Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang 195Z Zreitag, den 19. März Nummer 22 Derr GteOlin Vornan von Theodor Soutane 15. Fortsetzung. Unter dieser Empore, quer durch den Saal hin, stand ein für das Komitee bestimmter länglicher Tisch mit Tischdecke, während auf den links und rechts sich hinziehenden Bänken einige zwanzig Vertrauensmänner saßen, denen es hinterher oblag, im Sinne der Komiteebeschliisse weiter zu wirken. Die Vertrauensmänner waren meist wohlhabende Stechliner Bauern, untermischt mit offiziellen und halboffiziellen Leuten aus der Nachbarschaft: Förster und Waldhüter und Vormänner von den verschiedenen Glas- und Teeröfen. Zu diefen gesellte sich noch ein Torfinspektor, ein Vermessungsbeamter, ein Steueroffiziant und schließlich ein gescheiterter Kaufmann, der jetzt Agent war und die Post besorgte. Natürlich war auch^Landbriefträger Brose da samt der gesamten Sicherheitsbehörde: Fußgeidarm Uncke und Wachtmeister Pyterke von der reitenden Gendarmerie. Pyterke gehörte nur halb mit zum Revier (es war das immer ein streitiger Punkt), erschien aber trotzdem mit Vorliebe bei Versammlungen der Art. Es gab nämlich für ihn nichts Vergnüglicheres, als feinen Kameraden und Ämtsgenosfen Uncke bei solcher Gelegenheit zu beobachten und sich dabei seiner ungeheuren, übrigens durchaus berechtigten Ueberlegenheit als schöner Mann und ehemaliger Gardekürassier bewußt zu werden. Uncke war ihin der Inbegriff des Komischen, und wenn ihn schon das rote, verkupferte Gesicht an und für sich amüsierte, so doch viel, viel mehr noch der gefärbte Schuhbllrstenbackenbart, vor allem aber das Augenspiel, mit dem er den Verhandlungen zu folgen pflegte. Pyterke hatte recht: Uncke war wirklich eine komische Figur. Seine Miene sagte beständig: „An mir hängt es." Dabei war er ein höchst gutmütiger Mann, der nie mehr als nötig aufschrieb und auch nur selten auflöste. Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Türen. An der Mitteltür standen die beiden Gendarmen und rückten sich zurecht, als sich der Vorsitzende des Komitees mit dem Glockenschlng sieben von seinem Platz erhob und die Sitzung für eröffnet erklärte. Dieser Vorsitzende war natürlich Oberförster Kassier, der heute, statt des bloßen schwarz-weiße» Bandes, sein bei St. Marie aur Ehenes erworbenes Eisernes Kreuz in Substanz eingeknöpft hatte. Neben ihm saßen Superintendent Koselcger und Pastor Lorenzen, an der linken Schmalseite Krippenstapel, an der rechten Schulze Kluckhuhn, letzterer auch dekoriert, und zwar mit der Düppelmedaille, trotzdem er bei Düppel in der Reserve gestanden. Er scherzte gern darüber und sagte, während er seine beneidenswerten Zähne zeigte: „Ja, Kinder, so geht es. Bei Alse» war ich, aber bei Düppel war ich »ich, und dafür hab ich nun die Düppelmedaille." Schulze Kluckhuhn war überhaupt eine humoristisch angeflogene Persönlichkeit, Liebling des alten Dubslav, und trat immer, wenn sich die alten Kriegerbundleute von sechsundsechzig und siebzig aufs hohe Pferd setzen wollten, für die von vierundsechzig ein. „Ja, vierundsechzig, Kinder, ito fing es an. Und aller Anfang ist schwer. Anfängen ist immer die Hauptsache: das andre kommt bann schon wie von selbst." Ein alter Globsomer, der bei Spichern mitgestürmt und sich durch besondere Tapferkeit hervergetan hatte, war denn auch, bloß weil er einer von Anno siebzig war, ein Gegenstand seiner besonderen Bemängelungen. ,Zch will ja »ich sagen, Tübbecke, daß es bei Spichern gar nichts war: aber gegen Düppel (wenn ich auch nicht mit dabei gewesen), gegen Düppel war es gar nichts. Wie war es beim bei Spichern, wovon du so viel redst, als ob sich vierundsechzig daneben verstecken müßte? Bei Spichern, da waren Menschen oben, aber bei Düppel, da waren Schanzen oben. Und ich sag dir, Schanzen mit'm Turm drin. Da pfeift es ganz anders. Das heißt, van Pfeifen war schon eigentlich keine Rede mehr." Eine Folge dieser Aiü Kauung war es denn auch, daß in den Augen Kluckhuhns der Pionier Klinke, der bei Düppel unter Opferung seines Lebens den Palisadenpfahl von Schanze drei roeggesprengt hatte, der eigentliche Held aller drei Kriege war und alles in allem nur einen Rivalen hatte. Dieser eine Rivale stand aber drüben auf Seite der Dänen und war überhaupt kein Mensch, sondern ein Schiff und hieß Rolf Krake. Ja, Kinder, wie wir nu da so rüber gondelten, da lag das schwarze Biest immer dicht neben uns und sah aus wie'n Sarg. Und wenn es gewollt hätte, so wäre es auch alle mit uns gewesen und bloß noch plumps in den Alsenstmd. Und weil wir das wußten, schossen wir immer drauflos, denn wen» einem so zumute ist, bann schießt ber Mensch immerzu." Ja, Rolf Krake war eine fatale Sache für Kluckhuhn gewesen. Aber dasselbe schwarze Schiff, das ihm bamals soviel Furcht unb toorge gemacht hatte, war doch auch wieder ein Segen für ihn geworden, und man durste sagen, sein Leden stand seitdem im Zeichen von Rolf Krake. Wie Gundermann immer der Sozialdemokratie bas „Wasser abstellen wollte, so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialbemokratie Gehörige mit bem schwarzen Ungetüm im Alsensund. „Ich sag euch, was sie jetzt die soziale Revolution nennen, bas liegt neben uns wie bamals Rolf Strafe; Bebel wartet bloß, unb mit eins fegt er dazwischen." Schulze Kluckhuhn war in ber ganzen Slechliner Gegend sehr angesehen, und als er jetzt mit feiner Medaille fo dafaß, dicht neben Koseleger, war er sich dessen auch wohl bewußt. Aber gegen Krippenstapel, den er als Schulpauker und