GieheimZamjlienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Zreitag, den 16. Juli Nummer 5< GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 9. Fortsetzung. Rasend liefen mir die Gedanken durchs Hirn, wie ich es anstellen sollt«, aus diesem hinterhältigen Menschen herauszuholen, wo sich Martina befand. „Mein lieber Freund", sagte ich, „Sie sind im Irrtum, wenn Sie glauben, daß es anderswo sicherer ist als in Madrid. Wenn man irgendwo von den Greueln des Krieges verschont bleiben wird, so am besten noch in Madrid, das die Franzosen jetzt fest in der Hand halten." Avila wiegte den Kopf hin und her. Er stand noch immer hinter seiner Verschanzung von Mappen und wich meinem Blick aus. „Ansichtssache, Exzellenz«! Ich glaube, daß Martina gerade in Madrid am wenigsten in Sicherheit ist. Meine persönliche Ansicht, meine ganz persönliche Ansicht, Exzellenza." Gereizt durch die übertriebene Verneigung, die er mir wieder machte, beging ich die zweite Unvorsichtigkeit: „Sie trauen mir doch ein Urteil zu? Warum wollen Sie es mich nicht wissen lassen, Sennor, wohin Sie Martina gebracht haben?" „Wäre sie sonst in Sicherheit?" fragte Avila zurück. Plötzlich sah ich hinter seinem Lächeln den Haß, der mir galt. Es war mir klar, daß er alles wußte, daß sein Verdacht Gewißheit geworden war und daß er Martina aus dem Wege geräumt hatte, um unsere Liebe vernichtend zu treffen. Mein erster Gedanke war, die Verschanzung von Mappen über den Haufen zu rennen, diesen tückischen, pockennarbigen Kerl beim Kragen zu packen und ihm die Kehle zuzu- schnüren, bis er gestand, wo Martina war. Ich riß mich selbst im letzten Augenblick zurück. „Ich kann Ihnen nicht recht geben, Sennor, am sichersten ist die Frau ja doch in der Obhut des Gatten." „Nicht immer, Exzellenza„ In so ungewöhnlichen Zeiten muß man auch auf ungewöhnliche Maßnahmen bedacht fein. Man hat Freunde, die einem Warnungen zukommen lassen. Ich habe es für geraten gehalten, Martina in einem Kloster unterzubringen. So viel kann ich Ihnen wohl sagen." Welcher Teufel hatte es Avila eingegeben, Martina gerade in einem Kloster unterzubringen? Welcher Einflüsterung verdankte ich es, daß er ihr gerade einen Zufluchtsort ausgewählt hatte, vor dem ich Scheu trug, seitdem ich damals seine Heiligkeit durch einen noch ungesühnten Frevel entweiht hatte? Lag nun vielleicht die Sühne meiner Schuld darin, daß mir Martina an einem solchen Ort entrückt wurde, der mir unangreifbar erschien? Und selbst wenn ich meine Scheu überwunden hätte, — in welchem der zahllosen Klöster Spaniens befand sich Martina? Das ganze Land war mit Klöstern übersät, hinter den heiligen Festungsmauern war mein Glück vor mir verborgen? Ich war augenblicklich machtlos, ich wußte mir keinen Rat. „Ja,, saqte ich, „Sie müssen selbst am besten wissen, was Sie zu tun haben. ' Avila kam hinter seiner Verschanzung hervor, wie ein Sieger beim Abzug des belagernden Feindes. Er begleitete mich unter beständigen Bücklingen bis zur Tür, und als er feine letzte Verneigung gemacht hatte, sagte er: „Wissen Sie, wer mich gewarnt hat — 5br «chwager Bayeu!" Bayeu hatte also Avila gewarnt. Was konnte Bayeu von Martina und mir wissen? Wir hatten geglaubt, um unser Verhältnis alle nur erdenkliche Heimlichkeit gebreitet zu haben, und nun ging Bayeu hin und warnte Avila. Wie war er dahintergekommen? Wenn er aber, woran ich nicht zweifeln konnte, dahintergekomemn war, so wußte jetzt aua) Josepha alles. Nun gut, dann war es an der Zeit, jetzt wenigstens in diesem Punkt Ordnung zu machen. Josepha war bei Tisch scheu und gedrückt, als beenge sie schlechtes Gewissen. Sie sah wohl, daß ich mich in einem Zustand gefährlicher Spannung befand. Sie sprach von der Ehrenlegion, die ich erhalten hatte, und von dem dummen Volk, das mir diese Auszeichnung verüble, llebrigens habe Gabriel schließlich doch die Schmiererei auf der Wand gegenüber mit Tünche bestrichen und sei dabei fast verhauen worben. Ich gab gemessene Antworten. Die Abrechnung hatte ich verschoben bis Bayeu kommen würde. , , ,, „ , . Am Nachmittag, als ich vor meinem Bild saß, steckte er seinen viereckigen Kopf zur Werkstattür herein: „Hallo, Francesco, schrie er, Glückwunsch zur Ehrenlegion, unsterblicher Meister! Das Volk von Madrid hat dir ja auch schon seinen Glückwunsch vors Haus gemalt. Sie müssen eine kräftige Farbe dazu genommen haben. Sie bringt durch die Tünche wieder durch." „Komm herein!" sagte ich und legte den Pinsel hin. Er trat zögernd ein, ging zu dem Bild hin, bückte sich und schob die Hände unter die Rockschösse!, um die Untermalung zu betrachten, die nahezu vollendet war, so daß der Aufbau der Gruppe hervortrat. „Was soll das nun wieder werden?" fragte er wütend. „Ich bin heute bei Avila gewesen", sagte ich, ohne seine Frage zu beachten, „was für eine Warnung ist das, die du ihm hast zukommen lassen?" Bayeu richtete sich langsam auf. „Hat der Dummkopf nicht das Maul gehalten?" sagte er ärgerlich. „Der Dummkopf hat mir wenigstens den Dienst erwiesen, mich davon zu überzeugen, daß du ein Schuft bist." Bayeu fuhr mit dem Finger in den Kragen, als sei er ihm zu eng geworden. „Bin ich ein Schuft, so? Bin ich ein Schuft?" „Ich will wissen, was für Geschichten du Avila erzählt hast." „Was für Geschichten ich ihm erzählt habe? Nun, eine Geschichte, die den Vorzug hat, wahr zu sein. Eine saubere Geschichte. Ich hab« ihm geraten, auf seine Frau besser acht zu geben, damit sie ihm nicht abhanden kommt." Am liebsten hätte ich den Pinsel