SiehenerZaiinlienbliitter ________Ünterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 195! Montag, den GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 18. Fortsetzung. Ich war ratlos. War der Mann, der so sprach, noch mein Freund Miguel? Er war einer dämonischen Besessenheit verfallen, ein kleines, steinernes Ungeheuer hockte auf seiner Schulter, ein Scheusal, das mich angrinste und sich seines Sieges freute. „Du vergißt, Miguel, daß mich Martina liebt. Mich, Miguel I Gibt dir deine Philosophie keinen Trost? Du hast dich mit dem Tod abgefunden wie ein Held, ein Märtyrer, wie Sokrates im Kerker. Nimm aus deiner Philosophie auch den Trost für deine unglückliche Liebe." Aber Miguel war kein Philosoph mehr. Er war ein Besessener. Sein Gesicht zuckte in Krämpfen, Schaumbläschen sammelten sich in seinen Mundwinkeln. „Sprichst du von Philosophie", schrie er, „anstatt von Freundschaft zu sprechen? Was hast du nicht alles von deiner Freundschaft zu sagen gewußt, solange ich sie nicht gebraucht habe. Lug und Trug und Redensarten. Dem ganzes Leben gehört mir! Du bist zu allem bereit! Hast du das gesagt, Francesco? Und nun ... da sich deine Freundschaft zum erstenmal wirklich bewähren soll ... wie stehst du dürr und jämmerlich vor mir. Zum erstenmal verlange ich etwas Großes von deiner Freundschaft: gib mir Martina!" Ich hatte es mit einem Verblendeten zu tun, mit einem Irrsinnigen. Mein Mitleid war fort, meine Geduld zu Ende, ich konnte Miguel nicht schonen. „Denkst du so von der Liebe? Glaubst du, daß sie sich abtreten läßt wie ein Pferd, ein Haus, ein Bild? Meine Freundschaft ist zu allem bereit. Du kannst mein Geld haben, meine Freiheit, mein Leben — aber wie kannst du Martina von mir verlangen? Komm zu dir, Miguel!" Aus welchen Abgründen war der Haß in Miguel emporgestiegen, diese zähnefletschende Bestie, die mir an die Kehle wollte? Weiß Gott, sein Gesicht glich dieser bösartigen Fratze des steinernen Dämons über seiner Schulter. Sein Speichel sprühte, er zischte mich an: „Ich soll zu mir kommen? Oh, ich will zu mir kommen, ich bin schon zur Erkenntnis gelangt, die mich zu mir bringt, zu der Erkenntnis, daß du seit jeher mein Feind gewesen bist, ein feiger, hinterlistiger, gemeiner Schuft. Oh, wie recht hat die Pastrana gehabt, daß sie mich vor dir gewarnt hat." Er hinkte einen Schritt auf mich zu und hob den Stock: „Geh mir aus den Augen, du Schuft. Mach sort! Rasch fort, wenn ich dich nicht niederschlagen soll." Es hatten sich Leute angesammelt, die Miguels wüstes Geschrei herbeigezogen hatte. Sie sahen einen Verwundeten, einen Mann, der sein Blut für die Freiheit vergossen hatte, sie sahen, daß er sich mit einem andern, einem Unverletzten, im Streit befand und daß er den Stock drohend gegen ihn erhob. Sogleich ergriffen sie Partei gegen mich; ohne viel zu fragen, waren sie bereit, dem Krüppel zu helfen. Es blieb mir nichts übrig, als mich eilig davonzumachen, geschmäht und verjagt von meinem Freund, den eine Verwirrung seiner Sinne in meinen grimmigsten Feind verwandelt hatte. Im Grunde war mein Bedauern weniger groß als mein Zorn und meine Beschämung. Eine prüfende Rückschau konnte kein Unrecht an mir finden. Ich hatte gehandelt wie ich hatte handeln müssen. Alle Schuld lag bei Miguel, sofern seine Besessenheit als Schuld anzusehen war. Und als ich mich darüber beruhigt und mir gesagt hatte, daß eine Wandlung und Einsicht bei ihm doch wohl möglich sei, begann ich sogleich nachzudenken, was ich nun zu tun habe, um mir den Weg zu Martina zu bahnen. Ich wußte ja nicht, unter welchen Umständen sie im Kloster lebte und welche Vorsichtsmaßregeln Avila angeordnet hatte, um sie vor mir zu behüten. Seltsam genug, daß sie nach Avilas Tod nicht nach Madrid zurückgekehrt war. Aber vielleicht wußte man im Kloster Santa Engracia noch nichts davon, daß Martina Witwe war und niemand mehr über sie zu gebieten hatte? Vielleicht hatte Avila ausgemacht, daß sie nur auf seinen ausdrücklichen Befehl heimkommen dürfe, und man wartete vergebens auf diesen Befehl. Ach, wenn die Singdogmo wirklich noch immer nicht überwunden und auch der Mord Avilas ihr Werk war, so hatte sie es damit recht schlau angestellt. Aber über Martina selbst hatte sie nicht Macht gewinnen können. Sie war behütet durch den Talisman, der seine Kraft behielt, so lange jenes unbekannte ewige Licht in einem Kloster Spaniens brannte. Deutlich genug hatte er seine Kraft bewährt, indem Martina nicht in einem der zahllosen anderen vom Feind verwüsteten Klöster untergebracht war, sondern gerade in Santa Engracia zil Zaragossa, der Stadt, über der die beiliae Jungfrau aus der Säule wachte. Wahrend ich dem Haus der Goicoechea zuschritt, legte ich mir zurecht, daß »ch mich nun zunächst um einen anderen Freund und Helfer umsehen mußte, der mir Miguel ersetzen könnte. Von dem vermorschten Martino hatte ich nichts zu erwarten, ich hatte mich im Gegenteil vor der Sippe der Goicoechea sorgfältig in acht zu nehmen. Meine anderen Jugendfreunde aus der Lehrzeit zu Zaragossa waren nicht mehr am Leben, vielleicht war noch Zapaters Bruder da, ein schwächlicher Menich, der sich damals dem Unfug, den wir stifteten, immer ferngehalten hatte. Aber er war treu, von begeisterter Verehrung für mich erfüllt, seine Ergebenheit konnte mir die Dienste leisten, deren ich bedurfte. Als ich Martinos Haus betrat, war ich entschlossen, sogleich auszuziehen und Diego Zapater aufzusuchen. An dem großen Wohnzimmer vorbei, in dem schon wieder das Geschwätz der Weiber und das Klappern der Patronenhülsen angegangen war, schlich ich in meine