SietzeimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 195Z______________________ Freitag, den 19. Februar Nummer H Der GiechSin Vornan von Theodor Kontane 8. Fortsetzung. Die kleine Rundliche geriet in eine momentane Verlegenheit, Czako selbst aber kam ihr mit großer Courtoisie zu Hilfe. „Lieber Stechlin", begann er, ,/ich beschwöre Sie um sechsundsechzig Schock sächsische Schuhzwecken, kommen Sie doch nicht mit solchen Kleinigkeiten, die man jetzt, glaub ich, Velleitäten nennt. Wenigstens hab ich bas Wort immer so übersetzt. Czako, Baczko, Baczko, Czako — wie kann man davon soviel Aufhebens machen. Name, wie Sie wissen, ist Schall und Rauch, siehe Goethe, und Sie werden sich doch nicht in Widerspruch mit d e m bringen wollen, Dazu reicht es denn doch am Ende nicht aus." „Hihi." „Außerdem, ein Mann wie Sie, der es trotz seines Liberalismus fertig bringt, immer seinen Adel bis wenigstens dritten Kreuzzug zurückzuführen, ein Mann wie Sie sollte mir doch diese kleine Verwechslung ehrlich gönnen. Denn dieser mir in den Schoß gefallene "Baczko, ... Gott sei Dank, daß auch unsereinen noch was in den Schoß fallen kann ..." „Hihi." „Denn dieser mir in den Schoß gefallene Baczko ist doch einfach eine Rang- und Standeserhöhung, ein richtiges Avancement. Die Baczkos reichen mindestens bis Huß oder Ziska, und wenn es vielleicht Ungarn sind, bis auf die Hunyadis zurück, während der erste wirkliche Czako noch keine zweihundert Jahre alt ist. Und von diesem ersten wirklichen Czako stammen wir doch natürlich ab. Erwägen Sie, bevor es nicht einen wirklichen Czako gab, also einen steifen grauen Filzhut mit Leder oder Blech beschlagen, eher kann es auch keinen .von Czako" gegeben haben; der Adel schreibt sich immer von solchen Dingen seiner Umgebung oder seines Metiers oder seiner Beschäftigung her. Wenn ich wirklich noch mal Lust verspüren sollte, mich standesgemäß zu verheiraten, so scheitre ich vielleicht an der Jugendlichkeit meines Adels und werde mich dann dieser Stunde wehmütig freundlich erinnern, die mich, wenn auch nur durch eine Namensverwechslung, auf einen kurzen Augenblick zu erhöhen trachtete." Woldemar, seiner Philisterei sich bewußt werdend, zog sich wieder zurück, während die Schmargendorf treuherzig sagte: „Sie glauben also wirklich, Herr von ... Herr Hauptmann ..., daß Sie von einem Czako herstammen?" „Soweit solch merkwürdiges Spiel der Natur überhaupt möglich ist, bin ich fest davon durchdrungen." In diesem Moment, nach abermaliger Passierung des Platzes mit der Glaskugel, erreichte das Paar die Bank unter dem Pflaumenbaumzweige. Die Schmargendorf hatte schon lange vorher nach zwei großen, dicht zusammensitzenden Pflaumen hinübergeblickt und sagte, während sie jetzt ihre Hand danach ausstreckte: „Nun wollen wir aber ein Vielliebchen essen, Herr Hauptmann; wo, wie hier, zwei zusammensitzen, da ist immer ein Vielliebchen." „Eine Definition, der ich mich durchaus anschließe. Aber, mein gnädigstes Fräulein, wenn ich vorschlagen dürfte, mit dieser herrlichen Gabe Gottes doch lieber bis zum Dessert zu warten. Das ist ja doch auch die eigentliche Zeit für Vielliebchen." „Nun, wie Sie wollen, Herr Hauptmann. Und ich werde diese zwei bis dahin für uns aufheben. Aber diese dritte hier, die nicht mehr so ganz dazu gehört, die werd ich essen. Ich esse so gern Pflaumen. Und Sie werden sie mir cm-b gönnen." „Alles, alles. Eine Welt." Es schien fast, als ob sich Czako noch weiter über dies Pflaumenthema, namentlich auch über die sich darin bergenden Wagnisse verbreiten wollte, kam aber nicht dazu, weil eben setzt ein D"'ner in weißen Vaumwollhandschuhen, augenscheinlich eine Gelegenheitsschöpfung, in der Hoftür sichtbar wurde. Dies war das mit der Domina verabredete Zeichen, daß der Tisch gedeckt fei. Die Schmargendorf, ebenfalls einge- weiht in diese zu raschen Entlchlüssen drängende Zeichensprache, bückte sich deshalb, um von einem der Gemüsebeete rasch noch ein großes Kohlblatt abzubrechen, auf das sie sorglich die beiden rotgetüpfelten Pflaumen legte. Gleich danach aber aufs neue des Hauptmanns Arm nehmend, schritt sie, unter Vorantritt der Domina, aus Hof und Flur und ganz zuletzt auf den Salon zu, der sich inzwischen in manchem Stücke verändert hatte, vor allem darin, daß neben dem Kamin eine zweite Konventualin stand, in dunkler Seide, mit Kopfschleifen und tiefliegenden, starren Kakaduaugen, die in das Wesen aller Dinge einzudringen schienen. „Ah. meine Liebste", sagte die Domina, auf diese zweite Konven- tualin zuschreitend, „es freut mich herzlich, daß Sie sich, trotz Migräne, noch herausgemacht haben; wir wären sonst ohne dritte Tischdame geblieben. Erlauben Sie mir vorzustellen: Herr von Rex, Herr von Czako ... Fräulein von Triglaff aus dem Hause Triglaff." Rex und Czako verbeugten sich, während Woldemar, dem sie keine Fremde mar, an die Konventualin herantrat, um ein Wort der Begrüßung an sie zu richten. Czako, die Triglaff unwillkürlich musternd, war sofort von einer ihn frappierenden Aehnlichkeit betroffen und flüsterte gleich danach dem sein Monokle wiederholentlich in Angriff nehmenden Rex leise zu: „Krippenstapel, weibliche Linie." Rex nickte. Während dieser Vorstellung hatte der im Hintergründe stehende Diener den oberen und unteren Türriegel mit einer gewissen Ostentativ» zurückgezogen; einen Augenblick noch, und beide Flügel zu dem neben dem Salon gelegenen Eßzimmer taten sich mit einer stillen Feierlichkeit auf. „Herr von Rex", sagte die Domina, „darf ich um Ihren Arm bitten?" Im Nu war Rex an ihrer Seite, und gleich danach traten alle drei Paare in den Nebenraum ein, auf dessen gastlicher und nicht ohne Geschick hergerichteter Tafel zwei Blumenvafen und zwei silberne Doppel- leuchier standen. Auch der Diener war schon in Aktion; er hatte sich inzwischen am Büfett in Front einer Meißner Suppenterrine aufgestellt, und indem er den Deckel (mit einem abgestoßenen Engel obenauf) ab- nahm, stieg der Wrasen wie Opferrauch in die Höhe. Achtes Kapitel. Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Verstimmliches ereignete, war, von alten Zeiten her, eine gute Wirtin und besaß neben anderm auch jene Direktoralaugen, die bei Disch so viel bedeuten; aber eine Gabe besaß sie nicht, die, das Gespräch, wie's in einem engsten Zirkel doch fein sollte, zusammenzusassen. So zerfiel denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut schweigsam, doch vorwiegend als Tafelornament wirkte Dies war die Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte nicht wohl anders sein. Die Triglaff, wie sich das bei Kakadugesichtern so häufig findet, verband in sich den Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit mit ganz ungewöhnlicher Umnachtung, und ein letzter Rest von Helle, der ihr vielleicht geblieben sein mochte, war ihr durch eine stupende Triglaffvorstellung schließlich doch auch noch abhanden gekommen. Eine direkte Deszendenz von dem gleichnamigen Wendengotte, etwa wie Czako von Czako, war freilich nicht nachzuweisen, aber doch auch nicht ausgeschlossen, und wenn dergleichen Überhaupt Vorkommen oder nach stiller Uebereinfunft auch nur allgemein angenommen werden konnte, so war nicht abzusehen, warum gerade s i e leer ausgehen oder auf solche Möglichkeiten verzichten sollte. Dieser hochgespannten, ganz im Speziellen sich bewegenden Adelsvorstellung entsprach denn auch das gereizte Gefühl, das sie gegen den Zweig des Hauses Thadden unterhielt, der sich, nach seinem pommerschen Gute Triglaff, Thadden-Triglaff nannte, — eine Zubenennung, die ihr, der einzig wirklichen Triglaff, einfach als ein Uebergriff oder doch mindestens als eine Beeinträchtigung erschien. Woldemar, der dies alles kannte, war dagegen gefeit und wußte seinerseits seit lange, wie zu verfahren sei, wenn ihm die Triglaff als Tischnachbarin zufiel. Er hatte sich für diesen Fall, der übrigens öfter eintrat als ihm lieb war, die Namen aller Konventualinnen auswendig gelernt, die während feiner Kinderzeit in Kloster Wutz gelebt hatten und von denen er recht gut wußte, daß sie seit lange tot waren. Er begann aber trotzdem regelmäßig seine Fragen so zu stellen, als ob das Dasein dieser längst Abgeschiedenen immer noch einer Möglichkeit unterläge. „Da war ja hier früher, mein gnädigstes Fräulein, eine Drachenhausen, Aurelie von Drachenhausen, und übersiedelte dann, wenn ich nicht irre, nach Kloster Zehdenick. Es würde mich lebhaft interessieren, in Erfahrung zu bringen, ob sie noch lebt ober ob sie vielleicht schon tot ist." Die Triglaff nickte. Czako, dieses Nicken beobachtend, sprach sich später gegen Rex dahin aus, daß das alles mit der Abstammung der Triglaff ganz natürlich Zusammenhänge. „Götzen nicken bloß." Um vieles lebendiger waren Rede und Gegenrede zwischen Tante Adelheid und dem Ministerialassessor, und das Gespräch beider, das nur sittliche Hebungsfragen berührte, hätte durchaus den Charakter einer gemütlichen, aber doch durch Ernst geweihten Synodalplauderei gehabt, wenn sich nicht die Gestalt des Rentmeisters Fix beständig eingedrängt hätte, dieses Dominaprotegss, von dem Rex, unter Zurückhaltung seiner wahren Meinung, immer aufs neue versicherte, ,chaß in diesem klösterlichen Beamten eine seltene Verquickung von Prinzipienstrenge mit Geschäftsgenie vorzuliegen scheine." Das waren die zwei Paare, die den linken Flügel beziehungsweise die Mitte des Tisches bildeten. Die beiden Hauptfiguren waren aber doch Czako und die Schmargendorf, die ganz nach rechts hin faßen, in Nähe der dicken Fenstergardinen aus Wollstoff, in deren Falten denn auch Oer Mutier. Don Georg Büchner*. Gebadet in des Meeres blauer Flut Erhebt aus purpurrotem Osten sich Das prächtig-strahlende Gestirn des Tags, Erweckt, gleich einem mächt'gen Zauberwort, Das Leben der entschlafenen Natur, Von der der Nebel wie ein Opferrauch Empor zum unermeßnen Aether steigt. Der Berge Zinnen brennen in dem ersten Strahl, Von welchem, wie vom flammenden Altar, Der Rauch des finstren Waldgebirges wallt — Und fernhin in des Ozeans Fluten weicht Die Nacht. So stieg auch uns ein schöner Tag Vom Aether, der noch oft mit frohem Strahl Im leichten Tanz der Horen grüßen mag Den frohen Kreis, der den Allmächt'gen heut Mit lautem Danke preist, da gnädig er Uns wieder feiern läßt den schönen Tag, Der uns die beste aller Mütter gab. Auch heute wieder in der üppigsten Gesundheit, Jugendfülle steht sie froh Im frohen Kreis der Kinder, denen sie Voll zarter Mutterlieb ihr Leben weiht. O! stieg' noch oft ihr holder Genius An diesem schönen Tag zu uns herab, Ihn schmückend mit dem holden Blumenpaar Der Kindesliebe und Zufriedenheit! — oleles glücklicherweise verklang. An die Suppe hatte sich ein Fisch und an diesen ein Linsenpüree mit gebackenem Schinken gereiht, und nun wurden gespickte Rebhuhnflügel in einer pikanten Soße di° Zugleich Küchengeheimnis der Domina war, herumgereicht. Czako, trotzdem er schon dem gebackenen Schinken erheblich zugesprochen Hatte nahm em zweites Mal auch noch von dem Rebhuhngericht und fühlte das Bedürfnis, dies zu motivieren. „Eine gesegnete Gegend, Ihre Grafschaft hier", begann er. „Aber freilich Heuer auch eine gesegnete Jahreszeit. Gestern abend be, Dubslav von Stechlin Krammetsoögelbruste, heute bei Adelheid von Stechlin Reb- huhnslu^et^s $.