Jahrgang 1957 Montag, den 19. April Nummer 50 GiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Der GteElin Roman von Theodor Kontane 23. Fortsetzung. „So bilden sich Renommees", lachte Melusine. „Der Papa hat das auf gut Glück hin gesagt, hat bloß ein beliebiges Beispiel herausgegriffen. Und nun diese Tragweitei Lassen wir das aber und sagen Sie mir lieber: was ist Waltham-Abbey? Und wo liegt es?" „Es liegt ganz in der Nähe von London und ist eine Nachmittagsfahrt, etwa wie wenn man das Mausoleum in Charlottenburg besucht, oder das in der Potsdamer Friedenskirche." „Hat es denn etwas von einem Mausoleum?" „Ja und nein. Der Denkstein fehlt, ober die ganze Kirche kann als ein Denkmal gelten." „Als ein Denkmal für wen?" „Für König Harald." „Für den, den Editha Schwanenhals auf dem Schlachtfelds von Hastings suchte?" „Für denselben." „Ich habe während meiner Londoner Tage das Bild von Horace Bernet gesehn, das den Moment darstellt, wo die schöne Colde Cygne zwischen den Toten umherirrt. Und ich erinnere mich auch, daß zwei Mönche neben ihr herschritten. Aber weiter weiß ich nichts. Und om wenigsten weiß ich, was daraus wurde." „Was daraus wurde, — das ist eben der Schlußakt des Dramas. Und dieser Schlußakt heißt Waltham-Abbey. Die Mönche, deren Sie sich erinnern und die da neben Editha herschritten, das waren Waltham- Abbeymönche, und als sie schließlich gefunden hatten, was sie suchten, legten sie den König auf dichtes Baumgezweig und trugen ihn den weiten Weg bis nach Waltham-Abbey zurück. Und da begruben sie ihn." „Und die Stätte, wo sie ihn begruben, die haben Sie besucht?" „Nein, nicht sein Grab; das existiert nicht. Man weiß nur, daß man ihn dort überhaupt begrub. Und als ich da, die Sonne ging eben unter, in einem uralten Lindengange stand, zwischen Grabsteinen links und rechts, und das Abendläuten von der Kirche her begann, da war es mir, als käme wieder der Zug mit den Mönchen den Lindengang herauf, und ich sah Editha und sah auch den König, trotzdem ihn die Zweige halb verdeckten. Und dabei (wenn auch eigentlich der Papa schuld ist und nicht Sie, Gräfin) gedacht ich Ihrer in alter und neuer Dankbarkeit." „Und daß Sie mich besiegt haben. Aber das söge nur ich. Sie sagen es natürlich nicht, denn Sie sind nicht der Mann, sich eines Sieges zu rühmen, noch dazu über eine Frau. Waltham-Abbey kenn ich nun, und an Ihre Phantasie glaub ich von heut an, trotzdem Sie mich mit Traitors Gate im Stich gelassen. Daß Sie nebenher noch, und zwar Armgard zu Ehren, in Martins le Grand waren, dessen bin ich sicher und ebenso, daß Sie Papas einzige Forderung erfüllt und der Kapelle Heinrichs VII. Ihren Besuch gemacht haben, diesem Wunderwerk der Tudors. Welchen Eindruck hatten Sie von der Kapelle?" „Den denkbar großartigsten. Ich weiß, daß man die herabhängenden Trichter, die sie ,Tromben' nennen, unschön gefunden hat; aber ästhetische Vorschriften existieren für mich nicht. Was auf mich wirkt, wirkt. Ich konnte mich nicht satt sehen daran. Trotzdem, das Eigentlichste war doch noch wieder ein andres und kam erst, als ich da zwischen den Sarkophagen der beiden feindlichen Königinnen stand. Ich wüßte nicht, daß etwas je so beweglich und eindringlich zu mir gepredigt hätte wie gerade diese Stelle." „Und was war es, was Sie da io bewegte?" . Das Gefühl: ,zwischen diesen beiden Gegensätzen pendelt die Weltgeschichte'. Zunächst freilich scheinen wir da nur den Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus zu haben, aber weit darüber hinaus (weil nicht an Ort und Zeit gebunden) haben wir bei tiefergehender Betrachtung den Gegensatz von Leidenschaft und Berechnung, von Schönheit und Klugheit lind das ist der Grund, warum das Interesse daran nicht ausstirbt. Es sind große Typen, diese feindlichen Königinnen." Beide Schwestern schwiegen. Dann sagte Melusine, der daran lag, wieder ins Heitere