Eichener ZamilieiiWikr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, den 18. Oktober Nummer 81 Eugenik Hrandet ROMAN von Honore de Balzac 10. Fortsetzung. „Ich habe viel mehr Vertrauen 311 Ihnen als zum Präsidenten", sagte er zu ihm; „und es steckt noch etwas hinter dem Busch", fügte er hinzu und bewegte sein Geschwür. „Ich will mich auf Staatsrenten verlegen, ich will für einige taufend Franken Renten kaufen lassen und nicht mehr als achtzig Franken geben. Diese Geschichte fällt gegen Ende des Monats, fagt man? Sie kennen jich darin aus, nicht wahr?" „Weiß Gott! Ich soll also einige tausend Franken Rente für Sie erstehen ..." „Ist nicht viel für den Anfang. Halt noch! Ich will dies Spiel spielen, ohne daß man irgend etwas davon erfährt. Sie können einen Kauf für mich abschließen für Ende des Monats; aber sagen Sie nichts den Cruchots davon, das würde sie ärgern. Da Sie ja nach Paris gehen, können wir da gleichzeitig für meinen armen Neffen zusehen, welche Farbe Trumpf ist." „Gut, abgemacht. Ich reise morgen mit der Post", sagte laut Herr des Grassins, „und ich werde mir Ihre letzten Instruktionen holen, um... um wieviel Uhr?" „Um fünf Uhr, vor dem Essen", sagte der Winzer und rieb sich die Hände. Die beiden Parteien standen sich noch einige Minuten gegenüber. Rach einer Pause sagte des Grassins und schlug Gründet auf die Schulter: „Das ist fein, wenn man solche guten Verwandten hat." „Ja, ja", antwortete Grandet, „ohne daß es so scheint, bin ich ein guter O ... O ... Onkel. Ich liebte meinen Bruder, und ich werde es auch beweisen, wenn ... wenn ... die K ... K ... Kosten nicht..." „Wir wollen gehen, Grandet", sagte der Bankier zu ihm und unterbrach ihn glücklicherweise, ehe er seinen Satz vollendete. „Wenn ich meine Abreise beschleunige, muß ich noch einige Sachen in Ordnung bringen." „Gut, gut. Ich selbst will mich, d . . . d... dem zu Liebe, was Sie w ... w ... wissen, i... i... in mein Be ... Be ... Beratungszimmer, wie Präsident Cruchot sagt, z ... z ... znrückziehen." Teufel! ich bin nicht mehr Herr von Bonfons, dachte trübselig der Präsident und bekam einen Gesichtsausdruck lute ein Richter, den ein Plädoyer verdrießt. Die Häupter der beiden rivalisierenden Familien gingen zusammen sort. Sie dachten nicht mehr an den Verrat, den Grandet am Morgen gegen das weinbauende Land verübt hatte, sondern sie forschten sich gegenseitig aus, aber vergeblich, um herauszukriegen, was der andre über die wirklichen Absichten des Alten in dieser neuen Angelegenheit dachte. „Kommen Sie mit uns zu Frau d'Orsonval?" sagte des Grassins zum Notar. „Wir wollen später hingehen", antwortete der Präsident. „Wenn's meinem Onkel recht ist, habe ich Fräulein von Gribeaucourt versprochen, ihr auf einen Sprung guten Abend zu sagen, uird wir gehen zuerst dahin. „Dann auf Wiedersehen, meine Herren", sagte Frau des Grassms. Kaum daß die des Grassins ein paar Schritt von den beiden Eruchot.- entfernt waren, sagte Adolph zu seinem Vater: „Die haben 'ne schöne Stinkwut, was?" „Halt doch den Mund, Junge", antwortete ihm seine Mutter, „sie können uns noch hören. Uebrigens ist dein Ausdruck nicht geschmackvoll, rechter Studentenjargon." ,, t s ., „Na, lieber Onkel", rief der Richter aus, als er die dev Grassuw wett genug weg sah, „da habe ich damit angefangen, der Präsident von Bonsons SU sein und atlfgehört ganz einfach als ein Cruchot." . . «Ich hab' wohl gemerkt, daß dich das geärgert hat, aber der Wind blie. für die des Grassins. Bist du dumm, mit all deinem Geist ! Laß du sie nur sich einschiffen aus ein ,Das-wird-sich-finden' voni alten Grandet hm und sei ganz ruhig, mein Junge: Eugenie wird deshalb deine Frau. In wenigen Minuten verbreitete sich die Nachricht von dem hochherzigen Entschluß Grandets in drei Häusern zugleich, und es war m oer ganzen Stadt von nichts anderm die Rede, als von dieser brüderlichen Aufopferung. Jedermann verzieh Grandet den Verkauf, den er unter Verachtung des Ehrenworts abgeschlossen hatte, das die Weuwergsbesltzer einander gegeben, und rühmte den Edelmut, den inan ihm nicht zugetraut hatte. Es liegt im französischen Charakter, sich zu begeistern, sich »ESFU ereifern, sich leidenschaftlich einzufetzen für den Meteor des Augenblicks für die Seifenblasen des Tages. Sollten die Kollektivwefen, die Volker kein Gedächtnis l)eiben? . m Als Vater Grandet die Haustür verschlossen hatte, rief er Nanon: „Mach nicht den Hund los und geh nicht schlafen. Wir haben zusammen was zu tun. Um 11 Uhr soll Cornoiller vor meiner Tür sein mit der Kutsche von Froidfond. Paß ihm auf, damit er nicht klopft, und sag' ihm, er soll ganz sacht eintretcn. Die Polizeivorschriften verbieten nächtliche Ruhestörung. Außerdem braucht das Haus nicht zu wissen, daß ich verreise." Darauf stieg Grandet in sein Laboratorium, wo Ranon ihn rumoren, stöbern, gehen und kommen hörte, aber behutsam. Augenscheinlich wollte er Frau und Tochter nicht wecken und vor allem ja nicht die Aufmerksamkeit seines Neffen erregen, den er geradezu verwünscht hatte, als er Licht in seinem Zimmer bemerkte. Mitten in der Nacht glaubte Eugenie, die iich ausschließlich mit ihrem Vetter beschäftigte, den Klagelaut eines Sterbenden zu hören, und für sie war dieser Sterbende Charles; er hatte sie so bleich, so verzweifelt verlassen, vielleicht hatte er sich etwas angetan. Schnell warf sie eine Art Pelerine mit Kapuze um und wollte hinausgehen. Da jagte ihr ein heller Lichtschein, der durch die Ritzen ihrer Tür drang, Furcht vor Feuer ein; aber gleich darauf wurde sie beruhigt, als sie die schweren Schritte von Nanon hörte und außer ihrer Stimme das Gewieher von mehreren Pferden. „Sollte