Bienenvater eigentlich nicht für voll ansah, tarn er bei dieser Gelegenheit doch nicht an; Krippenstapel hatte heute seinen ganz großen Tag, so sehr, daß selbst Kluckhuhn seinen Ton herabsliinmen muhte. Katzler, ein entschiedener Nichtredner, begann, als er sich mit seinem Notizenzettel, auf dem verschiedene Satzanfänge standen, erhoben hatte, mit ber Versicherung, bah er ben so zahlreich Anwesenden, unter benen vielleicht auch einige Andersdenkende seien, für ihr Erscheinen banke. Sie wüßten alle, zu welchem Zweck sie hier seien. Der alte Kortschäbel sei tot, „er ist in Ehren hingegangen", und es hanble sich heute barum, bem alten Herrn von Kortschäbel im Reichstag einen Nachfolger zu geben. Die Grafschaft habe immer konservativ gewählt; es sei Ehrensache, roieber konservativ zu wähle». „Unb wenn bie Welt voll Teufel wär'". Es liege ber Grafschaft ob, bieser Welt des Abfalls zu zeigen, baß es noch „Stätten" gäbe. Unb hier sei eine solche Stätte. „Wir haben, glaub ich", so schloß er „niemanb an diesem Tisch, der das Parlamentarische voll beherrscht, weshalb ich bemüht gewesen bin, das, was uns hier zusammengeführt hat, schriftlich niederzulegen. Es ist ein schwacher Versuch. Jeder tut, soviel er kann, unb ber Brombeerstrauch hat eben nur seine Beeren. Aber auch sie könne» ben durstigen Wanderer erfrischen. Und so bitte ich den» unfern politische» Freund, dem wir außerdem für die Erforschung dieser Gegenden so viel verdanken, ich bitte Herr» Lehrer Krippenstasiei, uns das von mir Aufgesetzte vorlesen zu wolle». Ein pro memoria. Man kann es vielleicht so nennen." Katzler, unter Verneigung, setzte sich wieder, während sich Krippenstapel erhob. Er blätterte wie ein Rechtsanwalt in einer Anzahl von Papieren und sagte dann: „Ich folge ber Aufforderung des Herrn Vorsitzende» und freue mich, berufen zu fein, ein Schriftstück zur Verlesung zu bringen, das unser aller Gefühlen — ich bin dessen sicher und glaube von den Einschränkungen, die unser Herr Vorsitzender gemacht hat, absehen zu dürfen, zu kräftigstem Ausdruck verhilft." Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf und las. Es war ein ganz kurzes Schriftstück und enthielt eigentlich dasselbe, was Kassier schon gesagt hatte. Die Betonungen Krippenstapels sorgten aber dafür, daß ber Beifall reichlicher war, und baß bie Schlußwendung, „und so vereinigen wir uns denn in bem Satze: was um ben Stechlin herum wohnt, bas ist für Stechlin", einen ungeheuren Beifall fand. Pyterke hob feinen Helm unb stieß mit bem Pallasch auf, währenb Uncke sich uni- fah, ob doch vielleicht ein einzelner Uebelroollcnber zu notieren sei. Nicht um ihn direkt anzuzeigen, aber doch zur Kenntnisnahme. Brose, ber (wohl eine Folge feines Berufs) unter bem ungewohnten langen Still» Ki gelitten hatte, nahm im Vorflur, wie zur Niederkämpfung seiner neroofität, eine Art Probegeschwinbschritt rasch roieber auf, während Kluckhuhn sich von feinem Stuhl erhob, um Katzler erst militärisch und dann unter gewöhnlicher Verbeugung zu begrüßen, wobei seine Düppel- mebaille bem Katzlerschen Eisernen Kreuz entgegenpenbelte. Nur Koseleger unb Lorenzen blieben ruhig. Ilm bes Supermtenbntn Munb war ein leiser ironischer Zug. Dann erklärte ber Vorsitzende bie Sitzung für geschloffen; alles brach auf, unb nur Uncke sagte zu Brose: „Wir bleiben noch, Brose; morgen wirb es Lauferei genug geben." „Denk ich auch. Aber lieber laufen als hier fo stilleftehn." 18. Kapitel. Draußen unter bem Gezweig ber alten ßinben standen mehrere Kaleschwagen, aber ber bes Superintcnbenten fehlte noaj, weil Koseleger eine viel längere Sitzung erwartet unb baraufhin seinen Wagen erst zu zehn Uhr bestellt hatte. Bis bahin war noch eine hübsche Zeit; ber Superintendent indessen schien nicht unzufrieden darüber, unb feines Amts- brubers Arm nehmenb, sagte er: „Lieber Lorenzen, ich muß mich, wie Sie sehe», bei Ihnen zu Gaste laben. Als Unverheirateter werde» Sie, fo hoffe ich, über bie Störung leicht Hinwegkommen. Die Ehe bebeutet in ber Regel Segen, wenigstens an Umbern, aber bie Nichtehe hat auch ihre Segnungen. Unsere guten Frauen entschlagen sich bieser Einsicht, und dieser unbedingte Glauben an sich unb ihre Wichtigkeit hat oft was Rührendes." Lorenzen, ber sich — bet voller Würdigung der Gaben seines ihm vorgesetzten unb zugleich gern einen spöttischen Ton anschlagenden Amts- brubers — im allgemeinen nicht viel aus ihm machte, war diesmal mit allem einverstanden und nickte, während sie, schräg über den Platz fort, auf die Pfarre zuschritten. „Ja, diese Eindildungenl" fuhr Koseleger fort, zu dessen Lieblings- gesprochen dieses Thema gehörte. „Gewiß ist es richtig, daß wir samt und sonders von Einbildungen leben, aber für die Frauen ist es das tägliche Brot Sie malträtieren ihren Mann und sprechen dabei von Liebe, sie werden malträtiert und sprechen erst recht von Liebe; sie sehen alles so, wie sie's sehen wollen, und vor allem haben sie ein Talent, sich mit Tugenden auszurüsten (erlassen Sie mir, diese Tugenden aufzuzählen), die sie durchaus nicht besitzen. Unter diesen meist nur in der Vorstellung existierenden Tugenden befindet sich auch die der Gastlichkeit, wenigstens Hierlandes. Und nun gar unsre Pfarrmutterl Eine jede hält sich für die heilige Elisabeth mit den bekannten Broten im Korb. Haben Sie übrigens das Bild auf der Wartburg gesehen? Unter allen Schwindschen Sachen steht es mir so ziemlich obenan. Und in Wahrheit, um auf unsere Psarrmütter zurückzukommen, liegt es doch so, daß ich mich bei