^en @ie DOr?« f^gte die Schmargendorf. „Im allgemeinen, mein gnädigstes Fräulein, ist die Frage wohl zugunsten ersterer entschieden. Aber hier und speziell für Mich ist doch wohl der Ausnahmefall gegeben." „Warum ein Ausnahmesall?" „Sie haben recht, eine solche Frage zu steilem Und ich antworte, so gut ich kann. Nun denn, in Brust und Flügel ..." „Hihi." In Brust und Flügel schlummert, wie mir scheinen will, ein großartiger Gegensatz von hüben und drüben; es gibt nichts Diesseitigeres als Brust, und es gibt nichts Jenseitigeres als Flügel. Der Flügel tragt uns, erhebt uns. Und deshalb, trotz aller nach der andern Seite hin liegenden Verlockung, möchte ich alles, was Flügel heißt, doch hoher stellen." Er hatte dies in einem möglichst gedämpften Tone gesprochen. Aber es war nicht nötig, weil einerseits die links ihm zunächst sitzende Triglasf aus purem Hochgefühl ihr Ohr gegen alles, was gesprochen wurde, verschloß, während anderseits die Domina, nachdem der Diener allerlei kleine Spitzgläser herumgereicht hatte, ganz ersichtlich mit einer Ansprache be- schäfttgt w Ihnen noch einmal aussprechen", sagte sie, während sie sich halb erhob, „wie glücklich es mich macht, Sie in meinem Kloster begrüßen zu können. Herr von Rex, Herr von Czako, Ihr Wohl. Man stteß an. Rex dankte unmittelbar und sprach, als man sich wieder gesetzt halle, seine Bewunderung über den schönen Wem aus. „Ich vermute Monteftascone." „Vornehmer, Herr von Rex", sagte Adelheid in guter Stimmung, „eine Rangstufe höher. Nicht Monteftascone, den wir allerdings unter meiner Amtsvorgänger auch hier im Keller hatten, sondern Lacrima Christt. Mein Bruder, der alles bemängelt, meinte freilich, als ich ihm vor einiger Zeit davon vorsetzte, das passe nicht, das sei Begräbniswein, höchstens Wein für Einsegnungen, aber nicht für heitere Zusammenkünfte." ,, _ „Ein Wort von eigenartiger Bedeutung, dann ich Ihren Herrn Bruder durchaus wiedererkenne." „Gewiß, Herr von Rex. Und ich bin mir bewußt, daß uns der Name gerade dieses Weines allerlei Rücksichten auferlegt. Aber wenn Sie sich vergegenwärtigen wollen, daß wir in einem Stift, einem Kloster sind .. - und so meine ich denn, der Ort, an dem wir leben, gibt uns doch auch ein Recht und eine Weihe." . „Kein Zweifel. Und ich muh nachträglich die Bedenken Ihres Herrn Bruders als irrtümlich anerkennen. Aber wenn ich mich so ausdrücken darf, ein kleidsamer Irrtum ... Auf das Wohl Ihres Herrn Bruders. Damit schloß das etwas diffizile Zwiegespräch, dem alle mit einiger Verlegenheit gefolgt waren. Nur nicht die Schmargendorf. „Ach", sagte diese, während sie sich halb in den Vorhängen versteckte, „wenn mir von dem' Wein trinken, dann hören wir auch immer dieselbe Geschichte. Die Domina muß sich damals sehr über den alten Herrn von Stechlin geärgert haben. Und doch hat er eigentlich recht; schon der bloße Name stimmt ernst und feierlich, und es liegt was drin, das einem Christenmenschen denn doch zu denken gibt. Und gerade wenn man so recht vergnügt ist." . , .Darauf wollen wir anstoßen", sagte Czako, völlig im Dunkeln lassend, ob er mehr den Christenmenschen oder den Ernst oder das Ver- gnügtsein meinte. t . „Und überhaupt", fuhr die Schmargendorf fort, „die Weine mutzten eigentlich alle anders heißen, oder wenigstens sehr, sehr viele." „Ganz meine Meinung, meine Gnädigste", sagte Czako. „Da sind wirklich so manche ... Man darf aber anderseits das Zartgefühl nicht Überspannen. Will man das, so bringen wir uns einfach um di« reichsten Quellen wahrer Poesie. Da haben wir beispielsweise, so ganz allgemein und bloß als Gattungsbegriff, die Milch der Greife' — zunächst ein durchaus unbeanstandenswertes Wort. Aber alsbald (denn unsre Sprache liebt solche Spiele) treten mannigfache Fort- und Weiterbildungen, selbst Geschlechtsüberspringungen an uns heran, und ehe wir's uns versehen, hat sich die Milch der Greise' in eine .Liebfrauenmilch' verwandelt." „Hihi ... Ja, Liebfrauenmilch, die llinken wir auch. Aber nur selten. Und es ist auch nicht der Name, woran ich eigentlich dachte." „Sicherlich nicht, meine Gnädigste. Denn war haben eben noch andere, dezidiertere, denen gegenüber uns dann nur noch das Refugium der französischen Aussprache bleibt." „Hihi ... Ja, französisch, da geht es. Aber doch auch nicht immer, und sedesmal, wenn Rentmeister Fix unser Gast ist und die Triglaff die Flasche hin und her dreht (und ich habe gesehen, daß sie sie dreimal herumdrehte), dann lacht Fix ... Uebrigens sieht es so aus, als ob die Domina noch was auf dem Herzen hätt«; sie macht ein so feierliches Gesicht. Oder vielleicht will sie auch bloß die Tafel aufheben." Und wirklich, es war so, wie die Schmargendorf vermutete. „Meine Herren", sagte die Domina, „da Sie zu meinem Leidwesen so früh fort wollen (wir haben nur noch wenig über eine Viertelstunde), so geb ich anheim, ob wir den Kaffee