Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Zreitag, den 16. April Nummer 29 Der GieENn Roman von Theodor Fontane 22. Fortsetzung. „Es ist sehr selten, in nationalen Fragen einem so freien Drüberstehn zu begegnen ... Aber wenn es Ihnen recht ist, Doktor Wrschowitz, wir stehen hier wie zwei Schildhalter neben diesem aufgeklappten Klavier, — vielleicht daß wir uns setzen könnten. Gräfin Melusine lugt ohnehin schon nach uns aus." Und als Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem Vorschläge Czakos ausgedrückt hatte, schritten beide Herren vom Klavier her auf den Kamin zu, vor dem sich die Gräfin auf einem Fauteuil niedergelassen halle. Neben ihr stand ein Marmortischchen, drauf sie den linken Arm stützte. „Nun endlich, Herr von Czako. Vor allem aber rücken Sie Stühle heran. Ich sah die beiden Herren in einem anscheinend intimen Gc- präche. Wenn es sich um etwas handelte, dran ich teilnehmen darf, o gönnen Sie mir den Vorzug. Papa hat sich, wie Sie seh», mit der Baronin engagiert, ich denke mir über berechtigte bajuvarische Eigentümlichkeiten, und Armgard denkt über ihr Spiel nach und all die falschen Griffe. Was müssen Sie gelitten haben, Wrschowitz. Und nun noch einmal, Hauptmann Czako, worüber plauderten Sie?" „Berlin." „Ein unerschöpfliches Thema für die Medisance." „Worauf Doktor Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete. Denken Sie sich, gnädigste Gräfin, er schien alles loben zu wollen. Allerdings waren wir erst bei Musik und Kritik. Heber die Menschen noch kein Wort." „0, Wrschowitz, das müssen Sie nachholen. Ein Fremder sieht mehr als ein Einheimischer. Also frei weg und ohne Scheu. Wie sind die Vornehmen? Wie sind die kleinen Leute?" Wrschowitz wiegte - den Kopf hin und her, als ob er überlege, wie weit er in seiner Antwort gehen könne. Dann mit einem Male schien er einen Entschluß gefaßt zu haben und sagte: „Oberklasse gutt, Unterklasse ferr gutt; Mittelklasse nicht ferr gutt." „Kann ich zustimmen", lachte Melusine. „Fehlen nur noch ein paar Details. Wie wär es damit?" „Mittelklassberliner findet gutt, was er sagt, aber findet nicht gutt, was sagt ein andrer." Czako, trotzdem er sich getroffen fühlte, nickte. „Mittelklasfberliner, wenn spricht andrer, fällt in Krampf. In versteckten Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf. In verstecktem Krampf ist er ein Bild des Jammers, in nicht verstecktem Krampf ist er ein Affront." „Brav, Wrschowitz. Aber mehr. Ich bitte." „Berliner immer an der Tete. So wenigstens glaubt er. Berliner immer Held. Berliner weiß alles, findet alles, entdeckt alles. Erst Borsig, dann Stephenson, erst Rudolf Hertzog, dann Herzog Rudolf, erst Pfeffer- küchler Hildebrand, bann- Papst Hildebrand." „Nicht geschmeichelt, aber ähnlich. Und nun, Wrschowitz, noch eins, bann finb Sie roieber frei „.. Wie find bie Damen?" „Ach, gnädigste Gräfin ..." „Nicht, nichts. Die Damen." „Die Damen. O, die Damen ferr gutt. Aber nicht speziffisch. Spezifsisch in Berlin bloß die Madamm." „Da bin ich aber doch neugierig." „Speziffisch bloß die Madamm. Ich war, gnädigste Gräfin, tn Petters- burg und ich war in Moscou. Und war in Budapest. Und war auch in Saloniki. Ah, Saloniki! Schöne Damen von Helikon und schöne Damen von Libanon, hoch und schlank wie die Zeder. Aber keine Madamm. Madamm nirgendwo; Madamm bloß in Berlin." ... „Aber Wrschowitz, es müssen doch schließlich Aehnlichkeiten da sein. Eine Madamm ist doch immerhin auch eine Dame, wenigstens eine Art Dame Schon bas Wort spricht es aus." „Nein, gnäbigfte Gräfin; rien du tout Dame! Dame bentt an Galan, Dame bentt an Putz; ober vielleicht auch an Divorgons. Aber Madamm denkt bloß an Rieke braußen unb mitunter auch an Paul. Und wenn fte 3u Paul spricht, der ihr Jüngster ist, fo sagt sie: ,Jott, dein ®ater. Df), die Madamm! Einige saaen, sie stürbe aus, andre sagen, sie stürbe nie. „Wrschowitz", sagte Melusine, „wie schade, daß die Baronin und Papa nicht zugehört haben und daß unser Freund Stechlin, der solche Themata liebt, nicht hier ist. Uebrigens hatten wir heut ein Telegramm von ihm. haben Sie vielleicht auch Nachricht, Herr Hauptmann?' „Heute, gnädigste Gräfin. Und auch ein Telegramm. Ich hab es mitgebracht, weil ich an die Möglichkeit dachte ..." „Bitte, lesen." Und Czako las: „London, Charing Croß-Hotel. Alles über Erwarten groß. Sieben unvergeßliche Tage. Richmond schön. Windsor schöner. Und die Nelsonsäule vor mir. Ihr v. St." Melusine lachte. „Das hat er uns auch telegraphiert." „Ich fand es wenig", stotterte Czako verlegen, „und als Dublette find ich es noch weniger. Und ein Mann wie Stechlin, ein Mann in Mission! Und jetzt sogar unter den Augen Ihrer Majestät von Großbritannien und Indien." Alles stimmte dem, „daß es wenig sei", zu. Nur der alte Graf wollte davon nichts wissen. „Was verlangt ihr? Es ist umgekehrt ein sehr gutes Telegramm, weil ein richtiges Telegramm; Richmond, Windsor, Nelsvnsäule. Soll er etwa telegraphieren, daß er sich sehnt, uns wiederzusehen? Und das wird er nicht einmal können, so riesig verwöhnt er jetzt ist. Ihr werdet euch alle sehr zusammennehmen müssen. Auch du, Melusine." „Natürlich, ich am meisten." Verlobung — Weihnachlsreise nach Stechlin. 