pastor- lichen Junggesellen immer am besten aufgehoben gefühlt habe." Lorenzen lackte: „Wenn Sie nur heute nicht widerlegt werden, Herr Superintendent." „Ganz undenkbar, lieber Lorenzen. Ich bin noch nicht lange in dieser Gegend, in meinem guten Quaden-Hennersdorf da drüben, aber wenn auch nicht lange, so doch lange genug, um zu wissen, wie's hier herum aussieht. Und Ihr Renommee ... Sie sollen so was von einem Feinschmecker an sich haben. Kann ich mir übrigens denken. Sie sind Aesthe- tikus, und das ist man nicht ungestraft, am wenigsten in bezug aus die Zunge. Ja, das Aesthetische. Für manchen ist es ein Unglück. Ich weiß davon. Das Haus hier vor uns ist wohl Ihr Schulhaus? Weißgestrichen und kein Fetzchen Gardine, das ist immer ne preußische Schule. So wird bei uns die Volksseele für das, was schön ist, großgezogen. Aber es kommt auch was dabei heraus! Mitunter wundert’s mich nur, daß sie die Bauten aus der Zeit Friedrich Wilhelms I. nicht besser konservieren. Eigentlich war das doch das Ideal. Graue Wand, hundert Löcher drin und unten ein großes Hauptloch. Und natürlich ein Schilderhaus daneben. Letzteres das Wichtigste. Schade, daß so was verloren geht. Uebrigens rettet hier der grüne Staketenzaun das Ganze ... Wie heißt doch der Lehrer?" „Krippenstapel." „Richtig, Krippenstapel. Katzler nannte ihn ja während der Sitzung mit einer Art Aplomb. Ich erinnere mich noch, wie mir der Name wohltat, als ich ihn das erstemal hörte. So heißt nicht jeder. Wie kommen Sie mit dem Manne aus?" „Sehr gut, Herr Superintendent." „Freut mich aufrichtig. Aber es muß ein Kunststück sein. Er hat ein Gesicht wie ne Eule. Dabei so was Steifleinenes und zugleich Selbstbewußtes. Der richtige Lehrer. Meiner in Quaden-Hennersdorf war ebenso. Aber er läßt nun fchon ein bißchen nach." Unter diesen Worten waren sie bis an die Pfarre gekommen, in der man, ohne daß ein Bote vorausgeschickt worden wäre, doch schon wußte, daß der Herr Superintendent mit erscheinen würde. Nun war er da. Nur wenige Minuten waren seit dem Ausbruch vom Krug her vergangen, die trotz Kürze für Frau Kulicke (eine Lehrerswitwe, die Lorenzen die Wirtschaft führte) ausgereicht hatten, alles in Schick und Ordnung zu bringen. Auf dem länglichen Hausflur, an dessen äußerstem Ende man gleich beim Eintreten in die blinkblanke Küche sah, brannten ein paar helle Paraffinkerzen, während rechts daneben, in'der offen- stehenden Studierstube, eine große Lampe mit grünem Bilderschirm ein gedämpftes Licht gab. Lorenzen schob den Sofatisch, darauf Zeitungen hoch aufges.sichtet logen, ein wenig zurück und bat Koseleger, Platz zu nehmen. Aber dieser, eben fetzt das große Bild bemerkend, das in beinahe reicher Umrahmung über dem Sofa hing, nahm den ihm an- gebotenen Platz nicht gleich ein, sondern sagte, sich über den Tisch vorbeugend: „Ah, gratuliere, Lorenzen. Kreuzabnahme; Rubens. Das ist ja ein wunderschöner Stich. Oder eigentlich Aquatinta. Dergleichen wird hier wohl im fiebenmeiligen Umkreis nicht oft betroffen werden, nicht einmal in dem etwas heroufgepufften Rheinsberg; in Rheinsberg war man für Watteausche Reifrockdamen auf einer Schaukel, aber nicht für Kreuzabnahmen und dergleichen. Und stammt auch sicher nicht aus dem sogenannten Schloß Ihres liebenswürdigen alten Herrn drüben, Riesenkate mit Glaskugel davor. Ach, wenn ich die Glaskugeln sehe. Und daneben das hier! Wissen Sie, Lorenzen, das Bild hier ruft mir eine schöne Stunde meines Lebens zurück, einen Reisetag, wo ich mit Großfürstin Wera vom Haag aus in Antwerpen war. Da sah ich das Bild in der Kathedrale. Waren Sie da?" Lorenzen verneinte. „Das wäre was für Sie. Dieser Rubens im Original, in seiner Farbenallgewalt. Es heißt immer, daß er nur Flamänderinnen hätte malen können. Nun, das wäre wohl auch noch nicht das Schlimmste gewesen Aber er konnte mehr. Sehen Sie den Christus. Wohl jedem, der draußen war, und zu dem die WeU mal in andern Zungen redete! Hier blüht der Bilderbogen, Türke links, Russe rechts. Ach, Lorenzen, es ist traurig, hier versauern zu müssen." Als er so gesprochen, ließ er sich, vor sich hinstarrend, in die Sofaecke nieder, ganz wie in andre Zeiten verloren, und sah erst wieder auf, als ein junges Ding ins Zimmer trat, groß und schlank und blond, und dem Pastor verlegen und errötend etroas zuflüsterte. „Meine gute Frau Kulicke", sagte Lorenzen, „läßt eben fragen, ob wir unfern Imbiß im Nebenzimmer nehmen wollen? Ich möchte beinahe glauben, es ist das beste, wir bleiben hier. Es heißt zwar, ein Eßzimmer müsse kalt sein. Nun, das hätten wir nebenan. Ich persönlich finde jedoch dos Temperierte besser. Aber ich bitte, bestimmen zu wollen, Herr Superintendent." „Temperiert. Mir aus der Seele gesprochen. Also wir bleiben, wo mir sind ... Aber sagen Sie mir, Lorenzen, wer war das entzückende Geschöpf? Wie ein Bild von Knaus. Halb Prinzeß, halb Rotkäppchen. Wie alt ist sie denn?" „Siebzehn. Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke." „Siebzehn. Ach, Lorenzen, wie Sie zu beneiden sind. Immer solche ' nschenblüte zu sehn. Und siebzehn, sagen Sie. Ja, das ist das Eigent- <;i. Sechzehn hat noch ein bißchen von der Eierschale, noch ein bißchen den Cinsegnungscharakter, und achtzehn ist schon wieder alltäglich. Achtzehn kann jeder sein. Aber siebzehn. Ein wunderbarer Miitelzustaick. Und wie heißt sie?" „Elfriede." „Auch das noch." Lorenzen wiegte den Kopf und lächelte. Ja Sie lächeln, Lorenzen, und wissen nicht, wie gut öte s haben m dieser Ihrer Waldpfarre. Was ich hier sehe, heimelt mich an, das ganze Dorf alles. Wenn ich mir da beispielsweise den Tisch wieder vergegenwärtige, dran wir, drüben im Krug, vor einer halben Stunde gesessen haben, an der linken Seite dieser Krippenstapel (er fei rote er fei) unb an der rechten Seite dieser Rolf Krake. Das sind ja doch lauter ©roßen. Denn das Groteske hat eben auch [eine Größen und nicht die schlechtesten. Und dazu dieser Katzler mit feiner Ermyntrud. All das haben Sie dicht um sich her und dazu dies Kind, diese Elfriede, die hoffentlich nicht Kulicke heißt, — sonst bricht freilich mein ganzes Begeisterungsgebaube wieder zusammen. Und nun nehmen Sie mich, Ihren Superintendenten, das große Kirchenlicht dieser Gegenden. Alles nackte Prosa, widerhaarige Kollegen und Amtsbrüder, die mir nicht verzeihen können, daß ich im Haag war und mit einer Großfürstin über Land fahren konnte. Glauben Sie mir, Großfürstinnen, selbst wenn sie Mängel haben (und sie haben Mängel), sind mir immer noch lieber als das Landesgewächs von Ouaden- Hennersdors, und mitunter ist mir zumut, als gäbe es keine Weltordnung mehr." „Aber Herr Superintendent ..." , Ja, Lorenzen, Sie setzen ein überraschtes Gesicht auf und wundern sich, daß einer, für den die hohe Klerisei fo viel getan und ihn zum Superintendenten in der gesegneten Mittelmark und der noch gesegneteren Grafschaft Ruppin gemacht hat, — Sie wundern sich, daß solch zehnmal Glücklicher solchen Hochverrat redet. Aber bin ich ein Glücklicher? Ich bin ein Unglücklicher . ■." „Aber Herr Superintendent ..." „... Und möchte, daß ich eine Hundertundfünfzig-Seelen-Gememde hätte, sagen wir auf dem .toten Mann' oder in der Tuchler Heide. Sehen Sie, dann wär es vorbei, dann wühl ich bestimmt: ,bu bist in den Skat gelegt'. Und das kann unter Umständen ein Trost fein. Die Leute, die Schiffbruch gelitten und nun in einer Isolierzelle sitzen und Tuten kleben oder Wolle zupfen, das sind nicht die Unglücklichsten. Unglücklich sind immer bloß die Halben. Und als einen solchen habe ich die Ehre mich Ihnen vorzustellen. Ich bin ein Halber, vielleicht sogar in dem, worauf es ankommt; aber lassen wir das, ich will hier nur vom allgemein Menschlichen sprechen. Und daß ich auch in diesem Menschlichen ein Halber bin, das quält mich, lieber das andre käm ich vielleicht weg." Lorenzens Augen wurden immer größer. „Sehen Sie, da war ich also — verzeihen Sie, daß ich immer wieder daraus zurückkomme — da war ich also mit siebenundzwanzig im Haag und kam in die vornehme Welt, die da zu Hause ist. Und da war ich denn heut in Amsterdam und morgen in Scheveningen und den dritten Tag in Gent ober in Brügge. Brügge, Reliquienschrein, Hans Memlmg — so was müßten Sie sehn. Was sollen uns diese ewigen Markgrafen ober gar die faule Grete? Mancher, ich weih wohl, ist fürs härene Gewand oder zum Eremiten geboren. Ich nicht. Ich bin von der andern Seite; meine Seele hängt am Geben und Schönheit. Und nun spricht da draußen all dergleichen zu einem, und man tränkt sich damit und hat einen Ehrgeiz, nicht einen kindischen, sondern einen echten, der höher hinauf will, weil man da wirken und schaffen kann, für sich gewiß, aber auch für andre. Danach dürftet einen. Und nun kommt der Becher, der diesen Durst stillen soll. Und dieser Becher heißt Quaden-Hennersdorf- Das Dorf, das mich umgibt, ist ein großes Bauerndorf, aufgefteifte Leute, geschwollen und hartherzig, und natürlich so trocken und trivial, wie die Leute hier alle sind. Und noch stolz darauf. Ach, Lorenzen, immer wieder, rote beneide ich Sie!" Während Koseleger noch so sprach, erschien Frau Kulicke. Sie schob die Zeitungen zurück, um zwei Kuverts legen zu können, und nun brachte sie den Rotwein und ein Kabarett mit Brötchen. In dünn- geschliffene große Gläser schenkte Lorenzen ein, und die beiden Amtsbrüder stießen an „auf bessere Zeiten". Aber sie dachten sich sehr Der- schiedenes dabei, weil sich der eine nur mit sich, der andre nur mit andern beschäftigte. „Wir könnten, glaub ich", sagte Lorenzen, „neben den .besseren Zeiten' noch dies und das leben lassen. Zunächst Ihr Wohl, Herr Superintendent. Und zum zweiten auf das Wohl unsers guten alten Stechlin, der uns doch heute zusammengeführt. Ob wir ihn durchbringen? Katzler tat fo sicher und Kluckhuhn und Krippenstapel nun schon ganz gewiß. Aber ich habe ttotzdem Zweifel. Die Konservativen — ich kann kaum sagen .unsere Parteigenossen', ober doch nur in sehr bedingtem Sinne — die Konservativen sind in sich gespalten. Es gibt ihrer viele, denen unser alter Stechlin um ein gut Teil zu flau ist. .Fortiter in re, suaviter in modo’, hat neulich einer, der sich auf Bildung ausfpielt, von bem Alten gesagt, und von .suaviter1, wenn auch nur ,in modo', wollen alle diese Herren nichts wissen. Unter diesen Ultras ist natürlich auch Gundermann auf Siebenmühlen, der Ihnen vielleicht bekannt geworden ist ..." „Versteht sich. War neulich bei mir. Ein Mann von drei Redensarten, von denen die zwei besten aus der Wassermüllersphäre genommen sind." „Nun, dieser Gundermann, wie immer die Dummen, ist zugleich Intrigant, und während er vorgibt, für unfern guten alten Stechlin zu werben, tropft er den Leuten Gift ins Ohr und erzählt ihnen, daß der Alte fenil sei und keinen Schneid habe. Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid als sieben Gundermanns. Gundermann ist ein Bourgeois und ein Parvenü, also fo ziemlich das Schlechteste, was einer fein kann. Ich bin schon zufrieden, wenn dieser Jämmerling unterliegt. Aber um den Alten bin ich besorgt. Ich kann nur wiederholen: es liegt nicht so günstig für ihn, wie die Gegend hier sich einbilbet. Denn auf bas arme Volk ist kein Verlaß. Ein Versprechen unb ein Kornus, unb alles schnappt ab." (Fortsetzung folgt.) Die Liebe auf -em Lande. Von Jakob Michael Reinhold Lenz. Ein schlechtgenährter Kandidat Der oftmals einen Fehltritt tat Und den verbotnen Liebestrieb In lauten Predigten verschrieb, Kehrte einst beim Pfarrer ein. Den Sonntag sein Gehils zu sein. Der hat ein Kind, zwar still und bleich, Von Kummer krank, doch Engeln gleich. — Sie hielt im halberloschnen Blick Noch Flammen ohne Maß zurück; Als itzt in Andacht eingehüllt. Schön wie ein marmorn cheil'genbild. — War nicht umsonst so still und schwach, Verlassene Liebe trug sie nach. In ihrer kleinen Kammer hoch Sie stets an der Erinnerung sog; An ihrem Brotschrank an der Wand Er immer, immer vor ihr stand, Und wenn ein Schlas sie übernahm, Im Traum er immer wieder kam. Für ihn sie noch das Härlein stutzt. Sich, wenn sie ganz allein ist, putzt, All ihre Schürzen anprobiert Und ihre schönen Lätzchen schnürt. Und vor dem Spiegel nur allein Verlangt, er soll ihr Schmeichler sein. Kam aber etwas Fremd's ins Haus, Tat sie sich schlecht und häuslich aus. Denn immer, immer, immer doch Schwebt ihr das Bild an Wänden noch Von einem Menschen, welcher kam Und ihr als Kind das Herze nahm. Fast ausgelöscht ist sein Gesicht, Doch seiner Worte Kraft noch nicht Und jener Stunden Seligkeit Und jener Träume Wirklichkeit, Die, angeboren jedermann. Kein Mensch sich wirklich machen kann. Ach, Männer, Männer, seid nicht stolz. Als wärt nur ihr das grüne Holz. Der Weiber Güt' und Duldsamkeit Ist grenzenlos wie Ewigkeit. Stimme des Ostens. Von Erich Langen buche r. Grenzwacht im Osten zu fein war seit Jahrhunderten die Aufgabe der Menschen, die Ostpreußen ihre Heimat nennen. Im Buck der Geschichte schrieben sie sich ein stolzes Kapitel; heute noch stehen die Burgen der deutschen Ritter, Zeichen großer Zeit, achtunggebietend und schön die Städte, die die Bürger des Landes erbauten. Preußens Schicksale sind ewig mit denen Ostpreußens verbunden, voll Not blickte Deutschland nach dem Osten, als im großen Krieg die Grenzen bedroht waren, befreit war das Gedenken an dieses Land, als der Feind aus ihm gewichen war. Sehnsuchtsvoll ist die Stimme der Menschen wie das Lied Agnes Miegels, der größten lebenden Dichterin des Ostens, „lieber der Weichsel drüben, Vaterland, höre mich an", es ist heute noch heilige ernste Bitte, wie damals, als es in einer Stunde schwerster Gefahr zum erstenmal gesprochen worden ist. Das Werden und das Geschehen, das mit dem Namen Ostpreußen immer verknüpft sein wird, verpflichtet. So sind die Stimmen der Dichter, die sich für das Land erheben, immer mächtig gewesen im Chor der Dichtung um die Heimat. Es wären viele Namen zu nennen, wollten wir sie alle erfassen. Simon Dachs „Aennchen von Tharau" ist heute ebenso wenig vergessen, wie es die Lieder Agnes Miegels find. Heute schon wissen wir, daß ihr Werk zum Bestand deutscher Dichtung gehören wird lwß sie Besitz des Volkes geworden sind, die Dichtungen einer Frau, die i*' Heimat und deren Geschichte Hebt, die die Brücke schlägt von der Vergangenheit in die Gegenwart des neuen Reiches. Agnes Miege! ist letzt achtundfünfzig Jahre alt, 1879 wurde sie in der Stadt, in der sie heute noch lebt, geboren. Vielgestaltig das Erbe, das in ihr wirkt: Von Friesland kamen die Vorfahren, andere vom Schwarzwald, die Mutter war ein Kind von Salzburger Protestanten, die Friedrich Wilhelm I. in Ostpreußen ansiedelte. Frühe schon entstanden ihre ersten Lieder, durch Jahrzehnte diente sie dem Werk, das heute vor uns liegt, mit immer gleicher Demut. 1936 ehrte sie das neue Reich mit der Verleihung des zum erstenmal verliehenen Herder-Preises, die NS.-Kulturgemeinde stiftete zu ihrem Geburtstag eine Agnes-Miegel-Plakette. Drei Kreise bildet ihr Werk: die Geschichte, die Menschen und die Landschaft Ostpreußens. Es würde zu weit führen, alle näher zu beschreiben, genannt seien einige wenige: die „Gesammelten Gedichte" (wie alle Bücher bei Eugen Diederichs), eine Gesamtausgabe ihrer Balladen und Gedichte, die durch den Band „Deutsche Balladen" ergänzt werden, neu hinzugekommen ist der Band „Herbstgesang", ein Buch, wurzelnd in der Gegenwart mit dem heldischen Glauben an die Zukunft. Dichterisch ebenso schön sind die Prosawerke der Dichterin, so die „Alt- preußischen Geschichten", in denen sie die Schicksale aus ostpreußischer Geschichte gestaltet, das Heldenlied von der „Fahrt der sieben Ordensbrüder" steigt vor uns aus wie ein Mythus des ostpreußischen Landes, von Kindheit und Jugend erzählt sie in dem Bändchen „Unter hellem Himmel", einen Höhepunkt ihres Schaffens bilden die Erzählungen „Gang in die Dämmerung." Ihr Werk ist das große Bekenntnis Ostpreußens zum Reich, ift der Rus zur Ausgabe der Landschaft und der Menschen für das Reich, ist Mythus und Verkündigung, Glauben an das Heldenlied der Treue. ♦ Ganz der ostpreußischen Landschaft, aus der seine Menschen herauswachsen, verschrieb sich der junge Ottfried Graf Fincken st ein. Sein Werk ist noch schmal, aber es wiegt schon schwer. Auch er ist ein Kind Ostpreußens: in der alten Ordensburg Schönberg, nahe Marienwerder, geboren, wuchs er auf zwischen Seen und Wäldern fern den Städten. Sechzehnjährig meldet er sich freiwillig zum Kriegsdienst und kämpft im Südosten und an der Westfront. Reisen führen ihn in die Welt, mächtiger aber ist das