lieber in meinem Zimmer nehmen wollen oder draußen unter dem Holunderbaum." (Fortsetzung folgt.) Georg Büchner. Ium 100. Todestage des Dichters am 19. Februar. Von Hans T h y r i o t. Im Jahre Christi 1813, am 17. Oktober, früh um halb sechs Uhr, rmude dem Herrn Ernst Karl Büchner, Doctor und Amtschirurgus dahier zu Goddelau und seiner Ehefrau Louise Caroline geb. Reuh, das erste Kind, der erfte Sohn geboren und am 28. Oktober getauft, wobei er den Namen Karl Georg erhielt ..." — „Zum Gedächtnis an den Dichter von Duntons Tod", Georg Büchner, geb. Darmstadt, d. 17. Okt. 1813, gest. als Docent der Universität Zürich d. 19. Febr. 1837 ..." Die Eintragung im Geburts- und Taufprotokoll der Pfarrei Godd^au bei Darmstadt und die Marmor-Inschrift der letzten Ruhestätte unweit des Züricher Sees bezeichnen mit dokumentarischer Knappheit Anfang und Ende eines außerordentlichen Lebens. Noch ein drittes, höchst ungewöhnliches Dokument muß hinzugefügt werden; es ist der im Sommer 1835 hinter dem politischen Flüchtling Buchner erlassene Steckbnef und hat olgenden Wortlaut: . Der hierunter signalisierte Georg Büchner, Student der Medizin aus" Darmstadt, hat sich der gerichtlichen Untersuchung seiner indizierten Teilnahme an staatsverräterischen Handlungen durch die Entfernung aus dem Vaterland« entzogen. Man ersucht deshalb die öffentlichen Behörden des In- und Auslandes, denselben im Vetretungsfalle festzu- nehmen und wohlverwahrt an die unterzeichnete Stelle abttefern zu lasten. Darmstadt, den 13. Juni 1835. Der von Grotzh. Hess. Hofgericht der Provinz Oberhessen bestellte Untersuchungsrichter, Hofgerichtsrat Georgi. Personal-Beschreibung: Alter- 21 Jahre, Größe: 6 Schuh, 9 Zoll neuen Hessischen Maßes, Haare: blond, Stirn: sehr gewölbt, Augenbrauen: blond, Augen: grau, Nase: stark, Mund: klein, Bart: blond, Kinn: rund, Angesicht: oval, Gesichtsfarbe: frisch, Statur: kräfttg, schlank, Besondere Kennzeichen: Kurz- sichttgkeit." — * Der so peinlich beschriebene Student der Medizin ist, wie sich später herausstellte, einer der bedeutendsten Geister gewesen, die das Lund Hessen je hervorgebracht hat. Sein Werk ist längst in die Geschichte der deutschen Dichtung eingegangen und wird dort stets seine eigentümliche Stellung behaupten; ein Werk, das zwar die mancherlei Beziehungen und Bindungen an die Zeit seiner Entstehung nie verleugnet hat, das zugleich aber auch über diese Zeit hinausreichte und kommende Entwicklungen überraschend vorwegnahm, wie kaum ein anderes Werk zuvor. Büchner gehört zu jenen Genies, an denen die Geschichte des deutschen Geistes nie arm war, deren unruhiges, frühvollendetes Leben meteor- gleich auffteigt und jäh erlischt, Frucht und Ernte des Daseins zuruck- lastend als einen Torso, dessen erstaunliches Ausmaß von den Zeitgenossen nur wenige ahnten, dessen eigentliches Gewicht erst eine spatere Zeit zu erkennen und zu würdigen imstande war. Man denkt an den schlesischen Christian Günther, dem Goethe einen berühmt gewordenen Nachruf gewidmet hat, man denkt an Goethes unseligen Straßburger Juqendsreund Jakob Michael Reinhold Lenz, dem Büchners einzige Novelle gewidmet ist; an Grabbe, und selbst an Kleist darf man sich er- * Nur in einer Abschrift von Büchners Schwester Luise erhalten, die dazu bemerkt: „Ein Jugendgedicht von Georg, das er zu einem Geburtstag der Mutter verfaßt. Es trägt leider kein Datum, aber schwerlich war er damals über sechzehn Jahre." innern, wenn man Gestalt und Dichtung des „Studenten der Medizin aus Darmstadt" überschaut, * Als er starb, war er 23 Jahre alt und Privatdozent der Universität Zürich, die ihm im September 1836 auf Grund der von chm eingereichten Schrift „Memoire sur le Systeme nerveux du barbeau" die philosophische Doktorwürde zuerkannt hatte. Diese französisch geschriebene Dissertation ist ebenso unbekannt geblieben oder vergessen worden wie die übrigen naturwissenschaftlichen und philosophischen Arbeiten Büchners, die Züricher Probevorlesung über Schädelneroen, die umfangreichen Abhandlungen über Cartesius und Spinoza, und die Uebersetzungen der beiden großen historischen Schauspiele „Lukretia Borgia" und „Maria Tudor" von Victor Hugo. Ein Drama Büchners, „von dem in der Familie ... die Sage geht, daß es jein bestes gewesen sei", handelte von dem Florentiner Pietro Aretino und ist verloren gegangen. Minna I ä g l e, Büchners Braut, besaß das Manuskript und hat es, wegen der darin enchaltenen atheistischen Stellen und aus Feindschaft gegen die Familie Büchner eine Auslieferung und Veröffentlichung ablehnend, ebenso wie die meisten der an sie gerichteten Briefe ihres Verlobten später verbrannt. * Minna hat den Dichter um viele Jahre überlebt, hat ihm ein Leben lang die Treue gehalten und nie geheiratet. Als 18jähriger Student hat er sie, die Tochter des Pfarrers Iägle in der Rue Saint-Guillaume in Straßburg kennengelernt; als er krank wird, pflegt sie ihn; als er gesundet, verlobt er sich mit ihr. Als er dann, wenige Jahre später in Zürich, vom Typhus befallen, auf den Tod liegt, kommt sie zu spät, ihn wiederum gesund zu pflegen, aber früh genug, um — wenige Stunden vor dem Ende — von dem schon halb bewußtlos Phantasierenden noch einmal liebevoll erkannt zu werden. Ihr galten auch seine letzten Briefe (vom Januar 1837). „Mein lieb Kindl ... Ich zähle die Wochen bis zu Ostern an den Fingern ... Das beste ist, meine