dunkle Kammer. Im Winkel auf meinem Mantelsack saß Siebold. hatte mir willkommener fein können, als gerade er, und er merkte es auch wohl an der stummen Ergriffenheit, mit der ich seine Rechte zwischen meine beiden Hände nahm. »Wie bist du durch den Feind gekommen?" fragte ich. „Kem besonderes Kunststück, Francesco", lachte der Doktor, „ich habe mich nicht sehr anstrengen müssen. Ganz ohne schwarzen Nebel ober sonst was. Die Franzosen haben den Gürtel um Zaragossa sehr gelockert." »Ihr großer Angriff ist abgeschlagen worden. Die heilige Jungfrau auf der Säule hat geholfen." »Ach was, Jungfrau", meinte Siebold, „es ist ja ganz gut, wenn die Leute hier fest daran glauben. Aber wenn die Franzosen zurückgegangen sind, so haben sie ihre wohlerwogene Absicht dabei. Jeder kann jetzt ohne weiteres m bte Stadt, aber ich glaube nicht, daß irgend jemand hinaus kann. Die Franzosen wollen, daß die Nachrichten von draußen in die Stadt kommen. Die Leute, die sie bringen, sollen nur hierbleiben." „Was für Nachrichten?" „Weiß man hier also noch nichts davon? Schlimme Nachrichten, Francesco, schlimm für Spanien und seine Freiheit. Die spanischen Truppen und dw Engländer sind überall im Norden geschlagen, die Engländer sind ins Meer geworfen, Napoleon hat eine Viertelmillion Soldaten gesammelt und schickt sich an, nach Madrid zu marschieren. Diese Nachrichten wollen die Franzosen nach Zaragossa kommen lassen. Der Geist der Verteidiaer soll zermürbt werden." „Er wird sich nicht zermürben lassen", sagte ich fest, „Zaragossa wird gerettet werden." Siebold pfiff durch die Zähne. „Ich glaube nicht daran. Oh, es gibt einen, der die Stadt retten könnte. Was hältst du davon, wenn ich von neuen Waffen wüßte, furchtbaren Waffen, von denen niemand anderes weiß? Geschütze, bte Geschosse schleubern, Geschosse, bie zerplatzen und deren hohlem Bauch Gift entströmt, ein böses, giftiges Gas, das alles Lebende tn weitem Umkreis zerfrißt und vernichtet." „Gib sie uns, gib sie uns!" forderte ich erregt. »Ich denke nicht daran. Die Menschheit wird diesen Waffen nicht entgehen, sie wächst ihrem Unheil unaufhaltsam entgegen. Aber dieses jetzige Geschlecht ist noch nicht reif dazu. Und so wird Zaragossa fallen." Ich wollte ihn noch einmal bestürmen, uns seine Waffen zu geben, aber da warf sich plötzlich eine Angst über mich, die mich beinahe erstickte. Er sprach mit so ruhiger Bestimmtheit vom Fall Zaragossas, daß ich ihm, der immer mehr wußte als andere, glauben mußte. All das Gräßliche, dessen Spuren ich auf meinem Weg gesehen hatte, würde sich hier wiederholen, hier, wo sich das holde Wunder meines Lebens befand. Jäh brandete ein grauenhaftes Bild durch mein Hirn: die Leichen der geschändeten Frauen in den Straßen von Calatayud. Ich verlor die Besinnung. „Siebold, Zaragossa darf nicht fallen", stammelte ich, „Martina ist hier!" „Martina ist hier?" „Ja, Martina! Und Furchtbares ist geschehen. Miguel ist mein Feind geworden." Abgerissen, unzusammenhängend, in Fetzen erzählte ich von Miguels verhängnisvoller Besesienheit und von der Wandlung seines gelaßenen, sicheren Wesens zu verblendetem Haß. Siebold hatte sich wieder auf den Mantelsack niedergelassen, ein unförmiger Klumpen Düsternis kauerte er schweigend zu' meinen Füßen. Ich hörte das Poltern der Gußformen in der Küche und das flache und dreiste Lachen der arbeitenden Weiber. Aus dem Schattenklumpen stieg ein blasser Fleck auf, Siebolds Gesicht wandte sich mir zu: „Also darum! Darum!" murmelte er, „und ich habe es nicht durchschaut. Aber nun sehe ich es. Deutlich sehe ich es." „Was siehst du?" „Wie du geführt worden bist. Du bist hierher geführt worden. Du und Fuentes. Geführt... gedrängt. Oh, mit aller Schlauheit, deren sie fähig ist. Und ich habe noch dazu geholfen, ich habe dir den Rat gegeben. Erkennst du nicht wieder ihre Hand? Sie hat dir die Geliebte entrückt; nun gibt sie es Antichrist hak seinen Boten gesendet und hat versucht, euch zu betören. Er hat euch Schmeicheleien in die Seelen geträufelt, er hat eure Tapferkeit gerühmt und die Ausdauer eures Widerstandes. Er hat euch ausgefordcrt, euch zu ergeben und hat euch zwölf Stunden Bedenkzeit gelassen. Aber seine Schmeicheleien sind Gift und seine Worte sind Lüge, denn Lüge ist das Wesen des Antichrist. Es ist Lüge, wenn er euch durch seinen Boten sagen läßt, daß die spanischen Armeen überall geschlagsn sind, es ist Lüge, daß die Engländer ins Meer geworfen sind, es ist Lüge, daß der Höllenfürst Napoleon auf dem heiligen Boden des Vaterlandes steht und mit einem unüberieh« baren Heer gegen Madrid zieht. Mit diesen Lügen will er euch kirre machen, daß ihr euch ihm unterwerft, und mit Lügen will er euch den Mut nehmen. Aber die Wahrheit ist bei uns, die Wahrheit ist bei der wundertätigen Ver- heißung der heiligen Jungfrau auf der Säule. Die zwölf Stunden, die er uns gegeben hat, sind bald um. Aber wie die Wahrheit die Lüge überwindet, so werdet auch ihr die Lüge überwinden. Er hat uns ehrenvolle Ergebung, Schonung der Stadt und Abzug der waffenfähigen Mannschaft vorgeschlagen. Aber ich weiß, was eure Antwort sein wird “ Was sagte dieser Mann da? Er und alle Führer mußten genau wissen, wie es draußen stand, ebenso wie Siebold und ich es wußten. Wie konnte er es wagen, Wahrheit und Lüge so gegeneinander zu vertauschen und das Volk für den einzigen Weg zur Rettung blind zu machen? Wer gab ihm den teuflischen Mut, eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen? Und wenn er diesen Mut hatte, mußte ich nicht den Mut haben, ihm zu widerstehen und dem Volk die Äugen zu öffnen? Wer war sonst