Gesetz des Blutes, das ihn zur Heimat zurllckführt, der er in (einem Werke bient, schaffend „aus dem Glauben an die Landschaft und ihre schöpferische formbildende Kraft für Volk und Menschen". Aushorchen ließ er durch ein Bändchen in der „Deutschen Reihe", „Fünf Männer am Brunnen", einer Erzählung aus dem Alltag, die aber so unmittelbar und stark anspricht, wie wir es selten vorher erlebten. In dieser Geschichte besitzen wir eine Erzählung von der Arbeit, die trotz Not und Härten schön ist. Ottfried Graf Finckensteiu wird dem arbeitenden Menschen seiner Heimat in seinen Dichtungen einmaligen Ausdruck geben. Zu mächtiger Einheit wachsen Menschen und Landschaft zusammen in dem großen Roman „Fünfkirchen", der Name eines Dorfes, das sich vor uns ausbreitet als tätige, schaffende Lebensgemeinschaft. Sind es im Werk Agnes Miegels Vergangenheit und Geschichte des Landes, der Tag der Stadt, die uns begegnen und festhalten, so sind es in Finckensteins Werk die Menschen der Dörfer, der Bauer und der Arbeiter, die beide Diener sind an der Erde ihrer Heimat. Zwei neue Werke werden demnächst von Finckensteiu erscheinen, ein Novellenkreis „Das harte Frühjahr", Novellen vom Gesetz und Sinn des Lebens dieser Menschen, und die Erzählung „Der Kramchschrei", hier ist die hintergründige Landschaft der Seen und Wälder der Rahmen, in dem der Kamps dreier Menschen ausgefochten wird. Finckensteiu ist ein Dichter, der die große Tradition der schöpferischen Menschen Ostpreußens aufgreift und sie weitersühren wird. Ein Forsthaus, wie es in den weiten Wäldern Ostpreußens wohl viele geben mag, ist das Heimathaus des Dichters Ernst Wiechert. Zwischen „sehr vielen Tieren" und „unermeßlichen Wäldern" wuchs der Knabe auf in Verhältnissen, die nicht gut genannt werden können. Trotzdem war diese Jugend reich, sie hatte ja den ganzen Schatz des Waldes und alles, was in ihm webte, für sich. Das Land — der Wald und die Seen, die Felder und die Dörfer — wurden fo des Dichters ureigenstes ßebenselement, aus dem alle feine Werke tarnen. — Ernst Wiechert war vor dem Erscheinen seines Buches „Die Magd des Jürgen Doskocil" nicht das, was man hätte einen bekannten Dichter nennen können, obgleich eine Anzahl Arbeiten von ihm vorlag, fo die Novelle „Die Flucht", die sieben Novellen „Die Flöte des Pan", das Kriegsbuch „Jedermann" — Geschichte eines Namenlosen, der Roman „Der Toteuwols" und der Roman, der den Titel des Jugeuderlebens trägt „Der Wald". Das änderte sich mit einem Schlag, als „Die Magd des Jürgen Doskocil" im Herbst 1932 herauskam und gleichzeitig mit dem erstmals verteilten Volkspreis der Raabestiftung ausgezeichnet wurde. Der Knecht Doskocil und feine Magd und spätere Frau sind stpreuhische Menschen, hart, karg, schweigsam, mit einem Hang zum Grübeln und Besinnlichen. Aber es waren nicht allein die Menschen, die in diesem Werk fesselten, es war die Landschaft, die in ihm lebte und der er nun in seinen Jugenderinnerungen „Wäldev und Menschen" das schönste Denkmal setzte, die jetzt nach den Äücheru „Die Majorin" und der „Hirtenuovelle" erschienen. Eine Dichterin Ostpreußens ist noch zu nennen, die hier nicht vergessen werden darf: Johanna Wolff. Obgleich sie schon lange fern der Heimat lebt, der ihr Sehnen gilt. Ihre Erinnerungsbücher aus Ostpreußen sind die schönsten Zeugnisse, der schönste Dank an diese Heimat. Wer sich einmal nur mit dem Mädchen Hanneken beschäftigte, wird dieses Mädchen nicht mehr vergessen! Ein Buch von Arbeit und Aufstieg nennt sie den ersten Teil „Das Hanneken", wir finden das Mädchen, barfüßig, arm, mit einer großen Sehnsucht im Herzen und vielen Wünschen des Kindes, die ihm alle nicht erfüllt werden. In Ostpreußens Dörfern lebt Hanneken, trauert um den Vater und hilft der Mutter. „Hannekens große Fahrt" führt dann das Mädchen aus der engeren Heimat hinaus ins große Vaterland. Einen Mann ihrer Heimat versucht sie in dem Roman eines deutschen Schicksals „Andreas Vertaten" zu gestalten. Ihre Gedichte gehören in den gleichen Kreis wie ihre Prosawerke. Zwei Bände nur seien genannt, die Sammlung „Du schönes Leben" und „Lebendige Spur". Auch jetzt noch, wo die Dichterin im Süden, außerhalb ihres Vaterlandes lebt, ist Ostpreußen das Ziel ihres Denkens, die Quelle ihres dichterischen Schaffens. Zwei junge Dichter führen aus dem Osten ins Reich und schlagen die Brücke zur Gemeinschaft der Schaffenden. Herybert Menzel, dessen Heimatstadt Tirschtiegel hart an der Grenze liegt, schrieb (eine Bücher und Gedichte dem Volk an der Grenze. Die Balladen, Sagen und Erzählungen „Der Grenzmarkrappe" greifen ebenso in den deutschen Osten wie sie die dort Lebenden hineinweisen in die Gaue der Heimat, sein Roman „Umstrittene Erde" kündet in feiner knappen, erzählenden Form von der Kraft der Liebe zur Heimat, die mächtig genug ift, um Not und Gefahr zu ertragen. Seine Gedichte entsprangen dem Kampferlebnis des jungen Deutschland, wie die Lieder Herbert Böhmes. Heute noch überwiegen bei beiden die Lieder, die sie ihren Kameraden schenkten. Dazwischen aber schon finden wir viele unvergleichliche Gedichte an die Heimat Im Osten, die aus der Not der Stadt erwuchsen, die das Heimweh nach den Menschen und der Erde dieser Heimat schufen. nicht viel verantwortlich Dr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Univerlitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Giebea. klein und reparatur- die Stadt, in der ich Heimkehr in die Jugend. Von Per Schwenzen. bin älter ... r .., _ Und geht die Treppe hinan. Das