mein Vater meinen Vetter entführen?" sagte sie zu sich selbst und öffnete die Tür vorsichtig genug, sie am Knarren zu verhindern, aber jo, daß sie sehen konnte, was im Flur vor sich ging. Plötzlich traf ihr Auge das ihres Vaters, dessen Blick, obwohl er ganz ziellos und unbekümmert war, sie vor Schreck erstarren ließ. Der Alte und Nanon waren durch einen großen Knüttel verbunden, dessen Eyden auf ihrer rechten Schulter ruhten und der ein Seil trug, an dem ein Tönnchen befestigt war, ähnlich denen, die Vater Grandet zu feinem Vergnügen in müßigen Augenblicken in seiner Werkstatt verfertigte. „Heilige Jungfrau! drückt das, Herr!" sagte Nanon mit leiser Stimme. „Jammer, daß es nur Zwei-Sous-Stücke sind", erwiderte der Alte. „Gib acht, daß du nicht den Leuchter umstößt." Diese Szene wurde nur durch ein Talglicht erhellt, das zwischen zwei Stäbe des Treppengeländers gestellt war. „Cornoiller", sagte Grandet zu seinem Waldhüter in partibus, „hast du deine Pistolen mit?" „Nein, Herr! Donnerkiel, was gibk's denn für Ihre Zwei-Sous-Stücke zu fürchten?" „Ach, nichts", sagte Vater Grandet. „Außerdem fahren wir schnell", versetzte der Waldhüter. „Ihre Pächter haben die besten Pferde für Sie genommen." „Gut, gut. Du hast ihnen nicht gesagt, wohin ich gehe?" „Ich wußt's ja nicht." „Gut. Ist der Wagen stark?" „Der, gnädiger Herr? Na, ich glaub's, der kann dreitausend tragen. Was wiegen die denn, Ihre verdammten Fäßchen?" „Donner", sagte Nanon, „ich weiß es als! Bald an die achtzehnhundert!" „Wirst du den Mund halten, Nanon. Du sagst meiner Frau, ich bin aufs Land gegangen, ich würde zum Essen zurück fein; Fahr zu, Cornoiller, müssen in Angers vor neun Uhr ankommen." Der Wagen fuhr ab. Nanon verriegelte das große Tor, machte den Hund los, legte sich mit ihrer geschundenen Schulter zu Bett, und niemand im Viertel ahnte die Abreise Grandets, noch das Ziel seiner Fahrt. Der Alte war vollkommen verschwiegen. Kein Mensch sah je einen Sou in diesem Haus voll Gold. Als er am Morgen aus den Hafengesprächen erfahren hatte, daß infolge von zahlreichen Rüstungen in Nantes das Gold ums doppelte gestiegen war, und daß Spekulanten in Angers angekommen waren, um welches zu kaufen, konnte es der alte Winzer ermöglichen, dadurch, daß er sich bei seinen Pächtern Pferde lieh, fein Gold dort zu verkaufen und so die für den Rentenkauf nötige Summe in Wechseln vom Generalschatzmeister aus den Staatsschatz zurückzubringen, vermehrt um das Agio. „fDlein Vater ist sort", sagte Eugenie, die oben auf der Treppe alles gehört hatte. Das Schweigen im Haus war wiederhergestellt, und das ferne Nollen des Wagens, das nach und nach aufhörte, hallte schon nicht mehr durch das schlafende Saumur. In diesem Augenblick vernahm Eugenie mit dem Herzen, noch ehe sie ihn mit dem Ohr hörte, einen Klagelaut, der die Wände durchbrach und aus dem Zimmer ihres Vetters kam. Ein Lichtstreifen, fein wie die Schneide eines Säbels, drang durch die Spalte der Tür und durchschnitt horizontal das Geländer der alten Treppe. „Er leidet", sagte Eugenie und erklomm zwei Stufen. Ein zweites Stöhnen brachte sie bis zum Treppenabsatz des Zimmers. Die Tür war angelehnt, sie stieß sie auf. Charles schlief, den Kopf von außen an den alten Sessel gelehnt; seine Hand hatte die Feder fallen gelassen und berührte fast den Boden. Die stoßweise Atmung, die durch die Körperlage des jungen Mannes bedingt war, erschreckte Eugenie, und He ging rasch hinein. „Er muß sehr müde geworden sein", sagte sie sich, als sie etwa zehn versiegelte Briefe sah. Sie las die Adressen darauf: An die Herren Farry, Breilmann & Co., Magenmacher. — An Herrn Buisfon, Schneidermeister uiw. geben", sagte Eugenie. . , ,, Sie setzte ihre Lektüre fort, nachdem sie sich bte Tranen ab gewischt hatte. , Ich hatte nie zuvor an die Leiden der Armut gedacht. Wenn ich bte zur Ueberfahrt unerläßlichen hundert Louis habe, werde tch nichts einen I Sou übrig behalten, um mir eine Ladung auszurüsten. Aber nicht doch, ich werde weder hundert Louis noch einen Louis haben, ich weiß nicht, was mir an Geld bleibt nach der Regelung meiner Schulden in Parts. Wenn ich nichts behalte, werde ich ruhig nach Nantes geheü, ich werde mich dort als einfacher Matrose einschiffen und da unten anfangen, tote Manner I von Energie angefangen haben, die in ihrer Jugend keinen Pfennig hatten 1 und reich aus Indien zurückgekommen sind. Seit heute morgen fasse ich mein Schicksal kaltblütig ins Auge. Es ist für mich schrecklicher als für leben anbern, für mich, bet ich von einer Mutter verhätschelt würbe, bte mich vergöttert hat, von bent besten bet Bätet geliebt toutbe, unb bet tch bet meinem Eintritt in bie Gesellschaft bet Liebe einer Anna begegnet bin! Ich hatte nur bie Blumen bes Lebens tennengelernt: dies Glück konnte nicht dauern. Ich habe nichtsdestoweniger, meine liebe Annette, mehr Mut, als man einem sorglosen jungen Mann zutraut, noch dazu einem jungen Mann, der an die Liebkosungen bet entzückenbsten Frau von Parts gewöhnt ist, ben bie Freuden eines Heims gewiegt haben, in bem ihn alles anlächelte, unb bessert Wünsche Gesetze waten für einen Vater — ach, mein Steter,, Annette, er ist tot... Nun wohl, ich habe über meine Lage nachgebacht unb habe auch über bie Deine nachgebacht. Ich bin viel älter geworden in vierundzwanzig Stunden. Liebe Anna, wenn Du, um mich bei Dir zu behalten, in Paris, aus alle Genüsse Deines Luxus verzichten würdest, auf Deine Garderobe, Deine Loge in der Oper, so würden Wtr doch noch nicht den Betrag der notwendigsten Ausgaben für mein nun einmal den Zerstreuungen gewidmetes Leben erreichen; und ich könnte solche Opfer nicht annehmen. Wit