GiehenekZainilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, den 19. Juli Nummer 55 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 10. Fortsetzung. Auch zu diesem Häuschen besaß Siebold den Schlüssel und stieß unseren Gefangenen vor uns her über die Schwelle. Der Schuppen diente wirklich der Aufbewahrung der Werkzeuge, aber auch die fertigen Arbeiten des Steinmetzen hatten hier Aufstellung genommen. Es war eine schweigende, fast unheimliche Versammlung von steinernen Königen und Heiligen, in der wir uns befanden, und ich erriet, daß dies hier die Bauhütte einer Kirche war, deren vom Wetter mitgenommener Steinbildschmuck durch neuen ersetzt wurde. Siebold, der hier ganz zu Hause schien, hängte seine Laterne an einen Wandhaken, und das runde Glasauge warf fein gesammeltes Strahlenbündel quer durch den Raum. In seinem Schein trat ein großer Steinblock aus weißem, rotgeäderten Marmor hervor, der keine andere Verzierung trug als in runder Umfassung eine Rose und ein Kreuz. Die Rose und das Kreuz, die Zeichen des geheimen Ordens der Rosenkreuzer! War der Marmorblock etwa ein Altar, und standen wir hier vielleicht auf der Versammlungsstätte des Bundes, von dem man sich die seltsamsten Dinge erzählte, und von dem doch niemand etwas Gewisses zu sagen wußte? Siebold hatte sich auf eine Bank niedergelassen. „In wessen Auftrag haben Sie gehandelt?" fragte er nach kurzem Schweigen. Gil Argensola schien im Halbdunkel, unbelästigt vom grellen Laternenlicht, mit sich zu Rate zu gehen, wie er sich verhalten solle. „Ich frage Sie, in wessen Auftrag Sie gehandelt haben", wiederholte Siebold, „und ich rate Ihnen, zu antworten." „Im Namen Spaniens!" sagte Argensola endlich. Siebold knurrte dumpf. „Reden Sie kein Blech!" stieß er heftig hervor. Dann erhob er sich ungeduldig. „Wir haben jetzt keine Zeit, uns mit Ihnen abzugeben. Aber wir werden Sie noch zum Sprechen bringen, verlassen Sie sich darauf." Als der Gefangene sah, daß Siebold die Laterne vom Haken nahm und sich anschickte, den Schuppen zu verlassen, trat er rasch auf meinen Freund zu. Ich merkte, daß seine gespielte Frechheit einer schlotternden Angst gewichen war. „Was beabsichtigen Sie mit mir zu tun?" fragte er bebend. „Das werden Sie schon sehen, bis wir Zeit haben, uns mit Ihnen zu beschäftigen. Warten Sie nur so lang auf uns, mein Schatz!" Wir gingen, und Siebold schloß sorgsam die Tür des Häuschens. Als wir jenseits des Mauerpförtchens in dem Engpaß waren, sagte Siebold: „Ich hoffe, daß du,nun auch nicht mehr im Zweifel fein wirst, wem wir diese nette Ueberraschung verdanken." „Das Löwengesicht ...?" „Wer sonst? Isabel ... die Singdogma." * Wir tarnen um zehn Uhr am Eingang des Klosters Monserrat an, um elf Uhr sollte die Hinrichtung stattfinden. Soviel hatte mir Siebold mitgetei(t, aber in feinen Plan hatte er mich noch immer nicht ein- geweiht, und ich hatte ihn auch nicht dazu gedrängt. Er würde mir schon meine Rolle zuweisen und mir sagen, was zu tun war, sobald er die Zeit für gekommen hielt. Das Kloster Monserrat war ein weitläufiges düsteres Gebäude. Die Franzosen hatten die Mönche daraus entfernt und einfach in andere Klöster gesteckt, es gäbe deren genug in Madrid, meinten sie. Jetzt war es Kaserne und Gefängnis, und die Nacht des zweiten Mai hatte auch diesen Wohnort frommer Brüder mit dem Blut der Erschießungen be- Wir gaben das Einlaßzeichen und sagten dem öffnenden Soldaten, einem Deutschen, daß wir zum Torkommando geführt zu werden wünschten. Das ehemalige Pförtnerzimmer war zur Wachtstube umgewandelt worden, und im Begriff, sie zu betreten, fragte Siebold: „Wer hat die Wache?" „Der Herr Leutnant Endeslant!" antwortete der Mann. Siebold blieb stehen, wie plötzlich zurückgehalten. Mein durch die @r= regung heute geschärftes Ohr hörte ihn murmeln: „Was soll das heißen. Die braven Bayern saßen in einem dicken, stinkenden Qualm von Pfeifentabak, der Siebolds schwarzem Nebel wenig nachgab, und spielten Karten mit Blättern, deren Bilder vor Schmutz kaum zu erkennen waren. Tine ganze Anzahl von ihnen hatte sich auch um einen Tisch versammelt, an dem zwei Soldaten ihre Kraft gegeneinander maßen. Sie taten dies in der Weise, daß sie, jeder an einer anderen Seite des Tisches sitzend, ihre Fäuste auf die Platte gelegt hatten und nun, Knöchel gegen Knöchel stemmend, einer die Faust des andern über den Tisch zu schieben suchten. Dieses Spiel hatte offenbar den lebhaftesten Anteil der Zuschauer und erregte sie zu stärkster Spannung, in der sie mit lauten Rufen jeder den Mann seines Vertrauens zum Einsatz aller Kraft anfeuerten. Indessen wozu schildere ich, lieber Freund, hier Bilder, die dir im Laufe deines Soldatenlebens zur Genüge, vielleicht bis zum Ueberdruß vertraut geworden sind. Ja, es war wirklich mein junger Freund Endeslant, der die Wache befehligte. Er faß mit einem andern jungen Mann, einem Fähnrich, auf einem etwas erhöhten Platz in einer Fensternische, und sie betrachteten einen alten Schmöker, den Endeslant bei einem Trödler aus der Plaza del Rastro erstanden hatte. Erstaunt blickte uns der Leutnant entgegen, als wir aus dem Pfeifenqualm feiner Soldaten auftauchten. „Ich dachte", sagte Siebold, „daß die zweiten Chevauxlegers dem König Joseph entgegengeschickt worden sind." „Wir waren auch dazu bestimmt", erwiderte der Fähnrich von Grol- mann, ein Verwandter des badischen Majors, der sich später so ausgezeichnet hat, „. . aber bann hat es im