SichMrZamiljenbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Hreitag, den 17. September Nummer 72 Eugenie ® raubet ROMAN von Honore de Balzac 1. Fortsetzung. Herr Gründet trug feste Schuhe, die mit ledernen Riemen zugeschnürt waren; er trug zu jeder Jahreszeit dicke wollene Strümpfe, eine Kniehose von grobem kastanienbraunem Tuch mit silbernen Schnallen, eine gelb und flohbraun gestreifte zweireihig geknöpfte Samtweste, einen weiten, kastanienbraunen Rock mit langen Schößen, eine schwarze Krawatte und einen Ouäkerhut. Seine Handschuhe, die so derb waren wie die der Gendarmen, hielten jahrelang, und damit sie sauber blieben, legte er sie mit einer regelmäßigen Bewegung an dieselbe Stelle auf den Rand seines Hutes. Weiter wußte Saumur von diesem Manne nichts. Rur sechs Mitbürger genossen das Recht, in diesem Haus zu verkehren. Bon dreien unter ihnen war der namhafteste der Reffe des Herrn Cruchot. Seit seiner Ernennung zum Gerichtspräsidenten der ersten Instanz von Saumur hatte dieser junge Mann an seinen Namen Cruchot ein de Bonfons angehängt, und er arbeitete darauf hin, den Ton auf Bonfons zu verlegen. Er unterzeichnete schon C. Le Bonfons. Wer einen Prozeß führte und so schlecht beraten war, ihn „Herr Cruchot" anzureden, merkte bald im Gerichtssaal seine Dummheit. Der Richter protegierte die, die ihn „Herr Präsident" nannten, aber sein liebenswürdigstes Lächeln schenkte er den Schmeichlern, die „Herr de Bonfons" zu ihm sagten. Der Herr Präsident stand im dreiunddrei- ßigsten Jahr, besah das Gut Bonfons (Boni Fontis), das siebentausend Franken Rente abwarf und konnte auf die große Erbschaft seines Onkels, des Notars, und seines Onkels, des Abbe Cruchot rechnen, des Stiftsherrn von Saint Martin de Tours, die alle beide für ziemlich reich galten. Diese drei Cruchots, die durch eine große Vetternlchaft verstärkt und mit zwanzig Häusern der Stadt verbunden waren, bildeten eine Partei, wie ehemals in Florenz die Medieis, und wie die Medicis hatten die Cruchots ihre Pazzi. Frau des Grassins, Mutter eines Sohnes von dreiundzwanzig Jahren, kam öfter zu einem Spielchen zu Frau Gründet, weil sie hoffte, ihren Adolph mit Fräulein Eugenie zu verheiraten. Herr des Grassins, der Bankier, begünstigte tatkräftig dis Manöver seiner Frau, indem er insgeheim dem alten Geizhals ständig Dienste leistete und immer im rechten Augenblick auf dem Kampfplatz erschien. Diese drei Grassins' hatten ebenfalls ihre Anhänger, ihre Vettern, ihre treuen Verbündeten. Von feiten der Cruchots machte der Abbe, der Talleyrand der Familie, wohl unterstützt durch seinen Bruder, den Notar, das Terrain der Bankiers- gattin lebhaft streitig und versuchte, die reiche Erbschaft seinem Neffen, dem Präsidenten, zu sichern. Dieser heimliche Kampf zwischen den Cruchots und den Grassins', dessen Preis die Hand von Eugenie Grandet war, beschäftigte leidenschaftlich die verschiedenen Gesellschaften von Saumur. Wird Fräulein Grandet den Herrn Präsidenten oder Herrn Adolph des Grassins heiraten? Zu diesem Problem meinten manche Leute, daß Herr Grandet seine Tochter weder dem einen noch dem anderen geben würde. Der alte Böttcher würde, aufgeblasen von Ehrgeiz, sagten sie, irgendeinen Pair von Frankreich zum Schwiegersohn suchen, der für dreihunderttausend Franken Rente alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Fässer der Grandets in Kauf nehmen würde. Andre entgegneten, daß Herr und Frau des Grassins adlig wären, ungeheuer reich, daß Adolph ein sehr schmucker Kavalier sei, und daß, wenn man auch nicht den Papst zum Vetter bekäme, eine so anständige Partie doch solche Leute ohne Herkunft befriedigen müßte, da doch ganz Saumur den Mann mit dem Bandmesser in der Hand gesehen hat, der überdies die rote Mütze getragen. Ganz Gescheite gaben zu bedenken, daß Herr Cruchot de Bonfons zu jeder Zeit ins Haus kam, während sein Rivale nur Sonntags empfangen wurde. Die einen blieben dabei, daß Frau des Grassins, die mehr als die Cruchots mit den Frauen des Hauses Grandet befreundet war, ihnen gewisse Ideen einimpfen könnte, die ihr früher oder später zum Erfolg verhelfen würden. Die andern setzten dem entgegen, daß der Abbe Cruchot sich wie niemand auf der Welt einzuschmeicheln verstünde, und daß Weib gegen Mönch das Spiel gleich sei. „Totes Rennen", sagte ein Schöngeist von Saumur. Die Alten im Ort, die mehr wußten, behaupteten, daß die Grandets viel zu schlau seien, um ihr Vermögen aus ihrer Familie heraus zu lassen, und daß Fräulein Eugenie Grandet von Saumur mit dem Sohn des Herrn Grandet von Paris, dem reichen Weingroßhändler, verheiratet werden würde. Darauf entgegneten die Cruchotiften und dis Grafsinisten: „Erstens haben sich die beiden Brüder in dreißig Jahren nicht zwei« mal gesehen. Zweitens will Herr Grandet von Paris mit seinem Sohn hoch hinaus. Er ist Bürgermeister eines Kreises, Abgeordneter, Hauptmann der Nationalgarde und Richter am Handelsgericht; er verleugnet die Grandets von Saumur und hat den Ehrgeiz, sich mit einer herzoglichen Familie von Napoleons Gnaden zu verbinden." Was sagte man nicht über eine Erbin, von der man auf zwanzig Meilen in der Runde sprach und sogar in den öffentlichen Postkutschen von Angers bis Blois! Anfang des Jahres 1811 gewannen die Crucho- tisten einen denkwürdigen Vorsprung vor den Grassinisten. Der Landsitz Froidfond, der sehenswert war durch seinen Park, sein wundervolles Schloß, seine Farmen, seine Flüsse, Teiche und Wälder, und der einen Wert von drei Millionen darstellte, wurde von dem jungen Marquis