25. Kapitel. Drei Tage später war Waldemar zurück und meldete sich für den Abend am Kronprinzenufer an. Er traf nur die beiden Damen, die, Melusine voran, kein Hehl aus ihrer Freude machten. „Papa läßt Ihnen sein Bedauern aussprechen. Sie nicht gleich heute mitbegrüßen zu können. Er ist bei Berchtesgadens zur Spielpartie, bei der er natürlich nicht fehlen durfte. Das ist .Dienst', weit strenger als der Ihrige. Wir haben Sie nun ganz allein, und das ist auch etwas Gutes. An Besuch ist kaum zu denken; Rex war erst gestern auf eine kurze Visite hier, etwas steif und formell wie gewöhnlich, unb mit Ihrem Freunde Czako haben wir letzten Sonnabenb eine Stunbe verplaudern können. Wrschowitz war an betreiben Abend auch da; beide treffen sich jetzt öfter und vertragen sich besser, als ich bei Beginn der Bekanntschaft dachte. Wer also sollte noch kommen? ... Und nun setzen Sie sich, um Ihr Reisefüllhorn über uns auszuschütten; — die Füllhörner, die jetzt Mode sind, sind meist Bonbontüten, und genau so was erwarte ich auch von Ihnen. Sie sollten mir in einem Briefe von den Engländerinnen schreiben. Aber wer darüber nicht schrieb, das waren Sie, wenn wir uns auch entschließen wollen, Ihr Telegramm für voll anzusehn". Und dabei lachte Melusine. „Vielleicht haben Sie uns in unsrer Eitelkeit nicht kränken wollen. Aber offen Spiel ist immer bas beste. Wovon Sie nicht geschrieben, davon müssen Sie jetzt sprechen. Wie war es drüben? Ich meine mit der Schönheit." „Ich habe nichts einzelnes gesehn, was mich frappiert oder gar hin- geriffen hätte." „Nicht einzelnes. Soll das heißen, daß Sie dafür das Ganze beinah bewundert haben, will also sagen, die weibliche Totalität?" „Fast könnte ich dem zustimmen. Ich erinnere mich, daß mir vor Jahr und Tag schon ein Freund einmal sagte, ,in der ganzen Welt fände man, Gott sei Dank, schöne Frauen, aber nur in England seien die Frauen überhaupt schön'." „Und das haben Sie geglaubt?" „Es liegt eigentlich schlimmer, gnädigste Gräfin. Ich hab es nicht geglaubt; aber ich hab es, meinem Nichtglauben zum Trotz, nachträglich bestätigt gefunden." „Und Sie schaudern nicht vor solcher Uebertreibung?' , Ich kann es nicht, so sehr ich gerade hier eine Verpflichtung dazu fühle ..." „Keine Bestechungen." „Ich soll schaudern vor einer Uebertreibung", fuhr Waldemar fort. Aber Sie werden mir. Frau Gräfin, dies Schaudern vielleicht erlassen, wenn ich Erklärungen abgegeben haben werde. Der Englandschwärmer, den ich da vorhin zitierte, war ein Freund von zugespitzten Sätzen, und zugespitzte Sätze darf man nie wörtlich nehmen. Und am wenigsten auf diesem diffizilen Gebiete. Nirgends in der Welt blühen Schönheiten wie die gelben Butterblumen übers Feld hin; wirkliche Schönheiten sind schließlich immer Seltenheiten. Wären sie nicht selten, so wären sie nicht schön, oder wir fänden es nicht, weil wir einen andern Maßstab hätten. All das steht fest. Aber es gibt doch Durchschnittsvorzüge die den Typus des Ganzen bestimmen, und diesem Maße nicht geradezu frappierender, aber doch immerhin noch sehr gefälliger Durchschnittsschönheit, dem bin ich drüben begegnet." Ich laß es mit dieser Einschränkung gelten, und Sie werden in Papa mit dem wir oft darüber streiten, einen Anwalt für Ihre Meinung finden. Durchschnittsvorzüge. Zugegeben. Aber was sich darin ausspricht, das beinah Unpersönliche, das Typische ..." Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen, weil sie draußen die Klingel gehört zu haben glaubte. Wirklich, Jeserich trat ein und meldete: Professor Cujacius. „Um Gottes willen", mtsuhr es der Gräfin, und die kleine Pause benutzend, die ihr noch blieb, flüsterte sie Woldemar Wörter sind Kinderklappern/' „Und dieser englische Millais — den mit dem französischen verwechselt zu haben ich ausrichtig bedauere —, dieser ,a i s-Millam, dieser große Reformer, ist, wenn ich Sie recht verstehe, sich selber untreu geworden Man wird dies sagen dürfen. Er und seine Schule verfielen in Exzentrizitäten. Die Zucht ging verloren, und das straft sich auf jedem Gebiet. Was da neuerdings in der Welt zusammengekleckst wird, zumal in der schottischen und amerikanischen Schule, die sich jetzt auch bei uns breitzumachen sucht, das ist der Ueberschwang einer an sich beachten^ werten Richtung. Der Zug, der unter Mitteldampf gut und erfreulich fuhr unter Doppeldampf (und das reicht noch nicht einmal aus), ist er entgleist; er liegt jetzt neben den Schienen und pustet und keucht. Und em Jammer nur, daß seine cheizer nicht mit auf dem Platze geblieben sind. Das ist der Fluch der bösen Tat ... ich verzichte darauf, in Gegenwart der Damen das Zitat zu Ende zu führen." Eine kleine Pause trat ein, bis Woldemar, der einsah, daß irgend was gesagt werden müsse, sich zu der Bemerkung ausraffte: „Bon Neueren habe ich eigentlich nur Seestücke kennengelernt; dazu die Phan- tastika des Malers William Turner, leider nur flüchtig. Er