letzten Augenblick eine Umwälzung gegeben. Daubrai, der den Dienst hier haben sollte, hat die Ausgabe bekommen, den König zu empfangen und mir sind an seiner Stelle hier." Er lachte ein wenig verärgert. „Cs scheint, daß die Franzosen sich gerne die angenehmeren Rollen geben lassen. Rosetti hat nicht schlecht über Murats Launen geflucht." „Wir sind gekommen, um mit Fuentes zu sprechen", sagte Siebold. Sogleich legte sich das Gesicht Endeslants in die strengen soldatischen Falten. Er war im Dienst, wir waren nicht Oheim und Freund, wir standen vor dem Offizier, der für einen Gefangenen die Verantwortung trug. „Ja, das kommt nun zu allem Uebrigen noch dazu", sagte der Fähnrich, „daß wir das Vergnügen haben, diese peinliche Sache auf uns nehmen zu müssen. Wir laden den Haß der Spanier auf uns. Die Franzosen haben den Mann verurteilt, und mir können die Henkersdienste tun. Dann mird es heißen, es sind die Deutschen gewesen, die ihn hingerichtet haben." „Ich habe nicht den Auftrag, Besuche des Verurteilten zu gestatten", fügte Endeslant hinzu. In diesem Augenblick kam ein Soldat in voller Rüstung und überbrachte Endeslant eine schriftliche Meldung. Endeslant las sie durch, fetzte sich an den Tisch, rief den Fähnrich herbei und beriet mit ihm. „Dieser verdammte, starrsinnige Esel verdirbt mir meinen ganzen Plan", raunte mir Siebold zu. „Alles war glänzend vorbereitet und wäre ohne Schwierigkeiten gegangen. Und nun steht mein teurer Nesse da und versperrt uns den Weg, und wir können ihn auch gar nicht in die Patsche bringen. Was einem Franzosen durchgeht, könnte ihm den Kragen kosten." Ich kannte meinen Freund gut genug, um zu sehen, wie erregt er war und wie es in seinem Kopf wühlte. Sein erster Plan war offenbar vereitelt, und er war dabei, in aller Eile einen neuen zu ersinnen. „Was ist zu tun?" fragte ich beklommen. In seinem Blick war ein starrer grausamer Glanz gekommen, und seine Stirn nahm eine erschreckende Blässe an, als sei durch die rasende Arbeit dahinter der Haut alles Blut entzogen. „Es geht nun nicht anders. Ich tue es ungern, aber es muß fein ... es muß fein. 6w ... immer wieder sie! Nun gut ... nun wollen wir's darauf ankommen lasten. Gib acht, Francesco! Sag zu allem Ja, was ich jage, tu alles ohne Widerfpruch, wundere dich über nichts und fürchte nichts — was auch geschehen mag." Endeslant hatte die Ordonnanzen abgefertigt und trat wieder zu uns. Er schien zu erwarten, daß wir uns nun verabschieden würden. „Hier ist ein Beseh! Murats", sagte Siebold ruhig, „der uns den Zutritt zu Fuentes gestattet und der uns erlaubt, ihn auf feinem letzten Gang zu begleiten." Mißtrauisch nahm Endeslant das Schreiben entgegen, das ihm Siebold hinhielt. Er überflog es, las es noch einmal gründlich, es stimmte, es war uns gestattet, die letzte Stunde des Verurteilten mit ihm zu teilen. Wie hatte sich Siebold diese Erlaubnis verschafft? Wie immer er es auch angefteUt hatte, ich würde Fuentes noch einmal sehen, ich würde ihm beistehen können. „Ist schon der Geistliche bei Fuentes?" fragte Siebold. Der Geistliche? Davon war bisher nicht die Rede gewesen. Daran batte niemand gedacht, Fuentes selbst hatte keinen verlangt, er saß in seiner Zelle und schrieb Abschiedsbriefe. Mißbilligend schüttelte Siebold den Kopf, und Endeslant wurde ein wenig unruhig und verlegen. „Ihr mögt ja selbst darüber denken wie daß alle unsere Taten, sogar unsere Worte, sa selbst das nur Gedachte Körper annehmen und uns umgeben, begleiten und an entscheidenden Punkten unseres Daseins aus uns Einsluß nehmen. Aber hast du nicht auch Mächte ins Leben gerufen, die sich allem Düsteren und Unheilvollen entgegenstellen? Deine Kunst: Francesco ...I" War das, was er da sagte, nicht ganz ähnlich dem, was Siebold schon gesagt hatte, ja vielleicht dasselbe? Ich wollte entgegnen aber da entstand ein Geräusch an der Tür, der Schlussel kreischte im Schloß, und dann schob Siebold einen Kapuziner vor sich her in die Zelle. fierr Graf", sagte er schwer atmend, „wir haben angenommen, daß" Ihnen geistlicher Beistand nicht unwillkommen sein wird, und haben den frommen Bruder Barnabas geholt, um Sie mit Gott zu versöhnen." , .. ., Der Bruder Barnabas stand regungslos an der Stelle, auf die ihn Siebold geschoben hatte. Ein Strick umgürtete seine Kutte, die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen, so daß seine Züge unkenntlich im Dunkel lagen Er stand wie ein Steinbild, leblos, nicht einmal em Atmen scbien seine Brust zu heben, er wartete wohl, bis wir die Zelle verlassen hatten, um mit seinem frommen Zuspruch zu beginnen. Miguel richtete seinen Blick auf ihn und dann aus Siebold. „Ich wäre wohl mit Gott auch so zurechtgekommen", sagte er nut milder Ueberlegenheit, „aber da der Bruder Barnabas nun einmal da ist, so soll er mir willkommen sein." m „Es bleibt Ihnen eine Viertelstunde Zeit, Herr Graf , sagte Sie- bold mit rauher Stimme und etwas schwerer Zunge. „Ja, die Zeit, die Zeit — das Schicksal Zeit", lächelte mir Miguel zu, als wir hinausgingen. . v ,, .. , Draußen auf dem Hof faßte ich Siebolds Arm und riß ihn herum. „Siebold, was wird geschehen?" „Fuentes muß hingerichtet werden. Zum Schein: verstehst du? Es ging nicht mehr anders. Endeslant muß seine Pflicht getan haben. „Um Gottes willen, was wird geschehen?" bedrängte ich ihn. Er gab mir keine Antwort. Er hörte mich wohl gar nicht. Wir waren an einer Säule angelangt, die mitten im Hof stand, einem