hinüberzulenken: „Und nun, Armgard, sage, für welche von den beiden Königinnen bist du?" „Nicht für die eine und nicht für die andre. Nicht einmal für beide. Gewiß sind es Typen. Aber es gibt andre, die mir mehr bedeuten, und, um es kurz zu sagen, Elisabeth von Thüringen ist mir lieber als Elisabeth won England, Andern leben und der Armut das Brot geben — darin «llein ruht das Glück. Ich möchte, daß ich mir das erringen könnte. Aber man erringt sich nichts. Alles ist Gnade." „Du bist ein Kind", sagte Melusine, während sie sich mühte, ihrer Bewegung Herr zu werden. „Du wirst noch Unter den Linden für Geld gezeigt werden. Auf der einen Seite die .Mädchen von Dahomey', auf der andern du." Stechlin ging. Armgard gab ihm das Geleit bis auf den Korridor. Es war eine Verlegenheit zwischen beiden, und Woldemar fühlte, daß er etwas sagen müsse. „Welche liebenswürdige Schwester Sie haben." Armgard errötete. „Sie werden mich eisersüchtig machen." „Wirklich, Komtesse?" „Vielleicht ... Gute Nacht." Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem Bett der Schwester, und beide plauderten noch. Aber Armgard war einsilbig, und Melusine bemerkte wohl, daß die Schwester etwas auf dem Herzen habe. „Was hast du, Armgard? Du bist so zerstreut, so wie abwesend." „Ich weiß es nicht, aber ich glaube fast ..." „Nun was?" „3d) glaube fast, ich bin verlobt." 26. Kapitel. Und was die jüngere Schwester der älteren zugeflüstert hatte, das wurde wahr, und schon wenige Tage nach diesem ersten Wiedersehen waren Armgard und Woldemar Verlobte. Der alte Graf sah einen Wunsch erfüllt, den er seit lange gehegt, und Melusine küßte die Schwester mit einer Herzlichkeit, als ob sie selber die Glückliche wäre. „Du gönnst ihn mir doch?" „Ach, meine liebe Armgard", sagte Melusine, „wenn du wüßtestl Ich habe nur die Freude, du hast auch die Last." An demselben Abende noch, wo die Verlobung stattgefunden hatte, schrieb Woldemar nach Stechlin und nach Wutz; der eine Brief war so wichtig wie der andre, denn die Tante-Domina, deren Mißstimmung so gut wie gewiß war, mußte nach Möglichkeit versöhnlich gestimmt werden. Freilich blieb es fraglich, ob es glücken würde. Zwei Tage später waren die Antwortbriefe da. von denen diesmal der Wutzer Brief über den Stechliner siegte, was einfach daran lag, daß Woldemar von Wutz her nur Ausstellungen, von Stechlin her nur Entzücken erwartet hatte. Das traf aber nun beides nicht zu. Was die Tante schrieb, war durchaus nicht so schlimm (sie beschränkte sich auf Wiederholung der schon mündlich von ihr ausgesprochenen Bedenken), und was der Alke schrieb, war nicht so gut oder doch wenigstens nicht so der Situation angepaßt, mie’s Woldemar gewärtigte. Natürlich war es eine Beglückwünschung, aber doch mehr noch ein politischer Exkurs. Dubslav litt als Briefschreiber daran, gern bei Nebensächlichkeiten zu verweilen und gelegentlich über die Hauptsache wegzusehen. Er schrieb: „Mein lieber Woldemar. Die Würfel sind nun also gefallen (früher hieß es alea jacta est, aber so altmodisch bin ich denn doch nicht mehr), und da zwei Sechsen obenauf liegen, kann ich nur sagen: ich gratuliere. Nach dem Gespräch übrigens, das ich am 3. Oktober morgens mit Dir führte, während wir um unfern Stechliner Springbrunnen herumgingen (seit drei Tagen springt er nicht mehr; wahrscheinlich werden die Mäuse das Röhrenwerk angeknabbert haben) — seit jenem Oktobermorgen hab ich so was erwartet, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Du wirst nun also Karriere machen, glücklicherweise zunächst durch Dich selbst und dann allerdings auch durch Deine Braut und deren Familie. Graf Barby — mit Rübenboden im Mc»gdeburgischen und mit Mineralquellen im Grau- bündischen — höher hinauf geht es kaum. Du müßtest Dich denn bis ins Katzlersche verirren. Armgard ist auch schon viel, aber Ermyntrud doch mehr und für den armen Katzler jedenfalls zu viel. Ja, mein lieber Woldemar, Du kommst nun also zu Vermögen und Einfluß und kannst die Stechlins wieder raufbringen, und wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kate so was in Chateaustil bauen läßt und vielleicht sogar eine Fasanenzucht anlegst, so daß erst der Post-Stephan und dann der Kaiser selbst bei Dir zu Besuch kommen kann, ja, da kannst Du möglicherweise selbst das erreichen, was Dein alter Vater, weil Feilenhauer Torgelow mächtiger war als er, nicht erreichen konnte: den Einzug ins Reichshaus mit dem freien Blick auf Kroll. Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht sagen, auch meine Freude nicht höher spannen, und in diesem relativen Ruhigbleiben empfind ich zum erstenmal eine gewisse Familienähnlichkeit mit meiner Schwester Adelheid, deren Glaubensbekenntnis im letzten darauf hinausläuft: Kleinadel über Hochadel, Junker über Graf. Ja, ich fühle. Deinen Gräflichkeiten gegenüber, wie sich der Junker ein bißchen in mir regt. Die reichen und vornehmen Herren find doch immer ganz eigene Leute, die wohl Fühlung mit uns haben, unter Umständen auch suchen, aber das Fühlunghalten nach oben ist ihnen schließlich doch viel, viel wichtiger. Es heißt wohl immer .wir Kleinen, wir machten alles und könnten alles', aber bei Lichte besehn, ist es bloß das alte: ,Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben'. Glaube mir, Woldemar, wir werden geschoben und sind bloß Sturmbor*. du dazu?" , _ . , . . „Ja, gnädger Herr, was soll ich dazu sagen. Es is ja doch, was man so ne ,güte Nachricht' nennt." „Natürlich is es ne gute Nachricht. Aber hast du noch mcht erlebt, daß' einen gute Nachrichten auch genieren können?" „Jock, gnädger Herr, ich kriege keine." Na, denn sei froh: dann weiht du nicht, was .gemischte Gefühle sind. Sieh, ich habe jetzt gemischte Gefühle. Da kommt nun mein Wolde- mar. Das is gut. Und da bringt er feine Braut mit, das is wieder gut. Und da bringt er feine Schwägerin mit, und das is wahrscheinlich auch gut Aber die Schwägerin ist eine Gräfin mit einem italienischen Namen, und die Braut heißt' Armgard, was doch auch schon sonderbar ist. Und beide sind in England gebären, und ihre Mutter war aus der Schweiz, ron einer Stelle her, von der man nicht recht weiß, wozu sie gehört, weil da alles schon durcheinandergeht. Und überall haben sie Besitzungen, und Stechlin ist doch bloß ne Kate. Sieh, Engelke, das is genierlich und gibt das, was ich .gemischte Gefühle' nenne." „Nu ja, nu ja." ,Und Sann müssen wir doch auch repräsentieren. Ich muß ihnen doch irgendeinen Menschen vorsetzen. Ja, wen soll ich ihnen vorsetzen? Biel is hier nich. Da hab ich Adelheiden. Natürlich, die muß ich emladen, und sie wird auch kommen, trotzdem Schnee gefallen ist; aber sie kann ja neu Schlitten nehmen. Vielleicht ist ihr Schlitten bester als ihr Wagen. reb,S>is is richtig. Also Lorenzen, und vielleicht, wenn das Kind sich wiedör erholt, auch Katzler. Ein Schelm gibt mehr, als er hat.Und dann Engelke solche Damen, die überall rum m der Welt waren, da weiß man nie, wiä der Hase P”ft. Es ist möglich, daß sie sich sur Krippen- stapel interessieren. Oder hure, da fällt mir noch was ein. Was meinst du zu Koseleger?" . „ ",N-ch,^aber Not lehrt°betem' Ich mache mir eigentlich nicht viel aus ihm, indessen is und bleibt er doch immer cm Superintendent und das klingt nach was. Und dann war er >a mit ner russischen Großfürstin auf Resten und solche Großfürstin is eigentlich noch mehr als ne Prinzessin. Also sprich mal mit Kluckhuhn, der soll nen Boten schicken. Ich schreibe gleich ne Karte." Katzler sagte ab oder ließ es doch unbestimmt, ob er kommen könne Koseleger dagegen, was ein Glück war, nahm an, und auch Schwester Adelheid antwortete durch den Boten, den Dubslav geschickt holte, „daß sie den zweiten Feiertag in Stechlin eintresfen und soweit wie dienlich