SietzenerZamilienbliitter ________Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1937 _______Zreitag, den 18. Juni Nummer 46 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 1. Fortsetzung. Nun aber war es mit meiner Selbstbeherrschung zu Ende. Nun wollte ich dem Martincho meine Meinung sagen. Ich erhob mich und sagte, ob er, der stinkige Kerl von Stierschlächter, glaube, daß er seine schmutzigen Pfoten nach mir ausstrecken dürfe, weil ich mit ihm zeche. Ich fragte ihn, ob er sich jemals klar gemacht habe, wer er sei und was ich sei? Ich sei Stierkämpfer gewesen wie er, aber ich sei ein Maler geworden, wie die Welt wenige gesehen hat; er aber werde ewig Stierkämpfer bleiben, so einer, von denen zwölf ein Dutzend ausmachen. Nicht ich sei dem König nachgelaufen, sondern er mir. Und alle liefen sie mir nach, -erzöge und Minister, selbst der allmächtig gewesene Godoy, um sich von mir malen zu lassen. Aber wem ich diesen Vorzug erweisen wolle, der müsse schon eine gewichtige Empfehlung mitbringen. Und wenn Martincho überhaupt ein Bild von einem Topfdeckel unterscheiden könnte, so solle er sich einmal ansehen, wie ich den König und die königliche Familie gemalt habe. Ob ich ihnen etwa geschmeichelt habe? Ob man nicht jedem durch die Maske seines Gesichtes bis auf den Grund der Seele sehe? Ob dem König nicht die Dummheit aus den Augen schaue, und dieser alten Dirne, der Königin, nicht das Laster aus jeder Falte des Lederbeutels, den sie ihr Gesicht nenne. Menschengesichter, sagte ich, seien für mich nur Larven für Tiergesichter, hinter jedem von ihnen sehe ich das Tier, dem es eigentlich zugehört, ich sehe die Schweine und Böcke und Schafe und Esel, die sie eigentlich seien. „Hinter deinem Gesicht, Martincho!", schloß ich, „hinter deinem Gesicht aber sehe ich das des eitlen Affen, als den dich alle sehen würden, wenn du dich nicht verkleidet hättest." So ungefähr sprach ich zu Martincho. Er hatte mich lang genug herausgefordert. Nun hatte er meine Meinung zu hören bekommen, und ich denke, ich habe sie ihm gründlich gesagt. Die anderen hatten sich geduckt und waren zurückgewichen, in einem weiten Kreis von schreckerfüllten Gesichtern standen Martincho und ich uns gegenüber. Martincho sah mit einem tückischen Blick aus blutunterlaufenen Augen um sich, es war die Miene eines wütenden Stieres, die er mir nun zeigte. Aber vielleicht hätte er im letzten Augenblick noch eingelenkt, wenn nicht jemand jetzt plötzlich hell aufgelacht hätte. Es war die Celeftina, die da lachte. Da sah ich auch schon das Messer in Martinchos Hand, er riß das Halstuch herab, wand es um die linke Faust und kauerte sich mit einem liefen Knurren zum Sprung zusammen. Auch ich zog das Messer aus der Innentasche meines Frackes und schleuderte ihn von mir. In meinen Träumen sah ich manchmal die Zwei in Zaragossa und den Mann in Madrid, die mit meinem Messer Bekanntschaft gemacht hatten, als es mir noch sehr locker saß. Es waren keine guten Träume. Der Mann in Madrid war gegen eine Haustreppe gefallen, er lag mit dem Gesicht auf den Stufen, er wand sich hin und her, und unter feinem Körper, aus der Wunde, die man nicht sah, kam ein dünnes Rinnsal von Blut hervor und floß dem Rinnstein zu. Ich bin seither nie mehr durch diese Gasse gegangen. Nun hatte ich wieder ein Messer in der Hand, und mir gegenüber duckte sich einer zum Sprung. Was sollte ich, Gott helfe mir, anderes tun, als ihn den anderen nachfchicken? „Zwanzig Büros auf Francesco!" schrie der Cachetero Narvaez. „Halt", rief da der Doktor Siebold, der plötzlich auf dem Tisch stand, „schaut einmal alle hierher!" Alle Köpfe wandten sich ihm zu Und wenn es den andern erging wie mir, so geschah ihnen folgendes Zuerst sahen sie die dunkeln Augen des Doktors immer tiefer und größer werden, sie wurden zwei Löcher, durch die man in unergründliche Tiefen zu blicken meinte, bann flössen die zwei Löcher in eines zusammen, wurden zu einem saugenden schwarzen Schlund, der alles in fid> zog. „Was ist denn das?" fragte der Doktor langsam und wie aus weiter Ferne, „wo sind denn eure Köpfe?" Wahrhaftig, alle Menschen in Tiburcios Posada hatten mit einemmal feine Köpfe mehr. Jedermann hörte einfach oberhalb der Schultern mit einem Stückchen Hals auf, obzwar sich sonst nichts verändert hatte und die Körperhaltung dieselbe war, als trüge jeder noch feinen Kopf Wie es sich mit mir verhielt, ob ich auch keinen Kopf hatte und auf welche Weise ich dann sah, daß die andern keinen hatten — das weiß ich nicht LU sagen. Das dauerte eine gute Weile, vielleicht ein halbes Vaterunser lang, dann sagte der Doktor Siebold: „Merkwürdig, jetzt habt ihr eure Köpfe wieder!" - ' Und wirklich, da hatte jeder feinen Kopf wieder, und alles war wieder in Ordnung wie bei jedem Christenmenschen. Alle sahen einander an und lachten verlegen, daß sie sich so hatten anführen lassen. Der Cachetero Narvaez wischte sich mit einem Zipse! seines Hals- tuches den Schweiß ab, der ihm während der Zeit der Unsichtbarkeit seines Kopfes auf die Stirn getreten war. „Bei Christi Blut Doktor!" grinste er, „das war ein starkes Stück. Die Indios, bei denen Ihr das gelernt habt, müssen verdammte Zauberer gewesen sein!" Ich verstand, welchen Zweck der Doktor mit seinem Blendwerk verfolgt hatte. Seine Freundschaft zu mir hatte es ihm eingegeben. Nein, nachdem man ein halbes Vaterunser lang ohne Kopf dagestanden hatte, konnte man die unterbrochene