von Froidfond, der sein Vermögen zu realisieren gezwungen war, zum Verkauf geboten. Der Notar Cruchot, der Präsident Cruchot, der Abbä Cruchot samt ihrer hilfsbereiten Anhängerschaft wußten den Verkauf in einzelnen Parzellen zu verhindern. Der Notar schloß mit dem jungen Mann einen sehr vorteilhaften Kaufvertrag ab, nachdem er ihm weis- gemacht hatte, er werde zahllose Prozesse gegen die Käufer anstrengen müssen, ehe er wirklich zu seinem Geld für die Parzellen käme, und daß es besser wäre, alles an Herrn Grandet zu verkaufen, der ein solventer Mann sei und außerdem geneigt, das Gut in barem Gelds zu bezahlen. So wurde der schöne Herrensitz von Froidfond dem Schlund des Herrn Grandet zugetrieben. Herr Grandet bezahlte es zur großen lieber» rajchung von Saumur bar mit Skonto nach Erledigung der Formalitäten. Dieser Handel machte Aufsehen von Nantes bis Orleans Herr Grandet besuchte fein Schloß, als bei einer Gelegenheit ein Wagen dorthin zurllckkehrte. Nachdem er den Blick des Herrn auf fein Besitz- tum geworfen hatte, kehrte er nach Saumur zurück, in dem sichern Bewußtsein, fein Geld glänzend angelegt zu haben, und von dem groß- artigen Gedanken gepackt, den Herrensitz von Froidfond dadurch zu erweitern, daß er alle seine Güter mit ihm vereinigte. Darauf beschloß er, um seinen fast geleerten Schatz wieder aufzufüllen, seine Holzungen und Wälder total abzuhauen und die Pappeln auf seinen Wiesen nutzbar zu machen. Jetzt ist es leicht, das ganze Schwergewicht der Worte: „Herrn Grandets Haus" zu verstehen. Dies fahle, kalte, schweigsame Haus, das hoch über der Stadt lag und durch die Ruinen der Wälle geschätzt war. Die beiden Pfeiler und die Wölbung, die den Eingang bildeten, waren wie das Haus selbst, aus Tuffstein, einem weißen,'den Ufern der Loire eigentümlichen Stein, der so weich ist, daß seine Haltbarkeit im Durchschnitt kaum zweihundert Jahre übersteigt. Durch die ungleichen und zahlreichen phantastisch aussehenden Löcher im Stein, die durch die Unbilden der Witterung entstanden waren, wirkten Bogen und Pfeiler so, wie wenn sie aus den Steinen mit kleinen gewundenen Verzierungen gemacht wären, wie sie die französische Architektur verwendet, und erinnerten etwas an den Vorhof eines Gefängnisses, lieber dem Torbogen lief ein langes Basrelief aus hartem behauenem Stein, bas die vier Jahreszeiten darstellte; die Figuren waren schon zerfressen und ganz schwarz. Dieses Basrelief war überdacht von einer hervorspringenden Platte, auf der sich verschiedene Zufallsvegetationen, wie gelbes Mauer- kraut, Wicken, Winden, Wegerich breitmachten, und ein kleiner Kirschbaum, der schon ziemlich hoch war. Die Haustür aus massiver Eiche, braun, aus- getrocknet, überall gerissen, schien schwach, war aber fest zusammengehalten durch die Anordnung ihrer Bolzen, die symmetrische Figuren bildeten. Ein viereckiges Gitter, klein, aber mit sehr starken, von Rost roten Stäben, nahm die Mitte der nicht sehr großen Tür ein und diente sozusagen als Lager für einen Hammer, der an einem Ring befestigt war und auf den fratzenhaften Kopf eines alten Nagels schlug. Dieser Hammer von länglicher Form, in der Art, die unsere Vorfahren einen Jäckel nannten, ähnelte einem großen Ausrufungszeichen; ein Altertumskenner würde, wenn er ihn genau untersuchte, noch einige Züge des außerordentlich derbkomifchen Gesichts daraus herausfinden, das er ehemals darstellte, das aber durch den langen Gebrauch unkenntlich geworden war. Durch das kleine Gitter, durch das man in den Zeiten der Bürgerkriege die Freunde erkennen sollte, konnten Neugierige im Hintergrund einer dunkeln und grünlichen Wölbung einige schadhafte Stufen erkennen, auf denen man zu einem Garten emporstieg, den malerisch dicke, feuchte Mauern umgrenzten, aus denen es überall sickerte, und die voll von Büscheln schwacher Stauden standen. Das waren die Mauern des Bollwerks, über dem sich die Gärten einiger benachbarter Häuser erhoben. Im Erdgeschoß des Hauses war der ansehnlichste Raum ein Saal, dessen Eingang sich unter der Wölbung des Torwegs befand. Wenig Menschen kennen die Bedeutung des Saales in den kleinen Städten von Anjou, der Touraine und Serri. Der Saal ist alles zusammen: Vorzimmer, Salon, Arbeitszimmer, Boudoir, Eßzimmer; er ist der Schau- herausgab. Die lange Nanon war vielleicht die einzige menschliche Seele, die sich in den De potismus ihres Herrn zu schicken wußte. Die ganze Stadt nerdete sie Herrn und Frau Gründet. Die lange Nanon, so genannt wegen ihrer Größe von fünf Fuß acht Zoll, war feit fünfunddrerßrg Jahren bet Gründet. Obwohl sie nur sechzig Franken Lohn bekam, galt srefür ems der reichsten I Dienstmädchen in Saumur. Diese sechzig Franken, die sert fünfunddrerßrg Jahren von ihr aufgespart wurden, hatten es ihr ermöglicht, kürzlich viertausend Franken in Leibrente beim Notar Cruchot anzulegen. Das Ergebms dieser langen dauernden Sparsamkeit der langen Nanon erschien gigantisch, jedes Dienstmädchen, das sah, daß die arme Sechziglährrge Brot für ihre alten Tage hatte, war neidisch aus sie, ohne die harte Knechtschaft zu bedenken, durch die es erworben war. Mit zweiundzwanzig Jahren hatte das arme Mädchen nirgends eine Stelle finden können, so abstoßend ünrlte ihr Gesicht, und wahrhaftig war dies Urteil höchst ungerecht: ihr Gesicht wäre sehr bewundert worden — auf den Schultern eines Gardegrenadiers. Aber alles, wo es hingehört, fagt man. Alls fie ein abgebranntes Gut ver- lasfen mußte, wo fie die Kühe gehütet hatte, kam sie nach Saumur, um dort einen Dienst zu