Phantasie ist tätig, und die mechanische Beschäftigung des Präparierens läßt ihr Raum. Ich sehe Dich immer so halbdurch zwischen Fischschwänzen, Froschzehen etc. Ist das nicht rührender als die Geschichte von Abälard, wie sich ihm Heloise immer zwischen die Lippen und das Gebet drängt? ... Der arme Shakespeare war Schreiber den Tag über und muhte nachts dichten, und ich, der ich nicht wert bin, ihm die Schuhriemen zu lösen, hab's weiter besser ... Lernst Du bis Ostern die Volkslieder singen, wenn's Dich nicht angreift? ... Du bist voll zärtlicher Besorgnis und willst krank werden vor Angst; ich glaube gar, Du stirbst — aber i ch habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je. Ich glaube, die Furcht vor der Pflege hier hat mich gesund gemacht; in Straßburg wäre es ganz angenehm gewesen, und ich hätte mich mit dem größten Behagen ins Bett gelegt, vierzehn Tage lang, Rue St. Guillaume Nr. 66, links eine Treppe hoch, in einem etwas Überzwergen Zimmer, mit grüner Tapete! Hält ich dort umsonst geklingelt? ... Du kommst bald? Mit dem Jugendmut ift's fort, ich bekomme sonst graue Haare; ich muß mich bald wieder an Deiner inneren Glückseligkeit stärken und Deiner göttlicher Unbefangenheit und Deinem lieben Leichtsinn und all Deinen bösen Eigenschaften, böses Mädchen. Adio piccola mia!" — Das ist am 27. Januar, wenige Wochen vor seinem Tode, der letzte der uns erhaltenen Briefe an Minna Iägle. Auch ihr Bild, nach einer zeitgenössischen Zeichnung, ist uns überliefert: ein feines, merkwürdig anziehendes Gesicht; wenn man es betrachtet, fallen einem jene andern Pfarrerstöchter ein, die in der deutschen Literatur berühmt geworden sind, Friederike in Sesenheim vor allem; schon in einem Gießener Brief vorn März 1834 singt Büchner der Braut die Verse aus entern „alten Wiegengesang", die wir als „Die Liebe auf dem Lande" unter den wenigen Gedichten von Lenz wiederfinden: „... War nicht umsonst so still und schwach, Verlass'ne Liebe trug sie nach. In ihrer kleinen Kammer hoch Sie stets an der Erinnerung sog; An ihrem Brotschrank an der Wand Er immer, immer vor ihr stand, Und wenn ein Schlaf sie übernahm, Er immer, immer wiederkam." Und weiter: „Denn immer, immer, immer doch Schwebt ihr das Bild an Wänden noch Von einem Menschen, welcher kam Und ihr als Kind das Herze nahm. Fast ausgelöscht ist sein Gesicht, Doch feiner Worte Kraft noch nicht, Und jener Stunden Seligkeit, Ach jener Träume Wirklichkeit, Die, angeboren jedermann. Kein Mensch sich wirklich machen kann." In der höchst vorbildlichen kritischen Ausgabe der sämtlichen Werke und Briefe Georg Büchners (Insel-Verlag, Leipzig 1922), die Fritz Bergemann besorgt hat, nehmen die Dichtungen, die Büchners Namen berühmt gemacht haben, nur den kleinsten Teil ein. Da ist „Santons T o d", das genialste und vollkommenste seiner Dramen, em feurig glühender Bilderbogen aus der französischen Revolution, sicher unter dem verehrten Gestirn des großen Shakespeare geschrieben, aber doch völlig aus Büchners Hand und Herze.i, und genährt vom heißen Mein einer anderen, kleineren, näheren Revolution, deren Wogen damals auch nach Hessen hineinschlugen; es ist, als ob man schon im Paris von 1794 die aufrührerische Stimme jener geheime.: „Gesellschaft der Menschenrechte vernähme, der Büchner und seine Freunde angehörten, und die anklage- rische Fanfare des „Hessischen Landboten". Dem Dichter ist die hessische Polizei auf den Fersen; er kann ebefl noch fliehen, indes die weniger glücklichen Freunde Minnigerode, Pfarrer Weidig in Butzbach, Klemm und der „Rote Becker" verhaftet werden. Mit einem lesenswerten, für Büchner sehr charakteristischen Brief schickt der junge Student sein Drama an Gutzkow und bittet ihn, sich nicht zu wundern, „wie ich Ihre Türe aufreiße, in Ihr Zimmer trete, Ihnen ein Manuskript auf die Brust setze und ein Almosen abfordere ..." Gutzkow wundert sich nicht, ist vielmehr begeistert, schafft dem Stück einen Verleger und tut überhaupt fortan für Büchner, was in feinen Kräften steht. Aber auch er kann niemanden zwingen, das junge Genie zu erkennen, das sich da auf die bewegte Bühne der Zeit schwingt, weit hinausweisend über die Zeit mit einem flammenden Schauspiel. Die in stürmischem Tempo abrollende unregelmäßige Folge knapper, oft überraschend verkürzter Bilder und Szenen im „Danton" entfaltet sich vielleicht erst auf dem Theater der Gegenwart in ihrer ganzen hinreißenden Leidenschaft und Sprachgewalt. Aber damals, vor hundert Jahren, haben außer Gutzkow nur wenige geahnt, daß hier zum ersten Male der Versuch zu einem ganz neuen Dramenstil in Deutschland unternommen und eine Entwicklung begonnen wurde, die erst sehr viel später wieder aufgegriffen und folgerichtig ausgebildet wurde. Merkwürdig ftemd und merkwürdig vertraut zugleich klingen (ähnlich wie später im „Wvyzeck") die abgerissenen heimatlichen Dolksliedstrophen über den düsteren Pariser Revolutionsplatz, und gespenstisch verhallen die wüsten Stimmen der singenden Henker, als ob es hessische Fuhrleute wären: „Und wann ich harne geh, Scheint der Mond so scheh ..." „Den 20. Hartung ging Lenz durchs Gebirg" — die einzige Novelle Büchners, das einzige Stück epischer Prosa, das wir von ihm kennen, ist dem verzweifelten Ende des jungen Straßburger Goethefreundes gewidmet, beffen Spuren wir hier immer wieder begegnen. Wenn Büchner da von einem Menfchenuntergang