hat die ,drei Männer im feurigen Ofen“ gemalt. Stupend. Etwas Großartiges schien mir aus seinen Schöpfungen zu sprechen, wenigstens in allem, was das Kolorit angeht." . . ... ' , „Eine gewisse Großartigkeit", nahm Lufacius mit lächelnd überlegener Miene wieder das Wort, „ist ihm nicht abzufprechen. Aber aller Wahnsinn wächst sich leicht ins Großartige hinein und düpiert dann regelmäßig die Menge Mundus vult decipi. ÄÜem vorauf England. Es glvt nur ein -eil: Umkehr, Rückkehr zur keuschen Linie. Die Koloristen sind das Unglück in der Kunst. Einige wenige waren hervorragend, aber nicht parceque, sondern quoique. Roch heute wird es mir obliegen, in unserm Verein über eben dieses Thema zu sprechen. Gewiß unter Widerspruch, vielleicht auch unter Lärm und Gepolter; denn mit den richtigen Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der Gesellschaft verloren- qeaanqen. Aber viel Feind, viel Ehr, und jede Stelle verlangt heutzutage ihren Mann von Worms, ihren Luther, chier stehe ich. Am elendsten aber sind die paktieren wollenden -alben. Zwischen schon und häßlich ist nicht zu paktieren." „Und schön und häßlich", unterbrach hier Melusine (sroh, überhaupt unterbrechen zu können), „war auch die große Frage, die wir, als wir Sie begrüßen dursten, eben unter Diskussion stellten, -err von Stechlin sollte beichten über die Schönheit der Engländerinnen. Und nun frag ich Sie, -err Professor, finden auch Sie sie so schön, wie einem Hierlandes immer versichert wird?" ... t , „Ich spreche nicht gern über Engländerinnen , fuhr Euiacius fort. „Etwas Bon Mofynkrasle beherrscht mich da. Die Tochter Albions, sie empfehlen zu wollen." Woldemar, die -onneurs des -aufes machend, was er bei seiner intimen Stellung durfte, Halle den Professor bis auf den Korridor geleitet und ihm hier den Künstlermantel umgegeben, den er, >n unverändertem Schnitt, seit seinen Romtagen trug. Es war ein Radmantel. Dazu ein Kalabreser von Seidenfilz. Er ist doch auf seine Weise nicht übel", sagteWoldemar- a s er bei den" Damen wieder eintrat. „An einem Mken Selbstbewuhtsein, dran er wohl leidet, darf man heutzutage nicht Anstoß nehmen, vorausgesetzt, daß die Tatsachen es einigermaßen rechtfertigen Sin starkes Selbstbewußtsein ist nie gerechtfertigt , sagte Armgard, „Bismarck vielleicht ausgenommen. Das heißt also in jedem Jahrhundert C,ne,2ßonad) Euiacius günstigenfalls der zweite wäre", lachte Woldemar. Wie stellt es eigentlich mit ihm? Ich habe Nie von ihm gehört, was über nicht viel besagen will, namentlich nacktem ich Millms und Millet glücklich verwechselt habe. Nun geht alles so in einem hm. Ist er ein Mann, den ich eigentlich kennen müßte?" . . Das hängt ganz davon ab", sagte Melusine, w.e S.e s'ch °'n chatzen -aben Sie den Ehrgeiz, nicht bloß den eigentlichen alten Gwtto von Florenz zu kennen, sondern auch all die Giottinos, die neuerdings m Ost elbien von Rittergut zu Rittergut zichn, um für Kunst und Christentum ein übriges zu leisten, so müssen Sie Cujacius freilich kennen. Er hat da die groß/Lieferung; ist übrigens lange nicht der Schbmmsie.Selbst feine Gegner und er hat deren em gerüttelt und geschüttelt Maß, ge stellen ihm ein hübsches Talent zu; nur verdirbt er alles durch seinen Dünkel Und so hat er denn keine Freunde, trotzdem er beständig von Richiungsgenossen spricht und auch heute wieder sprach. Gerade diese Richtungsgenossen aber hat er aufs entschiedenste gegen sich, was übrigens nicht bloß an ihm, sondern auch an den Genossen liegt. Gerade die Sbie dasselbe Ziel verfolgen, bekämpfen sich immer am heftigsten untereinander, vor allem auf christlichem Gebiet auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen, fondern bloß um christliche Kunst handelt. Zu des Professors Lieblingswendungen zählt die, daß er ,in ber Irabtwn stehet was ihm indessen nur Lpott und Achselzucken einttaA Einer einer Richtungsgenossen — als ob er mich persönlich dafür hatte ver- antwortlich machen wollen — fragte mich erst neulich voll.ironischer Teilnahme: ,Steht denn Ihr Cujacius immer noch in der Tradition,? Und als ich ihm antwortete: ,Sie spötteln darüber, hat er denn aber feine“? bemerkte dieser Spezialkollege: -Gewiß hat er eine Tradition, und bas ist feine eigne. Seit fünfundvierzig Jahren malt er immer denselben Christus und beeist als Kunst-, aber fast auch schon als Kirchenfanat.ker bu ihm unterstellten Provinzen, so daß man betreffs feiner beinah sagen fann: ,Es predigt fein Christus allerorten, ist aber drum nicht schöner geworden“." Melusine, du darfst fo nicht weitersprechen", unterbrach hier Arm- garb. „Sie wissen übrigens, -err von Stechlin, wie s hier steht, und baß ich meine ältere Schwester, bie mich erzogen hat (hoffentlich gut), setzt nachträglich mitunter meinerseits erziehen muß. “Dabei reichte ste Melu sine bie9 -and „(Eben erst ist er fort, der arme Professor, und letzt schon o schlechte Nachrede. Welchen Trost soll sich unser Freund Stechlin dar- aus schöpfen? Er wird denken, heute dir, morgen mir. ,Du sollst in allem recht haben, Armgard, nur nicht in