suchen, beseelt von einem robusten Eifer, der vor keiner Arbeit zurückschreckte. Herr Gründet dachte damals ans Heiraten und wollte schon seinen Haushalt einrichten. Er sah dies Mädchen, das von jeder Tur zurückgewiesen wurde. Als Kenner körperlicher Kraft m semer Eigenschaft als Böttcher erkannte er den Nutzen, den man von einem werblichen Geschöpf ziehen konnte, das herkulisch gebaut war, aus seinen Füßen stand wre erne sechzigjährige Eiche in ihren Wurzeln, starke Hüften, einen breiten Rucken, Hände eines Fuhrknechts besaß, und dessen Ehrlichkeit so unanfechtbar, wie seine Tugend unberührt war. Weder die Warzen, die dies martialische Gesicht zierten, noch der ziegelfarbene Teint, noch die nervigen Arme, noch die Lumpen der langen Nanon flößten dem Böttcher Abfcheu ein, obwohl er sich noch in dem Alter befand, in dem das Herz empfnwsam ist. So verfah er das arme Mädchen mit Kleidung, Schuhzeug, Nahrung, gab ihr Lohn und befchäftigte fie, ohne fie allzu grob zu behandeln. Als die lange Nanon sich so wohl aufgenommen sah, weinte sie heimlich vor Freude und war dem Böttcher aufrichtig ergeben, der fie im übrigen ausnutzte. Nanon machte alles: fie kochte, fie wusch, sie ging d,e Wäsche in der Lowe spülen und trug sie aus ihren Schiiltern zurück; sie stand bei Tagesanbruch auf und legte sich spät nieder; sie kochte das Essen für alle Winzer wahrend der Ernte und übertvachte die Marktfrauen; sie schützte rote em treuer Hund aas Gut ihres Herrn und, da sie von einem blinden Vertrauen zu ihm beseelt tunt, gehorchte sie, ohne zu murren, seinen ntigeschmaätesten ßnuncru dem berühmten Jahr 1811, in dem die Weinernte unerhörte Anstrengun- aen kostete, entschloß sich Grandet, seine alte Uhr der Nanon, die nunmehr zwanzig Jahre in seinen Diensten stand, zu schenken; das war bte einzige Gabe, die sie jemals von ihm empfing. Denn wenn er ihr auch ferne alten Schuhe überließ (sie paßten ihr), so kann man unmöglich den vrertel,ahrrgen Gewinn an Grandets Schuhen als ein Geschenk ansehen, so abgetragen waren sie. Der Zwang der Not machte dieses arme Mädchen so geizig, daß Gründet sie schließlich liebte, wie man einen ®unb hebt, und Nanon hätte sich ein Stachelhalsband umlegen lassen, dessen Stacheln sie nicht mehr verletzt hätten. Wenn Gründet daS Brot etwas zu knapp bemaß, beklagte sie sich nicht; in guter Laune genoß sie nut den andern den gesundheitlichen Vorteil, den die strenge Lebensweise für das Haus hatte, m dem niemals jemand krank war. So gehörte Nanon zur Familie: sie lachte, wenn Gründet lachte, war mit ihm traurig, fror, schwitzte, arbeitete so wie er. Wie viele gute Entschädigungen lagen in dieser Gleichstellung. Niemals hatte der H"rder Magd die Pfirsiche oder die Pflaumen oder d,e Birnen mißgönnt, bte unter den'Bäumen lagen. „Laß es dir fchmecken, Nanon", fügte er m den Jahren, in denen die Zweige unter der Last der Früchte brachen und bte Pachter die Schweine mit dem Obst füttern mußten. Für ein Mädchen vom Lande, das in feinet Jugend nichts als schlechte Behandlung eingeheimst hatte, für eine aus Mitleid auf genommene Bett- lerin war das zweideutige Lachen des Vater Grandet em wahrer Sonnenstrahl. Außerdem süßte das einfache Herz und das enge Hirn der Nanon nur ein Gefühl und einen Gedanken. Immer noch fah sie fich, tote sie vor fünfunddreißig Jahren zum Holzplatz von Herrn Granbet^gekommen war, barfüßig und in Lumpen, und hörte immer noch den Böttcher zu ihr fügen. „Was willst du, mein Kind?", und ihre Dankbarkeit war immer noch frisch. Manchmal, wenn Grandet daran dachte, daß diese arme Person niemals das kleinste schmeichelhafte Wort gehört hatte, daß fte Nichts von all den mßen Empfindungen wußte, die Frauen emfloßen, und daß sie eines Tages noch keuscher vor Gott hintreten konnte, als selber die heilige Jungfrau Maria, bann sagte Granbet, von Mitleib ergriffen, wenn er fie anfah: „Die arme Nanon!" Auf biefen Ausruf folgte immer ein unbeschreiblicher Blick, ben die alte Magd ihm zuwarf. Dieses Wort, bas von Zeit zu^Zeit gesprochen würbe bildete seit langem eine ununterbrochene Kette der Freundschaft, und lebet neue Ausruf fügte ein neues ©lieb hinzu. Dieses Mitleid, das "" Hetzen von Gründet entstand und das s'A das atte Mädchengern^fallen ließ, Hütte irgend etwas Schreckliches. Dieses entsetzliche Millett.des^Ge'zhalses das tausend vergnügte Erinnerungen im Herzen des alten Böttchers wieder aufweckte, war für Nanon ihr Anteil am Glück. Wer wurde da nicht auch fagen: „Arme Nanon." Gott wird feine Engel am Ton ihrer Stimme er- keiinen und an ihren geheimnisvollen Klagen. Es gab in ©aumut eine große Menge Häufet, wo die Dienstboten besser gehalten wurden, wo aber dw Herrschaft trotzdem gar nicht zufriedengestellt wurde. Daher hwßeSauch oft: „Was machen die Grandets nur mit ihrer langen Nanon, daß sw ihnen fo anhänglich ist? Sie würde durchs Feuer für fte gehen. Ihre Küche, deren vergitterte Fenster auf den Hof gingen, war immer sauber blank, kalt, die richtige Küche eines Geizhalses, tn der nichts umkommen durfte. Wenn Nanon mit ihrem Abwasch fertig war, dw Reste vom Essen weg geschlossen und ihr Feuer gelöscht hatte, verließ s,e bte Küche, bte vom Saal durch einen Korridor getrennt war, und spann ihren Hanf an bet Seite ihrer Herrschaft. Ein einziges Talglicht genügte bet Familie für den Abend. Die Magd schlief am Ende beS Korridors tn einer engen Kammer, bie durch ein blindes Fenster erhellt wurde. Ihre feste Gesundheit ließ fie ohne Schaden diese Art Loch bewohnen, von wo aus sw das geringste