dazu berufen als ich, der ich selbst verblendet gewesen war und Schuld auf mich geladen hatte? Mit einem Satz war mir das Bewußtsein dieser Schuld in den Nacken gesprungen und trieb mich wie ein dunkler Reiter vorwärts. Was anderes war es gewesen, als die Angst um mich selbst, die Furcht vor der Inquisition, die mich bewogen hatte, mich zu den Kämpfern zu gesellen und die Verwirrung der Seelen zu vermehren. Mich, der ich die Greuel des Krieges zur Warnung hatte aufzeichnen wollen? Ich hatte so viel an mich gedacht, daß ich in diesem Augenblick an mich nicht denken durfte. Ich weiß nicht, wie es mir gelungen ist, bis an das Gerüst vorzudringen, ich weiß nicht, ob es wirklich diese Gedanken waren, die mich zwangen zu handeln, oder eine andere unbekannte geheimnisvolle Macht, der dunkle Reiter aus meinem Nacken, die mich Martina und meine Liebe vergessen ließen. t . Während die Menge noch brüllte: „Tod den Franzosen!" und „Seine Ergebung!" stand ich plötzlich oben auf dem Gerüst neben Saniago Sas. „Landsleute!" schrie ich in den Tumult. „Die Wahrheit will niemand hören. Aber es ist manchmal an dem, daß sie sich Gehör erzwingt. Die Franzosen haben euch zur Ergebung ausgefordert, und es foll eine Ergebung sein, die euch, eure Frauen, eure Kinder, die ganze Stadt rettet. Wollt ihr es wirklich darauf ankommen lassen, daß eure Stadt gestürmt wird, daß eure Häuser in Brand geschossen, daß euer Hab und Gut in alle Winde zerstreut wird, daß eure Frauen und Töchter geschändet werden? Hier seht ihr die Ergebung, nicht in die Hände der Franzosen, sondern in den Willen Gottes, der Spanien erretten wird, auch wenn Zaragosfa fällt. Und hier seht ihr die ganzen Greuel des Krieges. Hört nicht auf diesen Mönch. Er sagt euch nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, daß unsere Armeen geschlagen sind, daß Napoleon vordringt und daß uns der Feind an der Kehle hält. Rettet Zaragossa, rettet Zaragosfa, indem ihr euch unterwerft." Das Schweigen, das meinen Morten folgte, brachte mich jäh zu mir. Es mochte vielleicht nur eine Sekunde gedauert haben, mir schien es endlos lang, lang genug, um mir darüber klar zu werden, welche Torheit ich begangen hatte. War ich das noch selbst gewesen, der sich da dem Volk entgegengestellt hatte? Es erhob sich eine höhnische Stimme in mir, die sagte: Du hast von der Rettung Zaragossas gesprochen und hast die Rettung Martinas gemeint, und indem du so gesprochen hast, hast du sie aufs Spiel gesetzt und verloren. Ich sah über dem Rand des Gerüstes einen Kopf auftauchen, der Miguels haßerfüllte Züge trug. Er hinkte mühsam die Treppe hinaus. Hinter ihm kam die Pastrana. Sie warf sich mit dem Oberkörper aus die Bretter, zog die Beine nach und lag verkrümmt wie eine große Spinne da, ehe sie sich ausrichtete. Dann standen sie nebeneinander, Miguel und die Pastrana, und Fuentes deutete aus mich. „Habt ihr das gehört, Landsleute? Habt ihr die Worte gehört, die aus dem Gerüst zu euch gesprochen worden sind, aus dem die Feiglinge und Vaterlandsverräter gerichtet werden? Ein Feigling und Vaterlandsverräter hat zu euch gesprochen. Wollt ihr euch das gefallen lassen?" Endlich antwortete das Volk mit hundertfachem Geschrei: „Macht ihm den Prozeß!" Die Pastrana zeterte: „Es ist Goya. Francesco Goya, der Franzosenfreund Goya, der Ritter der Ehrenlegion." a „Mag er sein wer immer", schrie Miguel. „Erwürgt ihn ohne Prozeß. „Er hat das Sakrament darauf genommen", heulte Saniago Sas, „daß er mindestens einen Franzosen töten wird. Und ich habe es selbst gesehen, wie er über ihre Köpfe weg in die Luft geschossen hat." Der Mönch wiederholte seine lächerliche und sinnlose Beschuldigung. Aber gerade sie brachte, so sinnlos sie war, die Menge noch mehr gegen mich auf. In meiner Heimatstadt kannte natürlich jeder Gassenjunge meinen Namen, ich war der große Sohn Zaragossas. Sie wären noch geneigt gewesen, mir meine Mahnung zur Vernunft zu verzeihen, aber daß ich die Franzosen im Kampf geschont haben sollte, diese Teufel, denen Schonung unbekannt war, das machte mich der Heimat unwürdig. Sie wandte sich von mir ab und verwarf mich. Mit zornigem Gebrüll stürmten die Leute mit den Fackeln gegen mich los. Ich zog mich vor ihnen bis an den Rand des Gerüstes zurück. Was ich beabsichtigte, vermag ich nicht zu sagen, vermutlich wollte ich einen Anlaus nehmen, um mich plötzlich vorzuschnellen und den Hausen durch einen Kopfstoß zu zersprengen. Aber da riß ein Zischen und Knattern am Nachthimmel alle Blicke hoch, mitten über der Stadt stand, einen Schwanz von Funken hinter sich, ein sprühender, wirbelnder Stern. (Fortsetzung folgt.) zu, daß du sie wiederfindest, aber nun hat sie dir den Freund verblendet, und du muß ihn niedertreten, um Martina zu gewinnen. Ja, das smd die Züge ihrer Meisterschaft. Ich habe in Ataorid gesucht und gesucht und nicht gefunden. Aber nun weiß ich es — sie ist hier. Ach, Francesco, ich glaube nun fast nicht mehr, daß ich es in erster Reihe bin, den ihr Haß verfolgt. Es ist mir beinahe gewiß, daß sie vor allem dir ans Glück und ans Leben will. Sie kämpft auch gegen mich, aber nur weil ich dein Freund bin." Aber mir ging es um Wichtigeres als um die Singdogmo und ihre Künste: „Wirst du mir Helsen, Martina von hier so.