genommen und Bayeu kreuz und quer damit übers Gesicht geschlagen. „Es ist eine niederträchtige Verleumdung." „Es ist die Wahrheit!" knirschte Bayeu. „Und wenn es die Wahrheit wäre, so bleibst du doch ein Schuft." „So ... ich bin also ein Schuft. Ich bin ein Schuft, weil ich für meine Schwester eintrete, die du seit Jahrzehnten gemartert hast? Ihr hast du ein Kind nach dem andern angehängt, so daß sie niemals dazu gekommen ist, zu leben, wirklich zu leben. Und du hast daneben deine Weibergeschichten gehabt. Eine nach der andern. Ihr die Kinderstube, schmutzige Windeln und Ammendienst, und dir die Betten der Herzoginnen und Schauspielerinnen. Bin ich also ein Schuft, weil ich das nicht mehr mit ansehen kann? Bin ich ein Schuft, weil ich glaube, daß die Ehe ein Sakrament ist? Du bist ein Maler, das Gesetz gilt für dich nicht? Sieh mich an! Bin ich nicht auch ein Maler — freilich kein so großer, wie du! — und habe ich mich außerhalb des Gesetzes gestellt? Bin ich ein Schuft, weil ich meine Schwester nicht länger foltern lassen will? Mit der Geduld eines Engels hat sie jahrzehntelang deine Schweinereien ertragen. Immer hat sie gehofft, diese Liebschaft werde deine letzte sein. Und immer ist eine neue gekommen. Diesmal aber — alles andere hat man noch als Spielerei, als Eitelkeit, als Hochmut gelten lassen können ... diesmal aber willst du dein Weib verlassen, du willst von ihr gehen, um die andere zum Weid zu nehmen. Du willst die Ehe doppelt brechen. Dem andern sein Weib stehlen und dein eigenes verstoßen? Wer ist der Schuft? Bin ich der Schuft? Oder bist du der Schuft?" Aus Bayeus überstürztem, zornmütigem Gefprudel war mir nur das mit Wucht in die Tiefe gedrungen, was er über Martina und meine Pläne gesagt hatte. „Wer jagt dir, daß ich das tun will?" „Wer es mir sagt? Ein Vöglein hat's am Fenster gesungen." Bayeu spitzte die Lippen und flötete einen Vogeltriller. „Nein — ein Wind hat es mir zugeblasen! Nein, damit du nicht im Zweifel bist — da, lies!" Und er zerrte mit zitternden Fingern einen Brief aus der Rocktasche, den er mir reichte, und dem ein zweiter beilag. Ich las: „Ihre Schwester tut mir leid. Daß sie von ihrem Mann betrogen wird, weiß sie und hat sich damit abgefunden. Aber sie weiß vielleicht nicht, daß er seit Jahren die Frau des Buchdruckers Avila liebt, anders als die andern, und gewiß weiß sie nicht, daß er sich entschlossen hat, seine Ehe mit ihr aufzulösen und die andere zu seiner Frau zu machen. Warnen Sie Ihre Schwester und warnen Sie den Gatten der Frau, damit Goyas Plan vereitelt werde. Sie retten Ihre Schwester und bringen zwei Pflichtvergessne zur Vernunft. Ich lege Ihnen einen Brief bei, der Sie überzeugen soll, daß ich die Wahrheit spreche. Ein teilnehmender Freund." Nun, es war ein namenloses Schreiben, wie ihrer tausende geschrieben werden. Es war eine der niederträchtigen Einmischungen in fremde Angelegenheiten, wie sie bei gewöhnlichen Menschen beliebt waren. Aber gerade diese Gewöhnlichkeit der Sache schien mir nur eine Maske, hinter der sich anderes verbarg. Und der Brief, der dem Schreiben beilag, war einer meiner eigenen Briefe an Martina. Wie anders konnte der Absender in seinen Besitz gelangt sein, als durch gemeinen Diebstahl? Ich weiß nicht, was größer war, mein Ingrimm oder die Scham darüber, daß meine zärtlichen Liebesworte, für niemand andern bestimmt als für Martina, von fremden Augen gelesen und entweiht worden waren und als Beweis gegen uns benützt wurden. es dabei fein (Fortsetzung folgt.) Von Oie Laube. Johann Heinrich Voß*. den Weg zu einem verschlossenen gemauerten die Werkzeuge aufbewahrt wurden. hatte Ich keine Zeit, mich um den Erfolg zu kümmern, denn aus dem Klumpen von Menschen, der an Siebold hing, loste sich einer der Keile ab uiid sprang mit erhobener Faust auf mich zu. Ob er ein Messer dann hielt weiß ich nicht, ich packte ihn mit der Linken am Arm und riß ihn mit einem plötzlich drehenden Ruck aus dem Schultergelenk und zu- gleich fuhr ich ihm mit dem Daumen der Rechten ins Auge. Mit raschem Vorstoß und Druck trieb ich ihm den Augapfel aus der Hohle. Ich tat es ungern, denn wer weih besser als ein Maler, welches Himmels qeschenk das Augenlicht ist; aber was blieb mir anders übrig, um mich eines Angriffs zu erwehren, der mir keine Zeit lieh, nach meinem Messer 3U Brüllend brach der Mann zusammen, und ich war eben im Begriff mich auf die Leute zu werfen, mit denen Siebold rang. Aber im selben Augenblick stieß er seine Bedränger mit einer Kraft, die ich nie in ihm vermutet hätte, von sich, und nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Ich sah nicht, was das Ding war, das Siebold blitzschnell irgendwoher herausholte, er schleuderte es zu Boden, ich hörte das Zerklirren eines Glases, und gleich darauf stieg eine dicke fchwarze Rauchsäule vor unseren si-üßen auf. Eine Sekunde darauf war aus der Sau e eine Wolke geworden, die uns alle, Angreifer und Angegriffene, einhullte, so dicht, als sei die ewige Nacht hereingebrochen und alles Licht für immer aus der Welt genommen. , . ,, Eine Hand erfaßte die meine. „Rasch fort!" keuchte Siebold. , Mit einigen Schritten waren wir aus dem Bereich der Finsternis, die wie ein Klumpen hinter uns liegen blieb, ein Klumpen Schwarze, gemischt mit Schreien, Brüllen und Anrufungen der Gottesmutter. Wir liefen die Straße hinab, aber ehe wir noch ihr Ende erreicht hatten, sprang Siebold plötzlich auf ein Haustor zu. In den Schatten der vorgerückten Halbfaulen gedruckt, stand ein