scheiden also heute für immer voneinander." Er nimmt Abschied von ihr, Heilige Jungfrau! welch Glück! Eugenie tat einen Freudensprung. Charles machte eine Bewegung; sie erstarrte vor Schreck; aber zum Gluck für sie erwachte er nicht. Sie las weiter: „Wann werde ich zutückkommen? Ich weiß es nicht. Das Klima in Indien läßt einen Europäer schnell altern, zumal einen Europäer, der arbeitet. Nehmen wir an, in zehn Jahren. In zehn Jahren wird Deine Tochter achtzehn Jahre alt sein, sie wird Deine Begleiterin sein, Deine Spiomn. Die Welt würde grausam zu Dir sein, mehr vielleicht noch Deine Tochter. Wir kennen ja Beispiele von diesen Urteilen der Gesellschaft und von der Undankbarkeit der jungen Mädchen; ziehen wir Nutzen daraus. Bewahre auf dem Grund Deines Hetzens, wie auch ich es bewahren werde, das Andenken an diese vier Jahre von Glück, und sei Deinem armen Freund treu, wenn Du kannst. Jedoch kann ich es nicht fordern, denn siehst Du, meine liebe Annette, ich muß mich meiner Lage anpassen, das Leben bürgerlich ansehen, eine möglichst richtige Bilanz ziehen. Daher muß ich an eine Heirat denken, die eine der Notwendigkeiten meiner neuen Existenz ist; und ich muß Dir gestehen, daß ich hier in Saumut bei meinem Onkel eine Cousine gefunden habe, deren Benehmen, Aeußetes, Verstand und Herz Dir aefaUen würden, und bie. wie mir scheint, außerbem.." Et muß feht mübe gewesen sein, baß et aufgehört hat, ihr zu schreiben, sagte sich Eugenie, als sie sah, baß bet Brief mitten in biesem Satz abbrach. Sie rechtfertigte ihn. Aber wat es nicht unmöglich, baß bieses unschulbige Mäbchen bie Kälte merken konnte, bie sich in biesem Brief ausprägte. Den fromm, unwissenb unb rein erzogenen jungen Mäbchen ist alles Liebe, obalb sie nur ben Fuß in bie von bet Siebe verzauberten Gebiete setzen. Dort toanbeln sie, umgeben von bem himmlischen Licht, bas ihre Siebe ausstrahlt unb das schimmernd über ihren Geliebten hmstromt; sie lassen ihn mit der Glut ihres eignen Gefühls glühen und leihen ihm ihre schonen Gedanken. Die Irrtümer der Frau entspringen fast immer ihrem Glauben an das Gute ober ihrem Vertrauen auf bas Wahre. Für Eugenie sanden bieie Worte „Meine liebe Annette, meine Vielgeliebte" einen Widerhall in ihrem Herzen wie bie süßeste Sprache bet Siebe unb sie umschmeichelten ihre Seele, wie in ihrer Kindheit die göttlichen Töne be8 Vernte, adoremus von der Orgel aufgenommen, ihr Ohr umschmeichelt hatten. Außerdem sprachen ihr die Tränen, die noch Charles' Augen netzten, von allen edlen i Gesinnungen des Herzens, durch die ein junges Mädchen verführt werben , muß. Konnte sie wissen, baß, wenn Charles fernen Vater fo seht liebte, unb ihn so aufrichtig beweinte, biefe Siebe weniger von bet Gute seines Herzens als von bet Güte feiner Eltern herkam? Jnbem Herr unb : rau Guillaume Gründet alle Wünsche ihres Sohnes befriedigten, ihm alle Ver« gnüqungen des Reichtums gewährten, hatten sie , ihn verhindert, diese schrecklichen Berechnungen anzustellen, durch bte tn Paris bie meisten Kinbet sich versünbigen, wenn sie angesichts bet Pariser ^reuben Wunsche hegen unb Pläne fassen, bie sie mit Bebauern so^währenb durch bas Seben bet Eltern aufgehoben unb verzögert sehen. Die Verschwendung bes Va ers ging also so weit, im Hetzen seines Sohnes eine wirkliche kindliche Siebe ohne Hintergedanken zu säen. Dennoch war Charles em Pariser Kind, durch die Pariser Sitten, durch Annette selbst daran gewöhnt, alles zu berechnen, er war schon ein Greis unter der Maske eines Jünglings. Er hatte die schreckliche Erziehung dieser Welt bekommen, in der an einem Abend in Gedanken und Worten mehr Verbrechen begangen werden, als die Justiz in den Schwurgerichten bestraft, Wo Witzworte bte größten Ge« bauten morben, Wo man nur soweit für stark gilt, Wie man ben richtigen Blick hat, unb ben richtigen Blick haben, heißt ba, an nichts glauben, webet an Gefühle noch an Menschen, nicht einmal an Ere,gmsfe; man macht da künstliche Ereignisse. Dort muß man, um den richtigen Bück zu haben, ,eden Morgen die Börse eines Freundes Wägen, weltklug über allem zu stehen wissen, was geschieht; zunächst einmal nichts bewundern, weder Kunstwerke noch edle Taten, und als Beweggrund für alle Dinge den persönlichen Nutzen anfetzen. Nach tausend Torheiten hatte die große Dame, bte schone Annette, Charles genötigt, ernst zu beuten; sie sprach ihm von feiner zukünftigen Stellung, inbem sie ihm mit einer parfümierten Hand durch das Haar strich; indem sie ihm eine Socke zurechtlegte, ließ sie ihn das Seben berechnen; sie machte ihn weibisch unb machte ihn materiell. Ste verdarb ihn nach zwei Seiten hin, aber diese Verderbtheit wat elegant unb fein unb gehörte zum guten Ton. Charles War zu sehr aufs Aeußere gerichtet, zu dauernb glücklich burch seine Eltern, zu verwöhnt butch bie Hulbiguugen bet Gesellschaft, als baß er tiefe Gefühle hätte haben können. Das Gran Gold, bas ferne, Mutter ihm ins Herz gesenkt hatte, War auf bet Pariser Drahtziehbank ausemanber« gezogen worben; et hatte es für bie Oberfläche gebraucht unb mußte es abnutzen durch Reibung. Aber Charles war erst einundzwanzig Iahte alt. In diesem Alter scheint die Frische der Jugend uuzertreunlich von der Rem- beit des Herzens; die Stimme, der Blick, der Gesichtsausdruck scheinen m Uebereinftimmung mit ben Gefühlen. Daher zögert sogar bet härteste Richter, der ungläubigste Anwalt, bet unbeugsamste Wucheret an die Greisenhaftigkeit des Herzens, an die Verderbtheit der Berechnungen zu 1 glauben, wenn die Augen noch klare Brunnen sind und bte Stirn noch keine Falten trägt. Charles hatte nie Gelegenheit gehabt, bte Grundsätze der Pariser Moral