Schandpfahl vielleicht, oder einem Stein, an dem Geißelungen der Mönche stattgefunden haben mochten. Siebold hatte sich an die Säule gelehnt und war in dieser Stellung erstarrt. Sein Kops war scharf nach hinten abgebogen und dem Himmel zugewendet, auf dem ein blasser Mondschein durch Wolken glitt. Er hatte die Augen geschlossen, und sein Gesicht war das einer Leiche. Wenn nicht bisweilen das Zittern eines Krampfes durch seinen Körper geflossen wäre, so hätte man meinen können, er sei da, an diese Säule gelehnt, gestorben. Gebannt von diesem fürchterlichen Anblick stand ich selbst wie gelähmt, und die Zeit um mich schien zu einem zähen Brei geronnen, m dem mein Körper wie in einer schweren Masse steckte, so daß mir das Jagen des Blutes in meinen Adern schmerzhaft gehemmt erschien. Stimmen, Klirren von Waffen und Fackellicht stießen meine Betäubung fort. Eine Halbkompanie der bayrischen Chevauxlegers kam über den Hof. Mit Endeslant schritten der Generalauditor und die drei Beisitzer des Kriegsgerichtes, ein General, ein Hauptmann und ein Gemeiner voran, der Profoh und sein Gehilfe folgten. Die Halbkompanie nahm vor dem Klostergebäude Stellung, die Offiziere traten ein. Ich wandle mich nach dem Doktor um. Er war an der Säule halb zusammengesunken, völlig erschöpft und schweißüber- strömt, aber die Augen waren übernatürlich groß offen, und um seine Lippen zuckte ein dünnes Lächeln. Es hing wie zwei kleine Nattern an seinem Mund. „Sei tapfer, Francesco", sagte er, indem er sich aufrichtete, „nimm dich zusammen. Er ist gerettet." Für eine Sekunde durchfuhr mich der Gedanke, Siebold könnte irrsinnig geworden sein. Wie konnte Fuentes gerettet werden, da jetzt die Hinrichtungskommission mit Fuentes in den Hof kam, da Miguel jetzt von den Soldaten in die Mitte genommen wurde und der Zug sich in Bewegung setzte, zu einem Weg, der gar nicht anders als mit Fuentes Hinrichtung enden konnte. Ich fühlte, wie eine dunkle Macht in mir wuchs und wuchs und immer mehr von mir Besitz ergriff. Gewiß ,p>ar dieses schwarze Ungetüm, das da in mir emporkroch, nichts anderes als die Verzweif- lung, und gewiß trübte sie mir Urteil und Besonnenheit so sehr, daß ich nicht weit davon war, etwas Törichtes und Nutzloses zu begehen. Ich konnte doch nicht ruhig mit ansehen, wie Miguel da zum Tod geführt wurde? Trotz des Gleichmutes, den er mir gezeigt hatte — wohl ebensosehr zu meinem Trost wie zu seiner Selbstbehauptung — muhte er doch die bitterste Enttäuschung an mir ins Unbekannte mit hinüber- nehmen. Gleichzeitig aber rüttelte eine zornige Empörung an mir, die sich gegen Siebold richtete. Was hatte er da immerfort von Rettung gefaselt, hatte mir zuversichtliche Hoffnung gegeben, daß er Miguel würde befreien können? Warum hatte er meine Mitwirkung ausgeschaltet, als könne er alles allein machen? Warum hatte er mich in Sicherheit gewiegt, wenn fein Plan auf so schwachen Füßen stand, daß ihn ein unbedeutender zufälliger Umstand, wie der Wechsel der Wachmannschaft, über den Haufen werfen konnte? Hätte er nicht mit allen Möglichkeiten auch diese schon vorher erwägen und gegen sie Vorsorgen müssen? Wenn Siebold aber in einem vollkommen zuverlässigen Bescheid wußte, so war es in seinem Wissen um meinen Seelenzustand. Er merkte wohl auch diesmal, was in mir vorging, er erriet, daß ich unmittelbar vor einem Ausbruch stand, der die ganze Lage nur verschlimmern konnte. Plötzlich packte er meinen Arm mit hartem Griff. „Halt einen Augenblick still!" raunte er mir zu. Er schob mir rasch den Aermel des Rockes bis zum Ellenbogen zurück, und ich verspürte einen kleinen, jähen Schmerz wie von einem Nadelstich. Siebold hatte mir eine winzige Spritze mit der nabelfeinen Spitze ins Fleisch gerannt und drückte nun den Kolben nieder. Sogleich verspürte ich eine angenehme ihr wollt", sagte der Doktor, „aber ich glaube, es gehört nicht zum Dienst, einem zum Tod Verurteilten die Tröstungen der Religion oor- zuenthalten. Im übrigen ist auch einem Geistlichen der Zutritt zu Fuentes Endeslant überlas den Befehl noch einmal. Ja, da stand - was er vorher übersehen haben mochte — daß auch ein Geistlicher zuzulaßen fei. „Ich will selbst rasch einen Bruder holen", sagte Siebold, „Francesco mag indessen zu Fuentes vorausgehen, er wird noch vieles mit ihm zu sprechen haben." Endeslant selbst sührte mich zu Fuentes. Wir überschritten einen Hof und im gegenüberliegenden Flügel des Kkostergebäudes wanderten wir durch ein Labyrinth von feuchten Gangen, bis wir zuletzt etwa ein Stockwerk tief hinabstiegen. Hier lag eine Reihe von Zellen nebeneinander, in denen vielleicht einmal unbotmäßige Mönche ihre Strafe abgebüht hatten. Bon Zeit zu Zeit waren wir an Posten vorbeigekommen, und zwei vierfchrötige Bayern an einer der Zellentüren ließen mich erraten, daß wir am Ziel waren. „Ich bitte Sie, es nicht mir anzurechnen", sagte Endeslant gedruckt, indem er stehenblieb und meine Hand faßte. „Sie dürfen mir glauben, daß mir in meinem Leben wenig so Schreckliches begegnet ist, als diese überslüsstge Grausamkeit vollstrecken zu müssen. Wenn es nach mir ginge, so ließe ich Fuentes frei, schon deshalb, weil er Ihr Freund ist. Nun, es ist Ihnen wenigstens vergönnt, ihm das Letzte zu erleichtern." Ich drückte Endeslants Hand, der Schließer, ein Franzose, öffnete und ließ mich ein. Die Zelle war kahl und eng, die spitzen Gewölbe bogen sich schwer herab auf den Mann, der an einem winzigen Tischchen sah und