Messerstecherei nicht gut wieder aufnehmen. Der Schrecken hatte in die Seelen eine Oeffnung gerissen, durch die der Zorn abgeflossen war. Es wäre lächerlich gewesen, jetzt noch einmal anzufangen. Martincho schaute verwirrt um sich, er war zur Besinnung gekommen. Warum hielt er eigentlich das Messer noch in der Hand? Fort damit! „Ja, wir haben schon recht gesehen", sagte der Espada Vidriera, „wir hatten den Kopf verloren. Es ist nur gut, wenn man ihn so rasch wiederkriegt. Ich warf das Messer in die Lust, fing es im Fallen beim Griff und damit hatte auch ich bekundet, daß ich auf den Kampf verzichte. Dann zog ich meinen Frack wieder an, versorgte das Messer in seiner Innentasche und wandte mich zum Gehen. Sie riefen meinen Namen hinter mir her. „Francesco, das Ferkel!" Aber ich ließ mich nicht halten und schritt die Gasse hinab, an deren Ende man ein Stück des Manzanares sah, der auf seinen Wellen die Bilder rosiger Abendwolken mit sich trug. Ms ich eben in den Uferweg einbiegen wollte, hörte ich eine heisere Stimme hinter mir: „Exzellenza! Exzellenza!" Gs war die Pastrana, die alte Bettlerin, die da hinter mir dreinkam. Jämmerlich anzusehen, wie ihr Körper bei jedem Schritt in den Hüften stieß und wie sie mit dem Stock arbeitete, um sich vorwärts zu bringen, während sie die andere dürre, verkrümmte Hand gegen die Häuserwände stemmte. Mitleid bewog mich, stehen zu bleiben und die Alte zu erwarten. „Was willst du?" fragte ich. „Exzellenza", keuchte sie und hob ihre Triefaugen von unten zu meinem Gesicht, „Exzellenza, ich habe eine Bitte an Sie, einen Auftrag ..." „Was gibt's?" „Es ist die Bitte einer schönen Frau ... eine" inständige Bitte, Meister." „Ach was! Kuppelst du auch, Pastrana? Es muß schon eine sehr schöne Frau sein, die dich schickt, wenn es wahr ist, daß die Frau um so schöner ist, je häßlicher die Kupplerin aussieht." „Es ist eine schöne Frau, Exzellenza! Aber es ist nichts dergleichen ... sie will Sie sprechen und läßt Ihnen sagen, es solle sich nicht um Liebe handeln." „Um was dann?" „Ich weiß es nicht. Aber es soll etwas sehr Ernstes und Wichtiges sein, soll ich sagen. Und Sie würden es bedauern, wenn Sie nicht kämen, Exzellenza, soll ich sagen. Und ich bin nun schon feit Tagen hinter Ihnen her." Ich hatte tausend Frauenabenteuer genossen, und es wäre an einem tausendundersten nichts gelegen gewesen, obzwar sie alle so ziemlich gleich verliefen. Aber gerade jetzt verlangte es mich nicht nach einem neuen, damit hatte ich abgeschlossen, mein Herz war ruhig und fest und aller Unrast des Suchens enthoben. Ich wollte die alte Hexe schon abschütteln, aber da war auf einmal das sonderbare Gefühl, ich dürfe nicht nein sagen; es war eine plötzliche Angst, die sich nicht abweisen ließ. Nichts von der früheren leichtfertigen Besorgnis des Lieblings der Frauen, der ich gewesen bin, es könnte mir etwas besonderes entgehen, sondern eher die Ueberzeugung, etwas dunkel Drohendes abwehren zu müssen. Aus den Triefaugen der Alten funkelte mir ein böser Strahl ins Gesicht. „Sie würden es bedauern, wenn Sie nicht kämen — soll ich Ihnen sagen", wiederholte die Pastrana. „Gut, ich komme!" entschied ich nach kurzem Besinnen. „Es ist gut! Folgen Sie mir!" sagte die Alte und torkelte mir voran, und ich schritt in einiger Entfernung hinter ihr, gebannt durch den schrecklichen Anblick dieses zerbrochenen Körpers, der sich unter Qualen zu weiden und zu hüpfen schien, um mühsam weiterzukommen. Plötzlich entsann ich mich, von irgendjemandem gehört zu haben, daß Sweifet, daß er Ferdinand zur Abdankung zwingen arls hat er wohl schon in der Tasche, und dann die Pastrana vor langen Jahren unter dem verdacht der Hexerei der I Inquisition in die Hände gefallen war und daß ihr die Tortur die Knochen so verdreht und die Gelenke zerrissen hatte. Man mochte gegen die Franzosen sagen was man wollte, vor Inquisition und Tortur wenigstens war man sicher, solange ste die Herren Äeits"de" Flusses kam uns eine Geihlerprozession entgegen. Fahnen wurden vorangetragen, dann folgten Mönche, die eineß’farui langen und dann die Geißelbrüder, die den Oberkörper entblößt hatten und die Geißeln schwangen. Immer im Takt, immer auf leben siebenten Schritt, einmal rechts über die Schulter, einmal links über die Schulter. Mit ihren Geißeln aus sieben ßeberftreifen, m die Bleiklumpen und Nägel eingeflochten waren, zerfleischten sie ihre Ruckern ?azu riefen sie: „Für Christi Blut!" „Für Christi Wunden! „Für Christi Lanzenstich!" „Für Christi Dornenkrone!', für jedes blutige Mal der Passionsgeschichte rissen sie Feßen aus der eigenen Haut. Ich trat zur Seite und zog den Hut. Ich hatte nichts für die Mönche übrig, die faul und gefräßig in Schwärmen das Land aussogen, ich war ein Feind des Aberglaubens, der das Denken des Volkes verfinsterte; aber ich glaubte mich nicht berechtigt, einer religiösen Hebung meine Mißbilligung zu zeigen, auch wenn ich sie für einen Unsinn ns verdroß mich, daß drüben an der Straßenecke ein Häuflein französischer Soldaten sich über die Prozession lustig machte. Sie zeigten mit den Fingern auf die Geißler, machten einander auf die Dinge aufmerksam, die sie für besonders komisch hielten, und ahmten die kläglichen Rufe der frommen Bruder nach, und dann lachten sie alle zusammen ganz unbändig. Sie, die Eindringlinge, wagten es, die Herren dieses Landes zu verhöhnen. . Plötzlich klatschte scharf über den Köpfen der Franzosen ein Stein an die