und schicklich nach dem Rechten sehen würde." Adelheid war in ch^r Art eine gute Wirtin und stammte noch aus den alten Zeiten, wo die Damen bis zum Schlachten" und „Aalabziehm" herunter alles lernten und alles konnten. Also nach dieser Seite hin entschlug sich Dubslav jeder Befurch- tung Aber wenn er sich dann mit einem Male vergegenwärtigte, daß es stiner Schwester vielleicht in den Sinn kommen könne, sich auf ihren Uradel oder auf die Vorzüge sechshundertjähriger märkischer ..Emgesessen- lje.it" zu besinnen, so fiel alles was er sich in dem mit Engelke ge führten Gespräch an Trost zugesprochen hatte, doch wieder von ihm ab. Ihm bangte vor der Möglichkeit einer seitens feiner Schwester „aufgesetzten hohen Miene" wie vor einem Gespenst, und desgleichen vor der Kostümfrage. Wohl war er sich, ob er nun seine rote Landstandsumform I oder seinen hochkragigen schwarzen Frack anlegte, feiner eignen altmodischen Erscheinung voll bewußt, aber nebenher was seine Person an- ging, doch auch wieder einer gewissen Patriarchalitat. Einen Zeichen Trost könnt er dem äußern Menschen seiner Schwester Adelheid n.cht entnehmen. Er wußte genau, wie sie kommen wurde: schwarzes Seidenkleid, Rüsche mit kleinen Knöpfelchen oben und die SieHenkurfu.sten drösche. Was ihn aber am meisten ängstigte, war der Moment nach Tisch wo sie, wenn sie sich einigermaßen behaglich zu fühlen an.ing, ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das Kamingltter zu stellen und die Wärme von unten her einzusaugen pflegte. Gleich na di sieben trafen Waldemar und die Barbyschen Damen auf dem Grande? Lahnhof ein und fanden Martin und den Stechlinfchen Schlitten vor, letzterer insoweit ein Frachtstück, als er em richuges Bärenfell hatte, während andrerseits Geläut und Schneedecken und säst auch die Pferde mehr oder weniger zu wünschen ubrigließen. Aber Mein- sine sah nichts davon und Armgard noch weniger. Es roar eine reizend« hahrt- die Luft stand, und am stahlblauen Himmel oben blinkten die Sterne So ging es zwischen den eingeschneiten Feldern hin, und wenn ihre Kappen und Hüte hier und dort die herniederhangenden Zweige streiften, fielen die Flocken in ihren Schlitten. In den Dörfern war überall noch Leben, und das Anschlägen der Hunde, das vom nächsten Dorf her beantwortet wurde, klang übers Feld. Alle drei Schlittenlnsos,en waren glücklich und ohne daß sie viel gesprochen hatten, bogen sie zuleM, eine weite Kurve machend, in die Kastanienallee ein, die sich nun ralch, über Dorfplatz und Brücke fort, bis auf die Rampe von Schloß Stechlin führte Dubslav und Engelke standen hier schon im Portal und waren den Damen beim Aussteigen behilflich. Beim Eintritt in den großen Flur war für diese das erste, was sie sahen, ein mächtiger, von der Decke herabhängender Mistelbusch; zugleich schlug die Treppenuhr, deren Hippen- mann wie verwundert und beinahe verdrießlich auf die fremden Gaste herniedersah. Diele Lichter brannten, aber es wirkt« trotzdem alles wie dunkel Waldemar war ein wenig befangen, Dubslav auch. Uno nun wollte Armgard dem Alten die Hand küssen. Aber das gab diesem seinen Ton und seine gute Laune wieder. „Um^ -kehrt wird cm Schuh draus." „Und zuletzt ein Pantoffel", lachte Melusine. (Fortsetzung folgt.) Gott wenn ich an das Verdeck denke mit der großen Lederflicke, da wird mir 'aud) nicht besser. Und dabei denkt sie, ,fie is was', was am Ende auch wieder gut is, denn wenn der Mensch erst denkt, ,es is gar nichts mit ihm', dann is es auch nichts." . . . , Und dann, gnädger Herr, sie is ja doch ne Domina unb hat nen Rang. Und ich hab auch mal gelesen, sie sei eigentlich mehr als em ^Na jedenfalls ist sie mehr als ihr Bruder; fo'n vergessener Major is ein Jammer. Aber Adelheid selbst, so aus n ersten Anhieb, is auch bloß jo so. Wir müssen jedenfalls noch wen dazu haben. Schlage was vor Baron Beetz und der alte Zählen, die