-tzubringen?" drängte ich in Siebold. , . Seine Stimme war müde: „Laß mich em wenig nachdenken! Du mußt mir Zeit lassen. Mein Weg durch die Abgründe war anstrengend. Sie mag nicht schlecht gelacht haben, wie ich in dem gelben Nebel herumgetappt bin. Aber nun muß ich mit ihr zu einem Ende kommen, es ist genug ... es ist genug! Ich muß ihrem Treiben ein Ziel setzen." Verbissene Wut knirschte aus Siebolds Worten. Trotzdem ich von eigenen Sorgen und Aengsten gerade zur Genüge in Anspruch genommen war und alles ichsüchtig aus mein eigenes Selbst bezog, erschrak ich für den Freund. War die Gereiztheit dieser Jagd nach einem Schatten noch weit von den Grenzen des Wahnsinns entfernt? „Komm fort", sagte Siebold, „wir wollen Zapater aufsuchen." * Wir hatten Glück und trafen Diego Zapster daheim. Er war eben vom Dienst aus den Wallen gekommen, hatte die Waffen abgelegt und saß bei seiner Mahlzeit, einer Handvoll Oliven und einem Kännchen dünnen Weines. Zapater war noch schwächlicher geworden, als er in meiner Erinnerung stand, der Nahrungsmangel in der belagerten Stadt hatte ihn entkräftet und seinen niemals lebhaften Geist noch herabgesetzt. Es hatte sich indessen doch das Gerücht verbreitet, daß ich mich in Zara- gossa besinde. Obwohl sich Zapater offenbar sreute, daß ich gekommen war, um bei ihm zu wohnen, war sein Lächeln etwas mühsam und verlegen. Er sei leider außerstande, uns gebührende Gastfreundschaft zu bieten, er hätte keine Vorräte mehr, wir müßten uns selbst verpflegen. „Machen Sie sich keine Sorgen, Sennor", sagte Siebold, „wir haben mitgebracht, was wir brauchen." Er holte ein rundes Büchschen aus Olivenholz hervor und bot Zapater eine der grünlichweißen Kugeln an, die darin lagen. „Nehmen Sie nur", forderte er auf, „die Leute glauben, sie müßten sich den Magen vollschlagen, um satt zu werden und zu Kräften zu kommen. Und dann müssen sie den größten Teil wieder ausscheiden; was ihnen zurückbleibt, sind einige wenige Stoffe und Säfte. Nehmen Sie, eine jede solche Kugel enthält eine reichliche Mahlzeit, ohne daß der Umweg des Vollstopsens nötig ist." Wir hatten auch insofern Glück, daß Diego Witwer war und sein kleines Haus in einer Seitengasse der Calle del Sepulcro allein bewohnte. Es war niemand da, der uns hätte überwachen und ausspähen können, ein großer VorteU für mich, da ich entschlossen war, nicht zu meiner Truppe zurückzukehren. Fuentes hatte wohl wieder den Befehl übernommen, ich wollte Zusammenstöße mit ihm vermeiden, und überdies mußte ich mich stündlich für die wichtigeren Aufgaben bereit halten, die mir jetzt noch hier oblagen. Als wir aus dem Zimmer, das uns Diego angewiesen hatte, zu ihm zurückkamen, fanden wir ihn völlig verändert, heiter aufgeblüht und kraftvoll zuversichtlich. „Ach, Sennor", sagte et, „was für Wunderpillen haben Sie mir da gegeben. Mit diesen Dingern können Sie ganz Zaragossa aus die Beine bringen." „Ich werde es vielleicht tun", antwortete Siebold ruhig. Dann fügte er zögernd hinzu: „Wenn sich Zaragosfa dessen würdig erweist." Siebold hatte mir befohlen, Zapaters Haus nicht zu verlassen und, meine Unruhe und Ungeduld bemeisternd, fügte ich mich. Er mochte damit recht haben, daß es besser war, mich, da man nun von meiner Anwesenheit wußte, nicht sehen zu lassen, und Diego hatte uns das Wort geben müssen, keiner Menschenseele zu verraten, daß wir unter seinem Dach wohnten. Drei lange Tage mußte ich mich in Geduld fassen. Ja, es war Siebolds Art, sich über seine Absichten nicht auszulassen und erst dann mit feinen Plänen hervorzutreten, wenn sie zur Ausführung reif waren. Am Abend des dritten Tages brachte er mir die Erlösung aus der Pein des Wartens. So ruhig, als teile er mir nicht eine Schicksalsbotschaft, sondern eine alltägliche Nachricht mit, sagte er: „Sie weiß jetzt, daß du hier bist. Und sie will dich heute Nacht sehen und sprechen." Ich glaube, daß es mir vielleicht gelänge, den Rausch des Entzückens, der mich überkam, mit dem Stift oder dem Pinsel zu schildern, aber Worte, über die ich ja nur unvollkommen gebiete, sind ungeeignet dazu. Wir wären sogleich aufgebrochen, wenn es nach mir gegangen wäre, aber Siebold hielt mich immer wieder zurück. Endlich um die zehnte Stunde sagte er: „Nun ist es Zeit." Als wir auf die Plaza de la Seo einbogen, sahen wir eine Menschenmenge vor uns, die Kopf an Kopf zwischen die Häuser gestampft war, und ehe wir uns noch hatten zur Seite wenden können, wurden wir von einem Trupp Nachdrängender mit unwiderstehlicher Gewalt vorgeschoben. Die ganzen Tage meines Verweilens in Diegos Haus über hatte in Zaragossa Ruhe geherrscht. Kein Kampslärm war zu uns gedrungen, unh Diego hatte berichtet, daß die Franzosen in unbegreislicher Untätigkeit verharrten. Nun aber schien wieder eine gewaltige Erregung über die Stadt gekommen zu sein, und aus der Menge stieg Murren und flogen Schreie, die den Worten des Mannes dort vorne auf dem Gerüst antworteten. Ja, das Gerüst war noch immer aufgeschlagen, auf dem das Gericht über die Vaterlandsverräter und Feiglinge gehalten zu werden pflegte. Es war offenbar eine dauernde Einrichtung zur Drohung und Warnung, und der Mann, der dort oben, von Fackelträgern umringt und allen deutlich sichtbar, zu der Menge sprach, war Saniago Sas. Zuerst konnte ich nicht deutlich vernehmen, was er sagte. Aber dann schienen wir nckhergekommen zu sein oder die leichte Umschleierung meines Gehörs, an der ich in den letzten Tagen wieder gelitten hatte, hob sich, und ich verstand ihn so klar als nur möglich: ... „und darauf müßt ihr die Antwort geben, Brüder und Kämpser für Christus und die Jungfrau und unfern önig Ferdinand. Und ich weiß auch, was >mre Antwort (ein wird. Sehet, der (krnielied. Volksweise. Es ist ein Schnitter, der heißt Tod. Hat Gewalt vom großen Gott, Heut wetzt er das Messer, Es schneidt schon viel besser, Bald wird er drein schneiden. Wir müssens nur leiden. Hüt dich, schönes Blümelein! Was heut