Geräusch in der tiefen Stille hören konnte, die Tag und Nacht in kiefern Haus herrfchte. Sie durfte wie ein Polizeihund nur auf einem Ohr fchwfen uno mußte noch beim Ausruhen wachen. Die Befchreibung der andern Teile der Wohnung wird fich in Serbin- düng mit den Ereignissen dieser Geschichte finden; im übrigen M M die Beschreibung beS Saales, in bem boch bet ganze Luxus bes Haushalts glänzte, im voraus bie Nacktheit bet oberen Etagen ahnen. Im Jahr 1819 machte, als bet Slbenb einbrach, bie lange Nanon mitten im Monat November zum erstenmal Feuer an. Der Herbst war überaus schön gewesen. Dieser Tag war ein Festtag unb de" Cruchot,sten ww den Graffinisten wohlbekannt. Daher trafen bte sechs Widersacher ihre Sorbe reitungen, um sich schwer gerüstet im Saal zu begegnen und ftd) botl.an Fteundschastsbezeugungen zu überbieten. Am Morgen hatte ganz Saumur Frau und Fräulein Grandet in Begleitung von Nanon tn die Pfarrkirche gehen sehen, um die Messe zu hören, und jedem fiel es em, daß; dwser Tag der Geburtstag von Fräulein Eugenw wat. Aw nach ihrer Berechnung das Abendessen vorüber sein konnte, beeilten sich daher bet Notar Cruchot, der Abbö Cruchot unb Herr von Bonfons, vor den GtasfmS emzutreffen, um Fräulein Grandet zu gratulieren. Alle drei trugen rws'ge Strautze, die in ihren kleinen GewächShäufern gefchrntten waren. Dw Stiele der Blumen, die der Präsident überreichen Ivollte, wurden geschickt von einem weißseidenen Band umhüllt, das mit goldenen Fransen verziert war. Herr Gründet hatte Eugenie schon morgens im Bett überrascht, wie « es an jedem denkwürdigen Schutts, und Namenstag von ihr zu tun pflegte, und ihr feierlich fein väterliches Geschenk überreicht, das fett dreizehn Jahren in einer seltenen Goldmünze bestand. Frau Grandet scheu te ihrer Tochte gewöhnlich je nachdem ein Winter- oder Sommerkleid. Dwse beiden Kleider und die Goldstücke, die sie am Geburts- und Namenstag von ihrem Vav empfing, bildeten für fie ein kleines Einkommen von ungefähr hunven Talern, desfen Anwachsen Grandet ihr zu zeigen liebte. Hieß das nwy-, Geld von einer Kasse in die andere tun, unb sozusagen von Kindesbeinen au bei seiner Erbin die Habsucht großziehen? Manchmal verlangte e Rechenschaft von ihr über ihren Schatz, der früher noch durch d,e la w telliöres vergrößert wurde, und sagte dabei zu ihr: „Das wird dein Heiratsdutzend werden." 1 (Fortsetzung folgt.) Matz des häuslichen Lebens, der gemeiiifchüftliche Raum; dorthin kommt der Laarkünstler des Stadtviertels zweimal nn Jahr, Herrn Grandet die Laare zu schneiden; dort treten die Pächter ein, der Pfarrer, der Unter- präfett* der Müllerknecht. Dieser Raum, mit beiden Fenstern nach der Straße' zu war getäfelt; graue Paneele mit altertümlichem bekleideten ihn von oben bis unten; die Decke bestand aus hervorstehenden Balken die gleichfalls grau gemalt waren, und deren Zwifchenraume mit einem rötsichen Weiß ausgefüllt wurden, das vergilbt war Dw Pla te beS Kamins aus weißem, fchlecht behauenem Stein fchmuckte eine alte Wanduhr aus Kupfer, die mit SchildpattarabeSken ausgelegt war unb em grünliches Glas hatte, hoffen Seiten, um ferne Dicke zu zeigen, schräg geschnitten waren, unb die einen Lichtstreifen von einem stobschen, mit Stahl ausgelegtem, Pfeilerspiegel, reflektierten. Dw beiden Armleuchter aus vergoldetem Küpser, die jede Ecke des Kamms Werten, dienten zwei Zwecken: während sie Rosen nach oben hoben, die Lichteremsatze abgaben, und deren Hauptzweig sich um das mit altem Kupfer heranSgeputzte Fuß- geftell aus bläulichem Marmor fchlang, bildete dieses Fußgestell einen Leuchter für die Dämmerstunde. Die Sessel von altertümlicher Form waren mit Stickereien geschmückt, die Lafontamesche Fabeln darstellten, aber man mußte es wissen, um die Sujets zu erkennen, so unbeut ia) waren dw verblichenen Farben unb die viel auSgeslickten Figuren sehen. In den vier Ecken des Saales befanden sich Eckschränke in der Art von Büfetts, bte m verschmutzte Wandbretter ausliefen. Em alter Spieltisch mit eingelegter Arbeit, dessen Platte ein Schachbrettmuster trug, war zwischen die beiden Fenster gerückt, liebet diesem Tisch befand fich em ovales Barometer in schwarzem Rahmen, das mit vergoldeten Hvlzgewmden verzwrt war, auf denen die Fliegen fich so frech getummelt hatten, daß dw Vergoldung fragwürdig geworden war. An der Wand gegenüber dem Kamm sollten zwei Pastellbilder ben Großvater von Frau Granbet, ben alten Herrn be la Bertelliöre als Leutnant bes Leibregiments, und bie verstorbene Fran Gentillet als Schäferin darstellen. Die beiden Fenster waren mit Vorhängen aus rotem Tuch von Tours drapiert, die von seidenen Schnuren mit Kirchenguasten zurückgehalten wurden. Diese luxuriöse Ausschmückung, bie wenig mit den Lebensgewvhnheiten Grandets harmomerte, war tm Kaus des Hauses einbegriffen gewesen, ebenso tote der Pserlerspwgel, dw Wanduhr, die gestickten Sessel und die EiSschrauke ans Rosenholz. Vor dem Fenster zunächst der Tür befand fich ein Korbstuhl, dessen Fuße auf Holzstücke gestellt waren, damit Frau Grandet fo hoch saß, daß sie dw Vorübergehenden sehen konnte. Ein Arbeitstisch aus abgenebenem Kirschbaumholz füllte die Fensternische aus, und dicht daneben stand der kleine Sessel von Eugenie Granbet. Seit fünfzehn Jahren waren alle Tage von Mutter unb Tochter friedlich bei beständiger Arbeit an diesem Platz verlausen vom Monat April bis zum Monat November. Am Ersten des letztgenannten Monats konnten sie ihre Winterplätze am Kamin einnehmen. Erst an diesem Tage erlaubte Grandet, daß man