beim Licht zweier schon tief herabgebrannter Kerzen schrieb. Fuentas stand auf. „Ich habe gewußt, daß du kommen würdest." Wir umarmten einander, und ich will nicht verhehlen, daß mir das Kerzenlicht zu einem Flimmern auseinanderfloß. Fuentes mochte meine Tränen auf feiner Wange gespürt haben, denn er klopfte mir begütigend den Rücken. „Ja, alter Freund", wiederholte er, „ich habe gewußt, daß du kommen würdest." Er wies nach dem mit Briefen bedeckten Tischchen. „Du siehst, ich habe an alle geschrieben, nur nicht an dich, weil ich es wußte daß ich dich noch sprechen würde." „Wir haben dich retten wollen, Miguel", flüsterte ich, „Siebold hatte einen Plan. Nun ist etwas dazwischen gekommen. Ich weiß nicht, ob es noch gelingen wird." Mein Freund Fuentes war um einige Jahre jünger als ich, aber er ah wohl älter aus. Vielleicht war er in der letzten Zeit rascher gealtert, ler Kummer über das Schicksal Spaniens, das zermalmende Erlebnis einer Gefangennahme und Verurteilung mochten feine Kraft verzehrt haben. Aber er war dabei fo gefaßt und beinahe heiter, daß ich mich selbst an ihm ausrichtete. „Nein", sagte er kopfschüttelnd, „ich habe abgeschlossen, und ich will nicht, daß ihr euch meinetwegen in Gefahr bringt. Ich bin den Franzosen ein zu bedrohlicher Gegner. Es ist natürlich ein vollkommener Unsinn, wenn fie-mir zur Last legen, ich hätte eine Verschwörung gegen das Leben Murats auf dem Gewißen." Er lachte ein wenig auf. „Dazu ist öiefer Murat wahrhaftig etwas zu unbedeutend." „Ich war bei ihm, aber er hat nichts von Gnade wißen wollen. Und weil er weiß, daß Joseph auf dem Weg nach Madrid ist, hat er sich beeilt —" Ich wollte sagen: deine Hinrichtung vollziehen zu lassen, aber meine Stimme verweigerte sich dem Wort. Ader Miguel vollendete, mir mit hellem, wachen Blick in die Augen schauend: „... meine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Ja, ich kann mir denken, daß sich Joseph die Spanier wird gewinnen wollen und daß sein erstes eine Begnadigung aller politischen Verbrecher fein wird. Darum beeilt sich Murat, mich noch vorher aus dem Weg zu räumen. Ja, die Zeit ... die Zeit, Francesco. Ein paar Tage auf oder ab entscheiden ein Schicksal. Wenn wir vorn Schicksal sprechen, so könnten wir ebensogut sagen: die Zeit. Darin ist alles beschlossen. Hast du schon einmal darüber nachgedacht?" Mein Freund Miguel war seit jeher ein wenig Philosoph gewesen. Ich aber hatte immer etwas geringschätzig auf die Gewohnheit herab- gesehen, Menschen, Dinge und Ereignisse mit der Hefe des Gedankens zu versetzen, bis sie wie ein Kuchenteig aufgingen. Mir war das Leden wichtiger gewesen, die Kunst, was unmittelbar mit den Sinnen zu fassen ist: die Welt strömte durch meine Augen in mich ein. Nun aber sah ich, welche eine Macht die Philosophie war, da sie diesen» zum Tod Verurteilten eine solche heitere Gefaßtheit zu geben vermochte. Fuentes zog mich auf das harte Bettgestell herab, auf dem zwei löcherige, schmichftarrende Decken tagen. „Nun, Francesco ... und wie hat diese letzte Zeit dein Schicksal gestaltet?" Ach, wo sollte ich beginnen, was sollte ich voranstellen, in welche Ordnung sollte ich mein Erleben bringen? Wirr durcheinander erzählte ich. was mir gerade einfiel, Rofalbas Tod, die Reife nach Bayonne, die Feindschaft des Volkes gegen mich und den heutigen Ueberfall, den Verlust Martinas, und immer deutlicher tarn mir dabei zum Bewußtsein, daß von allem Ungemach, das mich betroffen hatte, dies das quälendste und verzehrendste war, Miguel kannte Martina nicht, aber er wußte, wie ich sie liebte, und verstand, was ich um sie litt. Er nahm meine Hand und streichelte sie sanft mit feiner Linken. „Mein armer Freund!" sagte er. Da saßen wir, der Mann, der zum Tod verurteilt war, und ich, der ich ins Leben zurückkehren würde-, und ich, der ich gekommen war, um ihn zu trösten, empfing Trost von ihm. „Nein", sagte ich, heftig aufstehend, „und schließlich ist das alles meine Schuld. Auch daß du hier sitzt und die Franzosen dir ans Leben wollen. Alles ist meine Schuld. Es wird mir vergolten, was ich einmal verbrochen habe. Blandina .. ." Miguel unterbrach mich. In meinem Leben war ihm nichts verborgen, auch um jene fo weit in meiner Vergangenheit zurückliegende Schuld wußte er. „Francesco", fagte er nachdenklich, „gewiß ist es fo, Und erweist, daß in der Nähe Guter Menschen flute Geister Treu und unablässig dienen. hier frohes Leben blühe, den Lieben, die hier Hausen, 3n neuer Wohnung. (3n das Gedenkbuch eines befreundeken Hauses.) Von Gustav Freytag. Die in dunkler Ecke lauern, Kobold, Wichtel, heinzel, Klaus I Seid auch ihr aus alten Mauern Mitgezogen in dies Haus? Alles ist hier neu und zierlich, Darum haltet euch manierlich, Laßt auf Sofa und auf Tischen Bürst' und Lappen nie erwischen; Seid verträglich in der Küche, Achtet sehr auf Wohlgerüche, Daß der Braten nicht verbrenne, Nicht die Milch ins Feuer renne. Gießet niemals Rotweinflecke Auf der Hausfrau Tischgedecke, Untersteht euch nicht zu necken, Hut und Handschuh zu verstecken, Gummischuhe zu vertauschen; Und daß keiner daran denke, Behagen niemals fehle. ihr nur vermögt zu mausen _____ den Tiefen, in die Luft: Farbenglanz und Blütenduft, Lieder aus der Vögel Kehle, Mondenlicht und Sonnenschein Tragt in dieses Haus hinein; Malt die Wände, Wangen, Mienen Je die Gäste zu berauschen! Aber sorgt für gut Getränke. — Doch vor allem gebt euch Mühe, Daß " ' " ...... Daß Das Was Aus jiihle, die von dem Stich ausging und sich rasch ausbrefteke. Sie stieg iurcf) den Arm an, sie durchströmte meinen Körper und drang mir ins Htn. Ich sah und hörte alles wie zuvor, aber es war den Gescheh- Ässen der Bezug aus mein Dasein genommen, meine Beteiligung daran r»ar wie ausäelöscht. Alles, was da vorging, sah ich ganz genau, aber s ereignete sich wie jenseits einer gläsernen Scheibe, hinter einer voll- !