noch grün und frisch dasteht, Wird morgen weggemäht: Die edel Narzisse!, Die englische Schlüssel, Der schön Hyazinth, Die türkische Bind. Hüt dich, schönes Blümelein! Viel hunderttausend ungezählt Da unter die Sichel hinfällt: Rot Rosen, weiß Lilgcn, Beid wird er austilgen; Ihr Kaiserkronen, Man wird euch nicht schonen. Hüt dich, schönes Blümelein I So viel Maßlieb und Rosmarin Welkt unter der Sichel hin, Vergißmeinnit, Du mußt auch mit, Und du Tausendschön, Man läßt dich nit stehn. Hüt dich, schönes Blümelein! Er macht so gar kein Unterschied, Geht alles in einem Schnitt: Der stolze Rittersporn Und Blumen in dem Korn, Da liegens beisammen, Man weiß kaum die Namen. Hüt dich, schönes Blümelein! Trutz! Tod, komm her, ich sürcht dich nit, Trutz! Komm und tu ein Schnitt. Wenn er mich verletzet, So werd ich versetzet, Ich will es erwarten, In himmlischem Garten, Freu dich, schönes Blümelein! Bildnis einer Feldblume. Von Friedrich Schnack. Im schläfrigen Mittag, unter der Flamme des Sommers, läuft ein schmaler Feldweg in die he'ße Ackerflur. Die regungslose Luft zittert und schwingt. Kein Vogelruf tönt außer dem einförmigen Laut der die Hitze liebenden Ammer. Das Feld brütet in der Glut. Bärtige Halme gilben und bräunen, dürr und spröde sitzen die Grannen an den Weizenähren. Braune Grasfalter, Waldpsörtner und Sandaugen und die schwarzweiß gescheckten Schachbrettschmetterlinge, die Lieblinge des hohen Sommers, durchhasten die Felder und übergaukeln die Raine, wo der Thymian duftet und goldgrüne Käser blitzen. An den Rändern und auf den bewachsenen Streifen des ausgefahrenen trockenen Ackerweges hat sich der Breitwegerich angenistet, die zähe, slache Blattrosette, die sich treten läßt, weshalb sie das Volk auch Wegtritt benannte (und die Indianer „Fußtapfe des weißen Mannes", weil die Pflanze den Weißen begleitet). Dem Wegerich gesellt sich der Frauenflachs. Seine Blüte ist ein zierlicher Thyrsus schwefelgelber, hasenmäulchenähnlicher Blüten. Und wo der Boden am trockensten und kärgsten ist, kauert der feuerblaue, rotübersprenkelte Büschel des stachelhaarigen Natterkopfes, den die Bienen lieben. Lang aus dem aufgeristenen Schlund der natterköpsigen Blüte züngelt die gespaltene Narbe. Unweit vom scharfen Natterkops erhebt sich die sanfte, fparriggeästete, hagere Staude der Wegwarte. Alle diese und noch andere Wegpslanzen schätzen Trockenheit, Hitze und mageren Boden. Ihre Blätter find klein, in sich zusammengedrängt, zurückhaltend, um die geringe Feuchte vor Verdunstung zu schützen. Ist der Natter- !ops ein Zeichen erdgebundenen, tiergleichen Feuers, das seinen Rachen lohend aufspertt, sich hinduckt und wie zum Sprunge sich dem Boden an- inimmt, so verkündet die hochstengelige, schlanke, sich verdünnende, vom Boden emporfliehende Wegwarte das Sinnbild kosmischen Lichtes. Je höher der Stengel steigt und in die Lüste klimmt, um so mehr entstofflichen lich die Blätter. Von Stockwerk zu Stockwerk werden sie kleiner und endlich winzig, in der Tiefe bilden sie schmale, etwas gezähnte Lanzetten. Ihren Achsen entsprießen die Knospen, Blütenstiele und Zweige. Die Blüten, «gellos und sparsam gesetzt, erscheinen sprunghaft, wie aus dem Weltraum launisch angeflogen — bezaubernde, lavendelblaue, zarte Blumen. Es sind liörbchenblüten — die Wegwarte gehört zu den Körbchenblütlern —, Rad- Humen, deren zungenförmige Blumenblätter speichig angeordnet Hnb. Die Blüte ahmt das Sonnenrad nach, das bereits über den Scheitel tes Jahres gerollt ist. Zum Tagesgestirn unterhält sie die innigsten. Begehungen. Frühzeitig wird sie von der Blumenuhr aus dem Schlaf geweckt. Im vier öffnet sie bereits ihr Auge, bald nach Mittag schließt sie es wieder. Ae wendet es dem himmlischen Auge zu: Sonnenwende wird sie genannt, die blüht, wenn die Tage an Länge abnehmen. Wie die Sage weiß, wartet am Feldweg das verlassene Mädchen auf seinen in fernen Landen weilenden Geliebten. Er hatte ihr versprochen, wiederzukommen, doch kehrte er nicht zurück. Da wurde die Schöne zur Wegwarte. Ihre vom langen Stehen und Gehen ermüdeten Füße wurzelten in den Boden ein, der sehnsuchtsvolle, blaue Blick der Licbesträumerin wurde zum Blumenauge. Der Geliebte ist in Wirklichkeit die Sonne, die sich von der nördlichen Erde abwendet und im gleichen Jahr fernbleibt. Das Mädchen ist die Pflanze. Es ist wahr: die Wegwarte reckt und streckt sich, schaut über alle anderen Gewächse hinweg und läßt ihren lavendelblauen Blumenblick weithin leuchten. Ihr Wesen verhehlt nicht eine leise Schwermut. Vielleicht drückt sie auch am stärksten von allen Feld- und Brachpflanzen die Verlorenheit der kleinen Feldwege aus. Sie steht geduldig und ausdauernd, doch wie im Tiefsten erstaunt. Bestürzt sie zart und geheim, während sie die Sonne arv» betet, die kreatürliche Ahnung vom Tod des Lichtes, der zwar noch weit entfernt ist, aber unaufhaltsam herannaht und dem Sommer ein Ende setzt? Verwunschen und verwundert lebt sie in der Einsamkeit und Stille. Ihre grünen Stengel fühlen sich rauh und trocken an, riesig und hart. Man vermeint den Staub, die Trockenheit, den Sand des Feldwegs zu verspüren. Deshalb ist sie auch zäh und widerstandssähig und läßt sich nicht gar so leicht einen ihrer blühenden Zweige entreißen. Auch die Wurzel ist zäh, dazu ausdauernd und tief im Boden sitzend. Früher war sie eine Zauberwurzel, mit der Diebe entlarvt wurden. Heute wird Kaffeezusatz aus ihr bereitet, Zichorie. So wett sich der Feldweg in die Gemarkung hinzieht, so weit wandert die Wegwarte. Sie erwartet den Sonnenkuß. Wo der Weg über die Krümmung steigt und dahinter