die besten sind, die wohnen zu weit ab, und ich weiß nicht, feit wir die Eisenbahnen haben, laufen die Pferde schlechter Oder es kommt einem auch bloß fo oor. Also die guten Nummern fallen aus. Und da sind wir denn wieder bei @unberrnanm Ach gnädger Herr, den nich. Un er fall ja auch so zweideutig sein, linde hat es mir gesagt; Uncke hat freilich, immer das Wort .zweideutig. Aber es wird wohl stimmen. Un dann die Frau Gundermann. Das is ne richtige Derlinfche. Verlaß is auf ihm nich und auf chr nich. Ja Engelke, du sollst mir helfen und machst es bloß noch schlimmer. Wir könnten es mit Katzler versuchen, aber da ist d a sKind kvank und vielleicht stirbt es. Und dann haben wir natürlich noch unfern Vaftor. nu der ginge, bloß daß er immer so still dasitzt, wie wenn er auf den heiligen Geist wartet. Und mitunter kommt er; aber noch o^er kommt er nicht. Und solche Herrschaften, die dran gewohnt sind, daß erner m einem fort was Feines sagt, ja, was sollen die mit un-ferm Lorenzen? i|[ ^Ab^^er^jchweigt doch immer noch besser, als die Gundermannsche Immer dieselbe Geschichte, rote mit Protz und Proletarier — wie sie noch I edjt waren jetzt mag es wohl anders damit jein — waren auch bloß immer dazu da, die Kastanien aus dem Feuer zu^holen: "der ging es dann schieß dann wanderte Bruder Habenichts nachspandauund Bruder Protz legte sich zu Bett Und mit Hochadel und Kleinadel ist es beinah ebenso. Natürlich heiratet eine Ermyntrud mal einen Katzler, aber eigentlich äugt sie doch mehr nach einem Stuart ober Wasil, wenn es deren noch gibt. Wird aber wohl nich. Entschuldige diesen Herzenserguß dem Du nicht mehr Gewicht beilegen mußt, als ihm zukommt. Es tom mir das alles so von ungefähr in die Feder, weil ich grade heute wieder gelesen habe, wie man einen von uns, der durch Eintreten eines Jppe- Bllchsenstein hätte gerettet werden können, schaudllch im Stich.gelassen Hatz Jppe-Büchscnstein ist natürlich nur Begriff. Alles in allem: ich habe zu Dir das Vertrauen, daß Du richtig gewählt hast, und daß man Dich nicht im Stiche lassen wird. Außerdem, em richtiger Marker hat Augen im Kopf und is beinah so Helle wie'n Sachse „ Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin. Es war Ende November, als Woldemar diesen Brief erhielt. Er überwand ihn rasch, und am dritten Tag las er alles schon mit einer gewissen Freudigkeit. Ganz der Alte; lebe Zeile voll Liebe, voll Gute, voll Schnurrigkeitcn. llnb eben diese Schnurren, trafen sie nicht eigentlich auch den Nagel auf den Kopf? Sicherlich. Was aber bas Beste war so sehr das alles im allgemeinen passen mochte, auf die Bavbys paßte so gut wie nichts davon; die waren doch anders, die suchten nicht Fühlung nach oben und nicht nach unten, die mardjanbterten nicht mit links und nicht mit rechts, die waren nur Menschen und daß nm d as sein wollten, das war ihr Glück und zugleich ihr Hochgefühl. Woldemar sagte lick denn auch, daß der Alte, wenn er sie nur erst kennengelernt haben | würde, mit fliegenden Fahnen ins Barbyjche Lager übergehen wurde, i Der alte Graf, Armgard und vor allem Melusine. Die war genau das, was der Alte brauchte, wobei ihm das Herz aufging. Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer. Auch Wrschowitz und Eujacius —von denen jener natürlich unverheiratet, dieser wegen beständiger Streiterei von feiner Frau geschieden war — waren zugegen. Eujacius hatte gebeten, ein Krippentransparent malen zu dürfen, was denn auch, als es erschien, auf einen Ncbentisch gestellt und allseitig bewundert wurde. Die drei Könige waren Portrats: der alte Gras, Eujacius selbst und Wrschowitz (als Mohrenkomg); letzterer, trog Wollhaar und aufgeworfener Lippe, von frappanter Aehnlichkeit Auch in der Maria suchte man nach Anlehnungen und sand sie zuletzt; es war Lizzi, die, wie so viele Berliner Kammerjungfern, einen sittig verschämten Ausdruck hatte. Nach