berichtet, von den verdüsterten Tagen und Nächten des hervorragend begabten, im Wahnsinn früh und glanzlos endenden Dichters erzählt, so geschah dies gewiß aus einer Wahlverwandtschaft, einer nachklingenden Seelenbeziehung heraus, die sich in Büchners letztem Drama noch beutlicker erkennen läßt; es ist aber auch hier schon, wie später im „Woyzeck , der Naturwissenschaftler und Mediziner zu spüren, in der sachlichen Knappheit des Stiles, und in der eindringenden Objektivität der Beobachtung, welche die Novelle stellenweise wie einen Krankheitsbericht, eine seelische Vivisektion wirken läßt. Einen ähnlichen Prosastil finden wir dann nur noch einmal: im „Hessischen Landboten", Darmstadt, im Juli 1834, der unter der berühmt gewordenen Devise „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" — schon nicht mehr zum dichterischen Werke Büchners zählend — eine unerhört aufwühlende, dabei überraschend sachliche Anklageschrift bar» stellt; hier erleben wir ben Dichter des „Danton" als politischen Menschen, als Reformer und Sozialrevolutionär. Der „Landbote" ist bis aktuellste Schrift, bie aus feiner Feber geflossen ist, unb eine ber mo- bernften, die damals geschrieben werden konnten: erst Jahrzehnte später war ein solcher Ton wieder zu vernehmen, wurden bie Anklage und ber Kampf, zu bem ber „Landbote" aufrief, über die hessischen Grenzpfähle hinaus allgemein. * So gegenwärtig, frühreif, seherisch und vorweggenommen vieles, ja das Meiste in Büchners Dichtung uns heute anmutet — die politische Grundhaltung; das ausgeprägt soziale Empfinden; fein flammendes, vom Herzen kommendes Mitgefühl mit den Armen, Unterdrückten, Entrechteten; feine naturwissenschaftliche Klarheit; der seelenkundige Spürsinn; der neue, aufgelöste und auflösende Dramenstil — so sehr ist er doch auch Kind seiner Zeit, den Mächten und Strömungen der Vergangenheit, des verklungenen 18. Jahrhunderts noch verhaftet. Das spürt man nirgends deutlicher als in feinem einzigen Lustspiel „ß e o n c e undLena", in welchem nicht nur das Motto von Shakespeare ist: „P, wär ich doch ein Narr! Mein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jacke." („Wie es euch gefällt.") Das Erbteil einer schon abgestorbenen Romantik in den drei knappen Akten des zeitlos spielenden unb verspielten Stückes nimmt sich bei Büchner merkwürbig genug aus; es klingt roeber mit bem „Lenz" noch mit ben beiben anberen Dramen zusammen, es steht gleichsam außerhalb seines Werkes unb feiner Entstehungszeit, ohne sichtbare ober spürbare Beziehung zu ihr, und man hat das Gefühl, als habe ber Dichter aus dem inneren unb äußeren Aufruhr, ber ihn zeitlebens unb eben bamals umfing, sich in bie stille unb träumerische Welt- und Lebensferne reiner Phantasie flüchten wollen — wie er zuvor schon in das schweizerische Asyl geflüchtet war. In keinem Werke wird der fragmentarische Charakter von Büchners dichterischer Hinterlassenschaft so offensichtlich wie in dem genialen Dramentorso „W o y z e ck". Selbst die Form, in der wir das Stück heute lesen unb spielen, wird vermutlich immer ein Annäherungswert bleiben: es ist in einer höchst fragroürbigen, völlig aufgelösten und ungeordneten lleberlieferung auf uns gekommen. Die Bruchstücke der Handschrift waren, als man sie ausfand, vergilbt und unnummeriert, die Schrift verblaßt und stellenweise ganz unleserlich; erst eine unendlich liebe- und mühevolle textkritische Kleinarbeit hat aus ber wirren Hinterlassenschaft bas immerhin folgerichtig gerundete Ganze zusammengefügt, das wir heute gesichert besitzen. Der Stoff geht auf einen tatsächlich belegten Kriminalfall zurück, über ben in ber „Zeitschrift für Staatsarzneikunbe" berichtet würbe: es handelte sich um einen Mord aus Eifersucht; 1821 erstach in Leipzig der Friseur Johann Christian Woyzeck seine Geliebte, die Witwe eines Chirurgen namens Woost. Der Fall mußte Büchner reizen — um feiner psychologischen unb seiner sozialen Eigenart willen; er machte daraus das Stück,das ihm angemessen schien, nach seiner Weise, bie Menschen unb die Welt zu betrachten. Wieder, wie im „Lenz", der kühle, sezierende Medizinerblick, der den Menschen bis ins geheimste Innere ihrer Seele zu schauen trachtet, nach den verstecktesten Triebkräften ihres Handelns forscht; wieder, wie im „Danton", der knappe, kurze, zusammengedrängte, vorwärtstreibende Balladenton, aber noch gedrängter, noch mehr verkürzt, zusammengerafft in einem spukhaften Tempo, das erst eine viel spätere Entwicklung auffängt und weitertrügt. Wieder mischen sich Volksliedstrophen in die gespenstisch vorllberhuschenden Szenen. Auch „Woyzeck" ist, in sonderbarer stofflicher Analogie zum Drama Lenzens, ein Soldatenstück. Aber dessen „Soldaten", von denen eine ungebrochene Linie zu Büchners Torso führt, waren im Grunde ein „moralisches" Stück mit starker Betonung des Ständischen und Sozialen, mit einer Nutzanwendung zuletzt und einem erstaunlichen Vorschlag zur Güte; bei Büchner hingegen ist am Ende doch der menschlich-psychologische Fall stärker als das soziale Problem. Die Handlung entwickelt sich aus triebhaft dunklen Seelenkräften, aus dem ewig zwischen Haß und Liebe gespannten Verhältnis der Geschlechter. Und hier erweist sich der „Woyzeck" als motivische Umkehrung der „Soldaten", die das Mädchen ins Verderben hetzen; Woyzeck geht ‘in erster Linie am Weibe zugrunde, an seinem eigenen Weibe. Freilich