diesem letzten. Schließlich weiß doch jeder, was er gilt, ob er geliebt wird oder nicht, vorausgesetzt daß er ein Gentleman und nicht ein Gigerl ist. Aber Gentleman? Da hab ich wieder die Einhakeöse für England. Das Schon- heitskapitel ist erledigt, war ohnehin nur Kaprize. Don all dem andern aber das schließlich doch wichtiger ist, wissen wir noch immer so gut wie nichts. Wie war es im Tower? Und hab ich recht behalten mit Trai- ^^Nur^in einem Punkt, Gräfin, in Ihrem Mißtrauen gegen meine Bllantaste Die versagte da total, wenn es nicht doch vielleicht an der Sache selbst, also an 'Traitors-Gate, gelegen hat. Denn an einer anderen Stelle könnt ich mich meiner Phantasie beinah beruhmen und am meisten da, wo (wie mir übrigens nur zu begreiflich) auch Sie persönlich mit so viel Borliebe verweilt haben." „Und welche Stelle war bas?" „Waltham-Abbey." „Waltham-Abbey. Aber baoon weih ich ja gar nichts. Waltham- Abbey kenn ich nicht, kaum bem Namen nach.“ Und doch weiß ich bestimmt, daß mir Ihr -err Papa gerade am Mbenb vor meiner Abreise sagte: Has muß Melusine wissen; die weiß ja dort überall Bescheid^und kennt, glaub ich, Waltham-Abbey besser als Treptow ober Stralau ." , , ,, ; I v (Fortsetzung folgt.) .... Euiacius Malerproseffor. Er wird über Kunst sprechen; bitte, I auch ungewollt, immer was Provozierendes hatte „Bm , 1° neß er s g) vernehmen „durch Gräfin Melusine ganz auf bem laufenden. Aborbnuna, England, Windsor. Ich habe Sie beneidet, -err Rittmeister. Eine j schone Reise. id) intimeren Dingen, beispülsweise der mglischen Kunst, nicht das richtige Maß von Aufmerk- sanikeü widmen k getröften dürfen. Was ich persönlich an solcher Reise jedem beneiden möchte, das sind ausschließlich d.e großer'Gesamteindrücke der -os und die Lords, die die Geschichte des Landes bedeuten All bas war auch mir bie -auptsache, musst es sein. Aber ich hatte mirfi dem ohneradjtet auch gern um Künstlerisches gekümmert, speziell umMalerisches. So zum Beispiel um die Schule der Präraffaeliten. „Ein überwundener Standpunkt Einige waren ba beren Auftreten QU* von uns (ich spreche von den Künstlern meiner Richtung) Mit Aufmerksamkeit und selbst mit Achtung verfolgt wurde. So beispielsweise b e r. Sehr wahr. Ich erinnere mich feines bedeutendsten Bildes, bas" leider nach Amerika hin verkauft wurde. Wenn ich nicht irre, zu jaci°us"nickü. ^„Mutmaßlich das vielgefeierte .Angelusbild, was Ihnen oorschwebt, -err Rittmeister, eine von Händlern heraufgepuffte Marktware für die Sie glücklicherweise den englischen Millais, will allo sagen den ,a i s“-Millais, nicht verantwortlich machen dürfen. Der Millet der für eine, wie Sie schon bemerkten, lächerlich hohe Summe nach Amerika hin verkauft wurde, war ein t“-Millet, Vollblutpariser oder wenigstens Franzose." Woldemar geriet über die Verwechslung in eine kleine Verlegenheit, bie Damen mit ihm, alles sehr zur Erbauung des Professors dessen rasch wachsendes Ueberlegenheitsgesühl unter dem Eir^ruck dieses Fauxpas immer neue Blüten übermütiger Laune tT'eb h"3™ uhr'9pen verziehen", fuhr er, immer leuchtender werdend, fort, „wenn ich mein Urteil über beide kurz dahin zufammensafse: ,fie sind einander wert, und die zwei großen Kulturvölker mögen sich darüber stre, en wer oon Ijnen am meisten genasführt wurde. Der französische Millet ist eine Null e n Zwerg, neben dem der englische vergleichsweise zum Riesen anwachst, wohlverstanden vergleichsweise^ Trotzdem, wie mir gestattet sein mag zu wiederholen, war er zu Beginn seiner Laufbahn ein Gegenstand unsrer hiesigen Aufmerksamkeit. Und mit Recht. Denn das Prarafsaeliten- tum als dessen Begründer und Vertreter ich ihn ansthe, trug damals einen Zukunstskeim in sich; eine große Revolution Wen sich anbahnen zu wollen, jene große Revolution, die Rückkehr, heißt. Oder wenn sie wollen .Reaktion“. Man hat vor solchen Wörtern nicht zu erschrecken. singen so viel und musizieren so viel und malen so viel. Und haben "^.stüirileichtz Aber davon dürsen Sie jetzt nicht sprechen. Bloß das eine: ^°"^hön?'Nu?denn mein“. Alles wirkt wie tot. Urti) was wie tot wirkt wenn es nicht der Tod selbst ist, ist nicht schon. Im übrigen, ich fehe daß ich nur noch zehn Minuten habe. Wie gerne wäre ich an einer Stelle geblieben, wo man so vielem Verständnis und Entgegenkommen beqegnri. -err von Stechlin, ich erlaube mir. Ihnen morgen eine Rad'e- runa9 nach einem Bilde des richtigen engli chen Millais zu fchlcken. Draaomrkafem- -allesches Tor, - ich weiß. Üebermorgen laß ich die Mavve wieder abholen. Name des Bildes: ,Sir Jsumbras. Merkwürdige Schöpfung. Schade, daß er, der Vater des Prärasaelitentums dabei nicht oushielt Aber nicht zu verwundern. Nichts halt jetzt aus, und mit nächstem werden wir die Berühmtheiten nach Tagen Zahlen. Trzian entzückte noch mit hundert Jahren, wer jetzt furch Jahre gemalt ha, ist altes Eisen Gnädigste Gräfin, Komteffe Armgard ...Darf ich bitten, mich meinem Gönner, Ihrem -errn Vater, dem Grafen, angelegentllchst Sehnsucht. Von I. W. oon Goethe. Was zieht mir das Herze so? Was zieht mich