Hauswand, und Mörtelstaub rieselte aus die Uniformen. Sie hörten zu lachen auf, sahen sich um und schnatterten dann aufgeregt durcheinander. Es hatte den Anschein, als wollten sie über die Geißler herfallen, um den Schuldigen zu ergreifen. Ich beeilte mich, weiterzukommen, ich hatte die Pasttana aus den Augen verloren, nun fah ich sie an der Tür eines Hauses lehnen und mir durch em Zeichen bedeuten, daß wir am Ziel seien. Es war em einstöckiges Haus, das sich in nichts von den anderen Hausern dieses Stadtteils unterschied. Hier standen lauter einstöckige Häuser, wohl noch aus der Zeit der Bauordnung Philipps II. Er hatte sich die Verfügung über die zweiten Stockwerke aller Madrider Häuser vorbehalten, und seine treuen Madrider Bürger hatten es daraufhin vorgezogen, sich, wenn sie bauten, mit einem Stockwerk zu begnügen. Im Flur des Hauses wartete die Pastrana. Sie führte mich in ein Zimmer und bat mich, ich möge mich hier ein wenig gedulden, die Herrin des Hauses werde sogleich erscheinen. Das Aeuhere des Gebäudes war nichtssagend gewesen, Flur und Treppen waren kahl und dürftig, aber der Raum, in dem ich mich nun befand, zeigte, daß die Besitzerin einigen Kunstverstand besaß. Die Teppiche, Spiegel und Bilder bewiesen einen guten Geschmack, und besonders zog mich der Gekreuzigte über dem Betschemel an, eine rohe und barbarische, aber zu mächtigem Ausdruck des Leidens gesteigerte Arbeit eines gotischen Meisters. Nachdem ich sie eingehend betrachtet hatte, wollte ich mir die Bilder genauer ansehen. Da bekam ich einen kleinen Schlag auf das Herz. War das nicht ... diese gerahmte Sepiazeichnung, die da hing, war das nicht eines meiner eigenen früheren Werke aus meiner römischen Zeit? Es war das Grabmal der Caeellia Metella, gewiß, das Grabmal der Caecilia Metella, wer je in Rom gewesen war, mußte sie erkennen; aber da war zugleich noch etwas anderes, ein Geheimnis, eine verliebte Spielerei. Jetzt entsann ich mich: wenn man dieses Bild richtig betrachtete, mit seitlicher Neigung des Kopfes, so ergaben sich aus zusammenfließenden Linien des Grabmals, einiger Bäume und der fernen Berge die Umriffe eines Kopfes, eines Frauentopfes. Jeder Unbefangene sah nur das Grabmal der Caecilia Metella, für mich aber und die eine Frau, die darum wußte, wie diese Zeichnung entstanden war, enthielt sie auch dieses süße und bittere Geheimnis, das Geheimnis dieses Kopfes. Schwester Blandina! Ich hatte die Zeichnung vergessen gehabt, nun entsann ich mich, sie war entstanden am Morgen nach jenem Tag, an dem ich im Uebermut die Kuppel der Peterskirche erklettert hatte, um meinen Namen dort einzukratzen, wohin mir niemand nachkam. Dort oben, auf einer Quader in der Kuppel, stand mein Name, dem Himmel naher als der irgendeines anderen Sterblichen im ewigen Rom ober sonstwo. Genau so, wie auf dem Riesenbau der Kunst mein Name ganz obenan eingegraben war, auf dem Scheitelpunkt der Kunst neben ganz wenigen größten Meistern. Diese Sepiazeichnung aber, aus deren bräunlichen nten, recht betrachtet, der Umriß eines Frauenkopfes ent- gegentra1 nein, dieses Geheimnis, das sie barg, so heiter und kühn es in seinem . ginn gewesen war, jetzt war es nur eine düstere und peinliche (Erinnerung. „Der M-'ster bewundert sein Werk!", sagte eine Stimme hinter mir. Die grau, die das Zimmer lautlos betreten hatte, war mir nicht unbekannt. Ich war ihr schon öfter begegnet, in Zwischenschichten der Gesellschaft, zu denen die seinen Kreise gerne herabsteigen, um dort jene zu treffen, die von unten emporsteigen. Schauspieler und Schauspielerinnen verkehren in diesen Zwischenschichten. Spieltische stehen da, man langweilt sich weniger als anderswo. Wenn ich nicht irrte, so hieß diese Frau Isabel Calderana. Sie war nicht gerade anrüchig, aber doch etwas fragwürdig, eine der Damen, deren Gefälligkeit jeder erwartet und die ihre Gunst doch nicht öffentlich vergeben. Sie nahm auch gelegentlich an Kartenspielen teil, und es gab Leute, die behaupteten, daß sie vielleicht dem Glück ein wenig nachhelse; aber man behauptete es nicht mit einer Entschiedenheit, die ihre Stellung gefährdet hätte. In ihrer Begleitung land man oft einen etwas geckenhaften, nicht mehr ganz jungen Mann, ber dessen eigentlichen Beruf man völlig im Unklaren war. Aber nicht er aalt als Isabels Freund, sondern, wenn man einen solchen überhaupt bezeichnen konnte, ebfr der Herzog von Alba, mein alter Feind. War es so, dann war hier Vorsicht am Platz. , . Das war die Frau, in deren Haus ich von der Pasttana gesuhrt worden war. Es ist leider der einzige Goya, den ich besitze , sagte ste. Woher haben Sie diese Zeichnung?" fragte ich. Isabel lächelte seltsam. „Sie ist em Geschenk! antwortete sie kurz. Sie lächelte ein wenig, denn sie hatte wohl bemerkt, daß ich sie mit Maleraugen betrachtete. Warum soll ich verhehlen, daß ich von ihrer Erscheinung entzückt war? Wie sie da vor mir stand: im schwarzen Kleid mit dem roten, von Goldspitzen umrandeten Jäckchen, em Geslirr seiner Spitzen um die Handgelenke, die kleinen Füße in roten Schuhen dazu das Elfenbein ihrer Haut und der gefährliche Reiz ihres Gesichts auf dem Hintergrund des hochgezogenen schwarzen Schultertuches ich hatte sie trotz meiner Abneigung, die auf irgendeinem unerkennbaren Grund beruhte, vom Fleck weg malen mögen. nofirn „Und nun wollen Sie wohl wißen, warum man Sie hierher gebracht hat?" fragte Jfabel. Ich meinte, es wäre an der Zeit, das endlich