Mensch. Siebold hatte ihn am Arm gepackt und zog ihn hervor, „fiter haben wir den fierrn Kommandanten!" sagte er. „Komm nur her, mein d^Der" Mann hatte keinen Widerstand geleistet. In Siebolds fiand blitzte ein Licht auf. Es kam aus einer kleinen viereckigen, flachen Laterne die ein einziges rundes Auge hatte, das die Strahlen zu einem Bündel 'sammelte und scharf heroorschoh. Sie beleuchteten ein gedunsenes, bla es Gesicht, dessen Augen sich zwinkernd des grellen Lichtes erwehrten, und dieses Gesicht war das des widerwärtigen Menschen, des Gil rte Fühestampsen, Stöhnen und Fluchen. Ich zog zusammen und schnellte ihn aus, wohl überraschend für den W> „ mich besinnungslos glaubte. Ich wälzte mich zur Seite, so daß er neben mich zu liegen kam und gleichzeitig packte ich das Bein des Mannes über mir mit einem Griff, den ich vor Zeiten von einem mexikanischen Matrosen, einem Halbindianer, gelernt hatte. Wieder bewährte sich das Erinnerungsvermögen der Muskeln, der Mann fiel um wie ein fiolz und schlug mit dem Kopf gegen die Kante eines der Steine, die in den Straßen Madrids zum Aufsitzen auf die Pferde dienen. Indessen machte der Mann, den ich abgeschüttelt hatte, Anstalten, sich zu erheben, da wandte ich mich um und trat ihn mit dem Absatz meines Schuhes ins Gesicht und ich sah noch so viel, daß es Martinchos Gesicht war, in das ich da mit aller Kraft hineintrat. Es muh ein guter Tritt gewesen sein, denn als ich ihn später wiedersah, konnte ich feststellen, daß er ihm einen Teil seiner Vorderzähne gekostet hatte. Für jetzt Roch etwas fiel mir plötzlich ein. „Wann und wie hast du diesen »u,rl. M. mochte etwas in meinem Wesen sein, das es ihm geratener erscheinen lieh Antwort zu- geben. „Er lag eines Morgens innerhalb meines fiaustores auf dem^Fiur. Am Morgen des Tages nach deiner Abreise "°^Am°Morgen nach meiner Abreise! Zu einer Zeit, da mein Entschluß mich nun für immer mit Martina zu vereinigen, in mir felbst noch nicht herangereift war. Was damals noch im Dunkel meines 2BiUen5 gelegen hatte, was ich noch nicht im Ernst erwogen hatte, war hier schon mit ^aller Bestimmtheit ausgesprochen. Der Schreiber hatte mehr gewußt als ich selber damals wußte. Es war in der Tat ein seltsamer namenloser Brief. Ich steckte ihn und mein eigenes Schreiben in die Tasche, und als Bayeu seine fiand danach ausstreckte, erschrak er vor mir und zog sie gleich wieder zurück. Er hatte wohl die Beweise gegen mich bei jtd) behalten wollen, aber es bedurfte keiner Beweise, ich dachte gar nicht daran irgend etwas abzuleugnen und mich reinzuwafchen. „Weiß es Jofepha?" fragte ich nur. Sie weiß es. Aber sie hat durchaus nicht gewollt, daß Avila etwas davon erfährt. Ich habe, getan, was ich tun muhte. Ich nehme die Verantwortung auf mich." . .. ~ ™ Josepha muhte es, nun gut, das erleichtert mir die Sache. Mochte es dabei sein »eroenöen haben, nun konnte ich ohne Umschweife aus mein Ziel losgehen, sobald .., ja, sobald nur Martina erst ge- ^Es ist also wahr, was in dem Brief steht?" lauerte Bayeu. '„Ja, es ist wahr", gab ich unumwunden zu Baveu warf sich in die Brust, geschwellt von dem Bewußtsein seiner sittlichen Erhabenheit über mich und von dem Stolz, die verletzte fieuig« feit der Ehe rächen zu können. „Dann ist es ja gut , sagte er, „daß ich dir einen Strich durch die Rechnung gemacht habe , Und er verlieh meine Werkstatt erhobenen Hauptes, aufgebläht rote ein Truthahn. Er nahm die Genugtuung mit sich, ein Strafgericht über mich verhängt zu haben. * Seine Genugtuung wäre noch größer geroefen, wenn er gewußt hätte, in welcher Bedrängnis er mich zurücklieh. Ich lief auf und ab wie em gefangenes Tier, ich war unfähig, einen Gedanken bis ans Ende zu verfolgen. Martina, Avila, Bayeu, Jofepha, der unbekannte Schreiber des Briefes, eine verhüllte dunkle Gestalt — es war ein Hexentanz wechselnder Gestalten, der mich umringte. Und um meine Beklemmung zu vergrößern, fuhr immer die Mahnung an das Schicksal meines Freundes Fuentes dazwischen, dessen Hinrichtung morgen bevorstand. Hinter dieser grausigen Gewißheit löste sich bisweilen alles andere tn ein Gern oge von Dünsten auf. Ich war wie die Erde der Mancha tn einem langen, glühenden Sommer, völlig ausgetrocknet, von Sprüngen zerrissen, während die Ferne vom Trug der Luftspiegelung zittertt Es gab einen einzigen Menschen, bei dem ich mir jetzt Rat und Hilfe holen konnte. Aber ich sand Siebold nicht daheim. Ich traf ihn auch beim zweiten und drittenmal nicht an, nicht an diesem und nicht am folgenden Tag, ich lief in Endeslants Quartier, um ihn nach feinem Oheim zu fragen. Auch Endeslant war nicht zu finden. Schließlich suchte ich meine Unruhe damit zu befchwichtigen, daß ich mir sagte, ich dürfe in Siebold unbedingtes Verttauen fetzen, ein Vertrauen, das er noch tue getäuscht hatte. ..... Er täuschte es auch diesmal nicht. Er kam am Abend des nächsten Tages, als ich schon von meiner Angst fast aufgerieben war und in dem Augenblick, in dem er in meine Werkstatt trat, war auch meine Zuversicht auf einen glücklichen Ausgang wieder da. „Es hat unendliche Mühe gemacht", sagte er ruhig, „aber nun dürfen wir hoffen, daß wir ihn retten." „Und wann ...?" „Er soll heute Abend hingerichtet werden. Gehängt, Francesco, nicht erschossen, sie gönnen ihm nicht einmal einen ehrlichen Tod. Es ist Zeit. Komm mit mir." Wir schlugen den Weg nach dem Koster Monserrat em. Siebold vermied die großen, belebten Straßen und sührte durch das Gewirr alter enger Gäßchen. Er schwieg, und ich