anzuwenden, und bis zu diesem Tag war er edel aus Unerfahrenheit. Aber ihm unbewußt war ihm die Selbstsucht emgeimpst worden. Die Samenkörner der Staatsklugheit für den Gebrauch °e* Parisers, die noch in feinem Herzen verdeckt lagen, mußten alfobalb aut* gehen, wenn er vom müßigen Zuschauer handelnde Person tm Drama des wirklichen Sebens wurde. Fast alle jungen Mädchen vertrauen den süßen Versprechungen der Außenseite, und sollte Eugenie eine kluge Beobachterm fein können, wie es gewisse Mädchen in der Kleinstadt sind, sollte ste ihrem Vetter mißtrauen können, da doch bei ihr noch die Sitten, Worte uno Handlungen mit den Gesinnungen des Herzens überemftimmten? Ein jur sie verhängnisvoller Zufall ließ fie die letzten Tränenströme emer wahren Empfindung trocknen, bie bies junge Herz noch aufbrachte, unb sozusagen Die letzten Seufzer bes innern Gefühls hören. So ließ sie ben Brief liegen, bet nach ihrer Meinung voll von Siebe War, unb betrachtete nach Herzensmg ihren eingeschlafenen Vetter; bie jungen Hoffnungen bes Sebens umspielten für sie noch feine Wangen; jetzt schwor sie sich, ihn immer zu lieben. Dann richtete sie ihren Blick auf ben anbern Brief, ohne btefer Jninskretwn Biel Gewicht beizulegen, und als sie zu lesen anfing, fand sie neue Beweise tut die edlen Eigenschaften, bie sie wie alle Frauen bem lief), ben sie erroaim Sicher hat er alle feine Angelegenheiten geordnet, um Frankreich halb ^Jhtt Augen'fielen auf zwei offene Briese. Die Worte, mit denen d« eine begann, „Meine liebe Annette", riefen einen Schwmbel bet ihr hervor. Ihr Herz klopfte, ihre Füße waren am Boben wie angenagelt. ** Seine liebe Annette ! Er liebt, er Wirb geliebt. Keine Hoffnung mehr ... „Mein lieber Alphonse, wenn Du biefen Brief liest, habe ich keine Freunde mehr. Aber ich bekenne Dir, daß, wenn ich an den Kindern der Welt zweitie, die gewöhnt sind, mit diesem Namen Mißbrauch zu treiben, ich nicht an Deiner Freundschaft gezweifelt habe. Darum bitte ich Dich, meme Ange legenheiten zu ordnen, und rechne auf Dich, daß Du eine gehörige Si aus dem allen, Was ich besitze, herausschlägst. Du sollst setzt meine Sag kennenlernen. Ich habe nichts mehr unb will nach 3nbten abretfen. habe foeben an alle bie Personen geschrieben, benen ich Gelb zu schwor glaube, unb Du finbeft anbei bereu Liste, bie fo genau ist, als ich sie aus dem Kopf machen konnte. Meine Bücher, Möbel Wagen, Pferbe usw. werden, denke ich, genügen, um meine Schulden zu bezahlen. Ich Will für mich den wertlosen Kram zurückbehalten, der geeignet 'st, den Anfang Warenladung zu bilden. Mein lieber Alphonse, Werbe ®tr wn fr« tu bieten Verkauf eine regelrechte Vollmacht schicken, für ben Fall von Stren g feiten. Alle meine Waffen fällst Du mtr fenben. Ferner sollst bu »ttton fu Dich behalten. Denn niemanb Würbe den richtigen Pre's sm bies wnno volle Tier zahlen, unb ich schenke ihn Dir lieber als ben üblichen Rmg, ^SaT waren bie? ©ebanfen, bie ihr burch den Kopf unb burchs Herz gingen. Sie las jene Worte überall, selbst °uf bem Fußboden, m jammern schrist. Schon auf ihn verzichten müssen! Nein, ,ch Will diesen Brief lesen. Ich muß weggehen. Ob ich ihn doch lese? . _ Sie sah zu Charles hin, nahm sanft seinen Kopf, legte ihn auf die Sehne des Sessels, und er ließ es mit sich geschehen, wie em Kind, das selbst tm Schlaf seine Mutter erkennt, unb ohne aufzuwachen sich ihre Sorgfalt unb ihre Küsse gefallen läßt. Wie eine Mutter hob sie bte herabhangende H>and auf, und wie eine Mutter küßte sie leise fern Haar. „Siebe Annette! Em Dämon rief ihr diese Worte ins Ohr. .... „ . ,, . „ „Ich weiß, daß es vielleicht unrecht ist, aber ich muß diesen Brief lesen , 9 Eugenie wandte den Kopf ab, denn ihre vornehme Gesinnung schalt sie Zum erstenmal in ihrem Seben standen sich das Gute und das Bose in ihrem Herzen gegenüber. Bis dahin hatte sie nie über eme Handlung zu erröten gebraucht. Die Seidenschaft, die Neugierde rtffen sie fort. Bei jedem Satz hob sich ihr Herz höher, und bie prickelnde Glut, die wahrend dieser Seftüre fie in Erregung versetzte, ließ sie bte Freuben ber ersten Siebe noch süßer empfinben. „Meine liebe Annette, nichts hätte uns trennen sollen, außer bem Unglück, bas mich befallen hat unb das feine menschliche Weisheit hatte voraussehen tönnen. Mein Vater hat sich getötet, (em Vermögen und meines ist vollständig verloren. Ich bin Waise, tn einem Alter, in dem ich bei der Art meiner Erziehung noch als Kind gelten tonnte; unb ich muß mich nichtsbestoweniger als ein Mann aus bem Abgrunb erheben, in ben id) gestürzt bin. Ich habe eben einen Teil dieser Nacht bazu gebraucht, meine Berechnungen zu machen. Wenn ich Frankreich als Ehrenmann verlassen Will, unb bas ist selbstverständlich, behalte ,ch nicht hundert Franken, um in Indien oder Amerika neu zu beginnen. Ja, metne arme Annette, ich gehe, mein Glück unter den mörderischen Klimaten zu suchen. Unter jenen Himmeln, hat man mir gesagt, ist das Glück sicher und schnell. Was ich in Paris sollte, wüßte ich nicht. Weder mein Herz noch mein Gesicht ist dazu geschossen, die Beleidigungen, die Kälte, die Verachtung zu ertragen, die einen ruinierten Mann erwarten, den Sohn eines Bankrotteurs. Sieber Gott! Zwei Millionen Schulden!... Ich würde da in der ersten Woche tm Duell getötet werden. So werde ich nicht dahin zurückkehren. Deine Siebe, die zärtlichste und hingebendste Siebe, die jemals ent menschliches Herz geadelt hat, könnte mich nicht hinziehen. Ach, meine Vielgeliebte, ich habe nicht genug Geld, um dahin zu gehen, Wo Du bist, um emen letzten Kutz zu geben unb zu empfangen, einen Kuß, aus bem ich bte Kraft schöpfen Würbe, die für mein Unternehmen nötig ist..." „Armer Charles, gut, daß ich es las. Ich habe Gold, ich Werbe es ihm 31 iin Sterbender seinem Testamentsvollstrecker vermacht. Farry, Breitmann L- Co. haben einen sehr bequemen Reisewagen für mich gebaut, aber noch icht geliefert: erreiche von ihnen, daß sie ihn behalten, ohne eine Ent- tzädigung von mir zu beanspruchen; wenn sie sich weigern, aus diesen Zerschlag einzugehen, vermeide alles, was unter den Umständen, in denen 3) mich befinde, einen Makel auf meine ehrenhafte Gesinnung werfen Bunte. Ich habe fechs Louis Spielschulden an den Insulaner, vergiß ja ächt, sie ihm...