Treppenhaus ist frisch gemalt. Der Pinsel ging über die gekreuzten Schwerter hinweg, die Wilhelm und ich in die Wand kratzten, als wir an meinem zwölften Geburtstag unser Blut zu unverbrüchlicher Treue mischten. Drei Jahre darauf stahl Wilhelm meine Skier und schrieb mir später aus Afrika, er habe sie verkauft, um die ersten Zehrpfennige für ein Wanderer- und Abenteurerleben zu beschaffen, er habe genug in Büchern gelesen, er wolle ein Tramp werden, und ich möge ihm verzeihen. Ich habe ihm verziehen und ihn ben-ibet. Später hat mir eine Dame, die aus dieser Kleinstadt nach Alerm - len heiratete, berichtet, daß sie ihn abgerissen und elend in Kairo wieder- Jch°ösfm'ben alten Bücherschrank. Da hat die gute Mutter alle Hefte und Bücher, Dokumente und Waffen meiner Jugend verstaut. Da liegt der Zündplätzchenrevolver, mit dem ich gefangengenommene Häuptlinge erschoß und den Startschuß zum Prüfungssprint für die Kandidaten des „Atlantic" gab. Da liegen die mühevollen Uebungsheste, Ringkamps mit der Hydra der Wissenschaften, begonnen im sechsten Jahr meines Erdenwallens, Ausgang ewig ungewiß. „Der Storch hat lange Beine. Damit geht er im Salat. Und Frösche, er ißt sie." Liebe, ungelenke Zeilen, zwanzig Jahre und mehr vergingen, aber jetzt geht ihr den nie gehofften Weg in die Oeffentlichkeitl Da liegen die Versdramen des Tertianers, die Liebesbriefe des Sekundaners, es liegen die tausendjährigen Familien- photoqraphien: Mutter und Vater, das Aufgebot der Tanten und Onkels in greisenhaft wirkenden Röcken und Hüten, Bärten und Turnüren, mit lieben, jungen Gesichtern. Eine Botanisiertrommel ist da. Ich öffne sie. Ein Schmetterling. Ich blase ihn an, und er zerweht zu Staub ... bis zur Badewanne, dampfenden Wasser- es: — So sehe i ch jetzt aus ... in eine Stadt, die unsere Kindheit spiegel untere Flotte schwamm, und die uns nun bedürftig von unten anblickt. So ungefähr empfing mich vor ein paar Tagen . meine erlle Schulzeit verlebt hatte. In meiner Erinnerung stand sie großartig wie die Burg der Burgunden, alle Straßen waren geheimnisvolle Kriegspfade gewesen, die Kartosfelkeller im Johannisviertel waren geheime Versämmlungsplätze des schwarzen Gerichtes, in denen nichtsahnende Strebertugend zu" martialischen Strafen verurteilt wurde. So wurde ein verräterischer Quintaner dazu verurteilt, mit einer Zweigroschenrolle Bindfaden umwickelt, zwanzig Minuten im Bach zu liegen. Er bekam einen Schnupfen und wir drei Stunden Karzer. Da lagen nun die Heerstraßen unserer Kriegszüge und sahen nach gemeinem Kopfpflaster aus, da waren alle die Stützpunkte unserer Ver- Wie jung man einmal war und wie alt man eigentlich ist, läßt sich nur in wenigen Augenblicken der Erschütterung erleben. Zeit ist wie die Fläche des Meeres, die jede Streckenschätzung des Auges täuscht. Nur hin und wieder, wenn ein Segel leuchtet, eine schreckliche Klippe starrt, ein Windstoß dunkle Furchen zieht, ermessen wir Abstände. Nur wenn ein Weggenosse aus der Reihe sank, wenn wir vor einem Grabhügel plötzlich begreifen, daß der fröhliche Jargon des Lebens, blankes Lachen und Händedruck, nicht über die Erde reichten — befallt uns kindliches Befremden, und wir haben das beklemmende Gefühl, bald eine neue Sprache lernen zu müssen ... Mitunter treffen wir einen Freund, den wir lange Jahre nicht sahen, neugierig forschen wir in seinem Gesicht, finden Bekanntes wieder, entdecken völlig neue Lebensfurchen und Schicksalslinien, denken: Ach, so siehst du jetzt aus — und plötzlich, mit untrüglicher Sicherheit, spiegeln wir uns in seinen Augen und wissen rr~ s~'~~ * "a'1 Mitunter kommen wir vielleicht ... ----- ------- , . . beherbergte oder sonst eine wichtige Station unseres Bebens war. Wir gehen verwundert durch die Straßen, die damals viel abenteuerlicher und steiler waren, der Löwe vor dem Rathaus ist zusammengeschrumpst, die Welt scheint kleiner geworden, vom Kirchturm " ---------* in die wir mit Mühe tjineintietterten, auf deren keidlgungen, Vorgärten und Hausflure-, diesen Kanaldeckel hat e ich einst aeaen dreifache Uebermacht gehalten. Und rote phantasielos steht das alles heute aus, wie die schlechte Kopie eine- himmlischen Kunstwerkes . Ist diese Stadt eingeschrumpft? Prospekte und Artikel sagen, siesei gewachsen. Televbon-cellen sind aus dem Pflaster gesprossen, die drei alten Benz- waqen bü> seit Menschengebenken vor bem Bahnhof stauben, haben Junge Miegt die Linie 7 der Straßenbahn heißt jetzt Linie 9. Das .st doch immerhin Fortschritt? Ah, ich erinnere mich der aufgeregten Freude, die mir eine Fahrt auf dem Vorderperron der Lime 7 bedeutete! Den Frankfurter Berg hinunter und vor allem bei Regenwetter Möglichst dicht beim Schaffner. Die Tropfen prasselten M rascher Abfahrt m mem Gesicht und erhöhten das Glücksgefühl rasender Geschwindigkeit. Und dann kurz vor der Kurve, wo an einem Draht Über die Straße ein rundes Blechschild mit einem „H" hing, Urzelle aller Verkehrsampeln kreischten die Bremsen, der tollkühne Schaffner spielte mit unser aller Leben allem das Schild warnte, und langsam entließ er den Wagen aus Bremsenhaft in schnell und schneller werdender Talfahrt. Diese Fahrten waren damals für mich der Superlativ aller Geschwindigkeit. Ich sehe sie wieder, die alte, gelbe Linie 7 alias 9. ...,. Ach Himmel, dieser langsam heranlärmende Wagen, diese vorsichtig bergab rutschende Tram, ist das elektrische Sturmgefährt meiner Jugend? Bin ich selbst etwa schneller geworden? Schlug das Knabenherz nicht rascher, rannte man nicht hinter