sind beide schon gewissermaßen dafür reis und vorherbestimmt: das Bürgermädchen Marie bei Lenz durch Leichtsinn und falsche Erziehung, der arme Soldatenbarbier bei Büchner durch die irrsinnigen Experimente eines verbohrten Mediziners, durch die Kameraden, seinen apoplektischen Hauptmann und den brutalen Tambourmajor. „Er ist ein interessanter Kasus", sagt der Doktor zum Füsilier. „Subjekt Woyzek, Er kriegt Zulage, halt Er sich brav! Zeig Er seinen Puls. Ja." — * Das ist nun alles ein rundes Jahrhundert alt geworden, aber es ist wohl noch nicht einmal zwei Jahrzehnte her, seit die Entwicklungslinien,, die von Büchner in unsere Zeit weisen, klar erkannt worden sind, seit man bewußt und ungetrübt zu überblicken und zu erkennen vermochte, wie vielfältig Gegenwart und nahe Vergangenheit an ihn anknüpfen, daß er nicht nur zu früh gestorben, sondern zu früh und seiner eigenen Zeit weit voraus zur Welt gekommen war. In Büchners Geburtsstunde klang noch der Kanonendonner der Völkerschlacht; als er starb, waren noch nicht K Jahre seit Goethes Eingang in die Unsterblichkeit verstrichen. In die andzwanzig Jahre seines unruhigen, unsteten und gehetzten Lebens ist eine wahrhaft erstaunliche Fülle geistiger Aktivität, menschlichen Einsatzes, dichterischen und wissenschaftlichen Schaffens gepreßt. Und mag uns das Ganze auch unvollendet, abgebrochen, fragmentarisch anmuten .. Dokument eines Daseins, das zu außerordentlichen Erwartungen und Hoffnungen berechtigen mußte: der dichterische Teil seines Werkes ist heute lebendig wie je. Diese Erkenntnis schließt — ein Jahrhundert nach Büchners Tode — eine tiefe Verpflichtung ein, deren sich vornehmlich das deutsche Theater unserer Zeit bewußt sein sollte. Schneider und Oachs. Ein fröhliches Tiermärchen von Hans Friedrich Blunck. Der Dachs ist unter den Tieren als Schneider bekannt. Er hält viel auf fein Gewerbe und kann bitterböse werden, wenn Leute, die eine Nadel zu führen wissen, in fein Gehege kommen. Ich will zur Warnung erzählen, wie es einem spindeldürren Schneidergesellen ergangen ist, der mit ihm zusammengeriet. Einmal, wie dieser Schneidersmann abends vor die Tür seines Hauses tritt, um feine Gänse einzutreiben, wollen die Tiere nicht den rechten Weg laufen. Er ergreift deshalb, ohne sich dabei etwas Böses zu denken, zwei von ihnen bei den Flügeln. Da bekommen die Tiere Angst, sie streichen hoch in die Luft, und der spindeldürre Schneider wird, was glaubt ihr, von ihnen über einen großen, großen Wald, wohl eine Stunde weit, von bannen getragen. Hinterm Wald aber, es ist so gegen Sonnenuntergang, stehen gerade viele Tiere und schauen Grimbart, dem Dachs, beim Tanzen zu. Der Arme bat nämlich das Reißen, und die Leute haben ihm im Scherz gesagt, er müsse um Sonnenuntergang einen Reigen ausführen, das hülfe dagegen. Nun kichern sie hinter allen Bäumen und Büschen und lachen und schauen dem armen Geplagten zu, wie er sich auf der Waldwiese gleich einem Junggesellen um sich selbst dreht, um das Reißen loszuwerden. Gerade auf dieser Wiese landet nun der Schneider zwischen den zwei Gänsen, und wie er sich umsteht und nichts als einen tanzenden Dachs erblickt, muß auch er laut meckern über den Spaß, wie Schneider es leicht einmal tun. Das erbost den armen Grimbart aber gewaltig, er packt gleich zu, zieht mit einem Ruck den beiden unschuldigen Gänsen das Federkleid aus, so daß sie frierend und nackt dastehen und ihren Herrn nicht weitertragen können, und stellt den Schneider. Der darf sich nicht mehr vorn Platz rühren, ohne daß der Dachs ihm die Zähne zeigt. Dann verhört Grimbart den Gefangenen und will wissen, töte er in sein Reich gekommen ist, wie er das Fliegen fertiggebracht hat und anderes mehr. Dabei erfährt der Dachs ja nun auch, daß dieser spindeldürre Kerl ein Schneid r sein will, das verdreifacht feinen Zorn. Für zwei Schneider sei im Wald nicht genug zu tun, faucht er, und einer von ihnen müsse von binnen. Ja, er ergrimmt so gewaltig über den neuen Nachbarn, er fordert ihn zu einem Wettlauf heraus. Und der Hagemann, verlangt er, solle den zu Tode stoßen, der das Laufen verliert. — Der Hagemann vermag das ja, es ist der Riefe, braun wie altes Laub, den wir alle schon einmal im Herbstwald sahen. Run der arme Schneider muß das böse Spiel annehmen, es bleibt ihm nichts anderes übrig. Er soll wirklich mit dem Dachs um bie Wette rennen, die Tiere drängen sich schon am Ablauf und am Ziel, und manche geben den armen Spindeldürren verloren, denn solch ein Dachs kann gewaltig taufen, wenn es ums Leben geht. Und bann geht es los, und kaum daß sie zehn Schritt hinter sich haben: „Meck, meck, meck!" schreit der Schneider vor Aufregung. „Was sagst du?" fragt der Dachs und bleibt mitten im Lauf stehen. Der Schneider antwortet nicht, er rennt, was er kann. Und auch der Dachs läuft wieder und ist ihm gleich voran. „Meck, meck, meck!" schreit der Schneider, um sich selbst Mut zu machen. Der Dachs dreht sich wieder um, aus den Ruf müssen nämlich alle Schneider stehenbleiben. Und dis Tiere merken es und beginnen zu lachen, alle rufen: „Meck, meck!" in den Wettlauf hinein, und der Dachs kann nicht anders, er muß sich immer wieder umsehen auf den Ruf, genau wie der Schneider auch. So kommt es, daß bie beiben Wettläufer zu gleicher Zeit anlangen; ber Hagemann, ber am Ziel steht, kann nicht sagen, wer von ihnen bet Erste geworben