« „Lieber Vetter", sagte Eugenie, ließ den Bries liegen und begab sich lmgsam in ihr Zimmer mit einer der angezündeten Kerzen. (Fortsetzung folgt.) Oer Sänger. Von I. W. von Goethe „Was hör ich draußen vor dem Tor, Was auf der Brücke schallen? Laß den Gesang vor unserm Ohr Im Saale widerhallen!" 2er, König spracht, der Page lief; Der Knabe kam, der König ries: „Laßt mir herein den Alten I" — „Gegrüßet seid mir, edle Herrn, Gegrüßt ihr, schöne Damen! Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen? Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen euch, hier ist nicht Zeit, Sich staunend zu ergötzen." Der Sänger drückt die Augen ein Und schlug in vollen Tönen; Die Ritter schauten mutig drein, Und in den Schoß die Schönen. Der König, dem das Lied gefiel. Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel, Eine goldne Kette reichen. „Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern, Vor deren kühnem Angesicht Der Feinde Lanzen splittern; Gib sie dem Kanzler, den du hast, Und laß ihn noch die goldne La ' Zu andern Lasten tragen. Ich singe, wie der Vogel singt, Der in den Zweigen wohnet; Das Lied, das aus der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet. Doch darf ich bitten, bitt ich eins: Laß mir den besten Becher Weins In purem Golde reichen." Er fetzt ihn an, er trank ihn aus: „0 Trank voll süßer Labe! O wohl dem hochbeglückten Haus, Wo das ist kleine Gabe! Ergeht's euch wohl, so denkt an mich, Und danket Gott so warm, als ich Für diesen Trunk euch danke." Oas Wiedersehen. Von Karl Ude. Als wir am Mittag eines der ersten Novembertage 1914 von ber k-chule nach Haufe kamen, stand für uns beide schon das Essen dampfend «uf dem Tische und daneben lag eine gelbliche Feldpostkarte, die sehr *1 »ß mit Bleistift beschrieben war. Die Mutter, in Mantel und Hut uns invartenb, mahnte zur Eile, noch bevor sie uns begrüßte, wies bann auf e zerknitterte Karte mit ber kleinen blassen Schrift und sagte, eben habe >*r Vater geschrieben, sein Regiment sei nach Rußland befohlen und er r erbe uns noch an diesem Nachmittag während der Durchreise auf dem k adnsteig begrüßen. , . , Freudig erschrocken über solche Botschaft, griffen wir nach der Karte Jnb versuchten selber die kleine Schrift zu entziffern, aber die Mutter *'ängte unablässig, so daß ihre Erregung bald auch auf uns Übergriff, I" legte unsere Sonntagskleidung zurecht, helle graue Mäntelchen und * tue Matrosenmützen mit langen schwarzen Bändern, deren flatternde toben wir meistens zwischen den Zähnen kauten, sie kämmte uns, kiahrend wir noch die letzten Bissen herunterschluckten, unb bann rannten t 't zu Britt zum Bahnhof, nicht ohne Furcht, schon zu spat zu kommen > nn ber Vater hatte die Ankunftszeit nicht mitgeteilt, da sie ihm fetvfl lu>dl nicht bekannt gewesen. , , , Als mir den Bahnsteig erreichten, ein wenig atemlos voll großer toroartung, trafen wir dort mit vierzehn oder fünfzehn Kneg^ftauen Wammen, die ebenfalls eine kurze verheißungsvolle Nachricht aus Frankreich erhalten hatten. Da sie alle die gleiche Hoffnung trugen, aber vielleicht auch, um hinter ber Karnerabschaft ihrer Manner nicht zurück pstehen, von der in manchem Brief aus dem Felde zu lesen war, wurden i“ bald vertraut miteinander, auch wenn sie sich vorher nicht gekannt Wien. Sie verglichen die Karten, die ihre Manner heute ari |ie ! schrieben, sie erwogen, wann der Zug kommen und wieviel Minuten men für das Wiedersehen wohl gegönnt fein wurden, sie taten erleicifter Sorge der letzten Wochen von sich ab unb chienen da sie nun mit toem Leid nicht mehr allein waren, voll Zuversicht und guten Muts . Wir Jungens standen dabei, nur wenig beachtetz wachten artige Ber- 1 “Bungen, wenn man uns die Hand reichte, und schauten angespannt d.e Gleise entlang, ob der Zug noch nicht nahe. Einstweilen aber blieb die Strecke leer, und so bedrängten die Frauen mit immer neuen Fragen den Fahrdienstleiter; ber aber zog bie Achsel hoch und ging verschwiegen in sein Büro, bald hörte man ihn kurbeln und telegraphieren, und bann schellte es irgendwo, unb er lief mit langen Schritten bavon, bie rote Mütze tief in die Stirn gezogen. Alle sahen ihm nach, weiten Blicks, denn er schien wirklich die Macht zu haben, den erwarteten Zug herbeizuholen, aber er tat es nicht, sondern verschwand aufs neue hinter einer dienstlichen Tür, und nur ein scharfer Wind zog durch die hochgewölbte Halle und machte die Novemberkälte fühlbar. Später brauste ein erster Zug mit Soldaten an uns vorüber; erschrocken traten mir einige Schritte zurück, bann hingen unsere Augen groß an den Fenstern, ob der Vater irgendwo herausschaute. Wir sahen ihn nicht, und so fragten wir, wo auch immer ein Feldgrauer zu erreichen war, nach dem Regiment des Vaters unb ob niemand wisse, wann cs hier einträfe. Die Soldaten schüttelten den Kopf, nannten einen unbekannten, sehr fremd klingenden Ort, der läge in Norbsrankreich unb barin sei außer dem ihrigen kein anderes Regiment gewesen, sie wandten sich hieraus in das Innere des Abteils, und wir hörten fte unsere