Feuer im Saal anmachte, unb am 31. Marz ließ er es ausgehen, ohne Rücksicht auf die ersten Fröste ,m ^ruhiahr und Herbst. Ein Fußwärmer, der mit Kohlenglut uom Kuchenfeuer gespeist wurde, die hierfür die lange Nanon mit großem Geschick aufhob, hüls Frau und Fräulein Grandet über die kältesten Morgen und Abende im April und Oktober hiiiweg. Mutter und Tochter hielten die ganze Wasche für das Haus instand und wandten fo gewisfenhaft ihre Zeit für diese wahre Zwangsarbeit auf, daß, wenn Eugenie ihrer Mutter einen Kragen sticken wollte, fie fich die Stunden vom Schlaf absparen mußte und dabei ihren Vater überlisten, um Licht zu haben. Denn seit langem maß der Geizhals seiner Tochter und der langen Nanon die Kerzen zu, ebenso ww er morgens frül) das Brot und die für den Tagesverbrauch nötigen Lebensrnittel Oonaustrudel. Volksweise. Als wir jüngst in Regensburg waren, Sind wir über den Strudel gefahren, Da waren viele Holden, Die mitfahren wollten: Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhe! Muß der Schiffsmann fahren. Und ein Mädel von zwölf Jahren Ist mit über den Strudel gefahren; Weil sie noch nicht lieben kunnt, Fuhr sie sicher übers Strudels Grund. Schwäbische, bayrische Dirndel juchhei Muß der Schiffsmann fahren. Und vom hohen Bergesschlosse Kam auf stolzem schwarzem Rosse Adlig Fräulein Kunigund, Wollt mitfahren übers Strudels Grund. Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhei Muß der Schiffsmann fahren. „Schiffsmann, lieber Schisfsmann mein, Sollts denn so gefährlich sein! Schisfsmann sag mirs ehrlich, Jsts denn so gefährlich?" Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhe! Muß der Schisfsmann fahren. „Wem der Myrtenkranz geblieben. Landet froh und sicher drüben; Wer ihn hat verloren, Ist dem Tod erkoren." Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhe! Muß der Schiffsmann fahren. Als sie aus die Mitt gekommen, Kam ein großer Nix geschwommen, Rohm das Fräulein Kunigund, Fuhr mit ihr in des Strudels Grund. Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhe! Muß der Schisfsmann fahren. Legende um Bukarest. Von Charles Dickens. Deutsch von Karl Lerbs. Es lebte einmal vor langer Zeit in einer der Seestädte des Landes Bulgarien ein armenischer Kaufmann, berühmt durch seinen Reichtum «in Ländereien, Häusern, erlesenen Stossen und edlen Steinen, berühmter noch durch die Schönheit seiner Tochter, die Guzla hieß, unter dem jungen Volk des Landes aber „Stern des Ostens" genannt wurde. Schon feit ihren Kindertagen ging ihr Ruhm durchs ganze Land, und sie hatte mehr und ungestümere Freier, als weiland Penelope. Ss heißt sogar, daß ein muhammedamscher Fürstensohn bereit gewesen fei, um ihretwillen seinen Glauben abzuschwören; da sie indessen vor den Tagen Muhammeds gelebt hat, wird man an der Wahrheit dieser Ueberlieferung zweifeln müssen. Boukor, ihr Vater, sprach oft davon, daß er sie einmal mit einem großen Herrn verheiraten werde, der ihm solcher Ehre würdig schien; und er zählte mit stolzem Behagen die vielen Anträge auf, die jedem andern glänzend schienen, und die er hatte ausschlagen können. Als indessen ein Freier nach dem andern mit einer Ablehnung davonzog, begann das Volk zu meinen, daß Boukor [eine Tochter überhaupt nicht zu verheiraten gedenke. Guzla jedoch beschloß eines Tages, darüber selbst zu entscheiden; und in einer Nacht, als die Winde sausten und die Hunde heulten, als wäre die Luft von Gespenstern voll, ging ste mit dem jungen Severin.davon, hinaus in den Sturm. ,, Boukor grämte sich um seinen Verlust so schwer und bitter, wie alte Beute sich grämen; er wandte sich wider sich selbst und häufte Borwurfe *uf das eigene Haupt um seiner Selbstsucht willen. Warum, so fragte er sich, habe ich nicht eher entdeckt, was im Herzen meiner fünften und I örtlichen Tochter vorging? Warum habe ich nicht verstanden, weshalb ihre Wangen blaß wurden und ihre Augen nicht mehr zum Himmel lufblictten? Warum habe ich nicht geahnt, daß es Liebe war, was all S)r Denken ausfüllte — warum habe ich nicht mit gütigen Fragen ihr Vertrauen gewonnen? Zu spät für solche Reue, wird man sagen; Boufor aber vermeinte, es könne noch alles gut werden, wenn er den nächtigen Vogel wieder einfing und ins Nest zurückbrachte. Freilich wußte er nicht, wohin die Flucht gegangen war, und kein Nachbar verwachte es ihm zu sagen. , , ,, , . Da saß nun der alte Mann und wartete — wartete wohl auf eine Erleuchtung: als aus dem Stall ein klagendes Wiehern zu ihm per« übertönte: Kebir, der junge Hengst, beklagte sich, weil seine Mutter, *ie Stute Zarah, fort war. Nun war alles am Tag: Guzla hatte ihres Baters Sieblingsftute entwendet, um auf ihr ins Abenteuer zu reiten. Sie war nun wohl schon weit; Boukors Trauer aber wandelte sich in Horn. „Bei St. Paeomo", so vermaß sich der alte Mann, „es war un- lug van ihr und ihrem Geliebten, einen Vater und eine Mutter von hren Kindern zu trennen. Das verlassene Kind soll dem verlassenen Safer zu feiner Rache verhelfen." Sagte er wirklich Rache? Er sagte es: nb er schwur sichs stumm mit furchtbaren Eiden zu und schwelgte im Sorgenuß blutiger Vergeltung. . o, Älso übergab er alle seine Geschäfte seinem ältesten Angestellten, lnt Geld in seinen Beutel und bestieg ein gutes Pstrd, öas nicht schlechter war als die gestohlene Zarah. Sodann gab er Befehl, das Hengstfüllen^ aus dem Stall zu treiben. Was er erwartete, geschah. Kebir tänzelte ein wenig umher; dann begann er witternd die Luft einzuziehen und mit den Hufen zu scharren: und plötzlich, mit flammenden