hinaus? Und windet und schraubt mich Aus Zimmer und Haus? Wie dort sich die Wolken Um Felsen verziehnl Da möcht' ich hinüber, Da möcht' ich wohl hin! Nun wiegt sich der Raben Geselliger Flug; Ich mische mich drunter Und folge dem Zug. Und Berg und Gemäuer Umsittichen wir; Sie weilet da drunten, Ich spähe nach ihr. Da kommt sie und wandelt: Ich eile so bald, Ein singender Vogel, gum buschichten Wald. ie weilet und horchet Und lächelt mit sich: „Er singet so lieblich Und singt es an mich." Die scheidende Sonne Vergüldet die Höh'n: Die sinnende Schöne, Sie läßt es geschehn. Sie wandelt am Bache Die Wiesen entlang. Und finster und finstrer Umschlingt sich der Gang. Auf einmal erschein ich, Ein blinkender Stern. „Was glänzet da droben. So nah und so fern?" Und hast du mit Staunen Das Leuchten erblickt: Ich lieg dir zu Füßen, Da bin ich beglückt! Knut Hamsun. Ein großer Dichter und ein Freund unseres Volkes. Von Hanns Arens. lieber Knut Hamsun schreiben, heißt von großer europäischer Dichtung sprechen. Wer es unternimmt, muß voller Ehrfurcht und Kindhaf- tigkeit sein, lieber Knut Hamsun schreiben, heißt aber auch von einem Menschen sprechen, einem Manne von europäischer Bedeutung, dessen Name überall in Zuneigung und Verehrung genannt wird. Berufene werden sein Werk würdigen, von seiner Stellung innerhalb der Weltliteratur aussagen. Wir, die Leser, wir wollen ihm zuerst und in erster Linie unseren Dank sagen, von der Freude sprechen, die er uns durch sein Werk bereitet hat. Knut Hamsun, der eigentlich Knut Petersen heißt, ist am t 4. August 1889 zu Lom in Norwegen geboren. Den Namen Hamsun nahm der Dichter in späteren Jahren an, zur Zeit seiner ersten Veröffentlichungen. Sem Vater besaß einen kleinen Hof an der Bucht Hamsund; nach der er sich nannte. Hamsun erlebte eine wenig freundliche Jugend, wie wir aus Erinnerungen von ihm wissen. Bis zu seinem 16. Ledensiahr wuchs er bet einem Onkel, einem Pfarrer, auf, um dann in die Lehre zu einem kleinen Schuster nach dem Fischerdorf Bodö zu kommen, wo er aber nicht sehr lange blieb. Bezeichnend für Hamsun ist eine Stelle aus /'ner frühen Aufzeichnung aus der Kinderzeit: „So streng wie mein Onkel mich melt, wurde es nach und nach meine einzige Freude, mich zu verstecken und allein zu sein; bekam ich ein seltenes Mal eine Freistunde, so begab ich mich in den tiefen Wald, oder ich ging aus den Kirchhof hinauf, träumte, dachte und redete laut mit mir selbst." Unruhig und unstet, wie Hamsun von früher Jugend an mar, trieb er sich jahrelang in seiner Heimat umher; er war Wegearbeiter, Holzfäller, Steinbrecher, wohl alle Berufe hat , er durchlaufen Und da er gesund war und kräftig, ging er bald als Heizer auf einen Ozeandampfer, um so nach Amerika zu kommen, wohin es ihn von^Sugenb an machte trieb. Nach einem Jahr kehrt er zurück und zwar nach Christ,ama so um 1886; aber schon ein Jahr später fährt er abermals über das große Wasser. Auch hier erprobt er sich in den verAiedenartigsten Berufen und Gelegenheitsarbeiten: er wird Feldarbeiter, Strahenbahnschaffner, Schlafwagenkontrolleur. Vier Jahre lang lebt er so em Leben voller Entbehrung und ewiger Unruhe. Reisen nach Rußland, Frankreich und Kaukasus schließen sich an. Es waren nie „Vergnügungsfahrten". O, nein, alle diese Berufe und Reisen hat Hamsun gewählt, um das wahrhafte Geben von aller। Seiten kennenzulernen, um Menschen und Welt nicht aus der Bogelperspeltive zu schauen, sondern mitten im Getümmel wollte er stehen, ohne Sehnu Retusche der Welt ins Gesicht sehen. Da wollte er s-'n, wo sich das wechseloolle und grausame Leben abrollt, dunkles und Helles, trübes und freundliches. In einem Brief Hamsuns aus dieser Zeit lesen wir dies« Zeilen, die uns einen Einblick geben, in seine damaligen Lebensoerhält- nisse, die nur selten von freundlichen Lichtern erhellt wurden: „Ich habe bei den Dankee-Farmern gearbeitet; sie waren ungefähr ebenso reich wie ich, der eine von ihnen konnte mich nicht bezahlen, als ich fortging. 1885 veröffentlicht er einen Teil feines in Christiania begonnenen ersten Romans „H u n g e r", der dann 1890 in Buchform erscheint. „Es war in jener Zeit, als ich in Christiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verläßt, ehe er von ihr nicht gezeichnet worden ist", schreibt er von sich. Mit diesem ersten Buch tritt Hamsun als vollkommen Unbekannter in die Literatur ein, um fortan zu den modernen nordischen Schriftstellern zu zählen. Seit diesem aufwühlenden und erregenden Buch sind in rastloser Arbeit viele Romane entstanden, in denen Hamsun sich Schritt für Schritt den Weg zu seinem Heimatvolk bahnte, die aber darüber hinaus eine ungeheure Wirkung auf die ganze europäische Literatur ausstrahlten. Wenn wir heute den Namen Hamsun nennen, so sagen wir zugleich, daß er der größte lebende Dichter der Gegenwart ist. Mitten im Weltkriege, 1917, veröffentlicht Hamsun fein Buch „Segen der E r d e", für das er den Nobelpreis erhielt. Wer kennt dieses herrliche Buch nicht? Wer las noch nicht seine „Viktor, a", feinen „P a n", seine „Weiber