unterließ es, ihn nach seinem Plan' zu befragen, denn ich wußte, daß er nur bann sprach, wenn er K Mit des Jubels Donnerfchlägen, Gab die Wolke Gottes Segen; Und der Fluren Opferduft Wallet lieblich durch die Luft. Und die Wolke steht, umzogen Von des Friedens Hellem Bogen, Unter dem die Flamme spielt. Die des Tages Glut gekühlt. Und die Sonn' am blauen Himmel, Rings umschwebt von Glanzgeroimmel! Und das grüne Weizenthal, Ueberftrömt vom mildern Stral! Wie mit Brautgeschmeide, funkeln Mohne, Rosen und Ranunkeln; Bienen suchen Honigseim, Sumsen goldgeflügelt heim! Alle Kreaturen loben, Wachteln unten, Lerchen oben, Und die Heerd' am Bache springt, Und der frohe Bauer singt! Und da wandelt Ernestine Forschend durch des Gartens Grüne, Achtet nichts, erblickt mich hier In der Laub', und fliegt zu mir! * Wir entnehmen dieses für feine Entstehungszeit charakteristische Gedicht des Idyllikers und Homer-Uebersetzers Voß (1751 bis 1826) der „Poetischen Blumenlese für das Jahr 1778. Herausgegeben von Iah. Heinr. Voß, Hamburg, bey Carl Ernst Bohn". Das winzige Bändchen, einer der damals überaus beliebten Musenalmanache, hat uns im Original Vorgelegen; es stammt aus Gießener Privatbesitz und wurde uns freundlichem eise jur Einsicht überlassen. Die „Blumenlese" enthalt u. a. Beiträge von Klopstock, Stolberg, Bürger, Lenz, Hölty und Claudius und dars als eine literarische Kostbarkeit bezeichnet werden. — Die alte Schreibweise des Originals ist beibehalten. Die in der letzten Strophe genannte Ernestine, geb. Boie, war 1777, also kurz vor dem Erscheinen des Almanachs, die Gatttn des Dichters geworden. sprechen wollte. Eben bogen wir in die schmale, dunkle und ganz einsame Calle de Silva ein, da erhielt ich plötzlich einen Hieb über den Kops, der mich für einen Augenblick betäubte. Es war mir, als stürze ich kopfüber in ein dunkles Loch, aber mein Bauernschädel hatte offenbar eine feste Knochenrinde um den Sitz des Bewußtseins, denn gleich darauf wußte ich wieder, wo ich mich befand. Ich lag auf der Straße, jemand wuchtete auf mir und versuchte mir den Hals zufammenzudrücken, während ein anderer über mich gebeugt dastand und mir einen Knebel in den Mund pressen wollte. Undeutlich sah ich noch ein. Gewirr von anderen Gestalten, hörte Fühestampsen, Stöhnen und Fluchen. Ich zog den Leib ...... •' ' " ---------- v Würger, der achte ich es doch!" lachte Siebold. „Vorwärts! Geh hinter uns, Francesco, und wenn er ausreißen will, (o mach keine Umstände mit ihm. Wir gingen rasch durch einige kleine Gäßchen und tarnen dann m einen Engpaß, eine kaum einen Schritt breite Schlucht zwischen zwei Mauern. Es war eine Gegend, die ich selbst vorher nie betreten hatte, ein so gründlicher Kenner Madrids ich zu sein glaubte. An einer Stelle war eine winzige Mauerpforte. Sie öffnete sich einem Schlussel, den Siebold aus der Tasche zog, und wir bückten uns, um in einen Hof einzutreten. Er schien einem Steinmetzen zu gehören, denn es standen allerhand rohe oder zum Teil behauene Blöcke herum, und Siebolds Laternchen zeigte uns *— “ • »rf«. Häuschen, in dem wohl Friedrich Krupp und sein Erbe. Vlm vr. Wolfgang M e j« r. Anno Domini 1587 nahmen die ehrbaren Herren der Großen Kaus- , Ibe der in Handel und Gewerben blühenden Stadt Essen ein neues Mitglied in feierlicher Versammlung auf. Arndt Krupp hieß der zu- i-jogene Kaufmann. Er entstammte altangesehener Familie aus rheini- i-jen Landen. Die Akten des „Schmidtamptes", in das er ebenfalls ein- aat, bezeugen, ,chaß gedachter Krupp darauf mit Eisen und Stahl allhie ii Cszen gehandelt habe". Seither treffen wir unter den führenden Köpfen in Wirtschaft und lrrwaltung der arbeitsamen Ruhrstadt immer wieder Träger des Hamens Krupp. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Wie seltsam , rührt es, daß just in der empfindsamen Zeit des Rokoko eine junge [jjfener Bürgersfrau nach ihres Mannes Tode nicht allein die Sorge nn die Erziehung ihres erst vierjährigen Knaben auf sich nimmt, fon- I m die Last des hinterlassenen, bedeutenden Handelsgeschäftes und beachtlichen Grundbesitzes dazu! Amalie Krupp-Ascherfeld, selbst Frossin eines Altessener Kaufherrngeschlechtes, leitete auch nach des iohnes Peter Volljährigkeit über ein halbes Jahrhundert lang mit be- mndernswerter Klugheit und Tatkraft die Geschäfte der Familie Krupp. Sie erwarb die Walkmühle vor Essens Toren, auf deren Grundstück (iiter die ersten Bauten der Gußstahlfabrik erstanden, und die „Gute- i ssnungshütte" bei Sterkrade. Amalie Krupp lenkte auch im wesent- ifjen den Werdegang ihres vor nunmehr 150 Jahren, am 17. Juli 1787, iborenen Enkels Friedrich Krupp, der schon im achten Lebensjahr den hier verlor. Wie seine Ahnen, sollte Friedrich Kaufmann werden. In der Gute- i ssnungshütte, deren geschäftliche Leitung ihm schon in jungen Jahren c oertraut wurde, erwachte seine Neigung zu technischen Dingen. Die sotzeit der Kriege Napoleons bereitete dem erst Einundzwanzigjährigen, ir eben mit der Kaufmannstochter Therese W i l h e l m i die Ehe gelt [offen hatte, die erste herbe Enttäuschung. Die Geschäftslage der Jn- i. strie wurde bedenklich. Amalie Krupp-Ascherfeld verkaufte darum die üutehofsnungshütte um 37 800 Rsichstaler an die Kaufleute Jacobi, fnyffen und Hantel. Friedrich zog mit feiner jungen Frau ins (aus der Großmutter und gründete mit ihrer Beihilfe ein Jmport- züchäft für Kolonialwaren, das anfangs gut gedieh. Napoleon verschärfte die Kontinentalsperre gegen die britischen Waren, f iedrich Krupp