zu erfahren. „Nicht ich habe Sie gerufen — es ist Spanien, das Sie gerufen Sofa1 — al^SpcnUen hatte mich gerufen, nun, ich war neugierig, was es von mir wollte. .Sie wißen", begann Donna Isabel, „wie die Dinge stehen. Unser König ist durch den Willen des Volkes Ferdinand und nicht mehr sein Vater Karl. Das Volk vergöttert den Prinzen, aber — unter uns gesagt — er ist nicht einer der stärksten Geister. Damit will ich ihn nicht herabsetzen. Ein König muß nicht starken ©elftes fein, dazu ift er ja König, um sich den Geist von anderen zu leihen. Schlimm ist nur, daß er vertrauensselig ist und am schlimmsten daß er es Napoleon gegenüber ist. Er hat seine Sache ganz aus den Kaiser gestellt. Er starrt ihn an wie der Vogel die Schlange. Diesem General Scwary ist es gelungen, den König auf französischen Boden zu locken, nach Bayonne, um dort Napoleon zu begrüßen und seine Gunst zu gewinnen. Es war eine Falle. Das Volk hat ihn nicht abreifen laßen wollen und feinen Pferden das Sattelzeug zerschnitten, aber Ferdinand hat nun einmal (ein Vertrauen auf Napoleon gefetzt. Nun hat Napoleon auch Godoy, nachdem ihn das Volk halbtot geprügelt hat, nach Bayonne bringen laßen, und jetzt sind auch Karl und Maria ßuife bei ihm. Gut fo war es, Donna Jfabel machte offenbar in Politik. Aber ich war weit davon entfernt, ich sah noch immer nicht ein, was das alles mich anging. _ . . „Warten Sie. Nun sind also alle zusammen in Bayonne und in Napoleons Gewalt. Er hat unfern rechtmäßigen König bloß als Prinzen von Asturien begrüßt, hat die Revolution verurteilt und ihm Undank gegen feine Eltern vorgeworfen. Wir wißen, was Napoleon plant Es ift kein Zweifel, daß er Ferdinand zur Abdankung zwingen will, den Verzicht Karls hat er wohl schon in der Tasche, und dann wird Napoleon einen seiner Brüder oder seiner Generale zum König über Spanien machen." „Gut", sagte ich, „es sieht Napoleon ähnlich. Und ich? „Sie sind dazu ausersehen, Ferdinand eine Botschaft zu über» brm,3n roeffen Namen sprechen Sie?" erkundigte ich mich. ,;3m Namen des spanischen Volkes. Mehr zu sagen, ist unnohg und gefährlich." . . , , „Ich hätte es lieber gesehen, wenn jemand mit mir gesprochen hatte, der dazu beglaubigte Vollmacht hat." „Die Männer, die bei uns Politik machen, sind den Franzosen verdächtig und werden von Spionen bewacht. Sie müssen im Hintergrund , Und dann — warum soll gerade ich der Bote sein?" „Sie? Sie sind Maler, Sie kümmern sich nichts um Politik. Der König ist Napoleons Gefangener, es versteht sich, daß Napoleon keinen Boten seines Volkes vor ihn läßt. Jeder andere würde abgefaßt werden und nie an fein Ziel gelangen. Aber Sie, Sie sind Maler, kein Mensch wird etwas daran finden, auch nicht Napoleon, wenn Sie nach Bayonne kommen, um den geschichtlichen Augenblick dieser Zu- fammenkunst durch Ihren unsterblichen Pinsel sestzuhalten." Es war etwas an dem, was Isabel sagte. Ja, mein Pinsel war em Freipah, ein Schlüssel zu allen Türen, er führte mich mitten durch feindliche Armeen, er ebnete mir alle Schwierigkeiten. Napoleon war eine Macht; aber auch ich war eine Macht, und Napoleon würde mich nicht anzutasten wagen. Er konnte Throne stürzen, und Europa mußte es hinnehmen, aber er durste mich nicht antasten, ohne daß Europa aufschreien würde. Plötzlich aber erwachte ein Mißtrauen in mir. Warum strich mir diese Frau den Honig ihrer Schmeichelei so dick aufs Brot? War mein Malerstolz etwa der ßeim, aus den ich gehen sollte? _ Sie sollte sich verrechnet haben. „Es tut mir leid, sagte ich kopfschüttelnd, „Ihnen nicht dienen zu können, Sennora, ich bin hier durch eine große Arbeit festgehalten." „ „Spanien ruft Sie. Es wendet sich an Ihr Herz und Ihren Mut. Nun wurde ich ärgerlich, für fo dumm gehalten zu werden. „Ich bin ein fo guter Spanier wie irgendeiner. Aber ich will Ihnen nur sagen, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wer hier König ist, ob dieser Schwächling Ferdinand, den das Volk zu seinem Götzen gemacht hat, oder der dicke Dummkopf Sari. Ich bin lange genug Hofmaler gewesen, um dieser Familie auf den Grund der Seele gesehen zu haben. Der Einzige, der etwas taugt, ist ja doch Napoleon." Donna Isabel sah mich an, mit völlig unbewegten Mienen, deren Ausdruck mir undeutbar blieb. Dann sagte sie nur kurz: „Schade!" Und als wollte sie einen Rückzug decken, trat sie vor das Bild mit der Ansicht des Grabmals. „Eine gute Arbeit." (Fortsetzung folgt.) Waage des Lebens. Von Wilhelm Suetjens. Sage, was der Tag dir gab! — MÄH' und Sorgen, ungebeten, Blüten, die im Wind verwehten, junges Sprießen in den Beeten gartenauf und gartenab. Sage, was die Nacht dir schenkt! — ^unkles, strömendes Vergessen, Träume, tief und uncrmessen, Leben, das ich nie besessen, das der neue Tag verdrängt. Aber Tag und aber Nacht: Beide halten in der Waage Lebens Lust und leise Klage, alle Fülle, alle Frage, die mich reich und traurig macht. Kapa, das Oschungeldorf. Von Dr. Hugo Adolf Bernatzik. In mühevoller Arbeit haben Menschenhände dem Urwald ein Stück Land abgerungen. Aus Bambus und Palmblättern erbauten sie einfache Hütten, rodeten Land und legten Reisfelder an. Kinder wuchsen auf, immer mehr Menschen siedelten sich an, und immer größer wurde das Dorf. Heute besteht Kapa aus etwa 40 Hütten, die von einem fruchtbaren Streifen Land umgeben sind. An dieses bebaute Land aber schließt ohne Uebergang der tropische Urwald an, dessen mächtige Baumriesen und üppig wuchernde