>mmen durchsichtigen Wand von der Eigenschaft, Licht und Geräusch ! ndurchzulassen und nur das Gefühl wie ein Filter zurückzuhalten. Ja, da führte man nun Miguel zum Galgen. Ich bemerkte, daß dem Generalauditor unsere Anwesenheit ausfiel, r schaute fick verwundert nach uns um und wandte sich mit einer iiage an Endeslant. Er fragte wohl, was diese beiden Fremden, diese (panier in Bürgertracht, hier zu suchen hätten. Und Endeslant meiste ihm gehorsamst, daß wir Murats schriftliche Erlaubnis hätten, l:r Hinrichtung beizuwohnen. Es war also alles in Ordnung. 3d; sah auch, daß Miguel zwischen den Soldaten langsam und gemessen einen Fuß vor den andern setzte. Er warf keinen Blick um sich, r schaute weder nach rechts noch nach links, er suchte mich nicht, er litte sich so völlig in sich selbst zurückgezogen, daß die Welt schon jetzt i:r ihn nickst mehr vorhanden war. Gewiß die beste Art, sich mit dem höermetblidjen abzufinden und es gefaßt über sich ergehen zu lassen. Ir bewegte sich, als würden seine Schritte nicht von seinem Willen ,-lenkt, sondern als gehorche er einer von außen wirkenden Macht, der t sich bedingungslos unterworfen hatte. Und genau in derselben Weise schritt sein geistlicher Tröster neben im, Pater Barnabas, der Kapuziner, die Kapuze tief ins Gesicht ge= ;gen und ein elfenbeinernes Kruzifix an die Brust gedrückt, das grell iriß von der Kutte abstach. Wortlos und blicklos wie der Verurteilte ftst schritt der fromme Bruder neben ihm. (Fortsetzung folgt.) Tabora. Von Gerhard Scheicher. .Tabora — eh — Tabora — eh —" klingt aufmunternd, anseuernd «rBingsang durch die langen Reihen müder Träger. — Tagaus, tagein, ^1 leit Jahrhunderten der Zug der Trägersasaris über die bald grau, 'E grün, bald blau schimmernde Unendlichkeit der afrikanischen Baum- N Grassteppe. Kurze Tagemärsche, in denen schon nach vier bis sechs senden die Wasserstelle und damit das Tagesziel erreicht war, ent- U'c,igten für lange wasserlose Strecken, die in 40 bis 50 Kilometer P>®n Nachtmärschen (telekesa) überwunden werden muhten. Zwischen H°u>goro und Ngomberenga dehnt sich die Mkattasteppe, eine schone, Fertige Graslandschaft mit Tamarisken, Akazien und herrlichen Dum- kl-aen, die oft ganze lichte Wälder bilden, durchsetzt. Spater muß der >->iecken aller Reisenden, die marenga mkali, eine 60 bis 70 «dorneter £-’se trostlose Salzwüste durchquert werden. Und nochmals fuhrt zwischen Eiatinde und Tura die Karawanenstraße durch weite, unbewohnte d°»te, die man in einem Gewaltmarsch hinter sich bringen muß, wenn ^Karawane nicht verdursten soll. Apathisch, stumpfsinnig, den Blick nur >»ie Füße des Vordermannes gerichtet, ziehen in den letzten Stunden j ,. r Dauersafaris die Träger ihres Weges, und nur der Zuruf |t?ora" vermag zuletzt noch die sinkenden Lebensgeister wieder zu | d n, den zu Tode ermüdeten eine Vision aller Freuden des Paradiese SrWbernb. ^bora ist für den Neger, ob Askari, Träger oder Boy, der In- W aller Schönheiten des irdischen Daseins, das Mekka des -^|t- afrikaners, das, was dem Franzosen Paris ist. Da gibt es chakula (Essen) in hülle und Fülle, holde schwarze Schöne, die einem freundlich zulächeln, wenn der Lohn von drei, vier Wochen verheißend in der Tasche klimpert, da gibt es Pombe und Tembo (Hirsebier und Palmwein), daß man sich für wenige Heller einen Kanonenrausch antrinken kann und jeden Tag in irgend einem Stadtteil, auf dem Marktplatz oder in der Umgegend eine Ngoma (Tanz). Als Schnittpunkt der alten Karawanenstraße von Bagamoyo nach Udjidji und von Muanza nach Langenburg und Bismarcksburg war Tabora schon lange vor unserer Zeit das Zentrum des innerafrikanischen Handels, seine Blütezeit fiel in die Aera der berühmten oder besser berüchtigten arabischen Sklavenhändler Tippo-Tip und Rumaliza, die hier ihre hauptsilialen unterhielten, um die Todeskarawanen der Tausende in den Urwäldern rund um die zentralafrikanischen Seen geraubten Negersklaven zusammenzustellen und mit Elfenbein beloben zur Küste zu senden. Den Hauptteil der Bevölkerung bilden die Wanyamwezi, die Bewohner der gesegneten, sruchtdaren und ausgedehnten Landschaft Ungarn» wezi, deren Hauptstadt Tabora ist, große, kräftige, harmlose Kinder, fleißige und tüchtige Ackerbauer, die auch das Hauptkontingent der ost- afrikanischen Träger stellen. Einen säst ebenso großen Prozentsatz der etwa 30 000 dis 40 000 Köpse zählenden Bevölkerung Taboras bilden die Wasuaheli, die ostafrikanischen Küstenneger mit arabischem Einschlag, die von irgendeiner Safari hier hängengeblieben sind, oder durch persönliche Geschäfte oder auch durch das böse Gewissen nach dem Inneren verschlagen worden sind. Denn „barra", d. h. das Innere des schwarzen Erdteils war von jeher die Zufluchtsstätte für jeden, dem der Boden in den mit wirksamerer Polizeigewalt ausgestatteten Küstenstädien zu heiß geworden war, und gar manchen durchgebrannten schwarzen Porto- kassenjüngling hat schließlich doch noch der Arm der blinden Göttin in Tabora erreicht. Neben Wasuaheli und Wanyamwezi