dem Tee wurde musiziert, und Wrschowitz jptelte — weil er dem alten Grasen eine Aufmerksamkeit zu erweisen wünschte — die Polonäse von Orginski, bei deren erster, nunmehr um siebzig Jahre zurückliegender Ausführung, einem alten on dit zufolge der polnisch gräfliche Komponist im Schlußmoment« sich erschossen haben sollte. Natürlich aus Liebe. „Brav, brav", sagte der alte Graf und war, wahrend er sich beinah überschwenglich bedankte, so sehr aus demHäuschen, daß Wrschowitz schließlich schelmisch bemerkte: „Den Piffpaffschluß muß ich mir versagen, Herr (Steif, trohdem meine Dererrung (Blick aus Arm- garb) serr groß ist, fast so groß wie die Vererrung des Grafen vor Graff Oginski." So verlief der Heiligabend. _. . , Schon vorher war man übereingekommen, am zweiten Feiertage zu britt einen Ausflug nach Stechlin zu machen, um bort die künftige Schwiegertochter dem Schwiegervater vorzustellen. Noch am Ehr,stabend selbst, trotzdem Mitternacht schon Darüber, schrieb denn Woldemar einige Zeilen nach Stechlin hin, in denen er sich samt Braut und Schwägerin für den zweiten Feiertagabend anmeldete. . Rechtzeitig trafen Waldemars Zeilen in Stechlin cm. „Lieber Papa. Wir haben var, am zweiten Feiertage mit dem Spätnachmittagszuge van hier aufzubrechen. Wir sind bann um sieben auf dem Granseer Bahnhof und um neun ober nicht viel später bei bir. Armgard ist glücklich. Dich endlich kennen zu lernen, den kennen zu lernen, den sie seit lange verehrt. Dafür, mein lieber Papa, hab ich Sorge getragen. Graf Barby, der nicht gut bei Wege ist, was ihn bindert mitzukammen, will Dir angelegentlich empfahlen sein. Desgleichen Gräfin Ghiberti, die uns als Dame d'hanneur begleiten wird. Armgard ist in Furcht und Aufregung wie vor einem Examen. Sehr ohne Not. Kenn ich doch meinen Papa, der die Gute und Liebe selbst ist. Wie immer Dein Woldemar." Engelke stand neben seines Herrn Stuhl, als dieser die Zeilen halblaut aber doch in aller Deutlichkeit vorlas. „Nun, Engelke, was sagst Wer kaust Liebesgötter? Bon I. W. v o n Goethe. Bon allen schönen Waren, Zum Markte hcrgesahren. Wird keine mehr behagen, Als die wir euch getragen Aus fremden Ländern bringen. O höret, was wir singen I Und seht die schönen Bügel! Sie stehen zum Verkauf. Zuerst beseht den großen, Den lustigen, den losen! Er hüpfet leicht und munter Bon Baum und Busch herunter; Gleich ist er wieder droben, Wir wollen ihn nicht loben, O seht den muntern Bogel! Er steht hier zum Verkauf. Betrachtet nun den kleinen, Er will bedächtig scheinen, Und doch ist er der lose, So gut als wie der große; Er zeiget meist im stillen Den allerbesten Willen. Der lose, kleine Vogel, Er steht hier zum Verkauf. O seht das kleine Täubchen, Das liebe Turtelwcibchen! Die Mädchen sind so zierlich, Verständig und manierlich; Sie mag sich gerne putzen Und eure Liebe nutzen. Der kleine, zarte Vogel, Er steht hier zum Verkauf. Wir wollen sie nicht loben. Sie stehn zu allen Proben. Sie lieben sich das Neue; Doch über ihre Treue Verlangt nicht Brief und Siegel! Sie haben alle Flügel. Wie artig sind die Bügel, Wie reizend ist der Kauf! Oer Apfel vom Baum der Erkenntnis. Bon Albrecht Schaeffer. Ein König in Persien, der dem Tode erlag, bevor er «Inen männlichen Erben zeugte, hinterließ eine einzige Tochter von großer Schon- heit, namens Gülnare. Nun sollte nach dem Gesetz die Krone mit der Hand der Prinzessin demjenigen gehören, der in gefährlichen Kampfspielen sich als der erste an Kraft und Kühnheit erwies. Das Schicksal aber wollte es, daß, als diese 'Turniere vollzogen wurden, vier 'Jhtter verblieben die ununterscheidbar waren an Arm- und Herzkraft. In ihrer Ratlosigkeit erinnert« sich nun die Priezessin eines „früheren Wortes ihrer lange verstorbenen Mutter: daß sie dem Rus ihres Kindes aus der Seligkeit folgen würde, wenn er aus einer großen Not zu ihr dränge. Also ging Gülnare bet