Augen, die Ohren zurückgeworfen, galoppierte er nordwärts davon. Bukor war im gleichen Augenblick hinter ihm her; und wenn er auch zuerst weit zurückblieb, so holte er doch bald auf und war schließlich dicht hinter dem jungen Hengst, der unbeirrbar feiner Witterung folgte. So waren sie fünf lange Tage unterwegs; bann und wann machten sie Halt, um im Schatten der Bäume auf grünem Rasen zu raffen und zu schlafen. Der junge Hengst bestimmte die Dauer dieser Ruhepausen; wenn fein müder Herr zu lange schlief, erinnerte er ihn durch angstvolles Wiehern an feine Pflicht. Endlich aber begannen die Kräfte des armen Geschöpfes nachzulassen. Es galoppierte nicht mehr, es trabte auch nicht mehr; mühsam schleppte es sich weiter, und immer häufiger blieb es stehen und wandte den traurigen Blick vom fernen blauen Horizont zum Antlitz des alten Boukor. Am sechsten Tage konnte es sich kaum noch bewegen, und am siebenten legte es sich zum Sterben nieder. Der alte Kaufmann war tief betrübt; er raufte Büschel frischen Grases aus und hielt sie dem Tier hin, aber Kebir nahm sie nicht. Als Boukor nun Wasser aus einer nahen Quelle holen wollte, gewahrte er einen Anblick, der sein Herz rührte. Ein Trupp wilder Pferde galoppierte durch die Wildnis daher und kam an dem entkräftet da- liegenben Hengstfüllen vorüber. Die Tiere schienen es sehr eilig zu haben; eine Stute indessen hielt inne, trennte sich von dem Trupp und bot Kebir die mütterliche Milch. Kebir nahm sie dankbar an: als er sich satt getrunken hatte, legte er feine Nüstern an die der Stute, als wolle er sie küssen ober ihr seinen Kummer anvertrauen. So verweilten sie einen Augenblick; bann aber schlug die fremde Stute den Boden mit den Hufen und tief zu ihren Gefährten, die in der Ferne schon ungeduldig hin und her galoppierten. Gleich daraus war der Trupp verschwunden. Kebir, erfrischt, trabte vergnügt dahin, immeY in der gleichen Richtung, bis er seinen Herrn ans Ufer der Donau geführt hatte. Dort legte er sich zum Schlafen nieder, nachdem er mit ausgestrecktem Halse übers Wasser geschnuppert hatte; und da der Abend dunkelte, war der Kaufmann froh, baß er im Schutze eines Baumes seine Müdigkeit vergessen konnte. Als er am Morgen erwachte, fand er sein treues Reittier grasend zu feiner Seite; Kebir aber — treuloser Kebir! — war verschwunden. Boukor trauerte mit bitteren Klagen um den Verlust seines Führers und Gefährten. Er suchte überall am Ufer nach Hufspuren, fand aber keine. Offenbar hatte Kebir den Sprung in die Strömung gewagt und seine Untreue mit dem Tode gebüßt. Der Strom war so breit, daß man kaum das jenseitige Ufer sah. Wie konnte ein Füllen, noch dazu, wenn es durch Müdigkeit geschwächt war, eine Strömung durchqueren, mit der nicht einmal ein Streitroh es aufnehmen konnte? Nun schien es freilich unmöglich, die Jagd mit irgendeiner Aussicht auf Erfolg fortzusetzen. Und doch — war es nicht auch möglich, alle Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Guzla, der Herumtreiberin, aufzugeben? Solange es ihm sicher schien, daß er sie finden würde, hatte er sich selber in den Gedanken hineingeredet, daß er gänzlich außer sich vor Wut fei und die Verfolgung unternommen habe, um Guzla und ihren Entführer zu töten. Nun aber, da ihm bas Ziel entrissen schien, mußte er bekennen, baß alle seine blutigen Pläne zu Nichts zerstoben waren, unb daß er seinen rasenden Ritt nur unternommen hatte, um feine Guzla noch einmal auf die Schläfen zu küssen und sie unter Tränen ob ihres Ungehorsams zu schelten. Da saß er nun mit zitternden Sippen am düsteren Gestade der Donau. Ein Fischer kam vorüber, und als er den betrübten alten Mann sah, fragte er ihn, woher er käme, und was für ein Kummer ihn brückte. Boukor war froh, einen Zuhörer für feine Geschichte zu haben. Der Fischer hörte ihm aufmerksam zu; bann riet er ihm, die Verfolgung fortzusetzen. „Wie aber soll ich über diesen gewaltigen Strom kommen? Und wenn ich drüben bin: wer soll mich führen?" „Ich habe ein Boot. Laß uns hinüberfahren; und dein Gefährte will i ch fein." Sie fuhren wohlbehalten hinüber und wagten gemeinsam den Weg ins Unbekannte. Das Land war märchenhaft fruchtbar, die Luft köstlich rein; schöne Hügel und Täler umgaben und umfingen sie. Nirgends aber waren Menschen zu sehen. Es war, als hätten sie eine unerforschte Welt entdeckt. Boukor betrachtete alles voll Bewunderung, bis sie an bas Ufer eines Flusses tarnen, der eine paradiesische Landschaft aus Bergen, Tälern und Wäldern bewässerte. „Wie heißt dieser Fluß?" fragte er. „Wir nennen ihn die Dimbowitza", antwortete der Fischer. Der Kaufmann betrachtete entzückt das schöne Bild und schlug vor, hier ein wenig zu rasten. Indessen er noch sprach, entdeckte er zwischen ben Bäumen eine Hütte; und die Beiden gingen daraus zu. Ein Getrappel und ein Rauschen im Gezweig erregten ihre Aufmerksamkeit; fie blickten um sich: da tarn Zarah, gefolgt von Kebir, ihrem Füllen, in munteren Sprüngen auf sie zu. Da war es nun gewiß, daß auch Guzla unb Severin nicht weit fein konnten Boukor hieß feinen Gefährten zur Hütte gehen, während er selbst das Tal in der Richtung, aus der Zarah unb Kebir gekommen waren, durchforschte. Sein Suchen war vergeblich, und nach etlichen Stunden mußte er erkennen, daß er abermals allein und diesmal in der Wildnis verirrt war. Und diesmal überließ er sich der Verzweif- lung- diesmal warf er sich zu Boden und meinte. Indessen er so lag, vernahm er Schritte, unb ein Gespräch klang an sein Ohr: „Komm in ben Schutz ber Zweige, Liebste. Der Fremde