Pflanzenwelt von keiner Axt je berührt, die Berge und Täler der Westküste der Halbinsel Siam bedecken. Auch innerhalb des Dorfes hat er noch manche Spuren hinterlassen. Hohe Urwaldbäume, mächtige Bambusstauden, buschige Farne und schlanke Palmen umgeben jede Hütte wie ein grüner Wald, und halten die Blicke des Nachbarn fern. Die spärlich eingezäunten Gärten grenzen aneinander an. Da wachsen Bananen, Mango, Lemonen, Ananas, Mangostin, Betel- und Kokospalmen und viele andere Pflanzen, die köstliche Früchte und Gemüse liefern. Alles überragen die weitausladenden Kronen der Durianbäume. Ihre nach Aas riechenden, kopfgroßen Früchte enthalten wohlschmeckende Fruchtkerne, die ein Hauptnahrungsmittel der Menschen und Tiere des Dschungels bilden. Alles wächst, gedeiht, blüht, trägt Früchte das ganze Jahr hindurch, fast ohne Pflege. Die Menschen haben hier keine Not zu leiden. Fast alle Bewohner von Kapa sind Reisbauern, und ihre Arbeit gilt den Feldern, dem Anbau des Reiskornes in Saatbeeten, dem Aussetzen der jungen Pflanzen auf die Felder, der Ernte und nicht zuletzt der Zucht der Wasserbüffel als Arbeitstiere. Während aber in den großen Reisfeldebenen i)es jahreszeitlich geregelten Monfumklimas die künstliche Bewässerung der Felder viel Arbeitskräfte fordert und das Gedeihen der Ernte von der alljährlichen Menge des aus den Flußbetten austretenden Ueberfchwem- mungswaffers abhängt, sind die Reisbauern hier inmitten der tropischen Regenwälder dieser Sorgen enthoben. Es regnet hier im Westen das ganze Jahr hindurch, und der Himmel sorgt dafür, daß der Reis ohne jedes Zutun der Menschen die zu seinem Wachstum nötigen Wassermengen erhält. Die Gegend von Kapa weist die gewaltige Niederschlagsmenge von 4 Meter im Jahr auf! Nicht selten kommt es vor, daß diese Wassermengen den Menschen zum Verhängnis werden. Wenn während der besonders starken sommerlichen Regen viele Tage und Nächte hindurch ununterbrochen schwere Wolkenbrüche über den nahen Gebirgen niedergehen, dann können die von den Bergen herabströmenden ungeheuren Fluten die ganze Ebene überschwemmen und alles niederreißen, was Menschenhände errichtet haben. Doch die Bauern von Kapa sind schicksalsergeben, und kein drohendes Unheil kann sie daran hindern, sich ihres Lebens zu freuen, das zwar nicht reich an äußeren Glücksmöglichkeiten ist, in dem es aber keinen Daseinskampf, keinen Neid, kein Elend gibt. Die angeborene Anspruchslosigkeit des Volkes, die hier noch nicht wie in anderen Teilen Siams, wo der von Jahr zu Jahr „moderner" werdende Staat mit immer wachsenden Forderungen, Rechten und Pflichten an das Individuum herantritt, künstlich erhöht wurde, gibt den Menschen die beste Gewähr, das Glück des bloßen Daseins zu empfinden. Auch die buddhistische Religion, deren Hauptgebot es ist, Menschen und Tieren nichts zuleide zu tun, die die Unwichtigkeit der kurzen Sebensfrift des einzelnen «hrt, der erst nach zahlrichen Wiedergeburten in das Nirwana eingeht, ibt auf die Menschen der abgelegenen Dörfer noch einen ungestörten Einguß aus. Keine Streitigkeiten, keine Mißgunst störten die Harmonie des Dorfes, bas wir nach mehrtägiger Reise auf Clesantenrücken erreichten. Wir i ewohnen ein kleines, auf hohen Pfählen ruhendes Häuschen, dessen weit- rberhängendes Blätterdach über einer großen Veranda ruht. Viele kleine, linke Eidechsen und auch ein großer (Beto, dessen Anwesenheit Glück «edeutet, sind unsere Mitbewohner, und draußen im Hellen Grün zwit- Idjern bunte Sänger ihre Lieder, huschen Eichhörnchen eilig auf und ab. hinter dem alten Tamarindenbaum, der den Platz vor unserer Hütte beschattet, schlängelt sich glitzernd der Klong Pa durch sein schmales, von irünen Ufern eingeschlossenes Bett. Er entspringt irgendwo in den Sergen, die Ausläufer der Zentralkordilleren sind, plätschert durch die Stille des Urwaldes, fängt zahlreiche kleine Rinnsale auf, stüpft über Cteinblöcke und bildet bei Kapa seine letzte größere Stromschnelle. Dann tiefct er langsam, in der Ebene immer breiter werdend, durch Mangroven- Umpfe hindurch, bis er schließlich einem breiten Meeresarm gleich, etwa 40 Kilometer hinter Kapa in den Golf von Bengalen mündet. _ Noch in Kapa machen sich die Gezeiten stark bemerkbar, und nur bei Hut ist es möglich, in einem der kleinen Flußboote die Früchte unseres “artenborfes, vor allem Durian, zu verschiffen. Klong Pa ist „der Fluß" des Dorfes. In seinem klaren Wasser flehen junge Mütter und baden lachend ihre Kinoecschar. Schon die nur wenige Tage alten Säuglinge werden dreimal des Tages in [eine Fluten getaucht. In langen Bambusrohren wird sein Wasser in die Hütte getragen. An seinen Ufern werden Geräte und Kleidungsstücke gewaschen, dabei gibt es Gelegenheit zum Plaudern, da schwimmen und tauchen die Knaben, da stehen die Arbeitselefanten, kleine braune „Mogli" auf ihren Rücken tragend, und bespritzen sich aus vollen Rüsseln, da pilgern die Dorfbewohner ihn ruhiger Gelassenheit hin, um vor Sonnenuntergang ihr Bad zu nehmen, solange die Krokodile noch nicht gefährlich sind. Im Bereiche des Buddhatempels sitzen kleine Mädchen im Wasser und füttern die heiligen Fische, die, stets geschont, sich zu ungeheuren Mengen vermehren und zu gewaltiger Größe entwickeln. lieber den Fluß führt eine Hängebrücke an das andere Ufer. Nur von hier aus sind die fernen Berge sichtbar, kann man festftellen, ob sie frei oder von Regenwolken umhüllt sind, nur hier spürt man den kühlen