Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Jahrgang <937 Montag, den 18.Januar Nummer 5 Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig (Schluß.) Herr Bodenweber hatte zu spielen ausgehört, nur der Stieglitz schmetterte noch. „Was schwadronierst du da?" fragte der Bater hinter den Käfigstäben. Klick machte die Schallröhre wieder fest, das Telephongesprüch war zu Ende. „Vater", sagte er, „könntest du mir nicht etwas Geld für Butter geben? Damit das Abendessen nicht so mager ausfällt." „Sei froh, daß du noch trockenes Brot haft!" „Bin ich auch", erwiderte Klick. „Ich bin aber auch über etwas ganz anderes froh. Das kannst du dir beim besten Willen nicht denken." „Zum Kuckuck!" rief der ungeduldig gewordene Vater. „Heraus mit deinen Neuigkeiten. Was für Geld willst du morgen holen? Bist über« geschnappt?" Klick, der seinen Vater genügend in Spannung versetzt sah, entnahm seiner Brieftasche das fleckige Los, das Los mit dem Treffer, zerrte aus der Rocktasche eine Gewinnliste und legte die Papiere wortlos dem Vater vor. „In Zahlen bist du ja bewandert", meinte er. „Bitte, vergleiche die Nummern!" Der Vater blickte von der einen Zahl zur andern, sagte nichts. Der Stieglitz verstummte. Stille im Zimmer. „Klick, ist es dein Los" fragte der Vater gedämpft. „Ja, ich habe es mit einem anderen vor Weihnachten von meinem Trink« gelb gekauft", sagte er und erzählte, aus welche Weise er es eingebüßt und wiedererhalten hatte. Der Vater hatte den Bericht ruhig angehört. Klick fügte hinzu, er habe durch die Wiederbeschaffung des Loses zehn Mark Schulden gemacht, fünf bei Ali und ebensoviel beim Hustenonkel. „Wenn es dein Los ist, Klick", meinte der Vater, sich erhebend und mit langen Schritten das Zimmer durchmessend, „wenn es so ist, mein lieber Junge, dann enthält die Liste einen Drucksehler." „Nein, nein, das ist kein Druckfehler, die haben mir doch geschrieben!" Der Vater sagte nichts darauf. Er lief nur unruhig im Zimmer aus und ab. Nachts konnte Herr Bodenweber nicht schlafen. Er lag in seinem Bett und überdachte das Glück seines Jungen, das nun auch sein Glück war. Wie legte man am besten das Geld an? Er begann zu rechnen und laut zu reden. Die Tür zu Klicks Stube stand offen. Er hörte den Jungen atmen und in seinen Kissen sich auf die andere Seite wälzen. Zahlen gingen ihm durch den Kopf. Er überlegte, wieviel die Lager- ergänzung des Spielzeugladens koste würde: das Geschäft ist gut; die Lage auch; es ernährt seinen Mann — nur an Kapital fehlt es und an einer straffen, neuzeitlichen Führung. Immer lautex redete er, von seinen lieber« legungen gepackt. „Wir müssen das Geschäft übernehmen, Frau Trockenhut soll Mitinhaberin bleiben, ganz auszahlen kann man sie ja doch nicht, mit sünfzehn- tausend Mark wird sich das machen lassen. Was meinst du, Klick?" Klick war einverstanden, er hatte nichts zu erwidern, er sagte nichts. Er schlief. „Später trittst du in die Firma ein, da ist auch für dich am besten gesorgt. Liegen lassen kann man das Geld nicht, da frißt man es bloß auf. Eine andere Beteiligung hat keinen Sinn, davon verstehe ich nichts. Im Spielzeughandel kenne ich mich aus. Glaubst du nicht auch?" Stille. „Klick!" flüsterte der Vater. Es rührte sich nichts. Da merkte Herr Bodenweber, daß er keinen Zuhörer gehabt hatte ober nur einen schlafenden. Er sann für sich allein weiter und schlief erst ein, als schon die erste Morgendämmerung in die Webergasse kroch und der Stieglitz in seinem Käsig sich zu regen begann. In bas Schweigen zwitscherte ber frühe Vogel laut. Klick hilft bem Geschäft. „Klick", sagte am Morgen der Vater, „das Geld gehört dir, du hast es von deinem selbstverdienten Einsatz gewonnen. Was soll damit geschehen?" Klick betrachtete seinen Vater verwundert. „Wer von uns beiden Ist Buchhalter? Du ober ich?" fragte er. „Ich brauche das Geld nicht, ich muh nur so viel haben, daß ich meine Schulden an Ali und den Hustenonkel bezahlen kann. Auch will ich meinen Freunden etwas geben, sie haben sich bemüht, die Mütze zu finden. Wenn es ihnen auch nicht gelungen ist, so haben sie doch eine Belohnung verdient. Weiterhin möchte ich der Bundeskasse vom .Herznierenblick' einige Mark stiften. Ich will dir sagen, was für einen Plan ich mir ausgedacht habe. Nimm fünfzehntausend und werde Teilhaber im Spielzeugladen. Den Rest des Geldes legen wir zurück für die Zukunft. Und wenn wir den Gewinn noch durch ein Effen in der Bärenschenke feiern, mit Ali natürlich, der Tante Mittwoch, dem Hustenonkel, Frau Trockenhut ... das wäre mir lieb! Vielleicht läßt sich auch der Kapitän dazu einladen, sobald er erst weih, was für einen Schnitt ich gemacht habe." „Ein feiner Plan", sagte der Vater. „Ich werde mit Frau Trockenhut sprechen." „Siehst du", sagte Klick, „ich wußte ja, daß wir uns miteinander verständigen werden. Gib mir, bitte, das Geld, damit ich es auszahlen kann." Der Bater zahlte, und Klick verließ das Zimmer. „Du wirst dir noch den Hals brechen!" rief ihm Frau Schwall aus dem zweiten Stock nach, als er auf dem Geländer blitzschnell an ihr vorbeisauste, während sie ihre Türklinke putzte. Am Schnürsenkelmanii huschte er hin. „Schnürsenkelmann", sagte er zu dem Blinden, „mein Vater braucht neue Senkel. Wenn er herunterkommt, mußt du ihn damit angehn." Fort war er. Die Webergasse