entschloß sich, das schwer beeinträchtigte Einfuhrgeschäft Hutter aufzugeben. Als Erbe der inzwischen verstorbenen Großmutter sei er sich zudem in der Lage, sich ganz für die Aufgabe einzufetzen, ifc ihn innerlich längst erfüllte: Die Herstellung hochwertigen Guhstahles. Gußstahl — das war für die Technik des europäischen Festlandes biinols ein Problem, fast wie der „Stein der Weißen" für die Alche- irfften des Mittelalters. England allein war in der Lage, vorzüglichen liißstahl zu erzeugen. Die Abschnürung Europas von Großbritannien durch Napoleon hatte der Industrie der Festlandstaaten bewiesen, welche & fahr in der völligen Abhängigkeit vom englischen Markt lag. Im Jahre 1811 lernte Friedrich Krupp zwei Brüder namens K e ch e l b n Ke chlau kennen. Sie nannten sich „Stahlfabrikanten" und bc- fruipteten, das Geheimnis des Flußmittels zu besitzen, von dem man dtnals das Gelingen des Stahlgusses abhängig glaubte. Mit den ködern Kechlau schloß Friedrich am 20. November 1811 einen Ver- h;g zur Errichtung einer Gußstahlsabrik unter der Firma „Friedrich S*upp in Esse n". Das war der Geburstag des Werkes, das einst kmtschlands Waffenschmiede werden sollte I Nach unerfreulichen Verhandlungen trennte sich Friedrich Krupp von Inen Teilhabern. Sie traten in niederländischen Heeresdienst und waren bi" Sorgen enthoben. Krupp aber hatte für Bauten und Versuche 32 000 Wchstaler verausgabt, hatte dafür bereits 20 000 Taler fremden Kapi- Ito geliehen Unerschüttert war jedoch Krupps Glaube an das Gelingen feines B?rtes; jetzt, nachdem er durch die Versuche reiche Erfahrung gesammelt mb seine Kenntnis in ernstem Streben vertieft hatte, erst recht! Gerade timals las Friedrich Krupp in den Zeitungen eine Veröffentlichung des st ußischen Oberbergamtes, daß einem Stahlfabrikanten Friedrich N >. - it lai „das ausschließliche Recht in den Königlich preußischen Pro- linjen zwischen der Elbe und dem Rhein, Gußstahl vermittelst der von vn erfundenen Beschickung anzufertigen", genehmigt sei. Dieses Patent Mte Krupps Arbeitsmögllchkeit in Frage. So schloß er sich mit J"1C0‘a|, «i einen Fabrikanten zur Auswertung seiner Erfindung suchte, zu- BTimen. Wieder eine große Enttäuschung. Auch Nicolai, der vom ötarne taeits erhebliche" Zuschüsse bekommen hatte, gelang der Stahlguß nicht, ti konnte auch die vertraglich übernommene Kapitalanlage gar nicht Möringen. Krupp verlangte behördliche Untersuchung. Sie verlief Werschmetternd für Nicolais Eignung und Kenntnisse. Aber sie trug k»lh Krupp eine Fülle zermürbender Aufregungen, jahrelangen Prozeß, ioiubergehend sogar Stillegung des Betriebes ein. Zudem war Krupps »i^mögenslage sehr erschüttert, das Vertrauen der Kundschaft unter- ■|tiben. [Dennoch läßt sich Friedrich Krupp nicht vom Schicksal niederzwingen, geht er wieder ans Werk, und jetzt allein, mit einem aus der inst jchen gewonnenen Erfahrung entwickelten eigenen Verfahren. Run ngt es. Noch im selben Jahre verlassen die ersten Gußstahlliefe- !>>-gen, bald auch fertige Werkzeuge, Krupps Fabrik Seme Munz- e-ipel werden von den Staatsstellen glänzend bewertet 1819 beschaf- äS er wieder neun Arbeiter und glaubt sich auf dem Wege zum yie*. .Die wachsende Zahl der Aufträge, die Ungunst der örtlichen Lage Fabrikbauten veranlassen Friedrich Krupp zu Neubauten, zur Auf- ? me neuen Kredits. Die Schuldenlast wächst, und gerade jetzt beginnt l[pp kränklich zu werden. So gut wie sichere Staatsauftrage bleiben U:- Vergeblich opfert Friedrich Krupps Mutter ihren Besitz für den ff’ Sorge und Krankheit haben seine Widerstandskraft gebroche . «Ibittert zieht er sich mit den Seinen — vier Kmder lßtt ihm seine geschenkt — in ein ehemaliges Aufseherhauschen bei der Fabrik zurück. Der Betrieb steht fast still. Das uns heute kaum Glaubliche geschieht: 1826 wird Krupp aus der Liste der steuerpflichtigen Gewerbetreibenden gestrichen. Am 8. Oktober 1826 erlöst der Tod den kranken, von Fehlschlägen und Sorgen um die Seinen früh zermürbten Mann. Drei Tage vor seinem Tode macht Friedrich sein Testament. Er bestimmt darin, daß die Fabrik, die er Frau und Kindern hinterläßt, weitergesührt werde. Bis zum letzten Augenblick glaubt er an fein Werk, an die Zukunft des Namens Krupp. Vierzehn Jahre war Alfred Krupp alt, als er die Nachfolge des Vaters gemeinsam mit seiner klugen, opferwilligen Mutter antrat. Verödet lagen die Werksräume. Mit vier Arbeitern, die den Vater im Unglück nicht verlassen hatten, beginnt der junge Krupp, fast ein Knabe noch. Ist, wie er selbst später schreibt, „Prokurist, Kassierer, Korrespondent, Schmied, Schmelzer, Koksklopfer, Nachtwächter am Koksofen und sonst noch mehr" Das heißt vor allem, sein eigener Reisevertreter. Weite Teile Deutschlands, Oesterreichs, die Schweiz, Belgien, die Niederlande, England, Frankreich, Rußland besucht er. Nachts schaukelt er in der Postkutsche, tagsüber besucht er Kunden, studiert fremdes Wirtschaftsleben. Krupp ist nicht sehr kräftig, bricht mehrmals zusammen. Immer wieder reißt er sich hoch. Mehr noch: Alfred Krupp hat die technische Begabung vom Vater ererbt und nutzt sie zu ständiger Verbesserung seiner Erzeugnisse. Mit Münzstempeln und Werkzeugen beginnt er, wie der Vater. Bald sind dank Alfreds Wirken Gerät« von Krupp weitgeschätzt. Großtaten folgen: Im Sturmjahr 1848 liefert Krupp als erstes Werk der Welt Eisenbahnachsen aus hochwertigem Tiegelstahl 1851 gehen aus Krupps Fabrik die ersten nahtlosen Radreifen für Schienenfahrzeuge in die Welt. Sie geben dem jungen, modernen