Nacht in die Einsainkeit des Gartens, und sie hatte raum den Namen der Toten gerufen, so quoll ein Schein aus dem Dunkel, und die Verstorbene stand vor ihr in blühender Geste' als ob sie lebte, an ihren Busen mit den Armen druckend vier fdji, c rnde Aepfel: „Ich kenne", sprach sie, „deine Verlegenheit, mein Kind nimm dies: Aepsel an dich, die sie dir losen werden. Es sind Früchte vom Baum der Erkenntnis, und alle sind sie von gleicher Krast. jeder verzehrt den, der ihn verzehrt, wenn er nicht berufen ist. „Wie kann ich aber", sprach die Tochter, sich fassend, „vier Männer ^^,Du"si>llst es nicht tun. Weil sie vielleicht dir nicht glauben würden, so lasse jeden geheim, daß niemand es weiß, in eine Kammer gehn, nachts, und ich werde selber hineingehen zu jedem, ihm einen Apfel hinlegen und ihm sagen, daß er essen mag wenn er sich berufen> glaub, und sterben wird, wenn er es nicht ist. Morgens komme ich dann zu dir und führe dich hin." Die Mutter lächelte, nickte und Und am Morgen nach der Nacht, in der die vier Ritter die.Kammer betreten hatten, erschien die Mutter ihrer Tochter, und sie gingen .zur ersten. Sie war ganz leer; der Apfel hatte seine Kraft bewahrt und die Mutter sagte: ^.Dieser war rasch wie ein Held. Nicht einen Nu kamen ihm Zweifel an seiner Berusenheit; er griff zu, aß und wurde ver ^Sie betraten die zweite Kammer, in der nichts war wie: mder ersten. „Dieser", sprach die Mutter, „wurde bleich; aber er erwürgte feine Zweifel mit der Schlinge des Hochmuts, aß und wurde verzehrt." Leer war auch die dritte Kammer. „Wenn du", sagte die Mutter, ,chas Antlitz von diesem gefehn hättest, als er ah, so hättest du das deine darin gesehn wie im Spiegel. Zum König war er daher nicht berufen. Komm in die letzte Kammer!" Gülnare aber zauderte vor dieser Türe, und über ihrem pochenden Herzen schwebte der Name Iussus zu ihren Lippen. „Oessne", sagte die Mutter und löste sich in ein Lächeln aus. Die Tür sprang auf, im Lampenschein erblickte Gülnare auf dem Tisch einen Apsel, der keine Spur eines Bisses zeigte; im Schatten aber stand ein Mensch an der Mauer, bleich und mit brennenden Augen. Er sagte: „Du, Gülnare, wirst es in alle Ewigkeit Feigheit nennen, und ich habe doch iin Kamps nicht vorm Tode gezittert. Aber", er stockte und sprach: „ich wußte nicht und ich weiß nicht, ob ich berufen bin." Er senkte den Kopf und schritt an ihr vorüber. Niemand im Land sah ihn mehr. Die Prinzessin versuchte umsonst in der nächsten Nacht, ihre Mutter zu sich zu rufen. Weil nun ihre Ratgeber das geheimnisvolle Verschwinden der vier Prinzen so erklärten, daß es ein Zeichen Allahs an GUlnare sei, ihre Hand demjenigen zu reichen, der nach, den vieren sich als der beste gezeigt hatte, so folgte sie schweren Herzens und unüberzeugt. Sie behielt auch recht, denn jener wurde in der Braut- nacht ermordet, noch ehe er sie zu seinem Weibe machen konnte. Es war eine Verschwörung, aber die Mörder wurden uneins; es währte nicht lange, jo stand das ganze Reich im Flammen des Bürgerkrieges. Da erschien in einer Morgenfrühe, als Gülnare nach einer verzweifelten Nacht Kühlung im Garten suchte, ein Fremder vor ihr, bärtig, verwildert, in Felle gekleidet; aber eine Stimme ihres Herzens sagte ihr, ehe sie ihn erkannte, daß es Iussus war. „3rfj bin es", sagte er; „ich bin gekommen, denn mich lammert dos L-ond. 5)oft du den Äpsel noch, fo will ich jetzt essen". „Ich will ihn holen", antwortete Gülnare leuchtend, „denn ich habe ihn noch." Sic ging, aber nach hundert Schritten ver- sagte ihr Herz. Sie blieb stehen und sprach bei sich selber: „Ich kann ihn nicht töten. Ich glaube — aber ohne daß ich wüßte!" Die Not ihrer Völker stieg vor ihr aus, sie lies unwissend im Garten umher, und auf einmal sah sie aus einer Wiese einen sehr schönen Apfel liegen, und Apfel- bäume waren darüber. Sie hob ihn auf; er glich jenem andern wie