strotzte, obwohl es sommerlich heiß war, von Würsten, Geflügel und Konserven. Wenn er gewollt hätte, all die Schinken und Braten hätte er sich taufen können. Aber Würste sind keine Spielsachen. Würste kriegt man satt, Spielsachen nie. Mit einem verliebten Blick streifte er bas Fenster ber Fra» Trockenhut, barin eine rehenbe Sommerwelt aufgebaut ftanb, zusammengesetzt aus Rollern, Eisenbahnen, Lanbschaften, Viehherben, Hirten auf ber Weibe, Bäumen unb Häusern. Hoch darüber schwebten Zeppeline und Flugzeuge. „Es tut nicht weh", rief ihm der grüne, nun Ricka heißende Papagei entgegen, als er beim Hustenonkel eintrat. Pong tanzte, die Springmaus bauschte ihre Backentaschen, in den Glasbehältern schwammen die Fische munter durch das Geschling der Wasserpflanzen, in den Käfigen hüpften die wirr durcheinander zirpenden Vögel. „Onkel, ich bring dir das Geld zurück. Danke!" sagte Klick. Nun wolle er ihm berichten, fuhr er fort, welcher Art feine dunklen Geldgeschäfte waren. lind während der Tierhändler feine großen Schildkröten aus Madagaskar mit Fußbodenwachs einfalbfe und ihre Riickenfchilde bohnerte, malaiische Worte dazu brummend, holte Klick mit seiner Erzählung aus. Im Geist kaufte er noch einmal seine zwei Lose, steckte sie in die Mütze und verlor die Kopfbedeckung bei der Schneeballschlacht auf dem Altmarkt, als er einen Ball gegen eine Autotaxe schmiß. Der Kraftfahrer verfolgte ihn. Klick floh mit Ali. Er meldete den Verlust der Lose im Lottenegefchäft, unb bestänbig war er auf ber Jagb nach feiner Mütze. Er hat sich oft getäuscht, oft fatsche Mützen für richtige gehalten. Und er sagte: zweiter Haupttreffer gewonnen, zwanzigtausend Mark, neue Miitzen- jagd, der ganze Lehrlingsbund von Dresden hinter der verlorenen her. Polizei, Bims von Chlörodont, Zeitungsanzeige auf Alis Anraten ... er erzählte und erzählte ... So war der Hergang, und nun wußte der Hustenonkel die ganze Geschichte. „Klick!" rief der Tierhändler, der während der Erzählung seine Schildkröten vergessen hatte unb langsam erstarrt war. „Klick, bu bist ein Teufelskerl. Deine Finger möchte ich haben. Komm mit, ich will dir was zeigen!" Er führte ihn in fein Wohnzimmer, klappte den Deckel eines Schreibpultes auf und deutete in das Behältnis. Klick schaute hinein und verwundert auf den Tierhändler zurück. „Ja, was ist denn das? Lose, lauter Lose!" Er sah Bündel von Losen, Lose von Kirchenbau- unb Brückenlotterien, Lose der preußischen, der hamburgischen und der sächsischen Staatslotterien, braune, gelbe, grüne Zettel — eine Unmenge. „Lose", sagte der Onkel betrübt, „lauter Nieten." „Die hast du alle gespielt?" Der Hustenonkel nickte. „Alle habe ich verspielt, Klick. Der Erfinder des Pechs könnte ich fein." „Dafür hättest du dir ja ein Haus kaufen können!" „Ich habe ein Kartenhaus gekauft. Für siebentaufenbdreihundert und etliche Mark ..." „Weshalb hebst du denn die wertlosen Zettel auf?' Der Hustenonkel klappte das Pult zu. „Ich will mir mein Zimmer damit belieben, zur Erinnerung eine Ob wir bezahlt haben!" meinte der Vater. „Und auch bei Ihnen, Herr Drii'lecke, will ich etwas Geld loswerden!" Und er erstand einen zweiten Stieglitz, em Weibchen. „Nun muß ich aber den Sassasrah einladen zum Essen in der Barenschenke!" sagte Klick und drückte sich. u _ .... Pfeifend ging er durch die Gasse, stolz auf seine neue Kluft. Er winkte den Lehrlingen zu, und das bedeutete: „Heute abend um acht Uhr Der sammlung vor meiner Haustür!" Sie äugten ihm mit langen Blicken nach. Auf der Elektrischen stand er vorn beim Fahrer. Sein Inneres schwankte vor Freude und Aufregung; es bebte, als ob er mit einem Flugzeug aus dem Himmel gekommen wäre und nun auf der Erde wie auf einem Landungsplatz hinraste, über den Asphalt, m den Straßen, durch die Stadt, die ganze Spielzeugstadt, wo die Menschen wie aufgezogen liefen und die Autos ihnen entgegenrollten, die Lastkraftwagen, die Feuerwehr, Nad- sahrer, Boten und Kutscher. Ueber den blatterumgrunten Albertplatz ratterte die Straßenbahn hinweg; und wie sie so in schöner Kurve fuhr, dachte Klick an ein Schiff, das am grünen Strand dahinzog, er selbst schwamm mit diesem Schiff, mit dieser elektrischen Jacht. Zu einem Kapitan schwamm er, zu Sassasraß, dem Seefahrer und Wassermann dem Angler und Muschelfammler, und er summte in das Tosen der Rader wie mit einer Lebertranfaßstimme: „Als ich fuhr durch das Kanonentor, Spielte mir der Schiffsmann Weisen vor, Spielte mir auf der Harmonika, Von der großen Schifsskanonika ... Wie ich weiterfuhr nach Yukatan, Legt ich bei den Austernbänken an, Aß mich an viel tausend Austern fatt,„ Baute mir von Perlen eine Stadt ..." Fröhlich fuhr er, und die Straßenbahn überdröhnte feinen verstohlenen Seemannsgesang. Afra muß in die Stadt. Von Margarete von Olfers. Auch Hunde können Pech im Leben haben, auch sie können unter einem unglücklichen Stern geboren jnerben. Ich denke an Afra, jene Seotch- Terrierin, die allein aus einem Kreise von sechs Geschwistern übrig geblieben war. Obwohl tadellosen Geblüts, schottischen Ursprungs und mit einem Stammbaum ausgestattet, der sich mit dem der Stuarts messen konnte, hatte Afra doch einen Fehler. Sie war zu klein geblieben, und irgend etwas stimmte um drei Millimeter nicht in den Verhältnissen ihrer Figur, die einem grotesk