Verkehrswesen einen neuen Aufschwung und tragen den Namen Krupp über die Erde. Im gleichen Jahr zeigt Krupp auf der ersten Weltausstellung in London einen Tiegelstahlblock von dem damals unerreichten Gewicht von mehr als zwei Tonnen und daneben das erste je gebaute Gußstahlgeschütz. Es leitet einen neuen Abschnitt der Wasfentechnik ein. Als sich Preußen zur Einführung dieser Geschütze entschließt, als M o l t k e feine siegreichen Schlachten mit Kruppkanonen schlägt, ist Krupps Aufstieg zum „Kanonenkönig", zu der industriellen Großmacht gesichert. Als Alfred Krupp vor nunmehr einem halben Jahrhundert, am 14. Juli 1887, verschied, zählten seine Werke 21000 Werksangehörige. Unter Alfred Krupps Nachfolgern ist das Unternehmen an wirtschaftlicher Bedeutung und Ausdehnung der Arbeitsgebiete noch erheblich gewachsen. Zu den entscheidenden Taten Alfred Krupps gehört aber auch sein Wirken auf sozialem Gebiete. Schon vor mehr als hundert Jahren hatte Krupps Fabrik eine Werkkrankenkasse. Bereits 1861 standen die ersten Arbeiterwohnhäuser des großartigen Siedlungswerkes Alfred Krupps, das bis in die Entwürfe der Bauten hinein feinen eigenen Gedanken entsprang, das bahnbrechend für das gesamte Siedlungswesen wurde. Vorbild für die ersten Kruppschen Siedlungshäufer war das heute noch in Ehren erhaltene Häuschen, in das sich einst Friedrich Krupp zurückgezogen hatte, das „Stammhaus" auch für Krupps soziales Werk. Die Sensation. Eine Geschichte von Karl Ude. Als die Bildergalerie der kleinen Stadt, die eine Reihe wertvoller alter Meister enthielt, so sehr von den Bürgern und Fremden vergessen war, daß nur noch die müden, alten Aufseher gähnend durch die Hellen Flure schlichen, da fuhr eines Tages ein schwerer Sechssitzer vor dem Hause vor, zwei bärtige Herren mit goldenen Brillen fliegen kurzatmig die Treppe hinauf und blieben so ungewöhnlich lange Stunden in der kühlen Galerie, daß die Leute in der Stadt davon zu sprechen begannen. Am nächsten Morgen, als der große Wagen mit den beiden Herren längst wieder verschwunden war, mußten die erstaunten Bürger in ihren Zeitungen lesen, daß zwei angesehene Kunstgelehrte ihr Museum besucht hatten und dabei zu der betrüblichen Feststellung gelangt waren, daß vier von den fünf Dürer-Bildern, die der Werbeprospekt des Verkehrsvereins stets als den Stolz eines jeden Bürgers bezeichnete, leider, leider nicht als echt und von des Meisters Hand gelten dursten, sondern als — zwar geschickte, aber immerhin überschätzte — Fälschungen eines Unbekannten. Die seltsame Behandlung der Falten in den Gewändern der dargestellten Figuren, aber auch der Pinselstrich wiesen eindeutig darauf hin, daß es sich nicht um Werke des Albrecht Dürer handeln konnte. Am gleichen Nacbmittag noch drängten sich vor dem mageren Fräulein an der Kasse des Museums so viele Menschen, daß sie in einer langen Schlange anstehen muhten, bevor sie ihre Eintrittskarten erhielten. Dann stürmten erregte Scharen die Treppen hinauf, und wieder gab es ein bewegtes Gedränge in jenem Saal, in dem die Fälschungen geruhsam in einem guten Lichte aufgehängt waren. Manche der Besucher hatten Lupen mitgebracht und setzten ihren Nachbarn die Gründe für die Fälschung auseinander, die am Morgen in ihrer Zeitung aufgezählt worden waren. Und schließlich, als sie alle sich überzeugt hatten, zogen sie weiter, durch sämtliche Räume der Galerie, und blieben vor jedem Bilde stehen, wieder mit ihren Brillen und Vergrößerungsgläsern nachschauend, und dann schien es Urnen, als (ei auch unter den übrigen manches, das nicht von dem stammte, dessen Namen aus dem kleinen blanken Schildchen unter dem Rahmen angegeben war. Sie begannen auf den Leiter des Museums zu schelten, der die Bilder für hohe Summen, wie man sich erinnern konnte, seinerzeit gekauft und nun ihre Stadt vor oller Welt so kümmerlich blamiert hatte, und ihre Entrüstung dauerte noch fort, als sie längst wieder auf dem Heimweg sich befanden. Auch die Lehrer erinnerten sich jetzt des Museums, das ihre Stadt besaß, und sie führten ihre Schulklassen geschlossen in den Vormittagen in die Galerie. Dabei nahmen sie eine Mappe mit Dürer-Kunstdrucken unter dem Arme mit und machten ihren Kindern an dem Vergleich mit den echten Bildern klar, wie einfach die plumpe Fälschung der Gemälde erkennbar war und daß sie selber vor Jahren schon, als sie die Bilder zum letzten Male ongeschaui hatten, den Eindruck gewannen, es handele sich bei den fraglichen Werken um Täuschungen. •f»c-anttDort[icb Or. Aons Tbhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Eteindruckerei. V. Lange, Giebel Und selbst von auswärts kamen die Leute, sie ließen ihre benagelten Touristenstöcke an der Garderobe stehen und fragten die Aufseher laut und überlegen, wo und an welcher Wand denn die sensationellen Fälschungen aufgehängt seien. Und dann standen sie nicht ohne Lächeln vor den Bildern, nickten zustimmend und fragten beim Weggehen den greisen Portier, wie lange man denn noch diese belanglosen Klexereien hängen lassen wolle. Der aber meinte, das sei nicht seine Sache, sondern die des Herrn Direktors, und im übrigen dürfe man sie noch nicht wegnehmen, da noch so viele Besucher Interesse für die falschen Bilder hätten. .. . Und damit hatte er recht, denn noch den ganzen Sommer über, bis weit in den Herbst hinein, strömten Einheimische und Fremde unablässig in das einst so verlassene Museum, die alten Aussetzer hatten längst neue blaue Röcke mit goldenen Knöpfen erhalten, das magere Fräulein