besorgte Frage an die Kameraden weitergeben. Wenn sie sich ins Fenster zurück- lehnten, wußten wir schon ihre Antwort, denn wir hatten die Worte bereits aus dem Wagen heraus vernommen. Lachend fuhren sie weiter, harmonikaspielend, und wir winkten ihnen nach, bewunderten bie übermütigen Kreidezeichnungen, mit denen sie ihre Wagen außen geschmückt hatten, unb staunten barüber, baß sie bie Türen auflassen unb manchmal sogar auf dem Trittbrett sitzen bürsten, obwohl ber Zug doch längst wieder in Fahrt war. , Der Nachmittag dehnte sich ungeheuer, ber Wind wurde frostig, unb bie Halle dämmerte grau. Zwischen den vielen Frauen drängten wir uns um eine Wartebank, die über einem Heizungskeller sich befand und ein wenig Wärme zu geben vermochte. Die Mutter bangte, daß wir uns erkälten möchten, sie legte jedem von uns ein Ende ihres langen schwarzen Pelzes um den Hals und rang mit dem Entschluß, nach Hause zu gehen und wärmere Kleidung zu holen; wenn fte aber den Beamten fragte, ob es gewiß fei, daß in ber nächsten Stunde ber erwartete Zug nicht eintreffe, zuckte er tvieberum mit den Schultern und meinte, dies fei nicht ausgeschlossen, denn noch viele Sonderzüge mit Militär nach dem Osten seien für heute gemeldet. So harrten wir aus, die Kälte fraß sich an uns hoch, Hunger, machte sich spürbar, und die Zeit stand still. Jedoch wenn ein neuer Zug in den Bahnhof einlief, wurden die Augen hell, die Mutter nahm uns bei den Händen und alle, die vielen fremden Frauen und di« Mutter unb wir Jungens, brängten dem haltenben Zuge entgegen unb fragten von neuem, welches Regiment nun angekommen fei („Ihr", sagten die Frauen zu den feldgrauen Männern) und ob es draußen schlimm zugehe, unb was man wohl in Rußlanb plane, ba so viele Truppen nach dort verlegt würben. Die Soldaten schienen unbekümmert und ohne Sorgen, mit mancherlei Scherzen gingen sie um die bangen Fragen herum, sprangen aus dem Zuge, so daß ihre schweren Stiefel auf den Steinen Funken schlugen, füllten hastig ihre Feldflaschen an der Wasserleitung, und bevor man mehr von ihnen erfahren hatte, zog bie Lokomotive an, unb bie lange Wagenkette ächzte bavon. Gegen Abenb traf ein Lazarettzug ein; es sah sehr feierlich aus, wie er mit feinen großen Hellen Wagen unb ben vielen roten Kreuzen auf Wänben unb Dächern vorüberglitt, unb poch bevor er sehr behutsam zum Stillstanb gelangte, hatte sich ber Bahnsteig mit Aerzten und Sanitätern und Krankenschwestern gefüllt, bie sogleich erregt hin unb her zu laufen begannen, unb ber Rauch ber fyrte schmeckte miteinemmal nach Karbol. Die roartenben Frauen würben sehr still, nur wenn eine Bahre mit einem Verwundeten vorübergetragen wurde, sagten sie flüsternd: „Der arme Kerl!" und hielten die Taschentücher vor den Mund. Wir indessen, der Bruder und ich, schauten unverwandt in bie weißen Gesichter unter ben weißen Berbänben, liefen ein paar Schritte neben ben Trägern her unb konnten uns nicht vorstellen, wie es fein mochte, so auf einer Bahre getragen zu werben, unb ob man Angst habe ober viele Schmerzen ober gar in Wahrheit so gleichgültig sei, wie bie weißen Gesichter es zu sagen schienen. Tiefer sank währenbbesien ber Tag in die herausziehenbe Nacht, stechenbe gelbe Campen würben auf ben Bahnsteigen eingeschaltet, unb außerhalb ber Halle erkannte man rote unb grüne Signallichter, die in ber Ferne seltsam zitterten. Die Gespräche unter ben Frauen waren verstummt, nur manchmal, wenn sie die wenigen Sitzplätze austauschten, fielen ein paar Worte. Immer noch hockten sie in einer engen dunklen Gruppe zusammen, längst aber fühlten sie sich wieder sehr allein, sie halten unablässig bie Taschentücher in ben Hänben, unb wenn sie sich schnäuzten, wußte man nicht, ob sie nicht zugleich auch scheue Tränen von ber Backe wischten. Die Eisenbahner unb auch bie Postbeamten, bie von Zeit zu Zeit mit ihren gelben Karren vorüberpolterten, schüttelten bie Köpfe, wenn sie uns alle noch bastehen sahen. „Die kommen boch nicht mehr!" riefen sie herüber, „geht ruhig nach Haus!" Aber bie Frauen blickten bann empört auf; ihre Männer hätten es geschrieben, erroiberten sie, unb kämen bestimmt noch, unb so warteten wir weiter. Das Frösteln fügte tief zwischen ben Schultern, bie Mübigkeit wühlte in ben Knien, unb von ber Schokolade aus dem Automaten wurde uns übel. Noch einmal blinkten schwankende Lichter auf in der braunen Nacht und ließen die Hoffnung auferstehen, als er bann aber nur ein fahrplanmäßiger Zug war, ber in die Halle donnerte, sank die Enttäuschung mächtiger in bie Herzen, unb als schließlich eine ber roartenben Frauen von einer Ohnmacht befallen wurde unb zwei andere sie roeggeleiten mußten war alle Zuversicht erschüttert, unb bie Sinnlosigkeit weiteren Wartens schlich sich ins Bewußtsein. Ja, man würbe nun sogar irre an bem was solches Wiebersehen hätte schenken können. Ob man bie Manner nicht bebrücfe unb ihnen eine anbere, bunflere Erinnerung an die Heimat mitgäbe, fragte man sich, wenn man ihnen so, burch Källe unb Müdigkeit und Enttäuschung erschöpft, entgegentrete, unb ob man nicht ihnen unb sich selber bas Herz schwer mache burch eine flüchtige Wieberholung des ersten, gültigen Abschieds ... Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R.Lange. Gießen. Einzig solcherlei Erwägen und Ueberlegen und Sichbescheiden vermochte nun noch nachdem aller Glaube versagt hatte und aller Mut verbraucht mar mit den langen bangen und mühsamen Stunden des 2Lartens zu versöhnen. Noch einmal schauten die Frauen in die Nacht hinaus, sahen nur die zitternden roten und grünen Lichter über den glitzernden Schienen, wandten sich ab, gewaltsam allen Schmerz zurückdämmend, und stiegen wortlos die Treppen zur Straße hinab. Als sie sich vor dem Bahnhof verabschiedeten, bedauerten sie uns Jungens, sie faßten uns streichelnd unters Kinn und drückten voll Mitleid unsere kalten Hande. „Ihr battet fieber gern den Vater gesehen!" sagten sie, und ihre Augen glanzten feucht. Wir aber sentten den Bück und antworteten nicht, da w.r nicht wußten ob er uns nun in Wahrheit noch ersehnt war, nun, am Ende eines Tages, an dem wü zum erstenmal die Grenzen seiner Macht, d.e Leere se.nes ^^Fllns^Tage^später°erhi>>lten wir abermals eine Karte sie war aus Rußland, und der Vater schrieb, er liege unweit vom Feind, aber noch gehe es ihm gut, und er grüße herzlich und hoffe im übrigen, man habe uns neulich noch rechtzeitig davon unterrichten können, daß der Zug mit seinem Regiment leider eine andere Strecke gefahren sei. ftrauenmut Bon Alexander von Keller. Als der Dampfer aus dem gelben Jangtsekiang in den kafseesarbenen Wanapu einbog, sprachen wir noch Über den wahrscheinlichen Preis des Silber-Dollars und die Hongkonger Kurse Plötzlich schrie jemand gellend auf, Menschen stürzten an die Reling, und als wir uns vorbeugten, sahen wir eine junge Chinesin nach ihrem Kmd tauchen, das über Bord gefallen war. Die junge Fru war tapfer denn sie kümmerte sich w»der um den reißenden Fluß noch um den Sog der Schraube, za sie tauchte so knapp neben der Schraube, daß der Kapitan die Maschinen abstellte. Als sie ihr Kind wieder glücklich an Bord hatte, sprach man natürlich nur über sie und ihre Tat. „ . „ Dr Brandtner — derselbe Brandtner, der dreimal den Versuch unternahm/ den Mount Everest zu besteigen - meinte, diese Frau wäre weder besonders tapfer noch besonders opferfreudig gewesen, und als ihm Endler, ein etwas überschwenglicher Mann energisch widersprach, sagte er lächelnd: „Diese Frau ist dem Ruse ihres Herzens gefolgt, als sie ihrem Kind nachsprang. Jede andere Frau der Erde hatte dasselbe getan. Sie hatte aber keine Zeit zur Ueberlegung, und ohne Ueber- legunq gibt es eigentlich keine Tapferkeit." . , Sie wollen doch nicht behaupten", meinte Endler heftig, „daß es Frauen gibt, die angesichts einer Gefahr, die sie voraus ehen, tapfer und ruhig sind?" Als Brandtner nickte, forderte er ihn aus, ihm emen Beweis für seine Behauptung zu geben. So ersuhr ich die Geschichte der jungen Frau Marie Orville, der Frau, die, wie Brandtner fagte^m ent» cheidenden Augenblick mehr Mut gezeigt hatte, als irgendein Mann. , Eigentlich hieß sie nicht Orville", sagte Brandtner, „sondern Marie Hill'ersloh. Sie war keine Engländerin, sondern eine Mecklenburgerin, schlank, blond und ein wenig scheu. Der Zufall führte sie nach Englano, und dort heiratete sie Henry Orville und kam mit ihm nach Indien. Ich sah sie zum erstenmal in Delhi, mitten unter den starkknochigen Engländerinnen, die damals ein wenig hochmütig aus die Deutsche herabsahen, und sie machte aus mich den Eindruck einer schwachen, zartbesaiteten Frau, die sich vor Indien fürchtete. Nun gibt es in Indien Städte, in denen man genau so gut leben tonn wie in irgendeiner Stadt Westeuropas, es gibt aber auch Städte, von denen man nicht gerne spricht, und zu diesen gehörte die Stadt Chotan, bewohnt non sünfhundert Weißen und zweihunderttausend fanatischen Eingeborenen. Sie können sich vorstellen, was für ein Leben die Weißen in dieser Stadt führen. Ich kam eines Tages nach Chotan und ein älterer Verwaltungsbeamter führte mich umher und zeigte nur die Sehenswürdigkeiten, unter anderem auch den europäischen Friedhof. Es war der größte Friedhof, den ich in meinem Leben gesehen hatte. „Werden denn alle toten Engländer Indiens in Chotan begraben? fragte ich erstaunt , . , „Natürlich nicht", entgegnete mein Begleiter, ,N aber täglich sechs Europäer in dieser lieblichen Stadt ermordet werden, wächst der Gottesacker ununterbrochen. Jeden dritten Monat kommt ein neuer Gouver- neir. drei Monate später tragen ihn sechs schweigende Männer aus seinem Heim. Keiner ist noch in seinem Belt gestorben." An dieses kleine, aber aufschlußreiche Gespräch mußte ich denken, als mir Frau Orville eines Abends mitteilte, ihr Mann wäre als Gouverneur nach Chotan versetzt worden. „Mein Mann will, daß ich in Delhi zurückbleibe", sagte sie lebhaft, „aber ich will nicht. Ich bitte Sie, was soll ich allein in Delhi anfangen? Außerdem sind Männer in Indien so unpraktisch." „Sie würden gut daran tun, in Delhi zu bleiben", sagte ich ernst. „Chotan ist eine etwas unruhige Stadt." „Wirklich?" Frau Marie ergriff meinen Arm. „Man erzählt sich schreckliche Dinge in Delhi, aber ich glaube sie nicht. Nein, nein, das kann doch nicht möglich fein." Sie versuchte zu lachen. „Es wird in Indien so viel geklatscht." Welchen Wert hätte es gehabt, diese Frau anzulügen? Ich erzählte ihr alles, was ich wußte, und sie weinte, denn es waren keine schöne Gefchichten. Es waren Geschichten, die einen starken Mann unruhig machen konnten, und dabei verschwieg ich einige Kleinigkeiten, denn die junge Frau tat mir schrecklich leib. Ich hoffte auch, Orville würde es durchsetzen, daß er nicht nach Chotan kam, denn er war in Delhi gut ungeschrieben. Aber am nächsten Tage sagte er mir selbst, daß er den Posten annehmen müsse, denn er sei sehr ehrenvoll und was dergleichen Dinge mehr sind. Henry Orville war der richtige Kolonialengländer. Als er den Gouverneurposten in Chotan übernahm, wußte er genau, daß sein Leben JU Gerade um diese Zeit kam aber in London ein neues Ministerium ans Ruder und der neue Minister für Indien — der Indien so gut kannte — verfügte, daß das Gouvernement in Chotan aufzulosen und durch eine kleine Abteilung eingeborener Polizei zu