ausgespritzten Tintenklecks glich. Sie hatte keinen Abnehmer gefunden. Halb mißmutig, halb mitleidig beschloß ihr Herr, das Tier selbst zu behalten und bei dem Elternpaar zu lasten. „Es ist", so sagte er freundlich, „wenn auch kein vollkommenes Exemplar, so doch in höchst liebenswürdiger, ja reizender Hund. Seht, wie Afra lächeln kann mit schief emporgezogener Oberlippe, das Tier hat Humor, wir werden unsere Freude daran haben." Afra sah vor ihm und schlug mit ihrem komischen oertnütterten Schwanz aus den Boden. In ihren nachtfchwarzen Augen leuchtete Dankbarkeit. „3a, es ist wahr, ich habe Herz und Humor", schien sie zu antworten. Leider trat in demselben Augenblick der Gärtner aus dem Hintergrund des Parks, in dem sich Herr und Hund befanden, und schwenkte ein blutiges, zerfledertes Huhn in der Hand. Er wies auf Afra, sie war die Schuldige. Sie hatte es zerristen. Es fetzte Prügel, und das tote Huhn wurde ihr an den Hals gebunden. Am selben Tage jedoch, den Leichnam mit sich schleppend, fuhr sie verheerend unter die Enten, die ahnungslos schnatternd zum Tümpel wollten. Es blieb nicht dabei. Kein Huhn der Narrenstube ..." Und im Laden meinte er noch: „Und bann, damit ich I ^Kttck' achte des Kapitäns. Der eine fischt, der andere spielt! Wie Äwr. ,.m S.nnlag ,-b. ich -in in derBärenschenke. Du bist dazu emgeladen Wir wollen die Wrederaus- sindung der Mütze feiern. Daß du aber bestimmt kommst! Der Tierhändler versprach es. , , „Es tut nicht weh!" schrie der Papagei, und Pong rasselte wie ein Tän'rer aus dem dunkeln Erdteil. . . Klick eilte zu seiner Freundin. Aus der kreppe begegnete ermiebcr einmal dem Stadtsekretär Nipperklem. Der maß den eiligen Klick mit mißtrauischen Amtsblicken. Seine Brillengläser funkelten ebenso kalt wie seine beständig geschlossenen Fensterscheiben. Wie hinter diesen ke n Blumenflor blühte, so schimmerte auch hinter den Augenglasern kein freundlicher Glanz. Grau und fahl wie Asche war sem Schnurrbart. Mit dir will ich nichts zu tun haben, sagte sich Klick. Sauer siehst du aus. Und wischte vorüber. ,, . , I Aber der Stadtsekretär schnauzte ihm nach: „Hast es wohl sehr eilig, bU„3eanun, unsereiner hat nicht viel Zeit. Ich habe wichtige Besprechungen " Besprechungen ...!" knurrte Nipperklein. „Das nächste Mal wartest i du"mit dem Hinaufgehn, bis ich heruntergegangen bin." Schimpf du nur, dachte Klick, du hast es gelernt. Er war bereits vor Alis Tür, läutete stürmisch und wurde eingelassen. „Daß du auch wieder einmal kommst!" meinte sie vorwurfsvoll. ''Nun schimpfst auch du! Gerade hat mich Nipperklein aus der Treppe angesauchbt .hem, der ihm begegnet. Wo warst du denn so lange?" Nicht brummig sein, liebes Alimädchen!" sagte Klick, der zu Scherzen I aufgelegt war. „Du hast ja keine Ahnung, wie einem die Zeit knapp wird, wenn man erst ein wenig Geld hat. Die reichen Leute sind zu bedauern. Daß die Überhaupt noch für etwas anderes als für ihr Geld Zeit auf- bnlGrnne6 sich in den verschabten Polsterstuhl der Frau Mittwoch fallen, der in allen Gelenken knackte. . „Su gehörst nun zu der besitzenden Klasse, Klick! meinte Ali. ,Lch nicht", erwiderte er, „das Geld bin ich wieder los." „Du hast es nicht mehr?" fragte sie erschrocken. Er betrachtete sie. Barfuß stand sie am Ofen, wo sie das Geschirr spülte. I Längst zu kurz war ihr grünes Kleidchen, es sah verwaschen aus und war geflickt. Ein neues Fähnchen mühte sie haben. Er wird mit Vater reden. I „Das Geld? Dem Vater hab ich's aufgehalst", sagte er. „Mag der sich damit herumschlagen. Man kann es doch nicht daheim in der Schublade liegen lassen. Weißt du, Ali, ich hab mir gedacht, es ist am besten, man steckt das Geld in bas Spielzeuggeschäft. Später bann, wenn alles gut geht und ich aus der Schule entlassen bin, will auch ich ins Geschäft em« treten. Möchtest du nicht auch zu uns kommen? Du könntest Verkäuferin werden und Kasfenfräulein." Sie sagte nichts dazu. „Ah, du bleibst bei deiner Säuglingsschwester? meinte er, leicht enttäuscht. Er griff in die Tasche. „Hier ist das Geld, bas du mir geliehen hast. Hast bu bich schon bei Sasfafraß bafür bebantt?" Sie hatte noch keine Gelegenheit bazu gehabt. „So kannst bu es am Sonntag in ber Bärenschenke tun, wo wir alle zu einem Essen zusammenkommen", sagte er. „Ich labe bich und Tante Mittwoch bazu ein. Der Hustenonkel ist ba, Frau Trockenhut unb hoffentlich auch ber Kapitän, zu bem ich jetzt hinausfahren will." „Hör mal", sagte Aki, „da telephoniert es ja." Die Schallröhre hatte geknistert. Sie lief zum Fenster, entfernte die Watte... „Ja, der ist da, Herr Bobenweber!" sagte Ali. „Wir kommen sofort. Wir sollen zu beinern Vater hinüber", wanbte sie sich an ihren Freunb. Sie gingen. Der Vater saß vor bem Tisch unb hatte einen langen Zettel vor sich. Darauf hatte er geschrieben, was er alles brauchte. Er sagte zu ihnen: „Kommt mit, wir wollen etwas einkaufen!" Das war Weihnachten mitten im Sommer. Freubig bewegt strolchten sie miteinander durch die (Baffe, von einem Geschäft ins andere. Zuerst wurden Anzüge gekauft für den Vater unb für Klick, Strümpfe und Schuhe, alles funkelnagelneu. Auch für Ali fiel ein Kleid ab. Es war zart aelb und mit kleinen Röschen bedruckt. Nachdem sie sich im Kaufhaus noch Wäsche zugelegt hatten, wie dringend hatten sie neue Hemden nötig, rollten sie