszermalmer", dem Genie der Vernunst, dem großen Umwalzer der C kenninis zu tun zu haben. Und auch, wer die Lebensweise dieses Mannes kannte eine Lebensweise mit genauester Tageseinteilung, ohne alle außergewöhnlichen Begebnisse, vermochte zunächst einmal nichts Besonderes zu vermuten/ Der Mann machte wirklich nicht den Eindruck eines so entscheidenden Bahnbrechers des Geistes. Saft man freilich mit ihm zu Tisch inmitten eines kleinen Kreises und hörte ihn da in freundlich gelassener, lebendiger Art seine Meinungen äußern, dann wurde es anders. Oft geschah es, baß dieser Mann nach einem Augenblick des Nachdenkens in gebückter Stellung plötzlich den Kops erhob und einen ansah. „Mir war es dann immer , Schreibt ein Zeitgenosse, „als wenn ich durch dieses blaue atherische Feuer seiner Augen in Minervens inneres Heiligtum blickte. Oder ein anderer. „Es war als ob ein ruhiges Licht aus seinen Augen strömte, sich über seine Worte verbreitete und alles um sich erhellte. Auch ben unwissenden Besucher, den diese Augen anschauten und der die unbestechlich klaren Urteile des Mannes hörte, hätte dann wohl eine Ahnung beschlichen. Man besand sich in dem einfachen, aber gepflegten Haushalt eines der größten Denker aller Zeiten, in der Gesellschaft von Immanuel Kant. Dieser OJlann hatte im tiefsten auf persönliches Gluck, aus eine Erfüllung im privat Menschlichen verzichtet. Nicht stark und wohl auch nickst seelisch reich genug, um ein großer Denker u n d ein lebendiger Mensch zugleich zu sein, hatte er sich ganz nur für seine »eru ung ent heben, für ein höchst einseitiges und durchaus ereignisloses Dasein im strengen Dienste am Werk. So gut wie gar nichts hat Kant wahrend seiner achtzig Jahre im eigentlichen Sinne „erlebt . Auch seine Briefe verraten nur sehr wenig vom Menschen. Sie sind höflich, klug und nüchtern, und es ist im Grunde derselbe Ton in ihnen, ob sie nun von großen erkenntnis- kritischen Fragen handeln oder von der Sorge um die Lieferung von Teltower Rübchen und Regensburger Würstchen. Zeit seines langen Lebens ist Kant ja auch nie aus (einer engeren Heimat hmousgekommen. In Königsberg wurde er am 22. April 1724 geboren; in Königsberg hat er studiert. Dann war er etliche Jahre Hauslehrer in verschiedenen ost- preuhischen Familien. Fünfzehn Jahre lang ist er darauf Privatdozent in Königsberg gewesen, und fchließlich, bis zu seinem Tode am 12. Februar 1804, ,',Professor der Logik und Metaphysik". Als sich seine Verhältnisse besserten, gründete er einen eigenen Haushalt, mit einem verheirateten „männlichen Subjekt", dem langjährigen, nur teilweise erfreuliche» Diener Martin Lampe, der den „hochedelgeborenen Herrn Magister" im Sommer und Winter, pünktlich um 5 Uhr morgens wecken mußte. „Pflicht! Du erhabner großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst ...", so hatte es ja Kant später selbst geschrieben. Er hatte damit die Gesinnung des friderizianischen Preußen, in dem er aufgewachsen war, zum Ausdruck gebracht. Aber es ist Kant persönlich schwer genug geworden, denn der rechten Entfaltung seiner ungeheuren Denkkraft stand immer wieder seine Zwar gesunde, doch zarte Körperkonstitution im Wege — und es hat einer eisernen Willenskonzentration bedurft, um so vieles An e'ne Tote. Von Joses Weinheber. Stille Blume, erblaßt unter herbstlichen Sternen, demütig Licht, in den schweigenden Abend verweht: mögen von dir die Liebenden ehrfürchtig lernen! Nimm uns, da du gegangen, nicht das Gebet, nicht die Geduld zu unsrer endlichen Reife, nun die Erfüllung dir auf erblichener Stirne steht. Gabst du uns doch, erhoben aus ruheloser Streife, Beispiel genug, auf daß an der Wurzel berührt, in deinem Sterben sich unser Leben begreife. Nicht, daß du ruhest, von keiner Klage verführt, schmerzt uns Verwirrte, die in der Woge geblieben: (Du bist am Ufer, das allem Leide gebührt.) Aber wir trauern, daß wir dich nun erst lieben, da wir erkennen, wie du nach sanftem G?bot deine Vollendung schon allen Dingen verschrieben. Und wir dienen in Schauern: dem Abend, dem Herbste, dem Tod. ©er Mann, der alles forderte. Von G e o r g F o e r st e r. Pflicht, Vernunft und Idealismus — diese drei Vorstellungen hat wohl jeder Deutsche beim Namen Kants. Jedermann weiß auch, daß dieser folgenreichste deutsche ybilofopl), dän die ganze Welt kennt, unser Denken sehr lief beeinflußt ja umgewandelt hat. Inwiefern hat er es getan, und welche Bewandtnis hat es nun eigentlich mit seinen Erkenntnissen?