ersetzen wäre. Al» ich es erfuhr, rannte ich spornstreichs zu •Drmlte. Er war sehr froh- bat mich aber, die Verfügung noch geheimzuhalten. „Wir wollen bett Leuten sagen, daß ich einen Urlaub antrete', sagte er, »und ich werd- so unauffällig als möglich aus die Bahn fahren. Ich will nicht emmal meine Frau mltnehmen." Er sah mich ernst an. „Wollen Sie mit Mar, am Abend die Stadt verlassen? Ich habe meine Grunde für diese Trennung." * Orville sollte am Donnerstagfrüh sortsahren. Als ich gegen neun Uhr zum Gouvernementspalais ging, sah ich ZU meinem Schrecken, daß di« Straßen schwarz von Menschen waren. Der Pollzeiches tat, was et konnte, säuberte die linken Gehsteige und erlaubte den Leuten nur, sich auf dem rechten aufzuhalten, ritt mit seinen wenigen Polizisten ununter, brochen auf und ab, aber — was sind zwölf Manner gegen hiinder. taufend fanatische Teufel? Es war wirklich scheußlich. Als ichi zuni Pal«■ kam, waren die Wagen bereits vorgefahren Im ersten Wagen sollie Orville allein fahren, im zweiten sollte ich mit Frau Mary folgen und alles war schon bereit, als ein eingeborener Diener hastig zu Fra» Orville eilte und ihr etliche Worte zuflüsterte. Die junge Frau sah m ihrem blahblauen Kleid wunderschön aus; jetzt lachte sie herzlich, und ich atmete auf, denn das Flüstern des Dieners hatte mich erregt. Stal» aber in den zweiten Wagen zu steigen, trat ste zu ihrem Mann um legte ihm eine Hand auf den Arm. „Mein Lieber', sagte sie fröhlich, ich muß deine Verfügungen leider umstoßen. Wie sieht das aus, roenm der Gouverneur allein in einem Wagen fährt und fome Frau m einem zweiten? Du hast doch nichts dagegen, wenn ich nut dir fahre? Atz sah, wie Orville bleich wunde, aber Frau Mary sah schon tm Wagen und Orville blieb nichts übrig, als sich neben sie zu setzen. Was solli« er auch tun? Dann fuhren wir los. Solange mir im europäischen Viertel waren, ging alles gut. Dann bogen die Wagen in das EingeborenemJBlertel, in eine enge Straff in 'öer die Leute auf der rechten Seite dichtgedrängt standen, Leute m finsteren Gesichtern und geballten Fäusten. Gerade als wir in BW Straße einbogen, öffnete Frau Mary ihren Sonnenschirm und beugt* sich zu Orville und fchien ihn auf etwas aufmerksam zu machen, toi* lehnte sich an ihn und legte schließlich ihren linken Arm um Jein* Schulter. Es war ein wenig komisch; wenn man einen Mann auch nett hat, fo zeigt man es doch nicht öffentlich. „ Rach einer Viertelstunde kamen wir wohlbehalten zum Bahnhof um standen gleich darauf vor dem wartenden Zug. Orville bekam Ifl* Blumen, 'einige Händedrücke und der Zug fuhr ab. Als er aus der Ha li war» sagte einer der Diener erschrocken „Sahib Doktor helfen toic bitte Milady ist ohnmächtig geworden". Ich wandte mich erschrocken um I» lag Frau Mary, die Äugen geschlossen und totenblaß. Als wir uns nofli um sie bemühten, meldete der Polizeichef, er habe kurz vor der Ab sahn einige Hindus verhaftet, die den Auftrag gehabt hatten, den Gom »erneur zu ermorden. ' . „Liebliche Gegend", sagte ich wütend, „warum haben sie ihn öeinti nicht erschossen?" „ _ ..... ... ,,, Der Polizeichef, ein Bengale, berichtete, Frau Orville hatte sich !> gefetzt, daß die Verschwörer den Gouverneur gar nicht sehen konnten Sie hätten zuerst die Frau in den Rücken schießen müssen, und M wollten sie nicht tun. Sie behaupteten, Frau Orville habe alles o» sichtlich getan, weil ihr jemand ihren Plan verraten hatte. „Unsinn", sagte ich und wandte mich an Frau Mary, „das war oom, reiner Zufall?" . , ... , ..... Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, und In dieser Stille lag Mary Orville' ruhig: „Es war kein Zufall, Doktor. Als wir sortfahr wollten, verriet mir mein Diener, daß man meinen Mann am -uw erschießen wollte. Deshalb stieg ich zu ihm. Ich wußte mcht, ob mm mich verschonen würde, aber ich hosfte es. Man hat mir gesagt, datz o !■ Leute noch niemals eine Frau ermordet hätten — aber ich batte rein Hoffnung." Sie begann hilflos zu meinen. Wir aber waren ZU benn-8" um ein Wort sagen zu können." Dr. Brandtner sah den kleinen Endler an und lächelte. ,Zch gebe zu, daß auch andere Frauen fo gehandelt Hatten, av, keine hätte die ungeheure Kraft aufgebracht, nach Empfang der toemerm Botschaft heiter und gelassen zu bleiben und zu lachen, keine hatte Krast aufgebracht, dem 9)1 ann bis zum letzten Augenblick em lache Gesicht zu zeigen. Und das, sehen Sie, dos ist Heldenmut ... Ein paar Dutzend Dschonken umschwärmten den Dampfer, der Kap» ließ die Sirene aufheulen, und im Johlen der Sirene ertranken weiteren Worte des Doktors. keinen Penny wert war, er sah aber den kommenden Dingen mit ruhiger Gelassenheit entgegen. Als ich ihn drei Wochen spater in Cho an besuchte, war er wohl etwas unruhig, bemühte sich aber, seine Ausregung zu verbergen, besonders vor seiner Frau, die er abgöttisch liebte. Nur einmal, eine Woche später, verlor er etwas die Nerven Es waren wieder etliche Europäer erschossen worden, unter diesen auch der erste Sekretär Orvilles, der junge Wlnsloe, und als wir allein beim Tee saßen, jagte Orville leise „Brandtner, wenn mir etwas »usGßen sollte, nehmen Sie sich meiner Frau an. Sie finden in meinem Schreibtisch einen Bries. Gleich darauf lachte er und sprach über lächerliche Nervenkrisen, die feder Mensch in dem heißen Klima durchmachen müsse. Als er aber seine Teeschale zum Munde führte, sah ich, wie seine Hand zitterte Am nächsten Tage fand man zwei Beamte erschoffenin ihren Woh. nungen und als ich mich bei Frau Orville melden ließ, fand ich st« weinend in ihrem Zimmer und halb irr vor Angst um ihren Mann, und es bedurfte meister ganzen Kraft, um die arme Frau einigermaßen