auf der Rolltreppe zu britt, einer hinter bem nnbern. in ben Erfrischungsraum. Musik empfing sie. Klick suchte den alten Tisch von damals auf, und während ber Vater sich an einem Kaffee gütlich tat, schmausten bie beiden Freunde das geliebte Fruchtkomvott. Unb dann trgten sie ngch einer Weile aus dem Erfrischungsraum an bie (Betäuber bes Lichthofs unb schauten burch die drei Stockwerke hinunter auf bie vollbeladenen Tische und auf das Gewimmel der Leute. Die große gemalte Dame, die Klick schon ftüher bewundert hatte, schwebte über dem buntbewegten Bilde: sie hatte sich etwas verändert, ber Mater hatte ihr ein Sommerkostüm angetan. Die Frühlingsblumen waren oerfrhrounben. Rosen batten ihre Stelle eingenommen. War bas nicht ein bunter Spieheuglaben? „Schau, Ali", sagte Klick zu feiner Freunbin, wie Puppen sehn bie Menschen aus. Sie svieten Kaufladen. Reizend! Ich bin sehr froh, baß wir nun auch einen Kauftaben haben unb mitfpieten können beim Kaufen unb Verkaufen." Sie besuchten bann ben Hustenonket in ihrer neuen Kteibung. Wie erstaunt mar er, sie zu sehen: Was kamen da für feine Herrschaften in seinen einfachen Loden! Ihr habt en* aber herausgemacht!" rief er, unb auch ber Papagei rle‘ Er tagte: „Hast bu auch bezahlt?" Früh im Wagen. Von Eduarb Mörike. Es graut vom Morgenreif In Dämmerung bas Feld, Da schon ein blasser Streif Den fernen Ost erhellt. Man sieht im Lichte bald Den Morgenstern vergehn, Und doch am Fichtenwald Den vollen Mond noch stehn; So ist mein scheuer Blick, Den schon die Ferne drängt, Noch in bas Schmerzensgtück Der Abfchiebsnacht versenkt. Dein blaues Auge steht, Ein buntler See, vor mir, Dein Kuh, bein Hauch umweht, Dein Flüstern mich noch hier. An beinern Hals begräbt Sich meinen!) mein Gesicht, Unb Purpurschwärze webt Mir vor dem Auge dicht. Die Sonne kommt. Sie scheucht Den Traum hinweg im Nu, Und von den Bergen streicht Ein Schauer auf mich zu. Aber glücklicherweise dauerte dieser Zustand bei Asra nicht lange. Ek war ja so klug. Sie gewöhnte sich sehr rasch in das sie umbrausende Stadtleben. Nun geht sie mit einem eleganten grünen Lederhalsband unangeleint aus dem Kursürstendamm spazieren. Sie suhlt sich geliebt und scheint restlos glücklich zu sein. Nur wenn sie schläft, ist es manchmal, als träume sie noch von den weiten Havelwiesen, über die wir gemeinsam im Mondschein wanderten. Sie knurrt im Traum, und ihre Beine bewegen sich, als wolle sie hinter einem Hasen herjagen, wie ein Pfeil davon schnellend in der lange zurückgedämmten Kraft ihres nervigen Körpers. Sammeln Sie Columbus Briefe? Zur Bewertung von alten und seltenen Büchern. Von Hans Borstorfs. Die Frage, wie ein altes Buch bewertet ist, welchen Preis man dasür anlegen oder sordern muh, ist für den Laien, für die breite Masse im allgemeinen ein „Buch mit sieben Siegeln". Dennoch ist es für weite Kreise von großer Bedeutung, etwas um die Bewertung alter Buchschätze und Seltenheiten zu wissen. Diele haben in ihren Bibliotheken, die aus Erb- schasten, Nachlässen usw. überkommen sind, Werke, deren Wert sie überhaupt nicht kennen oder aber — was wohl ebenso häufig vorkommt — deren Wert sie überschätzen! So wie der Laie nicht in der Lage ist, die seinen Unterschiede zwischen den verschiedenen Edelsteinen, Perlen usw. preis- und wertmäßig zu beurteilen, ebenso befindet er sich dem Wert alter Bücher gegenüber im Ungewissen. Ist z. B. von einem Buch nur ein Exemplar bekannt oder von einer Handschrist nur ein Kodex auf uns überkommen, so glaubt man allgemein, daß das einmalige Vorkommen unbedingt einen besonders hohen Preis rechtfertige bzw. daß es überhaupt unmöglich fei, eine entsprechend icfiere Bewertung vorzunehmen. Diese Ansicht unterliegt einem Irrtum- Nicht die Seltenheit an sich ist es, die den Wert eines Werkes bestimmt, sondern im wesentlichen wird er aus der Nachfrage, aus dem Interesse, das einem Buch gegenüber besteht, geregelt. Weitere preis- bestimmenden Momente ergeben sich aus der fast stets vorhandenen V er» gleichsmöglichkeit mit ebenso gearteten anderen Seltenheiten. Es gibt saft immer einen Vergleichsmahstab. So zeigten die Preise vor dem Kriege im Durchschnitt ein ziemlich feststehendes Bild, und es war auch dem Nichtkenner leicht, sich bei den ährenden Antiquaren über den Wert seltener Bücher oder Handschriften ziemlich genau zu unterrichten. Allerdings mit einer gewissen Einschränkung, die eben auf dem alten Grundsatz von der Preisbestimmung durch Angebot und Nachfrage fußte. Das Verständnis für bie Preis- und Marktentwicklung erhellt am besten aus der Geschichte der Bibliophilie. Etwa um das Jahr 1900 begann In Deutschland eine W i e d e r geb urt des Büchersammelns. Wesentlichen Anteil an diesem Wiedererwachen, mit dem auch die Herstellung des schönen Buches Hand m Hand ging, nahm der Begründer und Vorsitzende der großen Weimarer Gesellschaft für Bücherfreunde, Feodor von Zobeltitz, der 1897 die Zeitschrift der Bücherfreunde begründete. Hiermit war em Mittelpunkt für alle geschaffen, die Bücher, Handschriften, schöne Einbände usw. sammelten. Cs folgte die Zeit der Privatpressen, der großen buchtechnisch vorbildlichen Verlage und hiermit verbunden eine Neubelebung des Versteigerungs- roe<5ammlungen, die lange geschlummert hatten, kamen ans Licht. Die Besitzer solcher Bibliotheken