jedem Hunde drem atmete man nicht den halben Tag mit aufgeregt aufgesperrtem Mund? Nein, wir sind langsamer geworden, wir sitzen in Auto und Flugzeug, wir rasen bedächtigen Herzens hinter donnernden Motoren durch die Welt, aber wir sind aus dem Rhythmus der Körpergeschwindigkeit gefallen und von Kindern und Hunden durch eine weltanschauliche Kluft getrennt! . Ich ging den Frankfurter Berg zu Fuß hmab, ich verlor , Zeit dabei. Und sah die lieben Läden wieder, die Gummitorten der Frau Poliqkeit, den dunklen Papierlaben von Bunsenbahi, wo wir die Oktav- bestchen, Stundenpläne und Abziehbilder von märchenhafter Schönheit erstanden Hier um die Ecke wohnte der Sohn des reichen Hollanders van Keerel. Er fuhr unvorsichtigerweise mit seinem Ziegengespann durch unser Hoheitsgebiet, wurde vom Bock gehoben und mußte im Hof bei Zacharias Pabst Stecken zuschneiden, während unser Generalkommando eine Spritztour unternahm. . Und dort oben, hinter dem schmalen Fenster in Nummer 18, gründeten mir den Verein „Atlantic". Mitglied konnte werden, wer das dreizehnte Lebensjahr vollendet hatte, ein selbstverfaßtes Gedicht einreichte und die hundert Meter unter vierzehn Sekunden lief. Es war dies die physische und geistige Elite des Viertels und die erste saftige Schmockerei mit der ich mich je geschmückt habe. Ich weiß, daß mein Gedicht „Der Klabautermann" hieß und daß meine Zeit 1334 war. Immer tiefer, mit jedem Schritt auf diesem Pflaster der Erinnerung, gehe ich in meine Jugend hinein und wundere mich dabei, daß ich mich dessen so haarklein erinnere und daß ich eigentlich nicht mehr ergriffen bin Viele meiner damaligen Freunde sind tot. Viele habe ich auch wiedergetrofsen. Manche sind fast unverändert, bis auf Ausmaße und Bartwuchs, manche haben sich gänzlich von ihrer Jugend losgelost und sind das Gegenteil ihrer früheren Skizze. Zarte Gesichter sind weich oder grob verschwemmt, derbe, pralle Kindergesichter zu feinen, präzis gezeichneten Köpfen geworden. Ich traf sie in Berlin, in Hamburg, im Ausland wieder Ich versuche den Schicksalslinien meiner Freunde in Gedanken zu folgen, und komme immer wieder, wie auf Seitenwegen, die eine Heerstraße umflechten, zu mir und meinem eigenen Weg zurück. Hier stehe ich Stirn gegen Stirn mit meiner Jugend. Ich stehe wie in einem Zentrum und blicke auf mein Leben, das wie ein tonender, farbenmischender Kinderkreisel um meinen Kops summt. Das Summen wird leiser und leiser. Lärm und Scheingewinn des tagtäglichen Lebens fallen ins Wesenlose. Die wahren, die echten, die Forderungen und Ziele der Jugend stehen auf aus der Erde, auf der sie geträumt und beschworen wurden und fragen: Wie weit kamst du? — Und langsam geht man weiter und steht auf einmal vor einem Baum im Garten, vor einem alten Haus, vor dem Bild einer Mutter und fühlt nur dieses: Das Haus war größer, der Baum war mächtiger, das Bild war stärker, und ich Von der Grenzmark führt der Weg in den Südosten nach Schlesien in die Berge der Märchen und Sagen, in das Land fi.ernl“" Stehrs Sein Werk ist zu bekannt, als daß es hier eine nähere Deu- tuna erfahren müßte; eine Deutung, die auf geringem Raum überhaupt nicht mögllch ist' Schlesiens lebende Dichter traten em reiches Erbe an Hermann Stehr hat es sortgeführt zu einer Hohe, vor der wir heute staunend stehen. Es ist gleichgültig, welches seiner Bücher wir m die^and nehmen sei es der „Meister Cajetan" ober sein „Nathanael Moechler , der große Volksroman „Der Heiligenhos' und der Roman „Die Nachkommen" Alle diese Werke sind dichterische Erlebnisse Mensch und Landschaft darstellenb und mit weiser Ueberlegenheit deutend. Es ist schön zu wissen, daß gerade heute dort schon junge Kräfte beginnen mit ihrer Arbeit, junge Dichter die mit ihren ersten Arbeiten be wiesen haben, baß es sich lohnt aus sie zu achten. So schrieb Erwin P. Close seinen aufrüttelnben Roman „Dominium und «te f an Sturm den Roman des Arbeitsvienstes aus Schlesien ,^Mensch auf dem Amboß", dem demnächst ein neues Buch folgen wird, ^Zahlungen aus der schlesischen Heimat zulammensassenb. Erich H o l n k l s bient mit seinen Dichtungen seiner schlesischen^Heimat. Ein reifes, abgeschlossenes Werk bescherte den deutschen Lesern der Dichter Hans Christoph Kaerge l Berge und Taler, Bauern und Arbeiter sind der Inhalt dieser Bucher, so m dem Roman „Em Mann stellt sich dem Schicksal", auch er ist em Schlesier, fern „rotes Haus könnte überall in diesem Land stehen; dieses Haus ist arm. Aber- aus dieser Armut erwächst eine Gemeinschaft im Glauben an die Heimat und an das Volk. Zwei Romane sollen noch genannt sein: das „Be- kenntnisbuch einer schweren Jugend", „Des Heilands Zweites Gesicht und Heinrich Budschiak", ein Raman, über den Hermann Stehr schrieb. Du "sckmsst Heinrich Bubschigkh den Narren in Gott! Er ist Dir in seiner Lebenspfablosigkeit ..., seiner fteiligteit unb der Inbrunst feiner Frömmigkeit gelungen". Kaergels dramatische Arbeiten können in diesem Rahmen nicht behandelt werden, sein „Hockewanzel" ist allgemeiner Besitz des deutschen Theaters. Bor Ostern. Bon Hermann Claudius. Wenn die Erde im März wieder aufbricht, und du ihn witterst, jenen schweren, verhaltenen Duft an einem nebelverhangenen Morgen über den Acker hin, daß du stillstehst, als wärest du selber ein Kraut, das treiben (oll, als müßtest du selber Erde atmen — daß du wie trunken stehst: Wirf dich über den Acker und presse dein Herz an den Herzschlag der Erde und frohlocke: es ist Frühling geworden! Es ist wahrhaftig Frühling geworden.