am Brunnen"? Es hat keinen Sinn, die Titel seiner Bücher hier aufzuzählen Alle seine Bücher, auch das unscheinbarste, gehören zu uns, jetzt und für alle Zeit. Vor allem bei uns in Deutschland sanden seine Bucher begeisterte Aufnahme und große Verbreitung. Die uns Deutschen wesensverwandte nordische Lebenshaltung und Lebensführung sand in uns lebhaften Widerhall und Nachklang. Wir fühlen uns Hamsun auch noch aus einem anderen Grunde dankbar verbunden, durch seine eindeutige Haltung unserem politischen Wollen gegenüber. Hamsun steht als Freund zur deutschen Sache mit seinem klaren und mannhaften Bekenntnis, das er auch dann laut und unmißverständlich der Welt sagt, wenn sein eigenes Volk gegen ihn stimmen zu müssen glaubt. Wir wollen hier einen Brief anführen, den Hamsun zu Anfang des Jahres 1933 schrieb: „Deutschland hat jetzt Gegenwind von der Welt, aber es kreuzt tapfer weiter und wird schon den Hafen erreichen. Ich schicke meine Kinder, eines nach dem anderen nach Deutschland. Sie haben dort jahrelang em Zuhause, sind dort in guter Obhut und kommen als gereifte Menschen zurück. Norwegische Kinder sollen in mehr als einem Sinne bei diesem redlichen und überlegen tüchtigen deutschen Volk in die Schule gehen. Es wird der Tag kommen, da große und kleine Nationen ihren Ton gegenüber diesem Reich in der Mitte ändern werden. Jeder Nacht folgt ein Tag." Wir Deutsche kennen und lieben das Werk Hamsuns. Es vergehen nicht viele Wochen eines Jahres, an denen wir nicht zu feinen Buchern greifen, und fei es nur, um eine einzige Seite darin zu lesen. Erst vor kurzem schenkte uns der greife Dichter, dessen Ruhm von Jahr zu Jahr größer wirds ein neues Buch, „Der Ring schließt sich • Eine merkwürdige Erregung bemächtigt sich dessen, der diesen Dichter vom Grund« her verehrt: er schiebt die Lektüre eines neuen Hamsun-Buches bewußt um ein paar Tage hinaus, um so die innere Spannung noch zu erhöhen. Nicht immer ist die rechte Zeit zum Beginnen; aber bann kommt die Stunde — da lieft er die erste Zeile, den ersten Satz, um tn den dann folgenden Stunden das Buch nicht mehr aus der Hand zu legen, bis das letzte Wort gelesen ist. So erging es uns jetzt mit dem neuen Buch, so war es auch bei Nach Jahr und Tag", und so wird es immer sein. Was soll man über Hamsuns Bücher kritisch schreiben? Nein, Freunde, es soll hier kein Werk analysiert werden, das nur genossen sein will! Hinter dem ties- finnigen Humor feiner Bücher steht der Mensch Knut Hamsun mit der ganzen Weite feines Gefühls und seines Geistes, der uns immer wieder ergreift und zutiefst gefangen nimmt. Es ist wohl die große Naturverbundenheit Hamsuns, feine Giebejum Wald zur Erde, zu Halm und Strauch und zu den Tieren. Seine Kmd- haftigkeit und Reinheit und immer wieder die fast tierhafte Liebe zur Natur überhaupt. So wie er im „Pan" feinen Thomas Glahn sprechen Während ich aß, tag ich auf dem trockenen Boden. Es war still über der Erde nur ein mildes Sausen des Windes und ab und zu ein Vogellaut. Ich lag und sah auf die Hefte, die sachte im Luftzug wehten, der kleine Wind 'schaffte das seine und trug Blütenstaub von Zweig zu ■Otoeig und füllte jede unschuldige Narbe; der ganze Wald stand ,n Verzückung. Eine grüne Raupe, ein Spanner, wandert auf ihren Enden einen Zweig entlang, wandert unaufhörlich, als könnte sie nicht verweilen. Sie siebt fast nichts, obwohl sie Augen hat, oft stellt sie sich senkrecht empor und fühlt in die Luft, um etwas zu treffen; sie sieht aus wie ein Stück grünen Fadens, der mit langsamen Stichen einen Saum den Ast entlangnäht. Bis zum Abend ist sie vielleicht dorthin gekommen, wohin sie will. Immer still. Ich erhebe mich und gehe, setze mich und erhebe mich wieder. Es ist ungefähr vier Uhr; wenn es sechs Uhr wird, gehe ich heimzu und sehe, ob ich jemand treffe. Ich habe zwei Stunden, und ich bin schon etwas unruhig und bürste Heidekraut und Moos von meinen Kleidern. Ich kenne die Stellen, an denen ich vorbeikomme, Baume und Steine stehen dort wie vorher in der Einsamkeit, das Laub raschelt unter meinen Füßen Das eintönige Sausen und die bekannten Bäume und Steine find zuviel für mich, ich werde von einer seltsamen Dankbarkeit erfüllt, alles läßt sich mit mir ein, vermischt sich mit mir, ich hebe alles. Ich hebe einen dürren Zweig auf und halte ihn in der Hand und sehe ihn an, während ich dort sitze und an meine Dinge denke. Der Zweig ist fast verfault, feine armselige Rinde macht Eindruck auf mich, ein Mitleid wandert durch mein Herz. Und wie ich mich erhebe und gehe, werfe ich den Zweig nicht weit weg, sondern lege ihn nieder und stehe und finde Gefallen an ihm; zum Schluß sehe ich ihn ein letztesmal mit nassen Augen an, bevor ich ihn dort zurücklasse." Das Mädchen an den Mai. Von Eduard Mörike. Es ist doch im April fürwahr Der Frühling weder halb noch gar; Komm, Rosenbringer, süßer Mai, Komm du herbei. So weiß ich, was der Frühling sei! Wie aber? Soll die erste Gartenpracht, Narzissen, Primeln, Hyazinthen, Die kaum die hellen Augen aufgemacht, Schon welken und verschwinden? Und mit