hinabsintt, tritt die Wegwarte in den blauen Himmel ein, von der Sonne empfangen. Ihre lavendelblauen und ame« thystenen Sterne lösen sich im Azur auf. Hier unten aber, wo der Himmel fern ist, nahe der Autobusstraße, tun die zurückgebliebenen Wegwarten ihre schönen Augen zu. Sie rollen die Zungenblättchen ein und wölben sie über die kleinen Säulentempel der dunkelblauen Staubgefäße, die ihren Pollen verloren haben. Auf ihrer Blumenuhr ist es spät geworden und Zeit zum Schlasengehen. Südliche Schönheit in Bayern. Bon Wilhelm Hausenstein. Das Reisen im Ausland ist heute bekanntlich eine schwierige und au- allerlei Gründen schier unmögliche Angelegenheit. So haben wir alle gewiß Ursache, uns im Eigenen besser und besser umzusehen: Den Bestand unseres Inlands auszunehmen und dabei deutlicher als bisher festzustellen, wie viel weite Welt wir eigentlich in unteren Grenzen besitzen! Und wenn wir dies Inventar nun aufnehmen, dann kommen wir eben auch auf die besondere Erkenntnis, daß wir in unserem eigenen Lande, im deutschen Süden, landschaftliche und zumal Stadtschönheiten besitzen, die in ihren stärksten Eigentümlichkeiten schon mehr sind als eben nur Gleichnisse Italiens; denn es gibt bei uns hier eben einige Städte, die aussehen, als wären sie aus dem mittelalterlichen Süden geradewegs herübergehoben. Dies gilt also ganz besonders von einigen Städten. Man könnte zwar, wie gesagt, auch mit der Landschaft beginnen; etwa von der Insel Reichenau, die mit ihren drei romanischen Münstern etwa ist wie ein Ravenna, das in den Zustand einer blühenden Fruchtbarkeit gehoben wäre (denn die Insel Reichenau ist eine südliche Oase, während das Land um Ravenna schon eher eine arme südliche Wüste ist). Man könnte auch von der Bodenieeinsel Mainau anfangen, auf der die Phönixpalme im Freien wächst. Mau könnte die südwestlichen Gegenden des Reiches auszählen, in denen mit dem Wein auch schon die Feige, die Mandel gedeiht. Man könnte weiter auch von den Menschen des deutschen Südens sprechen, in denen uralte Elemente lateinischen Geblüts umgehen. Schon der französische Dichter Stendhal hat dergleichen wahrgenommen. Und über Landshut selbst fügt er den Sah hinzu: „Die Stadt macht auf mich einen italienischen Eindruck." Wie italienisch würde ihn erst die Welt der Städte um Salzach un*' fVnn angemutet haben! Viele haben Salzburg gesehen; viele haben das Südliche dieser großartigen Stadt mehr oder minder deutlich empfunden. Worin bestand es denn nun eigentlich? Gewiß nicht nur in dem südlichen, von italienischer Baukunst her bestimmtem Pomp einzelner hervorragender Baudenkmale wie etwa des Doms. Sondern eben auch in den Eigentümlichkeiten des Ganzen: in der Breitwändigkeit der Häuser: in der Waagerechten oder Flachwinkligkeit der Dachlinien, die dort ja nicht aufgegiebelt sind, sondern sich horizontal oder mit säst gestrecktem Giebelwinkel hinziehen; in der grundlegenden würfligen Einfachheit der Häuserform; in all dem, was man als die Latinität dieser Häuser, dieser schmalen, schattigen, kellerkühlen Gasten und dieser von einer schon südlichen Sonne durchglühten rechtwinkligen Platzräume bezeichnen mag. Diese Südlichkeit des städtstchen Gesamtcharakters gibt es aber nicht etwa nur ausnahmsweise und nur in Salzburg; es gibt sie auch salzachaufwärts — in dem köstlichen Laufen, das von einer Schlinge des Flusses umschlossen ist, in dem viel zu wenig bekannten Städtchen Tittmoning, das wie Laufen am linken bayrischen Salzachufer liegt und wegen der Großartigkeit feiner Erfcheinüng eigentlich kaum als Städtchen angesprochen werden kann, vielmehr schon als Stadt angesprochen werden müßte, denn die repräsentative Einfachheit dieles Tittmoning ist eine bedeutende Haltung! Wetter lebt und webt diese südliche Stadtschönheit in Burghausen an der Salzach, und da schon in einem phantastisch gesteigerten Grad. Zwar macht die gewaltige Burg auf dem Kamm des alten Hochufers einen entschieden nordischen Eindruck; aber vom österreichischen Salzachuser aus angeschaut ist das Gesicht der int Tal gelegenen Bürgerstadt dem Florenz des Arnoufers vergleichbar. In all diesen Städten kommt der aus nordischen Gebieten an mannigfach geknickte und gewinkelte, an giebelige und schmale Bauformen, nicht leiten auch an verzwickte, ja vertrackte Baubilder gewöhnte Geist aus dem Staunen nicht heraus; aus dem Staunen über so viel stidliche, wahrhaft schon mittelmeerländisch anmutende Breite und Einfachheit, über so viel weitere Größe, so viel Aufgeschlossenheit, soviel monumentale Grkassenhett. Das nämlicke Erlebnis wird den Gästen dieser großartigen Weltecke aber auch sonst bereitet. So in Städten von der südlich-staatlichen Physiognomie Traunsteins, Trostbergs. So aber noch ganz besonders von den Jnntalstädten. Da müssen wir nun erst ein wenig ausholen. Manchem Leser dieser Zeilen ist Innsbruck bekannt; mancher hat das Südliche dieser Stadt — das Südliche im besagten Sinne — wie ein Rätsel empfunden: angefangen von den Bogengängen (den „Lauben") bis zu der eigentümlichen Großwändigkeit der Häuser. Aber Innsbruck am Inn ist noch nicht die oberste Quelle der südlichen Bauform, die in den stromabwärts gelegenen Städten gefunden wird: in Hall und Schwaz und Rattenberg und Kufstein, im alten inneren Rosenheim; vollends in dem grandiosen Wasserburg, in dem imponierenden Mühldorf (wer kennt es denn?) und in dem südlich-stattlichen Neuötting; endlich in Passau, wo wie in Laufen und anderen Städten dieser Zone der Himmel als italienisches Purpurblau zwischen den Bogen steht, mit denen die Gassen in der Höhe überbrückt und die