gibt ju, daß sein Gefährte aus dem Süden kommt. Wenn er es ist, so sind wir verloren." _ „ „Ich hoffe, er ist es nicht. Und wenn er es wäre — ' „Er würde uns beide töten." „Vielleicht hat er uns schon vergeb'n." - „Alte Leute sind hitzig; sie schlagen erst und überlegen dann. „Manchmal aber küssen sie auch, bevor sie schlagen." -„Wollen wir zur Hütte zurückkehren, Guzla?" „Nein. Wenn er nur mir vergäbe und dir nicht? Laß uns suchen, Severin!" , _ , Der alte Mann erhob sich vom Boden. Die erste Bewegung der Liebenden war, daß sie sich eng umklammerten, als wollten sie einander schützen; dann aber, da sie ihn ansahen, stürzten sie in seine Arme, und ihre Tränen der Reue mischten sich mit seinen Tränen verzeihender Liebe. Süß ist es, Verzeihung zu empfangen — süßer noch, sie zu gewähren. Der alte Mann erlebte die schönste Stunde seines Lebens, als er zwi chen Guzla und Severin, auf ihre sorgsam führenden Arme gestützt, durch Wälder und Waldwiesen zur Hütte zurückkehrte, wo der gute Fischer ihrer wartete. Die Glücklichen blieben noch eine Weile beisammen; schließlich aber wollte der Fischer zu seinem Boot zurückkehren. „Nein", sagte Boukor. „Wir wollen uns nicht mehr trennen. Ich will an dieser schönen Stätte eine Stadt erbauen und meinen Reichtum dazu verwenden, sie groß und prächtig zu machen." Und also hieß er all seine Schätze herbeischaffen; er warb überall rings im Lande Arbeiter an und ließ sie eine Stadt erbauen; und sie empfing den Namen „Boukor Aske", das bedeutet „Stadt des Boukor". Man kennt sie noch heute unter dieser Bezeichnung, die von der Zeit zu dem Namen „Bukarest" verstümmelt wurde, und sie ist die Hauptstadt des walachischen Landes. Oie Hochzeit auf Runöe. Von Friedrich Freksa. Auf der „Alten Liebe" in Cuxhaven, wo ich den Dampfer erwartete, der den Strom hinauf nach Hamburg fahren sollte, sah ich einen Herrn mit frischem rotem Gesicht in Marineblau, auf dem Kopf eine weiße Seglermütze, am Arm eine hübsche Frau in weißer Bluse und blauem Drellrock. Ich äugte erst zur Frau hinüber und dann sah ich den Mann an und dachte: Dunerstag, das ist doch Kapitän Hanne Maukenbrand! Und dann sah er mich, und unsere ersten Worte waren ganz gleich: „Denkst du noch manchmal an den alten Stievens und an Runöe?" Runöe ist nämlich eine Insel, die so zwischen Zingst und Seeland liegt, und der Stievens war ein Käpten, öer’s zu was gebracht hatte und auf feine alten Tage auf Runöe eine Navigationsschule errichtet hatte und auf seinen zwei Segelschiffen praktischen Unterricht in der höheren Steuermannstunft gab. Er war der Mann für die Praktiker, die wie Hanne Maukenbrand sich schwer mit der Mathematik taten, und außerdem war er sehr gesucht bei den jungen Sportsleuten, die die Segelkunst auf der See ernst nahmen und nicht abhängig bleiben wollten von ihrem Maat. Das gab ein sehr gutes Schülergemisch. Wir verstanden uns untereinander prächtig und hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Nun hat Runöe einen Badeort und das alte Dorf. Im Badeort waren drei Hotels, darin lebten die feinen Leute: wir Nautiker hatten nur mit dem Dorf zu tun. Ins Dorf gingen wir Samstag abends tanzen, und es spannen sich sehr viele zarte Fäden an zwischen der Navigationsschule und dem Dorf. In jedem Jahr gab es ein paar heftige Hochzeiten von Schülern und hübschen jungen Bauerntöchtern, da ging's hoch her. Nun tauchte im Badeort eines Tages ein junger Mensch auf, elegant, reich, er hatte ein eigenes Boot mitgedracht mit sechzig Quadratmeter Segelfläche. Er trat mit unserer Schule in Verbindung, weil fein „Mann" an einer Darmvergiftung erkrankt war und er Aushilfe brauchte. Wir (prangen also der Reihe nach ein, und dieser Henry Henniksen war ein ganz netter feiner Kerl, nur ein bißchen scharf auf Mädchen. Aber was ging uns das an! Eines Tages segelte er mit Hanne Maukenbrand hinaus, und es zog ein Wetter auf, durch das [ein Boot „Viktoria" sehr mühsam zurückkämpfen mußte. Am Strande schauten die Menschen zu und fragten sich: Wird er kentern, wird er nicht kentern? Aber Hanne steuerte die „Viktoria" geschickt durch die Brandung, und wir standen bereit, sprangen ins Wasser und zogen den Kahn auf den Sand. Bei uns war Martha Brodersen. Sie half beim Ziehen, denn sie war voller Angst um ihren Hanne gewesen und mußte sich nun die Angst aus dem Leibe herausarbeiten. Sie war sehr hübsch anzuschauen mit ihrem glühend roten Gesicht, den blonden aufgelösten Haaren, den freien Armen. Das Wasser hatte ihr die Kleider so auf den Körper geleimt, daß man sehen konnte, was für ein hübsches Mädchen die Martha war. Das fiel nun leider auch dem jungen Henniksen auf, und, was soll ich euch sagen, er war hinter der Martha her wie der Teufel hinter einer armen Seele. Unser Hanne sah vor seinen Aufgaben, die er in Vorbereitung auf das Steuermannsexamen machen sollte, und kam nicht weiter, denn er dachte an Martha und nicht an feine Winkel, Zahlen und Logarithmen. Das ging uns allen nahe, denn wie kam der Kurgast dazu, sich um ein Dorsmädchen zu kümmern? Das Dorf gehörte uns. Wir überlegten den Fall hin und her. Schließlich sagte der AeUeste von uns, der Dr. Christian Weddersiröm: „Ich sehe schon, ich muß euch mit meiner ärztlichen Kunst helfen." Wedderftröm machte niemals viele Worte, er rauchte lieber seine Pfeife. Er war Schifssarzt gewesen, und seine ganze Sehnsucht war eine Polarexpedition. Nun ging er hier auf die Nautikschule, um sich neben seiner Wissenschaft auch Seesahrerpraxis zu erwerben, woran jeder sehen kann, wie vernünftig der