euch besonders, holde Veilchen, Wär' es dann fürs ganze Jahr vorbei? Lieber, lieber Mai, Ach, so warte noch ein kleines Weilchen! Die Pfahlhütte. Eine Jugenderinnerung von Selma Lagerlöf. Die Pfahlhütte hatte zwei Stockwerke, von denen das obere viel sorgfältiger eingerichtet war als das untere. Dort hatten die Bauern seinerzeit ihr kostbarstes Eigentum verwahrt. Vermutlich sah die Pfahlhütte zu Leutnant Lagerlöfs Zett noch gbnz so aus, wie sie zu allererst gewesen war. Das äußere Dach war vielleicht erneuert worden, im übrigen aber war alles beim alten geblieben. Auch an der Treppe war nichts geändert worden, obwohl die Stufen so dicht auseinander lagen, daß man keinen Fuß dazwischen setzen konnte, auch kam nie eine einzige Glasscheibe in die Fensterluken. Im Herbst sah das Innere sehr stattlich aus. Im unteren Stockwerk standen große Kasten voll frisch gemahlenen Mehls, daneben Mei werte Kufen, bis zum Rande gefüllt mit Rind- und Schweinefleischstücken, die in einer Salzlake lagen. Reben diefen standen beieinander Bottiche und Eimer mit Würsten aller Art und Gattung, so wie sie beim Herbstschlachtfest zubereitet worden waren. Ganz hinten in der Ecke befand sich eine Heringstonne, ein Fäßchen mit gesalzenen Felchen, ost sogar mit Lachsstücken, außerdem noch Fässer mit eingesalzenen Bohnen, eingesalzenem Spinat und Behälter mit grünen 'und gelben Erbsen. Im oberen Stockwerk standen große Butterfässer, die im Sommer gefüllt und für den Winter verwahrt wurden. Auf Regalen über den Luken lagen lange Reihen Käse, an der Decke hingen geräucherte Schinken vom vorigen Jahre. Der selbstgebaute Hopfen wurde in Säcken, die dick wie ein Federbett strotzten, und wieder in andern das gemälzte Korn aufbewahrt. Ein^ ganzer Jahresvorrat war hier angehäuft. Hier im Vorratshause herrschte die Haushälterin. Das Vorratshaus war ihre Domäne, und der Schlüssel dazu kam selten aus ihrer Hand. Mamsell Lovisa Lagerlöf konnte in der Speisekammer schatten und walten, aber in das Vorratshaus ging die Haushälterin am liebsten selber. Ebenso herrschte die Haushälterin auch über die Zubereitung der eigentlichen Mahlzeiten in der Küche. Saft einkochen, Heringe einlegen und kleine Kuchen backen, das mochte ja Mamsell Lovisa tun; aber wenn es einen Braten zu schmoren, einen Käse anzufertigen oder Hartbrot zu backen gab, dann übernahm die Haushälterin die Oberleitung. Die Kinder in Märbacka hegten eine große Liebe und ein unbegrenztes Vertrauen zu ihr. Es fehlte nicht viel, daß sie sie für die wichtigste Person auf dem ganzen Hose hielten. Sie sahen ja auch immer, daß alle Verwandten, die auf Besuch kamen, sofort in die Küche gingen, um die Haushälterin zu begrüßen, und wenn irgendein wichtiges Familienereignis eintvaf, so rief Leutnant Lagerlöf sie herein und besprach es mit ihr. Und wenn Daniel und Johann nach Neujahr oder Ostern wieder in ihre Schule zurückreisten, bekamen sie strenge Anweisung, sich auch von der Haushälterin zu verabschieden. Die Kinder hörten auch alle Gäste sagen, es sei für Frau Lagerlöf das größte Glück, eine so treue Dienerin in der Küche zu haben. Urner ihren Händen verkomme nicht das geringste. Außerdem bekam man nirgends solches Winterbier, solches Hartbrot oder so vorzüglich zubereitete Speisen wie auf Märbacka, und das war . ganz ajlein das Verdienst der alten Haushälterin, das wußten alle miteinander. So war es nicht zu verwundern, daß die Kinder sie für den Grundpfeiler hielten, auf dem alles ruhe. Sie glaubten steif und fest, ohne die Haushälterin würde auf Märbacka alles drunter und drüber gehen. Aber eines Tages war die kleine Anna Lagerlöf hinter ein Geheimnis gekommen, das sie ganz entsetztes Sie konnte es auch nicht allein tragen, sondern mußte es gleich ihrer Schwester Selma anverttauen: sie hatte eines von den Mädchen sagen hören, die Haushälterin sei verheiratet und habe einen Mann. Die beiden kleinen Mädchen befanden sich in unglaublicher Aufregung. Wenn die Haushälterin verheiratet war und einen Mann hatte, dann war es ja gar nicht sicher, ob man sie für immer auf Märbacka festhalten könnte. Und was sollte dann aus ihrer Mama werden, die jetzt eine so gute Hilfe an ihr hatte? Wie würde es ihnen ftlber gehen, ihnen, den Kindern, denen sie einen Leckerbissen zusteckte, so oft sie in die Küche kamen? Und wie sollte der ganze Hof weiterbestehen ohne die Haushälterin? Die beiden kleinen Mädchen mußten unbedingt ergründen, wie die Sache sich eigentlich verhielt. So beschlossen sie, die Kinder-Maja, ihr neues Kindermädchen, zu fragen, ob es denn wirklich möglich fein könne, daß die Haushälterin verheiratet fei. Ja, die Kinder-Maja wußte die ganze Geschichte. Sie hatte ihre Mutter davon erzählen hören, die gerade zu der Zeit, als sich die Sache abspielte, auf Märbacka diente. Das ganze aber war so zugegangen: Als Leutnant Lagerlöf und ein Bruder nach Karlstadt zur Schule gingen, hatte die alte Frau Lagerlöf ihre treue Haushälterin Maja Perstochter mit ihnen geschickt. Sie sollte für die Jungen sorgen und kochen; aber dort hatte Ma,a