Häuser gegenseitig gestützt sind. Wir gelangen, den Brenner überschreitend, nach Sterzing, nach Bri- xen, nach Bozen — nach Trient und Verona. Damit das Entscheidende sogleich gesagt sei, wir stehen hier auf dem Boden der wichtigsten nordsüdlichen Straße, die seit den Römern, dann durch das ganze Mittelalter hin die beiden Seiten der Alpen miteinander verbunden hat. Wir stehen aus dem Boden einer uralten Handelsstraße; wir stehen aus dem Boden der Straße, die den deutschen Kaisern des Mittelalters, den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, den Weg durch das große Gebirge, den Weg nach Rom und wieder zurück nach Deutschland gewiesen hat. Bon Tirol her führte die große Wasserstraße des Inns als eine entscheidende Linie besonders für den Handelsverkehr bis in das herrliche bischöfliche Passau hinab; sie brachte die Bauformen mit, die Innsbruck von jenseits der Alpen, dank dem klassischen Brennerweg empfangen hatte. Aber verstehen wir das Verhältnis richtig: empfingen unsere Jnntalstädte dergestalt, infolge der Wirkungen einer alten und entscheidenden Straße sowohl der großen Politik als auch eines bedeutenden südlich-nördlichen Handels, ein südliches Gesicht, so geschah dies in einer Zeit überragender Größe der deutschen Politik: in den Zeiten jenes deutschen Kaisertums, in denen der mittelmeerländische Süden ein (ob auch wenig unbestrittener) Teil unseres Reiches war. Wir sehen die südlich klassische Haltung Münchens nun in einem neuen Licht; sie scheint uns selbstverständlicher, notwendiger als vorher. Die südliche Größe und Festlichkeit des Tölzer Marktes, das romanische Kastulus- münster in dem viel zu wenig bekannten Moosburg, die gleichsam italienische Schönheit kleiner Städte wie Erding und Pfarrkirchen, das romantische Regensburg mit seinen Wachttürmen, die an San Gimignano in Toskana gemahnen können, die Klassizität der Walhalla über der Donau und endlich die südliche Großartigkeit des schon fränkischen Eichstätt, mit dem die Nordgrenze des südlichen Stiles, die Donau, bereits überschritten ist: dies alles wird uns nun mehr und mehr Zeugnis eines selbstverständlichen, eines notwendigen Einheitscharakters — eben des deutsch-südlichen, der, den Stil italienischer Schönheit gleichsam herüberspiegelnd, in Süddeutschland auf weltgeschichtlich-natürliche Weise zu Hause ist. Der Menten-Seppei. Eine altbayerische Wilderergeschichte. Von Ludwig Thoma. Diese Geschichte ist wahr. Alle Leute, die zwischen Tölz und Miesbach wohnen, kennen sie, und mancher würde es mir verübeln, wenn ich etwas dazu täte oder davon wegließe. Also will ich bei der Wahrheit bleiben. In der Schießstätte zu Tegernsee hängt neben vielen schön gemalten Ehrenscheiben eine, die besondere Aufmerksamkeit verdient. Ein grimmig blickender Jäger schaut mit dem Gewehre im Anschläge hinter einem Baume hervor. Neben ihm fletscht eine rauhborstige Dogge die Zähne. Beide machen einen unangenehmen Eindruck auf den Beschauer; man sieht ihnen an, daß sie schwer umgängliche Wesen waren. Und der Eindruck ist richtig. Denn das Bild stellt vor den königlichen Revierjäger Johann Mayr von Gmund mit seinem Fanghunde, genannt „Donau". Johann Mayr lebte um das Jahr 1832 zu Gmund; sein Haus wird heute noch gezeigt. Es steht unterhalb der Mangfallbrücke. Er war ein verwegener und überaus scharfer Jäger, der sein Revier mit aller Gewalt sauber hielt. Manchen schlauen Wildbretschützen hat er überlistet und ihm hinaufgeschossen, daß der Rauch wegging. Und manchem jungen Burschen hat er vorzeitig zur ewigen Seligkeit verholfen. Ohne Ave-Maria und Sterbegebet, im grünen Wald. Sein letztes Opfer war der junge Sohn des Mentenbauern von Hausham, der Menten-Seppei. Dessen trauriges Schicksal trug sich aber folgendermaßen zu. An Martini, den 11. November 1832, schoß der Mesner Ander!, königlicher Jagdgehilfe von Schliersee, beim Eckardt-Kreitl am Ostiner Berge einen kapitalen Hirsch. Dies tat er nicht mit Rechten, denn der Platz lag im Revier des Johann Mayr. Aber, wie es so geht, er wollte den Prachtkerl nicht hinten lassen, als er so schön vor ihm stand. Da zündete er an, und — Pumps — der Hirsch lag da. Hinterdrein bedachte sich der Mesner Ander!, und es fiel ihm ein, daß der Mayr in solchen Dingen einen ganz schlechten Tabak rauchte. Also ging er her und versteckte den Hirsch sorgfältig unter Dachsen und Laubstreu. Alsdann begab er sich nach Gmund zum Gastwirt Obermayer, woselbst er einige Halbe Bier trank und vom Fenster aus die gegenüberliegende Wohnung des Revierjägers beobachtete. Er wollte sich Gewißheit verschaffen, ob Mayr seinen Dienstgang nach Ostin oder nach einer anderen Richtung hin mache. Denn er dachte, daß er seine Jagdbeute nur dann in Sicherheit bringen könnte, wenn Mayr nicht um den Weg war. Nach einiger Zeit sah er wirklich den Revierjäger. Dieser verließ ruhig und gemächlich sein Haus und schlug die Straße nach Tegernsee ein. Also war die Luft sauber, meinte der Ander!, und eilte nach Ostin zurück. Bei den Eckardthäusern traf er den Menten-Seppei, seinen alten Spezi und Scknb kameraden. Er versprach ihm einen Kronentaler, wenn er ihm den Hirsch nach Schliersee fahre. Der Seppei ließ mentalen keinen Freund nicht sitzen, und darum versprach er auch dem Ander! seine Hilfe. Die zwei verabredeten, daß Seppei in der Nacht mit dem Schlitten zum Eckardt-Kreitl fahren und mit Ander! den Hirsch auflegen sollte. Nun hatte aber der Revierjäger Mayr bereits Kenntnis davon, daß dort unter der Streu ein Vierzehnender versteckt lag. Der Jagdgehilfe Riesch hatte den Schuß gehört und ging ihm nach. Er fand