geben sich wohl fast alle Stämme Ostafrikas in Tabora ein Stelldichein. Die zwei Meter hohen Gestalten der Watussi aus Ruanda, der Aristokraten des Ostens, treiben ihre großgehörnten Rinderherden zu Markte, Manjema, ein wildes, räuberisches Volk aus dem Seengebiet, die noch — allerdings heute wohl zu Unrecht —, im Geruch stehen, gelegentlich auch Menschensteisch nicht zu verschmähen, lungern überall herum. Dunkelhäutige, fast pechschwarze Wangoni und hellfarbige, rotbraune Wanyaturu, Wassandaui und Wagogo, Wakami, Wasseguha, selbst Massai und Sudanesen, und wie die zahlreichen Stämme alle heißen, vervollständigen das Bild eines oftafri- kanischen Babel. Selbstverständlich fehlt auch der Inder nicht, der überall, auf dem Markte, wie in seinen winkligen Kontoren — wenn man die windschiefen, fchmutzstarreiÄen und übelriechenden Kramläden mit diesem hochtönenden Wort bezeichnen darf, — den handel beherrscht. — Neben Syrern und Persern findet man Leute von den Komoren und aus Madagaskar, die ihren Tribut an dem innerafrikanischen Geschäftsleben fordern und mit dem Inder wetteifern in der Kunst, die naiven Kinder Afrikas übers Ohr zu hauen. Eine besondere Rolle spielt der Araber, der allerdings nur noch von der Erinnerung an verblichene Macht und Herrlichkeit zehrt. Ehedem, als noch der Sklavenhandel blühte, den die braunen Söhne der Wüste monopolisiert hatten, war er unumschränkter Herr, und noch heute, Jahrzehnte nachdem er durch die europäische Herrschaft feiner Macht entkleidet ist, beherrscht ein Abglanz seiner einstigen Herrenstellung völlig das Verhältnis zwischen ihm und den Eingeborenen. Ihn umgibt im Bewußtsein des Negers — auch wenn dieser die tatsächliche Herrschaft des Europäers über sein Land und [ein persönliches Geschick ohne jeden Vorbehalt anerkennt — der Glanz einer alten Tradition, und seine Autorität gegenüber dem Neger ist innerlich viel fester verwurzelt als die des weißen Mannes. Die unantastbare, nur von dem Willen oder der Laune eines einzelnen abhängige Macht über Leben und Tod, wie sie ein Rumaliza, ein Tippo-Tip unumschränkt ausübten, wirkt noch durch Generationen fort, denen die Ehrfurcht des geborenen Sklaven vor dem Herrscher schon im Blute vererbt worden ist. Wirtschaftlich sind die meisten Araber heute zugrunde gerichtet und geraten mehr und mehr in die Gewalt des indischen Wucherers, der ihnen an geschäftlicher Gerissenheit und Betriebsamkeit hundertfach überlegen ist. Aeußerlich aber sind sie noch immer die Herren, und niemand würde in dem würdigen Orientalen, der in prächtigen Gewändern, den vergoldeten Dolch im Gürtel, auf deinem Maskatesel mit goldgesticktem Geschirr und silberbeschlagenem Zaumzeug, umgeben von einem Troß von Dienern, über den Marktplatz reitet, den ihn unterwürfig grüßenden Inder, dem er vielleicht Tausende schuldet, kaum eines Blickes würdigend, eine gestürzte Größe von gestern vermuten. Die Landschaft um Tabora unterscheidet sich merklich von allem, was der Reisende bisher gesehen und erlebt hat. hier spürt man nicht die grandiose, oft lähmende Monotonie der weiten, unberührten Steppe, nicht die erdrückende Wucht gewaltiger Gebirgsstöcke, wie des Uluguru- oder Ngurui-Gedirges ober gar die Hochlandkrater von Jramba. Inmitten der dämonischen Wildheit, der formvollendeten Schönheit des rätselhaften Afrika liegt Tabora wie eine Insel bürgerlicher Geruhsamkeit. Eingebettet in einen Kranz niedriger, licht bewaldeter mit Granitblöcken übersäter Hügelketten liegt die Stadt im tiefsten Teil einer flachen Senke, wie in einer weiten grünen Schale, über die sich ein leuchtender Himmel spannt. Nach allen Seiten steigt das Gelände in leichten Wellen an, um sich in der fernen Hochebene zu verlieren. Rund um die Stadt ziehen sich weite Felder von Mais, Mtama (Negerhirse), Weizen, Erdnüssen, Bananen und zahlreichen anderen Nutzpflanzen, durchbrochen von tiefdunkelgrünen Euphorbienhecken. Ihr besonderes Gepräge erhält die Gegend durch die überall in Höfen, Gärten und Feldern stehenden Mangobäume, üppige, Schatten spendende Laubbäume, mit den herrlichsten Früchten, die Afrika bietet, deren dichte, blaugrüne Laubmassen ohne Stamm unmittelbar aus der Erde herauszuwachsen scheinen. Die schlanke, hochstämmige Kokospalme blickt Herat, auf all das Blühen und Grünen zu ihren Fußen, und überall schneidet die von den Arabern ein- geführte, schönste aller afrikanischen Palmen, die graziöse Dattelpalme, mit ihren feingefieberten Blättern prächtige Silhouetten In ben klaren Tropenhimmel. , Die 'Borna — bas Bezirksamt — ein massiver Steinbau von gewaltiger Eindringlichkeit, liegt aus kleiner beherrschender Höhe im Süden der Stadt, etwa breiuiertel Stunden vom Marktplatz entfernt. Eine starke für afrikanische Verhältnisse uneinnehmbare Festung mit ein Meter bitfen nach allen Seiten mit Schießscharten versehenen Mauern, die einen rechteckigen Hof von etwa 200 Meter Ausdehnung umschließen, erinnert sie noch an die Zeiten, ba Hauptmann Tom von P r i n c e unb später Hauptmann Langhelbder deutschen Herrschaft in langwierigen Kämpfen mit dem damals allmächtigen Sultan Siki von Unyamwezi Anerkennung verschafften. Von hier aus bietet die weit in der flachen Mulde sich dehnende Stadt mit ihren Tausenden von Hütten und Häusern, die schon in ihrer Bauart das bunte Völkergemisch erkennen lassen, in dem bunten Farbenspiel vom tiefbuntlen Grün der Palmen unb Mangohaine bis zum Gelb der umgebenden Felder ein