an der Kasse schaute nicht mehr so ernst vor sich hin, und die Putzfrauen, die früher nur einmal im Monat die blanken Säle ausge- staubt hatten, mußten nun an jedem Abend die große Menge Schmutz zusammenkehren, den die vielen Stiesel tagsüber in die Räume getragen hatten. Dann aber sah man eines Morgens wieder das auffallend große Auto mit den bärtigen Herren, wieder stiegen die beiden die Treppen hinauf und blieben lange Stunden vor den vier falschen Bildern stehen, während eine Gruppe von neugierigen Besuchern sich um sie und ihre Arbeit drängte. Endlich wandten die beiden sich aufatmend ab, sahen sich einander bedeutsam in die Augen, verließen kopfschüttelnd das Haus und fuhren davon, während die Blicke noch lange ihrem Wagen folgten. Und als in der Frühe des nächsten Tages die Bürger halbangezogen ihre Zeitung von der Treppe hereinholten, da bemerkten sie auf der ersten Seite ihres Blattes einen langen, mit fchweroerftändlichen Fachausdrücken durchsetzten Aufsatz jener beiden Professoren, der in der beachtenswerten Behauptung gipfelte, daß die Fälschungen der Galerie so über alle Maßen geschickt gefälscht seien, daß man sie fälschlich als Fälschungen bezeichnet habe, und es sich — Gott sei Dank! — in Wirklichkeit doch um echte Arbeiten Albrecht Dürers handele. „Gott sei Dank!" murmelten auch di« Bürger, und es tat ihnen wohl, daß ihr Galeriedirektor doch nicht solche Dummheiten gemacht hatte, wie sie es allerorts ihm zugetraut. Sie nannten ihn wieder einen klugen Mann und gingen von Stund an nicht mehr in sein Museum, um ihm — wie früher — durch ihr Fernbleiben zu versichern, daß er ihr volles Vertrauen habe und es daher niemandem von ihnen mehr einsallen werde, seine umsichtigen Anordnungen im Museum persönlich nachzuprüfen. „Leider Gottes!" seufzten indessen die alten Aufseher, sahen betrübt auf ihre blanken Knöpfe, steckten die Köpfe zusammen und stellten mit Bedauern fest, daß nun wohl wieder die schlechte Zeit beginne. , „Leider Gottes!" sagte auch der Direktor, und die es hörten, wunderten sich, daß er mit diesem Ergebnis, das doch endlich den Verdacht gegen die ihm nachgesagte Untüchtigkeit zerstörte, so wenig zufrieden war; denn danach, ob er aus leidenschaftlicher Liebe zu seinen Bildern mit Hilfe von Freunden die Fälschung selbst erfunden und die Kunst, um sie zu erhalten, mit der Sensation verschwistert hatte (in welcher Vereinigung sie allein Aufsehen zu erregen vermag ...!) oder ob wirklich die beiden Forscher einem Irrtum zum Opfer gefallen waren — danach hat niemals ein Mensch gefragt ... Besuch um Mitternacht. Von C. G. v Maaßen. Der englische Dichter Alexander Pope pflegte alljährlich zur Sommerszeit die Stadt zu verlassen, um ein paar Monate auf seinem Landhaufe zu verbringen. Dabei nahm er jedesmal seine gesamte Dienerschaft mit. Er war ihnen ein nachsichtiger, keineswegs gestrenger Herr und nur in einem einzigen Punkte etwas empfindlich. Er konnte es nämlich durchaus nicht leiden, wenn jemand irgendeine Anwandlung von Aberglauben zeigte oder gar, wie es auf dem einsam gelegenen Landhause manchmal vorkam, so etwas wie Gespensterfurcht äußerte. Dann nahm sich Pope die betreffende Person energisch vor, hielt ihr eine kleine Ständrede über die Unsinnigkeit derartiger Vorurteile, schalt ihr schlechtes Christentum, ja, er drohte sogar im Wiederholungsfälle mit Entlassung. Geduldig widerlegte er alle Einwände und hielt von Zeit zu Zett kleine Vorträge über Glauben und Aberglauben. Da war es denn wie eine Ironie des Schicksals, daß gerade ihm, dem fanatischen Aufklärer, der sich über die Torheit des Geisterglaubens nicht genug ereifern konnte, jenes Erlebnis mit dem rätselhaften Spanier, zustoßen mußte, das seinen sonst so klaren Kopf auf längere Zeit in Verwirrung fetzte. Pope war zu Beginn der Sommerszeit einmal wieder auf sein Landhaus hinausgezogen. Von der Reise ermüdet, legte er sich des Abends schon sehr zeitig ins Bett, nachdem er vorher gewohnheitsmäßig alle Zugänge zu seinem Schlafzimmer, das ihm zugleich als Arbeitsraum diente, fest verschlossen hatte. Es mochte Mitternacht sein, als ihn ein leises Klopfen an seiner Stubentür weckte. Er fuhr empor und rief, ein wenig unwillig über die Störung, „herein", ohne im Augenblick des Erwachens daran zu denken, daß bei den verschlossenen Türen niemand eintreten konnte. Aber — siehe da! — die Türe öffnete sich und der Dichter erblickte im matten Scheine seiner kleinen Nachtlampe die stattliche Gestalt eines ernst dreinschauenden Mannes in spanischer Tracht, der wortlos, ohne sich um den im Bette Liegenden zu kümmern, durch das Zimmer auf einen Tisch zuschritt, ein darauf liegendes Buch ergriff, den Titel aufschlug und anscheinend in große Verwunderung darüber geriet. Pope, dem es auch nicht für einen Augenblick in den' Sinn kam, den ungenierten Besucher für eine Erscheinung überirdischer Natur zu halten, geriet in helles Erstaunen über den unbekannten Eindringling, der zu so ungewöhnlicher Stunde kam, und fragte etwas vorwurfsvoll, womit er dienen könne. Der Spanier schaute den Fragenden eine Weile mit großen Augen an, schüttelte nachdrücklich mit dem Kopf, aber sprach kein Wort, sondern wandte sich zum Bücherschrank, dessen Glastür er öffnete, zog ein paar Bücher heraus, durchblätterte sie und stellte sie dann wieder an ihren Platz. Dabei bemerkte Pope, daß dieser ungebetene Bücherfreund alle Bücher verkehrt wieder in das Fach stellte, so daß die Rückentitel auf den Kopf zu stehen kamen. Pope überlegte, was