den Hirsch und meldete es seinem Vorgesetzten. Mayr faßte sofort Verdacht aus einen Wilderer, und weil er mit allen Schlichen vertraut war, vermutete er ganz richtig, daß der Frevler zuerst in Gmund herumspionieren werde. Für diesen Fall wollte er den Lumpen sicher machen und tat so, als ginge er ahnungslos nach Tegernsee. In Quirin aber bog er vom Wege ab und stieg von der Neureuth zum Eckardt-Kreitl hinunter. Dort paßte er nun mit Riesch in der mondhellen Nacht auf den vermeint« lichen Wilddieb. Er hatte seinen Hund Donau bei sich, eine bissige Dogge, die auf den Mann dressiert war und ihm schon ost guten Beistand geleistet hatte. Der Seppei fuhr zur verabredeten Zeit an die Wolssmühle, wo ihn Ander! erwartete. Als die beiden am Eckardt-Kreitl anlangten, sah Ander! am Waldrande etwas Verdächtiges und sprang heimlich vom Schlitten herunter. Gleich darauf wurde Seppei angerufen. Noch bevor er antworten konnte, riß ihn der Hund des Revierjägers vom Schlitten herunter und versetzte ihm mehrere Bisse. Erst nach einiger Zeit Pfiff Mayr seinen Hund zurück und stellte den Burschen zur Rede. Seppei wollte den Freund nicht verraten und verlegte sich aufs Lügen. Das bekam ihm schlecht, denn der wütende Jäger hieb ihm mehrere Male mit dem Bergstöcke über den Buckel und zwang ihn dann, den Hirsch auszulegen. In Gmund wurde Seppei in das Försterhaus geführt und an das Stiegengeländer gebunden. Mayr schlug ihn hier mit der Hundepeitsche, daß das Blut an ihm herunterlief. Die ganze Nacht blieb Seppei angebunden bis um vier Uhr morgens. Da wurde er wieder auf den Schlitten geschnallt, um nach Miesbach gebracht zu werden. Während der Fahrt scheute das Pferd. Mayr konnte es nicht mehr lenken und befreite Seppei von seinen Fesseln, damit er das Tier beruhigen sollte. Anfänglich ging es gut, aber plötzlich setzte der Gau! quer über die Straße. Seppei konnte ihn nicht halten; seine Gelenke waren geschwächt, und er fiel halb ohnmächtig vom Schlitten herunter. Da glaubte Mayr, daß der Gefangene fliehen wollte, und in Wut darüber schoß er ihm eine Ladung gehacktes Blei in den Rücken. Er ließ den Sterbenden im Schnee liegen und fuhr nach Miesbach, wo er bei Gericht seine Tat als berechtigt zu schildern wußte. Seppei wurde aufgefunden und zum Landärzte Scheucher verbracht, in dessen Hause er wenige Stunden später unter qualvollen Schmerzen starb. Der wilde Revierjäger wurde für seine Grausamkeit schwer bestraft. Nicht vom Gerichte. Das ließ ihn ungeschoren, denn, wie gesagt, damals machte man nicht viel Umstände wegen eines wildernden Bauernburschen. Der gestrenge Herr Landrichter hielt zu den Jägern, die das wertvolle Revier des Königs hüteten. Aber die jungen Burschen im Tegernseer Land waren damals so wenig wie heute der Meinung, daß man eine solche Tat ruhig hinnehmen muß. Sie wollten den toten Kameraden rachen. Und sie besorgten das gründlich. Ein Jahr nach dem Vorfall, wiederum am Martinitage, erhielt Mayr die Nachricht, daß am Giglbergfelde gewildert werden sollte. Der Schlaue ließ sich überlisten. Mit zwei Jagdgehilsen, dem Nikolaus Riesch und Johannes Probst, begab er sich dorthin und legte sich aus die Lauer. Nach kurzer Zeit erblickten die Jäger unter einer Buche am Giglbergfelde einen Mann mit geschwärztem Gesichte. Es war der Waldhoser Hansl, ein alter Freund des Menten- Seppei, der die Aufgabe übernommen hatte, den Mayr anzulocken. Die Jager stürzten sich auf ihn, und die Dogge des Revierjägers richtete den Burschen schon übel zu, als plötzlich sechs seiner Kameraden die Jäger umringten und mit den Gewehrkolben auf sie einschlugen. Mayr siel schwer- verwundet zu Boden, ebenso Riesch; der Jäger Probst stellte sich tot und rettete auf diese Weise sein Leben. Riesch starb den nächsten Tag, Mayr erst im März des darauffolgenden Jahres. Er kam nicht mehr zum Bewußtsein und konnte die Täter nicht namhast machen. Der Jäger Probst aber bezeichnete den Waldhoser Hansl als einen der Mörder, und da man auf seiner Brust die vernarbten Hundebisse fand, welche er im Kampfe davongetragen hatte, wurde er verurteilt — zu sechzehn Jahren Kerker. Er verriet keinen, und so mußten die andern Burschen nach mehrjähriger Untersuchungshaft freigelassen werden. Im Friedhöfe zu Gmund liegen die erschlagenen Jäger. Auf einem alten Steine las ich die Inschrift: „Hier ruhet der ehrengeachtete Johann Mayr, königlicher Revierjäger in Gmund. Er starb an den Folgen der Wunden, die er im Kampfe mit ruchlosen Wilderern erhalten, am 16. März 1834.“ Und auf einer Tafel neben der Sakristei steht: „Hier ruhet Nikolaus Riesch, Jagdgehilfe in Gmund. Er fiel in treuer Pflichterfüllung an der Seite seines Herrn, unter den Streichen der Wilddiebe, am 12. November 1833." So hat sich die Geschichte zugetragen. Die sittliche Weltordnung ist aber dabei wieder einmal nicht auf ihre Rechnung gekommen. Denn der Hauptschuldige, der Mesner Ander! von Schliersee, der sich am schlechtesten benommen hatte, fand nicht den Lohn seiner bösen Tat. Wenigstens nicht auf dieser Welk. Und wahrscheinlich auch nicht in der andern. Denn er hat sich von der wüsten Jägerei abgewendet und wurde wohlbestallter Pfarrmesner zu Irschenberg. Seine feige Tat soll er freilich bereut haben. Wenigstens sagt das Lied, das Max Herndl von Kammerloh Über diese traurige Geschichte verfertigte: »Es war der Jäger von Schliers schon selber voll Verdruß, Daß er des Seppis Unglück war, weil er den Hirschen schuß.“ Trotzdem aber wurde er dick und behäbig und starb erst dreißig Jahre später in seinem Bette. Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.