Wind, der von den Höhen ins Tal weht. Seit unserer Anwesenheit jedoch hat der Fluß etwas von seiner Anziehungskraft verloren. Man zieht es vor, die Stunden der Muße „bei den Weißen" auf der Veranda zu verbringen. Lachend kommen die Frauen die Stufen herauf und öffnen verschämt ihre Bündel, die Geschenke für uns enthalten, wie Eier, Ananas, Bananen und andere Früchte. Dann fetzen sie sich zu uns und plaudern mit erschreckend kreischenden Stimmen. Junge Männer mit aufgeweckten Gesichtern kommen und berichten uns „vom Kriegsschauplatz", d. h. von den Taten des Tigers, des gefürchtetsten Feindes der Dschungelbewohner. Vor acht Tagen hat ein Tiger einen weidenden Büffel zerrissen, vor kurzem ein Wildschwein. Ein anderer wieder schlug eine Kuh in unmittelbarer Nähe einer Hütte, und in der vergangenen Nacht wurde wieder eine Büffel die Beute, der die blutdürstige Katze zwar noch abschüttelte, aber wenige Schritte vor dem Hause des Eigentümers tot zusammenbrach. Abenteuer mit dem König des Dschungels werden erzählt, Jagdpläne geschmiedet, doch weder uns noch den Eingeborenen gelingt es, einen der schlauen Räuber zu überlisten. Wir sitzen noch beim Frühstück, da kommen schon braune, nackte Kinder daher, halten zwischen ihren Fingerchen Kröten, Eidechsen, Fledermäuse, Schnecken, Tausendfüßler, Würmer und viele andere Kleintiere, die sie mit großem Eifer für unsere zoologische Sammlung eingefangen haben. Die großen Jungens bringen Eichhörnchen und Vögel, die sie mit ihren Schleuderbogen erlegen. Erwachsene Burschen rücken mit größerer Beute an, Waranen, fliegenden Hunden oder den verschiedenartigsten Giftschlangen. Welche Angst und Aufregung bewegt bann den Menschenschwarm, der unsere Veranda erfüllt, wenn eine der großen Kobras ober herrlich gefärbten Tigerschlangen von ihren Fesseln befreit wirb unb trotz heftigen Wehrens in einem unserer Spiritusgefäße einem raschen Tob entgegengeht. Auch unsere Apotheke bietet Anlaß, uns zu besuchen. Da hat sich ber kleine Tainong, ein munterer Knabe von elf Monaten, ber immer weint unb schreit, wenn feine große Schwester ihn nicht zu uns bringt, bas Aermchen gebrochen. Er ist heruntergefallen, was nicht rounbern kann, ba bie größeren Kinber mit ben Säuglingen überaus lebhaft herumturnen. Ein Bursche zeigt uns hilfeflehend seine blutüberftrömte Hand, er hat sich mit bem Dschungelmesser drei Finger abgehackt. Ein alter Mann klagt über Schulterschmerzen, eine schwer fiebernde Frau über Kälteschauer. Viele leiden an Ringwurm und anderen Hautkrankheiten, aber auch Gesunde verlangen eine Medizin ober auch Lebenstränke, um „bei guten Kräften zu bleiben", wie sie sagen. Sie alle hocken gern ein Weilchen bei uns, wollen dies unb jenes wissen unb erzählen uns von ihrem Leben. Währenb wir uns in irgenbeinem Winkel mit einem ber Kinber beschäftigen, gleicht unsere Veranda meistens einem Kindergarten. Da kriechen lustige, nackte Säuglinge am Boden herum, stecken alles in ben Mund und verursachen nicht selten kleine Ueberfdjmemmungen. Hier sitzen Kleinkinder beisammen und spielen mit bem von uns mitgebrachten Spielzeug. An einem Kettchen hängt ein silbernes Herz, dort wo Eva das Feigenblatt trug, und in der Mitte des glattrasierten Köpfchens steht lustig ein schwarzes Haarbüschel weg, mit einem Silberring ober einem Wollfaben zusammengebunden. Dort wieder verfolgt eine Gruppe Fünf- bis Siebenjähriger neugierig unser Tun ober es sitzt ein kleiner Einsamer in einer Ecke über ein Zeichenpapier gebeugt. Manchmal raufen bie Knaben, oft gibt es auch leibenschaftliche Raufereien, blutige Nasen unb Beulen werben helbenhaft ertragen. Der fünfjährige So ist ber Liebling meiner Frau. Er ist nicht nur sehr intelligent unb löst den psychologischen Schulreifetest, der für europäische Kinder dieses Alters ausgearbeitet ist, mit Leichtigkeit, sondern ist auch von ganz besonderer Zutraulichkeit unb Anmut. Reizenb sinb seine zahlreichen Spitzbübereien, wenn er z. B. bas rote Pantöffelchen seiner kleinen Schwester versteckt unb währenb diese weinend danach sucht, mit auf bem Rücken verschränkten Armen und der unschuldigsten Miene der Welt einherspaziert. Er ist „unser Kind", denn ben ganzen Tag weicht er nicht von unserer Seite. Der zehnjährige Tsabubn ist nicht größer als ber fünfjährige So unb nicht nur körperlich, fonbern auch geistig zurückgeblieben. Trotz seines großen Malariabäuchleins unb feines kleinen Aften- gesichts ist er lieber zutraulicher Kerl unb erzählt uns lange Geschichten, bie wir kiber nicht verstehen. Unter ben vielen Kindern ist die 2%jäf)rige Tochter unseres Nachbarn bie einzige, bie unsere Sympathie nicht gewinnen kann. Sie folgt nie- manbem, reißt ihren Kameraben bas Spielzeug aus ber Hanb, schreit unb tobt, wenn ihr Wille nicht geschieht, läuft immer roieber heulenb zur Mutter, um sich über irgenb etwas zu beklagen. Die Mutter erfüllt ihr augenblicklich jeden Wunsch, und wenn sie gerade mit uns spricht, eilt sie mitten im Satz davon, wenn der kleine Quälgeist zu wünschen geruht, nach Hause zu gehen. In allen anderen Kindern aber lebt derselbe friedfertige Geist, dieselbe Ehrlichkeit, die wir an den Erwachsenen zu schätzen lernten. Drei Jungens bringen uns Tiere: die Beu^ des einen ist ieboch für uns unbrauchbar, und wir geben sie ihm zurück. Als wir auch ihm für feine Mühe hie üblichen fünf Satang geben wollen, ntmmf er das Geld nicht an und sagt: „Du hast ja meine Kröte nicht genommen!" Und