nahmen die Gunst der sich bietenden Gelegenheit wahr, und es entstand ein neues Geschlecht ernsthafter, bedeutender Sammler und auch Antiquare. Cs war nur natürlich, daß sich die deutsche Sammlerwelt dem Sammeln der deutschen Literatur zuwandte. Die Preise stiegen infolgedessen auf verschiedenen Gebieten beträchtlich an Dann kam die Zeit des Krieges, in der naturgemäß die Anteilnahme erlahmte und die Preise wieder entsprechend fielen. Etwa Anfang 1919 letzte eine neue Bewegung ein, die bald zu einem allgemeinen Mangel an bibliophilen Sammelwerken führte. Besonders die vom großen Publikum begehrten Muster- und V o r z u g s d r u ck e wurden «m Markt selten weil ihre Herstellung unter den Zeitverhältnissen und dem Mangel an Material gelitten hatte. Die Preise stiegen in den Nachkrtegsiahren — nicht zuletzt auch infolge der Inflation — ins Ungemeffene^ Auf den Versteigerungen wurden geradezu phantastische Preise erzielt. Parallel zu dieser plötzlichen „Sammlerkonjunktur" stieg auch die Zahl der Antiquare. Mit den ständig wechselnden wirtschaftlichen Verhältnissen ging nun bie Festigkeit der Buchpreise aus ber Vorkriegszeit verloren. Hanbler, denen die Erfahrung fehlte, sahen häufig genug ebenso wie die neueren Sammler in jedem älteren Buch eine Kostbarkeit. Bei Musterdrucken der neueren Zeit sagten sich viele, wenn ein Buch nur in 200 Exemplaren gedruckt wird, bann muß es unbebingt eine Seltenheit sein. Sie dachten nicht daran, daß die Spekulation dazu übergegangen war Werke mit kleinen Auslagen herauszubringen, um hierdurch künstlich „Seltenheiten 3U schaffen — Als Folge der Ueberproduktion, verbunden mit den Schwierigkeiten der Jahre 1929/30 usw., ergab sich ein starkes Schwanken in der Bewertung der Bücher. So wie sich die Preise vor 1929 weit über dem wirklichen Wert der Bücher bewegten, so fielen sie nachher unter den tatsächlichen Wert. Muster- und Pressedrucke, bie_ in kostbaren Embanben mehrere hunbert Mark gebracht hatten, sanken häufig auf einen Bruchteil ihres einstigen Preises. .. , Da ber Markt, wie hier gekennzeichnet würbe, erheblichen Schwankungen unterliegt, ist es schon für ben anerkannten Sach- pcrftänbigen nicht immer leicht, ben augenblicklichen Verkaufswert eines Buches ober einer Hanbfchrift ohne weiteres festzustellen, denn ausschlaggebend ist für die Preisgestaltung im freihändigen Buchverkauf die Absatzmöglichkeit. Die Sammlungen großer Bücherfreunde sind keine wahllos zusammengetragenen General-Sammlungen, Ladern beschränken sich in den meisten Fällen (foroett cs sich nicht um staatliche Bibliotheken usw. handelt) auf bestimmte, abgegrenzte Spezmlgebiete Während ber eine Klassiker ober auch nur einen bestimmten Klassike Dorfstraße war mehr seines Lebens sicher. Es kamen Klagen und Erfatz- forberungen ohne Enbe. Als ich in ben Umkreis dieses Hundelebens trat, faß Afra bereits seit Monaten angeleint an einen Baum im Garten, ber Freiheit beraubt. Die Liste bes von ihr gemorbeten Feberviehs war erschütternb, sie enbete mit bem Zuchtputer, ber für ewig zu kollern aufgehört hatte. Afra, von dem abwechslungsreichen unb geschäftigen Lanbleben ausgeschaltet, führte nun ein höchst trauriges Dasein, bas sich auch in ihren Gestchtszugen ausprägte. Niemanb hatte Zeit für sie. Ihr Futternapf ftanb lieblos in ber prallen Sonne, bas Fressen trocknete ein ober verwandelte sich, da es diesen Sommer meistens regnete, in eine Wassersuppe. Die Hühner aber gingen unbekümmert in nächster Nähe spazieren. Afra lachte nicht mehr. Sie war verärgert und unliebenswürdig geworden. Das Tier tat mir leid. Unb da Mitleid immer ber erste Schritt zur Liebe ist, suchte ich mich mit Afra angufreunben, ihr Leben aufzuheitern. Ich erlangte bie Erlaubnis, das Tier auf meinen Spaziergängen mitzunehmen, auf meine Beteuerung bin, es keinesfalls loszulassen. Das zweite Mal erfaßte Afra jedoch einen Augenblick, in dem ich, mit meinem Schuhband beschäftigt, die Seine locker ließ Sie war in einer Sekunde auf und davon. Nie hab ich einen Hund so davonjagen sehen — wie ein Pfeil schnellte sie fort, gewaltig war der Schwung, den ihr die solange zurückgedämmte Kraft verlieh. Sie stob kläffend hinter einem Kaninchen her, wie in einem Urwald verschwand ihr kleiner schwarzer Körper im hohen Gras. Rufen? Pfeifen. Verlorene Liebesmüh! Beschämt kehrte ich allein nach Hause zurück. Afra erschien spät abends aufgeregt und erhitzt und stürzte sich auf den Wassernapf. Wieder feftgelegt, heulte sie laut. Aber sie war ein kluges Tier und Erklärungen zugänglich. Auf mein Trostwort hin: wenn sie ganz ruhig wäre, würde ich sie am nächsten Tage wieder mitnehmen, hörte sie auf zu heulen. Und allmählich bildete sich Afra zu einem ganz gesitteten Mitspazierganger aus Sie versuchte nicht mehr, an ber Seine zerrenb unb wütend klaffend jedem Radfahrer an die Beine zu fahren. Sie nahm es nicht mehr m wilder Kampfeslust mit den auf der Chaussee vorbeirasenden Autos auf. Sie ging wie ein vernünftiger Hund neben mir, unb wir begannen beide unsere eigenen Spaziergänge über Sanb zu genießen. Es war Herbst. Wir gingen täglich in ber frühen Dämmerung weit hinaus, ber Havel zu, den golbnen Sonnenuntergang hinter uns lassend, in ben Abend hinein, über Wiesen, aus denen der Nebel stieg. Der Mond ftanb über ben Pappeln, bie ben Damm