ist. Der Dachs ist sehr mißgelaunt. Dann wolle er sich nut bem Schneidet um die Wette durch den Sand kratzen, verlangt er, das Lausen gelte nicht« Und er zeigt einen Hügel, an dem sie sich beide versuchen können. Wev zuerst auf der anderen Seite wieder herauskomme, ber habe gewonnen, sagt er. Und die Hagefrau solle diesmal Schiedsrichter fein, verlangt er auch; der Dachs ist ja wütend, daß der Hagemann ihm nicht den Sieg zugefprochen hat. Dann fängt er auch schon an, sich ein Loch zu scharren, und ist gleich mit dem halben Leib drinnen. Die Hagesrau, die nun entscheiden soll, ist indes gar nicht so gut auf den Dachs zu sprechen, wie der wohl meint. Er hat ihr einmal bie Heirat versprochen, so um ben Herbst herum. Aber bann hat Grimbart sich zum Winterschlaf gelegt unb hat im Frühling von nichts mehr wissen wollen. Wie beshalb ber fpinbelbürre Schneiber verzweifelt bie Hände ringt und nicht weiß, wie er sich um Gvtteswillen durch einen Hügel Sand ein» und auswühlen soll, blinzelt sie ihn mit dem linken Auge an unb bretjt das anbere gerabe auf einen Fuchsbau zu. Nun, ber Schneiber begreift, er stürzt sich, schlank wie er ist, kopfüber hinein, um ben Hügel zu burch- kriechen. Es hat schon fein Gutes, so spindeldürr zu sein! Wie er aber unten in den Kessel kommt, gehen da viele Rohren ast; und er weiß nicht mehr, wo er sich hinwenden soll. Auch sitzt bie Füchsin im Bau, sie faucht ben Schneiber an unb fragt, was er wolle. Och, stottert ber, ihr Mann ließe bestellen, bas Wetter sei draußen so schön. Und dann fragt er, wo es nach ber anberen Seite bes Hügels hinausginge, er wolle sehen, ob ba auch bie Sonne scheine. Da freut sich bie Füchsin, baß schön Wetter geworben ist, sie ist bem fonberbaren Besuch gefällig und zeigt ihm bie Richtung. Aber bie Fragerei hat ben Schneiber hoch so lange aufgehalten, er kommt nicht früher als Grimbart aus ber anberen Seite heraus. Genau um bie gleiche Zeit stecken sie beibe bie Nase aus bem Heibekraut. Der Dachs kann kaum begreifen, baß er nicht ber Erste geworden ist, er gerät außer sich vor Zorn, daß er diesem Spindeldürren nicht überkommt. Er verlangt deshalb — und weil gerade der Böse vorbeikommt, ruft er den zum Schiedsrichter an — er verlangt deshalb: Wer von ihnen beiden, Dachs und Schneider, bis Mitternacht den besten Rock genäht habe, der allein habe das Recht zum Handwerk im Wald. Wer aber unterliege, ber müsse enbgültig mit bem Leben bezahlen. Er blinzelt dabei dem Bosen zu, er glaubt ja, der sei ein Schiedsrichter, dem an einer armen Seele gelegen sei. Nun, aus ein Zeichen hin schneidern die beiden nach besten Kräften darauslos. Der Dachs näht aus den Federn ber beiben gefangenen Gänse ein herrliches Schwanenkleid; ber arme Schneiber aber muß nehmen, was bie Tiere ihm an Febern und Lappen zuwerfen. Weil er dabei soviel kleine bunte Zipfel erhält, beschließt er, einen Hahnenrock zu nähen, den hat man schon einmal zu einem Fastelabend bei ihm bestellt. Er ist aber ein so flinker unb geschickter Hcmbwerker, unser Freund Schneider: wie sie um Mitternacht beide ihre Arbeit hochhalten und alle Tiere neugierig näherkommen und das Werk prüfen, da kann der Teufel vor so viel Leuten nicht anders als zugeben, daß beide Röcke gleich prächtig geworoen sind. Aber der Böse ist ja auf die Schneiderseele ans unb fügt beshalb hinzu: Da nun niemand wisse, welcher Rock ber schönste sei, müsse man erfahren, in welchem sich am besten fliege, im Schwanen- ober im Hahnenkleib. Er bentt insgeheim, jetzt werbe ber Schneiber gewiß verlieren, weil so ein Halmenrock nicht auf große Flügel geschnitten ist. „Einverstanben!" schreit ber Dachs auch gleich. „Aber wie sollen wir wissen, in wessen Rock sich am besten fliegen läßt?" „Ich kann es ja erst mit bem einen unb bann mit bem anderen Rock versuchen", schlägt ber böse Berlocker vor. Die Tiere im Wald halten indes auf Gerechtigkeit und auf gleiche Bedingungen. Sie trauen ihm nicht. Da sind aber noch die zwei Gänse, an denen kann man sehen, in welchem Rock sich am besten fliegen läßt. Man holt also bie beiden her, obwohl sie sich in ihrer Nacktheit entsetzlich zieren, und Dachs und Schneider legen ihnen bie Kleiber an, das schöne Schchanengefieber ber einen unb ben Hahnenrock ber anbern. Nun soll sich ergeben, wer von ben beiben am besten fliegen fcmn. Der arme Schneiber aber weiß wohl, wie es ungefähr ausgehen wirb. Ach, im Hahnenrock fliegt es sich nicht weit! Er streicht und streicht deshalb, so lange es noch ‘angeht, seiner Gons ben Rock zurecht unb mag gar nicht aufhören; er weiß, biefe letzte Weste wird er verlieren. Unb er hält sich noch immer fest, als feine Gans im Ha!m"nkleib schon zu flattern versucht, unb kriegt in seiner Furcht sogar noch einen Jlüael ber andern Gans im Schwanenkleid zu fassen. Und auf einmal sind sie, weist Gott, alle drei wieder in der Luft und streichen auf und davon, rechts eine Gans mit Hahnen-, links eine Gans mit' Schwanenfstigeln. Und her fpinbelbürre Schneiber zappelnd unb stramvelnd in ber Mitte. Ich habe nicht mehr gehört, wo bie drei aefanbef sind. Ich weist nur, bem bösen Berlocker ist vor Erstaunen ber schlimme Wunfch roegaeblieben, unb auch bie anberen Tiere haben nicht hinterbrein können, sie haben zuviel über ben betrogenen Teufel unb ben verdutzten Dachs lachen müssen. •eranttoortltdr Dr. Hans Tbtzriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.