Perstochter den Schreiner kennengelernt, und er hatte um sie geworben. Und die Mutter der Kinder-Maja hatte gesagt, in dem Frühling, als die Haushälterin heimgekommen sei und berichtet habe, daß sie heiraten wolle, da sei die alte Herrin tief bekümmert und entsetzt gewesen, denn darüber habe sie sich nicht täuschen können, daß sie mit der Haushälterin ihren größten Schatz verliere. „Und was ist es denn für ein mann, den du heiraten willst, Maja?" hatte sie gefragt. „Weißt du auch, ob er ein braver Mensch ist?" Ja, dessen sei sie sicher. Er sei Schreinermeister mit einer eigenen Werkstatt und eigenem Anwesen. Alles bei ihm sei in bester Ordnung, ie könnten jeden Augenblick heiraten, und einen besseren Mann könne ie gar nicht bekommen. „Aber wie wirst du es aushalten, wenn du jahraus, jahrein in den kahlen Straßen einer Stadt sitzen sollst, du, die ihr Leben lang auf dem Lande gewohnt hast?" fragte Frau Lagerlöf. O, davor war der Haushälterin gar nicht bange. Sie würde es ja wunderschön bekommen. Sie würde ein höchst bequemes Leben haben, brauchte nicht zu backen und nicht zu brauen, sondern nur auf den Markt zu gehen und alles einzukaufen, was sie für den Haushalt notig hatte. , , ,v ., Als Frau Lagerlöf Maja Perstochter so reden horte, wurde chr eines vollkommen klar: ihre Haushälterin war von der Heiratsluft erfaßt worden, und es blieb ihr selbst nichts andres übrig, als die Hochzeit zuzurüsten. Die Hochzeit sand auch auf Märbacka statt, der Bräutigam traf ein und sah aus We ein verständiger, tüchtiger Mann, und am Tage nach der Hochzeit fuhr er mit seiner Frau nach Karlstadt. Aber vierzehn Tage später, ja, vielleicht war es noch nicht einmal ganz so lange, hatte Frau Lagerlöf eines Abends eben die Schlüssel zum Vorratshause in die Hand genommen und ging hinaus, um Schinken zum Abendbrot abzuschneiden. Aber niemals konnte sie den Schlüssel in die Hand nehmen, ohne an Maja Perstochter zu denken und sich zu fragen, wie es ihr wohl gehen mochte. „Hätte ich sie doch nicht nach Karlstadt geschickt!" dachte sie. „Dann hätte ich noch meine gute Stütze und brauchte nicht zwanzigmal am Tage ins Vorratshaus zu laufen, wie ich es jetzt tun muß." Als sie eben in das Vorratshaus hineingehen wollte, warf sie noch einen Blick hinunter nach der Landstraße, denn die Aussicht dahin war damals noch frei. Und da blieb sie unbeweglich stehen, denn unter den Birken kam eine menschliche Gestalt dahergeschritten, die gerade so aussah wie Maja Perstochter, ihre treue Magd und Stütze von Kindesbeinen an, und der Dorratshausschlüssel fiel ihr aus der Hand. Je näher die Fremde kam, desto mehr schwanden alle Zweifel. Und als diefe vor sie hintrot und: „Guten Abend, gnädige Frau", sagte, mußte sie ja schließlich ihren Augen trauen. „Aber bist du es denn wirklich, Maja Perstochter?" fragte sie. „Was führt dich her? Haft du keinen guten Mann?" „Er trinkt den ganzen Tag", versetzte die Haushälterin. „Solmme wir nun verheiratet sind, ist er jeden Tag betrunken gewesen. Er trinkt den reinen Spiritus, den er zu seinem Handwerk braucht. Mit solch einem Schweinekerl kann ich nicht leben." „Aber du brauchtest ja nur auf den Markt zu gehen und emzu- Eaufen und keine Arbeit zu tun", sagte die alte Frau Lagerlöf. „Ich will für Sie arbeiten, gnädige Frau, und Sie auf Händen tragen/ wenn ich nur wiederkommen darf", beteuerte die Haushälterin. „Tag und Nacht hab ich mich nach Märbacka zurückgefehnt." „Komm herein, wir wollen mit dem Herrn Regimentsschreiber darüber reden", sagte die alte Herrin; sie freute sich so, daß ihr die hellen Tränen in den Augen standen. „Und wenn es Gottes Wille ist, so wollen wir uns in diesem Leben nie mehr trennen", fügte sie hinzu. Und so kam es auch. Die Haushälterin blieb auf Märbacka. Ihr Mann schien zu verstehen, daß es sich nicht lohnte, seine Frau zurück- zusordern. Er kam nie, sie zu holen, so konnte sie bleiben, wo sie war. Sie nahm ihren Trauring vom Finger und legte ihn in ihre Kleidertruhe, und dann wurde nie mehr über die Angelegenheit gesprochen. Die kleinen Töchter des Leutnants Lagerlöf hätten sich ja nun, nachdem sie dies gehört hatten, beruhigen können, aber sie ängstigten sich noch lange Zeit nachher. Solange der Schreiner noch lebte, könnte er doch eines schönen Tages aus den Gedanken kommen, seine Frau zurückzufordern. Und wenn sie am Vorratshaus standen, das die Aussicht auf die Landstraße hatte, erwarteten sie immer, ihn daherkommen zu sehen. Ja, und die Kinder-Maja hatte gesagt, wenn er käme und feine Frau zurückverlangte, müßte sie mit ihm gehen. Sie wußten nicht genau, wie alt die Haushälterin war. Sie selbst hatte ihr Geburtsjahr vergessen, und was im Kirchenbuche stand, soll nicht richtig gewesen sein. Sie war wohl über siebzig, aber der Schreiner hätte sie, ein so ausgezeichnetes Wesen, wie sie nun einmal war, doch immer noch zurückverlangen können. Und was sollte dann aus Märbacka werden? verantwortlich. Dr. HanS Tbvriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche UniversitätS-'Luch. und Steindruckerei. 2L Lange, Gieße».