wenn wir den Kindern aus Versehen einmal mehr als die vereinbarte Summe geben, reichen sie sofort den Ueberschuß zurück. So lernten wir sie alle kennen und haben die beste Gelegenheit, unsere kinderpsychologischen Versuche durchzuführen. Alle Kinder erfüllen gern die Aufgaben, die wir ihnen stellen, und nur mit traurigen Gesichtern, doch ohne Zögern folgen sie dem Ruf der Eltern, wenn es gilt, nach Hause zu gehen. Bald aber rücken sie wieder an und umgeben uns wie ein munterer Bienenschwarm. Nur abends herrscht Stille, wenn alle zur Ruhe gegangen sind Dann liegen die Menschen unbekümmert aus dem Bambusboden ihrer luftigen Pfahlhütten, eingehüllt von warmer Nachtluft, in den Schlaf gewiegt vom Konzert der Grillen, dem trommelnden Rus der Frösche und dem Rauschen des Flusses. Da ertönten plötzlich inmitten einer dieser sternklaren Tropennächte, fernab vom Getöse der Welt, die kreischenden Laute eines Grammophons. Eine siamesische Frauenstimme quetschte gepreßte hohe Töne hervor, die jedes Wohlklanges entbehrten. Wir können es kaum glauben — trotz Fehlen des Dreivierteltaktes und der verzerrten Melodie erkennen mir den Donauwellenwalzer. Der einzige Händler des Dorfes, ein Chinese, läßt uns zu Ehren aus seinem Klapperkasten „macke in Japan im Dschungel das Wienerlied erklingen. Elegie auf den Wind. Von Josef Weinheber. Sanfter Bruder des Frühlings! Einsame Flöte, die du irr um die Hügel klagst. Einmal noch, eh du entsagst, steige, sterbender Flug, in den Purpur der Abendröte! Tief im Gezweig wirst du stumm: o Schwermut der Stille! Die Kinder am Mondweg fürchten sich sehr. Lautlos hält sich ein Efeu her. An dem verwitterten Gittertor eine Pappel starrt erzern empor: Herr, wie du willst, so geschehe dein Wille! Aus der Weide, darinnen du schliefest, schmerzvoll erwacht, steigst du nun, daß du die Toten riefest, hoch in die Mitternacht. Die große Wanderung. Von Theodor Heinz Köhler. Es waren unglückliche Jahre, die nach dem Krieg. Aber der kleine Martin spürte davon nichts. Er fegte mit den anderen Jungen der Straße über den Albertplatz, wild lärmend, er hielt das Holzschwert in die Höhe, und aus seinem Kopf verrutschte der weihe Papierhelm. Seine Backen glühten, wenn er heimkam. Einmal aber hatte einer der Jungen anstatt des Papierhelms einen richtigen Helm, einen, der glänzte und aufstrahlte, wenn das Sonnenlicht darüber hinwegglitt. „Woher hast du den?" fragte Martin. „Von meinem Vater ...", kam es zurück. „Und ich ...?" fragte Martin......wo krieg ich einen her ...?" Der Junge zuckte mit der Schulter. „Geh doch zu deinem Vater!" Und damit wandte er sich ab. Aber Martin stand ganz still. Er sah dem Jungen nach, der über den Platz ging, und er ließ das Holzschwert sinken. Die anderen waren beisammen und plauderten, manchmal lachten sie auf. Und Martin harrte nun hier und dachte nach, sann und grübelte. Da nahm er seinen weißen Papierhelm ab und trottete heimwärts. Sonst brach er lärmend in die Stille der Wohnung ein, in der die Mutter behutsam einherging, da und dort etwas anrührend mit ihren sanften Händen. Aber nun kam Martin ganz still, Helm und Schwert in der einen Hand. Er trat vor die Mutter, hob den Kopf auf und fragte mit leiser Stimme: „Die anderen, die haben alle einen Vater, von dem können sie bekommen, was sie wollen ... und ich ...?" und er schluckte. Die Mutter sah ihn an und ihre hellen Augen ertranken in Tränen. Die Mutter sah immerzu ihren Jungen an und griff sich an ihre Bluse, da, wo man fühlen konnte, daß etwas schlug, ganz sacht und trauernd. Aber Martin übersah das, die Tränen wie die Hand, er hatte noch keinen Blick für derlei Dinge. Die Mutter wandte schließlich den Kopf weg und sagte, gleichsam ins Leere: „Er ist tot." Und sie ging. Martin lief weg. Aber er konnte sich nicht niederlegen und sich auf dem Erdboden wälzen, wie er es sonst tat, er konnte nicht, auf dem Teppich liegend, nach den Gardinen langen und mit den Fransen spielen, er konnte nur laufen, immerzu laufen . . Er lief über den Albertplatz, aber er achtete nicht auf die Jungen, die spielten, er lief nur. Und er dachte nichts anderes als das: Er ist tot. Bei jedem Schritt, den er tat, rief es in ihm: Er ist tot. Und jene Frau, die ihrem Buben etwas nachschrie, hatte sie nicht gemeint: Er ist tot? Er hatte keine rechte Vorstellung vom Todsein, aber die Mutter hatte Sezittert, als sie es gesagt hatte, es mußte etwas Gewaltiges, etwas Grau- ames sein. Als er am Abend in seinem Bett lag und die Nacht ihn finster umgab, da fragte er in die Dunkelheit: Warum? Den anderen Jungen ist er doch auch nicht gestorben? Aber die Nacht gab keine Antwort, sie schwieg. lieber der Kommode in Mutters Schlafstube hing ein Bild. Cs hatte einen einfachen Rahmen, er war aus Holz. Aber aus diesem Rahmen sah ein Mann in die Stube: in feldgrauen Kleidern, da und dort geflickt. nein, er Er wußte nun, daß eine glänzende aus Silber nichts war gegen diese, wenigstens für ihn. Es war merkwürdig mit dieser Uhr. Manchmal waren die Fragen um den Vater zurückgetreten vor anderen Gedanken. Doch nun stiegen diese Fragen von neuem auf, stärker und fordernder als zuvor. Und eines Abends nach dem Essen fragte er die Mutter: „Und du weißt nicht, wo er liegt?" . . Er hatte mit keinem Wort erwähnt, daß er den Vater meinte, doch die Mutter wußte es sofort. Sie schüttelte leicht den Kopf, und aus ihren Augen rannen zwei dicke Tränen. „Sieh", sagte sie, „das ist es ja