flankierten. Das Land lag wie im Traum, und es war fo friedlich, als könnte auf dieser Welt nie etwas Böses geschehen. Das Wild äugte zu uns herüber und sprang nur bet unserer Annäherung, mehr vorsichtig als furchtsam in ein paar Sätzen davon. Afra, bereits vorher bedroht, verhielt sich still. Sie war auch viel zu sehr mit den unzähligen kleinen Fröschen beschäftigt, die von unseren Schritten aufgescheucht wurden. Wenn ich es zugelassen hatte, wurde sie gewiß an einem Abend hundert totgebissen haben. Wir tarnen an einem großen, bereits abgeernteten Kartosselacker vorbei, dessen Kraut als wertvoller Humus liegcngeblieben war. Dieses Kartoffelfeld bildete einen Tummelplatz der Fauna. Rehe asten barm, und unter dichtem Blattwerk verborgen rascheste und knisterte es geheimnisvoll. Feldmäuse füllten offenbar ihre Vorratskammern, Igel strebten eilig dorthin in Erwartung eines köstlichen Bissens. Hasen und Kaninchen verbargen sich geduckt im hohen Kraut, sobald wir in die Nähe kamen Jedesmal geriet Sann Asra in zitternde Aufregung. „Weh mir, daß ich dort im Kartoffelfeld nicht jagen kann", klagte sie auf, und oft ging sie, um bester sehen zu können, was dort im dürren Kraut raschelte, in ihrem bebenden Interesse ausrecht auf den Hinterbeinen neben mir. Die großen Schleiereulen jedoch, die mit weichem Flügelschlag aus einem Gebüsch an ber Havel tarnen unb sich wie Vögel bes Unheils bicht vor uns herflatternd auf dem Weg niederließen, erschreckten Asra. Sie fuhr vor diesen ge- spensterhasten Kreaturen zurück und knurrte leise. Auch die Schleiereulen strebten in der Dunkelheit zu jenem Kartosselacker und schwebten, nach Beute suchend. Darüber. Wir aber ließen diese Stätte des Existenzkampfes und der Nahrungssuche unb kehrten im schimmernden Mondlicht nach Haufe zurück. Ich hatte bie Ausgabe, nun ba es nachts im Freien zu kalt wurde, Afta sogleich in einen Kellerraum einzusperren. Anfangs ging sie willig mit. Eines Tages aber weigerte sie sich, in ben buntlen Raum auf ihre Streu zu gehen. Sie stemmte sich gegen bie Wand unb war nicht von Der Stelle zu bekommen. Sie brannte mir durch, ich holte sie wieder, aber ich mußte den Kampf mit ihrer Entschlossenheit aufgeben. Es traf mich.em Blick aus ihren Augen, der mich überraschte, unb ber .etwas Menschliches unb Sprechendes hatte: Verzweiflung unb Bitte zugleich. „Du kannst bei mir in meinem Zimmer bleiben, wenn bu artig bist .antwortete uß, unb mir gingen beibe herauf. Afra war artig, benahm sich tadellos unb blieb nun mein ftänbiger Gefährte. Aber wie sollte bas werben, wenn ich roieber in die Stabt zurück mußte? Ich konnte sie nicht behalten, unb auf bem Lande war sie wegen ihrer Jagdpassion unmöglich. Ich gab mir alle erdenkliche Muhe^ Afra in der Stadt unterzubringen. Es gelang: eine Berliner Künstlerin wollte den Hund haben, unb zwar gerabe. weil Afra so klein war. Denn kleine Scotch-Terrier sind auf einmal Mode, sie müssen eigentlich nur noch ein langer Kopf auf vier 'Seinen sein. Nachdem sie den ersten Mernden Schreck in der Eisenbahn überwunden hatte, streifte mich ihr Blick voll Erkenntnis: „Ich gehöre jetzt dir", glaubte sie schließen zu müssen und sprang in plötzlicher Zärtlichkeit an mir in die Höhe. Ich aber lieferte sie ihrer beglückten neuen Herrin ab und schied so schnell ich konnte. Mir wurde der Abschied schwer. Sehr bald erhielt ich jedoch einen telephonischen Anruf, daß es mit der von mtr angegebenen Stubenreinheit nicht stimmte. Allerdings schien eine furchtbare Begriffsverwirrung in Afra entstanden zu sein. Das Land kmd hielt °ifenbar die Stadt für einen einzigen großen Raum und die köstlich gepflaftert«, Straßen auf keinen Fall benutzbar, ba wählte sie schon lieber die Couch in ber unbestimmten Hoffnung, daß die Spuren hier nicht bemerkt wurden. Ich war tief beschämt über meinen Schützling. sammelt, ist da» Interesse des anderen auf Romantiker, Geschichtswerke ober Märchenbücher gerichtet. Alle erdenklichen Spezialgebiete werden teils aus persönlichen, teils aus wissenschaftlichem Interesse ju jammengetragen. Nehmen wir an, eine Sammlung, die „Sonnenuhr-" oder „Brillen- literatur" umsaht, wird aufgelöst, so ist die Möglichkeit der Veräußerung unter Umständen sehr beschränkt. Es kann der Fall eintreten, daß der Sammler seine vielleicht einmalige und kulturell hochwertige Sammlung weit unter dem Erstehungspreis abgeben muß. m ... Aus allem ist zu ersehen, daß selbst der innere Wert des Buches für den zu erzielenden Preis keineswegs allein ausschlaggebend ist. — Die Frage, welcher Preis nur für gute oder seltene Bucher überhaupt erreicht wird ober werben kann, ist bei ber unenblichen Vielseitigkeit des Marktes im einzelnen nicht zu beantworten. Dennoch sollen einige „Spitzenbeispiele aufgeführt werden. So wurde z. B. die 42zeilige G u t e n b e r g - B l b e l, das erste Dokument der Buchdruckerkunst und wohl bas herrlichste Buch überhaupt (gedruckt etwa 1450), bereits mit rund einer Million Mark bezahlt! hierbei ist zu erwähnen, daß die Gutenberg-Bibel auch „schon" für 200 000 bis 250 000 Mark ihren Besitzer gewechselt hat. Ein ebenfalls sehr wertvolles Werk, das man heute vielleicht mit etwa einer Viertel- million Mark veranschlagen kann, ist das Psalterium von 1457, bas erste datierte Buch, bas Druckort, Jahr unb Namen