Mann war. Darum hatten mir auch Achtung vor ihm. und als er sagte „helfen", da sagten wir: „Top, Doktor!" Und dann luden mir den Henry Henniksen zu einem Abschiedsfas bei uns ein. Da gab es Füertang-Bomle mit echtem indischem Rohr, zucker auf der Feuerzange, der mit einem herrlichen sünfunbsiebzigpro. genügen Rum abgebrannt mürbe, und angesetzt mit einem guten spa. Nischen Rotwein. Und bann ging bas Singen unb Zechen los. Henr, würbe von bem reinen Fünfunbsiebzigprozentigen immer noch extra was ins Glas gegossen, unb bann natürlich, bann würbe er sanft buit unb schlief ein. Als er am nächsten Tage aufwachte, kam er sich ein büschen spanisch vor; er konnte nämlich bie Beine nicht bewegen unb wußte gar nicht recht, wo er war. Er lag nämlich im Zimmer von Seybvld, ben wir weggefeiert hatten unb bas nun leerftanb Unb bann kam unser Doktor unb sagte zu ihm: „Es ist ja nicht so schlimm, Herr Henniksen, es ist ganz gutartig verlausen. Sie waren gestern 'n büschen dun unb sinb bie Treppe runtergefallen unb haben sich bas Wabenbein links unb bas Knie rechts verletzt. Ich habe Sie in Gips getan. Ader bie Brüche finb glatt, es wirb nicht allzulange bauern. Wir werben alles tun, um Ihnen bas Leben schön zu machen." Henniksen hörte mit verglasten Augen zu. Er war noch immer etwas bun unb aß barum gern einen kräftigen Haferbrei mit einem Salzhering. Dann legte er sich auf bie anbere Seite und schlief weiter Er wachte erst auf, als ihm unser würdiger alter Käpten Stieven- feinen Beileidsbesuch machte. „Ja", sagte Stievens, „ich habe mir in Schanghai auch mal beide Beine gebrochen, aber Sie sehen, ich stehe ganz fest in meinen Stiefeln." Bei feinem zweiten Aufwachen war Henniksen viel ungemütlicher Er fragte, wie lange er wohl liegen müsse. „Oh", sagten wir, „wohl zehr Tage ober vielleicht ging’s auch früher." Wir ließen ihn in feinem Gips liegen unb besuchten ihn, erzählten ihm Geschichten und fanger zum Schifferklavier. Er hatte es ganz gut, der Henniksen. Wir machten uns gar keinen Vorwurf, daß er fest in seinem Gips saß wie ein alter Fuchs im Eisen. Und inzwischen hatte Hanne Maukenbrand die Martha ganz für sieh. Na, fo schwerfällig er sonst war bei der Mathematik und auch beim Nachbenken, jetzt faßte er fest zu, unb nach acht Tagen war er mit Martha verlobt. Denn bie Briefe, bie Henniksen an sie schrieb, bie kamen nicht an. Wozu sollten wir bem Mäbchen bas Herz schwer machen? Sie gehörte zum Dorf, unb bas Dorf gehörte uns. Dann hielt Henniksen es nicht länger aus unb ließ sich ins Hotel bringen. Da war er nun furchtbar neugierig, wie es mit feinen Knochen ftünbe, unb ließ sich aus Hamburg einen Arzt kommen, mit einem Röntgenapparat. Der röntgte feine Beine unb schüttelte ben Kopf, als er bie Platten sah: ,Mer hat Sie behanbelt?" fragte er. „Ein junger Schiffsarzt aus ber Navigationsschule", antwortet biefer. Der Hamburger wollte den Arzt kennenlernen, unb Henniksen fragte ganz besorgt: „Sinb benn bie Beine schlecht behandelt worben?" „Nein", sagte der Hamburger, „ben Beinen fehlt nichts, da tönnem wir ben Verbanb abnehmen; sie find sogar fast zu gut geheilt." „Zu gut?" „Ja, ich muß mal mit bem Schiffsarzt sprechen." Dann suchte ber gelehrte Hamburger Arzt unseren Dr. Webberström auf unb fragte ihn auf ber Kurterrasse: „Sagen Sie mal, sind benm nun bie Knochen gebrochen gewesen ober nicht? Hier sehen Sie bem photographischen Befund. Ich kann nichts erkennen." „Oh", sagte Webberftrörn, „es gibt ungewöhnliche Fälle. Es mac ein Präventivverband". Wenn ber nicht angelegt wordern wäre, Herr Sanitätsrat, bann wären bie Beine viel eiliger geknickt! worden, dann hätte ich vielleicht sogar nicht für bas Durchkommen des Patienten einstehen können." „So", sagte ber Sanitätsrat und schaute ihn groß an. „So, eim Präventivverbanb. Und wie lange wollten Sie den Mann noch bariiu liegen lassen?" „Herr Sanitätsrat, wir hätten ihn heute abgemacht, denn jetzt ist dis Sache fest. Der Hanne hat die Martha, unb wenn bie Martha ihr' Wort gegeben hüt, bricht sie es nicht. Nun kann ber Fuchs aus beim Eisen gelassen werben ober ber Henniksen aus bem Gips, eins wie basi anbere." , Der Hamburger Arzt hatte auch Seefahrerblut in ben Abern. „3dji verstehe, Herr Kollege", sagte er. Unb bann schrieb er feine Rechnunzi für Henniksen. Der war froh, daß seine Beine so gesunb waren nm- früher. Natürlich klagte er etwas über Steifigkeit, aber bas ist immer: fo bei langem Liegen in Gips. Im Oktober war dann Hochzeit auf Runöe. Unb nun fuhr ich mit: ben beiben zehn Jahre später ben Strom nach Hamburg hinauf, um' wir dachten an die Insel, an Stievens unb an Webberström. „Was ist eigentlich aus ihm geworben?" fragte ich Hanne. „Oh", sagte er, ber steckt irgenbmo ba oben im Eise hinter Spitz" bergen, unb wir hoffen noch immer, baß er eines Tages zurückkommt Da würben wir ein wenig still. Wir ließen Punsch kommen und Martha sagte: „3d) bin ja immer froh gewesen, baß ich Hannes Frau geworbeiu bin, aber auf ben Webberström, ben Doktor, war ich lange Zeit faW bis ich eines Tages in ber Zeitung las, sie hätten ben Henniksen roegen betrügerischen Bankrotts eingesperrt. Gott, habe ich gebucht, „bas Uwglück, wenn ich mich von dem bamals hätte beschwatzen lassen." Als wir in Hamburg festmachten, würbe ein Extrablatt ausgerufem „Der „Norbstern" unter Führung von Dr. Webberström ist nach acy^ zehn Monaten Driftens burchs Polarmeer freigekommen. Nachricht uoe Hammerfeft." Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlfche Univerf itätsdruckerei A. Lange, Gießen.