der sonderbare Fremde damit wohl ausdrücken wollte. Endlich sprang er aus dem Bett, zog den Schlafrock über, zündete zwei Kerzen an der Nachtlampe an und klingelte seinem Diener. Dann ergriff er eine geladene Pistole und ging entschlossen auf den Spanier los. „Herr", rief er, „ich möchte wissen, wer Sie sind. Aus welche Art sind Sie durch die verriegelte Tür gekommen, und was gedenken Sie hier zu tun?" Der Spanier blickte spöttisch auf die vorgehaltene Pistole, dann mit großen Augen auf Pope, zuckte die Achseln und letzte zwei Finger über seinen Mund. Der Dichter, empört über dies gleichgültige Benehmen, rief: „Herr, keinen Spott, wenn ich bitten darf! Ich bin hier Herr im Hause und erwarte Antwort oder —" Hier richtete er wieder die Waffe gegen den Besucher. Ohne die Miene zu verändern, schlug der stumme Gast seinen Mantel auseinander und bot die entblößte Brust der zu erwartenden Kugel dar. Als jedoch kein Schuß erfolgte, wandte er sich wieder zu den Büchern und blätterte ruhig weiter. Dies unbegreifliche Benehmen fetzte Pope nicht wenig in Verwirrung. Leere Drohungen fruchteten offensichtlich nichts, schießen mochte er nicht, wie sollte er nur hinter das Geheimnis des seltsamen Gastes kommen? In seiner grenzenlosen Verlegenheit nahm er eine Kerze und beleuchtete damit den Spanier von allen Seiten, faßte ihn scharf ins Auge und betastete dann dessen seidenen Talar, ja sogar dessen Hände. Der Fremde ließ alles ruhig mit sich geschehen, bis er plötzlich der ganzen Szene dadurch ein Ende bereitete, daß er den Bücherschrank wieder verschloß, den Schlüssel abzog und ihn mit einer leichten Verbeugung in Popes Hände legte. Dann wandte er sich kurz um und schritt in stolzer Haltung zur Stube hinaus. Gleich darauf erschien Gustav, der sehnlichst erwartete Kammerdiener, und entschuldigte sich, daß er sich nicht so rasch habe ermuntern und ankleiden können. „Hast du den Spanier gesehen?" fragte ihn fein Herr hastig. „Er ist mir auf der Treppe begegnet, es schien mir, als ob er von Ihnen käme." „Allerdings, aber was hatte der Mann um Mitternacht bei mir zu suchen? Wie kommst du dazu, fremde Menschen ins Haus und unangemeldet in mein Schlafzimmer zu lassen?" Gustav versicherte seine Unschuld, er habe den Herrn nicht herein- gelassen, die Haustür sei verschlossen, und er habe bis zu dem Augenblick des Klingelns geschlafen. Dann leuchtete es in feinem Gesicht auf, und er rief: „Endlich hat Sie dies gutmütige Gespenst auch besucht. Es wird Ihnen gewiß nichts Böses zugefügt haben. O, es ist mir lieb, daß Sie es kennenlernten. Wir, Ihre Dienerschaft, haben den Spanier schon feit Jahren recht häufig im Landhaus umherwandeln sehen. Nie hat er uns etwas zuleide getan, nur erschreckt hat er uns sehr. Jetzt achten wir seiner gar nicht mehr, da wir es von Ihnen, Herr, gelernt haben, daß die Gespenster keine Macht besitzen, uns zu schaden." Pope stand staunend und fragte, warum man ihm denn nie etwas von diesem Geiste gesagt habe. „Wir fürchteten unsere Entlassung, Herr, und dann glaubten wir, daß auch Ihnen das Gespenst wohlbekannt und sogar die Ursache sei, weshalb Sie uns so ernstlich ermahnt haben, an keine Geister zu glauben." Der Dichter stand in Nachdenken versunken. Fast war er geneigt, an ein gegen ihn geschmiedetes Komplott seiner Leute zu glauben, die seinen Unglauben ein wenig korrigieren zu müssen vermeinten. Dann aber verwarf er wieder jedes Mißtrauen und hatte nur das Gefühl, hier gerade keine glänzende Nolle zu spielen. Der Diener Gustav empfand Mitleid mit seinem philosophischen Herrn und redete ihm zu, sich wieder schlafen zu legen, denn zweimal käme der Spanier niemals in einer Nacht. Da ihm der Vorschlag nicht ungelegen tarn, ging Pope, ein wenig beschämt, wieder zu Bett, besohl seinem Gustav, bei ihm zu bleiben, grübelte noch ein wenig über den wunderbaren Vorfall nach und schlief endlich ein. Beim morgendlichen Erwachen vermißte er seinen Diener, dem er doch befohlen hatte, bei ihm zu bleiben. Er klingelte, Gustav kam und klopfte draußen an die Stubentür, damit ihm geöffnet würde. Pope stutzte, da er den Riegel vorgeschoben sand, wie er es am Abend norm Zubettgehen getan hatte. Kaum befand sich der Diener im Zimmer, als fein Herr mit einem Sturzbach von Fragen über ihn herfiel: warum er ohne Erlaubnis das Zimmer verlassen, wie er herausgekommen, da doch die Tür noch von innen verriegelt wäre, ob er etwa mit dem Spanier im Bündnisse stehe, vielleicht sogar mit ihm identisch sei, und anderes mehr. Gustav begriff von all dem Gesagten kein Wort, sondern staunte seinen Gebieter mit offenem Mund an. Es dauerte eine geraume Zeil, bis beide sich verstanden. Pope besah den Bücherschrank und fand alle Bücher so ordentlich darin stehen wie sonst. Keines von ihnen stand auf dem Kopf. — Nun fragte sich der Dichter, ob nicht vielleicht das Abenteuer der vergangenen Nacht nur ein sehr lebhafter Traum gewesen sei, der an Farbigkeit der Wirklichkeit nichts nachgestanden. Und Gustavs Aussagen schienen das zu bestätigen. Er versicherte mit einem Eide, die ganze Nacht nicht van seinem Lager gekommen zu sein, feinen Herrn um Mitternacht weder gesehen noch gesprochen zu haben und von einem spukenden Spanier überhaupt nichts zu wissen. Pope war von feiner Ehrlichkeit überzeugt, entließ ihn und sann darüber nach, wie es möglich fei, daß ein so nüchterner Kops, wie ihn eben doch nur ein Philosoph auf seinen Schultern tragen konnte, sich so gründlich von einem Traumbiw habe narren lassen können.