enthalt. (Das zwei Jahre später erschienene Psalterium von 1459 befinbet sich im Besitz ber Preußischen Staatsbibliothek.) — Der Einblattdruck der Thesen von Martin Luther wurde vor Jahresfrist in London für etwa 4000 Mark versteigert. — Flugschriften, in denen über die Entdeckung Amerikas berichtet wird (log. C o l u m b u s - B r i e f e), und die um 1493 erscheinen sind, wurden vor dem Kriege bis zu 20 000 Mark bewertet, heute dürste ihr Preis — fe nach Seltenheit — bis auf die Hälfte gesunken sein. , . , Diese wenigen Beispiele im Zusammenhang mit den zuvor gegebenen Ausführungen lassen erkennen, daß die Beurteilung des Buchwertes nur einem mit der Sache vollkommen vertrauten Antiquar ober Sachverständigen möglich ist. Scott am Südpol. Die Forscherlragödie vor 25 Zähren. Van Knud Rasmussen. Am 18. Januar 1912 erreichte Robert Falcon Scott den Südpol, hier fand er einen Bries Roald Amundsens an den norwegischen König vor. Nachdem ber Sübpol jahrhunberte- lang sein eisgepanzertes Geheimnis bewahrt hatte, war Roalb Amunbsen betn englischen Sübpolforscher um einen einzigen Monat zuvorgekommen. Von der Tragödie des Zuspätgekommenen, von seinem Untergang auf der Rückreise, gibt Knud Rasmussen in seinem bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschienenen „heldenbuch ber Arktis" eine ergreifende Schilderung. Am 11. November 1911 brach Scott zum Südpol auf. Er nahm Ponys und Hunde mit, wollte sie aber nur so lange bei sich behalten, als es ohne Tierquälerei möglich war. Am 15. November war er beim „Tonnendepot", 200 Kilometer von Kap Evans, und wanderte zum Beardrnoregletfcher weiter. Dort ließ er die Ponys erschießen, um frisches Fleisch zu haben, und schickte die Hunde zum Schiff zurück. Beim Anstieg zum Gletscher kam er in einen gewaltigen Schneesturm, ber vom 5. bis zum 9. Dezember anhielt. Nachher lag hoher Schnee, ber das Vorwärtskommen außerordentlich erschwerte. Der Poltrupp bestand aus Scott, Wilson, Kapitän Oats und dem Matrosen Evans, ferner aus zwei hilssschlitten mit je vier Mann. Der Anstieg über den Gletscher ohne Zugtiere war überaus mühselig, ber 2400 Meter hohe Gipsel erst nach zwölf Tagen bezwungen. Dort legte Scott seinen zweiten großen Vorratsplatz an, schickte den einen Hilfstrupp zurück und setzte seinen Weg mit zwei Schlitten bis nahezu an ben 87. Breitengrad fort. Dort errichtete er ein Lager mit Lebensmitteln, auf eine Woche für beide Trupps berechnet. Am 2. Januar 1912 war die höhe van 3200 Meter und die Breite von 87 Grad 32' erreicht, hier kehrte ber letzte hilssschlitten um. Leutnant Bowers schloß sich bem Trupp Scotts an, so baß sich nunmehr fünf Mann in die Last bes schweren Schlittens teilen konnten. Der Sübpol war noch 225 Kilometer entfernt. Die Lebensmittel auf dem Schlitten reichten für vier Wochen, für die Heimreise standen weitere Vorräte in ben drei Zwischenlagern bereit. Am 4 Januar hatte der Trupp die höhe von 3425 Meter erstiegen. Die fünf Mann haben größte Mühe, ihren Schlitten durch ben tiefen Schnee zu bringen. Am 7. Januar ist die höhe von 3525 Meter erreicht. Von hier aus fällt bas Land sanft ab. Am 16. Januar nachmittags, bei 89 Grab 42", entdeckt Scott weit voraus einen dunklen Gegenstand. Es ist eine Flagge, die von einem Schlittenhorn weht. Das muhte ein verlassener Lagerplatz fein. Ringsherum waren Spuren von Hunden und Skiern zu erkennen. Die Norweger waren Scott zuvorgekommen. Die Enttäuschung drückte ihn schwer nieder, nicht nur an diesem Tage, sondern auf ber ganzen Rückreise. Das Wetter war brohenb, ber Winb fegte über das Eis, unb es würbe bitter kalt. Scott schreibt: „Dies ist eine Stätte des Grauens. Das Schlimmste ist, daß wir uns bisher gequält haben und nun um ben Preis betrogen sind, die Ersten zu sein." Er richtete am Sübpol eine Warle auf unb hißte die englische Flagge. Scotts guter Freund und eifriger Gönner Elemens Markham schildert den Verlauf mit folgenden Worten: „Der Rückmarsch begann am 19. Januar. Eine harte Zeit lag vor Scott und seinen Begleitern. Oats litt mehr als die anderen unter der Kälte ^oans erschien wie ausgewechselt, seitdem ber Sübpol hinter ihnen lag. Es m-r ein gefährliches Zeichen, baß die beiden so leicht froren. Am 31. Jo"'mr kamen sie zum Threedegreedepat. Der 9. Januar war ein stolzer T-m. Der Wea ging auf eine Moräne zu Füßen des Mount Buckley zu. Scott beschloß, hier einen Tag mit geologischen Untersuchungen zu verbringen. Wilson fand Pstanzenverstelnerungen und ein Stück Kohle mit bem zarten Abdruck von Blättern. Er lud 16 Kilogramm Verfeinerungen, deren hoher Wert sich erst später herausstellte, auf den Schlitten. Dann ging es weiter heimwärts. Am 16. Februar brach der arme Evans seelisch und körperlich zusammen. Das gab viel Verspätung. Die Kameraden fühlten, daß sie in einer verzweifelten Lage waren, wenn sie nun noch einen Kranken so weil mitschleppen mußten. Die Kette der Lebensmittellager war nicht für so erhebliche Verzögerungen berechnet, die Abstande waren nicht kurz genug. Evans starb am 17. Februar in feinem Zelt, unb gerade er hatte als der Zäheste von allen gegolten. Am 18. Februar kam Scott mit den übrigen zur Niederlage am Fuß des Beardmoregletschers unb konnte nun bie Fahrt über die Eismauer antreten. Von nun an aßen sie Pferbefleisch. Die Ueberlebenben machten