ein Zwillingsbruder und sie dachte: diesen will ich ihm geben, Allah wird richten. Wenn es aber mißlingt, so bleibt mir immer noch der echte. Und sie sandte die Schicksalssmcht durch den Gärtner zu Iussus, weil sie fürchtete, daß ihre Augen sie verraten könnten. Einige Monme waren vergangen, seitdem Iussus die Aufstände niedergeschlagen und den Thron bestiegen hatte, da fragte Gülnare ihn in der Dunkelheit einer Nacht, in feinem Arm liegend: „Iussus, bist du nun glücklich?" Er jagte: „Ich bin es; dennoch fehlt mir mitunter eins „Was ist das", fragte sie. „Ich sehne mich ost", erwiderte er, „noch einmal einen Apfel von solcher Süße zu sveisen wie jenen Apfel Denn er war über alle Maßen." Wie seltsam, dachte Gülnare, denn fie wie er überlegten sich nicht, daß jener Apsel allerdings unvergleichlich an Wohlgeschmack sein mußte. War er doch nach dem ersten Bissen, der dem Todbereiten das Leben verbürgte, die erste Speise des fußen Lobens. Dann aber beschlichen trübe Gedanken die Königin. Sie erinnerte sich, daß Iussus nach den Schlachten und Mühsalen der Reichsordnung sich einem sorglosen Leben und dem Dienst seiner Liebe mehr hingegeben hatte als dem der Völker. Deswegen hatte sie auch nach seinem Glück gefragt, und deswegen dachte sie nun: Es war nicht der echte Apfel; wie kann ich wissen, ob er wirklich berufen ist? Sie erbebte vor der Un- gewihheit der Zukunft, Mißtrauen vergiftete ihre Seele, ihre Liebe sogar schien ihr welk in der Brust. Als sie nach einiger Zeit spürte, daß Iussus schlief, löste sie sich von ihm, ging hin, wo der Apfel lag nahm den un- melkbaren aus der Truhe und brachte ihn Jusfuf. Sie schauderte aber sie weckte ihn, zeigte ihm den Apfel und sprach: Ich hobe dich betrogen. Ich liebte dich und gab dir einen unrechten Apfel D es ist der echte". Er blickte sie schwermütig an und sagte: „Das hattest du nicht tun sollen". Dann funkelte sein Auge und er fragte: „Und warum tust du es nun?" Gülnare verbarg ihr Gesicht und gab keine Antwort. Sie fühlte den Apsel aus chren Fingern genommen und horte ihn svrechen' ,Ich werde essen, rote ich damals aß, obwohl es schwerer ist heute". „Tu es nicht", schrie sie auf. Sie sahen sich lange an; bann lächelte Iussus und fragte: „Glaubst du, Gülnare, daß ch es bin? Acute rote damals", sagte Gülnare; darauf aß er. An seinen Knien hingestürzt, hörte sie ihn nach einiger Zeit sprechen: „Es ist soiiderbar. An den Geschmack jenes irdischen Apfels erinnert dieser himmlische nun nicht Aber er erinnert mich an jenen Augenblick, in dem ich schwor, dasi mir von Stund an das Leben heilig sein und verflucht jeder Augenblick sein sollte, den ich nicht verbrächte rote jenen: als ob er mein letzter fein könnte. Ich habe", sprach er davoneilend, „viel nachzuholen Da erfuhr Gülnare, daß fie Iussus verloren halte an das Land, und sie lächelte unter Tränen, indem sie sich sagte: „Es ziemt sich auch mir zu opfern". ' , Aber nach Jahr und Tag, als Juffuf tödlich erschöpft von ber Steift feines Königstums, zum erstenmal wieder an ihrem Bufen entschlafen roar trat ihre Mutter aus der Nacht hervor in höherem Glanze und (urarfr .Nun fei gesegnet, mein Kind. Ihr seid ein Paar geworden und eurer wert, und nun darfst du die Wahrheit erfahren Jener Apfel den du im Garten fandst, war der echte Apfel. Ich selber legte ihn hin. Denn Gott läßt seiner nicht spotten und seiner Erwählten. Glaubst du daß Iussus nicht wahrlich zu wittern vermochte, daß der Apsel echt sei, und daß er anders die Königskrast aufgebracht hatte, die Gott verlangte? Auch du, meine Tochter, hast geglaubt; dann °ber hast du Erkenntnte gewollt, die es im Himmel gibt, aber nicht auf Erden! Oder - sprach himmlisch blickend die Mutter, „da du inzwischen geprüft wurdest, hast du sie nun?' Bleib' Erde, liebe Erde! Mit Verlassenheit hast du gezahlt, nun schlafe in Frieden bei ihm, der dich wtedersand." 3