Bild außerordentlichen Liebreizes. . . , Nichts erinnerte mehr daran, bah noch bis vor wenigen Jahrzehnten schwere Kämpfe um die Anerkennung und Festigung der deutschen Herrschaft geführt werden mußten. Wenige Kilometer südlich, auf der Straße nach Jtetemia künden noch die Trümmer der Burg des Sultans Siki von den blutigen Opfern, die die Erstürmung dieser letzten Feste des letzten unabhängigen Herrschers von Unyamwezi heischte. Wandert man noch einige tausend Meter weiter, steht man ergriffen vor den Resten eines alten verfallenen Friedhofs mitten im wilden Pori. Dornenhecken säumen die Stätte, die gegen Osten durch mächtige, unregelmäßige Granitblöcke, so wie sie die Natur spielend hingeworfen, abgegrenzt ist. Mühsam entziffert man auf sechs oder sieben verfallenen Holzkreuzen noch einige wenige Buchstaoen von Namen. Sie gehören den tapferen Patres der Missionsstation von Kipalapala, deren nahe Ruinen heute noch Zeugnis geben, daß dort unerschrockene deutsche Männer im tapferen Kampfe gegen hoffnungslose Uebermacht ihr Leben Hingaben. Auch sie fielen für Deutschlands Ehre und Größe. Verlassen liegen heute ihre Gräber, fernab des flutenden Lebens. Eidechsen sonnen sich auf den heißen Steinen zu ihren Häupten. Bienen summen das Lied vom ewigen Leben und jagen in lustigem Liebesspiel durch die Zweige eines verwilderten Zitronenbaumes, der-alljährlich seine weißlichen Blüten als einzigen Frühlingsgruh auf die einsame Ruhestätte schüttet. Regiment Naulila. ' Von E. Student. Wer hat in Deutschland wohl schon von dem Regiment Naulila gehört? Unbekannt, wie so manche Truppenteile unserer glorreichen Armee und ihre Taten, ist auch diese Einheit. Die deutsche Armee hat so zahlreiche Lorbeeren an ihre Fahnen, Gewehre, Säbel und Kanonen geheftet, daß es nicht verwunderlich erscheint, wenn einzelne ihrer Glieder weniger beachtet wurden. Jedoch, Regimentsgeschichten wenigstens bewahren die Taten der Väter den Söhnen. Da keine Geschichte des Regiments Naulila existiert und wohl kaum eine geschrieben worden ist, seien ihm hier einige Zetten gewidmet. Das Regiment Naulila gehörte zur Kaiserlichen Schutztruppe für Südwestafrika. Ursprünglich hieß das Regiment nach seinem Führer Franke. Ms solches war es zu Kriegsbeginn gebildet aus der 2., 5. aktiven, der 1. Reservekompanie und der 1. Gebirgsbatterie. Der Regimentsführer, Major Franke, war berühmt in der alten Armee. Denn er war einer der wenigen Ritter des Pour le merite vor dem Kriege. Die hohe Auszeichnung hatte er sich 1904 im Herero-Aufstand verdient, indem er nach beispiellos raschem Marsche mit seiner 2. Kompanie die von den Herero belagerten Orte Windhuk, Okahandja und Dmaruru besetzte und die Hereros dort in hartem Gefechte schwer schlug. Der Hauptmann auf dem Schimmel war eine der populärsten Persönlichkeiten in Südwest, und seine 2. Kompanie galt als die beste Einheit. Ihre Tradition reichte zurück bis 1893, und in den elf Jahren ihres Bestehens hatte sie unter Führern wie Schwabe,von Sack, und von E ft o r f f in zahlreichen Kämpfen sich hohen Ruhm erworben. Als der Weltkrieg die Schutztruppe zur Verteidigung des so hart umstrittenen Südwest gegen einen neuen mächtigen Feind rief, wurde das Regiment Franke gebildet. Es sicherte beim Aufmarsch im Süden der Kolonie die linke Flanke am Oranje. Zu größeren Kampfhandlungen kam es hier nicht. So anstrengend und vielseitig auch die rege Patrouillentätigkeit, den draufgängerischen Führer und seine Mannen befriedigte diese Art der Kriegführung wenig. Aber ihre Zeit kam, und schneller, als sie es erwarteten. Im Norden war der Kolonie plötzlich in den Portugiesen ein neuer Gegner erstanden. Es war in der Kolonie nicht bekannt gewesen, daß man sich mit den Portugiesen im Kriege befand, und Gouverneur Seitz hatte in Angola große Mengen Verpflegung ausgekauft, die das getreidearme Schutzgebiet dringend benötigte. Zur Empfangnahme war eine Kommission dorthin entsandt worden. Mittlerweile jedoch hatten die Portugiesen in Angola — den Deutschen unbekannt — den Kriegszustand erklärt, die Kommission wurde gefangen genommen, und als sie fliehen wollte, erschossen. Auf die Kunde hiervon und von starken portugiesischen Truppenansammlungen an der Grenze erschien dem Gouverneur die Lage so be- droblich, daß er gegen die Portugiesen vorzugehen beschloß. Seine Wahl fiel auf Major Franke. Stärkere Truppen allerdings standen nicht zur Verfügung. Major Franke erhielt drei Viertel seiner alten 2. Kompanie, die bei Sandfontein erprobte 6. und seine 1. Gebirgsbatterie, verstärkt durch den Zug v. Weiher; im ganzen 150 Gewehre, vier MG.s und sechs Geschütze. Die Abteilung wurde mit der Bahn bis Otjiwarongo befördert und eilte von dort in beschleunigtem Marsche durch das wasserarme Ovarnbo- (anb zum Kunene. Hier stand die Abteilung Mitte Dezember dem portugiesischen Fort Naulila gegenüber. Obwohl die Erkundungen ergaben, daß sich die Portugiesen in Stärke von etwa 1000 Mann mit Artillerie verschanzt hakten, griff sie Major Franke am 18. Dezember 1914 an. Nach fast sechsstündigem Gefechte schlug er sie vernichtend, erstürmte das Fort und erbeutete ein MG., 70 000 Patronen, viele Gewehre und zahlreiches Material. 