furchtbare Leiben durch, weil die Kälte in einer für diese Jahreszeit ganz ungewöhnlichen Art zunahm. Die schlechte Fahrbahn verursachte weitere Verspätung. Erst am 2. Marz tarnen sie zum Vorratsplatz „Eismauermitte", hier stellte sich heraus, daß ber Petroleumkanifter leck war. Der Brennstoff reichte kaum bis zur nächsten Nieberlage. Dabei hatten sie 40 Grab Kälte. Oats rückte damit heraus, baß es um feine Füße schlecht ftanb, er litt an schweren Frost- wunden. Alles ging verkehrt. Die Gefahr wuchs ständig. Der Weg wurde immer schlechter, bie Verspätung täglich größer. „Wenn wir miteinander sprechen", so schreibt Scott, „stellen wir uns hoffnungsvoll. Was jeder von uns denkt, kann ich nur erraten." Oats war vom 6. März ab außerstande, am Schlitten mitzuziehen. Er litt unsägliche Schmerzen. Es wurde zusehends schlimmer mit ihm, doch hielt er sich tapfer und klagte ie. Am 17. März machte er Schluß. Während eines Sturmes sagte er: „Ich gehe weg, vielleicht bleibe ich einige Zeit draußen." Er wußte, daß die andern ihn nicht freiwillig verlassen würden, daß er aber bie Gefahr für sie alle erhöhte. „Er hat gehandelt wie ein tapferer Mensch unb englischer Ebelmann. Wir alle hoffen, bem Tobe so entgegenzugehen wie er. Es ist nicht mehr lange bis dahin." Die Zuversicht auf eine glückliche Heimkehr schwand mehr unb mehr. Am Sonntag, bem 21. März, waren sie nur noch 18 Kilometer vom Tonnenbepot entfernt, aber sie tarnen mit jebem Kilometer langsamer vorwärts. Trotzbem schleppten sie immer noch als wahre Entdecker und Helden ihre 16 Kilogramm Versteinerungen mit. Scott war jetzt in ebenso schlechter Verfassung wie ehedem Oats. Man richtet ein Zeit auf. Wilson und Bowers wollten zum Vorratsplatz vor- ausgehen und Petroleum holen. Ein furchtbarer Sturm vereitelte ihr Vorhaben. Der Sturm dauerte mehrere Tage an. Das war das Ende. Scott schrieb Briefe an Freunde und Verwandte, bis ihm der Tod den Stift aus der Hand nahm. Jeder Satz, den er schrieb, war Trost und Beruhigung für bie Hinterbliebenen. An seine Lanbsleute richtete er einen ergreifenden Aufruf. Er starb, wie er gelebt hatte, einer der edelsten Charaktere unserer Zeit. hier ein Auszug aus Scotts Aufruf an das englische Volk: „Die Ursache unseres Unglücks liegt nicht in Fehlern des Planes ober Mängeln ber Ausrüstung, fonbern barin, baß uns überall, wo auch nur bie kleinste Gefahr beftanb. bas Unheil hartnäckig verfolgt hat. 1. Der Verlust vieler Ponys im März 1911 verzögerte unteren Ausbruch und zwang uns, so wenig Lebensrnittel wie möglich nach Süden voraus- zubringen. 2. Das Wetter war auf dem ganzen Wege zum Pol gegen uns, namentlich der anhaltende Sturm beim 83. Breitengrad brachte erhebliche Verspätung. 3. Der weiche Schnee auf bem unteren Teil des Gletschers ließ uns nicht die berechnete Geschwindigkeit erreichen. Mir kämpften guten Mutes gegen die Ungunst der Verhältnisse und setzten uns durch, aber unsere Lebensmittelvorräte wurden zu stark in Anspruch nenommen. Nur 18 Kilometer trennen uns noch vom „Tonnenbepot". Wir haben noch Brennstoff für eine Mahlzeit und Lebensmittel für zwei Tage. Seit vier Tagen heult hraußen ber Sturm. Wir find onßer- ftanbe. bas Zelt zu verlassen. Ich bin so ersckiönst. daß ich nur mit Müde schreiben kann. Dennoch bereue ich diele Gefahr nicht. Sie wird ein unvergänglicher Beweis dafür sein, daß wir Engländer jeder Unbill gewachsen sind, einander helfen und gleich unfern Vorfahren bem Tod ins Auge zu sehen wissen. Wir kannten bie Gefahr, haben sie aus uns genommen, unb die Umstände haben gegen uns entschieden. Darüber wollen wir uns nicht beHaaen. Wir beugen uns der Vorsehung und sind entschlossen, bis zum letzten Atemzuge das Unsere zu tun. Wir waren bereit, das Leben für bie Sache eincusetzen unferm Lande zur Ehre. So richte ich jetzt an unsere Landsleute hie Bitte: Laßt die Menschen, die in uns ihre Versorger verlieren, keine Not leiden. Wäre es uns vergönnt, länaer zu (eben, so hätte ich eine lange Geschichte von der Ausdauer, der Kühnheit unb bem Mut meiner Kom»raben zu erzählen, eine Geschichte, die jedes Engländers Herz Höher frhfaaen ließe. Jetzt müssen meine zufälligen Aufzeichnunaen und unsere Leichen davon berichten, was wir erlebt Haben. Aber wahrhaftig — ein grobes unb reiches Volk, wie das unsere, wird die nicht der Entbehrung preisgeben, die in uns ihre Ernährer verlieren. R. Scot t." Ans dem Briefe an seine Familie: „Gott hat mich zu sich gerufen. Ich fühle wohl, daß mein Tob ein furchtbarer Schlag für Dich fein wirb, bie Du schon so viele Soraen um mich getraaen hast. Laß es Dir aber ein Trost sein, baß ich im Frieben mit der Welt und mit mir selbst sterbe unb vor bem Letzten nicht bange bin " Acht Monate später würben Scott und seine Begleiter von einem Nachforschungstrupv gefunden. Wilson und Bowers lagen in ihren Schlafsacken. Sie hatten die Klappen über den Kopf gezogen, genau so, als wären sie schlafend aestorben. Scott hat die beiden andern überlebt. Das Oberteil seines Schlassackes war zurückaeschlagen. Die kleine Tasche mit den Notizbüchern hat*e er unter seine Schulter gelegt, den einen Arm um Wilsons Leiche geschlungen. ran«w örtlich- Dr jfanS Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universität S-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange. Gieße«.