gerade. Sie schrieben einen fremden Namen. Was soll eine Frau wie ich mit solch fremden Namen?" „Darf ich ihn sehen?" fuhr er auf, „bitte, Mutter!" Da erhob sie sich und schlappte gebückt aus der Stube. Sie schloß wieder die Kommode auf und brachte einen Schein hervor. Auf dem stand der Name, und auch Martin wußte nichts damit anzufangen. Doch er prägte ihn sich ein. Er sprach ihn oft, wenn er allein war, ganz so, wie man ihn schrieb. Und einmal suchte er sogar auf der Landkarte. Er fand den Ort. Sie saßen wieder einmal sttll beisammen nach dem Abendessen. Die Wohnung lag still, von der Straße her klangen tapsende Schritte Vorübergehender herauf. Da sagte leise die Mutter, so, als spreche sie gar nicht zu Martin: „Ich hätte es gern einmal gesehen, wo er liegt, bevor ich selbst einmal ..." Sie sprach nicht weiter, sie dachte wohl an Martin. Der sann oft darüber nach. Er rüstete im stillen, und als er Ferien bekam, sagte er zur Mutter: „Ich gehe zu ihm, und dann erzähle ich dir, alles." Sie hatte Angst, sie begriff: er wollte nach Frankreich. Sie hielt die Tränen noch zurück, aber am Abend, als sie allein war, da meinte sie. Genau so war der Vater davongezogen: lachend und doch irgendwie schon bedrückt, gesund und doch schon gezeichnet. Sie war allein und hatte Angst, es tastete etwas an ihrem Körper hinauf, kalt, schmerzend, während die Uhr teilnahmslos tickte und ihr Geräusch die Stube erfüllte. Martin war weit gefahren. Nun wanderte er. Es waren viele Straßen, auf denen er zog, trockene und aufgeweichte, einsame und solche, auf denen ihn viele Autos überholten. Es kamen Städte und Dörfer, aber es waren ihm alle fremd, er konnte mit niemandem sprechen. So sagte er leise den Namen vor sich her, der ihm den Vater genommen hatte. Er wanderte und dachte daran, daß sie hier vielleicht auch gezogen seien, daß sie da im Straßengraben gelegen, daß sie solches Brot gegessen, daß es geregnet hatte wie jetzt, und daß sie naß gewesen wie er. Und daß sie alle daheim jemanden gehabt hätten, der meinte, gerade mie er. Und Martin kam an die große Ebene, in der dieser Ort tag. Martin montierte still daraus zu. Es begann zu regnen. Cs mürbe trüb und trüber. Die Wolken zogen tief und rauschend über die Erde. Nebel quoll auf. Niemand kam, nur manchmal streifte Martin im Borübergehen ein tropfendes Gebüsch am Wegesrand. Er sand kein Haus, in dem er hätte übernachten können, er lies nur immerzu auf seinem Weg, er dachte nur an den Mann, der daheim aus dem Bildrahmen sah, so ernst und so fragend. Gegen Morgen brach aus dem Nebel plötzlich etrnas Schrnarzes und rneithin Sichtbares. Der Junge erschrak, er blieb stehen. Es fröstelte ihn plötzlich, es griffen kalte, feuchte Hände an feinem Körper hoch — ein Kreuz ragte auf, es breitete feine Arme über unzählige Kreuze, die sich dahinzogen, so meit man sehen konnte. Lange stand Martin und blickte über das Feld. Nichts als Kreuze, nichts als Väter, dachte er. Er vergaß haltzumachen, etwas von dem Brot zu nehmen, das er im Tornister trug, er dachte auch nicht daran, daß er die ganze Nacht hindurch gewandert war, daß er nun ruhen müßte. Er schritt auf die Kreuze ZU, und die Kreuze nahmen ihn auf. Er ging von Kreuz zu Kreuz. Er bückte sich jedesmal, er fuhr über das nasse Holz, aber er sah nur fremde Namen. Und er suchte doch den feinen ... , Er suchte lange, und dann richtete er sich auf, sah über die Kreuze hm, wischte sich mit feinen nassen Händen in den Augen. Er schluckte, wie damals, als er noch klein war. Er würde Mutter nichts erzählen können, kein Wort davon, wie Vaters Grab aussehe, aber er würde ihr sagen können, wie d i e Gröber aussehen, und er wußte, daß hinter jedem Kreuz eine Mutter stand, schwarz verhüllt, und er sah auch die Kinder, die aufblickten aus fragenden Augen und immerzu fragen: Wo? Warum? Weshalb? Und so wanderte er still wieder heim. Er sagte nie wieder: Tae anderen, die haben ... Er war ganz ruhig hinfort. Er hatte gesehen. Er wußte genug. Martin stand oft davor. Früher war er vorbeigegangen, es war ihm nicht aufgefallen, daß die Mutter manchmal lange hier faß und unverwandt in das Gesicht schaute, das dieses Bild zeigte. „Ich will zu ihm", sagte einmal Martin. Aber die Mutter schüttelte den Kops. m ... v „Wo ist er ...?" fragte Martin und faßte nach Mutters Händen. Aber sie schüttelte sanft die Hände ab und sagte: „Ich weiß es nicht..." Die Zeit verstrich. Martin wurde aus der Schule entlassen. Und an diesem Tage nahm die Mutier ihn mit zur Kommode. Sie schloß den oberen Kasten auf, und Martin sah, daß ihre Hände zitterten, als sie eine Schachtel hervorlangte, aus der sie eine Uhr nahm. „Du sollst sie haben", sagte sie leise und sah weg. Er starrte die Uhr an und schluckte. Sie war aus Eisen. Die anderen Jungen in seiner Klasse, die hatten welche aus Silber, die glänzten ... es war roie mit dem Helm. Er aber hatte eine schwarze llhr, mit zersprungenem Glas. Er sah fragend die Mutter an und sie empfing offen seinen Blick. „Vom Vater ...", sagte sie leise, „man schickte sie heim mit dem Totenschein Da schwieg er und hielt die Uhr fest von seiner Hand umspannt. Er trug die Uhr nicht wie die anderen, so, daß man sie sehen konnte, versteckte sie, aber nicht aus Scheu und weil sie schwarz war. e nun, daß eine glänzende aus Silber nichts war gegen diese. verantwortlich vr. HansTbhriot. — Druck un dB erlag:Brühl'scheUni versitäts»Buch-undEteindruckerei. R.L an ae. Gieße«.