70 Gefangene blieben in den Händen der Sieger. Als Auszeichnung für diesen glänzenden Sieg erhielt die Truppe den Ehrennamen „R e g i m en t Naulil a". Da die Gefahr durch das Zersprengen der Portugiesen an der Grenze gebannt war, marschierte das Regiment wieder nach Süden und erreichte Mitte Januar Okahandja. Major Franke übernahm das Kommando über die gesamte Schutztruppe, da inzwischen der bisherige Kommandeur an schwerer Verwundung gestorben war. An seiner Stelle erhielt Hauptmann T r a i n er die Führung des Regiments Naulila. Während der Kämpfe im Norden waren in Swakopmund und Wal- fifchdai die Südafrikaner in Stärke von mehreren Brigaden gelandet, General Botha war eingetroffen, und nach sorgfältiger Vorbereitung begann er seine Offensive längs der Bahn unb des Swakop gegen Osten. Das Regiment Naulila, dem die 2. Kompanie entzogen worden war, erhielt Mitte März den Auftrag, die Pforteberge westlich Jakalswatet zu besetzen und die Eisenbahn hier zu sperren. Links rückwärts von ihm lag das Küstenregiment am Swakopslusse bei Riet. In Jakalswater hatte sich der Stab eingerichtet, die 1. Gebirgsbatterie stand bei Modderfontein, halbwegs zwischen Jakalswater und Riet. Die Ausdehnung der Stellung der 6. betrug etwa 30 Kilometer. Wenn auch die Berge unvermittelt aus der tischglatten Ebene aufstiegen, so waren sie doch im Norden und Süden außer Schußweite zu umgehen. Zur Verstärkung wurde am 19. März die 2. Ersatzkompanie vorgezogen, sie war aber nur 30 Gewehre stark und besetzte die Höhen nördlich der Bahnstraße. Dicht hinter der 6. stand die Halbbatterie v. Weiher. Im Morgengrauen des 20. März 1915 gingen die Südafrikaner in Stärke von mehreren Brigaden — meist beritten — gegen bie Psorte- Rietstellung vor. Während die Pforteberge in Front und Flanke angegriffen wurden, brausten zahlreiche Reitergeschwader in der Ebene gegen Jakalswater und nahmen den dort liegenden Signalberg weg. Ader die schwache Ortsbesetzung, die, verstärkt durch den Stab, Burschen, Ordonnanzen kaum 40 Gewehre zählte, verteidigte sich tapfer und schlug nicht nur den vielfach überlegenen Feind ab, sondern stürmte auch den Signalberg wieder, wobei ihr noch an 40 Gefangene in die Hände fielen. Die aus Modderfontein eiligst herangezogene Batterie konnte nur noch die nach Westen abziehenden Reiter unter Verfolgungsfeuer nehmen. Während des Angriffs auf die Station war der Gegner auch gegen die 6. Kompanie vorgegangen. Diese hatte sich nach Norden gezogen, um Anschluß an die 2. Ersatzkompanie bei der sehr wichtigen Eisenbahnpforte zu gewinnen. Die Halbbatterie von Weiher könnte dabei nur langsam folgen. Zwar gelang es der Bedeckung, die ersten Angriffe abzuweisen, doch dann wurde sie von allen Seiten eingekesselt und von der weit zahlreicheren feindlichen Artillerie zugedeckt. Zweimal forderte der Gegner zur Uebergabe auf, zweimal wurde dies abgelehnt. Inmitten [einer von vernichtendem Feuer überschütteten Batterie stand der Führer, bis ihn der tödliche Schuß niederstreckte. Schon war das eine Geschütz außer Gefecht gesetzt. Am anderen feuerte der (Befreite Frensel, obwohl zweimal verwundet, bis ein Volltreffer das Geschütz umwarf und den Richtkanonier zum dritten Male verwundete. Nun versuchten sich die Ueberlebenben zur 6. Kompanie durchzuschlagen. Diese selbst focht seit dem Morgen verzweifelt. Aber als die Sonne am Zenith stand, war der größte Teil der Gewehre außer Gefecht gesetzt, der Rest hatte keine Munition mehr. Er mußte sich dem stürmenden Gegner ergeben. Nur die paar Gewehre der 2. Ersatzkompanie hielten sich noch nörth lich der Bahnpforte. Gegen sie richtete sich nunmehr die ganze Wucht des Feindes. Nach schwerem Artilleriebeschuß wurde sie zersprengt. Während so das Regiment Naulila größtenteils verblutete, konnte die Rietstellung gehalten werden; aber in der Nacht mußte die völlig in der Luft schwebende geräumt werden. Mit dem Tage von Pforte-Riet begann der Endkamps um die Kolonie. Es war, als wolle eine Handvoll Menschen einen kilometerlangen Damm vor den andrängenden Wasserfluten halten. War ein Loch gestopft, so drang das Wasser an anderer Stelle desto stärker durch, bis die Flut auch hinter dem Damme schwoll und ihn hinwegschwemmte. So versuchte auch die Schutztruppe in den nächsten Monaten der immer stärker schwellenden Flut der Südafrikaner sich zu erwehren, bis sie in deren Masse unterging. Das Regiment Naulila wurde nach dem 20. März nicht mehr neuformiert. Seine Reste gingen an andere Abteilungen. Trotzdem wird es in der Kriegsgeschichte weiterleben, würdig der Väter und Brüder, vom Führer bis zum letzten Mann im Miede. Fast auf den Tag drei Jahre später. Es ist der 21. März 1918. Di« Südafrikanische Brigade hält den äußersten linken Flügel der britischen 5. Armee an der Eambraifront bei Heudicourt in Frankreich. Sie liegt unter schwerstem Trommelfeuer, und dann trifft sie, aus dem dichten Nebel heraus, die volle Wucht des Stoßes der deutschen Frühjahrsoffensive. Die Brigade wehrt sich verzweifelt. Doch das ist ein anderes Kämpfen als unten im heißen Südwest. Schritt für Schritt weicht die Brigade, versucht in neuen Gräben in der Nacht sich zu setzen. Doch auch hier wird sie geworfen. Am 24. März liegt sie bei Moislains, unb hier erhält sie den Todesstoß. Am Nachmittag erheben sich ihre Reste aus den zerschossenen Gräben und ergeben sich den stürmenden Deutschen. „So ended one of the most heroic episodes ok the war.“ (So endete eine der heroischsten Episoden des Krieges.) Die deutsche Niederlage in Südwest mar gerächt. Verantwortlich vr. Hans Tbyriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Univ ersitäts. Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.